- Jessica Watson
- SOLO mit PINK LADY - MIT 16 DIE WELT EROBERT
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Vierter Abschnitt:
Vom Südatlantik bis zum afrikanischen Kontinent
Donnerstag, 21. Januar 2010
Was ich am meisten vermisse
ELLA’S PINK LADY zottelt beständig nach Norden und nach Osten weiter in den Atlantik hinein. Gestern durfte ich einen unglaublichen Sonnentag genießen. Es war so schön, dass ich dabei tatsächlich – ausgestreckt auf dem Kajütdach – eingeschlafen bin (natürlich war ich mit Ella-Baché-Sonnencreme eingeschmiert!). Die warme Sonne und das gegen den Rumpf plätschernde Wasser ließen mich binnen weniger Minuten einnicken.
Noch besser war das Aufwachen: Ich sah eine Schule wunderschöner schwarzer und weißer Delfine neben uns schwimmen. Es macht mir immer viel Freude, sie beim Spielen in der blau-grünen See zu beobachten. Dann folgte ein weiterer hübscher rosafarbener Sonnenuntergang, den ich tatsächlich genießen konnte – und zwar ohne das Gefühl, dass meine Finger oder Zehen gleich abfallen. Sorry, ich glaube, dass ich gerade wie eine Angeberin klinge!
Nach mehr als drei Monaten oder fast hundert Tagen auf See habe ich eine kleine Liste der Dinge zusammengestellt, die ich am meisten vermisse:
Zuerst sind da natürlich meine Familie und meine Freunde. Insbesondere mein Bruder und meine Schwestern. Zweitens die Möglichkeit zur Entspannung – ohne, dass ich stets für alles bereit sein muss. An dritter Stelle rangiert Schlaf – langer und ununterbrochener Schlaf ohne schrille Alarmsignale oder andere Weckrufe (so stelle ich mir die ersten Wochen nach meiner Heimkehr vor; macht also bitte keine Pläne für mich!).
Außerdem vermisse ich das Spazierengehen. Ich vermisse es wirklich, mir die Beine am Strand oder sonst wo zu vertreten. Und natürlich gutes Essen. Auch wenn ich noch nicht gänzlich vom Proviant an Bord gelangweilt bin, so spüre ich doch mein Verlangen nach frischen Gerichten. Ich habe Sehnsucht nach einem knackigen Salat, jeder Art von Obst und sogar Gemüse. Ich würde viel für eine gute Tasse Kaffee geben, denn hier an Bord geht mit dem unappetitlichen Wasser aus den Tanks und Milchpulver nicht viel! Über das lange heiße Bad müssen wir erst gar nicht reden. Und ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich es begrüßen würde, wenn zur Abwechslung einmal ein anderer das Geschirr abwaschen würde. Ach ja, ich vermisse auch Schokolade, die nicht geschmolzen und wieder fest geworden ist. Sie schmeckt einfach anders!
Es ist wieder ein schöner Tag in diesem Teil des Atlantiks. ELLA’S PINK LADY segelt in 13 Knoten Wind mit fünf Knoten Geschwindigkeit raumschots. Ich werde jetzt die Angel wieder auswerfen. Das hatte ich mit dem Kälteeinbruch eingestellt. Ich weiß gar nicht, was man in diesem Revier fangen kann. Aber ein Versuch kann ja nicht schaden, oder?
Es dauerte allerdings nicht besonders lange, bis sich herausstellte, dass ein Versuch doch schaden kann! Nur Minuten, nachdem ich die Angel ausgeworfen hatte, stürzte sich ein über ELLA’S PINK LADY kreisender Vogel herunter und verfing sich in der Schnur. Sobald ich bemerkt hatte, dass der arme Vogel hinter uns hergezogen wurde, habe ich die Angel schnell eingeholt. Dem Vogel ging es zu der Zeit schon nicht mehr so gut. Ich hatte deshalb ein schlechtes Gewissen. Und so hat es einige Zeit gedauert, bis ich mich überhaupt wieder an die Angel traute. Neben Parker und meiner Kuscheltiercrew waren die Vögel meine einzigen regelmäßig wiederkehrenden Begleiter. Ich verbrachte Stunden damit, ihnen beim Fliegen um ELLA’S PINK LADY herum zuzusehen. Ich fand es grauenhaft, einen von ihnen auf diese Art und Weise zu fangen. Aber ich konnte mich damit nicht lange befassen, denn schon sehr bald sollte mein Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt sein.
