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Erster Abschnitt:

Von Sydney nach Norden zu den Linieninseln

 

Montag, 19. Oktober 2009

Gestartet

… Ich gebe zu, dass ich nach dem Abschied noch eine Weile sehr bewegt war. Aber auf der Habenseite kann ich vermelden, dass ich mich bereits gut eingewöhnt und angesichts der ruhigen Bedingungen auch noch keine Anzeichen meiner sonst üblichen Seekrankheit verspürt habe.

 

Ich empfand es als wertvollen Bonus, in diesen ersten Tagen nicht – wie sonst üblich – mit der Seekrankheit kämpfen zu müssen. Normalerweise starte ich in längere Törns immer in einem Zustand der Erduldung, bis mir die Seebeine gewachsen sind. Dass ich dieses Mal nicht seekrank wurde, erleichterte mir das Eingewöhnen in die Bordroutine enorm. Ich war von Beginn an gut drauf.

 

Nach all der Aufregung um meine Abreise geht es jetzt so langsam voran. Wir sind immer noch nicht weiter als 65 Seemeilen von der Küste entfernt, unsere Geschwindigkeit liegt bei wenig bemerkenswerten 2,5 Knoten. Das ist ein bisschen frustrierend, aber ich will nicht klagen, nehme erst einmal jeden Tag, wie er kommt, gebe mir selbst Zeit, mich an den neuen Rhythmus zu gewöhnen, und warte auf ein bisschen mehr Wind.

 

Später: Montag, 19. Oktober 2009

Blau und pink

Heute war ein ruhiger Tag hier draußen. Am Nachmittag lagen wir eine Weile in totaler Windstille. Ich hatte erwartet, dass es mich frustrieren würde, so langsam voranzukommen, aber tatsächlich genoss ich die Gelegenheit, meine Reise entspannt anzugehen. Ich trimmte die Segel und schlug dann ein Buch auf. Es ist so lange her, dass ich mich ein Weilchen ausruhen konnte. Die Freiheit hier draußen ist unglaublich. Es gibt keine Termine, keine eiligen Aufträge. Ich kann essen, was ich will und wann ich will. Niemand schickt mich ins Bett! Heute Nachmittag habe ich einen ganz besonderen Moment erlebt. Es war, als würde die See plötzlich gläsern, und ich könnte hinunter bis zu ihrem tiefblauen Grund sehen. Na ja, zumindest sofern nicht gerade einer der Quallenschwärme vorbeizog. Es kamen sogar ein paar Delfine, um Hallo zu sagen.

Ich habe schon herausgefunden, dass nur eine aufgeräumte Kabine eine glückliche Jessica produziert. Ich kann mich nur entspannen, wenn alles an Deck, im Cockpit und hier unten an seinem Platz ist, bereit für das Unerwartete. Die Sonne geht gerade unter, und der Himmel hat die rosafarbenen Schattierungen von ELLA’S PINK LADY angenommen – sehr hübsch! Vermutlich werde ich die Kamera noch vor dem Essen (ich habe an süß-saures Lamm und Pfannkuchen zum Nachtisch gedacht) auspacken, dann ELLA’S PINK LADY für die Nacht vorbereiten und anschließend meine abendlichen Telefon- und Mailpflichten erledigen.

 

Gerade hatte ich noch einen weiteren unerwarteten Besucher, der mir nicht ganz so willkommen war wie die Delfine. Ein kleines Flugzeug jagte mir Angst ein, als es sich näherte und seine Kreise über mir drehte.

Ich hatte gedacht, dass außer Sicht auch aus dem Sinn bedeutete, und hatte beileibe keine Helikopter oder Medien erwartet, schon gar keinen Ultraleichtflieger. Weil ich dachte, dass ich endlich allein war, hatte ich mich bis auf meinen Bikini ausgezogen, um die Sonne zu genießen, und bei der Annäherung des Fliegers auch keine Motorengeräusche gehört. Ich war überrascht, wie nah das Flugzeug plötzlich kam, und sprang unter Deck, um mir ein T-Shirt und Shorts überzuziehen.

 

Jetzt, im Nachhinein, muss ich zugeben, dass der zweite Tag nicht ganz so ruhig verlief, wie ich es der Welt in meinem Blog glauben gemacht hatte. Die Bedingungen waren zwar immer noch ruhig, aber ich entdeckte ein Problem an Bord von ELLA’S PINK LADY, das den gesamten Törn hätte gefährden können. Ich wollte diese Erkenntnis nicht mit der gesamten Öffentlichkeit teilen (abgesehen von meiner Landmannschaft) und dadurch von den schönen Erlebnissen ablenken.

Auch wenn es noch reichlich Schiffsverkehr um mich herum gab, hatte ich mich entspannt und kam langsam in den Rhythmus des Bordalltags. Ich fühlte mich großartig, bis ein schriller Alarm ertönte und die friedliche Stimmung zunichte machte. Der Alarm signalisierte Wasser in der Bilge. Ich kann euch sagen, dass es ein total blödes Gefühl war, die Bodenbretter hochzunehmen und das eindringende Wasser zu sehen. Immerhin erkannte ich das Problem sofort: Die Cockpitlenzer (ja, schon wieder diese verdammten Cockpitlenzer!) leckten trotz der vielen Extralagen Laminat, die wir in den Wochen vor meiner Abreise aufgebracht hatten, fürchterlich.

Ich bin einzig und allein nur deswegen nicht ausgeflippt, weil mir keine unmittelbare Gefahr drohte. Das eindringende Wasser wurde direkt wieder von ELLA’S PINK LADYs überdimensioniertem Bilgepumpensystem hinausbefördert. Doch angesichts der wilden und einsamen Reviere, in denen wir schon bald segeln würden, konnte ich mir ein solches Problem einfach nicht leisten. Mit einem Auge auf die Lenzer für den Fall, dass es schlimmer werden würde, rief ich Bruce an, um die Situation mit ihm durchzusprechen und zu überlegen, was ich tun könnte. Wir entschieden, dass ich mir die Hände würde schmutzig machen müssen, um weitere Laminatlagen aufzubringen.

Wahrlich keine Arbeit, auf die ich mich freute! Immerhin hatte ich ja gerade erst auf meinem Törn von Gold Coast nach Sydney die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, an die Lenzer heranzukommen. Und dann gab es da noch dieses Problem, das auf der Werft in Rousemount aufgetaucht war: Sobald ich mit Epoxy (Material, das in Verbindung mit Glasfaser bei Bootsreparaturen eingesetzt wird) arbeite, bekomme ich diesen schrecklichen Ausschlag.

Mein Vater hat mir beigebracht, Probleme immer direkt anzugehen und ihnen nicht auszuweichen. Doch das Problem mit den Lenzern erwies sich als Ausnahme von dieser Regel. Ich pumpte das Wasser über den Tag mehrere Male aus dem Boot und beobachtete die Lage sorgsam, denn ich wollte auf einen absolut ruhigen Tag warten, um eine möglichst optimale Reparatur durchführen zu können. Ich überprüfte die Situation in der Bilge täglich und pumpte regelmäßig. Innerhalb einer Woche ließ das Lecken nach und hörte schließlich ganz auf. Die letzte kurz vor meiner Abreise durchgeführte Reparatur des Laminats hatte sich offenbar noch im »Heilungsprozess« befunden, doch nun wurde das Laminat jeden Tag etwas härter. Schließlich war es so durchgehärtet, dass kein Wasser mehr eindringen konnte.

 

Ich war froh, dass ich in meinem Blog nichts darüber geschrieben hatte, denn das hätte den Medien und unseren Kritikern einen neuen Höhenflug beschert und gleichzeitig meine wundervollen und treuen Fans zu sehr erschreckt. Obwohl ich alles unter Kontrolle hatte, hätten die Worte »Wassereinbruch im Boot« viel Schaden anrichten und alle möglichen Spekulationen negativer Art ins Rollen bringen können. Nichts davon hätte mich direkt getroffen, doch daheim hätten alle die volle Wucht der Worte zu spüren bekommen. Sie waren durch mich schon genug unter Beschuss geraten.

 

Dienstag, 20. Oktober 2009

Es geht voran!

Heute sind wir viel besser vorwärtsgekommen! 13 Knoten Wind aus nordöstlicher Richtung haben uns hübsch vorangeschoben.

Trotzdem war es wieder ein ruhiger Tag hier draußen mit viel Spritzwasser und blauem Himmel. In der vergangenen Nacht haben mich der Schiffsverkehr und die Einstellung der Fleming-Windsteueranlage (die ich Parker* genannt habe. Kann sich jemand vorstellen, warum?) auf Trab gehalten, als sich der Wind komplett verabschiedete. Die See war so ruhig und glatt, dass ich mein Kopfkissen für eine Weile ins Cockpit verlagerte, um dort ein paar kurze Nickerchen unter dem Sternenhimmel zu machen.

Ich habe das Gefühl, dass ich schon im richtigen Rhythmus angekommen bin. Ich mache nach Möglichkeit kurze Schlafpausen in der Nacht und am Morgen, zeichne und plotte meine Position, wühle mich auf der Suche nach Mahlzeiten durch die Tüten und kümmere mich zweimal am Tag um meine Telefon- und Mailpflichten. Es gibt immer etwas zu tun oder zu überprüfen. Ich hatte reichlich damit zu tun, mich durch die Last-Minute-Geschenke und Süßigkeitenberge zu arbeiten, die mir kurz vor der Abreise an Bord geschaufelt worden waren. Jedes Mal, wenn ich denke, dass ich alles aufgegessen habe, entdecke ich ein weiteres Paket, das irgendwo versteckt wurde.

 

Draußen im Cockpit zu schlafen ist magisch! Die Decke aus Sternen gleicht den mangelnden Komfort der fehlenden Matratze mehr als aus. Ich empfinde Parkers Geklimper und Gequietsche, vermischt mit den Gurgel- und Spritzgeräuschen des Wassers, als überaus tröstlich. Manche Menschen kaufen sich aus diesem Grund Windspiele. Ich erinnere mich aber an die Lektüre von Kay Cottees Buch. Sie hatte Angst vor Verschleiß und wusste, dass allein Stille das Signal dafür war, dass alles rund lief.

 

Kein Wunder also, dass ich auch ein bisschen besorgt war – wegen der Verschleißerscheinungen an Bord und um das Rigg. Also hielt ich die Ohren offen für eventuell ungewöhnliche Geräusche. Aber für mich bedeuteten die meisten Geräusche, dass ELLA’S PINK LADY auf Kurs war.

Davon abgesehen, gefiel mir die Idee, da draußen im Cockpit zu übernachten, mehr als alles andere, weil ich jederzeit die Kontrolle übernehmen oder ein Segel trimmen konnte. In diesen ersten Tagen, als ich mich noch an alles gewöhnte und die stark frequentierten Schifffahrtswege kreuzte, war ich ziemlich angespannt. Es war nicht leicht, das Geräusch zu vergessen, das ELLA’S PINK LADY von sich gegeben hatte, als sie entlang des Rumpfes der 63 000 Tonnen schweren SILVER YANG schrammte. In dauernder Alarmbereitschaft zu sein war für mich der beste Weg, mich sicherer zu fühlen. Ich wollte die Kontrolle behalten und sicherstellen, dass mir so etwas niemals wieder passieren würde.

 

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Hinaus in die Tasmanische See und schlafen

… Insgesamt war es hier zuletzt recht ruhig, doch nach einem Superlauf und 155 Seemeilen am gestrigen Tag hat sich der Wind wieder verabschiedet. Wir (ELLA’S PINK LADY und ich) quälen uns nun wieder langsam voran. Wir befinden uns inzwischen mitten in der Tasmanischen See in der Nähe von Lord Howe Island. Australien liegt schon weit hinter uns. ELLA’S PINK LADY segelt im Moment unter vollem Großsegel und Genua. Wir bewegen uns langsam, aber konstant mit drei Knoten vorwärts. Die Sonne scheint immer noch, und das Wasser hat ein noch unglaublicheres Blau angenommen. Ich habe herausgefunden, dass der Sonnenuntergang meine liebste Zeit des Tages ist, weil dann die ganze Welt pink leuchtet!

Heute Morgen hat eine Delfinschule bei uns vorbeigeschaut, und der immer wiederkehrende alte Vogel kam auch, um uns auszukundschaften.

Das Aufräumen der Kajüte entwickelt sich zu einem endlosen Kampf. Liegt es nur an mir, oder dauert Hausarbeit immer so lange?

Und dann der Abwasch! Niemand bietet mir seine Hilfe an. Also bin ich nach jeder Mahlzeit dran!

 

Alle sind fasziniert von der Frage, was mit ELLA’S PINK LADY passiert, wenn ich schlafe. Das ist ein Thema, das uns in jahrelangen Recherchen beschäftigt hat. Ich fange lieber beim Anfang an, damit es auch jeder versteht. Sorry, wenn ich einige unter euch mit dem Einmaleins langweile.

Natürlich kann ich nicht die ganze Zeit selbst steuern. Also hat ELLA’S PINK LADY drei verschiedene Selbststeueranlagen: Zwei elektronische Autopiloten und Parker, die Fleming-Windsteueranlage, die im Heck befestigt ist. Letztere ist meine Favoritin. Anders als die anderen beiden, die eine Menge Energie verbrauchen, steuert Parker, indem seine Windfahne auf den Wind reagiert und entsprechend ein Ruderblatt am Heck ansteuert. Die Sache mit dem Energieverbrauch erkläre ich später.

Außerdem habe ich vier verschiedene Schiffswarnsysteme, die laute Alarmsignale von sich geben, wenn sich ein Schiff nähert. ELLA’S Navigationslichter und Radarreflektoren machen uns nachts für andere Schiffe besser sichtbar. Trotz der ganzen Ausrüstung lege ich niemals meinen Kopf aufs Kissen, um eine ganze Nacht durchzuschlafen. Wenn um uns herum viel passiert, dann genehmige ich mir ein 20-minütiges Nickerchen, kontrolliere dann kurz die Lage und gehe wieder schlafen. Wenn die Lage ruhig ist, dann schlafe ich auch 40 Minuten am Stück oder länger.

Es ist unglaublich, wie sehr ich mich schon an die Bewegungen von ELLA’S PINK LADY gewöhnt habe. Wenn der Wind ein wenig zunimmt, weckt mich das Geräusch auf. Wenn wir vom Kurs abkommen, flattern die Segel und wecken mich. Man muss sich ein wenig daran gewöhnen, aber ich glaube, dass ich auf diese Art und Weise den Schlaf bekomme, den ich brauche, um jedes Mal erfrischt aufzuwachen.

Bevor ich schlafen gehe, schalte ich zwei verschiedene Alarmsysteme ein, damit ich auf keinen Fall verschlafe. Ihr solltet hören, wie laut sie sind. Sie lassen mich immer noch jedes Mal aus der Haut fahren.

Die ganze Ausrüstung wirkt vielleicht ein bisschen übertrieben, doch wir wollten ja eine Weile hier draußen bleiben. Die Kollision hat uns gelehrt, dass es so etwas wie zu viel Vorsicht gar nicht geben kann.

