Der Tag unserer Ankunft in Sydney hat begonnen

 

Der Tag, bevor wir in Sydney eintrafen, begann wie ein ganz normaler Tag, doch am Ende dieses Tages hatten wir bereits sechs Helikopter und ein Flugzeug gesichtet. An unserer Seite segelte nun die BIG WAVE RIDER. Meine ruhigen Segeltage waren offensichtlich beendet.

Als Wind und Wellen am Abend langsam nachließen und der graue Himmel aufklarte, konnte ich in weiter Ferne am Horizont ein gewaltiges Glimmern und ein paar kleine funkelnde Stadtlichter erkennen. Während die BIG WAVE RIDER Kreise um uns herum drehte, um nach Schiffen Ausschau zu halten, konnte ich ein paar Stunden schlafen. Den Großteil der Nacht aber verbrachte ich damit, mich von einer Seite auf die andere zu wälzen und der Musik aus dem Radio zu lauschen. Ich war noch nie so interessiert an Radiowerbung wie in dieser Nacht, und ich war begeistert, dass ich mich an einige Spots noch aus der Zeit vor meiner Abreise erinnerte.

Als es am Sonntagmorgen hell wurde, konnte ich in weiter Ferne einen dünnen Streifen Land erkennen und verbrachte den Morgen damit, mich ihm mit Aufkreuzen zu nähern. Der Wind nahm noch ein bisschen weiter ab, bis die Segelbedingungen nahezu perfekt waren. Während wir uns der Ziellinie näherten, kamen uns erst einige Boote und dann eine ganze Flotte entgegen. Was mich wirklich erstaunte, war der radikale Windrichtungswechsel, etwa zehn Seemeilen von Land entfernt. Das klingt vielleicht nicht nach einem entscheidenden Ereignis an einem Tag wie diesem, doch ich konnte zum ersten Mal wieder Land riechen. Der Wind fühlte sich plötzlich trocken und kalt wie an einem Wintermorgen an, während er von Land auf See wehte.

 

Unser Plan sah vor, dass wir die Sydney Heads um 11 Uhr passieren. Dann sollte die offizielle Fernsehübertragung beginnen. Der öffentliche Empfang und die Pressekonferenz würden nur wenig später stattfinden. Um 14 Uhr sollte alles vorbei sein.

Toller Plan! Nur lief der Zeitplan leider schon am Morgen aus dem Ruder. Die starken Winde hatten uns am Vortag weiter nach Norden gedrückt, als uns lieb war. Dazu kam, dass ich auch die Segelzeit bis zur Ziellinie falsch eingeschätzt hatte. Als mir klargeworden war, dass wir Sydney mit ein paar Stunden Verspätung erreichen würden, bekam ich wegen der vielen wartenden Menschen ein dickes schlechtes Gewissen. Und das, obwohl ich immer noch keine Ahnung hatte, wie viele es tatsächlich sein würden! Ich konnte nichts tun, um unser Tempo zu erhöhen! Ich trieb ELLA’S PINK LADY so sehr an, wie ich konnte, und absolvierte eine Wende nach der anderen, während uns immer mehr Boote umgaben. Ich hatte keine Ahnung von den Qualen, die mein Zuspätkommen im Hafen, in den Fernsehstudios und in der wartenden Menschenmenge auslöste.

Als wir uns der Ziellinie näherten, wurde der Pulk von Booten um uns herum und von Helikoptern über uns immer dichter. ELLA’S PINK LADY und ich fielen etwas ab und surften den Sydney Heads mit sechs Knoten sanft entgegen. Lautes Hupen, Geräusche, Stimmen und die vielen Gesichter der Menschen überwältigten mich. Nachdem ich so lange Zeit nur das einsame Meer gesehen hatte, erschien mir alles so laut und lebendig. Ich lächelte zwar begeistert, verspürte aber angesichts meiner Heimkehr auch ungeheure Erleichterung und weinte ein bisschen. Es waren Tränen des Glücks.

