- Jessica Watson
- SOLO mit PINK LADY - MIT 16 DIE WELT EROBERT
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Sechster Abschnitt:
Im Südpolarmeer und nach Hause
Dienstag, 2. März 2010
Die Zeit vergeht wie im Flug, und wir laufen nach Norden
Die Zeit vergeht im Moment auf sehr seltsame Art: Sie scheint in größeren Brocken vorbeizufliegen, um sich dann wieder in die Länge zu ziehen. Aber ob schnell oder langsam, ich genieße immer noch jede Minute! Momentan herrschen perfekte Segelbedingungen mit 20 Knoten Wind und Sonnenschein. Das Leben an Bord ist wie immer. Es sind weiter die kleinen Dinge, die mich glücklich machen. So sehr ich mich darauf freue, so sehr wird meine Heimkehr vermutlich ein Schock sein, weil ich hier draußen in meinem ganz eigenen Rhythmus lebe.
Inzwischen ist noch etwas Aufregendes passiert (zumindest meiner Meinung nach!). Wir sind endlich auf die Karte des Indischen Ozeans gesegelt, auf deren äußerster Ecke Australien zu sehen ist. Es sieht so schrecklich weit entfernt aus! Und gleichzeitig scheint es so nah. Auf unserem Weg in den unteren Teil des Indischen Ozeans werden wir eine überraschend große Anzahl Inseln passieren. Ich hatte keine Ahnung, dass es da unten mehr als nur die endlosen Wellen geben würde.
Ich mache Schluss, um ein paar Dinge umzustauen und etwas aufzuräumen. Wie immer sieht die Kajüte nach einigen schönen Segeltagen etwas wild aus. Aber eine leicht bedrohliche Wettervorhersage ist ein wesentlich effektiveres Aufräumsignal, als es meine Mutter je geben könnte!
Freitag, 5. März 2010
Kleinigkeiten des Alltags
In den letzten paar Tagen hatten wir von allem etwas. Das Wetter hatte sich gar nicht so schlimm entwickelt, aber es wurde doch für eine Weile ungemütlich, als ELLA’S PINK LADY in hohen Wellen (etwa fünf Meter oder etwas mehr) auf Raumschots-Kurs segelte. Jetzt ist wieder alles ruhig, sonnig, und wir bewegen uns langsamer, aber auch mühevoller.
Es klingt vielleicht etwas merkwürdig, und die meisten Menschen denken, es wäre genau andersherum, aber leichte Winde bedeuten für Segler oft mehr Arbeit. Wenn die Winde flau sind, dann sind sie oft auch sehr drehend. Dadurch ergeben sich viele Kurswechsel, die wiederum kontinuierlichen Segeltrimm erfordern, der das Boot vorantreibt. Wenn schweres Wetter herrscht, dann segelt ELLA’S PINK LADY einfach nur kraftvoll voran und braucht meine Aufmerksamkeit kaum. Wenn die Bedingungen aber schwierig und schaukelig sind, dann verwandeln sich die kleinsten Aufgaben an Bord in millionenfach schwierigere Herausforderungen. Oft kuschle ich mich dann zwischen den wirklich unaufschiebbaren Pflichten (wie essen!) lieber in meinen Schlafsack und lese ein Buch. Schon das simple Öffnen einer Dose kann dazu führen, das sich der Inhalt über den gesamten Fußboden ergießt. Deswegen finde ich es oftmals am besten, einfach nur irgendwo sicher zu sitzen und so wenig wie möglich zu tun!
Da es momentan gerade nichts Besonderes oder Aufregendes zu berichten gibt, wollte ich euch eigentlich ein wenig detaillierter von meinem Bordalltag erzählen. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger gut schien mir die Idee. Denn es gibt gar keine richtige Bordroutine zu beschreiben. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie den täglich vereinbarten Telefonaten, gibt es keine gleich bleibenden Gewohnheiten in meinem Leben auf See. Merkwürdige Schlafgewohnheiten, komische Launen, essen, wenn der Hunger kommt, und vor allem das wechselhafte Wetter führen dazu, dass kein Tag hier draußen einem anderen gleicht.
An manchen Tagen bin ich total motiviert und kümmere mich voller Energie um Wartung und Pflege der Ausrüstung. An anderen schaue ich kaum von dem Buch auf, das ich gerade lese. Manchmal bin ich sehr gesprächig, führe eine Menge Telefonate und verbringe viel Zeit mit dem Versenden von E-Mails. Dann gibt es wieder Phasen, in denen kaum jemand von mir hört. An einem Tag schlafe ich viel, am nächsten so gut wie gar nicht. Manchmal habe ich Lust zum Kochen, manchmal überlebe ich nur mit Dosensuppen und Keksen. Nicht einmal täglich in mein Tagebuch schreibe ich! Alle paar Tage dann hole ich das nach und schreibe ganze Romane. Ihr dürft mich ruhig ein wenig sprunghaft nennen! Vor allem aber hat das Wetter das letzte Wort und Vorrang vor allen anderen Dingen.
Das war also die Beschreibung meiner Tage. Ich bin immer noch bester Dinge und liebe mein Leben hier draußen. Gestern habe ich mir selbst zu heftigem Heimweh und Sehnsucht nach festem Boden unter den Füßen verholfen, weil ich mir alte Fotos angeschaut habe. Es ist nicht so, dass mich die Wellen, die Vögel und der Himmel jemals langweilen. Aber manchmal sehne ich mich einfach nach einem neuen Anblick!
Eine der häufigsten Fragen der Leute war stets, was ich da draußen mit meinem Müll machte. Die Antwort ist simpel: Er würde mit mir heimkehren. Jedes Mal, wenn ich eine der Provianttaschen mit Müll vollstopfte, trampelte ich am Ende ein paar Mal (je nach Wetter) darauf herum, klebte sie zu und verstaute sie entweder in der Backskiste oder im Vorschiff. Müll von 210 Tagen klingt nach viel, aber es waren gar nicht solche Mengen. Denn als meine Mutter meinen Proviant zusammenstellte, hat sie alle überflüssigen Umverpackungen entfernt. Ich konnte nicht fassen, was für ein Berg die weggeworfenen Verpackungen produzierten. Der Anblick ließ mich darüber nachdenken, wie viel Überflüssiges wir mit den meisten Dingen bekommen, die wir kaufen.
Ich habe auf unserer Reise einiges Plastik und auch Müll an uns vorbeischwimmen sehen. Aber es war nicht viel, denn wir segelten ja ziemlich weit südlich. Der berühmte Segler und Umweltschützer Ian Kiernan war entsetzt darüber, wie viel Müll er im Meer treiben sah, als er 1986/87 an der Solo-Weltregatta BOC-Challenge teilnahm. Als er heimkehrte, entschied er sich, für einen Wandel einzutreten. Gemeinsam mit Freunden gründete er eine Arbeitsgemeinschaft, die 1989 den »Clean Up Sydney Harbour Day« organisierte. Es wurde ein Riesenerfolg. Mehr als 40 000 Menschen kamen, um zu helfen. Von dem Tag an wuchs die Idee zu einer großen Bewegung heran. Der erste »Clean Up Australia Day« fand 1990 statt. 300 000 Menschen beteiligten sich. Ian Kiernan hat bewiesen, was ein Mensch und die Kraft eines Volkes bewirken können. Seine Idee entwickelte sich zu einem jährlich wiederkehrenden Nationalereignis und inzwischen auch zu einer weltweiten Kampagne. Laut www.cleanup.org.au beteiligen sich jedes Jahr etwa 35 Millionen Menschen in 120 Ländern von Mikronesien bis Indien im asiatisch-pazifischen Raum, von Argentinien bis Venezuela in Südamerika, von der Türkei bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten im westlichen Asien, von Aruba bis Simbabwe in Afrika, von Griechenland bis Polen in Europa und in den USA und Kanada an der Aktion. Große Dinge entstehen oft aus kleinen Ideen!
Montag, 8. März 2010
Sanftes Segeln
Gestern war wieder ein perfekter Segeltag! Wir freuten uns über 15 Knoten Wind, tolle Geschwindigkeiten, einen heiteren Himmel und einen schönen Sonnenuntergang zum Ausklang. Noch besser: Heute geht es so weiter, und die Wettervorhersage verspricht auch für die kommenden Tage gute Bedingungen, während sich das Hochdrucksystem über uns langsam fortbewegen wird. Angesichts der Geschwindigkeiten, mit denen sich ELLA’S PINK LADY zuletzt vorwärtsbewegt hat, bin ich nicht die Einzige, die sich darüber freuen würde, endlich mehr Meilen in Richtung Osten zu machen. Die Temperatur beträgt liebliche 25 Grad in der Sonne. Ich kann wieder ein Top tragen und streife mir lediglich nachts noch einen Pulli über. Ich fühle mich wie verwöhnt!
Alles läuft momentan glatt. Na ja, nicht ganz. Die Toilette macht mir etwas Kummer. Obwohl ich den gestrigen Nachmittag damit verbracht habe, verschiedene Rohre abzumontieren und sie zu ersetzen, verweigert sie immer noch den Dienst. Ich bin etwas ratlos, denn die Toilette ist nicht gerade das komplizierteste Hightechteil bei uns an Bord. Der Job ist auch nicht der glamouröseste oder angenehmste. Ich muss es trotzdem weiter versuchen!
Heute habe ich mir neue Bettwäsche und Handtücher gegönnt. Das klingt vielleicht wenig aufregend, doch was mich wirklich begeistert hat, war der Duft der frischen Wäsche, der mir entgegenschlug, als ich die Plastikhülle aufgeschnitten habe. Das hat mich daran erinnert, wie wenige verschiedene Gerüche es hier draußen gibt. Fast alles riecht nach frischer und salziger Meeresluft. Ich vermute, dass die vielen verschiedenen Gerüche mir sehr auffallen werden, wenn ich wieder zu Hause bin.
Nun noch zu einem ganz anderen Thema: Ich habe in den vergangenen Tagen mit meinem Team in Australien intensiv über den Titel für mein Buch nachgedacht. Ursprünglich wollten wir es »Around the World« nennen, doch das erschien uns nicht ganz passend. Einen Titel zu finden, der perfekt passt und den wir alle mögen, erweist sich gerade als echte Herausforderung. Also fragen wir uns, ob ihr nicht ein paar Vorschläge für uns habt, denn wir müssen uns langsam entscheiden. Ich würde mich riesig freuen, von euch zu hören, wenn ihr gute Ideen habt!
Gestern war »Clean Up Australia Day«. Ich hoffe, dass er gut verlaufen ist. Ich konnte hier draußen nicht viel dazu beitragen, aber ich habe mich beim Aufräumen in der Kajüte besonders angestrengt!
Nach meinem Aufruf im Netz habe ich unglaublich viele Titelvorschläge von den Bloggern erhalten – ein fantastisches Feedback! Trotzdem fiel mir die Auswahl schwer. Ich wusste nicht so genau, was ich wollte. Auch meine Familie und meine Freunde hatten mir schon massenweise Vorschläge gemacht, aber nichts davon hat mich direkt angesprungen. »Fearless Spirit« war ein Vorschlag, den alle gut fanden. Da ich aber vieles, nur nicht furchtlos bin, musste ich ihn ablehnen. Natürlich hatte ich Ängste. Auch diese Botschaft wollte ich während meiner Reise vermitteln: Es ist ganz normal, Ängste zu haben. Wichtig ist, sie in den Griff zu bekommen. Man muss sicherstellen, dass die Ängste einen nicht davon abhalten, Dinge auszuprobieren und sich selbst anzutreiben. Es ist völlig falsch anzunehmen, dass ich furchtlos bin. Ich wollte keinesfalls, dass die Leute mich als eine Art Adrenalinjunkie sehen. Darum ging es auf dieser Reise nicht. Als man mir alternativ den Titel »True Spirit« vorschlug, mochte ich den zunächst auch nicht. Für mich klang es nach Prahlerei, mich als gutes Beispiel für »wahren Geist« darzustellen. Aber mir ging es dann wie Jesse Martin, der seinen Buchtitel »Lionheart« auch zunächst hasste. »True Spirit« (Schlussendlich der Originaltitel von Jessica Watsons Buch) wuchs mir ans Herz. Ich wollte einen starken und inspirierenden Titel und hatte selbst keine bessere Idee. Jetzt bin ich froh, dass ich ihn nicht abgelehnt habe. Ich würde die Worte »True Spirit« zwar nie benutzen, um mich selbst zu beschreiben, aber zu meiner Reise passen sie tatsächlich großartig.
Donnerstag, 11. März 2010
Sonnenschein, Sonnenuntergänge und Sterne
Zunächst einmal vielen Dank für all die guten Titelideen. Das war ein eindrucksvolles Echo und hat uns viel Stoff zum Nachdenken, aber auch zum Lachen gegeben! Nochmals danke!
ELLA’S PINK LADY hat in letzter Zeit wahrlich keine Geschwindigkeitsrekorde gebrochen, aber wir sind beständig vorangekommen. Gestern waren wir ziemlich langsam, aber heute geht es wieder besser. Der Sonnenschein und die ruhige See halten an. Wir haben es nicht allzu schwer. Nur wenn die Geschwindigkeitsanzeige unter drei Knoten rutscht, wird meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Es ist ja nicht so, dass ich fürchterlich in Eile wäre, denn ich verbringe hier draußen immer noch eine gute Zeit. Es erscheint mir nur wesentlich sinnvoller, mich dabei auch in eine Richtung vorwärts zu bewegen.
Der warme Sonnenschein, die wunderschönen Sonnenuntergänge in pink und unglaubliche Sternennächte machen mir gute Laune. Wenn wir jetzt noch Geschwindigkeit hinzufügen könnten, wäre ich ein überglückliches Mädchen!
Das Gute an diesen ruhigen Bedingungen ist allerdings, dass ich die vordere Luke endlich einmal offen lassen kann. Der Durchzug erzeugt erfrischende Wunder in der Kajüte und unterstützt meine Bemühungen, Moder und Feuchtigkeit unter Kontrolle zu halten.
Ihr würdet es mir nicht glauben, wenn ich euch erzähle, an was für unglaublichen Stellen ich kleine Schimmelflecken entdecke. Die Feuchtigkeit bahnt sich ihren Weg überall hin. Die Reißverschlüsse meiner Jeans sind längst korrodiert. Das ist schon ein wenig ärgerlich!
Endlich kann ich auch mit Zufriedenheit berichten, dass die Toilette wieder funktioniert. Das Problem bestand in winzigen kleinen Steinchen, die sich im Überdruckventil festgesetzt hatten.
Wenn ich einen Lieblingsteil meines Törns auswählen müsste, dann wäre es diese Woche. Es war die Woche, bevor ich krank vor Heimweh wurde. Sie hätte nicht schöner sein können. Glatte See, müheloses Segeln, warme sonnige Tage, atemberaubende Sonnenuntergänge und klare Nächte mit glitzerndem Sternenhimmel über uns haben mir tagelang gute Laune beschert. Es war meine längste Phase mit stabilem und angenehmem Wetter. Ich liebte jede Minute!
Nie wurde ich es müde, in den klaren Nächten die weit entfernten schimmernden Sterne zu beobachten, aber eines der erstaunlichsten Ereignisse sah ich während einer Sturmbö in einer Nacht im Pazifik.
ELLA’S PINK LADY und ich flogen durch die windige Nacht. Der leuchtende Vollmond über uns verschwand und erschien wieder hinter den dunklen Wolkenfeldern.
Es war eine dramatische Szenerie. Die Welt wurde heller und wieder dunkler. Dann lugte der Mond noch ein wenig weiter hervor, und ich sah einen silbrig glänzenden mehrfarbigen Regenbogen. Ich musste ein paarmal blinzeln, um sicher zu sein, dass ich richtig sehe … einen Regenbogen mitten in der Nacht! Einen Mondbogen!
Es gab keinen Zweifel: Der Mond schien durch den Regenschauer und verursachte dadurch den perfekten Farbenbogen. Nach meiner Rückkehr habe ich erfahren, dass ein Mondbogen ein anerkanntes Phänomen ist. Ich hatte früher schon Ringe um den Mond herum gesehen, aber noch niemals etwas so Schönes wie diesen Mondbogen.
