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Fünfter Abschnitt:

Rund Südafrika

 

Sonntag, 21. Februar 2010

Schnell unterwegs!

In den letzten Tagen waren wir schnell unterwegs. Es sind nur noch 250 Seemeilen, bis wir das Kap der Guten Hoffnung mit reichlich Abstand nach Süden passieren!

ELLA’S PINK LADY ist die Wellen in Windgeschwindigkeiten um 25 Knoten rasant heruntergesurft. Trotz der nassen und nieseligen Bedingungen habe ich viel Zeit an Deck verbracht und uns beim Fliegen übers Meer zugeschaut.

Ich hatte Parker gestern eine kleine Pause verordnet und die Pinne stattdessen selbst in die Hand genommen. Ein Genuss! Es versetzt mir immer noch einen Kick, wenn wir abheben und eine Welle heruntersurfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich der Anblick von Wellen und Vögeln jemals langweilen wird!

 

 

Jessica Watsons Video-Tagebuch – Tag 127
JW Video diary Day 127-2.mp4

 

Montag, 22. Februar 2010

Das Kap naht, und warum ich um die Welt segle

Ich beginne mit den guten Nachrichten. Oder sollte ich lieber sagen, den besten Nachrichten? Denn es gibt heute gar keine schlechten Nachrichten. Es sind noch 120 Seemeilen, bis wir mit einigem Abstand Kap Agulhas passieren (bislang habe ich immer vom Kap der Guten Hoffnung gesprochen, doch der wirklich südlichste Punkt Afrikas ist Kap Agulhas). Ich werde also ganz offiziell ein weiteres Kap abhaken können!

Der Wind hat heute ein wenig nachgelassen und mit ihm auch ELLA’S PINK LADYs gute Geschwindigkeit. Aber wir kommen immer noch gut voran, und es ist zum ersten Mal seit einer Woche warm und sonnig. Nach langer Zeit mit Nieselregen, Nebel und dem ewig grauen Himmel fühlte sich der Sonnenschein himmlisch an. Wir profitieren gerade von einem Hochdrucksystem über uns, und es sieht so aus, als lägen noch einige ruhige Segeltage vor uns. Drückt die Daumen, dass sie nicht zu ruhig werden!

Aber egal. Ich habe mir während des Steuerns im Sonnenschein an Deck einige Gedanken gemacht (ich weiß, das ist immer gefährlich!). Wir haben die Welt nun zur Hälfte umrundet, und es erscheint mir ein guter Zeitpunkt, darüber nachzudenken, was genau ich hier draußen eigentlich mache und ob sich meine Erwartungen in irgendeiner Weise verändert haben oder nicht.

 

Als ich zum ersten Mal davon träumte, die Welt zu umrunden (davon habe ich euch ja vorher schon erzählt), kreisten meine Gedanken vor allem um die Frage, ob das überhaupt machbar wäre. Ich wollte mich selbst herausfordern und etwas erreichen, auf das ich stolz sein könnte. Und ja, ich wollte auch andere Menschen inspirieren. Ich hasse es, dass so viele Träume immer nur bleiben, was sie sind: ein Traum. Ich sage nicht, dass jeder sich ein Boot kaufen und damit um die Welt segeln sollte. Ich hoffe aber, dass ich mit der Verwirklichung meines eigenen Traumes anderen Menschen zeigen kann, dass auch sie ihre eigenen Ziele erreichen können – ob groß oder klein, welche auch immer das sein mögen.

Nun bin ich hier draußen und finde, dass ein großer Teil dieser Reise vor allem darin besteht, viel Spaß zu haben und das Beste aus jedem Tag zu machen. Verblüffend ist auch, dass es längst nicht mehr nur mein Traum oder meine Reise ist. Kein Meilenstein hier draußen ist nur mein Erfolg, sondern ein Erfolg für alle, die viel Zeit und Mühe investiert haben, um mir bis hierhin zu helfen …

… Und noch etwas: Ich habe es immer gehasst, wenn man mich aufgrund meiner Erscheinung oder meines Alters vorverurteilt hat. Ich hoffe, dass ein Teil dessen, was ich hier tue, beweist, dass wir Menschen nicht nach ihrer Erscheinung oder unseren eigenen Erwartungen beurteilen. Ich will, dass die Welt ganz genau erfährt, wozu kleine Mädchen und junge Menschen imstande sind!