Als wir die Ziellinie gekreuzt und den Hafen von Sydney erreicht hatten, veränderte sich meine Stimmung von leicht hysterisch in leicht erstarrt. Bruce musste mich anschreien, damit ich das Vorsegel einrollte und Jesse Martin, Mike Perham und die Zollbeamten an Bord kommen konnten.

 

Es war toll, Jesse und Mike an Bord zu haben, während die Beamten meinen Pass abstempelten und ich mich mit frischem Essen vollstopfte, das man mir gereicht hatte. (Ich vergaß mich angesichts einer Dose mit Sprühsahne und huch … natürlich hatte mich genau in dem Moment eine Fernsehkamera live im Bild!)

Ich zog ein paar frische Sachen an, die meine Mutter und Emily für mich zusammengestellt hatten, absolvierte ein paar Liveinterviews, in denen ich wie eine Närrin plapperte und versuchte, den vielen Menschen um mich herum zurückzuwinken.

 

Als die »Man O War Steps« in Sicht kamen, konnte ich Mum, Dad, Tom, Hannah und Emily auf dem Steg stehen sehen. Ich platzte fast vor Sehnsucht danach, sie in die Arme zu schließen, doch als ich von Bord stieg und in ihre Arme fiel, mochte ich mich gleichzeitig kaum von ELLA’S PINK LADY trennen. Ich wollte mein mutiges kleines Schiff nicht einfach so zurücklassen.

Tom und Dad flankierten und stützten mich, während wir einen sehr langen pinkfarbenen Teppich entlanggingen. Es war eine unglaubliche Willkommensfeier, und ich war zutiefst berührt, dass sich so viele Menschen für meine Leistung interessierten. Ich verließ den pinkfarbenen Teppich und kletterte ein paar Stufen hinauf auf die Bühne, von der ich auf ein Meer von Menschen blickte. Die Aussicht auf das Opernhaus im Hintergrund und den endlosen blauen Himmel über uns raubte mir fast den Atem. Ich wurde von der Journalistin und Channel-Ten-Nachrichtensprecherin Sandra Sully begrüßt, und bevor ich überhaupt nachdenken konnte, standen schon Premierminister Kevin Rudd und New South Wales’ Premierministerin Kristina Keneally neben mir. Beide hielten eine kurze Rede. Ihr Zuspruch war wundervoll, doch nur ein Wort blieb mir wirklich im Gedächtnis haften. Sandra stellte mir dann ein paar Fragen, bevor sie alles noch einmal zusammenfasste. Zum ersten Mal, seit ich die Bühne betreten hatte, begann mein Herz zu rasen. Da war dieses Wort … Der Premierminister hatte mich »Heldin« genannt, und ich sah mich genötigt, dazu etwas zu sagen. Doch angesichts der vielen tausend Menschen da unten, die mich ansahen, war ich nicht sicher, ob ich überhaupt auch nur ein einziges Wort herausbringen könnte! Es wäre ganz leicht gewesen, einfach nur zu lächeln, noch einmal zu winken und dann von der Bühne zu steigen. In mir rangen zwei Stimmen um die Vorherrschaft. Aber es war meine einzige Chance, und so bat ich Sandra, selbst ein paar Worte sagen zu dürfen.

Ich hatte mir am Tag zuvor an Bord von ELLA’S PINK LADY in aller Stille überlegt, welche Botschaften ich vermitteln wollte, und ein paar Notizen für den Fall gemacht, dass ich etwas sagen würde. Ich wollte mit den Menschen teilen, was mich dazu inspiriert hatte, die Welt herauszufordern.

Mit Unterstützung der Menge holte ich tief Luft und sagte, dass ich dem Premierminister widersprechen müsste. (Ich bemerkte nicht, dass diese Worte bei meinen Eltern fast Herzanfälle auslösten. Sie wussten ja nicht, was ich sagen wollte, und hatten Angst, ich würde einen meiner leidenschaftlichen Appelle zur Senkung der Altersgrenze für Wahlberechtigte anstimmen!)

