Als ich noch klein war, hatte ich vor so ziemlich allem Angst. Ich bin nicht ganz sicher, wann sich das änderte, aber meine Mutter hat mir eine Geschichte von einem Familientreffen erzählt, bei dem ich mit meinen Cousinen und meiner älteren Schwester spielte. Sie hielten sich alle an den Händen und sprangen in den Swimmingpool. Meine Mutter beobachtete mich sehr genau, weil ich Angst vor Wasser hatte und nicht schwimmen konnte. Ich war fünf Jahre alt.

Natürlich passte es mir nicht, ihnen nur dabei zuzusehen. Als sie sich für die zweite Runde bei den Händen fassten, reihte ich mich ein. Meine Mutter erwartete, dass ich loslassen würde, wenn die anderen sprangen. Doch das tat ich nicht. Ich sprang mit allen zusammen. Kreischend und kichernd, bis wir das Wasser berührten. Ich sank auf den Boden, und mein Onkel sprang auf, um mich herauszuziehen.

Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, wann aus dem kleinen Mädchen, das den anderen immer hinterherlief, das Mädchen wurde, das die Welt umsegeln wollte und absolut daran glaubte, dass es mit genügend Entschlossenheit alles schaffen würde, was es sich vorgenommen hatte.

Irgendwann auf meinem Weg habe ich gelernt, dass man teilhaben muss, seine Leidenschaften verfolgen und den Mut zu wirklich großen Träumen haben muss, um das Leben wirklich zu leben. Ich weiß nicht, wann das war. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, damals in den Pool gesprungen zu sein. Es ist nur eine Geschichte, die meine Mutter erzählt hat. Doch irgendwann zwischen diesem Moment und dem Ablegen mit ELLA’S PINK LADY im Hafen von Sydney habe ich begriffen, was Helen Keller viel besser ausgedrückt hat, als ich es sagen kann: »Das Leben ist entweder ein mutiges Abenteuer – oder nichts.«

 

Wenn ich darüber berichte, warum ich um die Welt segeln wollte, muss ich zunächst von meinen Eltern erzählen. Mein Vater erinnert mich gern daran, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Es ist nur der Unterstützung meiner Eltern zu verdanken, dass ich meine Träume leben konnte – und kann.

Meine Mutter Julie und mein Vater Roger sind beide aus Neuseeland. Sie haben dort 1986 geheiratet und sind 1987 nach Sydney geflogen, kauften sich einen alten Kombi von einem Autohändler an der Parramattastraße und reisten die Küste hinauf nach Queensland. Als sie den Pacific Highway erreichten und etwas schneller fuhren, bemerkten sie, dass der Wagen schreckliche Geräusche von sich gab, die sie zuvor noch nie gehört hatten. Heute lächelt meine Mutter darüber und sagt, dass der Autohändler über sie gelacht und gedacht haben muss: »Nun schaut euch diese Kiwis an: Gerade runter vom Boot, kann ich ihnen eine schöne Schrottmühle andrehen.« Glücklicherweise schafften sie es bis nach Gold Coast in Queensland. Dort bauten sie sich ein neues Leben auf.

Meine Mutter fand Arbeit als Ergotherapeutin. Mein Vater entscheid sich, den Bau von Heizwasserkesseln aufzugeben und etwas Neues zu versuchen. Bevor er in der Immobilienbranche landete, vermietete er Fernseher. Es kann kein Zufall sein, dass wir in meiner Kinderzeit niemals einen eigenen Fernseher hatten. Ich denke, dass mein Vater erkannt hat, wie abhängig die Menschen vom Fernsehen wurden und wie sehr es das Leben ihrer Besitzer einschränkte. Fernsehen fesselt Menschen in ihren vier Wänden und macht sie inaktiv. Er entschied, dass er niemals so sein wollte.

Ich glaube nicht, dass meine Eltern geplant hatten, für immer in Australien zu bleiben. Doch dann wurde meine ältere Schwester Emily 1992 geboren. Ich folgte 1993, mein Bruder Tom 1995, und meine jüngste Schwester kam 1997 auf die Welt. Mit vier kleinen Kindern waren sie einfach zu beschäftigt, um über ihre Rückkehr nach Neuseeland nachzudenken.

 

Mal abgesehen von der Tatsache, dass wir keinen Fernseher hatten (und damit gehörten wir eindeutig der Minderheit an!), verlief meine Kindheit ganz normal. Weder meine Mutter noch mein Vater waren Segler. In ihren ersten gemeinsamen Jahren kamen sie einem Boot nicht näher als einmal beim Angeln in einer kleinen Blechbüchse vor Whangarei. Sie liebten Campingausflüge, und wir waren so oft unterwegs wie möglich. Mein Vater ließ uns entscheiden, ob wir lieber einen Tag in einem der Vergnügungsparks in Gold Coast verbringen oder das gleiche Geld für eine Woche auf unserem Lieblingscampinglatz ausgeben wollten. Zelten hat immer gewonnen. Als ich im vierten Schuljahr war, hat meine Mutter uns bei einem Feriensegelkurs des Southport Yacht Clubs angemeldet. Ich habe das Gefühl, dass sie dabei vor allem an Tom dachte, obwohl er erst sechs Jahre alt war. Doch Emily und ich durften auch teilnehmen. Hannah war noch zu jung und blieb lieber mit Mama an Land. Nach diesem Sommercamp haben wir Wochenendkurse für Einsteiger belegt und später auch an Clubregatten teilgenommen. Unser Trainer John Murphy war großartig, obwohl ich sicher bin, dass seine Stimme Schaden genommen hat, weil er immer wieder zu uns hinüberbrüllte: »Nehmt die Segel dicht!«

 

Anfangs war ich gar nicht so begeistert vom Segeln. Ich hatte Angst, wenn wir weiter draußen segelten, so weit weg von Land. Aber ich bin weder von meiner Mutter noch von meinem Vater oder sonst irgendjemandem zum Segeln gedrängt worden. Wenn ich an den windigen Tagen entschied, nicht zu segeln, blieb ich mit Hannah am Strand sitzen und fühlte mich ausgeschlossen. Es war hart, die anderen dabei zu beobachten, wie sie am Ende eines Trainingstages lachend und Geschichten erzählend ihre Boote den Strand hochzogen. Ich wusste, dass mir meine Angst im Weg stand. Emily hat mir sehr geholfen. Sie lernte alles sehr schnell und ließ es so mühelos aussehen. Ich spürte, wie sehr sie das Segeln liebte, und wollte gern genau wie meine ältere Schwester sein. Es war wohl ein bisschen so wie der Tag, als wir in den Pool sprangen. Ich wollte nicht am Strand zurückgelassen werden und darauf warten, dass die anderen mit glänzenden Augen von der Regatta erzählten. Ich wollte selbst dabei sein, am liebsten mittendrin. An windigen Tagen, wenn sich draußen in der Flussmitte kleine weiße Schaumkronen bildeten, fehlte mir noch die Kraft, mein Boot zu bändigen. Ich segelte immer irgendwo im hinteren Teil der Flotte und hatte schwer zu kämpfen. Aber an den ruhigeren Tagen, wenn es nicht um Stärke und Schnelligkeit ging, hatte ich das Gefühl, dass ich es mit einem kleinen Plan, Taktik und viel Geduld durchaus ins vordere Feld schaffen und dort auch um gute Platzierungen kämpfen konnte. Je besser ich segelte, desto mehr wuchs mein Selbstbewusstsein. Ich genoss es immer mehr. Meine Mutter fragte mich einst, ob ich das Gefühl hätte, dass man mich zum Segelsport gedrängt hätte. Nein, das hatte ich nicht. Es war einfach etwas, das wir machten. Es wurde zu unserer Familienangelegenheit. Und wenn überhaupt jemand, dann waren es eher wir Kinder, die unsere Eltern zum Segeln gedrängt hatten. Wir spielten weder Netball noch Fußball oder beschäftigten uns mit Krimskrams. Wir gingen segeln. Der Vereinshafen des Southport Yacht Club in Hollywell war ein freundlicher und familienorientierter, vom städtischen Verein getrennter Ort. Es dauerte nicht lange, bis unsere ganze Familie dort regelmäßig die Wochenenden verbrachte. Wir nahmen an Kursen oder Regatten teil und verstärkten auch die Crews auf größeren Booten. Meine Mutter und mein Vater steuerten oder bemannten die Sicherungsboote.

 

Meine beste Freundin Pamela Fredric und ihre Familie waren ebenfalls Mitglieder im Segelclub und hatten genauso wie wir diese »Kein-Fernsehen-Nummer« laufen. Wenn wir also nicht draußen waren, haben wir etwas zusammen gebaut oder gemeinsam gespielt. Nur die Winterferien bildeten die Ausnahme. In diesen Wochen haben meine Eltern einen Fernseher und ein Videogerät geliehen, und dann kuschelten wir uns zusammen und sahen Dokumentationen und Filme – unser Ferienbonus.

Der Lieblingsfilm unserer Familie war ein Dokumentarfilm über Sir Edmund Hillarys Besteigung des Everest. Meine Eltern sind sehr normale Menschen, doch die Tatsache, dass wir keinen Fernseher hatten, empfanden viele als merkwürdig. Vielleicht war es ein erster Hinweis darauf, dass sie nicht irgendwelche Lifestyle-Entscheidungen trafen, nur weil alle anderen es taten. Als wir älter wurden, trafen wir wichtige Entscheidungen stets nach Rücksprache mit der ganzen Familie. Wenn wir unsere Boote nach einem langen Wochenende auf dem Autodach festzurrten, vertraute man uns und erwartete von uns, dass wir das ebenso verlässlich wie ein Erwachsener erledigten. Ich fühlte mich nie wie ein wertloses Kind, das zwar gesehen, aber nicht gehört wird, sondern eher wie eine Person mit eigenen geschätzten Ansichten.

 

Als ich zur Schule ging, hatte mein Vater den Fernsehladen längst aufgegeben und betrieb ein florierendes Immobilienunternehmen. Dann bekam er eines Tages aus heiterem Himmel ein Angebot: Jemand wollte seine Firma kaufen. Er verkaufte zwar nicht, doch das Angebot ließ meine Eltern darüber nachdenken, was sie bewegen könnten, wenn sie nicht so angebunden wären. Wie jeder andere auch, hatten sie zunächst Schwierigkeiten, über den Ausbruch aus dem Alltag mit vier Kindern nachzudenken. Doch sie begannen zu träumen. Eines der Themen, das sie diskutierten, war eine Reise rund um Australien. Etwa ein Jahr später flatterte meinem Vater ein erneutes Angebot auf den Tisch. Dieses Mal akzeptierte er.

Mein Vater hatte immer gesagt, dass er mit seiner ganzen Familie auf Reisen gehen wollte. Er wollte nicht warten, bis wir alle aus dem Haus waren und er alt und grau wäre. Wer wusste schon, was die Zukunft bringen würde?

Der Plan sah also vor, einen alten Bus zu kaufen, in dem wir rund um Australien reisen konnten, bevor wir zu alt wären, um das noch gemeinsam zu wollen. Ich stand am Anfang der fünften Klasse, als meine Eltern unser Haus 2004 verkauften. Noch während sie den Bus für die Reise für alle sechs Familienmitglieder vorbereiteten, kauften sie ein 52 Fuß langes Motorboot, auf dem wir leben wollten. Wir nannten es HOME ABROAD. Beim Auszug aus unserem Haus sind wir eine Menge Plunder losgeworden. Aber unseren Nymphensittich Maggie, den nahmen wir mit. Ich denke, der ursprüngliche Plan sah vor, dass wir zunächst eine Weile auf dem Boot verbringen und dann mit dem Bus ins große Abenteuer durchstarten wollten. Stattdessen verbrachten wir mehr als fünfeinhalb Jahre auf dem Boot, bereisten die Küste von Queensland und unternahmen nur hin und wieder einen Abstecher mit dem Bus ins Innere des Landes. Als wir auf das Boot zogen, verließen wir auch die Schule. Vier von uns begannen eine Art Fernstudium, meine Mum – egal ob im Bus oder auf dem Boot – unterrichtete uns.

 

Wir lernten von Anfang an, dass zu Booten eine endlose Reihe von Ausfällen und Wartungsproblemen gehören. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir alles so schiffig im Griff hatten, dass wir mehr Zeit auf See und an Ankerplätzen als in schützenden Häfen oder auf den unvermeidlichen Werften verbrachten. Langsam lernten wir, als Familie das Boot zu beherrschen, und wurden im Verlauf unserer Reise immer sicherer. Emily und ich vertraten meine Eltern, als sie ihren Navigationskurs besuchten, und auch, als sie ihre Funkprüfung ablegten. Es dauerte nicht lange, bis wir eine Routine für unsere An- und Ablegemanöver entwickelt hatten. Jedes Familienmitglied hatte einen Job, jeder war ein wichtiger Teil der Crew.

 

Als wir genügend Erfahrung gesammelt hatten (unsere Hafenmanöver hatten sich seit den Anfängen deutlich verbessert – anfangs brachte der halbe Yachthafen jedes Mal, wenn wir aus- oder einliefen, extra Fender zum Schutz seiner Boote aus!) –, begannen wir die Ostküste Australiens in Richtung Norden zu befahren. Dieses neue Leben schenkte uns Kindern eine unglaubliche Freiheit. Wir stoppten bei Inseln, wo wir als einziges Boot vor Anker lagen. Wir schwammen, schnorchelten, sammelten Muscheln und gingen an Stränden, auf Inseln und entlang der Wasserwege auf Entdeckungstour. Es gab hübsche Pfade hoch zu den Leuchttürmen, kleine Kanäle oder interessante Wasserfälle.

Jeder Ort hatte seine eigene Magie, seine Besonderheiten – vor allem, weil wir ihn ganz für uns hatten.

Wir besuchten einige der unglaublichsten Gegenden, aber wir waren uns darin einig, dass der schönste Ort Lizard Island war, ein atemberaubendes tropisches Paradies mit von Palmen gesäumten Stränden und Korallenriffs. Der Hauptankerplatz von Lizard Island ist immer voller Yachten und Boote. Alle kamen zum Sonnenuntergang an Land, um sich dort am Strand zu treffen. Es war eine sehr entspannte und freundliche Atmosphäre. Während die Erwachsenen über ihre Erfahrungen und Pläne plauderten, gingen wir Kinder auf unsere eigenen Forschungsreisen. Manchmal trafen wir uns auch mit anderen Familien auf deren Yachten, lernten sie kennen und reisten eine Weile gemeinsam weiter. Doch die meiste Zeit waren wir allein unterwegs, nur wir sechs, denn Emily, Tom, Hannah und ich waren eng zusammengerückt.

Natürlich gab es nicht nur idyllischen Sonnenschein, zauberhafte Gewässer und klare Himmel. Es gab Familienstreit, Geschwisterzank und Provokationen, mürrische Laune und Zwangsstopps in mehreren Häfen, wenn wir ein Unwetter vorbeiziehen lassen oder den Proviant aufstocken mussten. Wir haben in Supermärkten oft drei, vier Einkaufswagen voll geladen. Tom und ich wurden zu Experten, wenn es darum ging, ein paar Extraportionen Schokolade in die Wagen zu schmuggeln. Wenn das Unwetter uns allzu lange in einem Hafen gefangen hielt, wurden wir alle ungeduldig (vermutlich der Grund für die meisten Auseinandersetzungen und schlechte Laune an Bord), weil wir unbedingt wieder in See stechen wollten. Außerdem nutzten Mama und Papa diese Gelegenheiten gern, um uns zum Lernen anzuhalten. Kein Wunder also, dass wir immer begeistert waren, wenn das gute Wetter zurückkehrte.

 

An eine unserer wenigen Konfrontationen mit echtem Unwetter erinnere ich mich mit leichter Beschämung. Im Rückblick war es aber andererseits ein urkomischer Moment. Zu dem Zeitpunkt waren wir noch nicht lange auf dem Boot und kannten längst noch nicht alle seine Eigenheiten.

Ich war elf Jahre alt. Wir bekamen es mit einem dieser Nachmittagsstürme zu tun, die sich urplötzlichlich aus dem Nichts entwickeln und ziemlich garstig sein können. Die Sicht war fürchterlich schlecht. In Winden um 40 Knoten hatten wir mit der steilen, aufgewühlten See zu kämpfen. Wenn ich nicht gerade als Ausguck an Deck gebraucht wurde, versteckte ich mich unter dem Salontisch – und tat so, als würde ich mich um Maggie kümmern.

 

Das Leben auf dem Wasser brachte Begegnungen mit allen möglichen Charakteren und alten Salzbuckeln mit sich, die in den Clubs, Häfen und auf den Werften rumhingen. Es war faszinierend und oft auch inspirierend, ihren Geschichten von der See zu lauschen. Ich muss allerdings zugeben, dass es mich irrsinnig ärgerte, wenn sie mich nicht beachteten, weil ich ein Mädchen und zudem ein so hageres junges Ding war. Wenn du auf dem Wasser lebst, dann gilt das ungeschriebene Gesetz, dass du einlaufenden Schiffen immer beim Festmachen hilfst und dessen Leinen annimmst. Weil ich aber ein kleines Mädchen war, wurden meine Hilfsangebote in der Regel völlig ignoriert und die Leinen stattdessen dem nächsten erwachsenen Mann in meiner Nähe zugeworfen. Ich empfand das als unglaublich frustrierend. Ich war genauso gut imstande, die Leinen korrekt anzunehmen, wie jeder andere auch. Ich hasste es, nach meiner äußerlichen Erscheinung beurteilt zu werden. Und danach, was die Leute kleinen Mädchen so zutrauen.

 

Zurückweisungen wie diese hätten andere Menschen vielleicht zur Aufgabe des Segelsports bewegt. Mich aber heizten sie nur noch mehr an. Vielleicht lag es daran, dass ich bereits wusste, was ich konnte. Obwohl ich noch jung war, ließ ich es nicht zu, dass andere Menschen mein Selbstwertgefühl ramponierten. Ich hatte lange Zeit mit dem Lesen und meiner Rechtschreibung zu kämpfen (um ehrlich zu sein, habe ich mit der Rechtschreibung bis heute Probleme), aber ich hatte Glück: Meine Mutter und die Lehrer in der Schule haben meine Dyslexie früh erkannt. Dyslexie ist eine neurologisch bedingte Störung, auch Lese-Rechtschreib-Schwäche genannt. Sie bedeutet, dass man Probleme hat, den Zusammenhang zwischen der Schreibweise von Worten und ihrem Klang herzustellen. Es ist eine Form von Lernschwäche, bei der Betroffene Schwierigkeiten mit dem Lesen, dem Buchstabieren und manchmal auch mit der Mathematik haben.

Bei manch einem kann das arg am Selbstbewusstsein nagen. Ich aber hatte Glück, weil nie irgendjemand mir gegenüber eine große Sache daraus gemacht hat. Ich fühlte mich weder abgestempelt noch dumm, weil ich nicht richtig lesen konnte. Ich weiß, dass auch andere Kinder davon betroffen sind. Meine Mum arbeitete einfach dagegen an, indem sie meine Liebe zu Büchern unterstützte und uns allen vorlas. Sie half mir und gab mir Zeit, meinen eigenen Weg zu finden.

Meine Mutter sagte immer, dass eines Tages ein Lichtblitz mein Hirn erhellen und meinen Kampf mit dem Lesen abrupt beenden würde. Sie behielt Recht. Mein Lieblingsbuch hieß »Das kleine weiße Pferd«, und ich habe Mama wieder und wieder angebettelt, es mir vorzulesen. Eines Tages sagte sie: »Jess, du kennst es doch längst auswendig. Warum liest du es nicht selbst?« Das tat ich. Etwas unsicher noch, aber schon bald wendete ich mich auch anderen Geschichten und neuen Büchern zu. Meine neue Leidenschaft eröffnete mir die Chance, jederzeit in eine andere Welt zu flüchten, wenn ich Lust dazu hatte. Heute lese ich liebend gern. Allerdings bin ich nicht sicher, ob meine Rechtschreibung jemals einigermaßen anständig sein wird. Trotzdem gelang es mir immer, gute Noten in Englisch zu bekommen (oder zumindest hätte ich sie bekommen, wenn sie mir nicht immer die Punkte für die verspätete Abgabe abgezogen hätten). Ich habe eben einfach mehr Zeit und Mühe in meine Arbeiten investiert … Glücklicherweise habe ich heute jemanden, der meine Blogs überprüft, bevor sie online gehen. Da muss ich mir also keine großen Sorgen machen. Im Stillen fürchte ich aber, dass hinter meinem Rücken über meine erheiternden Fehler gekichert wird.

Während der Vorbereitungen auf meinen Törn musste ich sehr viel schreiben. Ich habe Menschen per E-Mail um Rat gebeten, Sponsoren angeschrieben und eine Bedarfsliste nach der anderen erstellt. Das Verfassen meiner Blogs hat mir zusätzliche Sicherheit gegeben und mich mehr gelehrt als jeder in meinem Leben absolvierte Rechtschreibtest. Dieses Buch zu schreiben entpuppte sich als weitere große Herausforderung. Aber glaubt mir: Es wird dechiffriert und Korrektur gelesen bei euch ankommen!

Vielleicht hat es mich sogar als Mensch stärker gemacht, dass ich mich mit dieser Art Lernschwäche auseinandersetzen musste. Und egal, ob irgendwelche Segler meine kindlichen Hilfsangebote ignorierten oder Menschen mir sagten, dass ich nicht hätte, was man für eine Weltumseglung braucht – solche kleinen Rückschläge haben mich nie dazu gebracht, an mir selbst zu zweifeln. Na ja, fast nie. Meine Leseund Rechtschreib-Schwäche zu überwinden hat mich gelehrt, was man mit etwas mehr Mühe erreichen kann. Egal, welche Hindernisse dir im Weg stehen.

 

Natürlich sind das Segeln und der Umgang mit Booten auch deshalb ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, weil wir mit der Familie auf einem Motorboot gelebt haben, umgeben von so vielen maritimen Dingen. Doch bis zu dem Tag, an dem meine Mutter uns Jesse Martins Buch »Lionheart. Allein mit vollen Segeln um die Welt« vorgelesen hat, hatte ich niemals in Betracht gezogen, selbst eine Abenteurerin zu werden. Wenn ich an Abenteurer dachte, habe ich sie mir immer als grauhaarige Männer vorgestellt, die Gipfel stürmen oder mit alten Flugzeugen über die endlosen Weiten der Ozeane fliegen. Als ich von Jesse hörte, dachte ich plötzlich ganz anders. Es war, als hätte etwas in meinem Kopf »klick« gemacht. Dieser Typ war kein Superheld. Er war in keiner Weise privilegiert. Er hatte keinen Bart. Und alt war er schon gar nicht. Jesse war einfach ein ganz normaler Alltagstyp. Er hatte einen Traum und entschloss sich, den zu verwirklichen. Er war jemand, auf den ich mich beziehen konnte. Das ließ mich nachdenken. Könnte ich das wohl auch? Könnte ich allein um die Welt segeln?

Natürlich habe ich anfangs niemandem von meinen Gedanken erzählt. Ich begann, alles über das Einhandsegeln zu lesen, was ich finden konnte. Ich schrieb Listen mit den Dingen, die ich brauchen würde, und sammelte Artikel über Boote, Riggs und gefriergetrocknete Nahrung. Meine Mutter sagt, dass sie damals schon das Gefühl hatte, dass etwas in mir vorging, weil ich anfing, Bilder von riesigen Wellen im Südpolarmeer und Stürmen über meine Koje zu hängen. Ich hatte begonnen, mich visuell mit der wilden See und den grimmigen Winden zu befassen, bevor ich überhaupt wusste, was Visualisierung ist.

 

Nachdem die Saat einmal gelegt war, begann ich von der Weltumseglung zu träumen. Alles hatte mit meiner Neugier begonnen: Könnte ich das wirklich tun? Meine Gedanken kreisten aber weniger um aufregende und adrenalinrauschende Naturerlebnissee oder um zwölf Meter hohe Wellen. Jetzt ging es vielmehr darum, einen Plan zu schmieden und alle Puzzleteile so gut zusammenzusetzen, dass das Risiko so klein wie möglich wäre. Natürlich war mir bewusst, dass ich ein junges Mädchen ohne die physische Stärke eines erwachsenen Mannes war. Also musste ich Lösungen finden, die zu mir und meinem Körper passten. Für mich hat Segeln nichts mit Stärke zu tun, sondern mit Wissen. Ich habe meine gesamte Freizeit damit verbracht, das Segeln zu lernen. Entweder bin ich selbst gesegelt oder habe mit wirklich großartigen Seglern gesprochen und ihnen zugehört. Ich würde immer lieber segeln als irgendetwas anderes zu tun. Ich liebe die Herausforderung, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen, die sich mir in den Weg stellen. Wenn ich auf dem Wasser bin und ein Segel reffe oder als Antwort auf Wind und Wellen wende, dann wird alles ganz einfach. Erst nach einem sehr langen Zeitraum der Visualisierung dessen, wie es im Südpolarmeer sein würde, einer mentalen Reise durch verschiedene Szenarien und der Vorstellung, wie ich mich in unterschiedlichen Situationen fühlen würde, fragte ich mich selbst, ob ich das wirklich tun könnte. Ich kam zu dem Schluss, dass ich es könnte. Also tat ich es.

 

Fortan dachte ich noch genauer darüber nach, schrieb noch mehr Listen und las massenweise Bücher, darunter auch Joshua Slocums »Allein um die Welt«. Er war der erste Mensch, der die Welt einhand umsegelt hat. Slocum verließ Boston im US-Bundesstaat Massachusetts im April 1895 und erreichte Newport auf Rhode Island mit seiner Yacht SPRAY im Juni 1898.

Es kostete ihn drei Jahre, zwei Monate und zwei Tage, sein erstaunliches Meisterstück zu vollbringen.