 

 

Jessica Watsons Video-Tagebuch – Tag 5
JW Video diary Day 5.mp4

 

 

Ich weiß, dass sie überlebenswichtig waren und mein Leben in vielerlei Hinsicht erleichterten, aber ihr habt ja keine Ahnung, wie sehr ich die Alarmsysteme hasste. Ja, ich weiß, die Alternative könnte wesentlich schlimmer sein. Ich sollte für die technologische Hilfe zu meiner Sicherheit also dankbar sein. Aber es ist trotzdem schrecklich, von dem ohrenbetäubenden Kreischen eines Weckers aus seinem kostbaren Schlaf gerissen zu werden. Noch schlimmer allerdings ist der heulende AIS-Alarm, der mir ein Schiff in unserer Nähe signalisierte. Ich machte in meinen Telefonaten mit Mum und Dad oder Bruce ständig Scherze darüber, dass ich mit geplatzten Trommelfellen heimkehren würde. Glaubt mir, diese Alarmsignale sind ernsthaft laut!

 

Freitag, 23. Oktober 2009

Langsam

Es geht immer noch langsam voran, aber wir haben die 500-Seemeilen-Marke überschritten – ein kleiner Meilenstein. Wir haben die vergangene Nacht in der Nähe von Howard Island verbracht und sind dort mit weniger als einem Knoten umhergetrieben.

Doch als wir endlich wieder eine kleine Brise bekamen und die Sonne aufging, entstand ein sehr außergewöhnliches Bild.

Die See sah wie verglast aus, und die Sonne spiegelte sich darin. Wir nahmen etwas Fahrt auf, und es war, als würden wir auf einer Glasscheibe segeln.

Heute war ein eher normaler Tag. Ich spielte ein wenig mit den Kameras, holte etwas Schlaf nach und bewegte uns vorwärts. Ich beobachtete unseren Energieverbrauch, nahm meine Mahlzeiten ein, verrichtete die üblichen Aufräumarbeiten, hörte Musik (niemand beschwert sich über meinen Geschmack oder die Lautstärke!) und verschickte einige E-Mails. Das klingt vielleicht alles nicht sehr aufregend, doch ich bin glücklich und kann mir immer noch nicht vorstellen, mich hier draußen jemals zu langweilen. Es gibt immer etwas zu tun. Das Segeln um die Welt besteht natürlich nicht nur aus Action und Aufregung. Auch die stillen Tage gehören zu dem Törn, den ich gebucht habe.

 

Heute hatten wir noch keine Meeresbesucher. Es gab nur ELLA’S PINK LADY, mich und das weite Blau. Was könnte man sich mehr wünschen? Wie kommen ganz gut voran, laufen sechs Knoten unter Großsegel, Vorsegel und Stagsegel.

Sorry, aber ich muss mich heute etwas kürzer fassen, weil ich gleich am Funk erwartet werde.

 

Heutzutage wird Hochfrequenzfunk immer seltener genutzt, weil die moderne Satellitentechnik ihn weitgehend überflüssig macht. Aber in kritischen Situationen könnte das Funkgerät das einzige sein, das noch funktioniert. Wir hatten eines auf ELLA’S PINK LADY installiert, und ich beschäftigte mich gern damit. Ich fand es vor allem nachts ziemlich amüsant, wenn das Signal nicht so gut war.

Wenn es zu sehr rauschte und man sich kaum verstehen konnte, musste der Funker von Ten Coast (die Funkstation, mit der ich regelmäßig Kontakt hielt) aufgeben. Er sagte dann immer, er würde einfach meinen Blog lesen, um sicherzugehen, dass ich wohlauf bin. Man muss das Internet einfach lieben, oder?

 

Die meiste Zeit meiner Reise war ich überrascht darüber, wie gemütlich, heiter und heimisch ich mich an Bord fühlte. Es half sicher, dass mir ein Satellitentelefon, der Sprechfunk und das Internet zur Verfügung standen. So war da immer jemand am anderen Ende der Leitung, mit dem ich mündlich oder per E-Mail Kontakt aufnehmen konnte. Seit ich das erste Mal von dieser Reise geträumt hatte, war ich immer davon ausgegangen, dass die ersten Wochen zu den härtesten zählen würden. Jeder Einhandsegler, mit dem ich gesprochen hatte, hat mir wieder und wieder versichert, dass man nur die erste Woche überstehen müsste. Alles würde einfacher werden, wenn man sich an die Abläufe gewöhnt hätte. Ich wartete immer auf die Krise, aber sie kam nicht … jedenfalls noch nicht.

Das ruhige und entspannte Segeln half mir, mein Gefühl überschwänglicher Freude zu bewahren. Ich war so fröhlich wie eh und je. Ich hatte ganz sicher nicht das Gefühl, dass ich etwas auszustehen hatte. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich da draußen die Zeit meines Lebens verbracht habe. Und meine Laune steigerte sich noch angesichts der Tatsache, dass ich diese notorische Krisensituation offensichtlich umschifft hatte.

Was ich allerdings zugeben muss, ist, dass ich alle daheim sehr vermisste. Seit dem Moment des Ablegens wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich etwas zurückgelassen hatte, das ich brauchte. Es fühlte sich wie etwas Physisches an, wie ein Teil von mir. Ja, ich weiß, dass es sich etwas schnulzig anhört, aber ich kann es nicht besser beschreiben. Tatsächlich wurde ich dieses Gefühl während der gesamten Reise nicht los. Aber ich gewöhnte mich nach einer Weile daran.

 

Samstag, 24. Oktober 2009

Perfekte Bedingungen und Verpflegung

»Perfekt« ist das einzig wahre Wort für die Bedingungen hier draußen. Heute sind wir mit 6,5 Knoten und Kurs auf einen Wegpunkt unter Norfolk Island raumschots gesegelt. Der Wind nahm etwa auf 15 Knoten zu, und ich zog am Morgen mein erstes Reff ins Großsegel, um die Bewegungen des Bootes in Maßen und das Steuern mit Parker einfacher zu gestalten.

Es ist ein so wunderschöner Tag, dass ich den ganzen Morgen an Deck verbracht habe, um ihn zu genießen, ELLA’S PINK LADY beim Segeln zu beobachten und Musik zu hören. Kleine weiße Flecken durchzogen das Wasser, als wollten sie das schöne Blau schmücken. Stellt euch mal vor, jeder Tag wäre so wie heute! Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, würde es dann vielleicht doch langweilig werden.

 

Es hat eine Weile gedauert, aber ich denke, dass mich heute die Tragweite meiner Reise und die Ereignisse der letzten Monate eingeholt haben. Erstaunlicherweise haben mich diese Gedanken aber nicht entmutigt. Ich empfand Stolz auf die Menschen, die mir bis hierher geholfen hatten. Und ich fühlte mich fast überwältigt, dachte: »Wow, das ist es jetzt!« Es ist so viel besser, als ich es mir je erträumt hatte. Natürlich würde ich noch einiges durchzustehen haben, aber ich wusste, dass wir es schaffen konnten. Schritt für Schritt. Wir befinden uns gerade zwischen Lord Howe und Norfolk Island.

 

… Heute Abend werde ich mir eine Lammkeule von Easyfood (so lecker!) mit Kartoffelbrei und Spargel kochen … Ich melde mich für den Rest des Tages ab, um ihn noch ein wenig zu genießen und vielleicht ein kleines Bad mit Wassereimer im Cockpit zu nehmen …

 

Ich hatte die Erinnerung an meine letzte lange heiße Dusche nach sieben Tagen auf See schon fast vollständig verdrängt. Aber ich zelebrierte meine kleinen Bäder an Bord stilvoll. Zuerst packte ich immer alles Notwendige aus und arrangierte Flaschen und Tuben griffbereit an verschiedenen Plätzen im Cockpit. Dann füllte ich einen Eimer mit Salzwasser, schrubbte mich damit ab, schamponierte mein Haar zweimal, bis es im Salzwasser schäumte. Anschließend spülte ich es mit einer kostbaren Tasse Frischwasser aus. Nach der Prozedur setzte ich mich ins Cockpit und bürstete mein Haar im Wind (die ganz natürliche Fönvariante!).

Je nach Art des Tages und der Temperatur war mein Haar leicht kämmbar oder ziepte gehörig, wenn ich mich mit der Bürste durchkämpfte. Die Prozedur war in jedem Fall ein größeres Ereignis in meinem Bordalltag. Alle diese kleinen Dinge wie ein Bad oder eine Dusche, die wir an Land als Selbstverständlichkeit empfinden, werden auf See zur großen Sache. Ich hoffe, dass ich mir meine Dankbarkeit für den Luxus, den ich zu Hause nun wieder uneingeschränkt genießen kann, noch für eine Weile bewahre.

 

Um mit dem Druck vor meiner Abreise, den Vorbereitungen des Bootes, den Medienanfragen, dem Abarbeiten der Arbeitslisten und den vielen anderen Aufgaben klarzukommen, hatte ich die enorme Dimension der vor mir liegenden Reise verdrängt. Ich habe nie das große Bild betrachtet, sondern immer nur in kleinen Schritten operiert, die mich meinem Ziel näher brachten. Ich wusste, dass mich diese eingeschränkte Betrachtungsweise irgendwann einholen würde. Aber ich hatte mir überlegt, dass mich die tief greifende Erkenntnis lieber auf See treffen sollte, wenn ich abgelegt hatte und weit weg von den Menschen an Land sein würde. Ich erwartete immer noch die Krise, vor der mich so viele gewarnt hatten, doch sie kam ganz anders als erwartet.

Es war ein absolut perfekter Tag, und ich saß an Deck auf dem Dach der Kajüte, saugte den warmen Sonnenschein in mich auf, als mich urplötzlich eine Welle der Emotionen überrollte. Sie machte mich nicht traurig, doch ich begriff mit einem Mal, was vor mir lag. Ich war überwältigt, aber nicht, was ich eigentlich erwartet hatte, ängstlich oder niedergeschlagen. Ein Adrenalinstoß rauschte durch mich hindurch, der mich für den Rest des Tages in einen Zustand benommener Aufregung versetzte. Es war der Tag, an dem ich endlich begriff, dass mein Traum Realität geworden war.

 

Sonntag, 25. Oktober 2009

Die erste Woche und die Landmannschaft

Wir haben die erste Woche absolviert. Heute beginnt der achte Tag auf See. Ich habe gerade ein wenig nachgerechnet: Wir haben in einer Woche 740 Seemeilen geschafft, sind weiter gekommen, als ich es je für möglich gehalten hatte. Wenn man die Flautentage bedenkt, die wir zwischendurch hatten, ist das ein ziemlich gutes Ergebnis. Wenn überhaupt, dann sind wir sogar ein wenig unter der erwarteten Zeit geblieben. Doch das will ich zu einem so frühen Zeitpunkt meiner Reise lieber nicht zu sehr bejubeln!

Wir nähern uns Norfolk Island. Es scheint ein ganz interessanter Fleck Erde zu sein. Ich werde die Insel auf meine Liste von Orten setzen, an denen ich auf meiner nächsten Reise einen Zwischenstopp einlegen muss. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir die Tasmanische See abhaken können. Dann geht es weiter mit Kurs auf den Äquator.

 

Ich hätte euch vermutlich schon längst meine Landmannschaft vorstellen müssen. Wenn ihr mich fragt: Dieses Team ist einfach wundervoll! Es kümmert sich daheim um die nervigen Angelegenheiten, während ich hier draußen meinen Spaß habe. Ich stelle euch einige der Menschen vor, auf die ich mich jeden Tag verlasse und mit denen ich regelmäßig in Kontakt stehe. Es sind Menschen mit den unterschiedlichsten Talenten und Fähigkeiten. Und natürlich alle, die an ELLA’S PINK LADY mitgearbeitet haben, und alle unsere Sponsoren. Es geht um meine erweiterte Projektfamilie und euch alle, die ihr an mich und ELLA’S PINK LADY denkt. Ich bin hier draußen nicht allein.

Da ist zunächst mein Projektmanager Bruce (von dem ich euch schon erzählt habe). Bruce und seine Frau haben fast das ganze vergangene Jahr über für meine Weltumseglung gearbeitet. Sie waren schon lange großartige Freunde und für mich eine Quelle der Inspiration. Ich schätze Bruce’ ruhige »Wir-machen-das-schon«-Art. Mit Bruce bespreche ich das Leistungsvermögen des Bootes, die Wind- und Wetterbedingungen, potenziellen Schiffsverkehr und vieles mehr.

Bei meinem Vater (Roger) melde ich mich regelmäßig zweimal täglich zu vereinbarten Zeiten via Satellitentelefon. Mit ihm kann ich die kleinen Probleme besprechen. Ich halte ihn mit allen möglichen Dingen auf Trab. Es ist schön, mit meinem Vater zu sprechen, denn er berichtet mir von den Ereignissen zu Hause.

Dann sind da noch Scott und Andrew, die sich um viel mehr als nur mein Management und die Medien kümmern. Scott hilft mir im Umgang mit den Kamerasystemen und der Satellitenkommunikation. Andrew ist verantwortlich für meinen Blog, die Sponsoren und den gesamten Nachrichtenbereich.

Bob McDavitt (Botschafter von Neuseelands Meteorologischem Dienst) versorgt mich mit den Wettervorhersagen und der Routenplanung. Mit seiner Hilfe umschiffe ich die schlimmsten Tiefdruckzentren. Es gibt mir viel Selbstsicherheit, die Wetterbedingungen gut voraussehen zu können.

Schließlich ist da noch meine Mum (Julie). Sie hält mich darüber auf dem Laufenden, was der Rest der Welt treibt, leitet E-Mails an mich weiter und schickt mir Nachrichten, die für mich von Interesse sein könnten. Außerdem war sie es, die meine Provianttaschen gepackt hat. Wenn ich etwas nicht finden kann, dann ist sie diejenige, die ich anrufe.

 

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie wichtig es für mich war, ein so großartiges Team an meiner Seite zu wissen. Ohne dieses Team wäre ich niemals so weit gekommen. Es beruhigte mich enorm, einen solchen Rückhalt zu genießen. Ich wusste, dass Rat oder Rückversicherung nur ein Telefonat weit entfernt auf mich warteten. Alle Hinweise darauf, dass die Vorbereitung der wichtigste Teil meiner Reise sein würde, hatten sich längst als berechtigt erwiesen. Die Hilfe und die Ermutigung, die ich erhielt, hatten für den entscheidenden Unterschied gesorgt. Aber es waren ja beileibe nicht nur die hier erwähnten Menschen, dir mir halfen und die mich angetrieben haben. Kurz vor meiner Abreise hatten mich die Medien mit einer Welle positiver Berichterstattung überrascht. Als dann eine Flut von E-Mails und Kommentaren in meinem Blog einging, hatte ich das Gefühl, dass ganz Australien hinter mir stehen würde – eine atemberaubende Empfindung.