Ich hatte nie Langeweile und hielt mich mit kleinen Jobs und Wartungsarbeiten über den Tag auf Trab. Wenn sich dann der Himmel langsam rosa verfärbte, ließ ich alles fallen und machte es mir im Cockpit mit einem Kissen und etwas zu Knabbern gemütlich. Ich hatte einen Käsestick, ein Paket mit getrockneten Früchten oder eine Tafel Schokolade (oder vielleicht auch alles auf einmal) bei mir und schaute dem Himmel zu, wie er langsam seine Farben wechselte und dunkel wurde. Stundenlang saß ich so dort, sog alles in mich auf, schaute zu den Sternen hoch oder in die leuchtende Gischt von ELLA’S PINK LADYs Kielwasser.
Ich konnte mich darin verlieren, unsere Familienferien noch einmal zu durchleben: die Abenteuer mit Emily und meinen Freunden. Ich brachte mich selbst zum Lachen, wenn ich an lustige Bemerkungen dachte, die Tom oder Hannah gemacht hatten. Oder ich träumte von der Zukunft. In dieser Woche wusste ich mein Glück wirklich zu schätzen. Ich lebte meinen Traum und liebte mein einfaches Leben an Bord von ELLA’S PINK LADY. Ich habe eine großartige Familie, eine aufregende Zukunft und wusste, dass am Ende dieser Reise vieles auf mich warten würde, auf das ich mich freuen konnte. In dieser Woche aber war ich zufrieden damit, genau dort zu sein, wo ich war, und jede Sekunde zu genießen.
Sonntag, 14. März 2010
Immer noch ruhiges Wetter und Begleitung
Über das Wetter kann ich nicht viel Neues berichten. Es ist immer noch ruhig, warm und sonnig. Herrliche klare Tage werden von fantastischen Sonnenuntergängen abgelöst. Unsere Geschwindigkeiten gingen hoch und runter, manchmal flog ELLA’S PINK LADY über die glatte See, und manchmal lag sie einfach nur da und trieb im Schneckentempo vorwärts.
Gestern kam eine Schar »Groupies« zu Besuch. Einige Vögel haben den ganzen Tag damit verbracht, neben uns im Wasser zu landen, uns beim Segeln zuzuschauen und sich an uns vorbeitreiben zu lassen, um dann wieder abzuheben und in einem großen Bogen zu uns zurückzufliegen, wo sie erneut im Wasser landeten. Es könnte sein, dass die Faszination der Vögel mit den Crackern und dem Dosengemüse zu tun hatte, die ich ihnen zuwarf. (Ja, ich bin sehr zufrieden damit, endlich Abnehmer für das Gemüse zu finden!) Was auch immer es war, das sie beständig wieder zurückkommen ließ – es war nett, ein wenig Besuch zu haben.
Da wir gerade beim Thema Gesellschaft sind: Zum ersten Mal seit langer Zeit ist gestern mein AIS-Alarm losgegangen, der mich vor einem herannahenden Schiff warnte. Es sah so aus, als sollten unsere Kurslinien relativ nahe aneinander vorbeiführen. Da es ein wunderbar klarer Tag war, und ich ohnehin nicht schlief, war mir ein bisschen Aufregung ganz willkommen. Ich nahm die Wäsche runter, bürstete meine Haare und drehte die Musik in freudiger Erwartung leiser. Letztendlich war ich etwas enttäuscht, dass das Schiff uns so weit entfernt passierte, dass ich nicht einmal die Crew sehen konnte. Immerhin hatte ich über Funk eine nette Unterhaltung mit dem Wachhabenden geführt. Der erzählte mir, dass sie ebenfalls in Richtung Australien nach Port Kembla im Süden von Sydney unterwegs waren. Sie haben mir noch Glück gewünscht, bevor sie schnell wieder verschwanden.
Später schlief der Wind komplett ein, und die See wurde spiegelblank, während die Sonne unterging. Es war total spektakulär. Das Wasser war wie ein Spiegel, reflektierte erst das Pink der untergehenden Sonne und nach Einbruch der Dunkelheit die Sterne. Die Stille war erstaunlich. Es war einer dieser »Oh-mein-Gott-es-passiert-wirklich«-Momente. Aber ich konnte es nur noch eine Weile ansehen, bevor es mir etwas zu unheimlich wurde und ich die Musik wieder lauter drehte.
Später am Abend hatte ich noch ein Gespräch mit Seamus, dem Piloten eines Passagierflugzeuges, das dicht über uns hinwegflog. Ich hatte gehofft, die Maschine zu sehen, denn sie hatte alle Kabinenlichter eingeschaltet, doch am Ende führten unsere Kurse nicht nah genug aneinander vorbei.
Hier noch ein anderes Thema: Ich habe entdeckt, dass mein Bruder Tom sogar über eine Distanz von tausenden Seemeilen in der Mitte des Ozeans Mittel und Wege findet, mich aufzuregen. Zusätzlich zu den üblichen Scherzen, die auf alle meine Provianttaschen geschrieben standen (wenn ihr Toms Witze gelesen hättet, würdet ihr mich verstehen), entdeckte ich in dieser Woche, dass er einige der üblichen Leckereien durch gesalzene Pflaumen ersetzt hat. Er weiß genau, dass ich die nicht ausstehen kann! Meine folgende Mail-Beschwerde hat er mit wenig schönen Bildern von seiner kürzlich durchgeführten Zehenoperation beantwortet. Sind Brüder nicht einfach wundervoll? Ja, es gibt ganz definitiv einige Dinge, die ich hier draußen nicht vermisse!
Unsere Fortschritte auf der Karte vom Indischen Ozean sehen langsam ziemlich beeindruckend aus. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, doch die Tage und Seemeilen schwinden merklich. Auch für die kommenden Wochen erwarte ich gute Fortschritte, denn uns steht wieder lebendiges Wetter bevor.
Für heute möchte ich mich verabschieden, denn auf mich wartet Schokoladenpudding (natürlich mit Sahne und Vanillesoße!). Danach habe ich noch einige Jobs zu erledigen. Wie immer, bevor der Wind wieder zunimmt.
Mittwoch, 17. März 2010
Nicht wirklich gemütlich
Es sieht so aus, als wäre mein Anteil an Sonnenschein und Schönwettersegeln aufgebraucht. Ich glaube nicht, dass die aktuellen Bedingungen noch gegenteiliger sein könnten, als jene vor ein paar Tagen.
Es regnet in Strömen, die Wellen türmen sich in vier Metern Höhe auf, und der Wind weht in Böen mit bis zu 40 Knoten. Es ist nicht allzu dramatisch, aber wir segeln etwas höher am Wind als querab (etwa 80 Grad in Wind und Wellen hinein). Unsere Bewegungen sind alles andere als gemütlich, und das Boot krängt ziemlich stark.
Wenn ich durch den Dodger nach draußen schaue, riskiere ich eine beißende Ladung Regen und Gischt in meinem Gesicht. Diesen Blog hier zu schreiben gleicht einer akrobatischen Übung mehr als allem anderen, weil ich meine Beine fast schon um die Ohren geschlungen habe, um mich abzustützen und meine Hände zum Schreiben frei zu haben. Na ja, meine Beschreibungen lassen unsere Lage viel dramatischer erscheinen, als sie ist. ELLA’S PINK LADY hat die Bedingungen mit drei Reffs im Großsegel und ihrem kleinen orangefarbenen Sturmsegel bestens im Griff und klettert die Wellen in bewährter Verlässlichkeit empor.
Das Wetter soll noch etwa sechs bis zwölf Stunden so bleiben, bevor es sich wieder beruhigt. Damit habe ich reichlich Zeit, in der Koje zu liegen und mein Buch zu Ende zu lesen.
Es ist komisch, aber wenn Bob mir eine Wettervorhersage mit unerfreulichen Aussichten schickt, werde ich immer noch leicht nervös. Befinden wir uns dann gut vorbereitet, mittendrin im Sturm, bin ich »so glücklich wie Larry«. (Ich habe mich beim Nachdenken über diesen Spruch schon oft gefragt, wer Larry eigentlich war und warum er überhaupt so glücklich war?)
Dieses Mal brachte mich das Warten auf den zunehmenden Wind an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Denn gestern hatten wir einen fantastischen roten Sonnenaufgang. Und ihr wisst ja inzwischen, wie der Spruch geht: Roter Himmel am Morgen, Segler mach dir Sorgen!
Neben einigen typischen Teenager-Romanen habe ich mich in letzter Zeit auch mit Reiseliteratur beschäftigt. Vielleicht ist das gar keine so tolle Idee, denn die Liste der Orte, die ich unbedingt sehen möchte, wird auf diese Weise immer länger und länger! Mir ist auch ein Führerscheinbuch in die Hände gefallen. Ich habe versucht, mir einige Verkehrsschilder einzuprägen. Nicht, dass die hier draußen irgendeine Relevanz hätten, aber ich möchte nach meiner Rückkehr möglichst schnell die Fahrprüfung absolvieren.
Während ich hier eingekuschelt in der Koje liege, möchte ich nicht versäumen, Shaun Quincey zu gratulieren. Shaun ist gestern mit dem Ruderboot aus Australien in Neuseeland angekommen. Ich hatte es ja gestern schon gesagt: Manchmal hinke ich den Nachrichten etwas hinterher. Immer, wenn ich an Shauns Reise dachte, stellte ich fest, wie luxuriös mein Leben an Bord von ELLA’S PINK LADY ist!
Am 14. März 2010 wurde der 25-jährige Neuseeländer Shaun Quincey der erste Mensch, der allein von Australien nach Neuseeland gerudert ist. Das Abenteurergen hat er vermutlich geerbt: Sein Vater Colin hatte die Strecke 35 Jahre zuvor andersherum im Ruderboot absolviert. Shaun hat 54 Tage auf See verbracht, und ich las in seinem Blog, dass er 17 Kilogramm Gewicht verloren hat. An 22 von den insgesamt 54 Tagen trieb er rückwärts, vier Tage lang ruderte er nackt (meiner Meinung nach eine etwas überbewertete Tatsache) und sein Lieblingsbesucher war ein Grindwal. – Was hat es bloß mit diesen nackt segelnden oder rudernden Jungs auf sich? Auch Jesse Martin hat berichtet, dass er LIONHEART in wärmeren Temperaturen nackt segelte. Was, bitteschön, ist so falsch an Kleidung?
Donnerstag, 18. März 2010
Ein bisschen von allem
Als ich heute die Karte genauer studierte, habe ich einen Schreck bekommen: Wir sind fast schon über den halben Indischen Ozean gesegelt! Alles läuft seit Kap Agulhas in Südafrika nach Plan!
Ich erinnere mich trotzdem immer wieder selbst daran, dass es noch ein langer Weg ist. Gleichzeitig freue ich mich darüber, dass wir so sichtbar gut vorankommen. Auf dem Bildschirm des Kartenplotters kann ich immer mehr vertraute Umrisse Australiens erkennen, während sich ELLA’S PINK LADY langsam annähert.
Das Wetter hat sich seit Dienstag beruhigt. Nach einer kurzen Flaute hat sich der Wind nun bei angenehm beständigen 20 Knoten aus Nordwest eingepegelt. Es ist immer etwas frustrierend, wenn der Wind direkt nach einem Sturm einschläft, denn normalerweise bleibt der starke Schwell noch eine Weile erhalten. Der Versuch, uns bei wenig Wind in hohen Wellen in die richtige Richtung zu manövrieren, bringt in der Regel viele Schlafstörungen mit sich.
Heute habe ich über Satellitentelefon mit Captain Nick von der QUEEN MARY II gesprochen. Sie fuhren auf ihrer Route von Perth nach Mauritius nördlich an ELLA’S PINK LADY vorbei. Nick bestellte mir Grüße von allen australischen Passagieren und ließ mich dann mit etwas Sehnsucht nach all den Annehmlichkeiten an Bord des Luxusliners zurück.
Mike Perhams Buch über seine Reise trägt den Titel »Sailing the Dream«. Es wurde heute in Großbritannien und in den USA vorgestellt. Ich zählte zu den glücklichen Leuten, die eine der finalen Fassungen zur Vorablektüre bekamen (ich habe das ganze Ding binnen weniger Stunden durchgelesen und mich dann gleich wieder beschwert, dass ich nicht genügend Lesestoff hätte!). Ich kann euch bestätigen, dass dieses Buch sehr lesenswert ist!
Oh, ich habe gerade gehört, dass Jesse Martin für die Auszeichnung »Cleo’s Bachelor of the Year« in Australien nominiert worden ist. Also, ihr Mädels da draußen: Legt los, wir brauchen eure Stimmen!
Jessica Watsons
Video-Tagebuch – Tag 154
JW
Video diary Day 154.mp4
Montag, 22. März 2010
Segeln auf ELLA’S PINK LADY und die Inseln
Am Freitag kam eine weitere Front durch, die noch einmal 40 Knoten mitbrachte. Doch sie zog schnell vorbei. Nach vier Tagen mit bewölktem Himmel scheint heute wieder die Sonne, und wir segeln in angenehmen 15 Knoten Wind.
Da wir gut vorangekommen sind, nähern wir uns bereits den Inseln Amsterdam und Saint Paul. Ich drücke uns die Daumen, dass uns das gute Wetter erhalten bleibt und ich dicht an den Inseln vorbeisegeln und vielleicht sogar ein wenig von ihnen sehen kann.
Hier draußen läuft alles gut, abgesehen von einer tragischen Ausnahme: Der Süßigkeitenvorrat neigt sich dem Ende zu. Natürlich findet sich immer noch die ein oder andere Leckerei in den Provianttaschen, die ich alle zwei Wochen neu öffne. Aber meine zusätzlichen Vorräte, auf die ich oft zurückgreife, weil ich die leckeren Sachen aus den Provianttaschen meist schon in den ersten Tagen verschlinge, sind bis auf ein paar kleine einsame Tüten fast erschöpft. Wenn mir künftig also in der zweiten Woche der Sinn nach einer Extraportion Zucker steht, dann warten auf mich nur noch ein paar traurige Bonbontüten mit der Aufschrift »Goo-hearts«. Sie schmecken in etwa so, wie der Name es befürchten lässt!
Einige Leute haben mich darauf hingewiesen, dass ich selten über das Segeln selbst an Bord von ELLA’S PINK LADY berichte. Das liegt ganz einfach daran, dass es oftmals wenig zu berichten gibt. Weil sie ein schlichtes Rigg hat und wir auch nicht an einer Regatta, sondern eher an einem Marathon-Törn teilnehmen, ist sie einfach zu handhaben. Ich gebe euch ein Beispiel: Ich kann alle drei Reffs im Großsegel einbringen oder wieder rausnehmen (so verkleinere oder vergrößere ich die Segelfläche), ohne nach oben aufs Deck gehen zu müssen. Auch fast alles andere lässt sich aus dem Cockpit regeln. Ich habe beispielsweise die übervorsichtige Angewohnheit, die Sturmfock am inneren Vorstag hochzuziehen, wenn die Wettervorhersage schlecht ist. Ich kann sagen, dass ich meinen sicheren Platz im Cockpit in Bedingungen mit über 35 Knoten Wind nur ein einziges Mal verlassen habe. Und das in völlig undramatischer Weise – eine erstaunliche Bilanz.
Es tut mir leid, dass ich damit möglicherweise dramatische Vorstellungen von meinen heldenhaften Kämpfen mit den Segeln auf dem Vorschiff in Monsterseen und stürmischen Winden zerstöre. Doch auf dieser speziellen Reise geht es eher darum, die Risiken zu minimieren. Wichtiger sind gute Vorbereitung und Durchhaltevermögen (manchmal sehr lange!) als das Segeln auf des Messers Schneide. Das kommt später!
Da wir gerade über Risiken sprechen: Wir absolvieren zurzeit einen kleinen Zickzack-Kurs in Richtung Norden, um diversen Fronten auszuweichen. ELLA’S PINK LADY und ich segelten ziemlich genau auf dem 38. Breitengrad über den Indischen Ozean. Es war eine eher konservative Route, aber für uns waren Sicherheit und Komfort wichtiger als Geschwindigkeit. (Ihr wisst ja inzwischen, wie sehr ich Sonnenschein schätze!)