Ich las alles über Einhand-Weltumseglungen, was ich kriegen konnte, und lernte viel über Menschen wie Francis Chichester, der die Erde als Erster einhand von West nach Ost um die drei großen Kaps umrundete. Kay Cottee war die erste Frau, die die Welt einhand, nonstop und ohne Hilfe von außen umsegelte. Ihr Buch »First Lady« habe ich immer und immer wieder gelesen. Ich war fasziniert von Ellen MacArthur, die 2001 das Vendée-Globe-Rennen nonstop um die Erde als jüngster Mensch aller Zeiten bestanden hatte und anschließend einen neuen Weltrekord für Nonstop-Einhand-Weltumrundungen aufstellte. Ich liebte es, über Robin Lee Graham und seine fünfjährige Reise um den Globus an Bord seiner DOVE zu lesen. Und natürlich habe ich immer wieder »Lionheart« gelesen. Dann endlich hatte ich den Mut, meine Gedanken mit meiner Schwester Emily zu teilen. Es war, als wir eine unserer üblichen Diskussionen über unsere Hoffnungen für die Zukunft führten – so hatte es nicht gleich die Wucht einer ganz großen Sache.

 

Hart aber war es, mit meiner Mutter und meinem Vater darüber zu sprechen. Ich meine, ich war ja erst zwölf Jahre alt! Wir kamen gerade von einem Weihnachtstörn zurück und diskutierten ziemlich heftig über unsere nächsten Pläne. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt, meine Träume mit ihnen zu teilen! Doch wenn Emily nicht den ein oder anderen Hinweis eingestreut und mich zu einer Erklärung gedrängt hätte, dann hätte ich feige gekniffen und den Mund gehalten. Ich wusste, dass Mum und Dad mir nicht verboten hätten zu gehen. Aber ich war trotzdem unglaublich nervös.

 

Ich versuchte mir vorzustellen, was für ein Bild ich da draußen abgeben würde. Nach einer Weile konnte ich das. Ich hatte genügend Recherche betrieben, um zu wissen, dass es möglich war. Und dass ich es theoretisch konnte. Was wirklich passieren wird, kannst du sowieso nie genau wissen. Der Ozean ist gewaltig und absolut unvorhersehbar. Doch ich glaubte daran: Wenn ich mich wirklich bemühte, das richtige Boot hätte, mich selbst physisch und mental optimal vorbereitete, meine seglerischen Kenntnisse verbessern und alles über die Bedürfnisse von Solo-Seglern lernen würde, dann hätte ich die gleiche Chance, um die Welt zu segeln, wie jeder andere auch.

 

Als ich Mum und Dad in meine Pläne einweihte, hätte ich sie ihnen einfach erzählen, statt um Erlaubnis bitten können. Aber natürlich konnte ich nicht ohne ihren Segen gehen (zumindest nicht so lange, bis ich 18 Jahre alt war!). Wenn sie begründete Einwände gehabt hätten, hätte ich sie nicht leichtfertig vom Tisch gefegt. Ich wollte zuhören und ihren auf Erfahrung basierenden Rat – wie auch den Rat jedes anderen – anhören.

Nachdem die Worte endlich draußen waren, war ich ziemlich erleichtert. Ich hätte mein Vorhaben nicht nachdrücklicher erklären können (inklusive Tränen!). Ich bin nicht ganz sicher, ob meine Eltern mir von Beginn an glaubten. Vielleicht wollten sie es auch nicht wahrhaben, hofften, dass ich alles vergessen und mich doch für etwas anderes entscheiden würde. Meine Mutter sagt heute, dass sie schon nach sechs Monaten, in denen ich weiter voll darauf konzentriert war, meinen Traum in die Wirklichkeit zu überführen, begann, mir zu glauben. Sie schlug sich auf meine Seite. Mein Vater dagegen kam erst viel später zu dieser Überzeugung. Ich bedrängte ihn, ich redete mit ihm, ich bewegte ihn, mir alles über Bootsmotoren beizubringen, ich bat ihn, Segler anzurufen, von denen ich mir Rat erhoffte, und ich müllte unser Boot mit Ordnern voller Zeitungsausschnitte und Bildern von Yachten zu, die zu verkaufen waren. Es wurde immer schwerer für ihn, meine Hingabe zu ignorieren.

 

Am Ende von »Lionheart« sagt Jesse Martin:

»Wir müssen die Menschen um uns herum, insbesondere die jüngeren, ermutigen und helfen – was immer ihre Pläne sind. Erst dann werden wir großartige Dinge entstehen sehen. Ich war ein ganz normales Kind mit einem Traum. Es war mir ernst mit meinen Plänen. Doch ohne die Unterstützung meiner Familie hätte ich es nie geschafft … Es gibt da draußen Menschen, die von großartigen Dingen träumen.

Und es gibt eine gute Chance, dass euer Sohn, eure Tochter, euer Bruder, eure Schwester oder euer Freund einer von ihnen ist. Glaubt ihnen und unterstützt sie, damit sie nicht einen der wertvollsten Schätze der Menschheit verlieren: die Fähigkeit zu träumen.«

Meine Eltern haben mich immer zum Träumen ermutigt, und mit ihrer Hilfe tat ich alles in meiner Macht Stehende, damit mein Traum wahr werden würde. Dank Seglern wie Jesse Martin, Kay Cottee, David Dicks und Tania Aebi wusste ich, dass normale Menschen außergewöhnliche Dinge tun können. Ich wollte einer von ihnen sein.

 

Am Ende unseres zweiten Jahres an Bord von HOME ABROAD nahmen wir Kurs auf den Hafen von Mooloolaba, um Weihnachten an der Sunshine Coast zu verbringen. Je älter wir wurden, desto schwieriger fanden Emily und ich es, auf so beengtem Raum ohne Abstand voneinander oder vom Rest der Familie zu leben. Deswegen fanden wir es toll, im Hafen zu liegen. Hier konnten wir ein bisschen ausschwärmen, uns gegenseitig mehr Raum geben und unseren eigenen Angelegenheiten nachgehen. Die Marina befindet sich kaum 100 Meter vom Strand entfernt. Also verbrachten wir die meiste Zeit des Sommers dort mit der Familie Rawlings, die wir auf unserem Törn durch die Whitsundays, eine Inselgruppe im Herzen des Großen Barriereriffs, kennengelernt hatten. Auch sie verbrachten Weihnachten in Mooloolaba.

Wie unsere Familie hatten auch die Rawlings vier Kinder. Ihr ältester Sohn Nick und meine Schwester Emily waren ungefähr im gleichen Alter und verstanden sich auf Anhieb prächtig. Anna, das zweite Kind der Rawlings, und mich verband ebenfalls etwas: das Meckern über das ärgerliche Verhalten unserer älteren Geschwister! Wir vier hingen meist zusammen, gingen in der Bucht segeln oder alberten in den Booten herum, während die beiden jüngeren Rawling-Kinder Mikayla und Eric mit Hannah und Tom im Hafen spielten. Weil wir an die Freiheit unserer längeren Törns gewöhnt waren, dauerte es nicht lange, bis unsere Tagesausfahrten wieder einen größeren Radius annahmen. Wir überredeten unsere Eltern, uns zelten zu lassen. Eines Tages kreuzten wir einen der örtlichen Flüsse in einem überfüllten Beiboot hinauf. Wir hatten uns auf der Campingausrüstung niedergelassen und sogar einen 12-Volt-Kühlschrank und ein Solarmodul zum Aufladen unserer iPods dabei. Jedenfalls hat unser Anblick diverse erheiterte Blicke von vorbeiziehenden Kanuten eingetragen, während wir mit einem 2-PS-Motor vorwärts tuckerten.

 

Als Ältester war Nick unser Anführer. Meine Rolle war die der Verhandlungsführerin gegenüber den Eltern, denn es war oft Überzeugungskraft gefordert, damit sie uns irgendwohin ziehen ließen. Obwohl wir weder tranken noch wilde Partys feierten oder Drogen nahmen, wurden Mum und Dad oft von anderen Menschen im Yachtclub dafür kritisiert, dass sie uns so viel Unabhängigkeit einräumten. Aber sie wussten immer, wohin wir gingen. Und sie ließen uns niemals ohne einen hervorragend ausgerüsteten Erste-Hilfe-Kasten und Hinweise auf diverse Vorsichtsmaßnahmen abreisen. Klar, schlimme Dinge können passieren. Aber, hey – schlimme Dinge können überall passieren! Es war nicht notwendig, uns in Watte zu packen, um unsere Sicherheit zu gewährleisten. Da wir uns ziemlich oft außerhalb telefonischer Erreichbarkeit bewegten, lernten wir schnell, dass wir uns selbst aus den brenzligen Situationen befreien mussten, in die wir gerieten. Meine Eltern haben bewusst entschieden, uns Freiraum für Entdeckungstouren einzuräumen. Sie trauten uns zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Egal was die Leute sagten: Ihrer Meinung nach war das der richtige und einzige Weg elterlicher Fürsorge, und es macht mich immer noch wütend, wenn sie deshalb verurteilt werden.

 

Die Leute fragen mich oft, wie ich Mum und Dad davon überzeugen konnte, mich um die Welt segeln zu lassen. Die Wahrheit ist, dass ich die Basis dafür selbst geschaffen und ihr Vertrauen während aller dieser kleineren Abenteuer gewonnen habe.

Es ist wahr: Jede große Tat beginnt mit ein paar kleinen Schritten.

Nick, Emily, Anna und ich haben immer zuerst Erkundigungen eingezogen und gründlich geplant. Wenn wirklich alles schief ging, blieb uns als letzter Ausweg ja noch hartnäckiges und entschlossenes Betteln. Die gleichen Prinzipien greifen bei einer Weltumseglung – na ja, eigentlich weniger Betteln, dafür massenhaft mehr Planung. Aber im Großen und Ganzen ist das Bild übertragbar.

 

Ein besonderer Törn damals war als Wochenendausflug mit Emily und Nick auf einem 23 Fuß langen Kajütboot geplant, das Nick und einem weiteren Jungen in der Marina gemeinsam gehörte. Zu der Zeit war Nick 15 Jahre alt, Emily 14 und ich 13. Wir haben die Wettervorhersage geprüft, unseren Proviant gekauft, unsere Funkgeräte aufgeladen und den Hafen im ersten Morgenlicht verlassen, um die 35 Seemeilen bis nach Moreton Bay in Angriff zu nehmen. Dort wollten wir die Nacht verbringen und am folgenden Tag zurückkehren. Zum Auftakt lief alles glatt. Der Törn war perfekt, und wir lagen rechtzeitig vor Anker, um vor Einbruch der Dunkelheit noch ein Bad zu nehmen.

Doch von da an ging es bergab. Nick, der schon mit einer Erkältung losgesegelt war, fühlte sich zunehmend schlechter. Dann änderte sich über Nacht die Windrichtung. Die Anker vieler Boote hielten nicht mehr. Auch unser nicht. Wir haben in dieser Nacht kaum geschlafen, weil wir die Kollision mit anderen Booten vermeiden und den Sturmböen standhalten mussten. Mit dem ersten Tageslicht schöpften wir neue Hoffnung. Wir frühstückten und freuten uns darauf, nach Hause zu segeln.

Doch kaum hatten wir die geschützte Bucht verlassen, nahm der Wind wieder zu und drehte auf Nord – die Richtung, in die wir zu segeln versuchten. Bis zum Mittag kamen wir in der steilen See überhaupt nicht voran. Der Wind nahm immer weiter zu. Emily war heftig seekrank, und so blieben mir und Nick die Verantwortung für das Boot und die Anrufe unserer besorgten Eltern. Wir waren nicht ernsthaft in Gefahr, denn die Küste war nah und Hilfe nur einen Funkspruch weit entfernt. Doch der Wind nahm noch weiter zu, und bald schon würde es wieder dunkel werden. Es sah nicht wirklich gut aus.

 

Bis dahin wäre ich die Erste gewesen, die in einer solchen Situation zusammengebrochen (und – wie ganz am Anfang meiner Bootskarriere – unter dem Salontisch gelandet) wäre. Doch während ich an der Pinne saß und Nick navigierte, wurde mir klar, dass wir aus dieser Situation nur heil herauskommen würden, wenn ich das Gewicht meiner Träume in die Waagschale werfen würde. Wenn ich wirklich Hoffnung auf eine Weltumseglung haben wollte, müsste ich jetzt damit beginnen, mich zu beweisen. Plötzlich war es nicht mehr Nick, der – so wie sonst – die Kommandos gab. Nein, wir trafen die Entscheidungen zusammen. Und, für mich ganz erstaunlich, Nick akzeptierte meine Führung sogar! Klitschnass und erschöpft, wie ich war, sah auf einmal alles ganz anders aus. Der Kampf mit der Pinne machte mir plötzlich richtig Spaß. Die Erkenntnis, dass ich das besser konnte, als einfach nur die Umstände gewinnen zu lassen, setzte in mir ein beglückendes Gefühl frei. Wenn ich heute zurückblicke, würde ich sagen, dass es genau dieser Moment war, in dem die Einhand-Weltumrundung für mich mehr wurde als nur ein entfernter Traum. Während dieses Dramas fand ich mein Selbstvertrauen und entdeckte, dass ich Ereignisse wirklich beeinflussen kann.

Nach dem Abwägen unserer Möglichkeiten und einem Anruf bei unseren Eltern, in dem wir sie über unser Vorhaben informierten, drehten wir bei und surften einem sicheren »Ankerplatz« entgegen. Dort verbrachten wir eine weitere Nacht. Wieder hielt der Anker nicht. Am nächsten Tag setzten wir bei besseren Bedingungen erneut die Segel in Richtung Heimat. Wir starteten mit mehr als nur ein bisschen Beklommenheit in unseren Herzen, doch der Tag stellte sich als perfekt heraus.

Dennoch: Jede Art von triumphaler Einfahrt in den Hafen machte schließlich leider das Ruder zunichte, das, wenige Seemeilen von zu Hause entfernt, einfach abfiel. Im verzweifelten Endspurt eines extremen Segelwochenendes erreichten wir aber trotzdem sicher den Hafen.

 

Mum und Dad hatten zu dieser Zeit übrigens immer noch nicht aufgegeben, Australien auch landeinwärts kennenzulernen. Anfang 2006 packten wir alle unsere Sachen für eine Busreise die Küste hinunter. Von dort ging es weiter nach Adelaide und wieder hoch nach Birdsville Track, um das Hinterland zu erkunden. Es war ganz anders als das gemeinsame Reisen an Bord eines Bootes, weil wir nicht so oft eigene Wege gehen konnten. Es war spannend, aber wir alle vermissten die Freiheit, die uns das Leben auf dem Wasser gewährt hatte. Wenn wir damals gedacht hatten, dass es auf einem Boot beengt zugeht, dann war es im Bus noch viel schlimmer. Anfangs waren wir begeistert, weil wir viel Neues erlebten. Am glücklichsten war wohl meine Mutter. Sie hat eine gewisse Vorliebe für Leuchttürme. Also stoppten wir auf dem ganzen Weg die Küste hinunter bei jedem Leuchtturm. Dann mussten wir alle sechs einen meist steilen kleinen Pfad an die Spitze einer Landzunge entlangmarschieren, um Gebäude und Aussicht zu erkunden. Der schönste war für mich Wilsons Promontory Lighthouse am südlichsten Punkt Australiens. Von Sträflingen Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet, ist dieser Turm aus Granitstein aus der Gegend gebaut und thront auf einem Riff mit Blick über die oft so wilde Bass-Straße. Es gibt keine Zufahrt zu diesem Leuchtturm, weshalb wir einen ganzen Tagesmarsch benötigten, um ihn zu besichtigen. Aber: Es hat sich gelohnt! Einmal angekommen, ist die Aussicht atemberaubend. Dieser Leuchtturm steht ganz oben auf meiner Liste für einen zweiten Besuch, damit ich mich noch ein bisschen genauer umsehen kann.

 

Parkplätze für Wohnmobile sind teuer. Weil wir mit unserem Bus völlig unabhängig waren, nutzten wir sie kaum. Wir holten das Beste aus Lkw-Parkplätzen und Ausstellungsgeländen heraus und nutzten jede Freifläche, von der man uns nicht umgehend wieder verscheuchte. Der Bus war ein beeindruckendes Vehikel. Er war groß, bullig und gold lackiert, trug einen breiten roten Streifen auf der Seite, der ihn sichtlich von anderen abhob. Es wäre der perfekte Bus für eine Rockband gewesen – was nicht immer von Vorteil war:

Es war einer der wenigen Tage, an denen wir auf einem offiziellen Campingplatz standen. Wir wollten den stetigen Regen nutzen, um ein wenig versäumten Unterrichtsstoff nachzuholen, als eine Gruppe neugieriger Camper sich zusammentat und ihren Anführer zu unserem Bus entsandte. Er klopfte an die Tür. Während wir alle um den Tisch herum saßen und unsere Hausaufgaben machten, fragte er nach einer geeigneten Zeit für eine Führung durch den Bus. Man muss ihnen immerhin lassen, dass sie so rücksichtsvoll gewesen sind und nach einer gemeinsamen Tour für alle fragten, statt sich den Bus einzeln ansehen zu wollen. Trotzdem sahen wir in diesem Erlebnis einen weiteren Grund, öffentlichen Park- oder Campingplätzen fernzubleiben.

 

Meinen 13. Geburtstag verbrachten wir auf einem Parkplatz nahe der Great Ocean Road mit Blick auf die Zwölf Apostel. (Nicht, dass da wirklich zwölf gewesen wären … Das Meer und der Wind fordern ihren Tribut von dieser Felsformation, und wir konnten nur acht zählen, als wir da waren). Wir legten so viele Stopps ein, dass ich unsere Reise fast als Karte nachzeichnen kann, indem ich nur die Parkplätze markiere. Einen gab es in Charlotte Pass im Herzen der New South Wales Snowy Mountains. Dort mussten wir auf das Ende des Schneefalls warten, um mit dem Fahrrad auf den Mount Kosciuszko zu fahren. Es sagt doch viel, dass man mit dem Fahrrad fast den Gipfel von Australiens mit 2228 Metern höchstem Berg erreichen kann.

Ein anderes Mal verbrachten wir die Nacht auf der Spitze einer Sanddüne mit Blick über den See Eyre in Südaustralien. Dieser Campingplatz war besonders interessant, weil er sich am Ende einer rund 100 Kilometer langen sandig-morastigen Piste für Allradfahrzeuge befand. Selbstredend war unser Bus nicht gerade unbedingt für Geländeeinsätze geeignet. Entsprechend schräge Blicke ernteten wir von den Einheimischen, als wir in den verlassenen Pfad einbogen. Dad war jederzeit auf jede Art von Desaster vorbereitet. So hatte er sich schon vor der Abfahrt in der nahe gelegenen Stadt nach einem Traktor umgehört, groß genug, um uns herauszuziehen, falls wir uns festfahren würden.

Es war nicht das einzige Mal, dass wir uns ins Gelände trauten. Für mich war der Höhepunkt unserer ganzen Busreise die Fahrt entlang des Birdsville Tracks – einem 520 Kilometer langen alten Herdenweg von Marree in Südaustralien nach Birdsville in Queensland. Es ist eine wirklich wunderschöne Region, in der sich die Wüste Kilometer um Kilometer ins flache Nichts erstreckt, unterbrochen nur von einigen seltsamen Sanddünen. Die Gegend zählt zu den rauesten Australiens und kann sich bei der Durchfahrt durchaus als Herausforderung entpuppen. Die meiste Zeit des Jahres ist es hier sehr trocken. Sandstürme sind keine Seltenheit. Bei Regen wird die Region unpassierbar, ja, sogar Springfluten sind möglich. Wir aber waren nicht allzu besorgt, denn wir waren ja in der Trockenzeit da. Bei einem merkwürdigen Wasserloch nahe der Ruine einer alten Schafzuchtstation parkten wir den Bus, um unsere Arme und Beine ein wenig zu strecken.

Die rote Erde, das knappe Wasser und die knorrige Landschaft bildeten einen starken Kontrast zu den üppigen Regenwäldern und dem blauen Meer entlang der Küste, an die wir gewöhnt waren.

Wir lernten schnell, wie sich dieser Pfad seinen Ruf erworben hatte: Erst verloren wir einen Reifen, dann zwei weitere. Der Reifenwechsel ist bei einem Bus etwas anspruchsvoller als bei einer normalen Familienkutsche, weil einfach alles so viel größer ist. Glücklicherweise kann man Ersatzteile mit sich führen – jedenfalls teilweise. Beim ersten Mal klappte alles reibungslos dank der Hilfe einiger Leute, die allradgetrieben an uns vorbeifuhren. Das zweite Mal aber war es weniger leicht, denn wir hatten nun keinen Ersatzreifen mehr. Also mussten wir mitten im Nirgendwo auf der Hälfte des Weges anhalten und über Nacht bleiben. Dad rief über sein Satellitentelefon Hilfe herbei, und wir warteten, bis ein Satz neuer Reifen zu uns herausgebracht werden konnte.

Ich werde mich immer an diese Nacht erinnern. Ich ging spazieren, entfernte mich von den Buslichtern und wanderte hinaus in die Wüste, um den Sternenhimmel zu betrachten. Er wirkte endlos. Die Sterne waren so klar und einfach unfassbar. Ich habe schon einige sehr spektakuläre Sternenhimmel erlebt, als ich draußen auf See war, aber die Sterne über dem Outback sind noch atemberaubender.

Wir hatten ziemlich viel Spaß auf unserer Busreise, und ich bin froh, dass Mum und Dad uns die Chance gegeben haben, verschiedene Gegenden Australiens kennenzulernen. Aber ich glaube, dass wir am Ende dieser Reise alle wussten, dass die Tage der gemeinsamen Familientouren in diesem Bus gezählt waren. Wir wurden zu alt dafür. Und wir wollten alle wieder aufs Boot zurück. Wenn ich meine seglerischen Fähigkeiten verbessern wollte, musste ich dem Meer nahe sein.

 

Im Jahre 2007 sah es so aus, als würden wir eine Weile in der Mooloolaba-Marina an der Sunshine Coast bleiben. Also schickten Mum und Dad uns in die örtlichen Schulen. Letztendlich blieb ich aber nur ein Semester auf der Maroochydore Highschool, bevor ich mein Fernstudium wieder aufnahm. Ich hatte schon halb erwartet, dass wir uns eher früher als später wieder auf den Weg machen würden. Sicherheitshalber hatte ich auf der Highschool weder an einem Sportkurs noch an anderen Schulaktivitäten teilgenommen, und ich machte auch keinen ernsthaften Versuch, neue Freundschaften zu knüpfen. Wenn ich um die Welt segeln wollte, dann musste ich mit vollem Einsatz für dieses Ziel arbeiten. Die Rückkehr zum Fernstudium gab mir mehr Flexibilität. Ich fand einen Job als Tellerwäscherin im »Fish on Parkyn«, einem der führenden Restaurants entlang der Sunshine Coast. Ich musste Geld verdienen, wenn ich mehr Hochseesegelerfahrung sammeln wollte. Ich musste Flugtickets bezahlen können, wenn ich zu den verschiedenen Yachten fliegen wollte. Es war schwer genug, die Leute davon zu überzeugen, mich als Crewmitglied mitzunehmen. Darüber hinaus musste ich aber auch jedes Mal meine Eltern davon überzeugen, dass ich an Bord dieser Yachten sicher war. Mit meiner harten Arbeit für die Flugtickets konnte ich ihnen zeigen, dass es mir mit meinen Plänen todernst war. Man muss schon viel Leidensfähigkeit mitbringen, wenn man einem Job als Tellerwäscher bis zum Morgengrauen durchzieht … Das ist kein Spaß.

Als ich meinen Job im »Fish on Parkyn« antrat, dachte wohl niemand, dass ich lange bleiben würde. Es war eine harte Arbeit, die oft erst spät in der Nacht endete. Aber ich liebte die Herausforderung. Und wenn ich mal einen schlechten Abend hatte, dann gab es im Restaurant diesen köstlich klebrigen Dattelpudding. Irgendjemand musste schließlich die Portionen essen, die etwas verunglückt waren! Meinen Lohn investierte ich in Flüge und Ausrüstung wie etwa Ölzeug.

 

Für mich bestand der schwerste Teil dieses Abenteuers darin, die Leute immer wieder überzeugen zu müssen, mich ernst zu nehmen. Außerdem war es nicht eben einfach herauszufinden, wie alles funktionieren könnte. Glücklicherweise stand zu diesem Zeitpunkt meine Mutter bereits hundertprozentig hinter mir. Sie hatte längst erkannt, wie ernst es mir war. Sie war mein Resonanzboden, reflektierte mit mir Ideen für die Sponsorensuche oder suchte mit mir nach weiteren Informationsquellen. Ich fragte sie andauernd: »Wie können wir das schaffen? Was ist der nächste Schritt?«

Ich begann, mit Leuten über meine Pläne und Hoffnungen zu sprechen und auf Sponsoren zu hoffen. Ich hatte nicht das Geld, es aus eigener Kraft zu schaffen, also musste ich die Leute über mein Vorhaben informieren. Ich besuchte Werften, Marinas und Workshops, redete mit jedem, der mir zuhörte, und stellte haufenweise Fragen. Ich schrieb Briefe an alle, von denen ich annahm, dass sie mir in irgendeiner Weise behilflich sein könnten. Einen Brief schickte ich sogar an Anna Bligh, die Premierministerin von Queensland. Ich wollte herausfinden, ob es Zuschüsse für junge Abenteurer gäbe. Einer ihrer politischen Berater antwortete mir an ihrer Stelle und ließ mich wissen, dass sie keine Möglichkeit hätten, individuelle Projekte zu unterstützen. Aber er schickte mir Informationen über die Duke-of-Edinburgh-Stiftung und nannte mir ein paar nützliche Websites. Ich nahm Kontakt zu Zeitungen auf und verschickte E-Mails an Reporter und Chefredakteure in der Hoffnung, dass jemand über mein Projekt lesen und mich als Sponsor unterstützen würde.