Zuvor hatte ich es eine ganze Weile lang sehr schwer. Die Stimmen, die sagten, ich solle oder dürfe die Reise nicht antreten, waren so unglaublich laut! Doch als ich Sydney verließ, änderte sich alles. Obwohl ich sicher war, dass es da draußen immer noch eine ganze Reihe Kritiker gab, schienen sie nicht mehr in der Mehrheit zu sein. Oder hatte ich vielleicht einfach nur damit aufgehört, auf sie zu achten?

Ich habe mich nahezu die ganze Zeit auf See nicht allein gefühlt. Natürlich gab es beängstigende Momente, und ich hatte alle körperliche Arbeit ohne Hilfe zu verrichten. Trotzdem habe ich in meinem Blog immer von »uns« geschrieben. Damit meinte ich nicht nur ELLA’S PINK LADY und mich. Genauso wie meine unmittelbare Landmannschaft gehörten für mich auch alle dazu, die beim Refit (und dem Re-Refit) von ELLA’S PINK LADY geholfen hatten. Und jeder Fan weltweit, der mich virtuell auf meiner Reise begleitet hat. Das mag vielleicht merkwürdig klingen, denn ich war ja so weit weg von allen. Aber trotzdem war diese ideelle Unterstützung für mich von entscheidender Bedeutung. Ich mag da draußen mit meiner Yacht allein gewesen sein, doch unbegleitet fühlte ich mich nie.

 

Ich kann und will aber auch nicht verschweigen, dass es durchaus Momente gab, in denen ich den Kontakt zur Außenwelt am liebsten ganz abgebrochen hätte, um einfach nur im Rhythmus der See zu leben, um meine Widerstandsfähigkeit noch ein wenig mehr zu testen. So wie Joshua Slocum es tun musste. Doch diese Momente waren selten. In diesen ersten Wochen telefonierte ich morgens und abends zu fest vereinbarten Zeiten entweder mit Mum oder Dad und mit Bruce. Manchmal war es nur ein kurzes Telefonat, in dem ich schnell einen Lagebricht durchgab und erzählte, wie es mir ging. Manchmal aber telefonierten wir auch länger. Es war mein Vater, der darauf bestanden hatte, so regelmäßig Kontakt zu halten. Und nach dem, was meine Eltern für mich getan hatten, wollte ich ihnen diesen Wunsch nicht abschlagen. Ich hoffte aber, dass ich die Zahl der Anrufe nach der Eingewöhnungsphase etwas reduzieren könnte. Das klingt vielleicht herzlos, aber anfangs habe ich diese Gespräche immer ein wenig gefürchtet, weil ich mir manchmal wie in einem Verhör vorkam. Ich war noch nicht lange genug unterwegs, um alle schrecklich zu vermissen. Das Segeln selbst ähnelte meinen schon zuvor unternommenen Törns. Also hatte ich weiter das Gefühl, mich auf gut beherrschbarem Terrain zu bewegen.

Natürlich will ich meine Eltern oder andere Menschen nicht dafür verurteilen, dass sie ganz genau wissen wollten, wie es mir ging. Aber mir ging es ja gut, und ich hatte nicht das Gefühl, dass wir die Details immer und immer wieder durchgehen müssten. Manchmal war mir einfach auch nicht nach einem Gespräch zumute (ich weiß, das entspricht nicht dem üblichen Verhaltensmuster eines Teenagers), an anderen Tagen konnte ich stundenlang schnattern, war an den kleinsten Details interessiert, die sich zu Hause zugetragen hatten. Sollte diese Widersprüchlichkeit meine Mutter oder meinen Vater genervt haben, so ließen sie es mich jedenfalls nie spüren.

 

Montag, 26. Oktober 2009

Tintenfisch an Deck

Als es heute Morgen hell wurde und ich meinen üblichen Kontrollrundgang machte, entdeckte ich viele kleine Tintenfische an Deck, die dort nach ihren Sprüngen aus dem Wasser in der vergangenen Nacht hängen geblieben waren. Einer von ihnen war gut 25 Zentimeter lang. Bei verschiedenen Arbeiten an Deck fand ich den ganzen Tag lang weitere kleine Tintenfische, die in den erstaunlichsten Ecken an Bord gelandet waren. Hoffentlich habe ich inzwischen wirklich alle gefunden. Wenn nicht, werde ich das in einigen Tagen am Gestank feststellen können.

Die Wetterbedingungen sind immer noch ziemlich ruhig. Wir hatten fast den ganzen Tag über 14 Knoten Wind von hinten und segeln mit konstanten fünf Knoten dahin.

Nach Absolvierung meiner vielen kleinen Pflichtaufgaben habe ich mich am Vormittag mit meinen E-Mails beschäftigt und gelesen. Ich habe mir noch einmal Kay Cottees Buch über ihre Nonstop-Weltumseglung gegriffen. Und natürlich Jesse Martins Buch »Lionheart«. Ich liebe es, meinen bisherigen Törn mit ihren Reisen zu vergleichen. Nachdem ich gelesen hatte, wie organisiert Kay Cottee die Haushaltsarbeiten im Rahmen ihrer Reise erledigt hatte, gelobte ich mir, mich in dieser Hinsicht zu bessern.

 

Ich hatte diese beiden Bücher über viele Jahre immer wieder gelesen. Doch je näher meine eigene Reise rückte, desto mehr erschienen mir viele Dinge, über die Jesse und Kay geschrieben hatten, in einem ganz neuen Licht. Jedes Mal, wenn ich eines ihrer Bücher las, reagierte ich anders oder lernte etwas Neues dazu. Ich hatte immer wieder das Gefühl, ich würde sie zum ersten Mal lesen. Nun bin ich Kay und Jesse nicht nur aufs Meer gefolgt, sondern habe auch mein eigenes Buch geschrieben. Das kommt mir sehr seltsam vor. Ich würde dem jungen Mädchen, das ich einmal war, liebend gern ins Ohr flüstern: Alles ist möglich. Doch tief in ihrem Inneren muss sie es damals schon gewusst haben. Denn sonst würdet ihr dieses Buch jetzt nicht in den Händen halten.

 

Heute Nachmittag habe ich mich damit beschäftigt, ein möglichst einfaches System (mithilfe des Spinnakerbaumes) zum Ausbäumen des Vorsegels zu entwickeln, um das Segeln mit achterlichen Winden (Winde von hinten) möglichst komfortabel zu gestalten.

Das Salzwasser war immer noch recht kalt, als ich mich am Morgen damit abgeschrubbt habe. Über uns entlud sich dabei eine Regenwolke, und so kam auch ELLA’S PINK LADY zu ihrer Dusche. Nun sind wir beide wieder frisch wie blühende Rosen. Es ist angenehm, für eine Weile das Salzwasser an Deck los zu sein. Der Wolkenbruch war ein Novum für uns, denn er brachte den ersten Regen dieser Reise.

Endlich entwickele ich auch ein wenig mehr Fantasie beim Kochen. Gestern Abend gab es Käsescones und eine herrlich cremige Suppe (meiner äußerst großzügigen Gabe von Sahne zu verdanken!). Am Morgen hatte ich mir ein Porridge mit einigen der letzten Früchte zubereitet. Zum Mittagessen gab es wieder Pasta, und für das heutige Abendessen plane ich ein Chili von Easyfood mit Bratkartoffeln.

 

Dienstag, 27. Oktober 2009

Norfolk Island passiert

Der geruhsame Bordalltag, an den ich mich inzwischen gewöhnt hatte, wurde heute ziemlich abrupt von 25 Knoten Wind unterbrochen. Eine kurze steile Welle machte das Leben an Bord nicht wirklich unbequem, aber im Vergleich zu den entspannten Tagen zuvor doch ein wenig ruppiger. Andererseits war es gut zu wissen, dass wir uns nun trotz zweier Reffs im Großsegel etwas schneller vorwärts bewegen würden, denn wir surften mit bis zu 8,5 Knoten Geschwindigkeit über die Wellen.

Am Morgen hatten wir endlich Norfolk Island passiert. Ich war erleichtert, denn ich hatte in der vergangenen Nacht aufgrund der Landnähe und des Schiffsverkehrs um uns herum nur wenig Schlaf bekommen. Jetzt geht es auf geradem nordöstlichen Kurs wieder etwas beständiger zu.

 

 

Jessica Watsons Video-Tagebuch – Tag 10
JW Video diary Day 10.mp4

 

 

Während wir Norfolk Island rundeten, entdeckte ich eine weitere Yacht und nahm via Funk kurz Kontakt zur Crew auf. Sie wollten Norfolk Island anlaufen und dann weiter nach Opua in Neuseeland. Ich sagte ihnen, dass ich mich auf einem Einhandtörn befände, doch ich glaube nicht, dass sie verstanden haben, dass ich mich auf einer Weltumseglung befand. Viel später erzählte mir Richard, der regelmäßig Kommentare in meinen Blog stellte, er wäre zufällig auf den Segelblog von Michael und Jackie Chapman gestoßen. Das waren die Leute, mit denen ich per Funk Kontakt hatte. Und sie beschrieben, wie klein und entschlossen ELLA’S PINK LADY auf sie gewirkt hatte, als wir dem Pazifik entgegenflogen, während alle anderen Yachten Ankerplätze anliefen, an denen sie vor den ungemütlichen Bedingungen und zunehmenden Winden Schutz suchten. Ich finde es fantastisch, dass die Chapmans die Entschlossenheit wahrgenommen haben, die ELLA’S PINK LADY und mich verbindet.

 

Heute Nachmittag ging es mir nicht so gut. Um mich selbst aufzuheitern, führte ich ein paar Telefonate, drehte die Musik auf, wusch meine Haare und putzte meine Zähne – lauter Dinge, die mich normalerweise in Bestlaune versetzen. Erst dann bemerkte ich, dass ich vergessen hatte, mich selbst zu füttern! Eine anständige Portion Bratkartoffeln später war ich wieder so fröhlich wie sonst auch.

Heute erlaubte der wolkenverhangene Himmel keinen farbenprächtigen Sonnenuntergang. Es wäre aber an Deck ohnehin zu nass gewesen, um ihn zu genießen.

 

Auf dieser ersten Etappe verspürte ich selten etwas anderes als Glück und Energie. Aber ich hatte auch meine traurigen und depressiven Momente. Ich versuchte, meinen Geist genauso zu warten wie ELLA’S PINK LADY. Ich arbeitete daran und tat alles in meiner Macht Stehende, um mich selbst und die Yacht in möglichst gutem Zustand zu bewahren.

In den seltenen Phasen, in denen mich doch eine düstere Stimmung übermannte und ich gereizt oder trübsinnig war, hatte ich das stets selbst verursacht. Ich war zu faul geworden und hatte mir nicht genügend Mühe gegeben. Wir hatten uns schon vor meiner Abreise intensiv um die Pflege meiner psychischen Verfassung gekümmert und entsprechende Strategien erarbeitet. Ich hatte mit Menschen wie Mike Perham, Jesse Martin und Don McIntyre darüber gesprochen und verstanden, dass der Erfolg meiner Reise von meiner mentalen Stärke mindestens ebenso abhängig sein würde wie vom Zustand des Rumpfes oder des Riggs meiner Yacht. Es gab glücklicherweise kaum Zeiten, in denen ich meine Stimmung nicht selbst wieder aufheitern konnte: mit Musik oder einfach, indem ich mich an Deck in den Wind stellte oder sonstige mir angenehme Dinge tat. Natürlich gab es Zeiten, in denen ich ernsthaft an meinen Launen arbeiten musste.

Das alles wurde in den Momenten schwieriger, wenn das Wetter schlechter wurde. Dann konnte ich mich nur noch anschnallen und das Schlimmste ausreiten. In solchen Zeiten versuchte ich, im Hier und Jetzt zu leben und meine Gedanken nicht vor mir davonlaufen zu lassen. Wenn gar nichts anderes mehr half, dann gab es immer noch … Schokolade!

 

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Nachts, kleine Gewohnheiten und weiter zum Äquator

Heute bin ich voller Energie, denn ich habe letzte Nacht gut geschlafen und am Morgen ein leckeres Frühstück mit reichlich Sahne zu mir genommen.

Die Wellen sind immer noch vergleichsweise hoch, aber länger und deshalb angenehmer. Gerade ist die Sonne herausgekommen, und ich stand draußen, um sie zu genießen. Wenn wir uns in einem Wellental befinden, dann kommt mir ELLA’S PINK LADY ein wenig klein und verloren vor, doch dann geht es wieder hinauf auf den nächsten Wellenkamm, verbunden mit der schönen Aussicht auf den Horizont. In diesem Moment fühle ich mich wie auf dem Gipfel der Welt, bevor uns die nächste Welle vor sich herschiebt.

Der Wind hat über Nacht ein wenig nachgelassen, nachdem er gestern mit 25 Knoten blies. Heute Morgen haben wir perfekte 15 Knoten, die uns raumschots vorwärtsbringen. Wir holen das Beste aus dem Wind heraus und sind begeistert, so gut voranzukommen. Die Tasmanische See liegt nun hinter uns, und ich freue mich schon sehr auf die Ankunft am Äquator. Ich werde ihn zum ersten Mal kreuzen und schätze, dass es sehr aufregend sein wird.

 

Ich habe heute über einige meiner neuen Angewohnheiten an Bord nachgedacht. So sitze ich beispielsweise jeden Morgen auf dem Kajütdach, um mir die Zähne zu putzen. Ich habe immer eine Tüte Bonbons oder Nüsse neben mir liegen, wenn ich am Rechner arbeite. Ich liege immer mit Rettungsleine, Schwimmweste und Overall in meinem Schlafsack, habe beim Schlafen ein Messer in meiner Tasche und trage eine Kopflampe um meinen Hals. Das klingt vielleicht ein bisschen ungemütlich, aber mir beschert es einen besseren Schlaf, wenn ich weiß, dass ich in weniger als ein paar Sekunden eingeklinkt im Cockpit sein kann.

 

In meinem Blog haben sich einige Leute danach erkundigt, wie die Nächte hier draußen sind. Also will ich versuchen, sie zu beschreiben. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen eine Gänsehaut bei der Vorstellung bekommen, dass sie selbst allein hier draußen wären. Die meisten stellen es sich vermutlich so wie eine einsame und unheimliche Nacht an einem verlassenen Ort am Stadtrand vor. Aber so ist es überhaupt nicht. Zum einen sind da die konstanten Geräusche und Bewegungen des Bootes. Und dann leisten uns noch Wind und Wellen Gesellschaft. In klaren Nächten sind die Sterne einfach umwerfend, doch die wolkenverhangenen Nächte liebe ich fast genauso sehr. Dann stehe ich geschützt hinter dem Dodger und erfühle, wie ELLA’S PINK LADY durch die See pflügt, ohne genau zu wissen, was als Nächstes kommt.

