Erinnert ihr euch noch an eure Kindheit? Erinnert ihr euch an die Zeit, als ihr noch klein gewesen seid und die Vorfreude auf Weihnachten und den Weihnachtsmann mit all seinen Geschenken so aufregend war, dass ihr nicht einschlafen konntet? Ich hatte erwartet, dass ich mich in der letzten Nacht vor meiner Abreise etwa so fühlen würde. Aber es war nicht so. Ich verbrachte einige Zeit damit, unter Deck Ordnung zu schaffen, blieb aber nicht lange wach. Ich weiß, dass ich gut geschlafen habe, weil ich vom Klingeln des Weckers erwachte. Ich blieb noch eine Weile in der Koje liegen, eingekuschelt in meinem Schlafsack, und lauschte dem Nieselregen. Erst als Bruce an die Bordwand von ELLA’S PINK LADY klopfte, um nach mir zu sehen und mir zu sagen, dass Pat und Judy an Bord der BIG WAVE RIDER Frühstück für alle zubereiten würden, schälte ich mich aus dem Schlafsack. Der Gedanke an Essen half mir beim Aufstehen.

An die Zeit nach dem Frühstück erinnere ich mich nur verschwommen. Die Medien waren schon in Wallung. Der Auflauf ließ alles merkwürdig erscheinen. Wir mussten den Zugang zu einigen Bereichen beschränken. Trotzdem waren die Leute, die in der Marina arbeiteten oder mit ihrem Boot hier lagen, sehr freundlich. Sie halfen mir dabei, die Kameras auf Mindestabstand einer Armlänge zu halten und schafften etwas Raum für mich und meine Familie. Es war eigentlich urkomisch, denn Bruce und Scott Young mussten als Bodyguards einspringen, um mich durch das Gewühl der Journalisten und Filmteams mit ihren auf mich gerichteten Fernsehkameras und Mikrofonen zu bugsieren. Die Fragen rissen nicht ab. Ich hatte seit dem Aufstehen ein Lächeln im Gesicht, denn heute war ja »der Tag«. Aber jetzt musste ich fast kichern, denn alles wirkte so unglaublich übertrieben. Ich erinnere mich an zwei Fragen, die von verschiedenen Reportern immer wieder gestellt wurden: »Wie fühlst du dich?« – Ja, konnten sie denn das Lächeln in meinem Gesicht nicht sehen? Und: »Wie wird das Wetter sein?« – Konnten sie das nicht selbst herausfinden?

Ich stellte sicher, dass ich jede Sekunde meiner letzten heißen Dusche genoss. Abgetrocknet und angezogen, schlich ich mich aus einem anderen Ausgang hinaus und eilte zur Marina zurück, bevor ich wieder ins Visier der Kameras geriet.

 

Zurück auf ELLA’S PINK LADY fummelten wir alle ein wenig am Boot herum und bereiteten die Segel vor. Wir beschäftigten uns und versuchten, nicht an den näher rückenden Abschied zu denken. Immer wieder kamen Leute, um mir eine gute Reise und viel Glück zu wünschen. Ich freute mich darüber, merkte aber, dass meine Emotionen zunahmen.

Schließlich musste ich mich nach einer Weile sogar unter Deck verstecken, um mich ungestört und persönlich von meiner Familie verabschieden zu können. Anfangs gelang es mir noch, die Tränen zurückzuhalten. Doch dann gab es kein Halten mehr. Es waren keine Tränen der Trauer, der Angst oder der Nervosität. Es waren nur Tränen in Gedanken an die Menschen, die ich liebe und über eine so lange Zeit nicht sehen würde. Die Zeit des Lachens und der Witze war vorbei. Es herrschte eine sehr emotionale Stimmung, und es war fast unmöglich, nicht zu weinen, denn um mich herum schluchzten längst alle. Ich weiß nicht einmal mehr, wer damit angefangen hatte. Doch einmal begonnen, war es wie eine Kettenreaktion. Wir steckten uns alle gegenseitig an. Als wir die Leinen loswarfen und sie mir alle zuwinkten, war das Dock voll mit weinenden Menschen, denen die Tränen über ihr stolz lächelndes Gesicht liefen.

Am härtesten war der Abschied von meinem Vater, denn er nahm meine Abreise ziemlich schwer. Er hatte mich unterstützt, seit er wusste, wie ernst es mir war. Aber ich weiß auch, dass er immer hoffte, ich würde meine Meinung doch noch ändern.