Ich sagte Herrn Rudd, dass ich keine Heldin sei, sondern nur ein ganz normales Mädchen, das an einen Traum geglaubt hat. Ich hoffe, dass ich weder vorlaut noch undankbar geklungen habe. Ich habe diese Worte nur deshalb gesagt, weil ich daran glaube, dass man kein besonderer Mensch sein muss, um besondere Taten zu vollbringen. Ich war doch keine Heldin!

Anschließend erzählte ich noch ein wenig darüber, wie Träume wahr werden können. Meiner ist es geworden! Wie man mit harter Arbeit und Entschlossenheit einfach alles erreichen kann. Dann war es vorbei.

 

Zwischen den Interviews und Pressekonferenzen (irgendjemand drückte mir zwischendurch ein ungeheuer großes Nutella-Glas in die Hände) hatte ich ein paar Sekunden Zeit mit meiner Familie und guten Freunden. Ich konnte nicht aufhören, ihre Gesichter zu studieren und alles in mich aufzunehmen.

Endlich fuhren wir in unsere Unterkunft in Manley, wo wir unser Wiedersehen in aller Ruhe feierten. Es war wundervoll, endlich wieder von meiner Familie und meinen Freunden umgeben zu sein. Es kam mir vor, als wäre seit unserem letzten Treffen kaum Zeit vergangen.

Bei uns waren auch Jesse und Mike, David Dicks, Jon Sanders (der den Rekord für die meisten Nonstop-Solo-Weltumseglungen in Folge hält – drei!) und Brian Caldwell (der erste Mensch unter 21 Jahren, der die Welt allein umrundet hat). Es war unglaublich, alle diese Einhandsegler in einem Raum versammelt zu sehen und nun einer von ihnen zu sein!

Um 21 Uhr beendeten wir den Abend, und ich zog mich mit den Jüngeren in unser Apartment zurück. Emily hat mir das so lange herbeigesehnte heiße Bad eingelassen, doch danach konnte ich nicht mehr schlafen. Ich machte einen Spaziergang am Strand. Obwohl ich strikte Anweisungen erhalten hatte, das Apartment nicht zu verlassen, schleppte ich die anderen zu einem Eis und einem Mitternachtsspaziergang am Strand mit. (Ich bin und bleibe eben ein rebellischer Teenager!) Vielleicht war Spaziergang nicht ganz der richtige Ausdruck, denn wir rannten eher, jagten Seemöwen und lieferten uns ein paar kleine Wasserschlachten. Schließlich krabbelte ich aber doch in mein warmes, trockenes und nicht schwankendes Bett und schlief.

 

Alle kümmerten sich rührend um mich, hatten sich bereits gedacht, dass ich ein paar ruhige Tage benötigen würde, und stellten sicher, dass ich einige Tage lang keine Termine wahrzunehmen hatte. Ich weiß, dass ich im Januar gebeten hatte, keine Pläne für mich zu machen, weil ich mehrere Wochen lang schlafen wollte. Doch inzwischen hatte ich meine Meinung geändert. An diesem ersten Morgen habe ich alle wahnsinnig gemacht (tut mir leid, Pam!), indem ich buchstäblich die Wände hochging. Es gab so viel zu sehen und zu tun. Ich konnte einfach nicht im Apartment sitzen und mich entspannen! Es war unglaublich, dass ich mein Ziel erreicht und die Welt umrundet hatte. Trotzdem fühlte ich mich nun irgendwie ruhelos. Ich habe für dieses Projekt über viele Jahre gearbeitet, und deswegen ist es vermutlich keine Überraschung, dass ich mich nun an seinem Ende etwas seltsam fühlte.