 

Doch genug davon. Ich habe es heute geschafft, mein Knie an etwas zu schneiden. Es hat ein bisschen geblutet (Pink und Rot harmonieren überhaupt nicht miteinander!), war aber nichts Ernsthaftes. Der Vorfall hat mich allerdings daran erinnert, wie gut es für mich bislang in Sachen Gesundheit und Verletzungen lief (klopft mal eben auf Holz!).

Das viele Salzwasser hat meiner Haut bislang keine Probleme gemacht (es ist nicht schwer, den Grund dafür zu erraten – danke, Ella Baché!), und je länger wir segeln, desto weniger blaue Flecke fange ich mir ein.

 

Alle haben mir von Torah Bright und ihrer fantastischen Goldmedaille berichtet, die sie bei den Olympischen Winterspielen auf dem Snowboard für Australien gewonnen hat. Ich weiß, dass ich der Zeit immer ein wenig hinterherhinke, denn üblicherweise dauert es eine Weile, bis mich Nachrichten von zu Hause erreichen, aber jetzt sage ich einfach nur: Wow! Meine Glückwünsche an Torah!

 

An diesem Tag hatte ich mit Mum und Dad gesprochen. Es war eine absolut komische Unterhaltung, denn beide haben mich ein bisschen hochgenommen! Gespräche wie diese waren für mich pures Gold wert, denn sie gaben mir die Chance zu einem unbekümmerten Lachen und lenkten meine Gedanken vom Alltag an Bord von ELLA’S PINK LADY ab. Wir unterhielten uns über die verrücktesten Sachen. Einmal haben Mike und ich eine Ewigkeit diskutiert und die Qualitäten unserer Teekessel miteinander verglichen. Ein anderes Mal hat Don fast eine halbe Stunde darauf verwendet, mir einen Reim beizubringen, mit dessen Hilfe man sich merken kann, wie viele Tage jeder Monat hat. Es ist vermutlich nicht gerade die Art von Gesprächen, die man von befreundeten Weltumseglern erwartet, aber dafür waren sie real!

 

Mike plante, mit Don zusammen auf der berühmten Route von Captain Bligh zu segeln. Der hatte eine monumentale Reise absolviert, nachdem ihn seine rebellische Crew von Bord der BOUNTY in einem kleinen Boot ausgesetzt hatte. Captain Bligh segelte damals von Tonga nach Westtimor. Mike und Don wollten sein offenes Holzboot nachbauen und keinerlei moderne Ausrüstung wie Karten, Kompass, Licht (nicht einmal Toilettenpapier) mitnehmen. Es war eine unglaubliche Herausforderung, die Don als Spendensammlung für die Forschung in den Bereichen Motorneurone-Erkrankung, Parkinson und Alzheimer nutzen wollte. Leider musste Mike kurz vor dem Start der Reise der Blinddarm entfernt werden. Er erholte sich nicht schnell genug und musste absagen. Don aber legte am 19. April 2010 ab. Gemeinsam mit drei weiteren Crewmitgliedern – David Pryce, David Wilkinson und Chris Wilde – erreichte er Timor am 15. Juni – ein Triumph des Willens und der menschlichen Tatkraft. Don verlor auf der historischen Route 18 Kilo. Und ihr hättet seinen Bart sehen sollen!

 

 

Jessica Watsons Video-Tagebuch – Tag 129
Jessica Watson rounds Africa and Sails into the Indian Ocean.mp4

 

Mittwoch, 24. Februar 2010

Ein weiteres Kap geschafft und ab in den Indischen Ozean!

Da sind wir: Noch ein Kap und ein Ozean sind bewältigt! Es hat aufgrund der leichten Winde in den letzten Tagen eine Weile gedauert, aber ELLA’S PINK LADY hat Kap Agulhas etwa 400 Seemeilen südlich von Land passiert. Dieses Mal habe ich also keine spektakuläre Aussicht auf eine berühmte Landmarke genossen. Ein heller orangefarbener Halbmond und ein fantastischer Sternenhimmel genügten mir zur Feier. Natürlich habe ich auch die Schokoladenvorräte geplündert und ein paar Partyknaller hochgehen lassen!