Eigentlich wollte ich ihm in diesem Moment sagen, wie perfekt alles für mich war und wie glücklich ich mich schätzte, meinen Traum leben zu können, aber ich konnte nicht aufhören zu weinen. Auch der Abschied von Hannah und Tom geriet ziemlich klammerig und sentimental. Ich hielt Hannahs Hand und drückte sie und Tom immer wieder an mich. Von Emily hatte ich mich bereits verabschiedet, weil sie an meinem Abreisetag an einem anderen Ort sein musste. Ich umarmte Mama fest und sah sie dabei die ganze Zeit an, versuchte, mir jedes Detail ihres Gesichts genau einzuprägen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns die Filmcrew von »60 Minutes« beachtete, aber ich denke, dass sie ein paar ziemlich emotionale Szenen eingefangen haben. Als ich schließlich davonmotorte, weinte sogar der abgeklärte alte Haudegen und Journalist Charles Wooley gemeinsam mit den anderen.

 

Den Motor zu starten und mit ELLA’S PINK LADY abzulegen fühlte sich irgendwie unwirklich an. Doch sobald wir frei waren, riskierte ich einen letzten Blick über meine Schulter und sah dort am Steg meine tapfere Familie, mein bemerkenswertes Team und so viele bewundernswerte Menschen wie beispielsweise James Castrission stehen. Ich erkannte, was wir gemeinsam geleistet hatten, und wurde vor Stolz überwältigt.

Doch Zeit zum Reflektieren blieb mir nicht. Ich musste mich darauf konzentrieren, die Segel hochzuziehen und ELLA’S PINK LADY mit Kurs auf die Sydney Heads und die Startlinie sicher durch die Flotte der Zuschauerboote zu steuern. Man muss sich das mal vorstellen, es ging da draußen ja nicht gerade ruhig, sondern eher ziemlich verrückt zu: Über mir kreisten die Helikopter. Etwa 30 Boote waren zum Abschied gekommen. Es hat mich sehr berührt, dass sich die Leute dafür Zeit genommen haben und mir ihre Unterstützung demonstrierten. Aber ich musste aufpassen, weil es bei sehr leichtem Gegenwind im Kielwasser der Boote und im zunehmenden Schwell fast unmöglich war, vorwärts zu kommen.

Dass ich die Startlinie kreuzte, habe ich kaum wahrgenommen, weil es mit den vielen langsamen Wenden ewig dauerte, bis ich die Linie überhaupt erreicht hatte.

Wir hatten den Hafenmeister Steve Young von der Syndey Ports Corporation gebeten, als offizieller Zeuge die Startzeit zu nehmen. Er war an Bord der BIG WAVE RIDER, um die Zeit zu notieren, als ich die imaginäre Linie zwischen den nördlichen und den südlichen Heads kreuzte, die den Anfang dessen markierte, was als hoffentlich sieben oder acht Monate währende Reise vor mir lag. Es gab keine Regel, die einen solchen Zeugen vorschrieb, denn unsere Daten wurden auch digital aufgezeichnet. Doch für mich und mein Team war es wichtig, dass dieser Moment von einer offiziellen Person festgehalten wurde.

 

Je weiter ich mich von The Spit entfernte, desto kleiner wurde die Begleitflotte. Schließlich drehte auch das Boot mit Mum und Dad ab – früher, als ich es erwartet hatte. Die BIG WAVE RIDER blieb am längsten bei mir, doch plötzlich war auch sie verschwunden. Ich war endlich allein und begann prompt wieder zu weinen. Ich fühlte mich zitterig und elend. Die Emotionen hatten mir mehr zugesetzt als erwartet. Doch der Zustand hielt nicht lange an. Und meine Einsamkeit auch nicht. Die Helikopter hatten mich wieder gefunden!

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, uns in den leichten Winden anzutreiben, doch trotz aller Bemühungen konnte ich am Abend immer noch Land sehen. Ich schüttelte meine dumpfe Traurigkeit ab und fühlte mich wieder munter, während ich so lange wie möglich einem Lokalsender in Sydney lauschte. Ich machte das Beste aus dem immer wieder unterbrochenen Mobilfunknetz und verbrauchte den Rest meines Telefonguthabens, indem ich alle möglichen Freunde anrief. Warum hätte ich das Guthaben auch verfallen lassen sollen?

Der Regen hatte aufgehört und wurde von einem schönen klaren Himmel abgelöst. Als der fast dramatische Sonnenuntergang über der verblassenden Silhouette der Syndey Harbour Bridge einsetzte, war ich bereit für alles, was vor mir lag.

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