 

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich kaum glauben, dass die Tasmanische See bereits hinter uns lag. Nach so vielen Jahren der teilweise irrsinnig langsam voranschreitenden Vorbereitungen schien die Zeit nun zu fliegen. Mir war klar, dass die Reise noch lang sein würde und dass ich erst einen kleinen Schritt in Richtung von etwas viel Größerem gemacht hatte, doch in all den vielen Jahren war mir die Überquerung der Tasmanischen See als eine so große Leistung erschienen. Auch wenn sie nur eines der kleineren Meere war, die wir durchqueren würden, so war sie doch ein Meer.

ELLA’S PINK LADY hat es praktisch im Alleingang geschafft – es ist ihr Verdienst. Es war leicht für mich, meine fröhliche Stimmung zu bewahren, weil alles so gut lief und ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine wirklichen Herausforderungen zu bewältigen hatte. Bis es dazu kam, bestand meine schwerste Prüfung darin, meinen Geist fit zu halten. Was sich nicht wirklich als Problem erwies.

 

Samstag, 31. Oktober 2009

Die Zeit meines Lebens

Wir haben es immer noch mit ziemlich rauer See zu tun, aber wir lieben es und kommen gut voran. Ich vermisse den Sonnenschein ein wenig, doch auch die vielen verschiedenen Grauschattierungen ergeben schöne Bilder. Es sieht so aus, als würden wir noch einige Tage auf diesem Kurs segeln, während der Wind langsam auf Südost dreht. Vor uns liegen die Weiten des leeren Ozeans, bevor wir einige Inseln und Riffe unterhalb von Fidschi und Samoa passieren werden.

Das Leben an Bord ist einfach. Viele kleine Dinge füllen den Tag. Doch wenn die See rauer wird, dann kann auch die leichteste Aufgabe zum Abenteuer werden. Die einfachen Dinge machten mich mehr als glücklich: Essen, Gespräche mit Familie und Freunden zu Hause, das Einzeichnen unserer Positionen, um unsere täglichen Fortschritte festzuhalten, Musik und das Beobachten der Sonnenuntergänge zählen zu meinen Höhepunkten. Natürlich vermisse ich meine Lieben daheim in Australien, aber in Wirklichkeit verbringe ich hier draußen die Zeit meines Lebens. Also her mit der nächsten Herausforderung!

 

Der Platz hinter dem Dodger mit einem Fuß auf jeder Seite des Cockpits war mein liebster. So konnte ich die Balance gut halten und war gleichzeitig vor den heftigsten Wellen geschützt. In meinem Gesicht konnte ich die Brise spüren, der Wind fuhr durch mein Haar – so beobachtete ich ELLA’S PINK LADY gern, wenn sie die Wellen auf- und absegelte. Ich sang laut mit, wenn ich Musik hörte, und musste mir nie darüber Gedanken machen, ob es vielleicht komplett lächerlich klang. Da war niemand außer Vögeln, dem ein oder anderen Tintenfisch an Deck oder Delfinen.

Während Missy Higgins oder Powderfinger aus den Boxen dröhnten, kein Land in Sicht war und nur der Horizont nach mir rief, fühlte ich mich so lebendig und total beschwingt. Zu Hause wird man leicht blind für das Leben, wenn man sich immer nur auf den nächsten Schritt konzentriert und darüber vergisst, den Moment zu genießen. An Bord von ELLA’S PINK LADY zählte immer nur der Augenblick. Für mich war es eine große Lehre, die ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen möchte.

Es war wirklich meine eigene Welt. Die Zeit hatte hier draußen eine andere Bedeutung. Während ich ostwärts in eine andere Zeitzone segelte, hatte ich zu meiner eigenen Verwirrung vier verschiedene Uhren an Bord, die jeweils eine andere Zeitzone anzeigten. Doch für mich zählte nur das, was ich fortan ELLA’S PINK LADY-Zeit nannte.

Ich schlief nachts immer weniger, dafür mehr am Morgen. Ich aß, wenn ich Lust dazu hatte. Dass ich alles selbst entscheiden konnte, gab mir ein Gefühl der Freiheit. Ich entschied, wann ich aß, wann ich duschte, wann ich las, einfach alles. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung, ein weiterer Aspekt meiner eigenen kleinen Welt …, und ich kann euch versichern: Das gefiel mir sehr.

Die ultimative Macht in meiner neuen Welt jedoch hatte nicht ich oder sonst wer, sondern das Wetter. Ich war sein Sklave. Aber obwohl ich damit manchmal zu kämpfen hatte, war es letztendlich doch genau der entscheidende Grund, warum ich überhaupt hier war. Ich wollte bis an meine Grenzen gezwungen werden. Ich wollte meine Stärken suchen und finden müssen, die mich durch die schlechten Zeiten begleiten würden. Wenn es immer nur Sonntagssegeln gäbe, würde mir das nicht gelingen.

 

Sonntag, 1. November 2009

Eine neue Provianttasche, eine neue Karte und die letzte Orange

So, das war’s jetzt mit dem letzten Stück Obst. Ich habe gerade meine letzte Orange genossen und werde sie ganz sicher vermissen! Heute habe ich außerdem meine erste neue Provianttasche angebrochen. Eine Tasche reicht für etwa 14 Tage. Es fühlte sich wie ein kleiner Meilenstein an. Ich freue mich schon auf das Abendessen, denn ich habe heute die große Auswahl unter allen Mahlzeiten. Am Ende der Woche werden dann alle leckeren Sachen alle sein. Mir bleibt dann nur noch die zweite Wahl.

Heute sind wir nur langsam vorangekommen, denn der Wind ist in der vergangenen Nacht für eine Weile nahezu gänzlich eingeschlafen, um dann zu drehen. Seit heute Morgen weht er ELLA’S PINK LADY von vorn auf die Nase.

Aber wir schaffen immer noch regelmäßig unsere Seemeilen und nähern uns dem Rand unserer Seekarte. Also habe ich eine neue Karte herausgeholt und den Nachmittag mit ihrem Studium verbracht. Ich betrachtete die Reviere, in die wir segeln würden, und wusste, dass wir nun tatsächlich in unbekannte Gewässer vorstießen. Ich bin nie zuvor so weit nach Osten gesegelt. Alles wird neu und aufregend sein!

Im Moment ärgere ich mich gerade über mich selbst. Ich dachte, die Bedingungen wären ruhig genug, um eine Decksluke zu öffnen, wurde aber von einer überkommenden Welle umgehend eines Besseren belehrt. Das Wasser war in die Kabine geströmt. Jetzt hängen dort ein paar von Salzwasser durchtränkte Klamotten, die aber glücklicherweise schnell wieder trocknen.

 

Nun muss ich mich abmelden, denn ich habe einen wagemutigen, geradezu draufgängerischen und vielleicht sogar ein wenig tollkühnen Plan: Ich werde die Tasche mit dem Aufkleber »Schularbeiten« öffnen!

Ihr könnt mich ruhig melodramatisch nennen, aber wünscht mir wenigstens Glück für dieses Unterfangen!

 

Montag, 2. November 2009

Alles ist gut – ein hektischer Tag

Ich hatte heute einen ziemlich hektischen Tag. Mir ist die Zeit ein wenig davongelaufen, deshalb fasse ich mich an dieser Stelle kurz. Ich wollte euch nur wissen lassen, dass es mir gut geht. Wirklich mehr als gut, denn wir kommen hier draußen einfach wunderbar klar. Ich liebe jeden Moment!

Der Wind hat sich auf 15 Knoten aus Südost eingependelt, und wir segeln einen spitzen Raumschotskurs (etwa 80 Grad am Wind), arbeiten uns mühsam mit sechs Knoten Geschwindigkeit voran. Nachdem wir das Minerva-Riff (unter Tonga und Fidschi) passiert hatten, sahen wir auch ein paar Yachten, die in einiger Entfernung an uns vorbeizogen. Ihre Anwesenheit hat mich zu äußerster Wachsamkeit an Deck gezwungen. Außerdem habe ich wieder die Karten und die Wettervorhersagen studiert, mit einigen Leuten via Satellitentelefon gesprochen, ein wenig aufgeräumt und Wartungsarbeiten erledigt.

 

Dienstag, 3. November 2009

Ein ruhiger Tag, Kommunikation und die Website

Der heutige Tag war ruhiger, fast ein bisschen zu ruhig. Für die meiste Zeit hatte sich der Wind abgemeldet. Wenn wir überhaupt vorankamen, dann war das eher der Strömung als irgendetwas anderem zu verdanken. Doch die Brise kommt gerade zurück, und schon geht es wieder los. Die Kriecherei heute hat mich ein wenig frustriert, also habe ich noch einige Hausaufgaben erledigt und dann die Angelleine ausgeworfen.

Ich fing nichts, aber es gibt ja immer ein Morgen. Ich hatte auch nicht viel Glück mit den Schularbeiten. Nachdem ich meine erste Aufgabe gelöst und weggeschickt hatte, musste ich erfahren, dass ich die falsche Tasche geöffnet und aus Versehen eine Aufgabe aus dem nächsten Schuljahr gelöst hatte. Oups!

 

Ich schickte meiner Mutter eine E-Mail mit der Betreffzeile »Siehst du! Ich habe es dir doch gesagt!!! Schularbeiten!« und fügte meine absolvierte Englischlerneinheit als Anhang bei. Ich hatte vor allem daran gearbeitet, um meinen Kritikern zu beweisen, dass ich es schaffen würde. Die meisten hatten vor meiner Abreise gespottet und erklärt, dass ich auf See nichts auf die Reihe bekommen würde, als ich plante, einige Schulaufgaben mitzunehmen. Ich fühlte mich ziemlich gut nach der ersten absolvierten Einheit – bis Mamas Antwort kam …

 

Hi Jess,

Es tut mir leid, das zu sagen, aber … diese Aufgaben waren für das nächste Jahr gedacht!

Aber bitte mach einfach weiter, denn vielleicht wirst du es ja im kommenden Jahr gar nicht mehr machen wollen!

Ich werde die Unterlagen für dieses Jahr suchen und sie dir schicken.

Alles Liebe

Mama

(Es tut mir so leid, meine ärmste Jess!)

 

Das war so typisch! Hier saß ich nun und dachte, ich hätte fleißig gearbeitet, und dann stellt sich heraus, dass ich nicht einmal das richtige Jahr erwischt hatte! Nach normalen Maßstäben wäre ich jetzt in der elften Klasse, meinem vorletzten Jahr auf der Schule. Doch angesichts der Vollzeitvorbereitungen auf meine Reise war die Schule in den Hintergrund gerückt. Ich lag ziemlich weit zurück und hatte die Versetzung kurz vor meiner Abreise nur knapp geschafft. Ich hatte mir die Schularbeiten aber nicht nur mitgenommen, um nicht noch weiter zurückzufallen. Ich dachte auch, sie könnten mir in ruhigeren Zeiten eine Möglichkeit bieten, mein Hirn auf Trab zu halten.

Rückblickend habe ich während der Reise in etwa den Englischstoff eines Schulhalbjahres geschafft. Das ist nicht viel, aber genügend, um den Nörglern zu beweisen, dass ich etwas getan hatte.

 

Zur Aufheiterung gönnte ich mir Rühreier zum Mittagessen, die aus Trockenei und Sahne gemacht werden und echt lecker schmecken. Ich muss die einfach öfter haben! Trockenei ist nicht gerade etwas, das man in jedem Supermarkt kaufen kann. Doch die Leidenschaft meiner Mutter auf der Suche danach hatte sich gelohnt.

In der vergangenen Nacht hatte ich meinen Schlafsack ins Cockpit bugsiert und ein wenig Schlaf im Schein des Vollmondes bekommen. Es sah sehr hübsch aus, wie der Mond die Wellen zum Glitzern brachte und unsere Segel erleuchtete. Ich muss mich immer daran erinnern, die momentanen Bedingungen zu genießen, die sich auf dem Weg nach Süden und ins Südpolarmeer ganz sicher ändern werden.

Gestern überkam mich ein großes Verlangen nach Käse, doch ich konnte keinen finden. Also rief ich meine Mutter an, um sie zu fragen, ob sie wüsste, wo er versteckt sein könnte. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter sich gerade in Melbourne mit Jesse Martin und seiner Mutter Louise zum Mittagessen traf. Mein kurzer Anruf aus einem so unwichtigen Grund wie Käse machte den Unterschied zwischen Jesses und meiner Reise ganz deutlich. Als er damals um die Welt segelte, waren Satellitentelefonate so teuer, dass sie fast ausschließlich Notrufen vorbehalten blieben. Und Jesse hatte ganz sicher auch keinen Luxusproviant wie Käse bei sich! Aber egal, sie haben alle herzlich auf meine Kosten gelacht, und es klang, als würden sie sich glänzend amüsieren.

 

Hier kommt mein Rezept für Rührei à la ELLA’S PINK LADY. Ich weiß schon, dass es recht einfach ist, doch für mich war es immer ein gutes Trostessen, das die gewünschte Wirkung nie verfehlte.

Für 2 Personen (oder einen hungrigen Segler)

 

4 Eier (ich nahm Trockenei)

¼ Tasse Milch oder Sahne (ich wählte möglichst Sahne)

15 Gramm Butter

 

1. Eier und Milch mischen und verquirlen.

2. Butter in der Pfanne schmelzen lassen, die Eimasse hinzufügen und auf kleiner Flamme stocken lassen.

3. Mit getrockneter Petersilie garnieren.

 

Mittwoch, 4. November 2009

Ruhe, Entspannung und Lesen

Nachdem mein Schlaf in letzter Zeit oft rüde unterbrochen worden war, fühlte sich mein Kopf heute Morgen an, als wäre er mit Watte vollgestopft. Also habe ich fast den ganzen Tag in meiner Koje verbracht, gelesen, gedöst und nur hin und wieder den Kopf aus dem Niedergang gesteckt, um Ausschau zu halten und die Segel zu trimmen. Die Ruhe und die Entspannung haben mir gut getan. Am Abend fühlte ich mich wieder voller Energie, hörte Musik und beobachtete von Deck aus die Grauschattierungen dabei, wie sie orange- und rosafarbene Farbtöne annahmen.

Weil es tagsüber keinen Sonnenschein gab, hatten wir einen Stromabfall zu verzeichnen, waren aber trotzdem gut vorangekommen. In den konstanten südöstlichen Winden hatte ELLA’S PINK LADY unter vollen Segeln gute Fahrt gemacht.

 

Einige Leute haben in meinem Blog angemerkt, dass es schön sein müsste, auf See hin und wieder andere Yachten zu treffen. Ich kann das aus meiner Sicht nicht wirklich bestätigen.

Es ist ganz nett, mit ihnen über Funk zu sprechen und herauszufinden, wo sie herkommen und wo sie hinsegeln. Aber ich fühle mich nur dann so richtig wohl, wenn ELLA’S PINK LADY und ich das Meer ganz für uns allein haben. Jedes Stückchen Land, das am Horizont auftaucht, legt sich wie ein schweres Gewicht auf mein Gemüt, löst fast klaustrophobische Gefühle in mir aus.