Ich habe so viele Karten, Geschenke und Briefe bekommen, und es hat mir wirklich Spaß gemacht herauszufinden, wie ELLA’S PINK LADY und ich die Menschen dazu inspiriert haben, Dinge zu tun, an die sie sich zuvor nicht gewagt hatten. Ich glaube, dass ich bis zu unserer Ankunft im Hafen von Sydney nicht kapiert hatte, wie viele Menschen unsere Reise tatsächlich begleitet hatten. Es ist ein unglaubliches Gefühl zu wissen, dass ich so viele Menschen auf die ein oder andere Art und Weise berührt habe.

Das Interesse der Medien habe ich nach meiner Ankunft als bizarr empfunden. Es gab Fotografen, die uns anfangs einfach überallhin folgten, doch meine Familie ließ sie nicht allzu nah an mich herankommen. Ich habe in der ersten Woche viele lange Spaziergänge unternommen, war Einkaufen (Hilfe – aber ich liebe meine drei Lederjacken!) und war auf drei Geburtstagspartys (erst auf meiner eigenen, dann auf Toms und schließlich auf der meines Vaters).

Ich war sehr dankbar für die vielen schönen Ausflugsmöglichkeiten, die man mir anbot. Ich ging in Oceanworld in Manley mit Haien tauchen, und Layne Beachley gab mir Surfstunden in Manley. (Wie cool ist es wohl, von einer siebenmaligen Weltmeisterin unterrichtet zu werden?) Ich habe auch eine der großen Manley-Fähren durch den Hafen von Sydney gesteuert und bin auf die Sydney Harbour Brücke geklettert. Es war einfach fantastisch! Ich konnte nicht stillsitzen, weil es so viel zu tun gab!

Nach ein paar Wochen in Sydney jedoch juckte es mir in den Fingern, endlich wieder aufs Wasser zu gehen. Viele Menschen waren überrascht darüber, dass ich ELLA’S PINK LADY die Küste hochsegeln wollte. Aber natürlich wollte ich das! Ich konnte es gar nicht erwarten, wieder segeln zu gehen, und hatte immer noch das Gefühl, dass ich die Sache richtig zu Ende bringen müsste. Denn es war ja die Sunshine Coast, an der für mich alles begonnen hatte.

 

ELLA’S PINK LADY und die BIG WAVE RIDER liefen am Sonntag, dem 30. Mai, gemeinsam zu ihrem 430 Seemeilen langen Törn aus. Bruce, Murray, Tom, Mike und ich wollten die Küste zusammen absegeln und dabei immer ein wenig hin- und hertauschen. Es war etwas merkwürdig, wieder an Bord von ELLA’S PINK LADY zu sein. Ich musste mich wieder an ihre Bewegungen und die Geräusche gewöhnen. Noch länger dauerte es, mich daran zu gewöhnen, dass ich nun mit einer Crew unterwegs war. ELLA’S PINK LADY hat nicht gerade ein großes Cockpit. Also bekam man während der Manöver ab und zu einen Ellbogen ins Gesicht, bis wir die Abläufe besser im Griff hatten. Vor der Ostküste lauerte ein Tiefdrucksystem. Es ging für ein paar Tage etwas nass und wild zu, aber das Schlimmste war bereits an uns vorübergezogen. Während wir unterwegs waren, wurde Lennox Head von einem Tornado heimgesucht. Er hat in einem kleinen Teil der Stadt großen Schaden angerichtet und ein Dutzend Menschen verletzt. Deswegen hatten auch wir ein paar Anrufer, die sich nach unserem Befinden erkundigten und wissen wollten, ob wir in der Gegend seien.

Wir legten kurze Stopps in Port Stephens, Trial Bay, Yamba, Peel Island und Tangalooma auf Moreton Island ein. Wo immer wir anhielten, winkten oder nickten mir die Menschen zu. In Tangalooma empfingen sie uns in einer Ferienanlage sogar fast königlich (Dinner, heiße Dusche, Delfine füttern). In Yamba machten wir zum Tanken und zum Essen fest. Das war perfektes Timing, denn Kay Cottee war gerade dort, um an ihrem Boot zu arbeiten. Ich war wie elektrisiert, sie endlich persönlich zu treffen.