Als ich 14 Jahre alt wurde, hatte ich bereits mehr als drei Jahre alles Mögliche gelernt und Recherchen zur optimalen Ausrüstung angestellt. Wenn ich mein Ziel erreichen wollte, musste so langsam mal der Durchbruch kommen. Zu den wichtigsten Dingen, die ich brauchte, zählte ein Boot. Auch wenn meine Eltern das Geld gehabt hätten (was nicht der Fall war), hätten sie mir kein Boot gekauft. Inzwischen hatten sie meine Idee voll begriffen und halfen mir, wo sie konnten, aber das Boot war definitiv mein Ding. Wenn ich auch weiterhin auf ihre Unterstützung zählen wollte, musste ich es irgendwie selbst beschaffen und ihnen damit zeigen, dass ich zumindest das Wichtigste für mein Unternehmen schon hatte.

 

Es gab so viele Leute, die mich unterstützten und mir halfen, aufs Wasser zu kommen, aber ein Mann war für mich wirklich entscheidend in der Vorbereitung auf den Törn: Bruce Arms. Er ist sein ganzes Leben lang gesegelt, anfangs in kleinen Jollen und Skiffs, später auf Kielbooten und Mehrrümpfern. Er ist ein Einhandsegler, hat dreimal am Solo Tasman Race und zweimal am Tasmanian Three Peaks teilgenommen. Das Solo Tasman Race von New Plymouth in Neuseeland nach Mooloolaba in Queensland hat er in den Jahren 2007 und 2010 sogar gewonnen. Bruce verfügt über immens viel Segelerfahrung und ist außerdem Bootsbauer – mithin also für mich der perfekte Mensch, um von ihm zu lernen. Bruce und seine Frau Suzanne sind mit Pat und Judy Gannon befreundet, einem Paar, das wir während eines Törns auf dem Familienboot vor Lizard Island kennenlernten. Als sie von meinen Plänen hörten, organisierten sie für mich Mitte 2008 ein Treffen mit Bruce. Zunächst einmal hatte Bruce mir den Stempel eines kleinen Mädchens mit großen Träumen verpasst. Doch nachdem wir uns das erste Mal getroffen hatten, entschied er, dass ich die Voraussetzungen für diesen Törn mitbrachte. Bevor er irgendetwas tat, traf er sich mit Mum und Dad, um sicherzustellen, dass ich mein Ziel aus den richtigen Gründen verfolgte und nicht bloß eine Marionette meiner Eltern war. Es dauerte nicht lange, bis Bruce erkannte, dass mein Vater ganz sicher nicht dahintersteckte und dass meine Mutter mich zwar unterstützte, aber nicht ihren eigenen Traum indirekt über mich ausleben wollte.

 

Bruce und ich sind sehr verschieden. Bruce ist ein methodischer Mann, der die Dinge überdenkt und die Prozesse durchgeht, um ganz sicher zu sein. Er war der perfekte Mentor für mich, weil ich die Dinge anfangs zu schnell anpackte und nicht immer den klügsten Weg einschlug. Meine Familie nennt das »ein bisschen blond sein«. Inzwischen habe ich durchaus gelernt, mein Tempo zu drosseln und überlegter zu handeln – vieles davon habe ich Bruce zu verdanken. Nach einem Gespräch beschlossen Bruce und Suzanne, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um mir zu helfen. Das war aus ihrer Sicht eine einschneidende Entscheidung. Eine Reihe von Bruce’ Freunden war direkt in Sorge, dass man ihn auf die ein oder andere Art und Weise zur Verantwortung ziehen könnte, wenn auf dem Törn etwas schieflaufen sollte. Bruce wusste, dass es bezüglich meines Vorhabens Kritik an mir und meinen Eltern geben würde. Es war ihm klar, dass jeder Helfer ebenfalls zur Zielscheibe werden könnte. Aber das war ihm egal. Bruce sah etwas in mir, zu dem er Bezug fand. Er ließ sich nicht von anderen darin beirren, mir seine ganze Unterstützung zu geben.

 

Bruce und Suzanne besitzen einen Chamberlin-45-Fuß-Katamaran mit Namen BIG WAVE RIDER. Es ist ein großartig zu segelndes Boot. Nun, da Bruce entschieden hatte, mir zu helfen, hielt er sein Versprechen. Er nahm mich auf eine ganze Reihe seiner Reisen mit, um meinen Erfahrungshorizont zu erweitern und sich ein Bild davon zu machen, ob ich wirklich das Zeug zu einer Weltumseglung hätte. Einer der Törns führte uns von Mooloolaba nach Hobart. Als meine Mutter ihn anschließend um sein Urteil bezüglich meiner Fähigkeiten bat, sagte er: »Sie hat Talent zum Segeln und lernt schnell.«

Wenn man Bruce fragt, welche Eigenschaften ein Solosegler haben sollte, wird er antworten, dass derjenige mental stark, ein guter Allroundsegler und imstande sein müsste, alles selbst zu machen: Kochen, Segeln, die Elektrik, Motorreparaturen, Klempnerarbeiten, Rigg-Service, Wetteranalysen – die Liste kann endlos lang sein. Was er nicht erwähnt, sind Alter und Geschlecht. Von dem Moment an, da wir uns zum ersten Mal trafen, fühlte ich mich durch ihn nie vorverurteilt oder unzureichend wahrgenommen, nur weil ich ein Teenager oder gar weil ich ein Mädchen war.

Die Segelwelt wird von Männern dominiert, aber für Bruce und viele andere meiner fabelhaften Helfer waren meine Fähigkeiten, meine Zielstrebigkeit und meine Hingabe ausschlaggebend. Zweifellos dachten sie anders als jene Segler, die mir damals nicht mal ihre Leinen zuwerfen wollten. Für sie war die Tatsache völlig irrelevant, dass ich ein Teenagermädchen bin. Ich frage mich bis heute, ob der Wirbel um meine Weltumseglung genauso groß gewesen wäre, wenn ich ein Junge im Teenageralter gewesen wäre. Nun ja, ich weiß, dass Jesse Martin und seine Eltern eine Menge Kritik hatten einstecken müssen, als er lossegelte. Also wäre es vielleicht das Gleiche gewesen.

Mir war klar, dass ich zunächst (abgesehen davon, ein Boot zu finden) ernsthafte Hochseesegelerfahrung sammeln musste, bevor ich los konnte. Das klingt leichter, als es ist – zumindest, wenn du ein 14 Jahre altes Mädchen bist. Ich formuliere es einmal so: Man ist nicht gerade erste Wahl bei Skippern. Dennoch segelte ich bereits ein-, zweimal die Woche auf einer Yacht aus unserer Gegend namens SORAYA.

Zudem jobbte ich als Ausbilderin in der Segelschule, brachte also Kindern und Erwachsenen das Segeln in kleinen Jollen bei. Das Unterrichten der Kinder machte mir Spaß, aber ich hatte das Gefühl, dass einige der Erwachsenen es nicht so lustig fanden, sich von einem so viel jüngeren Menschen sagen zu lassen, was sie zu tun hatten und was nicht. Es endete ziemlich oft damit, dass wir alle nass wurden. Auch diese Erfahrungen trugen dazu bei, dass ich meinen Traum immer intensiver verfolgte.

 

Ich kann euch gar nicht sagen, wie aufgeregt ich war, als alle meine Mühen schließlich belohnt wurden. Ich nahm an Bord einer 45-Fuß-Yacht namens ELEGANT GYPSY an meiner ersten Hochseeüberführung von Vanuatu nach Brisbane teil! Wir hatten die Eigner Sharon und Chris und ihre beiden Söhne Hugo und Max bei einem Törn im Norden kennengelernt und waren seither in Kontakt geblieben. Sie hatten ihre Saison gerade in Vanuatu beendet, und weil Sharon und die Jungs zurück nach Australien flogen, brauchte Chris Unterstützung für die Rückführung der Yacht.

Bevor meine Eltern ihr Okay gaben, mussten alle Törndetails doppelt geprüft werden. Es war persönliche Sicherheitsausrüstung zu kaufen, und mein Vater bestand sogar darauf, dass ich mir eine sogenannte EPIRB (Emergency Position Indicating Radio Beacon) anschaffte. Mum und Dad waren ziemlich nervös, als sie mich zum Flughafen brachten, um mich dort zu verabschieden. Auch die Verwirrung am Check-in-Schalter trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Dort sagte man mir zunächst: »Sorry, wir haben hier keine Buchung unter dem Namen Watson.« Glücklicherweise löste sich das Problem schnell: Sie entdeckten, dass ich den Flug aus irgendeinem Grund unter dem Namen »Ms. Mooloolaba« gebucht hatte. Den Grund dafür kapiere ich bis heute nicht!

Auf dem Flug nach Vanuatu traf ich meinen zukünftigen Crewkameraden Martin. Obwohl ich vor Aufregung beinahe platzte, bemühte ich mich um ein möglichst erwachsenes Auftreten. Am Ende war der Törn ziemlich überschaubar. Tatsächlich wendeten oder halsten wir während der gesamten 1107 Seemeilen langen Überführung nicht ein einziges Mal. Es gab einfach keine Richtungsänderung. Allein diese Tatsache ist rekordverdächtig. Es war definitiv nicht die Art actiongeladener Passage, die ich mir erhofft hatte, aber sie hat mir einen Vorgeschmack auf das Hochseesegeln gegeben. Und mehr als alles andere fand ich heraus, dass ich das einfache Leben des Langstreckensegelns liebte.

Vielleicht hatten Mum und Dad gehofft, dass ich nach Beendigung dieses ersten Törns genug hätte und meine Einhand-Idee aufgeben würde. Ich tat es nicht. Im Gegenteil: Ich war bereit für mehr.

 

Nach meiner Rückkehr absolvierte ich meinen Küstenskipperkurs in der örtlichen Segelschule. Für die Theorieprüfung musste ich eine Woche lang alles über Navigation, Törnplanung und Wetteranalyse lernen. Bei der praktischen Prüfung segelten wir von Coffs Harbour entlang der Küste von New South Wales und zurück nach Mooloolaba auf der 37-Fuß-Yacht der Segelschule. Wir bekamen es während des Törns mit den unterschiedlichsten Bedingungen zu tun – auch hier habe ich viel gelernt.

 

Während all dieser Jahre der Vorbereitung habe ich viele Menschen in Briefen um Rat gebeten. Bruce hatte mir vorgeschlagen, Don McIntyre zu kontaktieren. Don ist einer der großartigsten Abenteurer und obendrein einer der erfahrensten Segler Australiens. Er hat schon an der BOC Challenge teilgenommen, einer Einhand-Regatta um die Welt. Außerdem hat er Expeditionen in die Antarktis unternommen. Ja, gemeinsam mit seiner Frau Margie hat er sogar ein Jahr lang in der Antarktis gelebt! Über seine Einhand-Weltumseglung hat Don einen Dokumentarfilm gedreht. Den wollte ich unbedingt sehen. Man hatte mir erzählt, dass Don ein Herz für junge Abenteurer hat, und deswegen fand ich es in Ordnung, ihm eine Mail zu schicken. Er schickte mir eine Kopie seines Films, und von dem Moment an blieben wir in Verbindung.

Don war eine riesige Hilfe, gab mir Rat und versorgte mich mit nützlichen Kontakten. Ich hatte das Gefühl, dass die Sache langsam, aber sicher ins Rollen kommt. Der Knacks kam, als ich eine E-Mail von Don mit unmissverständlicher Botschaft bekam: »Ohne Boot kannst du es nicht machen … und du hast kein Boot!«

Vielleicht denkt ihr ebenfalls spätestens jetzt, dass mein kindlicher Glaube daran, die notwendige Unterstützung zu finden, sich aus einem Teil Irrsinn und einem Teil Teenagernaivität zusammensetzte. Aber eigentlich traf Dons E-Mail nur einen Nerv, denn dieses Problem beschäftigte mich schon die ganze Zeit über und nagte an mir.

 

Zu dieser Zeit hatte ich bereits ein paar regionale Sponsoren gewinnen können. Dazu zählten Ullman Sails und Fleming Windvanes. Viele kleinere Zulieferbetriebe hatten mir ihre Unterstützung signalisiert, zögerten aber ihre finale Entscheidung hinaus, wollten warten, bis ich auf soliderer Basis stand – einem Boot. Es war ein merkwürdiger Kampf: Auf der einen Seite brauchte ich die kleineren Partner, um meine Kreditwürdigkeit für den Kauf eines Bootes unter Beweis zu stellen, auf der anderen Seite waren ohne Boot nur die wenigsten bereit, mich zu unterstützen.

Was ich damals noch nicht wusste, war, dass Don und Margie bereits intensiv über mich und mein Projekt gesprochen und entschieden hatten, mir das Boot zu kaufen, das ich für meine Weltumseglung brauchte. Die Unterstützung junger Menschen ist ein in Dons Herzen tief verankertes Bedürfnis. Er glaubt an die inspirierende Kraft von Abenteuern. Einmal sagte er zu mir: »›Abenteuer‹ bedeutet für viele Menschen eine Art Schimpfwort. Sobald du das Wort Abenteuer sagst, denken sie an notwendige Rettungsmaßnahmen. Es gibt viele Menschen, die den Wert von Abenteuern bezweifeln, aber die Wahrheit sieht doch anders aus: Wenn wir unsere Gesellschaft und unsere Kinder weiterhin in Watte packen – und genau das tun wir –, verändern wir Australiens Kultur. Australien braucht Helden. Jeder, der da rausgeht und etwas versucht, jeder, der seine Träume jagt und dafür bis an die Grenzen geht, schafft so viele positive Werte.«

Ich hatte Don bewiesen, dass ich dieses Projekt aus den richtigen Gründen plante. Nachdem er meine Eltern getroffen hatte, wusste er, dass ich die treibende Kraft war. Er hatte keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass ich von ruhmsüchtigen Eltern getrieben oder manipuliert wurde. Selbst jetzt, beim Schreiben darüber, muss ich über diesen Gedanken immer noch lachen. Absurd! Mit Mum und Dad war es doch genau anders herum! Don wusste auch, dass wir, genau wie Bruce, Leute mit der Bereitschaft sind, in jedes nur mögliche Boot für diesen Törn harte Arbeit zu investieren.

 

Da ich Dons Pläne nicht kannte, ließ ich mich von den bestehenden Schwierigkeiten nicht aufhalten und arbeitete weiter daran, mehr Erfahrung zu sammeln. Ich hörte von einer internationalen Organisation namens OceansWatch. Diese Organisation arbeitet in ihren Bemühungen um den Meeresnaturschutz eng mit Seglern in aller Welt zusammen und unterstützt darüber hinaus Entwicklungsländer mit humanitärer Hilfe. OceansWatch operiert mit Freiwilligen an Bord ihrer Boote und im Einsatz vor Ort. Unter ihrem Dach sah ich einen Weg für mich, mehr Segelerfahrung zu sammeln und zugleich der Umwelt etwas zurückzugeben. Ich nahm Kontakt mit Chris Bone auf, der die Projekte von OceansWatch im asiatisch-pazifischen Raum koordinierte. Chris war schon viele Jahre als Umweltschützer aktiv und als Skipper für Greenpeace im Einsatz. Ich konnte Chris davon überzeugen, dass es mir mit dem Segeln ernst und mit der Weltumseglung sogar sehr ernst war.

Trotz meines Alters war er bereit, mir eine Chance als Crewmitglied zu geben. Aber zuvor wollte er verständlicherweise mit meinen Eltern sprechen und sicherstellen, dass sie in meine Pläne eingeweiht waren. Mit der Hilfe von Chris absolvierte ich einige Hochseetörns an Bord der MAGIC ROUNDABOUT. Mein erster Törn führte mich an der Seite von Melinda Taylor und James Piman von Whangarei in Neuseeland nach Vanuatu. Mit meinem Job als Küchenhilfe hatte ich genügend Geld verdient, um nach Vanuatu oder Neuseeland zu fliegen und dort an Bord einer Yacht zu gehen. Das Segeln an Bord kostete zwar kein Geld, aber ich musste wie alle anderen auch zwölf Dollar am Tag in die Bordkasse der MAGIC ROUNDABOUT einzahlen. Da kommt bei einem fünfwöchigen Törn einiges zusammen.

Mein nächster Hochseetörn führte mich von Brisbane nach Vanuatu. Eigentlich wollte ich im Anschluss nach Hause fliegen, doch dann hörte ich, dass sie auf einer Yacht namens SERANNITY jemanden für die Rücküberführung nach Brisbane suchten – perfekt für mich: Ich sparte das Geld für den Rückflug und konnte noch mehr Hochseeerfahrung sammeln. Ich musste nur Mum und Dad anrufen und sie vom Sinn der Sache überzeugen. Dann bat ich Chris noch, die Eigner und das Boot auf seine Seetauglichkeit hin zu überprüfen. Was soll ich sagen, meine Eltern willigten schließlich ein.

Meine nächste große Reise führte mich als inoffizielle Skipperin der MAGIC ROUNDABOUT von Brisbane zurück nach Whangarei. Ich war immer noch zu jung für den Erwerb des Bootsführerscheins. Also war Jim Hawke als offizieller Skipper dabei. Er hatte jahrzehntelang jungen und alten Leuten das Segeln beigebracht. Zur Crew gehörte außerdem Ricki Colston. Jim ließ mich die Rolle der Skipperin übernehmen und wollte lediglich im Notfall einspringen. So bekam ich eine erste Idee davon, was die Rolle erfordert. Er war fantastisch, weil er meine Entscheidungen weder infrage stellte noch umschmiss. Er fragte mich einfach nur konsequent und ständig, warum ich die Dinge so oder eben anders machte. So brachte er mir bei, meinen Instinkten zu trauen. Seine Fragen waren für mich einfach das perfekte Training. Sie ermutigten mich, Situationen behutsam und logisch zu durchdenken.

 

Natürlich baten Mum und Dad Jim im Anschluss an den Törn um seine Einschätzung meiner Fähigkeiten. Ich war sehr zufrieden mit dem Ergebnis dieser Unterredung. Wie ich herausfand, hatte er mich so eingeschätzt, dass ich bei über 90 Prozent meiner seglerischen Fähigkeiten und mit Blick auf meinen Mut sogar bei über 97 Prozent läge.

Es war schön, eine solche Beurteilung von einem so erfahrenen Segler zu erhalten. Und ich bin sicher, dass dieses Urteil auch meine Eltern bestärkte.

 

Als Nächstes half meine Tante Wendy dabei, einen weiteren Höhepunkt für mich zu arrangieren. Sie arbeitete für den neuseeländischen Wetterdienst auf Campbell Island, einer der subantarktischen neuseeländischen Inseln. Sie verhalf mir zu einem Platz an Bord der EVOHE. Diese 82 Fuß lange Stahlyacht war auf der De-Wachter-Werft im niederländischen Antwerpen entstanden und eigens für die harschen Bedingungen in Arktis und Antarktis gebaut worden. Das Boot segelte von Bluff am Südzipfel von Neuseelands Südinsel zur Hauptinsel und weiter in Richtung der Campbell-Inselgruppe, deren Revier als Weltnaturerbe eingestuft ist. Ich freute mich sehr über diese Chance, weil ich dadurch Erfahrung im Südpolarmeer sammeln konnte. Ich war Teil einer Crew aus Meteorologen und Ingenieuren und konnte daher alle möglichen Fragen über unbeständiges Wetter und Wettermodelle stellen, die es für dieses Revier gab.

 

Insgesamt gesehen, steckte ich wirklich alle meine Energie in die Verwirklichung meiner Weltumseglung – es sei denn, ich segelte gerade oder kümmerte mich um den Abwasch im »Fish on Parkyn«. Ich absolvierte meine Stunden und Tage auf See. Mehr und mehr Menschen halfen mir. Was mir jedoch immer noch fehlte, waren gute Sponsoren. Und um die zu finden, brauchte ich immer noch die Hilfe der Medien. Hier gab es einfach keinen anderen Weg für mich. Aber jedes Mal, wenn ich in diese Richtung tätig wurde, gerieten meine Familie und ich ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Ich hoffte, dass sich die Medien für mein Projekt interessieren würden, und tatsächlich begannen einige Zeitungen und Fernsehsender, meine Vorbereitungen und Fortschritte zu begleiten. Trotzdem blieb der Gang in die Öffentlichkeit ein zweischneidiges Schwert. Doch womit ich nie gerechnet hätte, waren die negativen Kommentare und die Art und Weise, wie die Erziehungsmethoden meiner Eltern in einigen Artikeln und Geschichten angegriffen wurden.

 

Den Törn ohne die Hilfe von Sponsoren durchzuführen war undenkbar. Und es gab keine Chance, dass Mum und Dad mich ziehen lassen würden, wenn ich in der Vorbereitung oder im Materialbereich Kompromisse eingehen würde.

In dieser Zeit hat es mir besonders geholfen, dass Menschen wie Don McIntyre hinter mir standen – mein Kontakt zu ihm bestand inzwischen über ein Jahr. Don ist kein Dummkopf. Er sah, dass wir für meine Sicherheit alles taten. Jedes Mal, wenn es hässlich wurde, schickte er mir und meiner Familie eine Nachricht, die half, die negative Stimmung zu zerstreuen.

 

Ich habe mit unzähligen Menschen über die richtige Wahl des Bootes für die Weltumseglung gesprochen. Zwei davon waren Bruce und Don. Ihr Rat war wertvoll. Als ich meine erste Liste mit Traumbooten zusammenstellte, setzte ich eine Sparkman & Stevens 34 (S&S 34) an die erste Stelle. Jon Sanders, David Dicks und Jesse Martin hatten sie schon unter Weltumseglungsbedingungen getestet. Dabei hatte sich die S&S 34 als robustes kleines Boot erwiesen. Später glaubte ich, dass ich ein schnelleres Boot bräuchte, und durchdachte alle möglichen Designs. Ich absolvierte eine Art gedanklichen Vollkreis und endete wieder bei der S&S 34. Von diesem Bootstyp wurden seit Mitte der 1960er-Jahre mehr als 34 Yachten in England und mehr als 160 in Australien gebaut. In Westaustralien werden sie immer noch produziert. Allem Anschein nach segeln alle jemals gebauten Yachten vom Typ S&S 34 bis heute. Das ist unglaublich! Ich konnte mich einfach nicht gegen die eindrucksvolle Bilanz dieses Bootes entscheiden. Für mich war es wichtig, ein Boot zu haben, das ich allein beherrschen konnte. Ich wollte auf keinen Fall ein Risiko mit einem Boot eingehen, das sich noch nicht bewährt hatte. Nicht mal dann, wenn es mich möglicherweise schneller um die Welt bringen könnte.

 

Als Don und Margie mir anboten, das Boot zur Verfügung zu stellen, habe ich mich irrsinnig gefreut. Doch ich war inzwischen auch vorsichtig genug, mich nicht von der Euphorie davontragen zu lassen, bis auch alles andere geregelt war. Es war eine unglaubliche Erkenntnis, dass jemand genügend an mich glaubte, um mir ein Boot zu geben. Dass dieser jemand darüber hinaus jemand wie Don war, der um die Anforderungen eines solchen Törns wusste, machte es umso verblüffender. Anfangs konnte ich es kaum glauben.

Im März 2009 war ich in Neuseeland unterwegs, während sich Don zur Inspektion eines Bootes aufmachte, das wir entdeckt hatten. Ich erinnere mich daran, dass ich den ganzen Tag nicht stillsitzen konnte, während ich auf das Ergebnis des Gutachters wartete. Die SHANTY, so hieß das Boot damals, war 1984 gebaut worden. Ihren Zustand beschrieb Don mit wenigen Worten: »Es hat einen neuen Motor, ist in anständiger Verfassung, besitzt einen soliden Mast und kostet 68 000 australische Dollar.« Er handelte die Summe um fast 20 Prozent herunter und unterschrieb den Kaufvertrag.

 

Alles, wovon ich so lange geträumt und worauf ich so lange gehofft hatte, fügte sich nun zusammen. Mit der geklärten Bootsfrage legte das Projekt an Tempo zu, und ich musste mich hin und wieder selbst kneifen, um festzustellen, ob das alles wirklich passierte.

 

Nachdem ich das Boot übernommen hatte, verbrachte ich einige Wochen damit, es zu säubern und für die Pressekonferenz auf Hochglanz zu bringen, auf der ich meine Pläne vorstellen wollte: einhand und ohne Hilfe von außen die Welt nonstop zu umsegeln. Diese Pressekonferenz war unbedingt notwendig, um für nennenswerte Sponsorensummen zu trommeln.

 

Gleichzeitig hielten mich der Unterricht und die Vorbereitungen auf die Prüfung zum Yachtmaster Ocean in Atem. Dabei erlernte ich unter anderem den Umgang mit dem Sextanten. Mein Ausbilder hieß John Bankart. Wir gingen an den Strand, um mit dem Sextanten erst die Venus zu peilen und dann ein paar Mal die Sonne zu schießen. Es war extrem befriedigend, unsere Position mit einer Genauigkeit innerhalb von vier Seemeilen nur mithilfe von Sonne, Sternen und Tabellen ermitteln zu können. Na ja, und natürlich mit viel Hilfe von John.

 

Don flog von Tasmanien zu uns hoch, um uns bei den Vorbereitungen auf die Pressekonferenz und den Arbeiten am Boot zu unterstützen. Er brachte Mike Perham mit.

Mike hatte die britische Hafenstadt Portsmouth am 15. November 2008 mit seinem Open 50 TOTALLYMONEY.COM verlassen, um als jüngster Mensch zurückzukehren, der je die Erde einhand und nonstop umrundet hatte. Das kommt euch bekannt vor? Traurigerweise musste er aufgrund andauernder Probleme mit seinem Autopiloten und später auch mit dem Ruder mehrere Reparaturstopps in Lissabon, auf den Kanarischen Inseln, in Kapstadt, Hobart und Auckland einlegen. Dementsprechend musste er seine Zielsetzung korrigieren und kehrte »nur« als jüngster Mensch zurück, der je die Erde in einem Segelboot umrundet hatte.