Die Wettervorhersage hat weiter konstanten Wind für die kommenden Tage versprochen. Auf unserem weiteren Kurs nach Norden würden wir es dann auch mit einigen tropischen Wolkenbrüchen zu tun bekommen. Ich sehe mehr und mehr Fliegende Fische aus dem Wasser springen und habe angefangen, die letzten Seemeilen bis zum Äquator zu zählen.

 

Das war’s für heute. Mein Magen hat mich gerade daran erinnert, dass es Zeit ist, mir ein Abendessen zuzubereiten. Ich habe an Tacos (oder sollte ich sie lieber Nachos nennen, weil sie so zerkrümelt sind?) mit gefriergetrocknetem Hack gedacht, dazu Tomaten und Paprika aus der Dose.

 

Donnerstag, 5. November 2009

Nass, schaukelig und – Kuchen!

In bewegter See und fliegendem Wasser fühlt sich an Bord mittlerweile alles ziemlich salzig an. Jedes Mal, wenn ich von Deck komme, scheine ich einige Ladungen Wasser mitzubringen. Außerdem haben sich – trotz aller unserer Bemühungen, sie zu finden und abzudichten – ein paar Lecks bemerkbar gemacht. Solche Lecks sind keinesfalls gefährlich, aber eben auch nicht gerade hilfreich im Kampf gegen Salz und Feuchtigkeit. Also habe ich ein bisschen mit einer Dichtmasse herumgespielt. Es sieht so aus (drückt mir die Daumen!), als ob ich einige der Lecks verschließen konnte.

 

Heute Morgen sind wir nahe an einem anderen Boot vorbeigesegelt, aber ich konnte es durch den Regen nicht sehen. Ich vergrößerte die Segelfläche, als der Wind langsam nachließ, und verkleinerte sie wieder, als er auf 20 Knoten anstieg. Im Moment machen wir angenehme sechs Knoten Fahrt, haben heute die 2000-Seemeilen-Marke passiert. Ich schätze, dass es noch 16 Tage bis zum Äquator sind. Aber das muss nicht so sein, denn in den kommenden Wochen wird alles vom Wetter abhängen.

Am Nachmittag hatte ich ein bisschen Spaß in der Pantry, denn ich habe uns kleine Schokoladenkuchen gebacken. Das war ein ziemliches Abenteuer, denn während ELLA’S PINK LADY durch die Wellen rockte, flogen die Zutaten und die Backmischung durch die Gegend. Das Leben wäre ja so viel einfacher mit einem dritten Arm! Am Ende gelang mir die Mischung, mal abgesehen von der Menge, die in meinem Gesicht klebte (vielleicht sollte ich nach meiner Rückkehr eine Karriere als Jongleurin in Erwägung ziehen?).

Inzwischen sind die Muffins alle gebacken und duften köstlich. Kommen wir nun also zum lustigen Teil: Zuckerguss & Dekoration!

 

Am Freitag hatten wir ein wenig mehr Wind, aber es war dennoch ein ganz normaler Tag, bis sich Parker gegen Mittag weigerte, einen geraden Kurs zu steuern. Ich zog meine Schwimmweste über, klinkte mich ein und beugte mich über das Heck, um das Problem zu lokalisieren. Nach einer ersten kurzen Inspektion war ich ratlos, weil alles an seinem Platz zu sein schien. Doch nach eingehender Überprüfung entdeckte ich, dass sich einer der kleinen Sicherungsringe (eine Art Befestigungsklammer) gelöst hatte, der die Hauptantriebswelle der Selbststeueranlage mit der Windfahne verband.

Nachdem ich eine Weile in meiner Kiste mit Ersatzteilen für die Selbststeueranlage gewühlt hatte, stellte ich fest, dass ich fast alles, aber keinen passenden Ersatzring dabeihatte.

Um uns zumindest kurzfristig weitersegeln zu lassen, band ich das ganze Ding mit einem Stück Schnur zusammen, die ich zur Verstärkung mit Klebeband umwickelte.

Anschließend rief ich Bruce an, um ihm von dem Vorfall zu berichten. Bruce wollte sich umgehend mit Phil darüber beraten, wie wir die Sache dauerhafter in den Griff bekommen könnten. Im Moment war es nur ein kleines Problem, doch ich machte mir Sorgen, weil ich mich so sehr auf Parker verließ. Ich wusste, dass es Probleme mit den Autopiloten waren, die schon Mike gestoppt hatten. Ein ähnliches Problem (ein fehlender Bolzen) hatte auch David Dicks Traum von der Weltumseglung ohne Hilfe von außen platzen lassen. Die mechanische Selbststeueranlage war einer der wenigen Ausrüstungsgegenstände an Bord, die ich nicht ersetzen konnte. Ich hätte nicht genügend Diesel, um ausreichend Strom für den ausschließlichen Betrieb mit den elektronischen Autopiloten zu produzieren.

In den kommenden Stunden stellte ich mir die schlimmsten Szenarien vor, ließ aber schließlich davon ab und hoffte, dass meine Reparatur halten würde. Am Ende ging alles gut. Ich habe die Schnur tatsächlich nie ersetzt. Der zuverlässige Parker hat uns trotz seiner handgestrickten Reparatur mittels Klebeband sicher durchs Südpolarmeer gesteuert. Dieses Klebeband ist wirklich eine absolut faszinierende Allzweckwaffe.

 

Samstag, 7. November 2009

Segeln in den Passatwinden

Ich bin begeistert von ELLA’S Leistungsvermögen. Wir haben in den vergangenen Tagen Meile um Meile gemacht. Der Wind bläst mit 20 bis 25 Knoten aus südöstlicher Richtung – das Segeln in den Passatwinden ist herrlich, obwohl die Sonne zuletzt eher geizig mit ihren Strahlen umgegangen ist.

Wir haben inzwischen gute Fortschritte in Richtung Norden gemacht. Das GPS bezeugt, dass wir bis zum Äquator nur noch gut ein Dutzend Breitengrade passieren müssen.

Langsam wird es ziemlich warm unter Deck, doch angesichts der Wassermengen über Deck kann ich keinen Gedanken daran verschwenden, die Luken zu öffnen.

Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass das alles noch nichts im Vergleich zu dem ist, was uns in den kommenden Wochen bevorsteht.

Ich habe mich mit leichten Kopfschmerzen, freiem Seeraum und einem Buch in meine Koje gekuschelt. Es war ein Tag, an dem ELLA’S PINK LADY meine Aufmerksamkeit kaum benötigte. Abgesehen von dem ein oder anderen Vogel und ein paar Fliegenden Fischen, hatten wir keine Besucher. Auch beim Angeln hatte ich noch kein Glück. Ich muss vielleicht hinzufügen, dass wir gerade den Tongagraben überquert haben, der zu den tiefsten Gewässern der Welt zählt. Vielleicht ist es kein optimales Revier zum Angeln? Ich werde es einfach weiter versuchen müssen!

 

Die wolkenverhangenen Himmel haben mir einige dunkle Nächte beschert, in denen sowohl der Himmel als auch das Meer so pechschwarz waren, dass man sie nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Es ist dann Glückssache, ob ich beim Blick über den Dodger eine Ladung Gischt ins Gesicht bekomme oder nicht. Aber ich kann nicht behaupten, dass es mich wirklich stört, wenn mich eine der Wellen erwischt. Normalerweise lache ich dabei oder kreische ein wenig. Und das sogar, wenn ich noch halb verschlafen bin! Alles läuft gut. Wenn wir unsere Geschwindigkeit halten können, werden wir Samoa in den nächsten paar Tagen passieren. Von dort aus sollte es in einem Rutsch zum Äquator gehen.

 

Sonntag, 8. November 2009

Leicht verspäteter Sonntagsblog

Der heutige Tag glich dem gestrigen. Gerade habe ich wieder eine unfreiwillige Salzwasserdusche genommen und meine kleinen Lüfter angeschaltet, um die Feuchtigkeit wieder zu verscheuchen. Aber ich schätze, dass ich einfach werde lernen müssen, mit diesem Zustand zu leben.

Meinen Schlafsack habe ich inzwischen sicher weggestaut. Meine Uniform wird wohl für eine ganze Weile aus einem Top und einem Sarong bestehen. Das ist Segeln in den Tropen! Zum Frühstück bevorzuge ich nun Müsli statt Porridge (aber immer noch mit einer Extraportion Sahne, dazu getrocknete Früchte und Honig).

 

Letzte Nacht hat der Wind auf 30 Knoten zugenommen. Mein Leben an Bord ist also immer noch schaukelig, denn wir segeln am Wind. Es ist ein bisschen frustrierend, dass immer wieder Wasser übers Deck wäscht. Andauernd entdecke ich neue Sachen, die nass und salzig sind. Aber ich muss nur ins Log schauen und kann wieder lächeln: Wir kommen gut voran. Es sind nur noch etwa 1200 Seemeilen bis zum Äquator!

 

Ich sprach mit meinem Bruder Tom, der am Wochenende mit seinen Freunden wandern war. Dabei überkam mich eine unbändige Lust, die eigenen Beine bei einem langen Spaziergang zu bewegen. Ich hatte bis dahin gar nicht gemerkt, wie sehr ich meine Spaziergänge oder das Joggen am Strand vermisste. Mein tägliches Stretching und die paar Übungen an Bord sind einfach kein Ersatz dafür. Es ist komisch, dass ich niemals darüber nachgedacht habe, wie sehr ich etwas so Normales wie einen Spaziergang vermissen könnte. Das kommt einem erst in den Sinn, wenn man es nicht mehr tun kann. Und es erinnert mich an die vielen glücklichen Leute an Land. Ich hoffe, ihr macht alle das Beste aus euren Sonntagnachmittagen und unternehmt lange Spaziergänge!

 

Montag, 9. November 2009

Ein belebter Tag und viel Wasser

Ich komme gerade von Deck, nachdem ich meine Angelleine wieder einmal ausgeworfen habe. Noch habe ich nichts gefangen, aber die Köder weisen Bissspuren auf. Also wurde immerhin daran geknabbert.

Na ja, vielleicht sind Bissspuren nicht das richtige Wort! Ich habe mich entschlossen, lieber nicht so genau darüber nachzudenken, was die großen Zahnabdrücke hinterlassen hat. Aber ich bin sicher, dass es nicht ganz so dramatisch war, wie meine Fantasie es mir weismachen möchte.

Es sieht ganz nach einer weiteren dunklen Nacht hier draußen aus. Es ist wärmer denn je, aber mir geht es nach einem ausgelasteten und produktiven Tag bestens. Seegang und Wind haben heute Morgen etwas nachgelassen, und die Sonne kam heraus. Ich war schon früh auf und nahm in bester Laune einige Jobs an Deck in Angriff, die ich in den vergangenen Tagen wegen der rauen Bedingungen immer wieder verschoben hatte. Ich arbeitete mich durch meine kleine Wartungsliste und bedachte ELLA’S PINK LADY mit einer gründlichen Generalüberprüfung, wobei ich insbesondere die Ausrüstung im Visier hatte, die von Verschleiß betroffen sein könnte.

Der Wind nahm noch weiter ab und ließ uns etwas ungemütlich in der langen Dünung auf- und abschaukeln. Wir kamen kaum noch voran. Doch bevor es zu frustrierend wurde, kam eine dicke Regenwolke vorbei und verschaffte uns eine Dusche mit Frischwasser. Regen klingt oftmals nicht nach einem Grund zur Freude, doch ich fühlte mich wie im siebten Himmel.

Mit der Hilfe des Großsegels und der kleinen Rinnen, die wir in weiser Voraussicht in den Dodger eingebaut hatten, konnte ich genügend Wasser sammeln, um die Wassertanks und die leeren Wasserbehälter aufzufüllen. Mich selbst schrubbte ich auch gleich noch ab – herrlich! Am Ende hatte ich mehr Wasser, als ich brauchte. Auch dann noch, als ich alle meine Klamotten gewaschen hatte. Also entschied ich mich für einen Großeinsatz unter Deck und polierte sämtliche Oberflächen gründlichst. Ich drehte die Musik dabei auf und genoss die etwas kühleren Temperaturen, die mir der Regen beschert hatte. Ich glaube, dass ich noch nie so etwas Positives über Hausarbeit von mir gegeben habe! Putzen und Waschen habe ich bisher noch nie gemocht – egal in welcher Form.

Bin ich hier draußen nun also doch etwas verrückt geworden? In jedem Fall war es eine sehr gute Übung für mich.

 

Das bringt uns zu einem Thema, über das ich bislang nur wenig gesprochen habe: Wasser.

Wie ich an Bord zu Frischwasser komme? Ob ihr es glaubt oder nicht: Neben dem gesamten Proviant trägt ELLA’S PINK LADY auch so ziemlich alles Frischwasser an Bord, das ich brauche. Es ist vermutlich schwer nachzuvollziehen, aber ich nutze Frischwasser nur zum Kochen und zum Trinken. Und ich bin ja die Einzige an Bord. Außerdem verlasse ich mich darauf, die Tanks in den gewitterschweren Wolkenbrüchen einige Male auffüllen zu können, bevor ich die Tropen wieder verlasse und auf südlichen Kurs gehe. Für Notfälle gibt es an Bord von ELLA’S PINK LADY auch einen kleinen Handentsalzer, doch wenn ich an die Wassermengen denke, die ich heute so einfach auffangen konnte, werde ich den wohl nie brauchen.

 

Am Abend kam eine weitere Regenfront durch, schickte uns noch mehr Wasser und machte das Leben mit grollendem Donner, ein paar heftigen Böen und wahllosen Winddrehern interessant. ELLA’S PINK LADY nahm die Aufregung gelassen. Im Vergleich zu den ernsthaften tropischen Gewittern, die wir sicher bald erleben würden, kam dieser kleine Lufthauch eher im Gewand eines flauschigen weißen Wölkchens daher.

Momentan segeln wir in einer freundlichen 15-Knoten-Brise. Dank der entspannten Bedingungen am heutigen Morgen hat sich auch die See beruhigt. ELLA’S PINK LADY fliegt raumschots voran, ohne dass sich ihr eine dieser nassen, buckeligen Wellen in den Weg stellt. Ich habe gerade einen Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige geworfen – wir segeln mit konstanten sieben Knoten. Ich würde mehr davon nicht ablehnen, doch die Windvorhersage hat bereits die nächste Flaute angekündigt.

Es dürfte also in den kommenden Tagen schwierig werden, nennenswerte Fortschritte zu machen.

 

Das war’s für heute von mir. Ich mache mir jetzt eine Dose Mandarinen auf und werde mir eine doppelte Portion Sahne dazu genehmigen!

 

Dienstag, 10. November 2009

Langsam, aber sicher zum Äquator!

Heute war ein flauer Tag. Ich habe am Morgen selbst gesteuert und gewendet, um das Beste aus dem Windhauch zu machen, der hier und da wehte. Um mich vor der Sonne zu schützen, trage ich einen großen Strohhut, reichlich Sonnencreme (natürlich von Ella Baché!), meine Sonnenbrille und einen Sarong. Der Platz an der Pinne ist der beste, weil mich hier die leichte Brise ein wenig erfrischt.