Es hat entgegen allen Spekulationen und sogar meinen eigenen leisen Zweifeln keinen einzigen Moment gegeben (bislang!), in dem ich mir gewünscht hätte, stärker zu sein. Ich würde gern sagen, dass dieser Umstand meinen Muskeln und meiner übermenschlichen Stärke zu verdanken ist, doch das ist traurigerweise nicht der Fall. Tatsächlich hätte es mit der Wahrheit rein gar nichts zu tun. Ich finde es deshalb so einfach, ELLA’S PINK LADY zu segeln, weil wir so viel Zeit und Mühe in ihren Umbau gesteckt haben und weil sie ist, was sie ist. Eine S&S 34 ist kein großes Boot. Ihr Design ist eher konservativ. Sie ist eben so (seufz!), wie man es ohne Superkräfte braucht!
Der Sonnenschein ist zurück und gibt mir die Möglichkeit, meine Anti-Schimmel-Maßnahmen fortzusetzen. Dieses Mal habe ich mir die Innenräume einiger Schränke und Kisten vorgenommen. Das war ein hübscher Spaß, denn ich habe dabei alle möglichen Dinge gefunden, die ich längst vergessen oder verloren geglaubt hatte. Mein schönster Fund war der iPod, den ich seit einiger Zeit vermisste. Es war, als hätte ich plötzlich 8 GB neue Musik bekommen!
Mittwoch, 24. März 2010
Ein bisschen Aufregung und ein Geräusch in der Nacht
Letzte Nacht herrschte ein wenig Aufregung an Bord, weil der Wind plötzlich auffrischte und seine Richtung dabei radikal änderte. Gerade noch war es eine ruhige sternenklare Nacht, und ELLA’S PINK LADY glitt unter vollen Segeln über das Meer. Plötzlich überraschte uns eine Bö mit 35 Knoten Wind. ELLA’S PINK LADY wurde auf die Seite geworfen und startete dann in die falsche Richtung durch. Es ist ja schon unter normalen Umständen wenig angenehm, um 2 Uhr morgens eine unfreiwillige kalte Dusche an Deck zu nehmen. Doch aufgrund der südlichen Winde waren Wind und Wellen ganz besonders eisig und unwillkommen.
Wir halsten, und ich ging wieder unter Deck, nachdem alles unter Kontrolle war. Dort hörte ich ein merkwürdiges elektrisches Geräusch. Es war die Art von Geräusch, die einen automatisch denken lässt: »Das klingt nicht gut!« Nach einigen verzweifelten Minuten, in denen ich auf der Suche nach der Ursache diverse Schränke leerte und mir dabei alle möglichen kritischen Schäden ausmalte, war ich sehr erleichtert: Eine kleine batteriebetriebene Vakuumverpackungsmaschine hatte sich selbst eingeschaltet. Ich habe herzlich über mich selbst gelacht!
Das Wetter blieb windig, und die von Schauerböen aufgewühlte See baute sich auf fünf Meter auf. Dadurch stand die Besichtigung der Insel Amsterdam bei unserer Annäherung nicht mehr besonders weit oben auf meiner Prioritätenliste. Wir passierten sie nachts mit einigem Abstand und ließen sie südlich liegen. Vielleicht kann ich sie mir beim nächsten Mal etwas genauer ansehen. Sowohl Amsterdam als auch Saint Paul haben eine bewegte Geschichte. Alle diese Inseln mitten im Nirgendwo scheinen irgendwie mit schiffbrüchigen Seeleuten in Verbindung zu stehen, die über Jahre auf ihnen überlebten, bevor sie von anderen Schiffen gefunden und gerettet wurden. Mit Saint Paul allerdings ist eine wirklich ungewöhnliche Geschichte verknüpft, die meine Aufmerksamkeit erregte: Ein Unternehmen hatte hier eine Hummerkonserven-Fabrikation aufgebaut und ging damit pleite. Sieben ihrer Arbeiter gerieten nach der Insolvenz auf der Insel in Vergessenheit. Als sich endlich jemand an diese armen Jungs erinnerte und sie drei Jahre später abholte, gab es nur noch zwei Überlebende. Stellt euch das mal vor: Man wird einfach auf einer Insel im Nirgendwo vergessen!
Wind und Wellen haben inzwischen wieder nachgelassen. Ich wünschte, wir hätten etwas mehr Wind, denn wir bewegen uns momentan nicht gerade flott voran. Ich muss mich also wieder in Geduld üben, bis der Wind zurückkommt. Apropos Wind: Es tat mir leid, von den Schäden zu hören, die der Wirbelsturm in der vergangenen Woche an der Küste von Queensland angerichtet hat. Ich hörte, dass er auch viele Boote in Airlie Beach getroffen und einige sogar zerstört hat.
Samstag, 27. März 2010
Seetang und Robben!
15 bis 20 Knoten Wind haben ELLA’S PINK LADY zuletzt besser vorankommen lassen. Doch jetzt ist der Wind wieder fast eingeschlafen. Und damit auch unser Fortkommen. Der hohe Seegang macht das Segeln ungemütlich und bringt ELLA’S PINK LADY immer wieder vom Kurs ab. Schon das grobe Steuern in östlicher Richtung verlangt von Parker ständige Korrekturen. Zum Glück haben wir in den vergangenen Tagen einige Meilen absolviert, die den heutigen schmerzhaften Segeltag mehr als ausgleichen.
Außerdem haben wir in den letzten Tagen auch einige Seealgenfelder durchquert. Solche Algenmengen habe ich seit den Falklandinseln nicht mehr gesehen.
Gestern habe ich gerade rechtzeitig aus dem Bullauge geschaut, um eine sehr merkwürdige Flosse in die Luft ragen zu sehen. Ich eilte an Deck und sah eine Seerobbe auf dem Rücken schwimmen, die eine ihrer Flossen in die Luft streckte (sorry, ich habe es nicht geschafft, sie zu fotografieren!). Es war die erste Seerobbe, die ich auf diesem Törn gesehen habe. Ich war ziemlich überrascht, sie so weit entfernt von Land zu treffen, muss aber zugeben, dass ich keine Ahnung davon habe, wo Seerobben gern abhängen …
Heute stand wieder einmal die Wartung des Motors auf dem Programm. Weil es aber gar nicht so viel zu warten gab, habe ich ihn nur gesäubert und dabei vor allem mich selbst hübsch eingefettet.
Es sind jetzt nur noch 1400 Seemeilen, bis wir die Gewässer unterhalb Australiens erreichen!
Dienstag, 30. März 2010
Wellenberge
Wir sind in den letzten Tagen sehr gut vorangekommen – aber nicht in Richtung Australien. Wir sind erneut weiter nach Norden gesegelt, um dem Zentrum einer Front auszuweichen, die uns passierte. Sie ist inzwischen an uns vorbeigezogen, hat uns aber unangenehme teilweise bis zu sieben Meter hohe Wellenberge beschert, mit denen wir immer noch zu kämpfen haben. ELLA’S PINK LADY kommt mit dem Seegang meist gut zurecht, doch die ein oder andere brechende Welle zerrt an meinen Nerven und sorgt für sehr bewegtes Segeln.
Als sich der Wind heute früh etwas beruhigt hat, konnte ich endlich ein paar Minuten schlafen. Ich muss sehr müde gewesen sein, denn ich verschlief sogar den ohrenbetäubenden Alarm und wachte erst eine Stunde später wieder auf, um zu entdecken, dass ELLA’S PINK LADY sich in den Wind gedreht hatte und vom Kurs abgekommen war. Eine der größeren Wellen muss den Flügel der Windsteueranlage zerbrochen haben. Parker konnte uns nicht mehr in die richtige Richtung steuern. Glücklicherweise habe ich immer noch genügend Ersatzteile dabei und konnte den Bruch schnell reparieren.
Meistens ist es kein Problem, genügend Schlaf zu finden, auch, wenn es nur kurze Phasen sind. Normalerweise wache ich mindestens einmal pro Stunde auf, um einen kurzen Blick auf die Instrumente zu werfen und alles schnell zu überprüfen. Doch wenn es stürmt, das Wetter unbeständig ist oder wir uns in Landnähe befinden, wird es manchmal schwer, den verlorenen Schlaf nachzuholen. Wenn ich übermüdet bin, merke ich es meist daran, dass ich einen dicken Hals bekomme. In etwa so wie vor einer drohenden Erkältung. Da es hier draußen aber keine Bazillen gibt, werde ich auch nie krank. Das ist ein echtes Plus!
Als die Sonne heute rauskam, dampfte die ganze Kajüte, weil ich mein Ölzeug und vieles andere dort zum Trocknen aufgehängt hatte. Wind und Wellen waren tagsüber immer noch ziemlich stark und hoch. Ich war voll damit ausgelastet, mich festzuhalten.
Es wird sicher noch das eine oder andere schwierige Wettersystem auf uns zukommen, denn noch stehen uns viele Seemeilen bevor. Aber ich denke jetzt trotzdem immer öfter an meine Heimkehr. Es ist merkwürdig, aber je näher ich Australien komme, desto mehr vermisse ich alle meine Lieben zu Hause. Ich bin schon etwas aufgeregt und auch ein ganz kleines bisschen nervös. Hatte ich schon erwähnt, wie sehr ich mich auf einen langen Spaziergang freue!?
Es ist wieder dunkel. Der Vollmond schenkt uns genügend Licht, um die weißen Schaumkronen der größeren Wellen zu sehen. Es wird niemals langweilig, wenn ELLA’S PINK LADY abhebt und die großen Wellen hinuntersurft.
Es klang vielleicht komisch, dass ich wegen meiner Heimkehr auch nervös war. Aber es war tatsächlich so. Man hatte mir erzählt, dass eine größere Willkommensparty geplant sei. Allein deshalb tanzten bei mir die bekannten Schmetterlinge im Bauch. Dann sagte mir Andrew mehrmals, dass mein Leben nach meiner Rückkehr völlig anders sein würde. Ich hatte mich in den beiden Jahren vor meiner Abreise total auf den Törn und das Boot konzentriert. Nach meiner Rückkehr würde mir dieser Fokus voraussichtlich fehlen. Und es gab noch einen Aspekt in meiner Gefühlswelt, wenngleich er ein wenig schwieriger zu erklären ist, denn ich möchte auch meine Eltern damit nicht verletzen. Ich freute mich wirklich, sie alle wieder zu sehen. Manchmal bekam ich in Gedanken daran aber auch regelrecht Klaustrophobie. Ich war unsicher, wie ich mich nach all der Unabhängigkeit auf See wieder an ein normales Leben zu Hause gewöhnen sollte. Natürlich hatte ich mein Boot nie verlassen können. Aber ich konnte an Bord immer tun und lassen, was und wann ich wollte. Es war ein schönes Gefühl, den eigenen Alltagsrhythmus bestimmen zu können. Die Rückkehr in das Haus meiner Familie würde bedeuten, diese Unabhängigkeit wieder aufzugeben. Jedenfalls für eine Weile.
Ganz sicher würden sich meine Essgewohnheiten in Gegenwart von Mum und Dad wieder bessern, denn ich war in letzter Zeit wirklich faul geworden, hatte kaum noch gekocht und mich weitgehend von Mais und Schokolade ernährt. Statt mir ein Omelett zu braten oder eine Lammkeule zu brutzeln, wenn ich hungrig war, hatte ich einfach eine Dose Mais aufgemacht und die Mahlzeit mit einer Tafel Schokolade beendet. Ich weiß, das klingt fürchterlich!
Mittwoch, 31. März 2010
Zu viel oder zu wenig!
Ich kann leider immer noch nicht über größere Fortschritte in Richtung Australien berichten. Dieses Mal werden wir von leichtem Gegenwind aufgehalten, der uns den Weg nach Osten versperrt. Ich hasse es, einer dieser Menschen zu sein, die sich immer über entweder zu viel oder zu wenig Wind beschweren. Aber langsam fühlt es sich wirklich so an …
Als ich letzte Nacht aufgab, alle paar Minuten den Kurs selbst mit der Pinne zu korrigieren, hat ELLA’S PINK LADY eine große Schleife gedreht. Ich bin nicht sicher, ob ich darauf stolz sein sollte. Doch wenn es ein Synchron-Wettbewerb im Kringeldrehen gewesen wäre, dann hätten wir bestimmt den ersten Preis gewonnen. Es war eine enorme Schleife! Vielleicht habe ich ja eine große Zukunft als einer dieser Piloten vor mir, die schöne Dinge in den Himmel malen oder schreiben? Aber Scherz beiseite, ich würde gerade jetzt wirklich gern nach Australien fliegen. Doch das Wetter ist da anderer Meinung. Ich kann also kaum mehr tun, als es auszusitzen und zu nehmen, was wir bekommen.
Wie immer eröffnen mir die ruhigen Bedingungen die Möglichkeit, einige Wartungsarbeiten zu erledigen.
Gestern habe ich beispielsweise einige quietschende Ecken in Angriff genommen und bin, mit einer Spraydose bewaffnet, über Deck gegangen. Ich habe ein paar Schäkel gefunden, die sich leicht gelöst hatten. Es ist immer gut, solche Dinge in angenehmen Bedingungen zu beheben.
Statt des üblichen Kessels habe ich mir gestern einen ganzen Eimer voll mit heißem Wasser für ein Bad gegönnt. Was für ein Luxus! Auch wenn ich ewig gebraucht habe, um das ganze Wasser zu erwärmen. Ha! ELLA’S PINK LADY steht der QUEEN MARY II in nichts nach!
Am Ende blieb sogar etwas warmes Wasser übrig, und so konnte ich meine Füßen darin baden und mir dabei die Haare bürsten. Ich beendete das Vergnügen, indem ich die Heizung einschaltete, um meine Haare zu trocknen (ja, die Heizung ist endlich wieder heil, aber mein Fön hat schon vor Kap Hoorn den Dienst quittiert – eine absolute Tragödie!).
Anschließend habe ich in der immer noch unruhigen See über Satellitentelefon mit meinem Vater gesprochen. Er bat mich, die Bewegungen des Bootes zu beschreiben. Seine Frage hat mich darüber nachdenken lassen, wie ich die Bewegungen vor allem euch Nichtseglern am besten erklären könnte. Entscheidend ist vermutlich, dass man sich nicht nur in eine Richtung bewegt und dass die Bewegungen niemals gleichmäßig sind. Zuerst ist da ein Rollen, vielleicht wie das Schwingen in einer Hängematte. Dazu kommt eine Stampfbewegung (wie auf einer Wippe). Hin und wieder gibt es eine Beschleunigung, wenn wir die Wellen hinuntersurfen, wie man es auch am Strand macht. Manchmal fällt man plötzlich wie in ein Loch oder wird angehoben. Dabei kommt man sich vor wie in einem hyperaktiven Fahrstuhl. Beendet eure Vorstellung von der Bewegung des Bootes, indem ihr eure Welt um 45 Grad kippt (tut mir leid, aber mir fällt einfach keine vergleichbare Alltagssituation dazu ein!). Es ist so, als würde man auf einer Achterbahn leben. Obwohl ich das gar nicht so genau weiß. Ich bin erst einmal in meinem Leben Achterbahn gefahren und kann mich kaum daran erinnern, weil ich so viel Angst dabei hatte. In unserem Fall handelt es sich allerdings um eine Achterbahn mit plötzlichen Stopps und unvorhersehbaren seitlichen Ausbrechern. Wenn ihr euch dazu jetzt noch die Geräusche und viel Wasser vorstellt, dann habt ihr eine ungefähre Ahnung davon, wie sich Segeln in 40 Knoten Wind und hohen Wellen anfühlt.
Da wir gerade über Satellitentelefone sprachen: Ein großes Dankeschön an die Jungs von SatCom Global, die mir mein Satellitentelefon und auch den Sailor 250 zur Verfügung gestellt haben, den ich benutze, um meine Blogbeiträge, Bilder und Videos zu versenden. Man muss zugeben, dass es ziemlich mutig ist, die Telefonrechnung einer 16-Jährigen zu übernehmen. Also tausend Dank, Jungs!
Ich schließe meinen Blog heute mit guten Nachrichten: Wir haben wieder Wind! Während ich hier getippt habe, hat sich draußen eine hübsche kleine Brise aufgebaut, und ELLA’S PINK LADY bewegt sich mit drei Knoten in südöstlicher Richtung.