Natürlich hatte ich Mikes Reise im Internet verfolgt und war total aufgeregt, ihn persönlich zu treffen. Genauer gesagt, ging ich mit ihm und Don segeln, und auf diesem Törn sprachen wir über meine geplante Route und gingen die gesamte Planung von vorn bis hinten durch. Während ich Mike lauschte, der von seiner fantastischen Zeit allein da draußen auf See berichtete, erkannte ich, wie außergewöhnlich mein Vorhaben wirklich war. Natürlich erinnerten mich Erzählungen von 15 Meter hohen Wellen und einsamen Querschlägen im Südpolarmeer auch auf ernüchternde Weise daran, was vor mir lag. Mein Vater rang immer noch mit der Vorstellung, dass es wirklich losgehen sollte. Dass er nun sah, wie ein anderer Teenager mit diesem Abenteuer seines Lebens umging, gab ihm (ein bisschen) mehr Sicherheit. Damit sich dieses Gefühl nicht gleich wieder verflüchtigte, sorgte ich dafür, dass er die etwas dramatischeren Geschichten nicht zu hören bekam …

 

Ich weiß, dass es Leute gibt, die glauben, es gäbe eine heftige Rivalität unter den jungen Seglern wie Mike, Jesse Martin, Zac Sunderland und seiner Schwester Abby, aber die Wahrheit sieht anders aus: Wir unterstützen uns gegenseitig, schreiben uns E-Mails, wir tauschen uns aus, teilen unser Wissen und wünschen dem jeweils anderen nur das Beste. Es tut mir sehr leid, dass Mike diese Probleme mit seinem Autopiloten hatte, aber ich bin dankbar dafür, dass ich vor dem Start meines eigenen Abenteuers einige Zeit mit ihm verbringen konnte.

 

Das Treffen mit Mike ließ plötzlich alles ganz real erscheinen und erinnerte mich auch daran, die Reise und die Vorbereitungen darauf zu genießen. Wir tauften die SHANTY auf ihren neuen Namen YOUNGEST-ROUND, und Bruce und ich segelten sie von Mooloolaba in den Hafen von Rivergate in Brisbane, um sie dort der Presse zu präsentieren.

Kaum hatten wir die Leinen gelöst und waren gestartet, wurden wir bei meinem ersten großen Törn mit diesem Boot von Regenschauern und 20 Knoten Wind auf die Nase begrüßt. Anfangs kamen wir gut voran, doch dann blieb der Wind aus, und die Regenschauer wurden immer heftiger. Wir verkrochen uns unter Deck, um einigermaßen trocken zu bleiben, und entdeckten bald, dass der vertrauenerweckende Autopilot einige skurrile Eigenschaften aufwies – wir nannten ihn Mr. Wonky.

 

Einige verunglückte Wenden später segelten wir langsam südwärts, bevor wir das nächste Problem entdeckten: Wasser in der Bilge. Ich bot an, das Steuer zu übernehmen, während Bruce ganz galant alles Wasser aus der Bilge schöpfte. Wir waren sehr erleichtert, als sich herausstellte, dass das Wasser nicht aus einem kritischen Leck im Rumpf stammte, sondern nur das Ergebnis überkommender See in der Nacht zuvor war. Insgesamt sind wir nicht gerade schnell vorangekommen. Auf Höhe der Bucht von Moreton wurden wir aufgrund der ablaufenden Tide sogar noch langsamer. Die Geschwindigkeit sank auf drei Knoten, obwohl uns das eiserne Toppsegel (der Motor!) unterstützte. Alles schien schiefzugehen. Im weiteren Verlauf der Überführung brach der Großschottraveller in einer ungestümen 25 Knoten starken Windbö. Wir behoben den Schaden und entdeckten dann, dass sich das Unterwant auf Steuerbordseite auflöste. Ein Want ist einer der Drähte, die den Mast halten. Die Situation war also nicht ungefährlich.

Der letzte Abschnitt über die Bucht aber verlief versöhnlich. Im Sonnenuntergang nahm der Wind zu und schob uns in idealer Weise voran. Wir segelten den Brisbane River hinauf in Richtung der glitzernden Silhouette der Stadt. Magie lag in der Luft. Unseren Liegeplatz im Hafen fanden wir problemlos. Als ich von Bord ging, sehnte ich mich nach einer heißen Dusche und einer warmen Mahlzeit wie lange nicht mehr.

 

An diesem einen Tag der Überführung haben wir extrem viel über das Boot gelernt. Die Liste unserer Aufgaben war unglaublich lang geworden: Das Refit der Yacht würde ein Mammutprojekt werden, und ich drückte mir selbst die Daumen, dass mir die Pressekonferenz und die bevorstehende Sanctuary Cove Boat Show den Erfolg an der Sponsorenfront bescheren würden, der notwendig war, um meinen Traum am Leben zu erhalten.

 

Am dringendsten war immer noch das Finden eines Hauptsponsoren – einerseits als Namensgeber, vor allem aber zur Bewältigung unserer Ausgaben und der Beschaffung der technischen Ausrüstung. Vorläufig legten wir meinen Start für September fest. Damit blieben mir vier Monate für die Vorbereitung.

 

13. März 2009. Dies war der Tag unserer ersten Pressekonferenz. Wir hatten keine Ahnung, was wir zu erwarten hatten. Weder wussten wir, ob sich jemand für das Projekt interessieren würde, noch, ob die Reaktionen insgesamt positiv ausfallen würden. Was soll ich sagen? Das Echo übertraf unsere wildesten Träume. Es hatte schon vorher Presseberichte über mich gegeben, und ich war auch schon von einigen Journalisten interviewt worden, aber auf den medialen Ansturm an diesem Tag war ich ehrlich nicht gefasst. Ich sprach mit Journalisten, Ausrüstern und jedem, der nur halbwegs an meinem Vorhaben interessiert war. Ich redete und redete und hörte damit erst auf, als ich an diesem Tag ins Bett ging.

Einer der wichtigsten Kontakte dieses 13. März war der zu Scott Young von 5 Oceans Media, einem Medien-, Sport- und Management-Unternehmen, das Leute wie Layne Beachley, Hazem El Masri oder Lincoln Hall managt.

Bis zu diesem Punkt hatte ich ja alles nur mit Mum und Dad, meiner Familie und Freunden, Bruce, Suzanne und Don koordiniert. Doch inzwischen hatte das Projekt derartige Ausmaße angenommen, dass ich wusste: Wir brauchen Hilfe. Es tat gut, mit Scott zu sprechen, und wir verabredeten ein Treffen mit seinem Partner Andrew Fraser auf der bevorstehenden Sanctuary Cove Boat Show.

 

Nach diesem Tag rauschte das Adrenalin nur so durch meinen Körper, ich schwebte auf Wolke sieben. Leider nicht sehr lange. Nachdem ich mich die ganze Nacht im Bett hin und her gewälzt hatte, wachte ich sehr früh auf und bereitete mich auf mein erstes Fernsehinterview vor. Plötzlich entdeckte ich, dass die von mir sorgfältig ausgewählte Kleidung gerade in einem Auto in die falsche Richtung fuhr. Das mag nicht schlimm klingen, aber ich war nervös, sonnenverbrannt und heiser vom vielen Reden am Vortag. Also wollte ich wenigstens optisch einen guten Eindruck machen. Außerdem bin ich immer noch ein Teenager! Und Teenager wie ich sorgen sich immer um das passende Outfit für besondere Anlässe.

Als eine Limousine vorfuhr, um uns abzuholen, kam ich mir ein bisschen wie im Märchen vor. Ich konnte es kaum glauben. Ich war müde, fühlte mich farblos und wurde von einem Wagen mit Chauffeur durch die Gegend gefahren. Der Chauffeur hieß David und trug einen makellosen Anzug. Aber ehrlich gesagt: Am besten gefielen mir die Gummibärchen, die für uns bereitlagen.

Nachdem ich das Interview absolviert hatte, ohne mich komplett zu blamieren, dachte ich, dass ich nun ruhiger werden würde. Doch ich durchlebte auch den Rest des Vormittags wie im Nebel, kämpfte mich durch weitere Radiointerviews, wurde fürs Fernsehen gefilmt und wieder und wieder fotografiert. Das Echo auf unsere Pressekonferenz und die Präsentation des Bootes war phänomenal. Eine Flut von E-Mails und Anrufen brach über mich herein. Ich war sprachlos über die eintreffenden Hilfsangebote und die Ermunterungen.

Ich fühlte mich regelrecht beschwingt durch die Tatsache, dass so viele Menschen hinter mir standen. Jede E-Mail und jede Botschaft, die mir Glück wünschten, inspirierten mich noch ein wenig mehr.

 

Es gab jedoch auch eine Kehrseite, denn längst nicht alle Reaktionen waren ermutigend. Wir mussten uns auch mit einer Flut an Kritik auseinandersetzen, in der ich als zu jung eingestuft wurde. Schlimmer war, dass so viele Menschen Mum und Dad verunglimpften. Ich selbst hatte inzwischen gelernt, entspannter mit Kritik umzugehen. Sie ging mir nicht mehr so unter die Haut. Aber ich machte mir Sorgen darüber, wie meine Eltern all das aufnehmen würden. Eins darf man ja nicht vergessen: Es war MEIN Traum. Und natürlich war ich auch bereit, ihn zu verteidigen. Dass nun aber meine Eltern dafür kritisiert und so bösartig verurteilt wurden, machte mich wirklich wütend.

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Meine Mutter hat sich vor den Kameras großartig verteidigt, und sogar mein Vater schien es gut wegzustecken. Aber Emily, Hannah und Tom waren ebenfalls betroffen. Sie hatten es sich nicht selbst ausgesucht, ihre Eltern plötzlich im grellen Rampenlicht stehen zu sehen. Es war für keinen von uns gut.

Es war bizarr, in den Zeitungen Überschriften wie »Unverantwortlicher Törn eines Schulmädchens« zu lesen. Es schien merkwürdig, dass die Zeitungen ihre Leser in Umfragen zur Abstimmung darüber aufforderten, ob ich zu jung sei. Ich hörte von einer Gruppierung namens Australian Family Association, die meine Eltern dazu aufforderte, ihre Entscheidung, mich gehen zu lassen, noch einmal zu überdenken. Mum und Dad hörten allen Menschen ausnahmslos immer zu. Meine Mutter erklärte uns, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung hätte. Ich wünschte nur, unsere Kritiker hätten ihre Meinung auf Basis von mehr Informationen gebildet.

Nicht einer dieser Menschen, deren Stimmen so laut zu hören waren, kannte mich oder meine Familie oder versuchte herauszufinden, wie ich mich auf den Törn vorbereitet hatte. Ich war wirklich dankbar, dass Leute wie Jesse Martin und Don McIntyre für uns in die Bresche sprangen. Don wurde so zitiert: »Sie ist nicht aus ihrem Schlafzimmer gezerrt worden, als sie gerade mit Puppen spielte, und auf ein Boot gesetzt worden. Das Alter spielt in diesem Fall keine Rolle. Es geht darum, wer sie ist, was sie ist und was sie bewegt. Ob sie es schaffen kann? Ich glaube daran. Wird es gelingen? Nur die Zeit kann die Antwort darauf geben.«

 

Zwischen der Herausforderung der Pressekonferenz und der Bootsausstellung gab es einen weiteren Meilenstein: Meinen 16. Geburtstag. Geschenke brauchte ich nicht. Ich hatte ein Boot. Doch eines konnte ich jetzt endlich erledigen … Ich musste allerdings zunächst eine Weile vor dem Verkehrsbüro von Queensland warten, weil es noch geschlossen war. Dann endlich konnte ich stolz meinen neuen Führerschein in Empfang nehmen. Nun durfte ich mein Boot auch ganz offiziell führen. Mit diesem wichtigen Dokument in meinen Händen feierte ich meinen Geburtstag mit Tom, Dad und unserem Cousin Ben auf einem Segeltörn von Brisbane hinunter zur Gold Coast. Es war nicht gerade der entspannte Törn, den wir uns erhofft hatten. Kaum hatten wir die Flussmündung verlassen, wehten uns 25 Knoten Wind auf die Nase. Die kurze abgehackte Welle bremste uns auf frustrierende drei Knoten herunter. Aber mir war das egal. Es war das erste Mal, dass ich legal mein eigenes Schiff steuern durfte. Ich genoss jede einzelne Minute.

 

Noch besser war der Tag danach, als ich das Boot endlich allein segeln konnte. Der Autopilot spielte immer noch verrückt und weigerte sich, das Boot auf geradem Kurs zu steuern. Ich hatte, insbesondere in den flacheren Gewässern des Kanals, alle Hände voll zu tun, denn gleichzeitig traf mich ein Regenschauer und rief ein Radiosender an, um mich telefonisch zu interviewen. Das nenne ich Multitasking! Bruce würde euch nun sagen, dass es genau diese Qualität ist, die ein Solosegler mitbringen muss. Man muss alles selbst machen können. Und oftmals alles gleichzeitig.

 

Die nächsten paar Tage bis zur Sanctuary Boat Show habe ich nur noch undeutlich in Erinnerung. Dann plötzlich fanden wir uns ohne jede Vorahnung in 63 Knoten Wind und zwischen diversen Sandbänken wieder, als wir das Boot unter Motor zum Messehafen brachten.

Dad und Bruce bauten das Boot dort auf. Ich war begeistert, dass man mich als Gastrednerin zur jährlichen Deck Party in die Rivergate-Marina und -Werft eingeladen hatte. Ich war ziemlich nervös, wurde dann aber von Mark Richards vorgestellt. Mark ist Weltmeister und Skipper der viermaligen Sydney-Hobart-Gewinnerin WILD OATS und ergriff die Gelegenheit, über meine bevorstehende Reise zu sprechen und die Leute zu noch mehr Unterstützung zu ermutigen. Für mich war es eine große Chance.

 

Mit der Bootsausstellung brach ein weiterer Tornado über mich herein: noch mehr reden, noch mehr Ausrüster treffen und noch viel mehr Informationen sammeln. Gleichzeitig war ich immer noch auf Sponsorensuche. Ich traf David Campbell auf seinem SatCom Global-Stand, arrangierte Meetings mit Duncan Curnow von Musto und vielen weiteren Zulieferern. Als ich Scott wiedersah, stellte er mir, wie bei der Pressekonferenz verabredet, seinen Partner Andrew Fraser vor.

Das Gespräch zwischen uns dreien wurde zu einem wichtigen Wendepunkt, denn wir kamen schnell zum Kern der Sache: Andrew und Scott würden mich von nun an managen, mir bei der Sponsorensuche helfen und die Medienarbeit koordinieren. Anfangs kam es mir komisch vor, dass ich nun Manager hatte. Aber sie wurden schnell zu einem wichtigen Teil unseres Teams und erwiesen sich als wertvolle Helfer in vielen Bereichen.

 

Einen weiteren Höhepunkt markierte der Auftritt eines Mannes, der zum Boot kam und darauf brannte, meinen Eltern die Hölle dafür heiß zu machen, dass sie mir in meinem Alter überhaupt erlaubten, über eine Weltumseglung nachzudenken. Nachdem er mit meiner Mutter und mir gesprochen hatte, verließ er den Stand mit Tränen in den Augen. Er hatte seine Meinung zu 100 Prozent geändert und versprach, mich auf meinem ganzen Weg zu unterstützen.

Nach der ganzen negativen Publicity tat es wirklich einmal gut festzustellen, dass sogar die ärgsten Kritiker ihre Meinung ändern können, wenn sie sich nur die Zeit zu einem Gespräch nehmen, in dem sie erfahren würden, wie gründlich dieser Törn geplant und wie intensiv wir die Risiken minimiert hatten.

 

Nach der Messe blieb weder Zeit für Übermut noch für eine Pause. Wir brachten das Boot direkt von der Sanctuary Boat Show – selbstverständlich begleitet von weiteren kleinen Dramen – nach Manley in die Moreton Bucht von Brisbane. Dort wurde der Mast gezogen und David Lambourne Yacht Rigging übergeben, die ein neues Rigg bauen sollten. David selbst zählt zu den besten und zuverlässigsten Mastbauern und Riggern Australiens – zweite Wahl kam für uns nicht infrage. Von dort wurde das Boot für die umfangreichen Refit-Arbeiten auf dem Landweg in eine große Halle nach Rosemount in der Nähe von Buderim an der Sunshine Coast gebracht. Ich war nicht gerade begeistert von der Vorstellung, dass mein Boot die nächsten acht Wochen auf einem Lagerbock verbringen würde. Doch obwohl es äußerlich zunächst so aussah, als würden wir rückwärts arbeiten, war es doch eine aufregende Zeit. Die Dinge kamen ins Rollen.

In der ersten Refit-Woche wurde das Boot bis auf seinen fast nackten Rumpf und das Deck »entkleidet«. Alles vom fast neuen Motor bis hin zur ziemlich versifften Toilette wurde herausgerissen, noch bevor wir uns in der Halle einrichteten, das Gerüst aufbauten und die notwendigen Werkzeuge und die Ausrüstung zusammentrugen. Wir investierten viel Zeit in einen detaillierten Ablaufplan. Anhand meiner Körpermaße erstellten wir die Pläne für den künftigen Geräteträger und den Dodger (solides Halbdach zum Schutz des Cockpits gegen Gischt und Wind). Für viele Ausrüstungsteile fertigten wir Schablonen aus Pappkartons an. Andere Aufmaße hielten wir in unseren Notizbüchern fest.

Dabei konnte ich ganz schön stur und penetrant sein, denn ich war entschlossen, unseren recht ambitionierten Zeitplan einzuhalten. Außerdem hatte ich so viel Zeit in meine Recherchen und die Vorbereitung investiert, dass ich nun eine sehr genaue Vorstellung davon hatte, was ich an Bord haben wollte.

Natürlich bin ich nicht dumm (das könnt ihr glauben oder nicht!), also hörte ich auch auf den Rat anderer. Aber ich hatte über Jahre Meinungen und Empfehlungen erfahrener Segler gesammelt, sortiert und gewichtet und traf nun meine eigenen Entscheidungen.

Don wollte, dass ich Windgeneratoren von Air-X Breezewind einsetze, weil er sie mit großem Erfolg erprobt hatte. Auch Jesse Martin hatte die an Bord. Aber ich bevorzugte die Rutlands 913, weil sie leiser waren und als verlässlicher galten. Wir konstruierten eine klappbare Variante, weil so gebrochene Flügel leichter ersetzbar sind.

Ein weiterer Diskussionspunkt war der Geräteträger im Heck des Bootes, auf dem die Solarpaneele und Antennen angebracht werden sollten. David Dicks nutzte eine klappbare Variante und Jesse Martin ebenso. Mir erschien die Konstruktion ein bisschen zu hoch und damit zu anfällig. Also konstruierten wir sie niedriger. Danach wurde das Rigg gebaut. Wir führten eine intensive Debatte darüber, ob die Sturmfock ihre eigene Rollreffanlage bekommen sollte. Ich musste entscheiden, was für mich richtig war, und dazu stehen.

Diesen grundsätzlichen Rat hatte mir Don schon sehr früh gegeben. Er sagte: »Wenn du die Entscheidung nach reiflicher Überlegung getroffen hast und es trotzdem schiefgeht, hast du es wenigstens selbst zu verantworten.« Weise Worte eines weisen Mannes. Ich bin verantwortlich für jede Entscheidung, die wir treffen. In guten wie in schlechten Zeiten.

 

Wir wussten, dass der Refit mit sehr viel Arbeit verbunden sein würde. Und dass ich keine Löhne würde zahlen können. Don schaltete eine Anzeige in der Zeitschrift »Trade-a-Boat«, in der wir freiwillige Helfer suchten. Das Echo darauf warf mich um. Die Leute kamen aus dem ganzen Land. An manchen Tagen arbeiteten wir mit bis zu einem Dutzend Helfern am Boot. Auf dem Programm standen Schleifen, Polieren und Lackieren. Bruce hatte sich der Sache mit Leib und Seele verschrieben. Er und seine Frau Suzanne widmeten sich dem Plan, mich auf den Weg zu bringen, mit aller Hingabe. Bruce war längst mein Projektmanager. Das galt nicht nur für den Refit, sondern für die gesamte Reise, vom Start bis ins Ziel. Mum und Dad halfen, wo es nötig war, kümmerten sich auch um die Beherbergung und Verpflegung einiger freiwilliger Helfer. Wie heißt es so schön: Alle Mann waren an Deck!

Es war eine erstaunliche Gruppe von Menschen. Nicht nur ihre Arbeit war von unbezahlbarem Wert. Auch ihre jahrelange Erfahrung war während der Entscheidungsprozesse rund um das Boot oder an der abendlichen Tafel unschätzbar wertvoll. Ich fürchte, ich werde den ein oder anderen vergessen, wenn ich versuche, jedem Einzelnen zu danken. Da war der stille Ed, ein ehemaliger Angehöriger der US-Navy. Richard, der Tischler, der einfach alles konnte. Jim Hawke, der jede Woche für ein paar Tage kam, um die Klempnerarbeiten voranzutreiben. Rob mit seinen überzeugenden und oftmals heiteren Argumenten, dem ich das Design meines Dodgers zu verdanken habe. Ricki, der immer die miesen Jobs übernahm und trotzdem wiederkam. Und Pat mit seinem rasend witzigen sarkastischen Humor, der so vieles konnte und am liebsten nachts arbeitete, wenn die anderen gegangen waren und Stille in die Halle einzog.

Phil Jones, Inhaber der Firma Fleming Windvanes, stellte mir nicht nur die Selbststeueranlage zur Verfügung, sondern installierte sie sogar. Er konstruierte auch gemeinsam mit meinem Vater den Geräteträger. Auch Damien arbeitete hart, unterhielt uns aber beim Abendessen glänzend mit seinen vielen Geschichten. Neil hat unendlich viele Stunden in die Verkabelung des Bootes gesteckt. Und dann waren da noch Mick, Murray, John und Jim Williams.

Alle zogen intensiv an einem Strang. Dadurch wurde das Projekt zu viel mehr als nur meinem Traum – es wurde »unser Ding«. Manche Helfer kamen einfach am Nachmittag zum Schleifen oder erledigten einen dringenden Botengang für uns. So haben viele Menschen entscheidenden Anteil an meiner Reise, weil sie mich und mein Boot mit ihrem Einsatz an den Start brachten.

 

Dabei ging nicht es beileibe nicht immer nur ernst zu. Eines Tages erschien ich früh in der Halle, um eine Liste der Jobs für den Tag auf eine große Pappe zu schreiben. Die klebte ich an die Wand. Als ich wenige Minuten später wieder auf die Wand schaute, entdeckte ich, dass mein gründlich durchdachter Plan von Vandalen ruiniert worden war! Zwischen den einzelnen Tagespunkten hatte jemand »Rauchpause«, »Kaffeepause«, »Gewerkschaftssitzung«, »Teambuilding«, »Cocktailstunde« und weitere ähnlich »wichtige« Unterbrechungen angeordnet. Ich weiß bis heute nicht sicher, wer das gewesen ist. Mein Verdacht erstreckt sich auf alle damals Anwesenden. Die Stimmung war trotz der harten Arbeit sehr gut; und ich habe es als Privileg empfunden, dass so viele versierte Leute ihre Freizeit opferten, um mir zu helfen. Ich weiß, dass ich es schon gesagt habe. Und ich werde es sicher noch einige Male wiederholen: Es war einfach erstaunlich.

 

Was wir in diesen acht Wochen mit dem Refit des Bootes erreicht hatten, musste man sehen, um es zu glauben. Die Liste ist nämlich wirklich eindrucksvoll:

  • Rumpf geschliffen, geprimert (vorgestrichen) und lackiert
  • Deck geschliffen, gespachtelt und versiegelt
  • Alle Luken, Fenster, Beschläge – absolut alles – demontiert und erneuert
  • Kielbolzen mit Ultraschall geprüft, altes Ruder von Pearl Street röntgen lassen
  • Neues Ruder und Pinne installiert
  • Vier elektrische Johnson-Bilgepumpen sowie zwei Handpumpen installiert
  • Alle Rumpfdurchlässe, Ventile und Schläuche erneuert
  • Neue übergroße Cockpit-Lenzer konstruiert und installiert; extra Püttinge für die Unterwanten montiert
  • Neues Kollisionsschott eingeklebt, um das neue Kutterstag zu befestigen
  • Ankerkasten ausgeschäumt und versiegelt, um eine Knautschzone für den Fall von Kollisionen zu haben
  • Alle Backskisten separat voneinander abgedichtet
  • Neue Pantry und Navigationsecke konstruiert und installiert
  • Neue Motorkiste installiert
  • Brandneuen Yanmar-3YM-29-PS-Motor mit Gori-Faltpropeller installiert
  • Dieseltank überholt, versiegelt und getestet
  • Wassertanks ausgebaut, überholt, versiegelt und getestet
  • Neue Lavac-Toilette installiert
  • Gesamte Elektrik neu verkabelt
  • Den wunderbaren Dodger montiert
  • Alles in glamourösen Pinkschattierungen lackiert

Möglicherweise glaubt ihr mir nicht, aber auch ein wenig »Trübsal blasen« gehört zu einer Reise um die Welt dazu. Angesichts des rasanten Tempos unseres Refits, der intensiven Vorbereitungen und des steigenden Medieninteresses war es unerlässlich, einige Stunden pro Woche einfach nichts zu tun.

Abstand zu nehmen und nicht einen einzigen wichtigen Gedanken in mein Gehirn zu lassen war für mich überlebenswichtig, um meine Batterien immer wieder aufzuladen. Nach der ersten Halbzeit des Refits war ich ein Wrack und reif für eine Auszeit. Ich habe einen wundervollen Samstagabend vor dem Fernseher verbracht, schwachsinnige Serien geschaut und durch meine Lieblingsbücher geblättert, während meine tolle kleine Schwester Hannah mir so viele Sandwiches machte, wie ich essen konnte, mich zu einer zweiten Portion Nachtisch zwang und mich dann früh zu Bett schickte. Es war genau das Programm, das ich gebraucht hatte, um in eine weitere Woche Spachteln, Schleifen und Lackieren durchzustarten. Anschließend fuhr ich nach Brisbane, um dort einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren. Ich habe solche Sondereinheiten sorgfältig mit den körperlichen Einsätzen und den logistischen Planungen für den Törn abgestimmt.