Vor uns liegen noch viele Meilen über den Indischen Ozean. Danach geht es um den Südzipfel Australiens herum heimwärts. Aber es fühlt sich jetzt schon an, als wären wir auf dem Weg nach Hause. Bis Kap Leeuwin und Australien sind es nur noch 4200 Seemeilen – was für eine aufregende und gleichzeitig etwas beängstigende Vorstellung! Das tolle Wetter in den vergangenen Tagen hat unser langsames Tempo mehr als ausgeglichen. Ein Hochdrucksystem ist über uns hinweggezogen und hat uns klaren Himmel, warmen Sonnenschein, eine sanfte See, viele Vögel und die immer wiederkehrenden Albatrosse zur Begleitung beschert. Natürlich habe ich den Sonnenschein genossen und darüber nachgedacht, wie wundervoll alles war. Zwischendurch nutzte ich die ruhigen Bedingungen dazu, ein paar Jobs an Bord zu erledigen. Ich habe alles doppelt überprüft und eine ziemliche Schweinerei angerichtet, als ich versuchte, diese ewigen Lecks wieder einmal mit Sikaflex zu schließen. Außerdem habe ich mir zweimal mit der Nadel in die Hand gestochen, als ich einen Riss im Großsegel flickte. Danach habe ich der Windsteueranlage einen neuen Satz Tauwerk verpasst. Ich hatte es einfach aufgegeben, die abgenutzten und schmutzigen alten Leinen immer nur wieder zu reparieren.

Doch wie es nun einmal so ist: Die guten Zeiten bleiben nicht ewig. Für morgen erwarte ich eine Front und unangenehmes Wetter. Meine ruhigen paar Tage neigen sich dem Ende entgegen. Wir sind zurück in der Wirklichkeit und erwarten typisches Südpolarmeer-Wetter. Hoffentlich können wir die starken Winde nutzen, um weit in den Indischen Ozean vorzudringen!

 

Die Rundung Südafrikas war ein weiterer Meilenstein meiner Reise, konnte aber nicht mit meiner Begeisterung über die Rundung Kap Hoorns mithalten. Es tut mir leid, aber der Name hat einfach nicht den gleichen Effekt und kann auch nicht die gleiche Tradition in der sagenumwobenen Welt des Segelsports vorweisen.

Auf unserer Seekarte ist es ein beeindruckender Punkt, aber an Bord von ELLA’S PINK LADY, so weit von Land entfernt, musste ich regelrecht darum kämpfen, eine Art von Atmosphäre und das richtige Gespür für den Moment zu entwickeln. Es war vor allem ein ganz normaler Segeltag. Aber ein guter!

 

Donnerstag, 25. Februar 2010

Geschwindigkeitsüberschreitung, Surfen und Tanzvergnügen

 

Heute feiert meine Schwester ihren 18. Geburtstag. Zuallererst also: Happy birthday, Emily! Ich verpasse ihren Geburtstag bereits zum zweiten Mal in Folge und muss mir ein besonderes Geschenk ausdenken, um die vielen verspäteten Gaben im nächsten Jahr wieder gutzumachen.

 

Ich liebe das schnelle Segeln dieser Tage! Es ist recht windig, und die See bietet ELLA’S PINK LADY genügend Wellen zum Surfen. Sie tanzt vorwärts, klettert jede Welle hoch, surft sie wieder hinab und rollt mit den Böen im Wind. In Winden um 30 Knoten und mit drei Reffs im Großsegel ist das Ganze nicht allzu ungemütlich. Nach Nieselregen in der Nacht und am Morgen ist nun die Sonne wieder zurück. Die Wellen glitzern in einem schönen Türkisblau, und die langen Schaumkronen sehen hübsch und gar nicht bedrohlich aus. Ich finde es gerade anstrengend, mich auf irgendetwas zu konzentrieren, weil ich ständig auf die Geschwindigkeitsanzeige schiele. Ich erwische mich andauernd dabei, sie zu beobachten, während wir mit sechs bis neun Knoten schnell segeln; manchmal schießen wir sogar darüber hinaus, wenn eine Welle unter uns hindurchrollt. Es könnte sein, dass ich gestern einige Leute verwirrt habe, als ich schrieb, es seien nur noch 4200 Seemeilen bis Australien. Damit meinte ich nur die Strecke bis zur Höhe von Kap Leeuwin in Westaustralien. Nach Sydney ist es danach noch ein langer Weg. Und dabei habe ich noch nicht einmal die unsteten Wettersysteme einbezogen, die dort im Zickzack-Kurs entlangwandern.