Australien, wir kommen!
Freitag, 2. April 2010
Kurzes Update und Bilder
Wir brechen immer noch keine Geschwindigkeitsrekorde, aber ELLA’S PINK LADY kommt ganz anständig voran. An Bord ist alles okay. Sogar die Sonne ist zurückgekehrt, um meine Stimmung auf wundersame Weise aufzuhellen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das für die leichten Winde verantwortliche Hochdrucksystem uns verlässt und wir wieder anständigen Wind haben, der uns flott voranschieben wird.
Ich war heute sehr fleißig und habe das herrliche Wetter für einen Waschtag genutzt. Ich habe auch das Deck geschrubbt und gesäubert, so gründlich, dass dabei die Bürste in zwei Teile zerbrochen ist. Vielleicht lag ich doch falsch, als ich erwähnte, dass ich keine Superkräfte besitze! Aber keine Sorge: Ich habe noch eine Ersatzbürste dabei.
Saubermachen ist nicht gerade die aufregendste Freizeitbeschäftigung. Aber da ich zurzeit nicht zum Joggen an den Strand gehen kann, habe ich keine große Wahl und stecke meine überschüssige Energie eben in die Reinigung von ELLA’S PINK LADY und mir selbst. Putzen ist gar nicht so übel, wenn man dabei im Cockpit sitzt, umgeben von blauem Wasser, dazu warmen Sonnenschein im Rücken, eine leichte Brise und gute Musik!
Gestern habe ich gehört, dass Abby Sunderland Kap Hoorn gerundet hat – wie toll! Ich freue mich riesig für sie. Es erinnert mich an die Zeit, als ich da unten war. Los, Abby!
Mittwoch, 7. April 2010
Ein paar Höhen und Tiefen
Es tut mir leid, dass ich so lange nichts von mir habe hören lassen. Wir hatten hier draußen ein paar bewegende Tage. Ich schicke euch allen verspätete Ostergrüße. Es hat sich herausgestellt, dass niemand daran gedacht hat, ein paar Ostereier für mich zu verstecken. Aber das ist ja nicht das Ende der Welt, denn ich habe noch mehr als genug Schokolade, und meine Mutter hat Tom, Hannah und mich zu einem Osterdekorations-Wettbewerb in E-Mail-Bildern herausgefordert. Ich bin nicht mehr sicher, wer am Ende gewonnen hat – ich war es bestimmt nicht!
Die See hat sich mit dem jüngsten Schlechtwettereinbruch nicht mehr so furchtbar aufgetürmt. Dafür war sie kurz und hackig und bescherte uns einen sehr ungemütlichen Ritt. Dieses Mal haben wir leider nicht nur die äußere Kante eines Sturms erwischt. Nein, das Zentrum ist direkt über uns hinweggezogen und brachte zunächst starke nördliche Winde mit sich. Dann gab es eine kurze Phase mit Flaute, bevor der Sturm uns anschließend wie mit einem Faustschlag aus Süden traf. Eine solche Richtungsänderung bewirkt eine ziemlich durchwachsene See.
Obwohl die Bedingungen bei Weitem nicht die schlimmsten waren, die wir während des Törns erlebt haben, haben mich die Bewegungen und meine feuchte Koje in gedrückte Stimmung versetzt. Ich wurde übellaunig und bekam Heimweh. Normalerweise kann ich mich aus solchen Stimmungstiefs binnen weniger Stunden selbst heraushieven. Aber dieses Mal hatte ich einfach nicht die Energie und blieb tagelang düsterer Laune – ein Negativrekord dieser Reise!
Mit einer ordentlichen Mahlzeit und unserem guten Vorankommen krabbelte ich schließlich doch aus diesem Formtief und wurde wieder ich selbst. Ich sang (sehr schlecht) zu meinem aktuellen Lieblingshit »Forever Young«, während ich im Regen an Deck stand und ELLA’S PINK LADY durch die Nacht rollte.
Ich war nicht die Einzige, die in den vergangenen Tagen mieses Wetter erwischt hatte. Die Soloflotte bei der Regatta durch die Tasmanische See, darunter mit Bruce auf seinem 46-Fuß-Mehrrümpfer BIG WAVE RIDER auch einer meiner größten Förderer, hatte gestern Nacht eine ziemlich ruppige Fahrt auf der anderen Seite Australiens. Aber noch hat Bruce dank doppelter Geschwindigkeit im Fernduell mit ELLA’S PINK LADY die Nase vorn.
Heute habe ich ziemlich viele Reffs eingebunden und wieder rausgenommen, denn es war sehr stürmisch. Mit jeder neuen Reihe Wolken kam eine Windbö, dann ein schneller Regenschauer, bevor die Sonne wieder für ein paar Minuten herausschaute. Obwohl wir in der letzten Woche viel Regen hatten, war heute der einzige Tag, an dem es mir gelungen ist, eine nennenswerte Menge Regenwasser zu sammeln. Jedes Mal, wenn es in letzter Zeit geregnet hatte, war auch die Luft gischtgeladen und machte das Wasser brackig. Ich bekam aber so viel Regenwasser zusammen, dass es für ein Ganzkörperbad reichte. Auch das ungesalzene Deck ist ein Novum!
Australien schleicht sich langsam an. Es sind weniger als 400 Seemeilen und nur noch ein paar Tage, bis wir Kap Leeuwin passieren werden.
Um ehrlich zu sein: Es war gar nicht so sehr das Wetter, das mich einige Tage vom Schreiben eines Blogs abgehalten hatte. Es war meine Stimmung. Wenn ich heute zurückblicke, war das für mich die mental härteste Zeit des Törns. Ich habe mich komplett in ein schwarzes Loch fallen lassen. Doch anders als zuvor konnte ich mich dieses Mal nicht aus der eigenen Falle befreien. Sonst hatte es mir geholfen zu weinen oder mich für ein paar Stunden in Selbstmitleid zu wälzen, aber dieses Mal blieb ich drei Tage lang launisch und traurig. Zum Glück war ich allein! Irgendwann hatte ich es überstanden und begann, mich besser zu fühlen. Ich laste diese Depression dem nassen und quälenden Wetter an, das einfach nur Mist war. Na ja. Entweder war es das Wetter oder der Mond!
Donnerstag, 8. April 2010
Graue Wolken und glücklich
Heute habe ich schlechte Nachrichten. Etwas, das schon eine Weile drohte, ist nun wirklich passiert: Der Griff von meinem einzigen Kessel ist abgebrochen! Es wird nun aber nicht mehr lange dauern, bis ich zum Einkaufen losziehen kann, um einen neuen zu kaufen.
Es sind nur noch ein paar hundert Seemeilen, bis wir am Kap Leeuwin mit einigem Abstand vorbeisegeln werden. Also sollten wir uns irgendwann im Verlauf dieser Woche unterhalb von Australien befinden! Das Wetter war heute wieder grau und wolkig, der Wind hat ein bisschen gedreht, und Regen gab es auch. Nichts Ungewöhnliches, ein ganz normaler Segeltag.
Sehr schön fand ich es, heute mit Jamie Dunross zu sprechen. Er befindet sich nicht allzu weit vor uns in der Mitte der Großen Australischen Bucht, segelt auf seiner gelben S&S 34 und will als erster Querschnittsgelähmter einhand um Australien segeln. Anscheinend hatte auch er Probleme, ernst genommen zu werden, als er den Leuten von seinen Plänen erzählte.
Ich weiß, dass ich ein bisschen voreingenommen bin, weil er ein so cooles Boot segelt (vorwärts S&S 34!). Aber wenn ihr mich fragt, dann beweist Jamies Projekt, dass wirklich alles möglich ist.
Ich sage es nicht früh genug, aber danke an alle Blogger! Ihr seid meine adoptierte Familie! Danke auch an alle, die einfach eine kurze Nachricht hinterlassen. Ich bin dankbar für die Unterstützung! Eure Kommentare zu lesen macht mich glücklich. Auch wenn ich so tue, als wäre es nicht ich, über die ihr da redet!
Ich denke darüber nach, Schokoladenmuffins zum Abendessen zu backen, aber meine Pläne sind wetterabhängig. Und es wird darauf ankommen, ob ich mich davon abhalten kann, den Teig schon vorher zu vernaschen!
Ich bin sicher, dass es euch interessiert, deswegen erzähle ich euch noch ein bisschen mehr über Jamie Dunross. Jamie hat im Alter von zehn Jahren mit dem Segeln begonnen. Er blieb dem Segelsport treu, bis er Anfang 20 war. Mit 22 Jahren zog er von der Küste weg nach Meekatharra im mittleren Westen von Westaustralien, landeinwärts noch etwa 538 Kilometer entfernt von Geraldton. Er wollte dort in der Goldförderung Karriere machen.
Am 24. August 1988 – vier Tage vor seinem 23. Geburtstag – reinigte er kurz vor Ende seiner Schicht einige Ausrüstungsteile, als ein defektes Ventil platzte. Das Druckwasser traf genau seine Brust. Er wurde in die Luft geworfen und landete schlecht. Es war der Moment, der alles veränderte. Seine Diagnose: Querschnittslähmung ab dem fünften Halswirbel abwärts.
Jamies Geschichte ist absolut inspirierend. Zunächst hatte er mit seiner Rehabilitation gehadert, hatte eine Depression mit Selbstmordgedanken und trauerte um sich selbst.
Doch nach einigen Jahren konnte er mit seiner Vergangenheit abschließen. Eine große Rolle spielte dabei seine Rückkehr in den Segelsport. Im Jahre 2000 gewann er olympisches Gold bei den Paralympics in der Sonarklasse und nahm an Wettkämpfen in aller Welt teil. Er hatte bereits eine ganze Reihe australischer Rekorde gebrochen, bevor er Rockingham in Westaustralien mit seiner S&S 34 SPIRIT OF ROCKINGHAM verließ, um der erste querschnittsgelähmte Segler zu werden, der Australien einhand umrundet hat. Ich greife jetzt mal vor: Jamie war in Sydney, um mich bei meiner Heimkehr zu begrüßen. Und es war absolut wundervoll. Und während ich dieses Buch hier zum Drucker schicke, segelt er gerade um Kap York. Ihr könnt Jamies Reise auf seiner Website www.solo1.com.au verfolgen. Obwohl er schon fast zu Hause sein müsste, wenn dieses Buch erscheint.
(Anmerkung des Übersetzers: Tatsächlich vollendete Jamie seine Australienumrundung am 25. Juli 2010.)
Jamie hat eine beeindruckende Einstellung und sagt auf seiner Website: »Das Leben geht weiter. Was zählt, ist was du daraus machst.«
Samstag, 10. April 2010
Australische Gewässer und Tintenfisch zum Lunch
Der Tag begann mit einem schönen Sonnenaufgang, während ELLA’S PINK LADY über die grüne Linie auf der Seekarte segelte und wir australische Gewässer erreichten. Ich hielt einen Becher heiße Schokolade in meinen Händen (ja, ich habe es geschafft, den Kessel zu reparieren!). Über uns waren leichter Nieselregen und ein kreisender Albatros. Es war einer dieser ganz besonderen Momente.
Und doch liegt immer noch ein langer Weg vor uns. In der nächsten Woche werden wir die Große Australische Bucht nördlich von uns liegen lassen und mit Kurs auf die Tasmanische See nach Süden segeln. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich die grüne Linie noch einmal überquere und die australischen Gewässer wieder verlasse. Es ist verrückt, dem Ziel so nahe zu sein und doch noch so viele Meilen vor sich zu haben.
Noch aufregender als die Ankunft in australischen Gewässern war, dass Mum, Dad, Tom und Hannah an diesem Tag in einem kleinen Flugzeug kamen und über mich hinwegflogen. Gary war wieder dabei (der gleiche Fotograf, der mit ihnen in Chile war) und versuchte, ein paar Bilder zu schießen. Sie konnten mir dieses Mal wegen der Luftfahrtregeln oder etwas Ähnlichem nicht so nahe kommen wie vor Kap Hoorn, aber allein die Gewissheit, dass sie da waren, tat mir gut. Mein Funkgespräch mit ihnen klang wie bei einem ganz normalen Familienzusammentreffen. Das wiederum sagt viel darüber aus, was bei uns in der Familie als normal gilt!
Die Segelbedingungen waren zu dem Zeitpunkt mit 18 Knoten Wind und schönen Wellen perfekt zum Surfen. Ich trieb ELLA’S PINK LADY unter vollen Segeln (ich war so stolz auf sie!) ein wenig härter an als sonst. Wir flogen nur so dahin, rauschten raumschots voran, tanzten fast zwischen den weißen Schaumkronen, und ich war überwältigt von der Vorstellung, dass meine Eltern, Tom und Hannah ELLA’S PINK LADY so in ihrem Element erleben konnten (auch, wenn sie weit weg waren).
Meine Mutter sagte immer nur, wie klein sie zwischen den Wellen aussehen würde. Das klang in meinen Ohren seltsam, denn für mich war ELLA’S PINK LADY zu dem Zeitpunkt meine ganze Welt. Ich war ein bisschen verärgert, dass das Flugzeug nicht näher kommen konnte, aber ich war glücklich, dass fast meine ganze Familie da war. Es war der perfekte Willkommensgruß zu meiner Rückkehr in australische Gewässer und die perfekte Weise, meine bevorstehende Rundung von Kap Leeuwin zu feiern.
Ich vermute, dass sich viele Leute darüber wundern, warum ich südlich um Tasmanien segle, statt die Abkürzung durch die Bass-Straße zu nehmen. Der Grund ist einfach: Die Bass-Straße ist voller Schiffsverkehr und Inseln. Für mich hätte die Route viele Tage in Folge ohne oder mit sehr wenig Schlaf bedeutet. Bobs langfristige Wetterprognose hat außerdem leichten Wind von vorn (auch bekannt als besonders schmerzhafte Bedingungen) vorhergesagt, falls wir diese Route wählen würden, anstatt um Tasmanien herumzusegeln. Also muss ich die Zähne zusammenbeißen und noch einmal mit einem leichten Temperaturabfall zurechtkommen, bevor wir unseren Bug zum letzten Mal nach Norden richten können.
Heute früh habe ich wieder ein paar Tintenfische an Deck gefunden. Ein weiterer hüpfte an Bord, als ich gerade über mein Mittagessen nachdachte. Also wurde ich mutig und entschied, ihn zum Lunch zu verspeisen. Ich habe eine Dose Garnelen geöffnet (die kaum als Garnelen durchgehen dürften, so klein wie sie waren!), den Tintenfisch in Scheiben geschnitten (von beidem etwa einen Mund voll) und fabrizierte dann eine Art Variation von Knoblauchgarnelen. Ich beendete mein Mahl mit Vegemite (Hefe-Brotaufstrich) auf Crackern, um meine Rückkehr in heimatliche Gewässer zu feiern!
Bruce und BIG WAVE RIDER quälen sich derweil in der Tasmanischen See durch leichte Winde – ziemlich frustrierend für Bruce. Aber ganz heimlich bin ich begeistert, dieses eine Mal nicht die Langsamere zu sein.
Der nächste aufregende Meilenstein steht kurz bevor: Morgen Vormittag werden wir Kap Leeuwin passieren!
Montag, 12. April 2010
Gewittersturm
… In der vergangenen Nacht ging es hier draußen ziemlich zur Sache. Ich dachte zunächst, dass uns nur eine Sturmbö streifen würde, doch die entpuppte sich plötzlich als heftiger Gewittersturm – der schlimmste, den ich je auf See erlebt habe. Ich konnte zwar durch den seitlich einfallenden eiskalten Regen kaum etwas erkennen, doch die Blitze sind fast neben uns im Wasser eingeschlagen. Viel zu nah für meinen Geschmack! Auch die Böen fielen geradezu wütend über uns her – interessant.
ELLA’S PINK LADY segelte zu der Zeit schon gut gerefft. Aber bis ich es geschafft hatte, auch das Vorsegel wegzunehmen und ein kleines drittes Reff einzubringen, wurden wir schon fast dramatisch auf die Seite gedrückt. Der Wind beruhigte sich sehr bald wieder. Dann begann es, wie aus Eimern zu regnen. Es regnete so sehr, dass man kaum noch sagen konnte, wo das Wasser aufhörte und wo der Himmel begann. Ein bisschen Donner hatte mich früher nie erschreckt, doch um vier Uhr morgens allein auf See kam mir das Grollen doch sehr bedrohlich vor. Es war nicht einfach, meine Nerven im Griff zu behalten.