 

Die Zeit raste, alles ging voran, aber ich hatte immer noch keinen Titelsponsor. Eine Sorge, die ich nun, da Andrew und Scott an Bord waren, übertragen hatte. Genauer gesagt, überließ ich ihnen die Sponsorenfront und konzentrierte mich dafür lieber auf die Vorbereitung. Für mich war das eine große Erleichterung. Ich ging die Dinge Tag für Tag an und konzentrierte mich auf das Abarbeiten meiner Aufgabenliste. Und die war lang! Keine zwei Tage waren gleich. Wenn ich nicht gerade in der Bootshalle half, nahm ich an Meetings teil, schrieb neue Listen oder bildete mich fort.

So verbrachte ich beispielsweise ein weiteres Wochenende in Brisbane und absolvierte ein Überlebenstraining mit Gerry Fitzgerald vom Offshore Training Centre. Gerry ist ein sehr erfahrener Segler, der schon an Olympischen Spielen, am Sydney-Hobart und vielen weiteren Hochseerennen teilgenommen hat. Er war als Kapitän auf Fracht-, Handels- und Militärschiffen sowie auf Booten der Bundespolizei im Einsatz. Dieser Mann kennt sich aus! Dementsprechend war das Training mit ihm sehr hilfreich.

Wir gingen jede erdenkliche Gefahr für einen Einhandsegler auf See durch und übten entsprechende Rettungsmaßnahmen mit einer Rettungsinsel im Wasser. Ich trainierte das Ein- und Aussteigen, obwohl ich das auch schon mit Don und Mike gemacht hatte. Die beiden hatten mich nachts mit der Rettungsinsel in den Pool geworfen und dann einen Wasserschlauch mit starkem Strahl auf mich gerichtet. Ich musste immer wieder rein und wieder raus aus der Insel.

Nun lernte ich zudem alles über Leuchtmunition und ihren Gebrauch. Das gesamte Training stärkte mein Selbstvertrauen und lehrte mich, dass nicht physische Stärke, sondern Technik und Übersicht mir im Notfall helfen würden.

Diese Lektion mit Gerry hämmerte mir ins Hirn, dass man im Ernstfall so ruhig und überlegt wie möglich reagieren muss. Wir gingen zahlreiche Fallbeispiele von Überlebenden durch und Dramen der weniger Glücklichen, erstellten Unmengen von Checklisten und polierten meinen Kenntnisstand bezüglich der Sicherheitsausrüstung auf. Ich wollte an diesem Wochenende nichts weiter, als so viel wie möglich über Überlebensmaßnahmen lernen. Einfach für den Fall, dass ich dieses Wissen einmal brauchen würde.

 

Meine Abwesenheit von der Bootshalle tat auch aus einem weiteren Grund gut: Ich hatte angefangen, allergisch auf Glasfaserharze zu reagieren. Anfangs hatte ich noch an Hitzepusteln geglaubt, doch der Ausschlag breitete sich nach meiner Rückkehr aus Brisbane im ganzen Gesicht aus. Charmant wie irgend möglich brachte man mir bei, dass mir niemand mehr ins Gesicht schauen mochte, und schickte mich zum Arzt. Meine Mutter verbot mir weitere Arbeitseinsätze am Boot. Als hätte ich mich daran gehalten!

 

Inzwischen befand sich das Boot auf gutem Weg zu einem erstaunlichen neuen Look und war für einen Auftritt bei der Internationalen Bootsausstellung in Sydney gebucht. Es war wichtig, auch weiterhin die Aufmerksamkeit für den Törn zu erhöhen. Andrew Fraser hatte in Kooperation mit der Tageszeitung »Sunshine Coast Daily« einen Wettbewerb ausgeschrieben. Überschrift: »Gebt Jessicas Boot einen neuen Namen!« Es war wundervoll, die ortsansässige Bevölkerung auf diese Weise einzubinden. Wir wollten allen Leuten danken, die am Boot mitgearbeitet hatten, allen Ausrüstern und den Sponsoren, die geholfen hatten, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Also entschieden wir uns, am Samstag, dem 25. Juli, ein Abschiedsdinner zu geben. Die Nacht war als Dankeschön, als Sponsorenwerbung und auch als gute Gelegenheit für die Medien gedacht. Außerdem planten wir die Bekanntgabe des neuen Namens der frisch lackierten und absolut hinreißenden S&S 34, bevor wir sie auf dem Landweg als Star (das ist meine Meinung, nicht notwendigerweise die der Organisatoren!) zur Bootsausstellung nach Sydney transportieren wollten. Ich hätte sie liebend gern nach Sydney gesegelt, doch dafür blieb nicht genügend Zeit.

Andrew, Scott, Mel, Liz und das 5-Oceans-Team organisierten das Dinner. Die Tage bis zu diesem Abend verliefen hektischer denn je. Zu diesem Zeitpunkt war die Bootshalle längst zu unserem Lebensmittelpunkt geworden. Wir kamen vor Sonnenaufgang und verließen das Gelände erst in der Nacht. Als ich am Samstagmorgen aufwachte, wusste ich: Heute ist der Megatag!

 

Der Transporter und der Kran standen am frühen Morgen pünktlich bereit. Vorsichtig wurde das Boot in seinen Lagerbock auf den Lkw gehievt, um sicher in die Hauptstadt zu gelangen. Als sie langsam am Horizont verschwanden, konnte ich das wunderbar leuchtende Pink und den glitzernden Stahl des Geräteträgers noch lange sehen. Ich blieb zurück. In mir rangen Erleichterung, Nervosität und Ermüdung um die Vorherrschaft. Doch ich hatte keine Zeit für trübe Gedanken. Wir mussten die Bootshalle aufräumen, ins Auto springen und die restlichen kleinen Aufgaben vor dem Dinner erledigen. Mir blieb gerade noch Zeit, die Reste von Klebern und Farbe unter der Dusche abzuschrubben, bevor wir zum Abend im Novotel Twin Waters Resort aufbrechen mussten.

Und was für ein Abend es wurde! Alle sahen in ihren Abendroben fabelhaft aus. Einige der Gäste habe ich ohne ihre Arbeitskleidung voller Farbe und Staub gar nicht wiedererkannt! Diese Nacht war auch deshalb so außergewöhnlich, weil Andrew Don MacIntyre, Jesse Martin und James Castrission eingeladen hatte. James Castrission hatte kurz zuvor in seinem Kajak mit einer Tasmanien-Expedition von Australien nach Neuseeland einen neuen Weltrekord aufgestellt.

Nachdem ich über viele Jahre immer wieder sein Buch gelesen hatte, war es überwältigend, Jesse persönlich zu treffen. Er war so großzügig in der Art, wie er sein Wissen und seine Erfahrung mit mir teilte! Channel-Ten-Reporter und Nachrichtensprecher Bill Woods war der Moderator des Abends. Zwischen den einzelnen Gängen berichteten Don, James und Jesse über ihre Abenteuer. Dann stellte Bill mir Fragen über meine bevorstehende Reise. Wir gaben erstmals den Namen PINK LADY bekannt, den ein Einheimischer namens Bog Hughes vorgeschlagen hatte.

Es war lange nach Mitternacht, als sich der Abend nach der Versteigerung und der Verlosung langsam dem Ende zuneigte. Ich befand mich auf einem derartigen Höhenflug, dass ich nicht einmal meine Müdigkeit spürte. Bis ich nach Hause kam …

 

Am nächsten Morgen konnte ich glücklicherweise ein wenig ausschlafen, bevor ich mit meinem Vater, Bruce und Suzanne ins Auto stieg, um zum Boot in Darling Harbour zu fahren. Alles lief gut, bis uns ein Anruf vom Lkw-Fahrer erreichte: Er hätte da ein Problem … Wir erreichten Sydney am Montagmorgen und stellten entsetzt fest, dass der Geräteträger von Kabeln stark beschädigt worden war, die von einer Brücke über dem Pacific Highway bei Hornsby herunterhingen (so kurz vor dem Ziel!). Wir erkannten schnell, dass wir den Träger weitgehend abschreiben konnten. Der Anblick war hart für uns alle, besonders aber für Phil George, der so viel Arbeit in seine Konstruktion gesteckt hatte. Ich versuchte es mit einem Blick auf die positiven Aspekte: Immerhin waren der Rumpf und die Verstärkungen an Deck unbeschädigt geblieben. Es ging uns schon etwas besser, als die PINK LADY sanft in den Hafen von Sydney gesetzt wurde. Der Yanmar-Motor sprang sofort an. David Lambourne kam, um den Mast zu setzen. Trotz des demolierten Geräteträgers sah sie einfach fabelhaft aus.

 

Nach ein paar Stunden Schlaf wachte ich am Abend um 23.30 Uhr wieder auf. Ich motorte mit dem Boot durch den Hafen und reihte mich in die Flotte der wartenden Boote ein. Wir liefen so spät nachts in Darling Harbour ein, weil ein Teil der Monorail-Anlage auf der Pyrmontbrücke abgebaut werden musste, damit die Masten hindurchpassten.

Es war das erste Mal, dass ich mein Boot nach dem Refit bewegte. Ein ganz besonderer Moment! Das neue Ruder, der Propeller und die Maschine erforderten meine ganze Aufmerksamkeit, während ich unseren Liegeplatz ansteuerte. Alles lief glatt, und ich fand es sehr aufregend, endlich am Steuer dieses wundervollen Bootes zu stehen.

 

Meine PINK LADY und ich wirkten im Vergleich zu einigen der imposanten Boote im Hafen wie Zwerge, doch für mich war sie perfekt und die Schönste sowieso. Gleich der erste Tag der Bootsausstellung war ein Hit. Würde ich alle Glückwünsche dieses Tages aneinanderreihen, ergäben sie vermutlich eine Brücke um die ganze Welt – für mich! Jeder, den ich traf, hatte eine Meinung zu PINK LADYs Lackierung. Sie liebten das Pink, oder sie hassten es. Dazwischen gab es nichts. Als ich einen Spaziergang entlang der Gangway machte, die über Darling Harbour führte, schaute ich hinunter zu PINK LADY. Sie war nicht zu übersehen. In der dichten Reihe an den Stegen war sie vielleicht das kleinste Boot, aber sie war auch das strahlendste.

 

Bootsvorstellung
TOUROFBOAT.mov

 

Es herrschte eine großartige Atmosphäre auf der Messe. Ich war stolz darauf, selbst Teil dieser Messe zu sein. Gemeinsam mit Don Mac-Intyre, James Castrission und Justin Jones war ich jeden Tag zu Gast bei Podiumsdiskussionen. James und Justin warben für ihr Buch »Crossing the Ditch«, in dem sie von ihren Kajakabenteuern in der Tasmanischen See berichteten. Pete Goss, ein bekannter britischer Segler und ehemaliger Marineangehöriger, erzählte von seinem jüngsten Abenteuer an Bord der SPIRIT OF MYSTERY, die an den Ausstellungsstegen gleich neben uns lag. Pete ist vermutlich deswegen so bekannt, weil er dem französischen Weltumsegler Raphael Dinelli während des Einhandrennens Vendée Globe 1996 das Leben gerettet hat.

Damals hatte Pete mit Mut und Entschlossenheit sein eigenes Leben für das eines Kameraden riskiert. Im laufenden Rennen um die Welt war Raphael Dinelli einer seiner Gegner. Doch als Pete von Raphaels Notruf hörte, kehrte er um und kämpfte sich auf der Suche nach dem Schiffbrüchigen zwei Tage lang durch die schlimmsten Bedingungen, die das Südpolarmeer zu bieten hat. Als Pete ihn endlich fand, war Raphael schon halb erfroren, litt an schwerer Unterkühlung und kämpfte in der Rettungsinsel, die ihm ein Flugzeug der Royal Australian Airforce nach dem Untergang seiner Yacht aus der Luft gebracht hatte, um sein Leben. Der französische Staatspräsident hat Pete Goss für seine Selbstlosigkeit mit dem Orden der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet, in Großbritannien wurde er in den Stand eines MBE (Member of the British Empire) erhoben.

 

Ich verbrachte eine bemerkenswerte Zeit mit diesen Männern. Ich hörte ihnen zu und unterhielt mich so oft wie möglich mit ihnen. Sie alle gaben mir ihren Rat und hörten nie auf, mich daran zu erinnern, auch Spaß zu haben und jeden Moment und jede Sekunde meines Abenteuers von der Vorbereitung bis zum Ende zu genießen.

James und Justin erzählten mir, dass ihre Vorbereitungen etwa drei Viertel der Zeit des Rekordversuchs in Anspruch genommen hätten. Pete sagte etwas Ähnliches. Er glaubt, dass 80 Prozent jedes Rennens vor dem Start gewonnen werden. Ich war meinem großartigen Team enorm dankbar und wusste: Sollte ich Erfolg haben, dann würde er dem Einsatz aller Helfer zu verdanken sein.

Ich empfand es als inspirierend, den Geschichten dieser Männer zuzuhören und die Filme über ihre Abenteuer zu sehen. Und ich wurde langsam ungeduldig; ich wollte endlich selbst starten.

 

Noch immer suchte ich einen Hauptsponsor. Andrew und Scott hatten eine Strategie entwickelt. Inzwischen war One HD (der Digitalkanal von Network Ten) als Medienpartner für meinen Törn eingestiegen. Am Donnerstagabend präsentierte ich gemeinsam mit Tim Baily den Wetterbericht für die 17-Uhr-Nachrichten und eilte anschließend in die Studios von Network Ten, um im »Night Life«-Programm von One HD aufzutreten. In der Maske kümmerten sie sich um meine Haare und mein Make-up – eine interessante Erfahrung. Als ich fertig war, schaute ich in den Spiegel. Die Worte platzten aus mir heraus: »Ich sehe ja total lächerlich aus!«

Ich hatte nicht darüber nachgedacht und fühlte mich mies, als ich in die schockierten Gesichter der Haar- und Make-up-Stylistinnen schaute. Oups!

 

Die letzten Tage der Bootsausstellung habe ich nur noch verschwommen in Erinnerung. Vom vielen Reden verlor ich langsam meine Stimme. Als alles vorbei war, freute ich mich darüber, endlich ein bisschen Zeit für mich zu haben. Ich besuchte das Nationalmuseum, um mir Kay Cottees Yacht FIRST LADY genauer anzusehen, ein Ausstellungsstück des Museums.

Ich genoss es sehr, mich auf diesem Boot genau umzusehen, und kam dabei auf ein paar tolle Ideen. Auch wenn die FIRST LADY, eine Yacht vom Typ Cavalier 37 mit Kielfinne, und meine PINK LADY zwei völlig unterschiedliche Boote sind, war es doch interessant festzustellen, wie ähnlich beide für das Solosegeln verstärkt worden waren.

Ich fand es faszinierend, mir Kay allein auf diesem Boot auf hoher See vorzustellen. Nachdem ich ihr Buch so oft gelesen hatte, konnte ich beinahe die Augen schließen und sie sehen, wie sie strickend in ihrer Koje sitzt, dabei Spanisch lernt und gleichzeitig auf ungewöhnliche Geräusche von Deck achtete.

 

Am Dienstagmorgen hatte mich der Alltag zurück. Der einst so schöne Geräteträger meines Schiffes war bereits abgebaut, in Teile zerlegt und verschickt worden, um wenigstens noch als Modell für seinen Nachfolger zu dienen. Es war schrecklich, die ganze harte Arbeit nun auf einem verschlungenen Haufen verbogener Stahlteile zerstört auf dem Boden liegen zu sehen. Wir zogen den Mast, um das Boot auf die Heimreise vorzubereiten. Doch wieder einmal wurden unsere Pläne durchkreuzt. Dieses Mal lag es am Lkw, der mit einem Tag Verspätung kam. Also blieben wir noch etwas länger in Sydney, schrieben weitere Listen und dachten über einige knifflige Probleme nach, die wir noch zu lösen hatten. Die Arbeitsliste wurde noch länger. Wir stellten fest, dass wir noch 21 wichtige Jobs zu erledigen hatten und dafür 24 Manntage (oder Frautage) benötigen würden.

Schließlich verließen wir Sydney am Donnerstagnachmittag. Zuvor war die PINK LADY sicher aus dem Wasser gekrant und auf den Lkw gesetzt worden. Als wir die Stadt über die Sydney Harbour Bridge verließen, konnte ich nicht anders, als daran zu denken, dass ich die Brücke beim nächsten Wiedersehen aus einer ganz anderen Perspektive erleben würde: Ich würde auf sie zusegeln!

 

Wir fuhren in Richtung Norden, während die PINK LADY uns folgte. In meinem Kopf spukten die Geschichten umher, die ich während der Bootsausstellung gehört hatte. Die Gesichter der Menschen, die ich kennengelernt hatte, zogen an meinem geistigen Auge vorbei. Ich war aufgeregt, denn mein Abreisedatum rückte immer näher.

 

Nach unzähligen Diskussionen mit vielen Leuten, Gesprächen über Großwetterlagen und verschiedene Routen legten wir als Nächstes die Details für meinen Kurs um die Welt fest. Dabei gilt es, auch einige offizielle Vorschriften für Nonstop-Einhand-Weltumseglungen ohne Hilfe von außen zu bedenken. Ich weiß, dass es Puristen gibt, die schon die Möglichkeiten der heutigen Technologien und Gespräche mit dem Satellitentelefon nicht mehr in Einklang mit der Vorschrift »ohne Hilfe von außen« bringen können. In mancherlei Hinsicht haben sie Recht. Ich würde in der Lage sein, mit den Menschen zu kommunizieren, die ich liebe. Auch mit der für mich so wichtigen Landmannschaft um mich herum konnte ich Kontakt aufnehmen. Aber ich wollte ja auch nicht lossegeln und die Bedingungen nachahmen, unter denen Joshua Slocum einst um die Welt segelte. Und ich war definitiv nicht bereit, die moderne Sicherheits- und Kommunikationsausrüstung zu ignorieren, die Seglern heute zur Verfügung steht. Und mal ehrlich: Ich bin ein Teenager! Eine zu lange Zeit ohne E-Mail, Telefon und Facebook würde mir bestimmt schaden …

 

Ich würde mein Boot selber segeln, nonstop, mit genügend Wasser und Nahrungsmitteln an Bord. Ich würde alle notwendigen Reparaturen an Bord selbst durchführen. Ich würde nirgendwo anhalten und deswegen auch niemanden an Bord nehmen, den ich bei meiner Abreise noch nicht dabeihatte. Ich würde allein mit allen Wetterbedingungen klarkommen und mich ihnen anpassen müssen. Würde ein Segel reißen, müsste ich es selbst flicken. Würde ein Instrument ausfallen, müsste ich es reparieren. Im Endeffekt ist es doch so: Physisch würden es nur die PINK LADY und ich sein, die über den Zeitraum, den wir für die rund 23 000 Seemeilen benötigen würden, da draußen allein wären.

 

Nachdem Jesse Martin seine Weltumseglung am 31. Oktober 1999 abgeschlossen hatte und seinen Eintrag in die Rekordbücher erhielt, weil er als jüngster Mensch aller Zeiten einhand, ohne Hilfe von außen und nonstop den Globus umsegelt hatte, beendete das World Sailing Speed Record Council (WSSRC) die Aufzeichnung sogenannter Altersrekorde. Es gibt keine offizielle Anerkennung mehr für den jüngsten oder den ältesten Segler, dem dieses eindrucksvolle Kunststück gelingt. Damit wird Jesse Martin seinen Platz in den offiziellen WSSRC-Rekordbüchern auf ewig behalten.

 

Um mich noch einmal zu vergewissern, schrieb ich John Reed im Juni 2009 eine E-Mail. Ich erklärte dem Sekretär des WSSRC, dass ich plante, von Sydney nordöstlich den Äquator zu kreuzen und Kurs auf die Linieninseln zu nehmen. Von dort aus sollte es rund Kap Hoorn hinüber zum Kap Leeuwin und zurück nach Sydney gehen. Ich fragte ihn, ob ein Kurswechsel die Lage ändern und die WSSRC-Rekordbedingungen erfüllen würde. Alternativ hätte ich von Sydney um Neuseeland und Kap Hoorn herum hoch zu den Azoren und via Kap der Guten Hoffnung und Kap Leeuwin zurück nach Hause segeln können – dieser Kurs entsprach in etwa der Route von Jesse Martin. John Reed antwortete mir zwei Tage später und ließ mich wissen, dass die Statuten des WSSRC keine Anerkennung von »Jugendrekorden« mehr vorsähen und es entsprechend keine Kategorie für mich gäbe. Mich störte das gar nicht. Wenn ich Erfolg hätte, dann wäre ich die jüngste Person meiner Zeit, die jemals die Welt umrundet hat – egal, ob durch eine Organisation anerkannt oder nicht. Und überhaupt: Alle Altersrekorde werden ohnehin irgendwann gebrochen. Wenn du nur hinter dem Rekord her bist, wirst du eines Tages enttäuscht sein, weil ein anderer daherkommt und sich die Trophäe schnappt. Am Ende ging es mir nicht um den Rekord.

Was mich wirklich interessierte, war die Herausforderung. Es wäre natürlich cool gewesen … Aber es war okay für mich, dass ich keinen offiziellen Rekord würde brechen können. Ich würde einfach meinen eigenen Rekord aufstellen. David Dicks war 18 Jahre und 41 Tage alt, als er heimkehrte. Jesse Martin war 18 Jahre und 66 Tage alt. Ich wollte mir meinen Traum erfüllen und die Weltumseglung vor meinem 17. Geburtstag abschließen. Wenn mir das gelänge, wäre ich der jüngste Mensch, der das je geschafft hat.

 

Laut der Informationen von Jean-Louis Fabry, dem stellvertretenden Vorsitzenden des WSSRC, war ich mit dem Ziel einer offiziell anerkannten Weltumseglung nicht verpflichtet, einen antipodischen Punkt (wenn man ein Loch durch den Mittelpunkt der Erde bohrt, nennt man den Punkt, an dem man auf der anderen Seite ankommt, den antipodischen Punkt) zu passieren.

Anhand dieser Informationen wählte ich eine Route, die in Weltumseglerkreisen eine lange Tradition hat. Sie ähnelte der, auf der Kay Cottee einst segelte. Nur plante ich, den Äquator zu kreuzen, bevor ich Kap Hoorn runden wollte. So wollte ich mir selbst etwas mehr Eingewöhnungszeit auf dem Boot einräumen, bevor die anspruchsvolleren Abschnitte des Törns anstanden.

Entsprechend den WSSRC-Regeln für Solosegler musste der Startauch der Zielhafen sein. Alle Längengrade müssen gekreuzt werden. Der Äquator muss mindestens einmal auf dem Weg auf die Nordhalbkugel überquert werden. Außerdem müssen die beiden südlichsten Landmarken Südamerikas und Südafrikas gerundet werden.

Das alles klingt sachlich und ruhig. Tatsächlich aber würde ich es außerdem mit einigen der anspruchsvollsten und ruhelosesten Ozeane zu tun bekommen, denen sich ein Segler aussetzen kann.

Don riet mir, die Reise in Etappen zu betrachten und die gesamte Reise als einen Tagestörn nach dem anderen zu sehen. Wenn man es so betrachtete, klang es in der Tat ganz einfach! Ich teilte den Törn in sechs Abschnitte ein und machte mir Notizen, was ich für jeden Abschnitt erwartete.

Erster Abschnitt: Von Sydney nach Norden zu den Linieninseln

Mein Starthafen sollte The Spit bei Mosman in Sydney sein. Mein Plan sah vor, die Startlinie bei den Sydney Heads zu kreuzen und in Richtung des nördlichen Neuseelands zu segeln. In Abhängigkeit von den Wetterbedingungen würde ich einen Wendepunkt aussuchen, an dem ich links abbiegen und Kurs auf Fidschi nehmen könnte. Ich war noch nicht sicher, ob ich Fidschi an Steuerbord oder Backbord liegen lassen würde. Das wollte ich vor Ort entscheiden. Lägen Fidschi und Samoa einmal hinter mir, würde ich die Linieninseln in nordöstlicher Richtung anpeilen. Der Äquator liegt südlich der Weihnachtsinsel, dem größten Eiland der Liniengruppe. Also würde ich eine der Inseln der Liniengruppe runden, die nördlich des Äquators liegt, bevor ich meinen Kurs in Richtung Süden fortsetzen wollte.

Zweiter Abschnitt: Nach Süden mit Kurs auf Chile und Kap Hoorn

Um Südamerika zu erreichen, würden die PINK LADY und ich einen langen Schlag nach Süden absolvieren müssen, bevor wir auf östlichen Kurs gehen könnten. Dieses Revier ist wegen seiner charakteristisch starken Westwinde auch unter dem Namen »Brüllende Vierziger« (engl.: Roaring Fourties) bekannt und berüchtigt. Ich hatte geplant, südlich des 50. Breitengrades zu segeln, war aber etwas nervös bei dem Gedanken an den Mount Everest des Hochseesegelns: die Rundung Kap Hoorns. Kap Hoorn ist die südlichste Landmarke Feuerlands im Süden von Chile. In seinem Buch »A Voyage for Madman« nennt Peter Nichols diesen Ort »Südamerikas Skorpionsschwanz«. Kap Hoorn trennt den Südpazifik vom Südatlantik. Das Revier ist aufgrund seiner unbeständigen Großwetterlagen gefährlich. Die starke Strömung, die grimmigen Winde und der enorme Wellengang können die Rundung zum Spießrutenlaufen machen. Ich war entschlossen, das Wagnis bestmöglich vorbereitet anzugehen, denn was ich definitiv nicht wollte, war, zu den Opfern Kap Hoorns zu zählen.

Dritter Abschnitt: Nördlich von Kap Hoorn

Hatte ich die Spitze Südamerikas erst umrundet, wollte ich nach Norden in ruhigere Gewässer segeln, um dort meine Batterien aufzuladen (meine und die der PINK LADY!). Weil ich eine Nonstop-Weltumseglung plante, konnte ich ja keinen Hafen anlaufen. Also waren ruhigere Bedingungen und die eine oder andere Zuflucht in die schützende Abdeckung von Landmassen essenziell, um mich vor Erschöpfung zu bewahren. Mein Plan sah vor, nah an den Falklandinseln vorbeizusegeln und dann voraussichtlich einen östlichen Kurs einzuschlagen.