 

Es machte riesigen Spaß, in den Nächten dieser letzten Etappe Gesellschaft zu haben, denn wir gingen am Abend immer längsseits der BIG WAVE RIDER. Als wir Queensland erreicht hatten und wieder in heimatlichen Gewässern segelten, kam die Sonne heraus, und wir verbrachten eine tolle Zeit, als wir durch die Moreton-Bucht motorten. Es war das Revier, auf dem ich Segeln gelernt hatte. Ich konnte gar nicht fassen, wie klein die Mündung wirkte. In meiner Erinnerung war sie riesig! Damals erschien sie mir wie eine beängstigend große offene See. Jetzt konnte ich kaum mehr glauben, dass sie mich je nervös gemacht hatte.

Die ganze Zeit über hatte ich gedacht, dass meine Heimkehr nach Mooloolaba keine große emotionale Sache mehr sein würde. Okay, ich war schon begeistert, als ich die Umrisse der Glass House Mountains im brillanten rosafarbenen Sonnenaufgang entdeckte. Und, ja, ich war sehr aufgeregt, als uns eine Flotte Boote entgegenkam. Da waren so viele bekannte Gesichter an Bord der Boote zu entdecken, die sich langsam um uns herum versammelten. Doch das überwältigende Gefühl der Heimkehr übermannte mich erst, als wir in die kleine Bucht direkt vor dem Hafen in Mooloolaba einbogen. Ich war wirklich und wahrhaftig zu Hause! Bis dahin hatte ich vor allem viel gelacht und den Jungs dabei zugeschaut, wie sie mir von Bord der BIG WAVE RIDER Muffins und Pfannkuchen zuwarfen. Ich glaube, dass weder die Polizei noch unsere Eskorte von ihrem kindischen Verhalten besonders beeindruckt waren. Ich jedoch war definitiv nicht glücklich mit dem Chaos an Bord von ELLA’S PINK LADY!

 

Im Gegensatz zu unserer etwas verspäteten Ankunft in Sydney waren wir dieses Mal zu früh dran. Wir segelten den Strand nur unter einem winzigen Vorsegel entlang, um etwas langsamer zu werden. Von Land aus winkten uns die Leute zu. Dann nahmen wir Kurs auf die Hafeneinfahrt. Es war ein umwerfender Augenblick. In Sydney hatte ich mich vor allem mit der Tatsache beschäftigt, dass ich es wirklich geschafft hatte. Dass ich wirklich einmal um die Welt gesegelt war. Seitdem hatte ich erst ganz langsam begonnen zu realisieren, wie viele Menschen meine Reise bewegt hat. Erst hier in meiner Heimatstadt wurde mir das ganze Ausmaß klar. Dass so viele Menschen gekommen waren, um ELLA’S PINK LADY und mich zu begrüßen, haute mich um. Ich saß an Deck. Tom hatte seinen Arm um mich gelegt. Ich weinte ein wenig, während die Ereignisse auf mich einprasselten. Ich konnte nicht glauben, dass ich endlich wieder in der wunderschönen Bucht war, von der ich so lange geträumt hatte. Es war noch viel besser als in meinen Träumen.

Nach dem Festmachen am Steg fand eine offizielle Begrüßungszeremonie statt. Es wurden Reden gehalten, und ich hatte auch die Gelegenheit, einigen Freunden und Helfern Hallo zu sagen, bevor wir uns auf den Weg zu unserem Haus machten. Wir waren dort erst kurz vor meiner Abreise eingezogen. Also hatte ich zu dem Haus kaum eine persönliche Bindung. Es kam mir merkwürdig vor, wie sich alle dort ohne mich eingerichtet hatten. Ich war fast ein bisschen eifersüchtig. Es zeigte mir mehr als alles andere, wie die Zeit vergangen war.