Parker, die Fleming-Windsteueranlage, steuert hervorragend. Meistens viel besser als ich selbst. Aber wenn der Wind auf unter fünf Knoten abnimmt, dann versagt sogar der arme alte Parker den Dienst. Heute Nachmittag wurde es dann so flau, dass ich die Pinne einfach losließ, denn es macht ja keinen Sinn, ein Boot zu steuern, das sich gar nicht bewegt!

Jetzt ist der Himmel wieder bedeckt. Die Gewitterwolken ergießen sich überall ins Meer und marschieren den Horizont entlang. Die Flaute wird immer wieder von gewaltigen Sturmböen unterbrochen. Es ist ein sehr typischer Tag für die Intertropische Konvergenzzone (ITCZ), die auch »Doldrums« genannt wird. Zu meinem Glück ist die ITCZ momentan recht schwach. Es sollte also nicht mehr lange dauern, bis der Wind wieder zunimmt und uns in Richtung Äquator trägt. Ich würde unser Schneckentempo vermutlich als sehr frustrierend empfinden, wenn die stimmungsvollen Grau- und Blautöne nicht wären, die atemberaubende Bilder auf die glänzende See zaubern.

Trotz unserer geringen Fortschritte am heutigen Nachmittag sind es nur noch 950 Seemeilen bis zum Äquator (zumindest bis zu dem Punkt, an dem ich den Äquator kreuzen möchte). Ich kann es kaum erwarten!

 

Ich fand es ziemlich cool, allein durch die Doldrums zu segeln. Es ist eines dieser mystischen Reviere, über das man in Seefahrerkreisen häufig spricht. Menschen schreiben Geschichten und Gedichte darüber, Segler fordert es heraus. »The Rime of the Acient Mariner« (deutscher Titel: »Ballade vom alten Seemann«) von Samuel Taylor Coleridge ist vermutlich das berühmteste unter den mir bekannten Gedichten, die das Wesen der Doldrums einfangen. Ich habe sie so nicht erlebt … wurde aber dafür später fast verrückt, als wir ausgerechnet in den Brüllenden Vierzigern in einer Flaute stecken blieben. Da bekam ich eine kleine Ahnung von dem aus Frust geborenen Wahnsinn der Seeleute:

All in a hot and copper sky,

The bloody sun, at noon,

Right up above the mast did stand,

No bigger than the moon.

 

Day after day, day after day,

We stuck, nor breath nor motion;

As idle as a painted ship

Upon a painted ocean.

 

(Am heißen Kupferfirmament,

Hoch überm Maste, thront

Die glut’ge Sonn’ zur Mittagszeit,

Nicht größer als der Mond.

 

Wir lagen Tage, Tage lang;

Kein Lüftchen rings umher!

Wie ein gemaltes Schiff, so träg,

Auf einem gemalten Meer.)

Ich liebe es, den Geschichten von Abenteuern anderer Menschen zuzuhören. Ich erfahre gern, wie es ihnen in Revieren wie den Doldrums oder dem Südpolarmeer ergangen ist. Segler kennen die Doldrums als tropisches Windloch. Sie liegen in Abhängigkeit von der Jahreszeit etwa zwischen dem fünften Breitengrad Nord und dem fünften Breitengrad Süd und sind berüchtigt für ihre unvorhersehbaren und heftigen Wetterwechsel. Eine Yacht, die eben noch in Öl lag, kann – wums! – ganz plötzlich in 40 Knoten Wind und aufgepeitschter See stecken. Das alles geschieht, weil die Sonnenstrahlen hier stärker sind als anderswo. Sie heizen das Meer auf. In der Folge steigt warme feuchte Luft auf. Diese warme Luft ist instabil und kann Tiefdruckgebiete, Gewitter und Sturmböen verursachen. Trifft dann kalte Luft auf die warme, können heftige Wettersysteme entstehen.

Zu diesem Zeitpunkt meiner Reise hatte ich bereits erkannt, dass es mir gut geht, wenn ELLA’S PINK LADY und ich flott vorwärtskommen. Wenn es aber zu langsam voranging, wurde ich tendenziell eher ungeduldig und launisch. Wenn dieser Törn mich etwas gelehrt hat, dann sicher Geduld. Nach dem, was ich vor meiner Abreise über die Doldrums gehört hatte, schien es der perfekte Ort zum Training zu sein. Wenn man etwas erwartet – so wie ich das Steckenbleiben in der Flaute erwartete, weil es allen anderen auch passiert ist –, kann man damit ein bisschen besser umgehen. Es sind aber eher die unerwarteten Ereignisse, die sich oft als hart zu nehmen erweisen und die einen zwingen, an die eigenen Grenzen zu gehen.

 

Mittwoch, 11. November 2009

Meines Abendessens beraubt!

Heute habe ich aufregende Nachrichten. Als ich meine Angelleine einholte, entdeckte ich, dass ich endlich einen Fisch gefangen hatte! Ich würde euch nur zu gern berichten, was für ein Fisch es war, wie groß er war und wie lecker er geschmeckt hat. Nur leider hat ihn mir ein anderer (mit ziemlich großen Zähnen!) vor der Nase weggeschnappt.

Abgesehen von ein paar kläglichen Fleischfetzen, die noch am Haken hingen, war mein wunderbarer Fisch von etwas Größerem verschlungen worden. Ich kann es einfach nur weiter versuchen …

Letzte Nacht habe ich nicht viel Schlaf bekommen, weil ich ein paar garstige neue Gewitterwolken im Auge behalten musste. Es hat kaum geregnet, aber wir haben den ersten Teil der Nacht mit etwas Rückwärtssegeln verbracht – aua! In meinen Telefonaten heute Morgen musste ich deswegen einige Witze über mich ergehen lassen.

Heute kamen wir wieder besser voran. Ich habe ein bisschen Schlaf nachgeholt und ein paar schöne Segelstunden genossen. Das Südpolarmeer wird ganz sicher anders sein.

Für alle, die darüber rätseln, wann wir den Äquator passieren werden: Bob hat unsere erwartete Ankunftszeit (ETA – Estimated Time of Arrival) für den 18. November berechnet. Das ist in sieben Tagen!

 

Freitag, 13. November 2009

Stürmisches Segeln

Es tut mir leid, dass ich mich eine Weile nicht gemeldet habe.

Man hat mir berichtet, dass mein Blog der am häufigsten besuchte Blog Australiens ist, und nun hat mich das Lampenfieber ein wenig sprachlos gemacht!

Nein, ich mache nur Spaß. Es ist schon gut. Na ja, es ist aufregend und so ganz allein hier draußen kaum nachvollziehbar. Dabei bin ich nur physisch allein. Es ist wirklich unglaublich, die Erlebnisse dieser Seereise mit so vielen wundervollen Menschen zu teilen.

Ich lasse euch gern an dieser Reise teilhaben, obwohl das Leben hier draußen oftmals gar nicht so aufregend ist. Es kommt mir total normal vor, dass wir uns täglich vorwärtskämpfen und mit dem zurechtkommen, was die Bedingungen uns bescheren. Ich weiß schon, dass ich jetzt eine Million Einwände zu hören bekomme. Aber denkt mal darüber nach: Wie merkwürdig käme es euch wohl vor, der ganzen Welt die Details eures Alltags zu beschreiben? Es erscheint mir ein bisschen unwirklich.

Trotzdem möchte ich euch allen sehr für eure Unterstützung danken!

Und da wir gerade dabei sind, über die Details zu sprechen, kann ich vermelden, dass ELLA’S PINK LADY und ich in den vergangenen Tagen gut vorangekommen sind. Was die Breitengrade angeht, bewegen wir uns nun bereits im einstelligen Zahlenbereich – wow!

Die Bedingungen waren die meiste Zeit über herrlich (konstante Brise aus Ost oder Südost, Sonnenschein, sehr ruhige See). Aber natürlich sind wir auch wieder von einigen Gewitterwolken gestört worden. Es gab immer noch keine wirklich bedrohlichen Szenarien, doch genügend Anlässe, mich mit dem Segeltrimmen auf Trab und weiter konzentriert nach bösen schwarzen Wolken Ausschau zu halten. Letzte Nacht ist eine Gewitterwolke in Begleitung einer Serie von Blitzen sehr nah an uns vorbeigezogen.

Für mich war es fast ein bisschen langweilig, bei ausgeschalteter Elektrik dazusitzen und darauf zu warten, dass sie vorbeizieht. Also habe ich im Lichtkegel der Taschenlampe Schokoladenkekse gemacht, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich hätte vielleicht ein wenig Angst haben sollen, doch nachdem ich alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatte, gab es keinen Grund mehr, sich Sorgen zu machen.

 

Ich kann kaum glauben, wie die Tage dahinfliegen. Die Zeit rast, während ich mich um genügend Schlaf bemühe, meine täglichen Wartungsarbeiten erledige, die Angel im Auge behalte, mich ernähre und Kontakt mit zu Hause halte. Ich frage mich andauernd, was mit den Tagen geschieht.

Obwohl ELLA’S PINK LADY vor allem ein solides, belastbares und einfach zu handhabendes Boot sein soll, macht es mir auch Spaß, ein wenig herumzuspielen, die Segel zu trimmen und so noch etwas mehr Geschwindigkeit aus ihr herauszuholen. Bei ruppigeren Bedingungen aber gilt es natürlich sofort wieder, konservativ zu segeln … noch 600 Seemeilen bis zum Äquator!

 

Samstag, 14. November 2009

Fisch, Erste Hilfe, Parker & Brot

Mein Ehrgeiz, endlich einen Fisch zu fangen, hat gestern in einem langen Gespräch mit meiner Familie neue Nahrung erhalten. Sie hatten Fisch und Bratkartoffeln zum Abendessen. Ich habe auch schon einen sehr präzisen Plan für den Fall der Fälle: Zuerst wird es Sushi mit Sojasoße geben, dann kurz angebratene Steaks, vielleicht im Teigmantel und mit einigen Spritzern Zitrone (natürlich keine frische!), und schließlich möglicherweise ein Fischcurry – ganz in Abhängigkeit von Größe und Art des Fisches. Traurigerweise braucht es offenbar mehr als einen guten Vorsatz und einen Speiseplan, um einen Fisch zu fangen – ich habe immer noch keinen an der Angel!

Nachdem ich nun so oft über meine Ernährung geschrieben habe, gibt es in meinem Blog einige Einträge von Leuten, die sich um meine schlanke Linie sorgen. Sorgt euch nicht – ich passe auf! Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass ich in den letzten Wochen tatsächlich ein wenig zugenommen habe. Vielleicht denkt ihr jetzt, das sei eine sehr merkwürdige Feststellung für ein 16 Jahre altes Mädchen. Aber ich habe mir jahrelang von den alten Salzbuckeln eintrichtern lassen müssen, dass ich kräftiger werden und ein paar Reserven aufbauen müsste, die sich auf unserem Weg nach Süden und um Kap Hoorn herum noch als wertvoll erweisen könnten.

 

Der heutige Tag ist ohne Gewitter vergangen. Ich habe also mehrere kleine Schlafpausen einlegen können. Das Segeln hat Spaß gemacht, und Parker hat seinen Job hervorragend erledigt. Ich wurde kaum gebraucht. Die letzte Nacht war eine besondere. Ich habe so viele Sterne gesehen – ich hätte schwören können, die Luft sei durch sie dicker geworden. Dazu gesellte sich ein leichtes Meeresleuchten, das die Gischt rund um ELLA’S PINK LADY in ein Glitzermeer verwandelte.

 

Heute habe ich die erste kleine Verletzung meiner Reise davongetragen. Nichts Schlimmes, nur eine kleine Brandwunde, die der Ofen auf meinem Daumen hinterlassen hat. Die Behandlung war überschaubar: Ich setzte mich ins Cockpit und hielt den Daumen in eine Tasse mit kaltem Wasser. Ich schaute mir den Sonnenuntergang an, während ich ein bisschen Creme auftrug und eines meiner immer hilfreichen Pflaster darüberklebte.

Eigentlich sollte ich diese Nachricht gar nicht nach Hause schicken, denn glaubt mir, ich werde sie bereuen, sobald sie im Blog veröffentlicht ist. Das Telefon wird klingeln, und man wird mich einer ganzen Reihe medizinischer Verhöre aussetzen. So ist es, wenn man in Watte gepackt wird! Doch während das kleine Missgeschick heute kaum der Rede wert ist, setze ich mich hier draußen natürlich auch der Gefahr ernsthafter Verletzungen aus.

Meine Mutter, die ortsansässige Apothekerin und Seglerin Suzy Rasmussen, Mark White, die Seekadetten der St.-John-Ambulanz der Dromana-Fachhochschule und meine Ärztin Margaret Williams (die vor einigen Jahren Australien einhand umsegelt hat) haben ELLA’S PINK LADY zu einem Erste-Hilfe-Koffer verholfen, der jedem Krankenhausvergleich standhalten würde. Ich habe außerdem einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert, in dem es vor allem um mögliche Verletzungen auf See ging. Ich kenne den Inhalt des Koffers in- und auswendig und habe jede Menge Anweisungen zur Hand.

 

Gerade habe ich ein köstliches frisches Brot gebacken. Also melde ich mich jetzt ab, um schnell ein bisschen an der knusprigen Kruste zu knabbern, bevor sie kalt wird. Natürlich werde ich sie vorher mit Marmelade und Sahne bestreichen und mir zum Abendessen noch eine Suppe dazu kochen.

Aber eines muss ich vorher noch loswerden: Im Blog ist öfter die Rede davon, dass ich so erwachsen und reif wirke. Ich gestehe, dass ich beim Lesen dieser Kommentare mit einem Blick auf meine leuchtend pink lackierten Fußnägel kichern musste.

Bis zum Äquator sind es jetzt noch etwas mehr als 500 Seemeilen!

 

Montag, 16. November 2009

Unbeständige Fortschritte und Delfine

Wir haben in den letzten Tagen nur phasenweise Fortschritte gemacht. Sobald etwas Wind weht, fliegt ELLA’S PINK LADY eindrucksvoll über die Wellen, aber es gibt auch Zeiten ganz ohne Wind. Insbesondere der heutige Nachmittag hat sich als wenig spektakulär erwiesen. Wir sind nur umhergeschaukelt und haben uns in keine Richtung bewegt. Ich hatte mich schon am Morgen meinen Schulaufgaben gewidmet. Ich dachte, dass ich wenigstens in einem Bereich Fortschritte erzielen könnte, wenn wir uns schon nicht vorwärtsbewegen … Ich kann aber nicht behaupten, dass ich lange bei der Sache war.