Vierter Abschnitt: Vom Südatlantik bis zum afrikanischen Kontinent

War ich erst einmal wieder etwas ausgeruht, würde ich den nächsten Schritt meiner Reise angehen und Kurs auf den Südzipfel Südafrikas nehmen. Auf direkter Linie sind es vom südlichsten Punkt Südamerikas nach Südafrika 3500 Seemeilen, aber meine Route würde ich in Abhängigkeit vom Wetter wählen. Es würden viele Seemeilen mehr werden.

Fünfter Abschnitt: Rund Südafrika

Das Kap der Guten Hoffnung ist nicht Afrikas südlichste Landmarke. Segler aber kennen es als Wendepunkt, an dem sie wieder auf östlichen Kurs gehen. Tatsächlich ist Kap Agulhas die südlichste Landmarke und trennt den Atlantischen vom Indischen Ozean. Das Kap der Guten Hoffnung bedeutet zwar einen weiteren entscheidenden Meilenstein auf meiner Reise, aber ich plante gar nicht, ihm nahe genug zu kommen, um es zu sehen. Das Revier ist berüchtigt für seine steilen Wellen, die ein Boot in zwei Teile zerschmettern können, wenn man nicht vorsichtig ist. Ich war nicht bereit, dort in den flacheren Gewässern ein Risiko einzugehen. Also würde ich das Kap der Guten Hoffnung in einem großen Bogen runden – weit entfernt von den Landmassen und den Riffs unter der Wasseroberfläche.

Sechster Abschnitt: Im Südpolarmeer und nach Hause

Nach der Rundung Südafrikas würde mich die Weite des Südpolarmeeres erwarten. Die Rückreise nach Australien würde 4000 Seemeilen Navigation auf der offenen und oft unversöhnlichen See mit sich bringen. Ich hatte so viele Geschichten über das Segeln im Südpolarmeer gelesen, dass ich mich direkt auf die Herausforderung freute. Es ist ein sehr wechselhaftes Revier, in dem einerseits brutale Stürme und andererseits Flautendümpelei drohen. Also versuchte ich, keine große Erwartungshaltung aufzubauen. Ich würde ohnehin mit den sich jeweils entwickelnden Bedingungen zurechtkommen müssen. Ich wusste, dass ich mich auf diesem Abschnitt der Reise würde extrem konzentrieren müssen. Denn obwohl die Heimat nahte, würde es noch ein langer Weg dorthin sein. Ich würde die Große Australische Bucht durchqueren und Tasmaniens südöstliches Kap umrunden müssen. Von dort aus wollte ich nördlich in Richtung Festland und dann Australiens Ostküste hinauf zurück in den Hafen von Sydney segeln.

 

Insgesamt würde mich meine Reise durch das Kielwasser so vieler großartiger Segler führen, dass ich mich ziemlich merkwürdig fühlte angesichts der Tatsache, meinen Namen auf diese Weise mit dem ihren in Verbindung zu bringen. Ich wollte ja nicht um die Welt segeln, um berühmt zu werden. Ich war nicht auf der Suche nach Ruhm – nein, das war es wirklich nicht, worum es mir ging (und immer noch geht). Ich dachte auch nicht, dass es eine tolle Möglichkeit zum Geldverdienen wäre. Diese Idee kam mir nicht einmal in den Sinn. Ich hoffte nur, dass ich nicht mit einem riesigen Schuldenberg heimkehren würde, die meine Familie und mich belasten würde. Ich wollte diese monumentale Reise unternehmen, um mich selbst herauszufordern. Und ich wollte anderen beweisen, dass es möglich ist, einen Traum in die Tat umzusetzen.

 

Meine Familie und ich waren uns der Risiken bewusst. Es war völlig klar, dass diese Reise sowohl psychisch als auch physisch enorme Anforderungen stellen würde. Ich hatte Vertrauen in mein Boot, mein seglerisches Können und die Unterstützung meines Teams. Die einzige Sorge, die mich ein wenig plagte, war die Frage nach meiner mentalen Stärke. Der einzige Weg, sie zu testen, war der, mich selbst herauszufordern. Bislang hatte ich das noch nicht getan.

Inzwischen war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich einfach nur beharrlich weiterarbeiten konnte. Ich würde schon bald wissen, ob ich das Zeug dazu hätte, eine solche Herausforderung zu bestehen.

 

Wir hatten das Boot in aller Eile für die Bootsmesse in Sydney vorbereitet. Dabei waren einige Jobs liegen geblieben. Außerdem musste noch diverse Ausrüstung installiert werden. Dieses Mal klappte der Bootstransport reibungslos. Auf dem Weg wurde der Mast für eine Generalüberholung in David Lambournes Werfthallen in Brisbane abgeladen. Dann endlich konnte die PINK LADY wieder zu Wasser gelassen werden und bezog ihren Liegeplatz in der Marina von Mooloolaba.

Wir hatten Glück. Das Wetter war wunderbar. Es machte Spaß, unter dem klaren blauen Himmel und in der warmen Sonne Queenslands am Boot zu arbeiten. Ich war in alle Arbeitsschritte involviert. Wobei es übrigens wenig angenehm war, die kleinste anwesende Person zu sein. Wann immer ein Schraubenzieher in kleinen, schwer zugänglichen Ecke gefragt war (und davon gibt es ziemlich viele!), schienen sich alle Blicke auf mich zu richten. Dazu gab es die passenden Kommentare. Eine halbe Stunde später sah man mich dann aus irgendeiner Backskiste krabbeln, von Kopf bis Fuß mit Sikaflex verschmiert, eine dauerhafte, zähe, auf See häufig verwendete Silikonversiegelungssmasse.

Rod Cran nahm sich der Isolierung des Bootes mit Schaum an, verkleidete Wände und Dach der Kabine. Der Elektriker Neil Cawthorne arbeitete oft bis spät in die Nacht am elektrischen System des Bootes. Strom ist an Bord sehr wichtig, denn er betreibt das Satellitentelefon, die Hochfrequenz-Funkanlage, den Computer, die Navigationsausrüstung und – aus meiner Sicht vielleicht am wichtigsten – die Stereoanlage! Dank Neil konnten wir sicherstellen, dass alles perfekt funktionieren würde. Ich wäre aber für den Fall eines Totalversagens der Elektrik auch imstande, ohne diese Geräte zu überleben. Unter dem Strich würden die PINK LADY und ich nur den Wind brauchen, um voranzukommen – am liebsten 15 Knoten und viel Sonnenschein dazu! Ich hoffte natürlich, dass es nie zu einem elektrischen Notfall kommen würde, aber für den Fall aller Fälle hatte ich einen Sextanten an Bord.

Das Boot war mit vier 80-Amperestunden-Gelakkus und einem separaten Akku zum Starten des Motors ausgerüstet. Für das Aufladen der Akkus gab es zwei 80-Watt-Solarpaneele, ein 60-Watt-Solarpaneel und einen Rutland-Windgenerator. Die Solarpaneele würden reichlich Energie für mich erzeugen, wenn die Sonne schien. Der Windgenerator würde dauerhaft arbeiten und Strom in kleinen Mengen produzieren. An Tagen, an denen weder die Sonne scheinen noch der Wind pusten und ich die Stereoanlage zu laut aufdrehen würde, könnte ich immer noch den Motor (im Leerlauf!) laufen lassen, um meinen Batterien eine Extraration Strom zukommen zu lassen. Ich würde also während der ganzen Zeit meiner Reise ein unabhängiger Selbstversorger sein.

 

Dank der unglaublichen technischen Kommunikationsausrüstung, die ich glücklicherweise an Bord hatte, würde ich imstande sein, regelmäßig in Kontakt mit dem Rest der Welt zu bleiben. SatCom Global hatte mir die komplette Satellitenausrüstung zur Verfügung gestellt. Der Plan sah vor, zwei Satellitenhandtelefone einzusetzen: eines für die tägliche Kommunikation und eines für die Notfalltasche, die ich einfach greifen konnte, falls ich jemals das Schiff verlassen müsste.

Mithilfe der kleinen Satellitenschüssel (Sailor 250) im Heck des Bootes hatte ich Verbindung zum Internet. Damit könnte ich Videos, Bilder, Blogs und E-Mails verschicken und empfangen. Das Boot war außerdem mit einer Hochfrequenz-Funkanlage ausgerüstet, die ich für sogenannte »Scheds« nutzen konnte. »Scheds« ist das Kürzel für »scheduled« und meint vorverabredete Funkgespräche wie beispielsweise Interviews von Bord. Außerdem konnte ich über Funk Informationen über den Schiffsverkehr um mich herum einholen. Darüber hinaus hatte ich einen TracPlus-Tracker installiert, der den relevanten Menschen zu Hause meine Bewegungen senden würde. Last but not least gab es verschiedene sogenannte EPIRBs, die die PINK LADY hoffentlich zu dem sichersten und am besten ausgerüsteten Boot machen würden, das jemals um die Welt gesegelt war.

 

Dad installierte die Heizung und übernahm eine Million weiterer kleiner Jobs, während Bruce und ich uns um die Winschen und weitere Decksausrüstung kümmerten. Jason Mineff von Linemaster Marine Electronics übernahm die Installation und die Verbindung der Segelinstrumente: AIS, Hochfrequenz-Funkanlage und weitere Ausrüstungsteile. Richard Taylor kümmerte sich um die Fensterabdeckungen gegen Schlagseen. Viele zusätzliche Helfer kamen und erledigten eine ganze Reihe weiterer Jobs. Ich bin ihnen allen so dankbar.

Bruce, Dad und ich arbeiteten oft bis spät in die Nacht hinein. Tagsüber blieb kaum Raum in der Kabine, weil alle gleichzeitig an ihren Projekten arbeiteten. Die Jobliste schien niemals kürzer zu werden. Es gab noch so viel zu tun, von der Installation des Windgenerators bis hin zur Befestigung des Leesegels an meiner Koje.

 

In der Zwischenzeit beendeten die Jungs von Ullman Sails ihre Arbeiten am neuen Segelsatz für die PINK LADY. Sie benutzten Tuch der Marke Bainbridge, das doppelt so stark wie die meisten ist. Als David und seine Leute mit dem Mast fertig waren, stellten wir ihn an einem späten Abend ins Boot. Phil George flog aus Melbourne ein, um den wieder instand gesetzten Geräteträger erneut zu installieren, der uns auf der Ladefläche eines Lkws erreichte. Ian von Panasonic kam nach Sydney, um die vier Toughbook-Computer an Bord mit Software zu füttern. Rod von SatCom Global erklärte mir den Umgang mit der Sailor-250-Satellitenschüssel.

Anfangs beunruhigten mich die vielen blinkenden Lichter und Schalter ein wenig, doch es stellte sich heraus, dass der Sailor 250 wie ein normales Telefon funktioniert. Und was die Bedienung dieses auch an Land lebenswichtigen Instruments angeht, war ich natürlich Profi!

 

Besonders glücklich war ich über die neue Stereoanlage an Bord – schon weil mein Vater mir prophezeit hatte, dass ich auf meinem eigenen Boot endlich meine Lieblingssender und nicht die von ihm bevorzugten hören könnte. Ich vermute, dass auch Neil aus diesem Grund seinen Job bis zuletzt hinausgezögert hat. So musste er nämlich nicht meiner Musik lauschen … Um noch ein wenig mehr Salz in diese Wunde zu streuen: Mir war schon klar, dass ich – einmal da draußen auf See – kaum etwas anderes würde hören können als BBC, den Lieblingssender meines Vaters. Aber für genau solche Fälle wurden schließlich iPods erfunden!

 

Ich hatte kaum eine freie Minute. Wenn ich nicht am Boot arbeitete, übte ich mich in seiner Wartung. Ich verbrachte einige Zeit mit dem Mechaniker Jim Williams. Wir beschäftigten uns mit möglichen Motorproblemen und ihrer Lösung. Mit Neil studierte ich die Elektrik. Langsam hatte ich das Gefühl, das Boot in- und auswendig zu kennen.

In der Zwischenzeit testete meine Mutter alle möglichen Sorten Lebensmittel mit langer Haltbarkeit an mir. Sie wollte herausfinden, was ich mochte und – noch wichtiger – was ich nicht mochte. Ich möchte ja nicht pingelig oder undankbar klingen, aber einiges davon war ein bisschen zu kreativ gedacht. Mein Bruder Tom mahnte mich immer zur Eile: Ich sollte endlich abreisen, weil er Sehnsucht nach ganz normalen Mahlzeiten hatte.

 

An einem Donnerstag, dem 20. August, waren wir endlich bereit für einen ersten Törn. Es war ein schöner Wintertag in Queensland mit 15 Knoten Wind, blauem Wasser und klarem Himmel – perfekt für einen vorsichtigen Test auf See. Alles verlief bestens, doch in mir baute sich eine neue Ungeduld auf. Es dauerte mir alles zu lange. Ich wollte endlich da raus auf See und ernsthaft einhand segeln!

Während dieses ersten Testlaufs auf See besuchte uns eine Film-Crew des amerikanischen Sportsenders ESPN. Sie filmten mich auf dem Wasser und auch an Land, dokumentierten meine vorsorgliche Untersuchung beim Zahnarzt und begleiteten uns auch auf die große Einkaufstour, als wir die meisten der Lebensmittel für die Reise kauften. Unterstützt durch den Rat anderer Segler und begleitet von den Empfehlungen des Ernährungswissenschaftlers Dr. Gary Slater von der Universität der Sunshine Coast, hatte ich einen Speiseplan entwickelt, der normaler Ernährung nach meiner Ansicht ziemlich nahe kam.

Meine Versorgung würde auf einer Auswahl von zehn verschiedenen Hauptmahlzeiten der Marke »Easyfood« basieren, die eine Haltbarkeit von 18 Monaten aufwiesen. Das Thema Frühstück war einfach zu lösen: Es bestand hauptsächlich aus Müslis und Porridge. Ich plante, mein eigenes Brot und meine eigenen Scones im Dampftopf zu backen. Meine Mutter hatte inzwischen gemeinsam mit Nick Duggan alle möglichen Lebensmittel mit langer Haltbarkeit aufgespürt. Nick war der Eigentümer des IGA-Supermarkts bei uns im Ort. Ich habe mit meiner Mutter an den Proviantlisten gearbeitet, aber die Unmengen an Boxen und Paketen schockierten mich dennoch. Ich stellte sicher, dass allein ich für die Entscheidungen in der Süßigkeitenabteilung zuständig war. Mit Tommys Hilfe wanderte ein Paket nach dem anderen in den Einkaufswagen. Nur, um euch einen Einblick in meine Einkäufe zu geben: Ich nahm 24 Dosen Fleisch mit, 200 Liter Milchpulver, 64 Dosen Kartoffeln, 32 Dosen Ananas, 36 Dosen Thunfisch und 250 Beutel Fruchtsaft. Eine Eierfabrik hatte eigens für mich eine Kleinstserie Pulverei entwickelt. Ich hatte jede Menge vorgepackte Mahlzeiten von Easyfood dabei. Und natürlich fünf Kisten Naschkram, um meine Vorliebe für Süßes zu stillen.

 

Nach einigen Tagen Arbeit mit dem Fernsehteam fragte mich David, der Produzent von ESPN, ob sie mich nicht einmal zu Hause beim Treffen mit ein paar Freunden filmen könnten. Ich musste ihm sagen, dass ich solche Verabredungen gar nicht hätte, weil ich alle meine Zeit und Mühe in die Vorbereitung des Bootes und der Reise steckte. Abgesehen von dem einen Faulenzertag, habe ich nichts anderes getan, als die PINK LADY an die Startlinie zu bringen. Ich besuchte aber immer noch das Fitnesscenter, ging joggen oder fuhr mit dem Fahrrad in den Hafen, um genügend Muskelkraft für die Reise aufzubauen. Abends widmete ich mich meinen E-Mails, aktualisierte meinen Blog oder packte. Ich passte nicht wirklich in die Vorstellung, die ESPN-Reporter von einem typischen Teenager haben!

 

Nach einigen kurzen Tagestörns setzte ich mit Bruce die Segel für einen dreitägigen Schlag auf See, der sich eher als Herausforderung denn als Spaß erwies. Ich wurde seekrank, doch die PINK LADY segelte wunderbar. Mit jedem neuen Tag konnten wir weitere kleine Probleme lösen.

Während ich auf dem Wasser war, hatte meine Mutter unser Wohnzimmer zu Hause in eine Packstation verwandelt und kämpfte dort mit der enormen Herausforderung, die Lebensmittel für meine Reise zu organisieren und zu verpacken. Sie schaffte das alles, obwohl sie noch in Teilzeit arbeitete und drei weiteren Kindern Aufmerksamkeit schenkte. Mum und Dad standen längst beide voll hinter mir und sorgten dafür, dass ich sicher, gut ausgerüstet und versorgt in die Weltumseglung starten konnte.

 

Wie immer genoss ich den größten Teil der Vorbereitungen in Richtung meines Ziels, doch je näher wir dem großen Tag kamen, desto ungeduldiger fühlte ich mich. Der langwierige Prozess der Vorbereitungen zerrte an meinen Nerven. Ich wollte einfach nur noch lossegeln. Natürlich gab es einerseits den Druck der Notwendigkeit, mit Blick auf die optimalen Wetterverhältnisse innerhalb eines bestimmten Zeitfensters abzulegen, doch den meisten Druck machte ich mir selbst. Ich war begierig darauf, endlich allein auf See zu sein. Das habe ich zu dem Zeitpunkt niemandem anvertraut. Doch ich hatte leise Zweifel und wollte mir selbst da draußen beweisen, dass ich es schaffen kann.

Nachdem wir so viel Zeit und Geld in das Unternehmen investiert hatten, war mir nur allzu bewusst, dass ich bislang kaum Zeit allein auf See verbracht hatte. Ich wurde launisch und verhielt mich psychologisch total falsch. Statt mir weiterhin gedankliche Freiräume zu schaffen, war ich nun bereit, immer mehr Abkürzungen zu nehmen, um nur möglichst schnell aufs Meer zu gelangen. Glücklicherweise hielten mich mein pedantischer Vater und Bruce Neil von einigen dummen Entscheidungen ab. Sie waren entschlossen, nichts außer Acht zu lassen und eben keine hektischen Entscheidungen zu treffen. Zu der Zeit wusste ich das eine Weile lang überhaupt nicht zu schätzen. Es entstanden kleine Risse im Verhältnis zwischen meinem Vater und mir. Erst nach und nach hörte ich auf zu nörgeln und kam wieder zu Verstand – ich riss mich zusammen. Als ich schließlich wirklich zu meinem ersten Einhandtörn aufbrach, waren die PINK LADY und ich bereit für den Test.

 

Ich legte an einem Sonntagnachmittag ab. Der Wind blies mit 25 bis 30 Knoten. Immerhin so viel Wind, dass der örtliche Segelverein deshalb seine geplante Regatta abgesagt hatte.

Das bedeutete zwar, dass es auf dem Wasser weniger turbulent zugehen würde, andererseits aber auch, dass die Segler, die sonst draußen auf dem Wasser wären, nun rund um den großen Grill an Land standen und uns dabei beobachteten, wie wir das Boot beluden. Es war klar, dass sie es ziemlich merkwürdig fanden, dass ich allein auf See gehen wollte, während alle anderen den Schutz des Hafens bevorzugten.

Ich motorte raus aus dem Fluss und zog die Segel in der steilen Welle vor der Hafeneinfahrt hoch. Meine Mutter, die mich dabei mit allen anderen zusammen von der Mole aus beobachtete, erzählte mir später, wie dramatisch die Szene ausgesehen hatte: Die PINK LADY hatte sich in den Wassermassen immer wieder aufgebäumt, wenn uns eine weitere der steilen Wellen überrollte.

Als ich alles unter Kontrolle und die Selbststeueranlage in Betrieb genommen hatte, ging die Sonne gerade unter. Durch die fliegende Gischt verlor ich langsam das Land aus der Sicht. Ich wusste, dass mir beim Versteckspiel mit den Fischerbooten eine lange schlaflose Nacht bevorstehen würde. Doch mein Selbstbewusstsein wuchs von Minute zu Minute. Trotz der ungestümen Bedingungen war die PINK LADY leicht zu handhaben.

All unsere Ideen und die Modifikation des Cockpits machten sich nun bezahlt. Es war ein gutes Gefühl, hier zu sitzen und zu wissen, dass alles in greifbarer Nähe und unter meiner Kontrolle war. Als es dunkel wurde und das Land endgültig hinter mir verschwand, schwanden gleichzeitig auch meine Zweifel. Ich wusste nun, dass ich dieses Boot im Griff hatte.

Es war eine anstrengende Nacht, denn ich musste in Winden um 30 Knoten wenden, um dem kontinuierlichen Schiffsverkehr auszuweichen. Doch alles ging gut. In den frühen Morgenstunden brachte ich die PINK LADY auf Kurs Süd. Mit Anbruch der Morgendämmerung beruhigte sich der Wind. Ich schaffte es, einige kurze Schlafpausen einzulegen, um weitersegeln zu können. Nach Sonnenaufgang bereitete ich mir auf meinem Herd das Frühstück, trank einen Kaffee im Sonnenschein und verbrachte den Vormittag damit, mit verschiedenen Segelkonfigurationen herumzuspielen.

Erst nach einem angenehmen Segeltag in konstanter Brise entlang der Küste kehrte ich am Nachmittag wieder nach Mooloolaba zurück. Ich hatte es überhaupt nicht eilig, nach Hause zu kommen, und absolvierte ein paar Wenden in der Bucht. Dabei gelang mir jede neue Wende etwas besser und schneller als die vorherige – ein kleines Training und eine deutliche Verbesserung zum Abschluss. Als ich endlich die Segel herunternahm und wieder flussaufwärts motorte, war ich kaputt, aber glücklich. Die PINK LADY und ich hatten sich als absolut harmonisch erwiesen. Ich folgte einer Anregung aus Jesse Martins Buch und bürstete meine Haare mit einer Gabel (ich hatte die Bürste vergessen!), bevor ich an Land ging. Alles lief nun zusammen. Ich fühlte mich wohl und sicher in meinem Boot. Alles war gut!

 

Und dann kam zur Krönung dieser herrlichen Woche die frohe Kunde von Andrew Fraser. Ella Baché, das älteste noch in Familienhand befindliche Hautpflegeunternehmen der Welt, hatte sich als Titelsponsor für meine Reise angeboten. Die in Ungarn geborene Schönheitstherapeutin Edith Hallas hatte das Unternehmen 1963 in Australien eingeführt. Ihr Mann George war der Cousin von Ella Baché. Die Firma war immer im Besitz der Familie geblieben und wird inzwischen von Ediths Sohn John Hallas und seiner Tochter Pippa geleitet. Das Unternehmen kann auf eine lange Historie als Partner des Segelsports zurückblicken und hatte in den 1990er-Jahren maßgeblichen Anteil am Geschehen in der 18-Footer-Szene. Das passierte alles lange vor meiner Zeit, war aber damals eine ziemlich große Sache. Als ich hörte, dass Ella Bachés Mission darin bestand, Menschen dazu zu inspirieren, ihr Bestes zu geben, wusste ich, dass wir einer wunderbaren Partnerschaft entgegengingen. Also tauften wir die PINK LADY noch einmal. Sie wurde zu ELLA’S PINK LADY.

 

Es war genau die richtige Unterstützung in genau dem richtigen Ausmaß – eben genau das, was wir noch brauchten. Vor allem aber beruhigte dieses Agreement meinen Vater. Er hatte bereits begonnen, sich darüber Sorgen zu machen, wie wir den Törn optimal finanzieren sollten. Ohne ein Marketingteam wie Andrew und Scott hätten wir Schwierigkeiten gehabt, jemals an diesen Punkt zu gelangen. Ich meine, uns erschien diese neue Welt der kommerziellen Deals eher beängstigend. Also war ich dankbar, dass diese beiden Jungs sich darum gekümmert haben. Dank ihnen gab es außerdem die Medienpartnerschaft mit One HD, die meine Reise begleiten wollten. SatCom Global hatte mir die notwendige Ausrüstung zur Verfügung gestellt, die wir bereits installiert hatten und die mir den Kontakt zu Familie und Freunden ermöglichen würde. Panasonic hatte mich mit Internet und Außenwelt verdrahtet. Ich hatte mir niemals vorgestellt, dass ich Unterstützung von so vielen tollen Menschen erhalten würde. Die Hilfe berührte mich, und ich bin immer noch allen enorm dankbar für ihren Einsatz und ihren Glauben an mich. Mal ehrlich: Ohne sie wäre mein Traum vermutlich nur ein Traum geblieben.

 

Trotz meiner Konzentration auf die baldige Abreise behielt ich auch den Rest der Welt im Auge. Ich hatte Mike Perhams Reise genau verfolgt, und wir hielten seit seinem Start in Hobart Kontakt. Als ich hörte, dass er am 27. August 2009 die Ziellinie in Portsmouth gekreuzt hatte und nun im Alter von 17 Jahren und 164 Tagen der jüngste Segler aller Zeiten war, der die Welt umsegelt hatte, freute ich mich riesig für ihn. Es war eine so außergewöhnliche und erstaunliche Leistung. Mikes Reise war alles andere als ein gemütlicher Törn. Er musste sich nach Rückschlägen und Enttäuschungen selbst wieder aufrichten, aber er hat nicht aufgegeben. Ich muss zugeben, dass die Bändigung einer Yacht vom Typ Open 50 nichts für mich wäre. Ich werde meiner hinreißenden S&S 34 treu bleiben, auch wenn wir nicht ganz die Geschwindigkeiten erreichen, die er draufhatte!