 

Als ich zu Hause war, bekam ich auch einen Eindruck davon, was meine Familie und mein Team in meiner Abwesenheit durchgemacht hatten. Als wir in den Nachrichten hörten, dass Abby Sunderland auf dem 41. Breitengrad in den Brüllenden Vierzigern ihre beiden Notfallsender aktiviert hatte, wussten wir, dass sie und WILD EYES in der Klemme sitzen. Danach hörte man zwölf Stunden nichts von ihr. Als meine Mutter mich um 6 Uhr morgens mit diesen Nachrichten geweckt hatte, konnte ich nicht mehr einschlafen. Den ganzen Tag über wartete ich nervös auf Neuigkeiten – ein Zustand, der mich schier wahnsinnig gemacht hat, und ich vermag mir nur vorzustellen, wie sich ihre Familie gefühlt haben muss. Ich habe immer daran geglaubt, dass Abby es schaffen würde. Aber es ist egal, wie erfahren man ist (und sie ist sehr erfahren!) – das Meer ist ein unbarmherziger und wilder Ort. Wir waren unglaublich erleichtert, als wir hörten, dass eine vom Australischen Such- und Rettungsdienst gecharterte Qantas-Maschine Sicht-und Funkkontakt mit Abby hergestellt hatte. Es stellte sich heraus, dass ihr Mast in 75 Knoten Wind und riesigen Wellenbergen gebrochen war, ihr Kommunikationssystem wurde dabei gleich mit zerstört.

Jetzt, da ich selbst zu Hause war und nicht wusste, was da draußen passierte, bekam ich einen Eindruck davon, wie es meinen Eltern ergangen sein musste. Sie hatten einen riesigen Schreck bekommen, als mein Notfallsender sich damals bei einer unserer Kenterungen selbst aktiviert hatte. Und noch einen Schreck, als eine meiner vorvereinbarten E-Mails nicht durchgegangen war und sie mehr als einen Tag lang nichts von mir gehört hatten. Mir ging es gut, aber sie hatten Angst. Ich habe ihr Geschenk plötzlich noch viel mehr geschätzt. Sie haben ihre Tochter in sehr großem Format träumen lassen.

 

Ich habe immer darüber nachgedacht und mich gefragt, ob ich von meiner Reise wohl als anderer Mensch zurückkehren würde. Nun, ich bin immer noch ich selbst. Aber ich habe mich ganz sicher verändert. (Meine Mutter sagt, ich hätte mich nicht verändert, und es würde nur daran liegen, dass die Welt mich momentan durch ein anderes Licht betrachten würde.) Ich hätte mir aber gar keine Sorgen machen müssen, denn meine Freunde und meine Familie behandelten mich wie immer.

Was also ist anders geworden? Ich beginne mit dem Offensichtlichen: meinen Schlafgewohnheiten. Die haben sich auf jeden Fall verändert. Und das nicht zum Guten. Nach sieben Monaten unterbrochenen Schlafes auf See und nun fast schon zwei Monaten zurück an Land kämpfe ich immer noch um Normalität. Um euch ein Bild meiner chaotischen Angewohnheiten zu geben: Ich schreibe diese Passage gerade um 2 Uhr morgens, weil ich hellwach bin.

Dann ist da noch die Tatsache, dass ich mir selbst nichts mehr zu beweisen habe. Ich habe mich in der Vergangenheit immer wieder gefragt, ob ich zäh genug wäre, tatsächlich um die Welt zu segeln. Diese Frage habe ich beantwortet. Das hat mich entspannt. Aber vielleicht ist entspannt gar nicht das richtige Wort? Denn wenn ihr die Leute fragt, die mich gut kennen, dann werden sie euch sagen, dass ich nicht einmal stillgesessen habe, seit ich von ELLA’S PINK LADY runtergestiegen bin. Ich bin vielleicht auch selbstbewusster geworden? Oder so ähnlich … Selbstsicherer möglicherweise.