Es gab aber nicht nur den Gewittersturm. Das Wetter war insgesamt instabil. Es regnete ununterbrochen. Weitere Sturmböen und die chaotische See machten uns das Leben schwer. Zum Glück war wenigstens der Wind nicht so stark. Wir sind gut vorangekommen, und trotz der dominanten düsteren Grautöne bin ich überaus glücklich und meist auch trocken. Das habe ich vor allem der Geborgenheit hinter meinem Dodger zu verdanken.
Bobs Vorhersage kündigt auch für morgen noch reichlich Wind an, doch danach soll es wieder besser werden.
Ich hörte mit Begeisterung, dass Bruce und BIG WAVE RIDER ihre Führung bis zur Ziellinie in Mooloolaba behaupten konnten. Die Sunshine Coast hat ihnen einen großartigen Empfang bereitet!
Das war’s von mir, denn ich habe ein wenig Schlaf nachzuholen. Drückt mir die Daumen, dass ich meinen Kopf mehr als zehn Minuten in die Kissen drücken kann, ohne dass mich dieses Mal irgendetwas aufweckt!
Blitze auf See sind wirklich so eine Sache … Allerdings aus meiner Sicht keine gute! Die Lichtblitze mögen spektakulär aussehen, wenn man sicher in seinem Zuhause ist, aber ich wusste, dass ELLA’S PINK LADY Metallmast der höchste und einzige in der Gegend war. Das entspannte mich nicht gerade, wenn wieder ein neues Blitzlichtgewitter über uns herfiel. Ich konnte kaum etwas tun, um das Boot zu schützen. Also blieb ich einfach in der Kajüte und hoffte, dass alles gut gehen würde. In den meisten Stürmen hatten mich die Wellen in ihren Bann gezogen, der Regen und die See, die ich aus dem Niedergang heraus beobachtete. Doch wenn ein Gewitter mit so viel Blitz und Donner kam, dann wollte ich es lieber nicht sehen.
Donnerstag, 15. April 2010
Wind von vorn und noch mehr Blitze
Die letzten paar Tage waren ein bisschen hart (ja, das ist eine Steigerung des Wortes interessant!). Der Wind kam von vorn, die See war ungestüm, und es blitzte ununterbrochen. Heute Morgen haben wir einige wirklich dramatische Momente durchlebt.
In der vorletzten Nacht wollte das Gewitter gar nicht mehr aufhören. Und es kam uns viel zu nah! Dieses Mal brachte es weder Wind noch Regen mit sich. Das machte es auf eine gewisse Weise noch schlimmer, weil ich nun leider genau sehen konnte, wo die Blitze um uns herum ins Wasser einschlugen. Ein Blitz nach dem nächsten rollte an uns vorbei. Meine Nerven waren aufs Äußerste gespannt und hielten mich vom Schlafen ab. Ich machte mir Sorgen. Einige der Blitze waren so hell, dass ich erwog, meine Sonnenbrille aufzusetzen!
Nach einigen Stunden merkte ich, dass mir das Zuschauen und die Sorgen nicht gut taten. Ich kramte also den billigsten Schundroman hervor, den ich finden konnte, stellte eine Hitliste der sanftesten Musik auf meinem iPod zusammen und setzte mich zum Lesen hin – mit nur einem Ohrstöpsel im Ohr. (Ich benutze kaum jemals Ohrstöpsel, damit ich hören kann, was an Deck passiert. Nach so langer Zeit auf See segle ich ELLA’S PINK LADY nach meinem Gehör. Na ja, nicht wirklich. Aber ich lausche andauernd auf irgendwelche unregelmäßigen Geräusche!)
Danach nahm der Wind wieder auf 25 bis 30 Knoten zu, begleitet von einer rauen See und strömendem Regen. Das entspricht nicht gerade meiner Definition für angenehmes Segelvergnügen!
Als ich gerade dachte, dass sich die Bedingungen bessern, fegten neue Böen wie verrückt über uns hinweg, drückten ELLA’S PINK LADY auf die Seite und nagelten sie dort fest. Während ich so richtig Spaß hatte (Achtung: Sarkasmus!), aus dem Cockpit heraus das Großsegel zu reffen, drang Wasser durch meinen Abfluss ins Bootsinnere ein. Der irre Winkel, in dem wir auf dem Wasser lagen, war schuld daran. Normalerweise verschließe ich den Abfluss zum Seeventil, wenn das Wetter ungemütlich wird. Da ich aber gedacht hatte, dass sich Wind und Wellen beruhigen, hatte ich es gerade wieder geöffnet. Das Wasser strömte durch die Pantry weiter in die Bilge. Doch ELLA’S PINK LADYS Pumpen haben es schnell wieder herausgepumpt. Ich war nicht wirklich angetan von dem nassen Chaos in meiner Pantry. Aber noch viel ärgerlicher war die Tatsache, dass ich plötzlich ein zweigeteiltes Großsegel besaß, weil ich es nicht schnell genug heruntergenommen hatte. Der Wind hielt nicht lange durch. Sobald sich das Wetter bessert, werde ich wohl viele Nähstunden vor mir haben.
Ich bekomme von allen Seiten den Rat, bloß nicht meine Wachsamkeit zu vernachlässigen, weil ich mich der Heimat nähere. Aber glaubt mir: Dieses Wetter lässt keinerlei Nachlässigkeit zu. Ich kann mich nie entspannen. Ich hatte schon geglaubt, dass ich auf meinem Törn so ziemlich alle Wetterszenarien erlebt hätte. Doch dieses Blitzlichtgewitter war neu. Es gehört offenbar zur Herausforderung dazu. ch werde es nach meiner Rückkehr einfach noch ein wenig mehr schätzen, entspannt und sicher am Dock in Sydney festmachen zu dürfen. Und auf ein trockenes Bett freue ich mich auch sehr!
Nach einer anständigen Schlafpause fühle ich mich heute schon viel besser. Und nachdem ich via Satellitentelefon mit meiner Schwester, meinem Team und einigen Freunden gesprochen habe, geht es mir so blendend, dass ich mich nicht einmal mehr über die dreckige Kajüte und das andauernd miese Wetter ärgern kann.
Wir sollten eigentlich mehr Segelfläche oben haben, dann könnten wir schneller sein. Doch angesichts der Blitzeinschläge, die ich in der Ferne sehe, und mit Blick auf das kaputte Großsegel und die anderen Ereignisse dieser Woche nehme ich es einfach mal locker und räume ein wenig auf.
Sonntag, 18. April 2010
Langsam segeln, nähen und Nebel
Das Wetter ist viel ruhiger geworden. Manchmal fast ein bisschen zu ruhig. Von Zeit zu Zeit schaltet sich der Wind komplett ab. Doch in den leichten Winden kann ich eine Reihe anstehender Jobs abarbeiten und meinen eingerissenen und schmerzenden Händen eine kleine Ruhepause gönnen.
Heute war eigentlich ein klarer Tag, doch zuletzt hatten wir viel Nebel. Normalerweise habe ich mit Nebel kein Problem, weil er irgendwie hübsch aussieht, wenn er durch die Wellentäler wabert. Dieses Mal aber war er einfach nur grau, feucht und trostlos. Gibt es noch irgendeine Art von schlechtem Wetter, das uns in letzter Zeit nicht heimgesucht hat? Ich beginne mich zu fragen, ob ich wohl die Sonne beleidigt habe? Sie hat sich seit Wochen kaum mehr gezeigt!
Das Großsegel ist inzwischen repariert. Ich glaube nicht, dass ich im Kunststicken einen Preis gewinnen würde. Aber es sollte bis zum Ende halten. Dieses Mal habe ich keine Nadel fallen oder über Bord gehen lassen, sondern mir nur ein paarmal in die Hand gestochen, während ich die Nadel mit meinem Segelmacherhandschuh durch die dickeren Bereiche des Segels gedrückt habe.
Die Pantry sieht wieder wesentlich ordentlicher aus, nachdem ich gestern die Schränke ausgeräumt und ihren Inhalt getrocknet habe.
Heute habe ich ein wenig Gewicht verlagert, um uns besser zu trimmen und schneller vorwärtszukommen. Inzwischen habe ich so viel Wasser und Diesel verbraucht, dass der Trimmjob wesentlich einfacher wäre, wenn ich vom Boot steigen könnte, um mir von außen anzusehen, wie tief Bug und Heck im Wasser sitzen. Außerdem hatte ich heute ein kleines technisches Problem und ein paar weitere Aufgaben zu lösen. So habe ich die Fock ausgetauscht, denn die alte sah ein bisschen mitgenommen aus.
Unter dem Code-Zero-Segel kommt ELLA’S PINK LADY im Moment gut voran. Wir segeln in leichtem Gegenwind mit fast sechs Knoten auf südöstlichem Kurs. Der Wind ist wieder kühler geworden, denn wir sind zurück in den Vierziger-Breitengraden, und ich ziehe mir zum Schlafen wieder meinen Faserpelz und Socken an.
Ich habe gehört, dass sich die Band »Powderfinger« getrennt hat – wie schade! Jemand hat mir vor einer Weile ihren Song »Sail the Wildest Stretch« geschickt, den ich seitdem oft und gern gehört habe.
Für heute mache ich Schluss. Ich bin gerade mit einem Becher Kaffee und einem Glas Nutella zurück an Deck gekommen (keine Sorge: Ich werde ein braves Mädchen sein und einen Löffel benutzen!). Ich will schauen, ob nicht doch der ein oder andere Stern hinter einer Wolke hervorblitzt.
Nach dieser letzten Etappe waren meine Hände zerschunden und wund. Die beinahe durchgehende Feuchtigkeit und das Salzwasser hatten jeden möglichen Heilungsprozess vereitelt. Es war keine einfache Zeit, und ich hatte mich vor allem darauf konzentriert, ELLA’S PINK LADY auf Kurs zu halten. Dadurch hatte ich zudem viel zu wenig geschlafen. Meine Hände blieben durchgehend sehr empfindlich. Als ich endlich Tasmaniens Südzipfel umrundet hatte, kam ein Helikopter mit einem Fotografen zu uns heraus, um Bilder zu machen. Ich war begeistert, als der Hubschrauber kam (aber auch ein bisschen ängstlich, denn er flog so tief, dass es fast schien, als würde er ELLA’S PINK LADY ein wenig zurechtstutzen!). Ich kletterte an Deck und winkte frenetisch, hatte mein breitestes Lächeln aufgesetzt. Als die Fotos am nächsten Tag in den Publikationen von News Limited zu sehen waren, wurde ich mit E-Mails von meiner Mutter und meinen besorgten Tanten überflutet, weil sie sich um meine Hände sorgten. Auch die Blogger machten sich Sorgen. Aber erst als ich die Bilder nach meiner Rückkehr selbst sah, wurde mir klar, wie traurig und gequält sie ausgesehen hatten. Aber eigentlich war das keine Überraschung. Der Törnabschnitt südlich von Australien und rund Tasmanien hat uns seglerisch alles abgefordert. Wenn man diese Umstände bedenkt, dann sahen meine Hände eigentlich großartig aus!
Montag, 19. April 2010
Keine Fliege, sondern eine Motte!
Manchmal fällt mir kein aktuelles Thema für den Blog ein. Dann sagen alle, das sei doch gar nicht schlimm. Ich könne auch über die Landung einer Fliege auf ELLA’S PINK LADY schreiben, und alle fänden es interessant.
Heute ist tatsächlich eine Motte auf ELLA’S PINK LADY gelandet. Ich weiß ja nicht, wie ihr darüber denkt, aber ich war ziemlich aufgeregt (ich weiß, dass es dumm klingt!). Normalerweise finde ich Ungeziefer auch nicht so toll, doch es war das erste Insekt, das ich seit sechs Monaten sah! Noch erstaunlicher war die Tatsache, dass wir uns 500 Seemeilen entfernt von Land befanden. Wie konnte da eine kleine graue Motte an Deck sitzen? Fragt mich nicht, was diese zierliche Kreatur hier draußen gesucht hat …
Egal, für uns geht es weiter voran!
Euch interessiert vielleicht mehr, dass ELLA’S PINK LADY und ich gestern (18. April) seit genau sechs Monaten auf See waren. Und alle anderen, die uns virtuell begleitet haben, natürlich auch! Es ist eine erstaunliche Vorstellung, dass ich seit einem halben Jahr keinen anderen Menschen gesehen habe. Aber ich habe immer noch das Gefühl, als hätten wir Sydney erst gestern verlassen.
Die Zeit ist gerast!
Ich konnte mich definitiv nicht über den Verlauf der Reise beschweren. Nach der ersten Etappe war ich erstaunt, wie schnell wir so viele Meilen hinter uns gebracht hatten. Ursprünglich hatten wir geplant, etwa 23 000 Seemeilen in rund 230 Tagen zu absolvieren. Wir haben berechnet, dass ich bei einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 4,2 Knoten etwa 100 Seemeilen am Tag schaffen würde. Als ich heimkehrte, hatte ich auf dieser Reise insgesamt 24 285 Seemeilen im Kielwasser, die wir in einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 4,8 Knoten in Durchschnitts-Etmalen von 115,6 Seemeilen zurückgelegt hatten. Ich bin sehr stolz darauf, dass unsere Berechnungen der tatsächlichen Zeit so nahe kamen. Und ich bin stolz auf die gesamte Reise! Unsere Vorarbeit und unsere Vorbereitung haben sich ausgezahlt. Auch die Prognose der Ruderabenteurer James und Justin erwies sich als Volltreffer: Die Vorbereitung machte tatsächlich zwei Drittel der gesamten Reise aus. Mein Törn war ganz anders als der ihre, und doch griff das gleiche Prinzip: Harte Arbeit und gute Vorbereitung sind die Schlüssel zum Erfolg.
Unsere Fortschritte waren zuletzt wenig beeindruckend, denn der Wind hat wieder deutlich abgenommen. Liegt es an mir, oder will diese letzte Etappe einfach kein Ende nehmen? Ich finde es gar nicht so schlimm. Ich bin immer noch sehr gern hier draußen. Und so sehr ich mich auf eine Million Dinge an Land freue, so sehr werde ich einiges vermissen, das mein Leben hier draußen ausgemacht hat.
Heute hatten wir so gut wie keinen Wind. Um einer möglichen Depression vorzubeugen, habe ich einfach die Instrumente ausgeschaltet. Ich wollte gar nicht sehen, wie grausig langsam wir vorankamen. Stattdessen nahm ich mir den Windgenerator vor (der seinen Dienst schon seit einiger Zeit verweigerte) und wollte ihn durch ein Reservegerät ersetzen. Es war nicht so, dass wir den Windgenerator unbedingt brauchten, denn wir hatten noch genügend Diesel, um die Maschine im Leerlauf laufen zu lassen und dadurch die Batterien aufzuladen. Vielmehr suchte ich in der Flaute nach einer Beschäftigungsmöglichkeit, in die ich meine überschüssige Energie stecken konnte. Es hat den ganzen Nachmittag gedauert. Die größte Herausforderung bestand darin, das Ding an den richtigen Platz zu wuchten. Aber immerhin: So blieb mir der Anblick des spiegelglatten Wassers erspart. Ich merkte kaum, dass wir nur umherdümpelten. Die Sonne zeigte sich für ein paar Stunden – schon deshalb hatte sich der Aufwand gelohnt. Nur für diese Szene am Ende der ganzen Aktion!
Jetzt aber muss ich noch den alten Generator zerlegen, um ihn verstauen zu können. Also mache ich mich besser sofort an die Arbeit!
Mittwoch, 21. April 2010
Schönes Segeln
Wir haben gestern endlich wieder deutliche Fortschritte in Richtung Ziel gemacht und auch heute einen schönen Segeltag genossen. Es ist doch erstaunlich, wie nah Sydney erscheint, wenn wir schneller segeln. Wow – wir kommen unserem Zielhafen wirklich näher!