Seit ich Mike getroffen habe, bin ich für die Gespräche mit ihm über die verschiedenen Aspekte einer Weltumseglung dankbar. Dafür, dass er seine Erfahrungen mit mir teilte, und dafür, dass wir regelmäßig kleine Botschaften austauschten. Das war wirklich cool! Schon im Alter von 14 Jahren wurde Mike der jüngste Segler, der je einhand den Atlantik überquert hatte. Und obwohl ich mich anschickte, ihm seinen Anspruch als jüngster Weltumsegler streitig zu machen, teilte er sein Wissen mit mir immer großzügig. Eine von Mikes liebsten Lebensweisheiten lautet so: »Du bist nur so groß wie die Träume, die du dich traust zu leben.« Ich liebe diesen Satz! Und ich muss ihn mir vielleicht borgen, wenn mir wieder einmal jemand sagt, ich sei zu jung und zu zierlich für das, was ich vorhabe.

Die Nachricht von Mikes Erfolg steigerte meine Entschlossenheit weiter. Ich wollte einfach nur da raus und los. Glücklicherweise rückte der mögliche Abreisetermin immer näher. An einem Donnerstag, dem 3. September, organisierte meine in Neuseeland lebende Großmutter die Segnung von ELLA’S PINK LADY durch Stella Maris’ Pfarrer Billie Watson. Ich nahm alle Hilfe, die ich bekommen konnte!

 

Die nächsten paar Tage verbrachten wir damit, die Massen an Lebensmitteln und weitere Notwendigkeiten an Bord zu verstauen. Alles musste sorgfältig an den richtigen Platz gebracht werden. Alles, was nicht nass werden oder sonst wie beschädigt werden durfte, verpackten wir in wasserdichte Taschen. Zum Glück war das Packen meiner persönlichen Sachen ganz einfach, denn es gab an Bord ohnehin kaum Platz dafür. Aber natürlich habe ich sämtliche Glücksbringer und Karten mit guten Wünschen mitgenommen.

Endlich war ich fertig und machte mich am Donnerstag, dem 8. September, auf den Weg. Ich hatte für die Überführung nach Sydney zehn Tage eingeplant. So hatte ich genügend Zeit, alle Systeme auf dem Wasser zu testen und ELLA’S PINK LADY auf Hochtouren zu bringen. Der Plan beinhaltete auch einen Aufenthalt in Sydney für eventuelle Last-Minute-Korrekturen und Reparaturen, bevor ich Kurs auf die Tasmanische See nehmen würde, um zu meiner Weltumseglung aufzubrechen.

 

Ich legte mit dem guten Gefühl ab, dass ELLA’S PINK LADY sorgfältig ausgerüstet und absolut bereit war. Der Abschied war unglaublich: Ich hatte die vielen Menschen nicht erwartet, die entlang des Flusses standen und mir zuwinkten. Auch nicht die kleine Bootsflotte, die mich aus dem Hafen begleitete. Und schon gar nicht die beiden Helikopter, die über mir kreisten und brummten. Ich war so stolz darauf, dass mir die Menschen aus dem Ort ihre Unterstützung derart eindrucksvoll demonstrierten. Obwohl ich sehr müde war, fühlte ich mich großartig, als ich hinaus in die Weite des Ozeans segelte.

Am Anfang ging es aufgrund der Windbedingungen nur langsam voran. Nachdem die letzten Boote mich verlassen hatten, um zurück in den Hafen zu segeln, fehlte es uns immer noch an Fahrt. Doch bald schon nahm der Wind zu. Ich versuchte, die Sonnenstrahlen zu genießen und meine Seekrankheit zu bändigen. Ich öffnete meine erste Dose Kartoffeln, um sie für den Nachmittagstee in Bratkartoffeln zu verwandeln.

Am späten Nachmittag passierte ich Kap Moreton mit sechs Knoten Fahrt. Ich hielt Ausschau nach den wenigen Fischerbooten in diesem Revier und entdeckte einige Wale. Die See war kaum ruppig, aber ich blieb vorsichtig, um mein Essen bei mir zu halten. Noch waren mir die Seebeine nicht gewachsen.

Um 1:30 Uhr in der Nacht befanden sich ELLA’S PINK LADY und ich etwa 15 Seemeilen östlich von Stradbroke Island. Ich wäre gern weiter draußen auf See gewesen, weiter weg von den Fischerbooten und möglichem Schiffsverkehr, doch die starke Strömung und die leichten Winde zum Auftakt hatten dafür gesorgt, dass ich noch nicht sehr weit gekommen war.

Nachdem ich den Horizont abgesucht, das Radar überprüft und sowohl das AIS als auch meine Alarmsysteme eingeschaltet hatte, kletterte ich mit Schwimmweste und Sicherheitsgurt in meine Koje.

 

Eine fürchterliche markerschütternde Explosion weckte mich, als ELLA’S PINK LADY plötzlich abrupt stoppte und sich mit brutalen Bewegungen im Kreis drehte.

Ich sprang auf, während das schreckliche knirschende Geräusch anschwoll. Ich blickte schnell den Niedergang hoch und sah, dass wir mit etwas Riesigem kollidiert waren, einem Schiff …

 

Es war die Kollision, die ich am Anfang des Buches schon beschrieben hatte.

Statt des Himmels eine Wand aus Stahl, meine Angst, mein Verkriechen im Salon, das Rigg, das heruntergerissen wurde, die fürchterlichen Geräusche, mein Kampf mit dem Mast und mit der Seekrankheit, meine Motorfahrt nach Gold Coast …

 

Was soll ich sagen? Ich habe immer noch so viele Fragen zu dieser Nacht. Ich habe keine Ahnung, warum ich das Schiff nicht gesehen habe. Als ich wieder an Land war, rauschte das Adrenalin immer noch durch meine Adern. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich begriffen hatte, wie beängstigend die ganze Situation tatsächlich gewesen war, und dass sie auch anders hätte ausgehen können.

Nachdem ich meinen Vater angerufen hatte und alle wissen ließ, dass es mir gut geht und dass ich den Hafen aus eigener Kraft anlaufen könnte, habe ich die Stunden unter Motor damit verbracht, die Ereignisse wieder und wieder durchzugehen. Ich wollte wirklich versuchen, die positiven Aspekte zu sehen. Und ich weinte, um den Schock auf diese Art bestmöglich zu verarbeiten. Die Enttäuschung war überwältigend. Aber gleichzeitig war ich so stolz darauf, wie mein Team an Land mit der Situation umging! Das Australische Rettungs-Koordinationszentrum in Canberry hat brillant reagiert. Schon nach meinem ersten Anruf war alles unter Kontrolle.

In all den Jahren der Vorbereitung hatten wir uns auf einen Notfall eingestellt. Jeder wusste, was zu tun war und wer anzurufen war. Niemand geriet in Panik.

 

Viele Menschen mögen sich vielleicht darüber wundern, doch von dem Moment an, da ich das Rigg vom Boot kappte und den Mast festlaschte, wusste ich, dass ich allem gewachsen sein würde, was die Weltumseglung bringen könnte. Ich geriet nicht in Panik und wusste instinktiv, was ich zu tun hatte. Und ich tat es. Versteht mich nicht falsch. Ich will die Ereignisse gar nicht herunterspielen. Sie waren erschreckend. Aber nachdem ich das durchlebt hatte, hatte ich keinen Zweifel mehr daran, meinen Törn anzutreten. Ich war entschlossener als je zuvor.

Ich wusste, dass dieser entsetzliche Vorfall Öl ins Feuer jener gegossen hatte, die meine Eltern und mich ohnehin schon kritisiert hatten. In ihren Augen hatte ich präzise nachgewiesen, warum man mir niemals erlauben durfte, allein zu segeln. Doch während des gleichen Vorfalls hatte ich mir selbst bewiesen, dass ich die Fähigkeiten hatte, meinen Traum zu verwirklichen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten in den wenigen stillen Momenten, die es für mich gab, immer die Zweifel an mir genagt, ob ich der Sache mental gewachsen wäre. Ich wusste, dass ich das seglerische Können, das Boot und die Unterstützung hatte, die ich für den Erfolg meines Törns brauchte. Was ich bis dahin nicht hatte testen können, war der Zustand meiner Psyche. Nach dieser schrecklichen Kollision wusste ich, dass ich stark genug für alles war, was meinen Kurs kreuzen würde. Es war nicht so, dass ich die Isolation, die Ermüdung oder die Furcht vor Gefahr unterschätzt habe. Nein, aber ich wusste jetzt einfach, dass ich ihnen würde standhalten können.

 

Was ich allerdings nach wie vor nicht wusste, war, wie ich mir die Reparatur meines Bootes leisten und wie ich mit den Auswirkungen der Kollision umgehen sollte. Ich war mir nicht so sicher, ob Mum und Dad immer noch genauso erpicht darauf waren, meinen Traum weiter am Leben zu erhalten wie ich. Das galt insbesondere für Dad. Ich wusste, dass dieser Anruf um 2 Uhr morgens sie fast in den Wahnsinn getrieben haben muss.

Gerade vor meinem Ablegen in Mooloolaba hatte es vermehrt negative Kommentare zu meinem Törn und meinem Alter gegeben. Aber dennoch hatte ich noch keine Ahnung von dem, was mir nun bevorstehen würde.

Die Helikopter, die mir entgegenflogen, waren ein erster Hinweis. Etwas bedrückt winkte ich den Kameramännern zu. Als ich mich Southport näherte, kam mir eine Flotte von Booten zur Begrüßung entgegen. Jetzt kreisten bereits mehrere Helikopter über mir. Hunderte Menschen standen auf der Mole, und ich konnte nur hoffen, dass die Mehrheit dort war, um mich zu unterstützen und nicht um zu sehen, was viele als das Ende eines sehr kurzen Abenteuers ansahen.

Ich fühlte mich überhaupt nicht gut. Alles erschien mir unwirklich. Die hektischen Medienleute und die schwebenden Helikopter machten es auch nicht besser. Die Wasserschutzpolizei von Queensland hatte mich um 7:30 Uhr morgens erreicht und eskortierte mich und ELLA’S PINK LADY in ihre Basis in Gold Coast gegenüber Sea World. Dort warteten Mum und Dad auf mich.

 

Andrew Fraser war aus Sydney eingeflogen. Ich war so erleichtert, dass er kam. Egal, wo wir hinsahen: Überall waren Journalisten und Kameraleute. Ich war unsicher, was ich tun sollte. Wir wurden mit Interviewanfragen überschwemmt, aber ich wollte nur einen stillen Ort finden, an dem ich alles mit Mum, Dad und Bruce durchsprechen und meine nächsten Schritte planen konnte. Nach Diskussionen mit der Polizei organisierte Andrew eine kurze Pressekonferenz für 13:30 Uhr, um den Medien den Zugang zu mir zu ermöglichen. Wir hofften, dass sie mich danach in Ruhe lassen würden. Ein Irrtum. Natürlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht besonders viel sagen. Es würde eine eingehende Untersuchung der maritimen Sicherheitsbehörden von Queensland und des Sicherheitsbüros für Verkehr (ATSB) der australischen Regierung geben. Aber wo immer es ging, beantwortete ich, was ich konnte. Als wir das hinter uns hatten, motorten wir mit dem Boot zum Grundstück von Pamelas Eltern in Runaway Bay. Es war wundervoll, als wir ankamen. Ich nahm ein Bad und ging schlafen. Keiner von uns war auf das vorbereitet, was uns als Nächstes erwartete …

 

Die Nachrichtenteams, Kameraleute und Journalisten waren einfach überall. Der rückwärtige Teil des Grundstücks der Fredrics lag an einem Kanal und hatte einen eigenen Steg. Also konnten wir ELLA’S PINK LADY nahe bei uns behalten und entladen. Jedes Mal, wenn einer von uns das Grundstück durch die Hintertür verließ, sprang ein Dutzend Leute in den Gärten auf der anderen Seite des Kanals auf. Ich hörte später, dass einige Journalisten von Tür zu Tür gegangen waren und den Leuten Geld dafür geboten hatten, ihnen Zugang zum Kanal zu gewähren, von wo aus sie einen Blick auf das Grundstück erhaschen konnten, auf dem sich meine Familie und ich aufhielten. Tom und Angus (Pamelas jüngerer Bruder) machten sich einen Spaß daraus, immer wieder vor die Tür zu treten, um die Nachrichtenteams auf Trab zu halten. Doch nach einer Weile langweilte sie das, und sie fanden es einfach nur noch ärgerlich. Ich fühlte mich elend, schon wieder der Anlass eines solchen Wirbels zu sein, der ausgerechnet die Menschen traf, die mir nahestanden. Ich verstand nicht, worauf die Journalisten warteten. Ich meine, ich bin sicher, dass niemand Bilder von mir im Pyjama oder Trübsal blasend und mit fettigen Haaren sehen wollte.

Auch am nächsten Tag wurde es nicht besser. Eher steigerte sich der Wahnsinn noch! Immer mehr Leute forderten mich auf, meinen Törn abzublasen. Die Kritik an meinen Eltern nahm üble Formen an. Queenslands Premierministerin Anna Bligh hatte ursprünglich gesagt, ich solle weitermachen, nun aber hatte sie ihre Meinung geändert.

 

Sie ermahnte mich, meine Pläne noch einmal zu überdenken. Es gab sogar einen Bericht darüber, dass die Regierung von Queensland ihre Möglichkeiten prüfen würde, mich offiziell zu stoppen. Ihr könnt mir glauben, ich war sehr glücklich, als ich später hörte, dass dieser Bericht nicht der Wahrheit entsprach. Ich bin sicher, dass die Regierung und die Jugendämter wesentlich wichtigere Themen und Missbrauchsfälle haben, um die sie sich sorgen und denen sie ihre Aufmerksamkeit schenken müssen.

Ich weiß, dass meine Familie und meine Freunde versucht haben, die schlimmsten Geschichten und Kommentare vor mir zu verbergen, aber sie hatten damit wenig Erfolg. Ich empfand das alles als sehr verstörend. Gleichzeitig aber bekamen wir auch viele aufmunternde Nachrichten. So viele Leute schickten Grüße und drängten mich zum Weitermachen. Männer wie America’s Cup-Legende John Bertrand oder der fünfmalige MotoGP-Meister Mick Doohan scheuten sich nicht, in der Öffentlichkeit eine Lanze für mich zu brechen. Das wiederum war wundervoll.

 

Es war keine Überraschung, dass auch Jesse Martin von ABC-Radio nach seiner Meinung gefragt wurde. Ich war gerührt, als er sagte: »Jeder hat etwas im Kopf, dass er gern machen möchte. Sie ist da draußen, um zu tun, was auch ich getan habe. Und ich denke, es ist eine großartige Sache. Ich bin sicher, dass sie wahrscheinlich wieder da rausgeht. Ich glaube immer noch, dass sie es tun sollte.«

Bemerkenswert waren auch die Blogger und die Zeitungsleser in aller Welt, die ihre Kommentare und guten Wünsche online und über meine Homepage schickten. Ich bekam Nachrichten von Menschen in Tasmanien, Schweden, Großbritannien, Amerika, einfach von überall. Es schien, als würde es zum Ausgleich für jeden Negativkommentar zwei positive Botschaften geben. Die ortsansässige Bevölkerung in Gold Coast war unglaublich und unterstützte meine Familie und mich mit einem aufmunternden Nicken oder Winken, wann immer wir vor die Tür gingen.

 

Als dann noch Dean Leigh-Smith von der Gold Coast Marina und Graham Eaton in Namen der Australian Marine Enterprises (AME) mir anboten, ELLA’S PINK LADY kostenlos zu reparieren, um uns schnellstmöglich zurück aufs Wasser zu bringen, konnte ich es kaum glauben. Die 70 in der Marina ansässigen Firmen stellten einfach alles zur Verfügung. Dean sagte, dass sie sich durch nichts aufhalten lassen und notfalls auch die Nächte durcharbeiten würden, um die Reparaturen in Rekordzeit zu erledigen. Das Angebot war zu gut, um es abzulehnen. Nachdem wir das Boot unter Motor von der Runaway-Bucht nach Coomera gebracht hatten, hievten wir es aus dem Wasser. Bereits am Donnerstag wurde ELLA’S PINK LADY von einem Team untersucht, dessen Mitglieder dem Projekt ihr Können und ihre Freizeit zur Verfügung stellen wollten.

Es war hart für mich, das Boot so demoliert zu sehen. Andererseits erschienen uns die Metallsplitter und der Rost auf dem Deck, der sich während der Kollision von der Bordwand der SILVER YANG gelöst hatte, wie Beweisstücke dafür, dass ELLA’S PINK LADY der Attacke mit aller Kraft widerstanden hatte. Was für ein zähes kleines Boot!

 

Ich war meinen vielen freiwilligen Helfern unendlich dankbar. Ich hätte mich auch in Selbstmitleid suhlen und meine Aktivitäten einstellen können. Aber mit Jungs wie Bruce, Chris, Joe, Scooter und Rhyan konnte ich direkt wieder durchstarten – ob man mich nun dort sehen wollte oder nicht. Wir mussten zunächst das beschädigte Rigg, den Seezaun und den Bugkorb entfernen, bevor es ans Eingemachte ging. Wir brachten erste Lagen Glasfaser auf die beschädigten Bereiche auf. Es gab so viel zu tun. Wir entdeckten immer wieder neue kleine Löcher, die während des Mastbruchs entstanden waren. Es war beeindruckend, wie viele Dinge den Crash überlebt hatten. Die Hella-Navigationslampen arbeiteten immer noch perfekt, obwohl sie direkt getroffen worden waren. Auch der Yanmar-Motor war sofort angesprungen und hatte mich sicher nach Hause gebracht.

Nach eingehender Untersuchung sollte es rund zehn Tage dauern, bis ELLA’S PINK LADY wieder ihren Originalzustand erreicht hätte. Auch die Arbeiten am Rigg sollten nicht viel länger dauern. Glücklicherweise hatten wir noch etwas vom der Pink für den Anstrich übrig!

 

Die Menschen in der Marina arbeiteten nicht nur hart am Boot, sondern versorgten uns auch jeden Tag mit Mahlzeiten und stellten sicher, dass Unbekannte sich mir oder dem Boot nur nach gründlicher Überprüfung ihrer Personalien nähern durften. Es gab immer noch Journalisten, die an mich herankommen wollten, doch das störte mich nicht mehr so sehr wie noch einige Tage vorher, als sie die Privatsphäre von Pamelas Familie und ihren Nachbarn verletzt hatten. Nachdem wir in die Werfthalle umgezogen waren, konnten wir die Lage besser kontrollieren. Ich bemühte mich darum, die anhaltende Negativkritik bezüglich meines Törns zu ignorieren. In einem Artikel behauptete eine Zeitung, im Besitz eines Briefes des Verkehrsministeriums von Queensland zu sein, der an die Regierung gerichtet sei. Ich war ja so naiv. Ich war überzeugt, dass eine Art geheimer Untersuchung eingeleitet worden war. Das Blatt behauptete, ich hätte auf meiner Sicherheitsliste herumgekritzelt und kindliche Bildchen gemalt.

Ja, ich hatte ein Notizbuch, in das ich gelegentlich hineinschrieb, kritzelte oder einen Gedanken festhielt. Ich habe immer ein Notizbuch bei mir, um Listen anzufertigen, Dinge, die zu erledigen sind. Aber das war nicht mein Logbuch!

Wäre es bei all diesen Unsauberkeiten und der gezielten Falschinformation nur um mich gegangen, hätte ich damit wohl auch ganz gut umgehen können. Doch ich hatte Angst, dass meine Helfer glaubten, was sie lasen, und von mir enttäuscht sein würden. Seit der Kollision war ich nervös bei dem Gedanken daran, dass einer der Sponsoren seine Meinung ändern und mir seine Unterstützung entziehen würde. Doch niemand tat das. Im Gegenteil: Es tat so gut, dass die örtliche Wassersportgemeinde und die Unternehmen in der Marina mir auch weiterhin halfen. Ihre Hilfe hielt mich davon ab, in Selbstmitleid zu versinken, und ermunterte mich zum Weitermachen. Es war großartig zu sehen, wie ELLA’S PINK LADY langsam wieder zu dem wurde, was sie einmal war. Nachdem ich so hart gearbeitet hatte, freute ich mich auf ein Wochenende zu Hause. Ich verbrachte Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden, sehnte mich aber auch schon nach der Rückkehr nach Gold Coast und dem Moment, in dem wir ELLA’S PINK LADY wieder zu Wasser lassen konnten.

Kurz vor meiner Abreise nach Mooloolaba luden wir alle Helfer zum Abschiedslunch ein. Die Freundlichkeit und die Großzügigkeit so vieler Menschen haben mich fast umgeworfen. Es war eine tolle Gelegenheit, mich bei ihnen allen zu bedanken.

 

Am Mittwoch, dem 23. September, waren alle Arbeiten am Rumpf beendet. Auch das reparierte Rigg sollte nun jeden Tag eintreffen. Ich hätte das Boot so gern blitzblank gescheuert und hübsch gemacht, doch ich hatte keine Chance, denn wir bekamen es mit einem Staubsturm zu tun, der schon ganz New South Wales überzogen hatte und nun auch bei uns alles mit rotem Staub bedeckte. Der Himmel war nur noch ein einziger orangefarbener Schleier, der die Welt wie einen sehr merkwürdigen Ort aussehen ließ. Während die Staubdichte immer weiter zunahm, hörte ich, dass die meisten Arbeiten in Marina abgebrochen werden mussten. Flüge wurden umgeleitet, Bauarbeiten entlang der Straßen wurden eingestellt und die Arbeiter heimgeschickt.

Ich war ganz zufrieden damit, in der geschützten Werfthalle letzte kleine Jobs an Bord von ELLA’S PINK LADY zu erledigen. Wir waren dort trotz des Staubes gut drauf und arbeiteten noch an der einen oder anderen Lösung, die mir das Leben auf See erleichtern würde. In den vergangenen Tagen hatte Dad mir einige Stufen gebaut, die mir das Auf und Ab im Niedergang erleichtern sollten. Chris von AME hatte sich derweil mit dem wohl ungemütlichsten Job der Welt befasst: Er baute die Einwegventile in die Entwässerungsrohre im Cockpit ein, während er rücklings in unglaublich beengter Position lag. Weil wir nun Zeit hatten, konnten wir zum Transport von Treibstoff und Wasser ein Pumpensystem integrieren, das von den Dieselkanistern direkt in die Tanks führte. Wie immer schrieb ich weitere Checklisten (und kritzelte auf ihnen herum) und studierte in jeder freien Minute Karten und Wettervorhersagen für den Pazifik.

 

Am Montag, dem 28. September, war ELLA’S PINK LADY so weit, dass wir sie ins Wasser kranen konnten. Ihre Reparatur binnen 19 Tagen seit der Kollision war eine bemerkenswerte Leistung. Es war ein großer Moment für uns alle. Der Stolz in den Gesichtern aller, die bei ihrer Reparatur geholfen hatten, erschien mir unbezahlbar. Bruce und ich verbrachten dann den ersten Tag draußen auf See und überprüften alle Systeme auf Herz und Nieren. Alles funktionierte, wie es sollte. Wir segelten zurück und motorten schließlich das letzte Stück bis zum Grundstück von Pamelas Eltern in die Runaway Bay, um dort die letzte Nacht mit meiner Familie zu verbringen. Pamelas Eltern Gavin und Nadine sind gute Freunde meiner Eltern, und ihr Zuhause war immer auch unser Zuhause, wenn wir von daheim fort waren. Die Art, wie sie uns in den schweren Zeiten geholfen haben, werde ich ihnen nie vergessen. Ich hatte so viel Glück mit der Unterstützung, die mir bei der Verwirklichung meines Traumes zuteil wurde!

 

Die Wetteraussichten waren vielversprechend, die nördlichen Winde sollten uns noch eine Weile treu bleiben. Wenn also alles gut gehen würde, sah mein Plan unser Ablegen für den nächsten Tag vor. So würde ich Sydney in der darauffolgenden Woche erreichen. Um ganz sicher zu gehen, würden Bruce, Suzanne und Tom mit ihrem BIG WAVE RIDER zur gleichen Zeit ablegen und mir eine Weile Gesellschaft leisten. Sie wollten mir bei der Navigation durch die Schiffsverkehrsrouten behilflich sein. Ich wusste, dass ich es nach meiner Abreise aus Sydney auch selbst schaffen musste, aber ich schäme mich nicht dafür zu sagen, dass ich in Gedanken an den anspruchsvollen Kurs für Solosegler da draußen ein leichtes Flimmern verspürte.

 

Laut Statistik gab es seit 1990 38 Kollisionen oder Beinahekollisionen zwischen kleineren Booten und größeren Schiffen. In mehr als 50 Prozent aller Fälle haben die größeren Schiffe nicht angehalten, um zu helfen. Nachdem ich nun selbst Teil der Statistik geworden war, tat mir die Gesellschaft von Bruce zur Beruhigung meiner Nerven gut. Ich musste mein Selbstbewusstsein zurückgewinnen.

Die letzte Nacht an Land verbrachte ich mit Packen und ein paar anderen Jobs und wachte am nächsten Morgen mit dem Gefühl auf, bereit zu sein. Ich wollte früh auslaufen, weil ich hoffte, dadurch dem drohenden Medienrummel zu entkommen. Doch wir hatten kein Glück. Irgendwie hatten es doch wieder alle mitbekommen, und schon kreisten einmal mehr drei Helikopter über mir. Ich bin sicher, dass Pamelas Nachbarn ziemlich froh darüber waren, dass ich sie endlich verließ … Der Wind blies kräftig, und wir entfernten uns schnell von der Küste, bevor wir auf südlichen Kurs gingen.

 

Endlich wieder auf See zu sein fühlte sich richtig gut an. Ich war allein auf der Yacht und nahm mir die Zeit, mich langsam wieder einzugewöhnen. Der Wind pustete mir mit 15 Knoten die letzten kleinen Unsicherheiten aus dem Kopf, nur leider nicht dieses »grüne Gefühl um die Kiemen«, das mich wie immer in den ersten Tagen auf See beschlich. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf. Einer blieb hängen, ein Ereignis, das sich am Tag vor meiner Abreise zutrug. Da hatte mir der britische Milliardär und bekannte Abenteurer Sir Richard Branson viel Glück für meinen Törn gewünscht – Wahnsinn!