Lieber kühlte ich mich an Deck mit der ein oder anderen Salzwasserdusche ab und bemühte mich, die Pinne wenigstens in die richtige Richtung zu stupsen. Schließlich habe ich meinen Yanmar-Motor auf Hochglanz poliert und die Bilge geschrubbt. Als die Sonne unterging, hatte ich im Schweiße meines Angesichts wenigstens das Gefühl, dass ich an diesem Tag etwas vollbracht hatte. Ich bin sicher, dass ELLA’S PINK LADY nach einigen weiteren Monaten auf See nicht mehr so prächtig aussehen wird wie bei unserer Abreise in Sydney. Aber ich werde zumindest versuchen, alles in meiner Macht Stehende dafür zu tun, dass sie weiterhin gut aussieht. Es ist ein bisschen so, als würde man mir immer wieder zuflüstern: »Pass auf dein Boot auf, dann passt es auch auf dich auf!«

Wenn die Leute darüber sprechen, was man alles für eine Weltumseglung braucht, dann scheinen sie immer die Geduld zu vergessen. Aber ich lerne schnell. Sie ist genauso wichtig wie alles andere.

 

Der heutige Nachmittag war ziemlich cool. Ich hatte über mehrere Stunden Besuch von einer Delfinschule. Ich saß im Schatten der Segel auf dem Bug, ließ meine Beine über die Reling baumeln (ja, ich war angeleint!) und beobachtete voller Freude, wie sie sich dort in den klaren Fluten bewegte.

Ich bin nicht sicher, welche Delfinart es war. Sie waren klein und ganz grau. Und sie blieben eine ganze Weile, können meine Musik also nicht völlig furchtbar gefunden haben. Ich fand es toll, ihnen beim Spielen zuzusehen. Sie ritten auf den Wellen, schossen über sie hinweg und ich kann nur vermuten, wie viel Spaß sie da draußen in der Weite des Meeres haben müssen.

 

Ich nähere mich langsam dem Boden der jüngsten Provianttasche, und deswegen bestanden meine Mahlzeiten in letzter Zeit aus etwas ungewöhnlichen Zusammenstellungen (heute Abend gab es Hack, Obst aus der Dose und Nudeln). Es überrascht wohl niemanden, dass ich mich schon sehr auf die nächste Provianttasche freue.

Ich habe gerade gemerkt, wie spät es schon ist. Also muss es das für heute Abend gewesen sein.

 

PS: Danke an Dad und Bruce für ihr Verständnis in den letzten Telefonaten. Sie haben begriffen, dass einem Mädchen manchmal einfach nicht der Sinn nach Schwätzen steht.

PPS: Obwohl wir nur langsam vorankommen, sind es nur noch 370 Seemeilen bis zum Äquator!

 

Dienstag, 17. November 2009

30 Tage auf See und Gesellschaft

Heute Nacht haben wir hier draußen Gesellschaft. Ich möchte euch gern Silly vorstellen. Er ist ein kleiner brauner Seevogel, der auf unserem Sailor-25-Satellitendom am Heck von ELLA’S PINK LADY gelandet ist.

Silly hat sich seinen Spitznamen mit einer fatalen Faszination für unseren Windgenerator verdient. Und für seine amüsanten Versuche, auf der biegsamen Windfahne der Selbststeueranlage zu landen. Obwohl der Windgenerator sich derzeit nicht so schnell dreht, war es etwas nervenaufreibend, Silly bei seinen nicht enden wollenden Versuchen zu beobachten. Er sitzt nun schon seit etwa drei Stunden auf dem Dom und scheint es sich dort recht gemütlich gemacht zu haben.

Außer Silly habe ich heute noch eine ganze Reihe weiterer Vögel gesehen. Zumeist waren es kleine Sturmvögel oder braune Basstölpel (zumindest glaube ich das). Sie kamen etwas überraschend, denn ich denke, dass die nächste Insel mindestens 200 Seemeilen von uns entfernt liegt. Abgesehen von etwas Nieselregen am heutigen Morgen, war es ein fast perfekter Segeltag.

 

Es ist schwer zu glauben, aber mit dem morgigen Tag werden wir bereits 30 Tage auf See sein – exakt einen Monat seit dem Start in Sydney am 18. Oktober. Der erste Monat ist damit abgehakt, sieben weitere stehen uns bevor! Für mich fühlt es sich an, als hätten wir Sydney erst gestern verlassen. Es ist ein verrückter Gedanke, dass ich nun schon seit 30 Tagen keinen anderen Menschen gesehen habe. Ich muss aber sagen, dass ich mich deswegen nicht anders fühle als sonst. Es ist vergleichbar mit der Frage, ob man sich nach seinem Geburtstag anders fühlt als vorher. Aber ich bin immer noch die gleiche gute alte Jessica!

 

Heute habe ich die neue Provianttasche angebrochen. Endlich kann ich wieder meine Lieblingsmahlzeiten wählen. Ich habe Pasta zum Abendessen geplant und frage mich, ob Silly wohl gern Nudeln mag?

 

Es sieht nicht so aus, als würden wir es morgen – wie ursprünglich erhofft – zum Äquator schaffen. Aber es liegen nur noch 240 Seemeilen vor uns – es dauert jetzt nicht mehr lange. Ich werde euch auf dem Laufenden halten, sobald wir uns nähern. Ich bin schon ziemlich aufgeregt!

Nachdem wir den Äquator gekreuzt haben, werde ich weitere 200 Seemeilen nordwärts segeln und die Weihnachtsinsel runden – sie ist mein Wendepunkt, bevor wir wieder nach Süden zurück über den Äquator und mit Kurs auf Kap Hoorn segeln.

Das war’s für heute von Silly und mir an Bord von ELLA’S PINK LADY.

 

»First Lady« Kay Cottee hat einmal geschrieben, dass »sogar der geistig gesündeste Mensch nach längeren Perioden des Alleinseins etwas verrückt werden kann«. Sie berichtete von ihrer Teilnahme an einer Soloregatta durch die Tasmanische See. Sie war damals 48 Stunden ohne Schlaf und wollte sich kurz hinlegen. Als sie gerade in ihren Schlafsack geschlüpft war, sah sie gegenüber fünf Leute sitzen. Die erzählten ihr, dass sie sich ums Boot kümmern würden, während sie schlief. »Fühlt euch wie zu Hause!«, sagte sie ihnen. – Als sie zwei Stunden später wieder aufwachte, waren die Leute verschwunden, aber an Bord war alles gut.

Ich habe eine solche Erfahrung nie gemacht. Aber ich habe einige ernsthafte Unterhaltungen mit meiner Kuscheltiercrew und meinem treuen Freund Parker geführt.

Parker und ich entwickelten eine sehr merkwürdige Beziehung zueinander. Habt ihr je den Film »Verschollen« mit Tom Hanks gesehen? Ich will nicht gerade sagen, dass Parker und ich uns so nahe standen wie Chuck Noland alias Tom Hanks und sein Volleyball Wilson (oder gar dass ich so verrückt war wie Chuck Noland), aber es gab gewisse Parallelen …

Ich habe regelmäßig mit Parker gesprochen und sagte ihm immer wieder, er möge unseren Kurs im Auge behalten. Ich schrie ihm »Anluven« oder »Abfallen« zu. »Abfallen« immer dann, wenn er vom Kurs abkam. Ich muss zugeben, dass unsere Unterhaltungen etwas einseitig verliefen, weil er nicht besonders gesprächig war. Dafür war er ein umso besserer Zuhörer, und ich teilte meine intimsten Gedanken mit ihm, erzählte ihm von meinen Träumen für die Zukunft und – noch viel wichtiger – von meinen Plänen fürs Abendessen.

Wurde ich wegen der ein oder anderen Sache mal etwas nervös – etwa wegen einer aufziehenden Sturmfront oder extrem schwerem Wellengang, dann sprach ich mit ELLA’S PINK LADY. Ich hielt ihr einen aufmunternden kleinen Vortrag, sobald Bobs entsprechende Wettervorhersage mit Hinweis auf besonders garstige Bedingungen eingetroffen war. So wollte ich sie mit positiven Worten ermutigen und sie wissen lassen, dass sie einfach großartig war. In Wahrheit habe ich vermutlich deutlich mehr von unseren Gesprächen profitiert als sie!

In Stürmen rief ich sowohl Parker als auch ELLA’S PINK LADY ständig zu, sie mögen durchhalten, wenn wir wieder einmal eine besonders üble Welle herunterfielen oder über sie hinwegsurften. Wenn ich in meinen Blogs von »wir« sprach, dann deshalb, weil meine »Freunde« Teil meines Abenteuers sind.

 

Mittwoch, 18. November 2009

Eine Sternschnuppe und morgen der Äquator!

Ich bin ja nicht gerade ein Astronom, aber nach den vielen Hinweisen auf bevorstehende Sternschnuppenschwärme habe ich den Himmel in der vergangenen Nacht doch etwas genauer beobachtet. Ich habe die unglaublichste Sternschnuppe gesehen! Es ist offensichtlich so, dass die Erde jedes Jahr Mitte November den Staubschweif des Kometen Tempel-Tuttle passiert. In den Medien war zu lesen, dass uns in diesem Jahr ein ganz besonderes Spektakel bevorstünde. Die Sternschnuppe war so groß und leuchtete so hell, dass ich zunächst verwirrt war und ein wenig Angst bekam. Doch dann fiel mir ein, dass ich nun einen Wunsch frei habe. Was ich mir gewünscht habe, darf ich natürlich nicht verraten.

 

Heute Morgen hat Silly uns verlassen. Aber es war schön, eine Weile lang Gesellschaft und jemanden zum Reden zu haben. Er hatte wirklich die ungewöhnlichsten Meinungen zu Themen wie Mode und Jungs. Er war allerdings an keinerlei Futter interessiert, das ich ihm anbot. Auch das Blitzlicht der Kamera schien ihn nicht zu beeindrucken.

Ansonsten war der heutige Tag nicht gerade aufregend. Nur die normalen Aufgaben: Wartung, Segeltrimm, Funkgespräche und so weiter. Ich habe ziemlich viel geschlafen. In letzter Zeit bin ich nachtaktiv geworden, weil es nach Sonnenuntergang einfach kühler ist. Die Dinge erledigen sich dann etwas leichter. Es tat gut, ein paar Extrastunden Schlaf zu bekommen, während noch freier Seeraum um uns herum lag und die Bedingungen angenehm waren.

Mein Abendessen war absolut köstlich: Omelett mit Trockenei, Dosenbutter, Speckstreifen und getrockneter Petersilie.

Ich habe außerdem (via Telefonat) an meiner ersten Äquatortaufe teilgenommen. Einige meiner Tanten, Onkel und Cousinen, meine Großmutter und mein Großvater und alle ihre Freunde hatten sich in Cromwell auf Neuseelands Südinsel versammelt, um ELLA’S PINK LADY und mich zu feiern, wenn wir den Äquator kreuzen würden. Sie waren nur ein bisschen früh dran!

 

Die Winde wehten den ganzen Tag über angenehm und beständig. Wir sind gut vorangekommen, und es sind nur noch 50 Seemeilen bis zum Äquator. Natürlich kann noch viel passieren, aber im Moment sieht es so aus, als würden wir ihn in zehn Stunden kreuzen. Das wäre zu Hause in Australien Donnerstagmorgen. Auf uns wartet ein großer Tag.

 

Donnerstag, 19. November 2009

Ein großer Tag

Heute habe ich ihn überquert! Ich habe mit viel matschiger Schokolade und der für eine Äquatortaufe traditionell erforderlichen Salzwasserdusche gefeiert. Ich habe dazu einen Eimer benutzt und meinen Kopf eingetaucht, aber so schlimm war es gar nicht!

 

Die Überquerung des Äquators war einer der Meilensteine meines Törns. Ich war so glücklich, es bis zu diesem Punkt geschafft zu haben. Der Äquator ist eine gedachte Linie, die um den nullten Breitengrad der Erde herum verläuft. Der Abstand zu Nord- und Südpol ist, von ihm aus gesehen, gleich groß. Der Äquator ist 21 600 Seemeilen lang und teilt die Erde in ihre südliche und ihre nördliche Hemisphäre.

Unter Seglern gibt es eine Tradition, die erste Äquatorüberquerung zu feiern. Ich war ganz dafür, die Tradition zu wahren. Ich wollte dem Moment besondere Ehre erweisen.

Man hatte mir erzählt, dass die Aufnahme in den erlauchten Kreis derer, die den Äquator gekreuzt haben, nicht immer nur heiter verläuft. In den Marineverbänden einiger Länder gibt es ziemlich grausame Rituale. Sie gelten als Test, ob der Segler auch harten Bedingungen gewachsen ist. Ich weiß nicht genau, was während dieser Rituale geschieht, aber ich weiß, dass die Tradition auf einigen Kreuzfahrtschiffen auf wesentlich nettere Art gepflegt wird. Mir sollte alles recht sein, wenn nur Schokolade im Spiel sein würde …

 

Freitag, 20. November 2009

In der nördlichen Hemisphäre

Ich kann keine Veränderung erkennen. Das Wasser ist immer noch blau, die Wellen rollen immer noch, und der Wind bläst weiter. Trotzdem ist das Wasser, dessen Gischt nun über das Deck von ELLA’S PINK LADY fliegt, Wasser der Nordhalbkugel!

Ich hätte mir keinen besseren Tag zur Überquerung des Äquators wünschen können: glatte See, 15 Knoten Wind und Sonnenschein. Wir haben die Linie um 20:17 Uhr UTC mit 5,5 Knoten Geschwindigkeit gekreuzt und mit dem üblichen Trinkspruch auf Neptun, einer Ladung Salzwasser über den Kopf und vielen aufgeregten Telefonaten gefeiert. Dazu gab es ein paar Geschenke, die vor meiner Abreise speziell für diese Gelegenheit an Bord versteckt worden waren. Neptun grüßten wir mit einem Fruchtsaft und viel Schokolade. Normalerweise zähle ich nicht zu den Menschen, die leckere Schokolode einfach ins Meer werfen. Aber ich witterte eine gute Chance, mir Neptuns Gunst zu sichern. Ich hoffte, dass meine großzügige Gabe vielleicht mit einem Fisch an meiner Angel belohnt werden würde, hatte aber weiterhin kein Glück!

Eigentlich dachte ich, die Äquatorüberquerung würde ein Tag wie jeder andere werden, doch überraschenderweise war es ganz anders. Ich war ziemlich bewegt, jonglierte mit drei Kameras gleichzeitig und las dabei die Zahlen vom GPS ab – der Countdown lief!

Es ist weniger das physische Kreuzen der Linie hinüber in die nördliche Hemisphäre, das mich beeindruckte (wie kann man nur wegen einer unsichtbaren Linie im Wasser so aus dem Häuschen geraten?), sondern eher die Tatsache, dass die Überquerung für mich das Ende der ersten Etappe markierte.

Im Vergleich zu einigen der bevorstehenden Segelwochen im tiefen Süden war es vermutlich eine der einfacheren Etappen (nennen wir sie Testlauf!). Doch die bislang absolvierte Distanz ist schon jetzt eindrucksvoll.