Ich kann nichts Aufregendes berichten. Wir fliegen vorwärts, erwischen ab und zu einen Flecken Sonne. Das Leben auf ELLA’S PINK LADY läuft ganz normal.
Was mich weniger begeistert, ist die Wettervorhersage für die kommende Woche. Es wird nicht der leichte Ritt sein, den ich mir erbeten hatte. Ich hoffe, dass es nicht zu schlimm wird. Aber ein Spaziergang steht uns nicht gerade bevor. Na ja, vielleicht ist Spaziergang an dieser Stelle gar nicht der richtige Ausdruck. Aber ich wollte euch ein Bild vermitteln!
Ich musste mir selbst eine kleine Ansprache halten, nachdem ich Bobs Wettervorhersage gelesen hatte. Ich hoffte nur, dass es das letzte scheußliche Wetterfenster sein würde. Aber was soll’s, ich muss ja nur einfach meine Strategie noch eine Weile aufrechterhalten und weiter so tun, als könne mich nichts erschüttern!
Ich hörte, dass jemand (Großvater Chisholm!) auf beiden Seiten der Tasmanischen See eine kleine Diskussion darüber angezettelt hat, ob ich nun Australierin oder Neuseeländerin sei. Offensichtlich beansprucht Neuseeland mich für sich! Ich glaube, dass ich nichts zu der Debatte beitragen kann, was die Dinge ändert. Aber so viel vielleicht doch: Ich habe sowohl einen australischen als auch einen neuseeländischen Pass.
Australien ist meine Heimat (tut mir leid, Großvater!), aber mein erstes Stofftier war ein Kiwi!
Samstag, 24. April 2010
Kenterung, schwere See und ein Anruf vom Zoll
Abgesehen von der Tatsache, dass der heutige Morgen mit einer Kenterung, einer nassen Koje und Kopfschmerzen begann, hatte ich einen großartigen Tag. Mir ist schon klar, dass die Worte »Kenterung« und »großartig« nicht in einen Satz passen, aber ich kann es nicht ändern und fühle mich trotzdem gerade besser als die ganze vergangene Woche. Und damit will ich nicht gesagt haben, dass es mir die ganze Woche lausig ging. Im Moment tun mir sogar die Wangen weh, weil ich den ganzen Nachmittag gelächelt habe!
Der Wind nahm schon gestern deutlich zu und wehte die ganze Nacht mit etwa 35 Knoten. Die ein oder andere Bö mag die 40 gekratzt haben. Eigentlich keine große Sache für ELLA’S PINK LADY unter Sturmsegel, denn ich hatte uns mit besonderer Sorgfalt auf diese Front vorbereitet (soll heißen, dass ich nervlich nicht unbedingt scharf auf wilde Surfs war).
Was uns aber zu schaffen machte, war der Schwell. Die schwere See war von einem hässlichen Tiefdrucksystem verursacht worden, das uns in Richtung Süden passierte. Obwohl wir gar nicht sein Zentrum erlebten, hatten wir mit heftigem Seegang zu kämpfen. Vermutlich waren es die höchsten Wellen, die ich bislang gesehen habe. (Der Sturm im Atlantik war trotzdem unangenehmer, weil die Wellen steiler waren und dichter aufeinander folgten!) Diese Wellen hier rollten mit zehn Metern Höhe wie flüssige Berge auf uns zu. ELLA’S PINK LADY hat sie bravourös gemeistert. Als wir kurz nach Tagesanbruch kenterten, hatte ich eigentlich schon damit begonnen, mich zu entspannen, weil Wind und Wellen wieder abnahmen.
Ich lag gerade schlafend in meiner Koje, als wir umkippten. Geweckt wurde ich, weil diverse Dinge auf mich fielen und sich ein Schwall Wasser über mich ergoss. Wo sind nur die guten Sitten geblieben? Warum werde ich nicht durch ein sanftes Schütteln und mit einer Tasse Kaffee geweckt?
Es war aber auf meiner persönlichen Rangliste der Kenterungen keine der ganz schlimmen. Der Mast berührte das Wasser nur gerade eben so, und wir trugen keine Schäden davon. Nur das ganze Bilgewasser in meiner Koje ärgerte mich maßlos. Ebenso ärgerlich war die Tatsache, dass ich erst eine halbe Stunde vor der Kenterung die Außenkameras abgeschaltet hatte. Wenn sie nur noch eine Weile länger gelaufen wären, dann hättet ihr jetzt die Bilder sehen können, statt meinen Blog zu lesen.
Nachdem sich ELLA’S PINK LADY wieder aufgerichtet hatte, merkte ich schnell, dass ich nicht viel tun konnte. Ich musste abwarten, bis sich der Sturm ein wenig beruhigt hatte. Also zog ich mein Ölzeug an, schloss das Schiebeluk und kletterte zurück in meine klitschnasse Koje. Es war nicht ganz das Gleiche wie im Schlafanzug und in einem Doppelbett mit frischer Bettwäsche, aber ich hätte nicht besser schlafen können!
Als ich wieder aufstand, schien die Sonne, und die See hatte sich weiter beruhigt. Sie war aber immer noch spektakulär und beeindruckte mich sehr. Ich beobachtete sie aus meiner sicheren Position unter dem Dodger, als der Windgenerator plötzlich verrückt spielte und anfing, wie wild zu röhren. Ich kletterte schnell ins Cockpit und entdeckte, dass das Geräusch gar nicht vom Generator kam. Es kam von einem Flugzeug über mir!
Es war die australische Zollbehörde, die das verdächtige kleine pinkfarbene Boot etwas genauer unter die Lupe nehmen wollte. Nein, ich scherze nur. Die Besatzung befand sich auf einem Routineflug und umkreiste mich zum Gruß. Sie erinnerte mich daran, die zuständigen Behörden nach meiner Ankunft in Sydney zu kontaktieren. Das erscheint mir etwas merkwürdig, denn ich habe ja nirgends angehalten. Aber es ist wohl eine Vorschrift, und mein Landteam wird das unter Kontrolle haben.
Danach aber hatte ich – inzwischen wieder mit mehr Segelfläche – einen sehr schönen Nachmittag bei abnehmenden Winden. Ich steuerte das Boot selbst, surfte voran und nahm die Bilder der eindrucksvollen See in mich auf.
Der Rest der Woche wird nicht leichter. Wir erwarten eine weitere Front und ein Tiefdrucksystem, doch dieses Mal fürchte ich es nicht mehr. Ich freue mich nur noch darauf, endlich südlich Tasmaniens zu segeln und dabei gute Geschwindigkeiten zu erreichen.
Morgen ist »ANZAC Day« (ANZAC = Australien and New Sealand Army Corps; Nationalfeiertag in Australien und Neuseeland). Also werde ich mir besondere Mühe geben, den Sonnenaufgang zu sehen und eine Minute an unsere vielen Soldaten in der Ferne zu denken. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, ein paar ANZAC-Kekse zu backen.
Wenn ich sie nicht hätte verbrennen lassen, hätten sie sicher gut geschmeckt! Ich habe sie trotzdem gegessen. Hier ist mein Rezept:
½ Tasse Mehrkorn-Brotmischung (anstelle von Mehl, denn das Boot buckelte immer noch zu sehr, um sich ins Vorschiff zu wagen und dort nach dem Mehl zu suchen)
Tasse Kokosflocken
Tasse Zucker
¾ Tasse Haferflocken
4 Esslöffel Butter
2 Esslöffel Goldsirup
½ Teelöffel Backpulver (zuvor in heißem Wasser aufgelöst)
1. Alle trockenen Zutaten in einer Schüssel (mit rutschfestem Boden!) mischen.
2. Die Butter und den Sirup schmelzen, das flüssige Backpulver hinzufügen und mischen.
3. Die flüssigen Zutaten den trockenen hinzufügen und mischen.
4. In einem Topf mit einigen Lagen Alufolie auf dem Boden den Teig in kleine Portionen verteilen, mit geschlossenem Deckel backen. Aber aufpassen, dass die Portionen nicht zu eng beieinanderliegen, sonst gibt es statt vielen nur einen einzigen großen Keks (was auch nicht verkehrt gewesen wäre, wenn er nur nicht verbrannt wäre).
Das Backen hatte mich für eine Weile von den Wetterwidrigkeiten abgelenkt, war aber auch ein ziemlicher Balanceakt. Auf Seite 317 seht ihr eine Karte (dank freundlicher Genehmigung des Australian Bureau of Meteorology), auf der die Wettersysteme zu sehen sind, die zu der Zeit um den Südzipfel Australiens durch das Südpolarmeer gezogen sind. [Australien liegt hier links oben, in der Mitte befindet sich die Antarktis.] Die dornenartigen Pfeile zeigen die durchgehenden Fronten. Und dies noch als Grundregel: Dort, wo die kurvigen Linien (oder: Isobaren) enger beieinanderliegen, ist der Wind stärker.
Mittwoch, 28. April 2010
Warten und weiter
Die Front am Samstag zog nur noch mit 35 Knoten Wind und ohne weitere Störungen an uns vorüber. Jetzt aber macht ein im Süden aufziehendes Tiefdrucksystem unser Leben ziemlich interessant. Um nicht zu sagen, sehr interessant – und sehr, sehr unerfreulich!
Die Wettervorhersage für Montag ist noch viel schlimmer. Nach einer langen komplizierten Diskussion mit Bruce und dem Rest des Teams habe ich mich für eine kurzzeitige Verzögerungstaktik entschieden, werde erst einmal in Richtung Norden steuern, bis das ärgste Wetter unter Tasmanien vorbeigezogen ist.
Als ich im Blog erwähnte, dass wir komplizierte Diskussionen führten, war das eine gehörige Untertreibung. Wir standen enorm unter Druck: Sollten wir nun doch durch die Bass-Straße abkürzen oder nach Plan südlich von Tasmanien weitersegeln? Die Frage bereitete uns Kopfschmerzen. Wir wussten nun, dass die Wetterbedingungen nicht gerade für die Tasmanienroute sprachen. Ich war in großer Versuchung, den Weg durch die Straße zu nehmen. Doch nachdem ich noch einmal vernünftig darüber nachgedacht hatte, gab es nur eine mögliche Entscheidung: Ich wollte die vier Kaps passieren – Kap Hoorn, das Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und das südöstliche Kap von Tasmanien. Obwohl weitere Sturmtage drohten, wollte ich nicht von meinem Plan abweichen und beenden, was ich angefangen hatte. Ich wusste, dass ich es mir immer vorwerfen würde, wenn ich es jetzt nicht tun würde. Ich hatte die Möglichkeit, und das Boot war bereit. Ich konnte einfach nicht den leichten Weg wählen!
Aber natürlich lag die Bass-Straße genau vor uns. Wir mussten in Erwägung ziehen, die Abkürzung durch sie hindurch zu wählen und damit dem schweren Wetter zu entgehen. Wir trafen dann die sicherste Entscheidung: Ich würde das Tiefdrucksystem aussitzen und dann wieder Kurs auf Tasmaniens Südspitze nehmen. Ich denke, wir hatten gar keine andere Wahl. Ich musste mich nur erst wieder beruhigen und damit abfinden, dass ich nun wohl noch ein bisschen weiter hier draußen würde abhängen müssen, bevor ich nach Sydney käme, wo die ersehnte heiße Dusche auf mich wartete!
Gestern Nacht wurde es dann ziemlich interessant. Ich habe den Treibanker ausgeworfen (ein fallschirmartiger Sack, der einen in schwerer See langsamer macht), um zu verhindern, dass wir zu viel Boden verlieren und zu oft umgeworfen werden. Die Windböen fielen mit bis zu 55 Knoten über uns her, und die See war (und ist immer noch!) ein totales und gigantisches Chaos mit acht bis zehn Meter hohen Wellen. Obwohl sich der Wind schon wieder beruhigt, wachsen die Wellenberge weiter.
Ich fühlte mich an meinen ersten Sturm mit ELLA’S PINK LADY erinnert, als wir die schwere See mit dem Treibanker abwetterten, denn auch jetzt gab es ganze Serien neuer Bewegungen zu spüren und neuer Geräusche zu hören. Es wurde nicht gerade die entspannteste Nacht. Ich spielte ein wenig mit den Leinen des Treibankers herum, um uns im richtigen Winkel zu den Wellen zu positionieren. Als ich mich gerade kurz zum Schlafen hingelegt hatte, wurden wir ein weiteres Mal umgeworfen. Jetzt in einem Winkel von mehr als 90 Grad, zur Abwechslung auf die Backbordseite (links). Wieder überstanden wir die Kenterung ohne große Schäden. Allerdings hat sich meine große Flasche Spülmittel ihren Weg aus dem Schrank gebahnt, flog quer durch den Raum und ergoss sich über alles! Die gesamte Kabine inklusive der Tastatur, auf der ich schreibe, ist voller klebriger, glitschiger, schaumiger, zitronenfrischer Flüssigkeit – fantastisch! Meine Mutter vermutet, dass ich vom Putzen besessen bin! Und ich frage mich, warum ich unter Deck überhaupt noch aufräume und trockne, wenn es doch nie lange hält.
Es wird noch eine Weile dauern, bis sich die See wieder beruhigt und wir auf südlichen Kurs gehen können. Damit verschiebt sich mein Ankunftsdatum einmal mehr weiter nach hinten. Doch dafür sind diese Wellen von verblüffender Schönheit. Ich habe über Jahre davon geträumt, wie solche Wellen wohl in der Realität aussehen würden. Sie sehen zehnmal unglaublicher aus, als ich mir es je vorstellen konnte. Ich kann kaum glauben, dass ich um die ganze Welt gesegelt bin, um sie dann hier in meinem eigenen Hinterhof zu sehen.
Es tut mir leid zu hören, dass Abby einen Reparaturstopp in Kapstadt einlegen muss. Doch wie Abby selbst gestern in ihrem Blog so treffend formulierte: Es ist auf bestimmte Weise auch schön, dass wir nun zwei verschiedene Rekorde im Visier haben. So müssen wir nicht gegeneinander antreten. Außerdem bin ich total eifersüchtig, dass sie mich nun voraussichtlich im Rennen um die erste heiße Dusche schlagen wird!
Beim Auswerfen des Treibankers kurz vor der letzten Kenterung hatte ich mir eine dicke Lippe geholt. Das Blut war überall, und ein blaues Auge gab es noch dazu. Die ersten paar Tage nach schwerem Wetter war ich immer sehr empfindlich und in desolatem körperlichen Zustand. Schon der Versuch aufrecht zu stehen kam für mich Schwerstarbeit gleich.
Nach einer Kenterung konnte ich immer genau sagen, wie weit wir ins Wasser gedrückt worden waren. Ich konnte es an den verschiedenen fliegenden Objekten erkennen, die sich nach dem Wiederaufrichten in der Kajüte neu arrangiert präsentierten. Egal, wie gut ich vor einem Sturm aufgeräumt und alles vorbereitet hatte – irgendwie rissen sich die Sachen trotzdem immer los und endeten an den merkwürdigsten Plätzen. In dem Sturm damals im Atlantik konnte ich den Winkel unserer Krängung sogar ganz genau bestimmen. Na ja, ich will es euch vielleicht doch lieber nicht näher erklären, denn der Grund ist ein bisschen eklig. Lasst uns festhalten, dass da eine braune Linie auf der Decke über der Toilette verlief! Glücklicherweise war es dieses Mal nur das Spülmittel, das später von der Decke tropfte und an den Wänden herunterlief.
Die verschiedenen Orte, an denen ich die umherfliegenden Objekte später eingezwängt entdeckte, zeigten deutlich, wie sehr ELLA’S PINK LADY umhergeschleudert worden war. Sie ist ein wirklich robustes Boot!
Während der Kenterungen im Atlantik war eine Tüte mit Joghurtkugeln aufgeplatzt. Die Dinger machten mich irre, weil sie wie wahnsinnig in der Kabine hin- und herrollten. Ich saß festgeschnallt auf meinem »möchtegern« trockenen Sitz, klammerte mich fest und konnte nichts dagegen tun. Noch vier Wochen später fand ich die Joghurtkugeln in den merkwürdigsten Ecken. Eine hatte sich ihren Weg hinter die Querstreben des Kochers gesucht und war von dort aus in den Geschirrschrank darunter gefallen. Und ich konnte und kann es bis heute kaum fassen, dass ich eine weitere in einem Stapel Socken im Vorschiff fand!