Er ließ alle, die mich möglicherweise aufhalten wollten, Folgendes wissen:

»Sie ist 16 Jahre alt, aber kein Baby mehr. Ich habe die Schule im Alter von 15 Jahren verlassen und mein eigenes Unternehmen gegründet. Mit 16 ist man schon ziemlich erwachsen. Sie sollte es versuchen. Es ist ein Risiko, aber es ist auch ein Risiko, die Straße zu überqueren, und es ist ein Risiko, Fahrrad zu fahren. Sie hat das Abenteuer ihres Lebens vor sich … man lebt das Leben nur einmal und sollte es voll auskosten.«

In Momenten wie diesem musste ich mich immer selbst kneifen um sicherzustellen, dass ich nicht träumte. Ich hatte mir weder jemals vorstellen können, ein so riesiges Medienecho hervorzurufen, noch, dass so berühmte Leute wie Richard Branson über mich sprechen würden! Ich wusste, dass die Kollision es den Kritikern leichter gemacht hatte, mein Vorhaben zu attackieren. Doch die Unterstützung riss nicht ab. Ich bin nicht außergewöhnlich. Ich bin ein ganz normaler Mensch, ein normaler Teenager, der das Glück hatte (oder – wie viele sagen – stur genug war), seinem Traum zu folgen. An dem Tag, an dem ich Gold Coast verließ, hatte ich das Gefühl, dass mehr Menschen auf meiner Seite als gegen mich standen. Es war ein tolles Gefühl zur Abreise.

 

Der Törn nach Syndey hat fünf Tage gedauert. Dieser Test auf See war genau das, was ELLA’S PINK LADY und ich brauchten, um potenzielle Problembereiche auszuloten. Es hat nicht lange gebraucht, bis ich herausfand, dass es Ärger mit den Lenzrohren im Cockpit gab. Es drang zu viel Wasser ins Boot ein, und es gab eine Phase, in der ich die Bilge alle 20 Minuten leerpumpen musste. Die lieblichen nördlichen Winde verabschiedeten sich. Drei Meter hohe steile Wellen und der neue 23 Knoten starke Wind aus Süden sorgten für ein ziemlich ruppiges Segelvergnügen.

Ich hatte alle Hände voll zu tun. Meine Seekrankheit, die erforderliche Wachsamkeit im Fahrwasser der kommerziellen Schifffahrt und sehr kurzen Schlafeinheiten ließen mich fühlen, was ich immer wollte: die Herausforderung eines großen Abenteuers.

 

Am letzten Tag auf See bei diesem Überführungstörn nach Sydney beruhigten sich die Wellen, und ich musste hart arbeiten, um ELLA’S PINK LADY in den sehr leichten Winden und Regenschauern anzutreiben. Bruce, Suzanne und Tom hatten in den vergangenen Tagen Abstand zu uns gehalten, doch wir trafen uns wieder, um gemeinsam in den Hafen von Sydney einzulaufen. Einige Boote und ein paar Helikopter folgten uns, und Tom sprang von BIG WAVE RIDER auf ELLA’S PINK LADY, um mir beim Anlegen im Hafen von The Spit zu helfen. Ich musste mich immer noch an die Pinne statt des Ruders gewöhnen und wollte nicht unbedingt einen »Tony Bullimore« hinlegen und den Steg vor laufenden Kameras rammen. Das hätte nicht gut ausgesehen, insbesondere nach dem Drama mit der SILVER YANG. Interessanterweise fragten mich später einige Journalisten, wer denn der gut aussehende junge Mann bei mir auf dem Boot war (wie witzig!).

 

Als ich von Bord ging, drehte sich in meinem Kopf alles, und ich stotterte eine ganze Weile vor mich hin. So, wie es immer ein paar Tage dauert, bis mir die Seebeine wachsen, so dauert es auch eine Weile, bis ich meine Landbeine wiederfinde. Nur Gott wusste, wie ich das wohl nach sechs, sieben Monaten auf See durchstehen würde. Kay Cottee hatte überhaupt keine Probleme, als sie nach ihrer Weltumrundung von Bord ging, aber ich habe erlebt, wie es James und Justin nach ihrem Törn durch die Tasmanische See ergangen war. Es fiel ihnen nach 62 Tagen auf See schwer zu laufen. Ich weiß, dass sie kaum Platz hatten, sich auszustrecken, und beinahe durchgehend ruderten. Auf einem Segelboot ist es natürlich etwas anders, doch ich hatte so ein Gefühl, dass ich eher wie sie als wie Kay Cottee enden würde

Glücklicherweise hatte mir während unserer Planungen für den Aufenthalt in Sydney jemand geraten, mit Andrew Short zu sprechen. Sydney-Hobart-Veteran Andrew Short hat sich seinen Multi-Millionen-Dollar-Bootshandel aus einer Garage in Carinbah heraus aufgebaut und betreibt heute Niederlassungen in Taren Point, Yowie Bay und The Spit.

Als wir ihn fragten, ob er uns in The Spit unterbringen könnte, hat er großartig reagiert. Er gab uns nicht nur einen Liegeplatz für ELLA’S PINK LADY, sondern schaffte auch Platz für BIG WAVE RIDER und ermöglichte uns Zugang zu allen notwendigen Einrichtungen in der Marina.

Ich habe ihn dann in der Woche erstmals persönlich getroffen. Andrew zählte zu den Leuten, die begriffen hatten, was ich wollte. Er, seine Frau Kylie und die Kinder Nick, Ryan, Sam, Mitch und Maddison haben mich wirklich verstanden und hießen uns außergewöhnlich herzlich willkommen. Die beiden ältesten Söhne Nick und Ryan waren wundervoll. Als ich bei den Sydney Heads um die Ecke bog, kamen sie mir auf ihrem Familienboot mit Mum, Dad und Hannah entgegen. Dabei wurde die arme Hannah seekrank!

 

Am ersten Morgen nach meiner Ankunft schlief ich etwas länger, bevor ich die lange neue Arbeitsliste in Angriff nahm, die während der Überführung nach Sydney entstanden war. Es gab Wartungsarbeiten zu erledigen wie die Überprüfung der Entwässerungsrohre im Cockpit. Ich musste die Rohre noch mit zusätzlichem Glasfaserlaminat überziehen und schleppte Arme voll Last-Minute-Krimskrams aus den Wassersportgeschäften der Umgebung in Richtung Boot. Zwischendurch gab ich das eine oder andere Interview. Die Zeit raste.

 

Die Beamten von ATSB trafen am 9. Oktober bei mir ein, um ihren Entwurf für den Bericht zur Kollision mit mir durchzugehen. Sie waren absolut großartig. Sie waren professionell, freundlich und hatten nur ein Interesse: genau zu ergründen, was in der Nacht damals vor Stradbroke Island wirklich passiert war, und sicherzustellen, dass es nicht noch einmal geschehen würde. Und sie wollten, dass ich daraus lernte. Ihr könnt mir glauben: Das Letzte, was ich wollte, war eine Wiederholung der Ereignisse. Doch das Gespräch darüber war wichtig. Also diskutierten wir am runden Tisch der BIG WAVE RIDER noch einmal das Geschehene und gingen jedes Detail noch einmal genau durch. Als wir fertig waren, nahmen sie Bruce und mich zur Besichtigung eines Tankers mit. Sie hatten für uns eine geführte Tour durch das Schiff organisiert, damit ich sehen und verstehen konnte, wie sich die Dinge aus der Perspektive der SILVER YANG abgespielt haben könnten.

Nachdem wir das Feedback von ATSB erhalten hatten, wurde ELLA’S PINK LADY zusätzlich zu dem vorhandenen aktiven Radarreflektor mit einem passiven Radarreflektor ausgestattet. Mit der Hilfe meiner Tante Vivienne entwickelte ich außerdem einen detaillierten Plan für mein Schlafmanagement. Nachdem ich den Bericht von ATSB gelesen hatte, wurde mir klar, dass eine ganze Reihe von Faktoren in der Nacht zur Kollision geführt hatten. Wir beide, ich und die SILVER YANG, haben dazu beigetragen. Das vollständige Begreifen der Umstände und des Ablaufs waren für mich unerlässlich, um sicherzustellen, dass mir so etwas nie wieder passieren würde.

 

Ich war zwar immer noch voll auf meinen bevorstehenden Törn konzentriert, doch ich gestattete mir auch ein paar kleine Pausen. Wir wohnten in einem ziemlich schicken Hotel direkt am Strand in Manley auf Sydneys Nordseite (was wir aus Budgetgründen normalerweise nicht gewählt hätten, doch man kam uns mit ermäßigten Zimmerpreisen entgegen, und so mussten wir ein bisschen nobel wohnen). Ich genoss jeden Morgen doppelte und dreifache Portionen frischer Früchte und Pfannkuchen mit Sahne, denn ich wusste ja, dass ich in den ersten Tagen auf See ein paar Kilo verlieren würde.

Unten im Hafen riss derweil der Strom an Besuchern und Menschen, die mir Glück wünschen und ELLA’S PINK LADY sehen wollten, nicht mehr ab. Phil, Ed, Pat, Judy, Tante Cathy und Onkel Campbell kamen alle, um mir bestmöglich bei meinen Vorbereitungen auf den großen Tag zu helfen. Eines Abends trafen sich unsere ganze Familie, Bruce und Suzanne zum Dinner mit James, Justin und ihren Familien. Es war ein lustiger Abend, und es tat gut, dass wir zur Abwechslung einmal nicht über mich, sondern über die Abenteuer anderer Leute sprachen.

 

Als ich mir vorgenommen hatte, die jüngste Seglerin zu werden, die jemals die Welt umsegelt hat, konnte ich mir selbst in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen, die Menschen zu treffen, die ich schon bald persönlich kennenlernen sollte.

Einer dieser Menschen ist die siebenmalige Surfweltmeisterin Layne Beachley. Layne war unsere Moderatorin bei der großen Präsentation mit Ella Baché gegenüber dem berühmten Opernhaus.

 

Vor diesem Ereignis war ich echt nervös, doch es stellte sich als Riesenspaß heraus. Layne stellte mir Fragen zum Törn, und Jesse Martin war auch da, um mir das Leben ein wenig schwer zu machen. Es wurde viel gefragt und noch mehr fotografiert. Der heitere Teil des Termins begann, als Jesse und ich an Bord von ELLAS’S PINK LADY sprangen, um mit der Filmcrew von 7pm Project zurück in den Hafen von The Spit zu segeln. Ich muss gestehen, dass ich es extrem cool fand, dass Jesse dabei war. Er war über so viele Jahre mein Held gewesen und half mir nun als Crewmitglied an Bord mit den Leinen. Zur Krönung veranstalteten wir ein Armdrücken vor laufender Kamera, das Jesse nur mit Mühe gegen mich gewann.

In seinem Buch berichtet Jesse von seinen Briefen, die er an potenzielle Sponsoren geschickt hat. Und davon, wie er jeden Tag neben dem Briefkasten auf ihre Antworten wartete. Drei der Absagen, die er bekam, begannen mit den Worten »Liebe Frau Martin«. Jesse sagt, es war wie ein Tritt in den Hintern. Sie dachten nicht nur, dass er es nicht schaffen würde. Sie dachten auch noch, dass er ein Mädchen wäre. Ich hätte so gern das Armdrücken gewonnen, um ihm diese Gedanken heimzuzahlen!

 

Außerhalb meiner Welt voller Unterstützung und Helfer gab es immer noch einen konstant fließenden Strom an Kritikern. Weitgehend gelang es mir, diese Kritik zu ignorieren. Am meisten haben wir uns vermutlich alle aufgeregt, als der renommierte Regattaprofi Andrew Cape, der fünf Regatten um die Welt absolviert und siebenmal Kap Hoorn umrundet hat, am 8. Oktober eine E-Mail an den Journalisten und Buchautor Rob Mundle schickte. Rob Mundle sollte die E-Mail an mich weiterleiten, doch irgendwie fand sie ihren Weg auch in die Hände der Medien. Es gab zahlreiche Artikel, die aus der E-Mail zitierten. Rob schickte den Brief schließlich an Andrew Short, der ihn mir und meiner Familie überreichte. Er begann damit, dass Andrew es für seine Pflicht hielt, mich zu kontaktieren. Er wollte mich wissen lassen, dass eine solche Reise mehr Erfahrung voraussetzt, als ich hätte.

Ganz offensichtlich hatte er sich nicht darum bemüht herauszufinden, über welche Erfahrung ich tatsächlich verfügte. So führte er als Beispiele Dame Ellen MacArthur und Samantha »Sam« Davies an, die viele tausend Seemeilen absolviert hatten, bevor sie aufbrachen.

Wenn er mich nur gefragt hätte, hätte ich ihm sagen können, dass ich bereits 10 000 Seemeilen auf offener See hinter mir hatte. Dass ich – seinem Rat folgend – neben anderen Passagen schon den Süden Neuseelands umrundet hatte. Dass ich mich intensiv mit Elektronik befasst hatte, mit Meteorologie und mit der Fitness meines Körpers. Und dass ich über eines der am besten vorbereiteten Boote verfügte, das jemals jemand für einen solchen Törn hatte. Ich konnte auf die neueste Technologie an Bord zurückgreifen oder das Boot ohne Hilfe selbst segeln, falls die Technologie versagen würde.

Ohne jede Information über mich, meine Fähigkeiten, das Boot oder den Stand unserer Vorbereitungen schloss Andrew Cape, dass ich eine Chance von maximal 33 Prozent hätte, meine Weltumseglung erfolgreich abzuschließen. Eine weitere 33-Prozent-Chance räumte er drohenden Beschädigungen des Bootes ein. Die letzten 33 Prozent veranschlagte er für den Totalverlust von Boot oder Crew. Das Blatt »The Age« veröffentlichte eines seiner Zitate. Darin verglich er mein Vorhaben mit »dem Aufwachsen auf einem Bauernhof und der Auffassung, dass der Kauf eines Gewehres einem das Gefühl gäbe, es umgehend mit den Taliban aufnehmen zu können«.

Es war bedauerlich, dass Andrew Cape mir diesen Brief erst wenige Tage vor meiner Abreise schickte. Hätte er diesen Vorstoß etwas eher unternommen, dann hätte ich mit ihm sprechen, vielleicht auch von seiner Erfahrung profitieren können. Viele andere Segler mit vergleichbarer Erfahrung haben ihr Wissen sehr großzügig mit mir geteilt, und ich habe alles begierig aufgesaugt. Die Tatsache, dass Andrew Cape selbst im Alter von 16 Jahren an seinem ersten Sydney-Hobart-Rennen teilgenommen hatte, sagt mir, dass er möglicherweise selbst mit Anschuldigungen wie »du bist zu jung und unerfahren« konfrontiert worden war.

Es wäre außerdem natürlich wesentlich hilfreicher gewesen, wenn seine E-Mail nicht gleichzeitig als große Story in den Medien gelandet wäre. Die Art und Weise, wie die ganze Geschichte ablief, ließ mich an den ehrlichen Absichten dieser E-Mail zweifeln.

Ich war ehrlich wütend darüber, dass Andrew Capes Kommentare von vielen Leuten wie Fakten behandelt wurden. Aber ich konnte meine Zeit nicht mit Selbstverteidigung oder zu vielen Gedanken darüber verschwenden. Das wäre sinnlos gewesen. Ich musste mich einfach wie immer gut vorbereiten und konzentrieren. Ich wollte meine Taten die wahre Geschichte erzählen lassen.

 

Wir legten letzte Hand ans Boot an. Paul von Aquatronics Marine kümmerte sich um die finalen Feineinstellungen für die Elektronik, während Gavin Brennan feste Kameras an Bord und unter Deck installierte, damit ich auch während des Segelns filmen konnte. Es gab keinen Zentimeter Freiraum mehr an Bord, während wir alle in den verschiedensten Ecken arbeiteten. Dann musste ich natürlich auch noch lernen, die Kameras zu bedienen, denn wir hatten entschieden, zur Finanzierung der Reise einen Dokumentarfilm zu drehen.

Es waren hektische Tage, und nicht alles klappte wie geplant. Aus irgendeinem Grund weigerten sich die Cockpitlenzer, ihr Lecken einzustellen. Mir tat der Typ leid, der sich immer wieder rückwärts ins Heck des Bootes quälen musste, um zusätzliche Lagen Glasfaser aufzubringen. Aber ich war froh, dass dieses Mal nicht ich es war, die sich in diesen beengten Raum quetschen musste.

Seit meiner Ankunft in Sydney hatte ich mich ein wenig zurückgezogen. Bruce hatte die Verantwortung für die Arbeiten am Boot übernommen und kümmerte sich um jedes Detail. Wir absolvierten Testläufe auf See, übten den Umgang mit dem Treibanker (eine Art Fallschirm, der bei Schwerwetter über das Heck geworfen wird, um als Bremse im Wasser zu dienen) und probierten das neue Leichtwindsegel aus. Danach schienen endlich auch die Cockpitlenzer zu funktionieren.

 

Schließlich kam ein Inspektor, um das Boot zu kontrollieren und sicherzustellen, dass Boot und Ausrüstung die Standardauflagen für Kategorie 0 erfüllten. Gefordert ist in dieser Kategorie die vollständige Ausrüstung zum Hochseesegeln. Die Vorschriften erfordern, dass man auf hoher See in kaltem Wasser und fernab jeglicher möglichen Unterstützung von außen in Temperaturen von 5 °C im Wasser und 5 °C in der Luft überleben kann.

Diese Kategorie betrifft alle Boote, die an Hochseerennen teilnehmen, und verlangt, dass sich die Yachten über einen längeren Zeitraum selbst versorgen können. Boote der Kategorie 0 müssen schweren Stürmen widerstehen können und auf Notsituationen ohne Hilfe von außen vorbereitet sein.

Der Inspektor kontrollierte meine Erste-Hilfe-Ausrüstung, den Proviant, die Bekleidung, die Überlebensanzüge, die EPIRBs und die Beschläge ebenso wie jede einzelne Komponente des Bootes selbst. Diese Überprüfung war keine Bedingung für meinen Törn, sondern wurde auf unseren Wunsch durchgeführt. Wir wollten sicherstellen, dass wir alles getan hatten, um mir die besten Voraussetzungen für den Erfolg zu schaffen.

 

Ich war gerade mit meiner Familie im Hotel in Manly, als Andrew Fraser am 10. Oktober mit niederschmetternden Nachrichten anrief. Ich wusste, dass Andrew Short in der Nacht zuvor abgelegt hatte, um mit seiner 80-Fuß-Yacht SHOCKWAVE an einem Rennen von Point Paper im Hafen von Sydney nach Flinders Islet bei Port Kembla und wieder zurück teilzunehmen. Andrew war der Skipper, und seine beiden Söhne Ryan und Nick gehörten zur 17-köpfigen Crew. Es hatte einen schrecklichen Unfall gegeben, in dessen Folge die Yacht auf dem Felsen zerschellte, als sie gerade die kleine Insel umrundete. Die ganze Crew wurde von Bord geschleudert. Andrew und seine überaus erfahrene Navigatorin Sally Gordon kamen dabei ums Leben. Ich konnte es einfach nicht glauben, als ich davon hörte. Es war ein Gefühl, als hätte jemand alle Luft aus dem Raum gesaugt, in dem wir uns befanden.

 

Wir standen unter Schock. Andrew war so herzlich zu mir und meiner Familie gewesen. Noch einen Tag zuvor war er so voller Leben. Er war einer dieser Männer, in deren Gegenwart man sich sicher fühlt. Es wunderte mich nicht zu hören, dass Andrew ganz zuletzt noch eine Taschenlampe zu Nick hinübergeworfen hatte, damit dieser seine Position signalisieren konnte. Weil er diese Lampe hatte, wurde Nick später von der Küstenwache gefunden, die ihn aus dem Wasser zog. Sein Vater hatte ihm das Leben gerettet.

 

An diesem Tag blieben wir der Marina fern, um den Menschen dort – viele von ihnen waren verwandt und befreundet mit den Shorts – ihre Ruhe zu lassen. Die Medien riefen an und baten um meinen Kommentar, aber es schien mir nicht angemessen, überhaupt etwas zu sagen. Ich hatte Andrew und seine Familie gerade erst kennengelernt, und es gab so viele andere Freunde von ihnen und Sally Gordon, die viel mehr über sie wussten.

Es war hart, die Trauer nicht übermächtig werden und uns durch sie aufhalten zu lassen. Doch wenn Andrew Short mich etwas gelehrt hat, dann war es, das Leben in vollen Zügen zu leben und an den Dingen festzuhalten, die für einen selbst wichtig sind. Für ihn waren es der Segelsport und seine Familie. Für mich ist es genauso.

Durch Andrews Tod haben wir uns alle verändert. Falls es irgendjemand vergessen hätte, erinnerte uns der Unfall daran, dass auf See einfach alles passieren kann. Es spielt keine Rolle, wie erfahren und wie vorsichtig du bist – schlimme Dinge können immer geschehen. Ich habe darüber nicht oft mit Mum und Dad gesprochen, aber ich weiß, dass es auch für sie einer Ermahnung gleichkam. Dennoch: Wir hatten uns inzwischen alle mit den möglichen Gefahren arrangiert, die mit meinen Plänen verbunden waren. Also ließen wir uns nicht aufhalten.

 

In den letzten Tagen vor meiner Abreise ging es hektisch zu. Alle erledigten noch letzte Jobs und überprüften jedes Detail doppelt und dreifach. Ich blieb absolut ruhig und gelassen, während sich die Gemüter um mich herum erhitzten. Eine Crew von »60 Minutes« kam, um mich zu filmen, und der Journalist Charles Wooley interviewte mich, meine Mutter, meinen Vater und Bruce. Er ist ein guter Mann, und ich hatte Spaß daran, ihn mit zum Segeln zu nehmen. Er fragte mich, ob ich wirklich wüsste, auf was ich mich einlassen wollte. Und ich sagte ihm: »Nein. Das weiß ich nicht. Es ist ein Abenteuer. Ich will da raus gehen und versuchen, um die Welt zu segeln. Ich will sehen, ob ich es kann.«

Ehrlich gesagt, ich überraschte mich mit meiner Abgeklärtheit selbst. Und ich begann, mich langsam ein bisschen über die steigende Aufmerksamkeit für meine Person zu ärgern.

 

Wenn ich zurückblicke, dann war das vielleicht meine Art, mich auf den Abschied vorzubereiten, bevor ich allein sein würde.

Ich würde nicht mehr da sein, wenn »60 Minutes« den Beitrag über mich zeigte. Sie planten, es in der Nacht nach meiner Abreise zu senden. Darüber war ich froh. Ich hasse es, mich selbst im Fernsehen zu sehen. Nach all den Sorgen um mich sagte mein Vater zu Charles Wooley: »Es wäre verheerend, wenn wir sie verlieren würden … Aber ich glaube, es wäre noch schlimmer, ihr zu sagen, dass sie aufgrund des Risikos nicht lossegeln darf. Sie hat so viel in dieses Projekt investiert.« So sind meine Eltern. Sie haben Emily, Tom, Hannah und mich immer in unseren Träumen unterstützt, obwohl sie wussten, dass die Wege abseits der Normalität auch Risiken bergen.

Jemand hat mir ein Zitat des irischen Poeten und Philosophen John O’Donohue geschickt. Es lautet: »Eines der schönsten Geschenke der Welt ist Ermutigung. Wenn dich jemand ermutigt, dann hilft dieser Mensch dir über eine Schwelle, die du allein möglicherweise niemals überquert hättest.«

Dank Mum und Dad war ich auf dem Weg, eine Schwelle zu überqueren, die mich in vielerlei Hinsicht für immer verändern würde. Was auch geschehen würde, ob ich Erfolg hätte oder scheiterte, sie hatten mir das größte Geschenk gemacht: die Kraft und die Unterstützung gegeben, meinem Traum zu folgen.

 

Erst als der Abreisetag immer weiter nach hinten verschoben werden musste, nahm meine Anspannung zu. Ich war bereits total auf den Start fokussiert, als ein neues kleines Problem entdeckt wurde, für dessen Lösung wir einen weiteren Tag oder auch zwei benötigten.

Dennoch sah ich ein, dass natürlich alles stimmen musste, und ein bisschen hatte ich inzwischen auch gelernt, geduldig zu sein. Schließlich beluden wir das Boot am Nachmittag vor meiner Abreise mit einigen letzten Dingen, darunter eine Kiste mit Büchern, die Bruce nur den Kopf schütteln ließ. Danach saßen wir alle im Boot und aßen Pizza. Wir fragten uns, ob wir noch irgendetwas Wichtiges übersehen oder vergessen hatten einzupacken. Etwa wie Jesse Martin, der zwar seinen Sextanten mitgenommen, aber den dazu notwendigen Almanach vergessen hatte. Ich war sicher, dass mir auch so etwas passieren würde.

 

In dieser letzten Nacht schlief ich an Bord von ELLA’S PINK LADY. Ich würde die kommenden sieben Monate in dieser Koje verbringen und empfand es als gute Idee, sie noch einmal zu testen. Ich brauchte die Zeit aber auch für mich, um die riesengroße Nervosität abzustreifen. Ich schlief in dieser Nacht gut, denn ich wusste, dass ich dank des wundervollen Teams um mich herum alle nur denkbaren Vorbereitungen abgeschlossen hatte. Nicht einmal der Lärm einer der am meisten befahrenen Straßen Sydneys erreichte mich an meinem Liegeplatz in The Spit. Ich war ruhig, fühlte mich stark und absolut zu Hause auf meiner pinkfarbenen Yacht. Ich hatte nicht erwartet, so kurz vor meiner Abreise so ruhig zu sein. Meine letzten Worte zu Mum und Dad, bevor sie sich an dem Abend auf den Weg zum Hotel gemacht hatten: »Morgen wache ich auf und segle um die Welt.« Mich überkam ein Schauer aus Aufregung, Vorahnung und Ungläubigkeit, als ich diesen Satz sagte. Nachdem ich fünf Jahre lang von dieser Reise geträumt hatte, sollte sie nun endlich Wirklichkeit werden.

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