Aber doch, es gibt auch eine richtig große Veränderung! Ich bin zur Kreisch- und Kicherliese mutiert. Vor einem Jahr noch hätte ich unter einem Schwall eiskaltem Wasser keinen Laut von mir gegeben. Aber jetzt …!

Da ich gerade in dieser grüblerischen Stimmung bin, könnte ich auch gleich versuchen, die so überaus beängstigende Frage zu beantworten, was ich aus 210 Tagen auf See gelernt habe. Da gab es ein paar kleine Geschichten, die mit der Auswahl der Ausrüstung zu tun hatten (allerdings erstaunlich wenige!). Doch wenn ich alles auf einen Punkt bringen müsste, dann wäre es dieser: Ich habe gelernt, weder das Leben noch mich selbst zu ernst zu nehmen. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Spaß zu haben! (Mir ist schon klar, dass das keine sehr originelle Antwort ist!)

 

Seit ich wieder zu Hause bin, haben sich mir einige aufregende Perspektiven geboten. Ich werde andauernd gefragt, was ich als Nächstes tun werde. Dieses Buch zu schreiben und abzuschließen war ein Abenteuer für sich! Es war eine intensive Erfahrung, die Reise und die Jahre der Vorbereitung so gründlich zu reflektieren. Ich kann gar nicht fassen, was wir alles gemacht und was wir alles erduldet haben, um überhaupt die Startlinie zu erreichen. In all den Jahren habe ich mir nicht ein einziges Mal die Fragen gestellt, ob es das wert ist und warum ich uns all dem aussetze.

Ich habe es damals nicht wirklich begriffen, aber es ist eine unglaubliche Sache, sich so sehr auf ein Ziel fokussieren zu können, dass einem kein Aufwand zu groß erscheint und man es niemals infrage stellt. Ich habe auch realisiert, wie viel Glück ich hatte, von Leuten umgeben zu sein, die so dachten wie ich. Und Eltern zu haben, die an mich glauben und mich ermutigen.

Nun, da ich das Buch abgeschlossen habe, werde ich etwas mehr Zeit für mich haben. Ich freue mich darauf, endlich meinen Führerschein zu machen. Und ich freue mich auf neue, schnellere und abenteuerliche Segel- und Regatta-Herausforderungen. An dieser Stelle möchte ich Sir Edmund Hillary zitieren: »Wenn man einmal da war, möchte man nur noch zurück!« Ich freue mich mehr als auf alles andere darauf, meine Reise und meine Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen. Insbesondere mit jungen Menschen. Nachdem so viele meiner eigenen Träume wahr geworden sind, weiß ich, wie viel Glück ich hatte. Mich haben so viele Leute unterstützt, dass ich jetzt gern etwas davon zurückgeben möchte.

 

Ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert, dass ich im Pazifik diese tolle Sternschnuppe gesehen habe. Damals hatte ich einen Wunsch. Wahrscheinlich habt ihr alle vermutet, dass ich mir Erfolg für meine Reise um die Welt gewünscht habe. Aber das stimmt nicht. Mein Wunsch hatte nichts mit mir zu tun. (Leider hält mich mein Aberglaube immer noch davon ab, euch zu erzählen, was ich mir tatsächlich gewünscht habe). Für mich selbst gab es gar nichts zu wünschen. Ich wusste, dass ich mir alle meine Wünsche mit harter Arbeit selbst erfüllen könnte. Wie heißt es noch in dem Song »Airplanes« von B.O.B.? Braucht da nicht auch jemand unbedingt einen freien Wunsch? Ich liebe diesen Song, aber ich brauche keinen freien Wunsch. Ich habe die Fähigkeit zu träumen; das ist alles, was jeder braucht, um seine Wünsche wahr werden zu lassen. Du brauchst keine Helden. Du kannst alles selbst erreichen, was du dir wünschst!

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