Die Wellen, die uns wirklich umgehauen haben, konnte ich nie wirklich sehen. Das bedaure ich irgendwie. Sie müssen unglaublich gewesen sein. Ich wüsste gern, wie riesig sie waren!
Donnerstag, 29. April 2010
Wir nehmen es, wie es kommt
Die See ist immer noch aufgewühlt, doch die Wetterbedingungen insgesamt sind heute viel angenehmer. Den Treibanker habe ich heute in der Früh eingeholt. Das war einfacher, als ich erwartet hatte. Seitdem rauscht ELLA’S PINK LADY unter ihrem kleinen Sturmsegel über die Wellen. Ich habe etwas Schlaf nachgeholt und meine eigenen Batterien aufgeladen, so lange es mir möglich ist.
Das waren die guten Nachrichten. Die schlechten beinhalten NOCH MEHR mistiges Wetter, das unsere Route kreuzen soll. Nachdem ich auf der Wetterkarte das nächste herannahende Tiefdruckgebiet sah – es soll uns am Wochenende erreichen –, musste ich sehr tief durchatmen, um cool zu bleiben. Ich habe jetzt schon mehr als nur ein paar blaue Flecken und schmerzende Muskeln zu beklagen. Ich fühle mich insgesamt erschöpft und könnte gerade töten für ein bisschen angenehmes Segelvergnügen. Doch das werden wir offenbar nicht bekommen. Ich werde also zäh sein und durchhalten müssen!
Was mir wirklich hilft, ist das Wissen, dass ELLA’S PINK LADY genau für solche Bedingungen gebaut wurde. Auch Bobs Wetterprognosen helfen. So lange ich darauf achte, genügend Ruhe zu finden und regelmäßig zu essen, werde ich alles aushalten können. Es hilft mir auch, dass da draußen tonnenweise Menschen sind, die an mich denken – danke, Leute!
Die Lage war zu diesem Zeitpunkt wirklich hart. Seit wir Kap Leeuwin erreicht hatten, hämmerte uns nahezu nonstop Front auf Front entgegen, während die grimmigen Tiefdruckgebiete in Richtung Süden an uns vorbeizogen.
Als Bob seine nächste Wettervorhersage schickte, die Windböen mit einer möglichen Stärke von bis zu 65 Knoten und bis zu elf Meter hohe Wellen ankündigte, war ich wirklich nicht glücklich! Ich kroch längst auf dem Zahnfleisch, und diese Nachricht empfand ich wie einen zusätzlichen Faustschlag in den Magen. Wenn sich mir in diesem Moment eine leichtere Alternative geboten hätte, dann hätte ich sie vielleicht gewählt. Nachdem ich die Prognose erhalten hatte, beklagte ich mein Schicksal für etwa eine halbe Stunde, weinte ein wenig und tat mir selber leid. Ich wünschte, jemand würde mich in die Arme nehmen und sich um mich kümmern. Ich vermisste mein Zuhause und hatte absolut genug von der salzigen, feuchten Luft, die einfach alles dominierte. Nach einer Weile wurde ich ein bisschen ärgerlich, dann wütend über das Wetter. Die Ereignisse machten mich verrückt. Doch dann entschied ich, dass ich meinen Törn nicht in einer derart miesen Stimmung beenden wollte. Ich musste mich weiter zusammenreißen und mit der Situation auseinandersetzen.
Es gibt ein Zitat von Bethany Hamilton, das mir sehr gefällt. Bethany war ein Shootingstar in der Surfszene, bevor sie in ihrem Heimatrevier vor Hawaii von einem 14 Fuß großen Tigerhai angefallen wurde. Sie war 14 Jahre alt. Ihr musste der linke Arm kurz unterhalb der Schulter abgetrennt werden, aber nur einen Monat später war sie zurück auf dem Wasser und surfte wieder. Heute ist sie 20 Jahre alt und Profisurferin. Bethany ist eine außergewöhnlich mutige Frau und sagt: »Courage, Opfer, Entschlossenheit, Hingabe, Härte, Herz, Talent, Mut. Das ist der Stoff, aus dem kleine Mädchen gemacht sind. Zum Teufel mit Liebreiz und dem ganzen anderen Quatsch!«
Ich nahm mir Bethanys Worte zu Herzen. Ich hatte immer noch Angst und die Nase gestrichen voll. Und jetzt hätte ich definitiv einen leichteren Weg gewählt, wenn ich in diesem Moment noch einmal die Wahl gehabt hätte. Aber ich wusste, dass ich härter war als alles, was mir das Südpolarmeer entgegenschleudern könnte. Alles, was ich also tun musste, war weitermachen. Was in diesem Fall bedeutete, dass ich ELLA’S PINK LADY so schnell wie möglich um Tasmanien herumjagen musste, um dem Zentrum des Tiefdruckgebietes zu entkommen.
Gewitter-Video
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Montag, 3. Mai 2010
Das letzte Kap
Gute Nachrichten! ELLA’S PINK LADY und ich haben es um das südöstliche Kap von Tasmanien geschafft und segeln nun auf nördlichem Kurs dem Finale in Sydney entgegen! Wir haben die Landmarke mit einigem Abstand bei Dunkelheit und in wenig angenehmen Bedingungen passiert. Trotzdem hat es mich sehr glücklich gemacht.
Ich habe, ehrlich gesagt, nie erwartet, dass die Rundung Tasmaniens eine große Sache sein würde. Doch die Mühen der letzten Woche haben die Passage am Ende zehnmal süßer gemacht. (Insidertipp: In fünf Meter hohem Wellengang wie ein Korken auf und ab zu hüpfen, macht keinen Spaß. Aua!) Noch darf ich in meiner Wachsamkeit nicht nachlassen, aber es ist ein schönes Gefühl, zurück in heimatlichen Gewässern zu sein. Ich bin begeistert, dass die Temperaturen wieder steigen. Okay, es ist nicht wirklich kalt hier unten, ich nöle nur ein wenig herum. Aber wenn man mit nassen Händen an Deck arbeitet, dann braucht der Wind nur ein paar Minuten, um sie taub werden zu lassen …
Nachdem ich mir so viele Sorgen gemacht hatte, hatte sich das Wetter gar nicht so schlimm entwickelt wie erwartet. Es war in den letzten Tagen zwar ziemlich windig, doch nicht einmal die Böen überschritten in der vergangenen Nacht 40 Knoten. Der Wind weht aktuell mit 25 Knoten, und der Wellengang lässt nach, während wir Tasmanien in Lee passieren.
Dienstag, 4. Mai 2010
Ein freier Tag, Gegenwind und – was kommt danach?
Gestern habe ich endlich den Tag bekommen, den ich mir schon so lange gewünscht habe: ein klarer Himmel, leichter Wellengang, leichte Winde. Was für ein Novum, einmal nicht sieben Tage und 24 Stunden lang um sein Leben zu kämpfen! Na ja, das ist etwas übertrieben. Trotzdem kam mir dieser Tag wie ein Geschenk vor.
Erst einmal habe ich so gut geschlafen wie schon sehr lange nicht mehr. Schließlich wurde ich von einer freundlichen Stimme über Funk geweckt. Ein weiteres Flugzeug der Zollbehörden flog über uns hinweg, um uns zu begrüßen. Den Rest des Tages war ich in Sachen Segeln ziemlich faul.
Stattdessen habe ich den Sonnenschein genutzt, um einige anstehende Jobs zu erledigen. Außerdem habe ich mich selbst ein wenig mit meiner großen Auswahl an Ella-Baché-Pflegeprodukten verhätschelt. Das erzähle ich nicht nur, weil sie mein Sponsor sind. Ella Baché hat einige wirklich unglaubliche Produkte. Es sagt doch viel, dass meine Haut nach sechs Monaten in Salz und Wind besser aussieht als jemals zuvor! Ich kann die Sonnencremes und die After-Sun-Produkte nur wärmstens empfehlen.
Diesen freien Tag hatte ich so sehr gebraucht! Es war wie nach der Rundung Kap Hoorns … Als ich das Kap gerundet und auch Eddystone Rock (eine 30 Meter hohe, seltsam geformte Insel, die vor dem Südostkap liegt) passiert hatte, konnte ich meine Augen kaum mehr offen halten. Nur ist dies leider kein Ort, dem man seine Aufmerksamkeit lange entziehen sollte. Ich musste meine Batterien schnell aufladen. Das Revier um Tasmanien ist unter Surfern berühmt wegen seiner versteckten Riffe und der gigantischen Wellen, die dort aus dem Südpolarmeer ankommen und auf spektakuläre Weise brechen. Doch nach den wilden Seen, die wir unterhalb der Großen Australischen Bucht erlebt hatten, war das Thema Surfen für ELLA’S PINK LADY und mich vorerst ausreichend abgearbeitet!
Heute kam der Wind zurück – ELLA’S PINK LADY genau auf die Nase. Wir sind also nur langsam vorangekommen. Aber ich will nicht klagen. Sydney wirkt von dieser Seite Tasmaniens schon sehr nah. Ich bin in Gedanken an die Ziellinie schon ziemlich aufgeregt.
Meine Gedanken erinnern mich aber auch daran, das Beste aus den letzten Tagen hier draußen zu machen. Ich habe immer gesagt, dass ich zur Halbzeit meiner Weltumseglung eine ziemlich gute Vorstellung davon hatte, was ich als Nächstes gern tun würde. Doch das hat sich als Irrtum erwiesen. Jetzt habe ich fast die ganze Welt umrundet, und es gibt eine Million Dinge, die ich kaum erwarten kann zu tun!
Ich habe so viele Pläne (die meisten hauen meinen Vater nicht gerade um!), und ich freue mich auf einen Sack voller neuer Segelprojekte. Doch es wird eine Weile dauern, bis ich mich an Land wieder eingelebt habe. Ich werde die aufregenden Ereignisse genießen, die für mich geplant sind. Ich werde mein Buch zu Ende schreiben und den Dokumentarfilm schneiden. Ich möchte meinen Führerschein machen und die Schule beenden. Das alles ist mehr als genug, mich weiter auf Trab zu halten. Ich sehne mich außerdem nach Reisen. Ich weiß, dass es verrückt klingt, aber ich meine die Art von Reisen, auf denen man irgendwo verweilt und Menschen kennenlernt!
Nun ist es Zeit zum Abendessen. Heute gibt es Lammkeule von Easyfood. Ich gehe jetzt besser, damit sie nicht kalt wird …
Wenn ich auf See war, hatte ich selten negative Gedanken mit Blick auf meine Rückkehr nach Hause. Witzig jedoch fand ich all die lächerlichen Gerüchte, Geschichten und Kommentare, die ich über meine Familien und meine Freunde gehört habe. Ich habe ja so gelacht, als ich hörte, dass jemand behauptet hat, die BIG WAVE RIDER hätte mich während des ganzen Törns begleitet. Urkomisch!
Auch haben einige Leute von Beginn an behauptet, ich würde meine Blogs gar nicht selber schreiben. Genauso amüsant, aber auch ärgerlich war, dass einige Leute einfach nicht glauben wollten, dass ein 16 Jahre altes Mädchen imstande ist, ihr eigenes Buch zu schreiben und eine eigene Meinung zu vertreten.
Es gab sogar Gerüchte darüber, dass ich in Wirklichkeit einen Stopp auf Tasmanien eingelegt und dort ein paar Nächte in einer kleinen Frühstückspension verbracht hätte. Ich wünschte, es wäre wahr gewesen!
Und dann kam der Gipfel, denn es entbrannte in meinen letzten Wochen auf See noch eine heftige Debatte darüber, ob ich für eine korrekte Weltumseglung tatsächlich genügend Seemeilen absolviert hatte.
Der Artikel, der diese Debatte ausgelöst hatte, war von einer sehr erfahrenen Seglerin geschrieben worden: Nancy Knudsen. Er erschien zuerst auf der Website von Sail-World. Seine Kernbotschaft lautete, dass ich Jesse Martins WSSRC-Rekord als jüngster Segler, der jemals die Welt nonstop und ohne Hilfe von außen umsegelt hat, nicht gebrochen hätte. Dazu wurde John Reed zitiert. Der Mann, dem ich im Juni 2009 geschrieben hatte, um herauszufinden, was genau ich tun müsste, um Jesses offiziellen WSSRC-Rekord anzugreifen. John Reed sagte laut Sail-World, dass meine Reise nicht der Definition für Weltumseglungen entspräche und einem Vergleich mit Martins Leistung nicht standhielte.
Auf dem Papier hatte Nancy Knudsen Recht. Weder ich noch irgendjemand anderes würde jemals imstande sein, Jesse Martins Rekord zu brechen, denn es gibt diesen Rekord als jüngster Weltumsegler offiziell nicht mehr. Die Debatte entwickelte sich kurz vor meiner Rückkehr zu einer bizarren Geschichte. Mr. Reed hatte mir vor meiner Abreise ziemlich klar gemacht, dass es unsinnig war, auf der gleichen Route wie Jesse zu segeln, weil das WSSRC keine Altersrekorde mehr anerkennen würde. Also würde das WSSRC meinen Törn auch nicht prüfen. Damals, im Mai 2009, hatte mir Terry Hammond, ein Freund und Helfer, bei der Korrespondenz mit John Reed geholfen. Wir haben ihm beide geschrieben, und Terry hat zusätzlich noch Kontakt zu Jean-Louis Fabry (dem stellvertretenden Vorsitzenden des WSSRC) aufgenommen, um sicherzustellen, dass wir das Reglement korrekt interpretieren. Er ging sogar so weit, sich danach zu erkundigen, welche der verschiedenen Formeln zur Kalkulation der Großkreis-Distanzen das WSSRC nutzte. Herr Fabry antwortete, dass die orthodrome Distanz (der Großkreis) des Törns mehr als 21 600 Seemeilen betragen müsste, um vom WSSRC anerkannt zu werden. Nach weiteren Briefwechseln und der Bestätigung, dass das WSSRC die Reise unter keinen Umständen anerkennen würde, weil ich noch nicht 18 Jahre alt war, hatte ich mich dazu entschieden, einen Kurs zu absolvieren, der die Kriterien erfüllte, die für Nonstop-Einhand-Weltumseglungen ohne Hilfe von außen allgemein akzeptiert sind.
Ich konnte den ganzen Alarm überhaupt nicht verstehen (das war doch alles längst bekannt!). Als dann ABC-News John Reed befragte, hat er ihnen gesagt, dass er ein »solches Statement betreffend Watson nicht abgegeben« hätte. Es scheint also, als sei ich nicht die einzige Person gewesen, die verwirrt gewesen ist.
Das alles hätte mich vermutlich nicht sehr getroffen, denn bei meiner Reise ging es für mich nie wirklich um den Rekord. Es ging um ein persönliches Ziel. Und darum zu beweisen, dass es jedem Menschen möglich ist, seine Träume zu verwirklichen. Keiner der beiden Beweggründe konnten durch ein Stück offizielles Papier infrage gestellt werden. Doch dann wurde es hässlich.
Um mich machte ich mir keine Sorgen. Doch für meine Leute zu Hause wurde es ein wenig quälend. Einige Menschen griffen Andrew Fraser mit Negativ-Kommentaren an und behaupteten sogar, dass ich meine Gespräche mit Sponsoren auf Basis falscher Aussagen geführt hätte. Man warf mir auch falsche Behauptungen auf meiner Website vor, weil ich dort gesagt hatte, dass ich Jesse Martins Rekord angreifen und selbst der jüngste Mensch werden wollte, der die Welt je allein nonstop und ohne Hilfe von außen umrundet hat. Die Wahrheit ist: Es gab keinen offiziellen Rekord mehr. Dennoch würde ich – sollte ich Erfolg haben – wesentlich jünger sein als Jesse Martin, David Dicks, Mike Perham oder Zac Sunderland. Also wäre ich die jüngste Person, die je die Welt einhand umrundet hat.
Im Streit um meinen Rekord ging es offensichtlich darum, dass ich angeblich nicht weit genug gesegelt war. Doch wenn ich meine Meilen mit jenen vergleiche, die Kay Cottee absolviert hat, dann gleichen sich die Routen doch sehr. Ich war vielleicht sogar noch ein wenig weiter gesegelt. Dennoch hat das WSSRC ihren Rekord mit Freude als Solo-Weltumseglung ohne Hilfe und nonstop um die Welt anerkannt.