So weit zu kommen (und zu überstehen, was wir bereits vor dem Start durchgemacht hatten!), hat mir das notwendige Selbstvertrauen gegeben. Obwohl noch ernsthaft harte Zeiten vor uns lagen, würden wir auch Spaß an den Herausforderungen haben, die unseren Kurs kreuzen sollten.

 

Das Segeln über Nacht war ein Vergnügen. Wir sind schon ein gutes Stück auf die Nordhalbkugel vorgedrungen und auf dem Weg zur Weihnachtsinsel, die wir morgen am späten Abend runden könnten. Heute herrschte den ganzen Tag über eine fast gespenstische Atmosphäre unter bedecktem Himmel. Aber ich denke, das war eher meiner Fantasie als irgendetwas anderem geschuldet. ELLA’S PINK LADY kam gut voran, ich hatte keinen Grund zur Beschwerde.

Nach viel Spaß und den gestrigen Feierlichkeiten hatte ich heute ein paar Jobs zu erledigen. Aber es ist ja nicht so, dass die Jobs und die anstehenden Wartungsarbeiten nicht auch Spaß machen können! Ich bin ganz sicher, dass es sich am Ende auszahlen wird, wenn ich jedes potenzielle Problem von Anfang an unter Kontrolle behalte. Außerdem hält mich die Arbeit auf Trab und macht mich glücklich.

 

Endlich schaut der Mond heute Abend einmal zu uns herunter. Ich habe noch keine Pläne für das Abendessen, aber ich denke über eine Art Apfelstreuselkuchen mit Fruchtsoße zum Dessert nach. Etwas Eis dazu würde mir auch gut gefallen. Aber vielleicht sollte ich darüber lieber nicht nachdenken!

 

Danke an alle für eure vielen Glückwünsche in meinem Blog. Es klingt so, als hätten ziemlich viele Leute beim Feiern in meinem Namen Spaß gehabt. Aber ich behaupte immer noch, dass die Anerkennung nicht mir, sondern ELLA’S PINK LADY und dem unglaublichen Team gebührt, das sie an die Startlinie gebracht hat. Ich bin nur Gast auf dieser Reise.

 

Sonntag, 22. November 2009

Rund um die Weihnachtsinsel

In den letzten Tagen kamen Wind und Strömung von vorn und machten das Weitersegeln zu einem schmerzhaften Prozess. Wir kommen der Weihnachtsinsel nur langsam näher. Wenn alles nach Plan läuft, sollten wir sie morgen früh gerundet haben. Es wird eine Erleichterung sein, wieder freien Seeraum vor uns zu haben und in Richtung Süden voranzukommen.

 

Die Weihnachtsinsel scheint recht interessant zu sein. Also habe ich sie auf meine Liste von Orten gesetzt, an denen ich nächstes Mal einen Stopp einlegen muss. Offensichtlich ist sie das größte Atoll der Welt. Dank einiger willkürlicher Abweichungen der Datumslinie ist sie auch die östlichste Insel der Welt.

Nach dem, was ich über sie gehört habe, ist sie mit ihren weißen Sandstränden und den Korallenlagunen eine Insel wie aus dem Bilderbuch. Aber macht euch keine Sorgen: Ich bin nicht in Versuchung anzuhalten. Ich kann froh sein, wenn ich aus der Entfernung überhaupt das Glitzern einiger Lichter erkennen werde, wenn ich die Insel heute Nacht runde. Ach ja, ihre Gewässer sind als gutes Angelrevier bekannt!

Wir haben zum ersten Mal seit etwa einer Woche ein anderes Boot (eigentlich drei!) passiert. Es waren größere Fischerboote, doch ihre Crews sprachen offensichtlich kein Englisch. Gestern habe ich einen gehörigen Schrecken bekommen. Ich saß unter Deck in der Navigationsecke und vernahm plötzlich das schreckliche Geräusch von etwas, das den Rumpf entlangschrammte. Ich kletterte an Deck und konnte gerade noch einen Blick auf die große braune Boje werfen, die sich in der Windsteueranlage verfangen, aber zum Glück selbst wieder befreit hatte, bevor sie irgendeinen Schaden anrichten konnte.

Ich habe tagsüber noch ein paar weitere Bojen entdeckt, habe aber keine Ahnung, wem sie gehören und warum sie hier draußen auf und ab hüpften.

Die letzten Nächte waren klar und voller Sterne. Das weiß ich deshalb so gut, weil sich die Lufttemperatur in letzter Zeit zwar ein wenig abgekühlt hat, es aber immer noch angenehmer ist, die Arbeit nach Sonnenuntergang zu erledigen. Ich war ein bisschen eifersüchtig, als ich in gestern Abend hörte, dass meine ganze Familie ins Kino gehen wollte. Also habe ich meinen eigenen Kinoabend veranstaltet, mir auf meinem Toughbook eine DVD angesehen und dazu Popcorn gemacht! Wir segeln noch immer in den Tropen, aber ich denke mehr und mehr über den Süden und Kap Hoorn nach.

Das muss es für heute von meiner Seite aus gewesen sein. Es ist Zeit für eine weitere Wende. Drückt mir die Daumen – es sollte die letzte sein, die uns um die Insel herumbringt!

 

Am Tag vor dem Start in Sydney hatte ich Tom und seinen Freund Andrew (nicht Andrew Fraser) losgeschickt. Sie sollten mir ein paar DVDs für meine Reise kaufen. Ich hatte ihnen strikte Anweisungen erteilt, aber sie konnten einfach nicht anders und bescherten mir neben »Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück« und ein paar anderen Mädchenfilmen massenweise Episoden der Autotestserie »Top Gear«, und auch »Angeln für Anfänger« war dabei. Tom hatte offensichtlich die Hoffnung, dass er nach diesem Schachzug seine Schwester als hochgebildete Automobilkennerin zurückbekommen würde. Dummerweise ging sein Plan nicht auf. Ich habe zwar alle Episoden gesehen, aber an den Stellen mit den langweiligen Autovorstellungen immer vorwärts gespult. Tut mir leid, Tom!

Ich hatte auch eine DVD der Fernsehserie »Bones – Die Knochenjägerin« dabei und schaute mir die etwas eigenwilligen Folgen immer wieder einmal an. Ich habe aber sehr schnell gelernt, das nicht direkt vor dem Schlafengehen zu tun, nachdem ich mehrmals aus den blühendsten und gruseligsten Träumen hochgeschreckt war.

Einmal träumte ich, dass sich das gesamte Ermittlungsteam der Knochenjägerin mit mir an Bord von ELLA’S PINK LADY befand. Noch unheimlicher war, dass ich mich mit Booth und Bones nicht über irgendeinen komplizierten Mordfall unterhielt, sondern eine sehr ernsthafte Diskussion über die Wettervorhersage mit ihnen führte.

Nach einem tiefen Traum von der Geräuschkulisse an Bord aufzuwachen und festzustellen, dass man doch allein ist, war aber immer merkwürdig – egal, was ich gerade geträumt hatte.

Während meiner Zeit unterwegs träumte ich, dass alle möglichen Leute bei mir an Bord wären. Das waren natürlich nicht nur Fernsehstars. Manchmal hatte ich auch Besuch von Familienmitgliedern. Wenn ich Heimweh bekam, dann ließ ich die Träume wieder und wieder vor meinem geistigen Auge ablaufen. So fühlte ich mich denen, die ich liebe, ein wenig näher. Ich mochte diese Träume.

Was ich hingegen hasste, waren die Albträume, die immer dann kamen, wenn die Bedingungen auf den härteren Abschnitten meiner Reise schwieriger wurden und ich sehr müde war.

An die Hälfte meiner Träume konnte ich mich nicht so gut erinnern und wachte verwirrt und mit vernebeltem Hirn auf. Das war schrecklich, weil dann oft Rückblenden vor meinem geistigen Auge abliefen und ich an das kreischende Geräusch dachte, dass ELLA’S PINK LADY von sich gegeben hatte, als wir an der SILVER YANG entlanggeschrammt waren. Ich wusste dann für einige Sekunden nicht, wo ich gerade war. Ich kam mir hilflos wie in einem reißenden Strom vor, wollte dagegen ankämpfen und gegen die Strömung schwimmen. Aber ich konnte nicht. Ich hasse das Gefühl von Schwäche. Auf eine bestimmte Weise ging es bei meinem Törn ja genau darum. Ich wollte losziehen, die Kontrolle übernehmen und nicht vom Leben fortgespült werden.

 

Montag, 23. November 2009

Endlich: ein Fisch!

Ich bin mehr als zufrieden und sehr erleichtert! Ja, endlich kann ich euch berichten, dass ich nun doch einen Fisch gefangen habe! (Siehe Foto auf den Bildseiten.) Das Thema hat mich fast verrückt gemacht. Ich vermute, dass es sich um einen Gelbflossenthunfisch handelt. Er ist nicht sehr groß, aber ich bin sicher, dass für jeden genügend da sein wird! Die meisten Fischer wären wohl nicht sehr stolz auf das Gemetzel, das ich beim Filettieren anrichtete. Ich bin froh, dass es keine Zeugen gab. Anderseits: Übung macht nun einmal den Meister, oder?

 

(Ich habe es am Ende doch nicht getan, aber ich hatte intensiv mit dem Gedanken gespielt, die Aufnahmen von der Szene zu löschen, in der ich den Fisch an Bord ziehe. Es ist mir peinlich, wenn die Leute die Sauerei sehen, die ich dabei angerichtet habe.)

 

Es sollte sich herausstellen, dass die Wende in der vergangenen Nacht doch nicht meine letzte war. Wind und Strömung machten es uns schwer. Ich verbrachte eine ziemlich schlaflose Nacht, während wir wieder und wieder wendeten und um jeden Zentimeter vorwärts kämpfen mussten. Jedes Mal, wenn ich dachte, dass wir die Insel endlich gerundet hätten, drehte der Wind ein wenig, und ich musste eine weitere Wende absolvieren. Das war ein bisschen frustrierend. Andererseits ist es schwer, nicht glücklich zu sein, wenn die Sterne über einem funkeln und die Musik dazu läuft.

Die meiste Zeit des Tages habe ich an Deck im Schatten der Segel verbracht und mich bemüht, den Beschlägen eine anständige Politur zu verpassen – leider ohne großen Erfolg. Außerdem habe ich deutliche Abriebspuren an den Leinen der Windsteueranlage entdeckt. Doch kein Grund zur Sorge: Ich habe reichlich Ersatz dafür. Also fummelte ich ein wenig daran herum und versuchte, hier und da ein Teilchen auszutauschen. Das hat mich wieder daran erinnert, wie zuverlässig Parker arbeitet. Ob es die Säuberung der Solarpaneele von Salzkristallen, die Beantwortung von E-Mails oder nur einfache Hausarbeiten an Bord waren – irgendetwas beschäftigte mich immer.

 

In letzter Zeit habe ich wieder viele Vögel gesichtet. Es hat mir Spaß gemacht, ihrem Geschrei zuzuhören, während sie in Richtung von ELLA’S PINK LADY herabschossen. Es hat mich an die vielen anderen Geräusche an Land erinnert, die ich nun schon so lange nicht mehr gehört hatte. Die Gedanken daran ließen ein wenig Heimweh aufkommen. Aber ich weiß, dass ich – zurück an Land – sehr schnell die verlässlichen Geräusche des Meeres unter dem Rumpf meines Bootes, das Knirschen und das Ächzen von ELLA’S PINK LADY vermissen werde.

 

Als ich heute Morgen meine E-Mails checkte, entdeckte ich eine wichtige Nachricht meiner »besorgten« Mutter: Ich möge mich doch bitte vor den vielen Jungs da draußen in Acht nehmen. Mum muss mich daraufhin von Australien bis hierher mit den Augen rollen sehen haben!

Ich würde gern noch ein bisschen weiter schreiben, aber es ist Zeit für einen kleinen Ausflug in die Pantry, denn dort warten die heiß ersehnten »Fish & Chips« auf mich!

 

Die Überquerung des Äquators war mein erster großer Meilenstein. Es war ein tolles Gefühl, einem großen Teil des Pazifiks nun auf Wiedersehen zu sagen. Wir genossen beinahe perfekte Segelbedingungen. Es lief besser, als ich jemals erwartet hätte. Ich liebte das Segeln, hatte meine eigene entspannte Bordroutine entwickelt und keine schwerwiegenden technischen Probleme zu verzeichnen.

Wenn ich heute auf die Durchschnittsgeschwindigkeiten meiner Reise zurückblicke, dann zählten die Etmale im Pazifik zu den besten. Das fand ich wirklich interessant, denn dort hatte ich aufgrund der unberechenbaren Winde von vorn und den berüchtigten Doldrums eigentlich erwartet, am langsamsten unterwegs zu sein.

 

Es gibt aber ein paar Faktoren, die unser schnelles Vorankommen erklären. Als ich zu meiner Reise aufbrach, tat ich das in der Absicht, mich zu bewähren. Ich war entschlossen, auch meine leisesten Zweifel an den eigenen Fähigkeiten auszuräumen. Also hängte ich mich auf dieser ersten Etappe besonders rein. Auch das Wetter war ein Hauptfaktor. Es ist ja nicht wirklich unangenehm, im Sonnenschein an Deck zu sitzen und ein paar Segel zu trimmen. Weiter unten im Süden würde ich sicher wesentlich mehr Zeit geschützt unter Deck verbringen, um mich warm zu halten. Die vielen kleinen Korrekturen, die ich in den Tropen regelmäßig vornahm, würden dann weniger werden. Ich liebte den Süden, seine gigantischen Wellen, die Albatrosse und diesen launischen grauen Himmel. Aber mal ehrlich: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich zu täglichem Sonnenschein, moderaten Winden und einem Schlafplatz unter funkelnden Sternen sicher nicht Nein sagen.

Natürlich bestand die erste Etappe nicht nur aus idyllischem Segelspaß in den Passatwinden. Die schwierigste Herausforderung bestand für mich darin, genügend Schlaf zu finden und einen sinnvollen Schlafrhythmus zu entwickeln. Ich musste mich immer noch daran gewöhnen, denn der Pazifik ist voller Inseln, Yachten, Fischerboote und Riffe. Ich war ständig in Alarmbereitschaft und konnte mir deshalb keine langen Schlafpausen erlauben. Am meisten beunruhigten mich andere kleine Yachten, denn anders als die großen Schiffe tragen die meisten kleinen Sportboote kein AIS und sind deshalb auf dem Radar so gut wie unsichtbar. Natürlich würde eine Kollision mit einer kleinen Yacht sehr viel weniger Schaden anrichten als der Boxschlag eines Tankers (damit kenne ich mich aus!), aber die Vorstellung belastete mich trotzdem. Ich wollte keine Risiken eingehen. Deswegen freute ich mich darauf, weiter in den Süden vorzustoßen und dort trotz neuer, ganz anderer Herausforderungen das Meer für mich allein zu haben.

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* Parker ist der Name eines Charakters in der Fernsehserie »Thunderbirds«. Er fährt einen umwandelbaren pinkfarbenen Rolls-Royce für Lady Penelope!