Ich hätte alles das einfach ignorieren und auch gar nicht in diesem Buch erwähnen können. Doch ich habe seit meiner Rückkehr einige der Artikel gelesen, die zu der Zeit veröffentlicht worden waren. Insbesondere einen aus dem »Sunday Age«. Dort wurde Sail-Worlds Chefredakteur Rob Kothe zitiert: »Wir glauben nicht, dass sie ihre eigenen PR-Entscheidungen getroffen hat. Wir glauben nicht, dass sie ihre eigene Route festgelegt hat.« Es gab Behauptungen, ich hätte meine Blogs nicht selber geschrieben. Und Herr Kothe sagte weiter: »Die Leute denken, dass wir Jessica kritisieren. Das tun wir nicht. Wir kritisieren ihr Management.«
Aus meiner Sicht hat er mich kritisiert. Und das auf schlimmstmögliche Weise. Er hat angedeutet, ich sei nur eine Marionette ohne eigene Stimme und ohne eigenen Willen.
Und so, wie man auf Menschen wütend ist, die deine Familie attackieren, so war ich verärgert, dass jemand die Menschen kritisierte, die so hart dafür gearbeitet hatten, dass diese Reise möglich wurde.
Wieder kam Unterstützung von den Menschen, die ich bewundere: Ian Kiernan, Jesse Martin und John Bertrand haben sich öffentlich auf unsere Seite gestellt. Auch die vielen Kommentare im Blog waren wunderbar.
Donnerstag, 6. Mai 2010
Jede Sekunde genießen
Normalerweise halte ich mich nicht damit auf, Menschen zu kritisieren. Es wird immer jemand da sein, der irgendetwas von sich gibt – egal, was ich sage oder tue. Doch in dieser Angelegenheit ist es mir einen Einwurf wert. Ich möchte die Behauptungen kommentieren, ich hätte die Welt nicht »offiziell« umrundet.
Ihr könnt mich unreif nennen, aber ich musste gerade über das ganze Theater kichern. Wenn ich nicht um die Welt gesegelt bin, dann frage ich mich, was ich die ganze Zeit hier draußen gemacht habe! Klar ist es schade, dass meine Reise von einigen Organisationen nicht anerkannt wird, weil ich noch nicht 18 Jahre alt bin. Aber mich stört das gar nicht.
Es gibt ja auch Millionen, vermutlich Milliarden Menschen, die immer noch nicht an die globale Erwärmung glauben. Also kann ich ganz gut damit leben, das eine kleine Gruppe gegen den Strom schwimmender Menschen weiterhin erklärt, dass meine Reise keine offizielle Weltumseglung war. Ich glaube, dass ich nun genug Zeit mit der ganzen kleinkarierten Debatte vergeudet habe – weiter geht’s!
In den letzten paar Tagen hatten wir von jedem Wetter etwas. Ein bisschen Sonnenschein, etwas stärkere Winde und in der vergangenen Nacht einen Gewittersturm, der gabelförmige Blitze ins Wasser geschickt hat, die nicht weit von ELLA’S PINK LADY im Wasser einschlugen.
Unter der Belastung sind einige der Nähte im Großsegel wieder aufgeplatzt. Doch davon abgesehen – und von meinen wunden Händen und einem kleinen Problem mit dem Motor –, versuche ich mich momentan zu sammeln. Ich könnte kaum besserer Stimmung sein.
Ich kreuze die Küste hinauf und verbringe hier die Zeit meines Lebens. Ich quäle ELLA’S PINK LADY nicht mehr allzu sehr und freue mich auf meine Ankunft am 15. Mai. Ich genieße alle Höhen des Einhandsegelns, und in ein paar Tagen schon werde ich meine Freunde und meine Familie sehen.
Ich kann nun ganz sicher sagen, dass ich mit Blick auf meine baldige Heimkehr ernsthaft aufgeregt bin! Es ist wahrscheinlich gut, das ich allein auf dem Boot bin. Wäre da noch jemand anderes, würde ich ihn mit meiner hyperaktiven Energie wahnsinnig machen.
Samstag, 8. Mai 2010
Sonnenschein, ein Schiff und Motorprobleme
Wir hatten viel Sonne in den letzten Tagen, und heute kann ich überglücklich 20 °C Kabinentemperatur vermelden! Es ist schon eine Weile her, dass es so warm war. Allerdings läuft nicht alles so gut wie das Wetter.
Die Kraftstoffleitungen am Motor machen mir immer noch Kummer. Ich kann ihn nicht starten. Das ist nicht das Ende der Welt, bedeutet aber, das ich besonders vorsichtig mit meinem Stromverbrauch sein muss. Wenn ich sie nicht wieder in Gang bekomme, dann müssen Jesse und Mike ELLA’S PINK LADY eben nach der Ziellinie zum Steg rudern. Nein, ich scherze nur. Wir werden uns etwas ausdenken. Es wäre sehr schön, den Hafen aus eigener Kraft anlaufen zu können. Ich werde es weiter versuchen!
Seit ich vor einer Weile das Proviantsystem außer Kraft gesetzt habe und nur noch meine Lieblingsgerichte esse, gehen die besten Sachen langsam zur Neige. Ich musste tatsächlich anfangen, jene Gerichte zu nehmen, die ich normalerweise übrig lasse (ich weiß, dass es mir recht geschieht!). Andererseits habe ich noch so viel Frischwasser, dass ich es zum Waschen benutzen konnte. Auch die Toilette hat sich entschieden, nicht mehr mit mir zu spielen. Das wiederum finde ich ärgerlicher als alles andere. Hätte sie mit ihrem Streik nicht noch eine Woche länger warten können?
Letzte Nacht hat das AIS zum ersten Mal seit Afrika ein Schiff gemeldet. Es kam uns aber nicht sehr nahe. Ich bin überrascht, dass es bislang das einzige war.
Falls ihr mal einen Blick auf unsere Reiseroute geworfen habt oder ohnehin mit den hiesigen Gewässern vertraut seid, dann fragt ihr euch vielleicht, warum es bis nach Sydney so lange dauert. Wäre ich in Eile oder das Wetter miserabel gewesen, dann hätte ich Sydney auch vor dem 15. erreichen können. Doch ich habe schon vor einer ganzen Weile gemeinsam mit meinem Team entschieden, dass der 15. unser Ankunftstag sein sollte. Ich wollte mich nicht dem Druck aussetzen, es früher schaffen zu müssen. Wir haben deshalb ein Datum festgelegt und nicht einfach ELLA’S PINK LADY und mich den Winden und dem Zufallsprinzip überlassen, weil viele Leute Flugtickets buchen und ihre Reisen organisieren müssen.
Hätte sich meine Ankunftszeit noch einmal verschoben, dann hätte ich jetzt allerdings ziemlich viele verärgerte Verwandte. Ich habe gehört, dass sich die Organisation meiner Ankunft in Sydney zu einer komplizierten Angelegenheit entwickelt, weil alle möglichen Behörden involviert sind.
Wäre ich verzweifelt und hätte das dringende Gefühl, ELLA’S PINK LADY Hals über Kopf verlassen zu müssen, wären die Dinge anders gelaufen. Doch die Sonne scheint wieder. Ich bin total aufgeregt, habe es aber nicht besonders eilig, nach Hause zu kommen. Ich möchte das gern unmissverständlich klarstellen: Ich fühle mich von niemandem zu Hause unter Druck gesetzt, an einem bestimmten Datum in Sydney einzulaufen. Ihr könnt mir glauben: Dazu bin ich viel zu dickköpfig! Wenn ich eher hätte zurückkommen wollen, dann hätte ich das getan!
Ich habe jede Sekunde dieser letzten paar Tage auf See genossen. Erinnert ihr euch noch an meine Zeilen über rosarote Brillen? In dieser Woche sah ich alles durch die »Juhu-ich-bin-schon-fast-zu-Hause«-Brille. Klingt das jetzt total bekloppt, oder wie? Es war aber genauso. Ich hatte das Gefühl, 24 Stunden am Tag zu grinsen, und platzte fast vor Aufregung, wenn ich an das Wiedersehen in ein paar Tagen dachte. Der konstante Gestank des Diesels als Auswirkung des Problems mit dem Motor verursachte mir Kopfschmerzen, doch nicht einmal die konnten meiner guten Laune etwas anhaben.
Nach der anstrengenden Annäherung an Tasmanien war ich ziemlich erschöpft und deswegen erleichtert, dass wir den 15. als Ankunftstag festgelegt hatten. So konnte ich die letzten Momente mit ELLA’S PINK LADY genießen und die tolle gemeinsame Segelzeit auskosten, ohne mir Sorgen über eine pünktliche Ankunft zu machen, falls etwas schiefgehen sollte. Nicht zu reden von den vielen Menschen, die in meinem Blog mit mir gereist sind und denen wir eine Chance geben wollten, nach Sydney zu kommen, wenn sie das wollten. Ich wusste, dass einige Leute im Blog geschrieben hatten, dass sie kommen würden, aber ich hatte noch keine Ahnung, wie viele an diesem Tag dort sein würden. Sicher wusste ich nur, dass Jesse und Mike an Bord kommen und mit mir in den Hafen segeln würden, sobald ich die Ziellinie überquert hatte.
Montag, 10. Mai 2010
Der Motor läuft!
Der kleine Yanmar-Motor läuft wieder! Er ist ein bisschen sensibel, aber er funktioniert. Anstelle der kaputten Dieselpumpe habe ich die Wasserpumpe installiert. Der Motor sieht nun mit den ganzen Schläuchen, die nicht zueinander passen, etwas eigenwillig aus, sollte es aber bis ins Ziel schaffen. Abgesehen von dem kleinen Höhenflug, zu dem ich abhob, weil ich es geschafft hatte, etwas zu reparieren, war ich auch ziemlich erleichtert. Wir hatten in den vergangenen zwei Tagen kaum noch Wind, und die Batterien hatten weniger Ladespannung, als ich dachte.
Danke an Jim, Ian und Dad für die Ideen und Bruce für die Aufmunterung (soll heißen: Drohung!). Bruce wusste ganz genau, was er mir sagen musste, um mich in Wallung zu bringen und mich anzuspornen, den Motor wieder in Gang zu bringen. Wenn es etwas gibt, das ich hier draußen gelernt habe, dann dies: Es gibt nichts, das nicht mit genügend Ausdauer repariert werden kann. Auch, wenn man dafür ein anderes Teil des Bootes auseinanderreißen muss!
Abgesehen davon, dass ich beim Herumpuzzeln am Motor viel Zeit damit verbracht habe, mich mit Diesel vollzukleckern, habe ich reichlich Sonnenschein genossen und mir besondere Mühe beim Hausputz (Bootsputz) gegeben, damit Mum keine Herzattacke bekommt, wenn sie die Kabine sieht. Na ja, in Wirklichkeit ist meine Mutter nicht so. Und die Kajüte hat auch nie so schlimm ausgesehen (räusper, räusper …).
Gestern habe ich den ersten Blauwal auf dieser Reise gesehen (das kann ich selbst kaum glauben). Dann lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken, als etwas ernsthaft Großes in der Dunkelheit überall um uns herum aus dem spiegelglatten Wasser sprang. Vermutlich war es nur ein Marlin, aber ich wollte mir lieber vorstellen, dass es etwas Aufregendes wie ein großer Weißer Hai auf der Jagd nach seinem Abendbrot war.
Außerdem war gestern Muttertag! Und ich konnte meiner Mutter weder ein Frühstück ans Bett servieren noch ihr eine Karte schicken, wie sie es millionenfach verdient hätte. Meine Mutter hat mich gehen lassen und half mir an die Startlinie, während sie sich gleichzeitig noch um alle anderen kümmerte. Was meine Mutter getan hat, ist in meinen Augen viel härter als alles, was ich hier draußen erlebt habe. Danke, Mum!
Das zuletzt herrliche Wetter und die wunderschönen Sternenhimmel haben mir ein kleines Problem beschert: Ich weiß gar nicht, ob ich möchte, dass diese Reise endet! So wie jetzt könnte ich sie ewig fortsetzen. Ein ruhiger Tag nach dem anderen, an denen ich die kleinen Herausforderungen in meiner eigenen Geschwindigkeit angehen kann und das eine oder andere Problem mich auf Trab hält. Doch auf der anderen Seite gibt es auch so viele Dinge, auf die ich mich bei meiner Rückkehr nach Hause freue!
Auf eine Art und Weise glaube ich, dass es genauso hart sein wird, zurück durch die Sydney Heads zu segeln, wie es war, durch sie hinauszusegeln. Man hat mir gesagt, dass sich für mich vieles radikal verändern wird. Das ist ein bisschen beängstigend. Aber andererseits fürchte ich mich dann doch nicht davor. Solange ich inmitten riesiger Wellen, in Dunkelheit und nach Kenterungen Gründe zum Lachen finde, solange werde ich über alles lächeln können, was meinen Weg kreuzen wird.
Oh je, ich werde gerade viel zu kitschig und nachdenklich. Ich höre jetzt besser auf.
Noch vier Tage und fünfmal schlafen.
Donnerstag, 13. Mai 2010
So nah – und was ich vermissen werde
Das perfekte Wetter verabschiedete sich am späten Donnerstagabend mit Gewitterstürmen und eiskalten südlichen Winden (brrr!). Gestern hatte der Wind Sturmstärke, aber heute hat er wieder auf 30 Knoten abgenommen, beschert uns großartige Surfbedingungen und eine bewegte See, die sich dort hervortut, wo sie auf den Ostküstenstrom trifft.
Ich habe den Tag an Deck verbracht und uns beim Surfen zugesehen. Dabei habe ich von einem eiskalten Ohr bis zu seinem tauben Pendant auf der anderen Seite gegrinst (ich bezahle aber gerade mit einem extrem verbrannten Gesicht dafür).
Ich kann gar nicht glauben, wie schnell diese Woche vergangen ist. Noch zweimal schlafen bis zur Ziellinie. Habe ich schon erwähnt, wie aufgeregt ich bin? Ich fühle mich wie einen Tag vor Weihnachten. Zweimal schlafen bis zu einer heißen Dusche, frischem Essen und, und, und … allem anderen! Allerdings wird es wohl noch eine Weile dauern, bis die Erkenntnis, dass ich wirklich gerade um die Welt gesegelt bin, in mein Bewusstsein vorgedrungen ist. Sie ist zu groß, um sie jetzt schon zu fassen.
Irgendwann im Atlantik habe ich einmal eine Liste von Dingen geschrieben, die ich an zu Hause vermisste. Deswegen schreibe ich nun auch eine Liste mit den Dingen, die ich an hier draußen vermissen werde, wenn ich erst wieder zu Hause bin. Punkt eins ist sehr offensichtlich: Ich werde das tägliche Segeln nach dem Aufstehen vermissen. Ich werde es vermissen, mich außer Reichweite meines nervigen Bruders zu befinden. Ich werde es vermissen, die Dinge in meinem eigenen Tempo anzugehen und so laut zu singen, wie ich kann, ohne dass ich vorher den Saal räumen lassen muss.
Ich werde das Wahnsinnsgefühl vermissen, das mir bestandene Herausforderungen und das Fliegen bei Nacht geben. Ich werde die immer neuen Sonnenuntergänge vermissen und die Zeit, die ich mir immer für sie genommen habe. Ich werde es vermissen, die See und die Wellen zu beobachten. Wir sind nun schon sieben Monate unterwegs, und sie langweilen mich noch immer nicht! Ihre taumelnden weißen Spitzen im Sturm und ihre spiegelglatten Reflexionen bei Tag oder Nacht. Ich werde die Albatrosse vermissen, die um den Mast der ELLA’S PINK LADY herumkreisten. Und ich werde die Faulenzertage vermissen, an denen es mir schon zu viel war, einfach nur meine Haarbürste zu suchen!
Bruce, Suzanne und Mick werden mir mit der BIG WAVE RIDER entgegenkommen, um die letzten Seemeilen an der Seite von ELLA’S PINK LADY zu absolvieren. Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen.
Wir sehen uns bald!