In der vergangenen Woche waren ein paar Fronten durchgegangen. Laut Wettervorhersage sollten sie einige Stürme mit sich bringen, doch die hatten sich zunächst als vergleichsweise harmlos herausgestellt. Ich würde nicht sagen, dass ich deswegen selbstgefällig wurde, aber als Bob den nächsten Wetterbericht schickte und einen weiteren weniger starken Sturm ankündigte, hatte ich nichts Ernsthaftes erwartet. Eine Fehleinschätzung!
Sonntag, 24. Januar 2010
Wind, Wellen, Action und Drama!
Meine herrlich sonnigen Bedingungen endeten mit einem Knall. ELLA’S PINK LADY und ich hatten eine interessante Zeit hier draußen. Der Wind sollte annähernd auf Sturmstärke zunehmen, aber keiner der Rechner und auch keine Vorhersage hatte die 65 Knoten angekündigt, die ich ablesen konnte, bevor ich meine Windinstrumente beim Kentern verlor!
So viel Wind bringt sehr große und sehr böse Wellen mit sich. Um euch einen Eindruck von den Bedingungen zu geben: Sie waren vergleichbar mit jenen, die im schrecklichen Sydney-Hobart-Rennen 1998 herrschten. ELLA und ich sind viermal gekentert. Die dritte Kenterung war die schlimmste. Der Mast wurde 180 Grad ins Wasser gedrückt. Wobei drücken nicht das richtige Wort ist. Korrekt beschrieben, wurde ELLA’S PINK LADY hochgehoben, eine Welle hinuntergeworfen, dann unter einen brechenden Wellenberg gedrückt und mit Gewalt auf den Kopf gestellt. Ich hatte längst alle Schotten dicht gemacht. Es war viel zu gefährlich, an Deck zu sein. Ich konnte also nicht viel tun, mich nur anschnallen und festhalten. Obwohl wir nur mit dem kleinen Sturmsegel unterwegs waren, hat uns der elektronische Autopilot vor dem Wind hervorragend auf Kurs gehalten. Meine ermutigenden Anfeuerungen mögen dazu beigetragen haben oder auch nicht! Als wirklich gefährlich entpuppten sich nur die zerstörerischen Monsterwellen (»Freak Waves«), die uns von der Seite trafen und die Kenterungen verursachten.
Die solide Konstruktion des Geräteträgers ist komplett verbogen. Sein Anblick vermittelt einen sehr guten Eindruck von der Kraft der Wellen. Normalerweise können überkommende Wellen ein solides, mehrere Zentimeter dickes Rohr aus rostfreiem Stahl nicht mal so eben verbiegen. Man kann wohl sagen, dass sich ELLA’S PINK LADY als zähes kleines Ding erwiesen hat!
Ich hatte keine Ahnung, wie es an Deck aussah und welche Schäden vorlagen, denn ich saß unter Höchstanspannung unter Deck und klammerte mich fest, während alle möglichen Objekte quer durch die Kajüte flogen und ELLA’S PINK LADY unter der Belastung ächzte. Es war nicht leicht, meine positive und rationale Einstellung aufrechtzuerhalten, aber im Großen und Ganzen hat die Skipperin ebenso durchgehalten wie ELLA’S PINK LADY. Wir haben Phasen durchlebt, in denen man sich schon fragt, warum man das eigentlich alles macht. Aber ich hatte auf diese Frage immer noch eine lange Liste von guten Antworten parat. Ich wusste immer noch, warum sich harte Zeiten wie diese lohnen!
Mitten in diesem ganzen Drama erhielt meine Mutter zu Hause den schlimmsten nur denkbaren Anruf. Das Australische Rettungs-Koordinationszentrum (RCC) berichtete ihr, dass einer meine EPIRBs (ein Notfallsignalgerät) aktiviert worden sei. Der Sender, den ich unter dem Dodger angebracht hatte, ging während einer der Kenterungen los, ohne dass ich es mitbekommen hatte. Glücklicherweise rief ich wenige Minuten später an, bevor irgendjemand ernsthaft in Panik ausbrechen konnte. Ich war ziemlich sauer auf das Ding, das einfach losgegangen war und alle so erschreckt hat!
Wir sind nicht gänzlich ohne Schrammen durch den Sturm gekommen. Es gibt viele kleine Schäden, aber nichts, was uns aufhalten könnte. Ich glaube wirklich, dass es unserem Mastbauer David Lambourne zu verdanken ist, dass das Rigg noch steht und in bester Verfassung scheint. Abgesehen vom zerbeulten Geräteträger, ist auch das Steuerbordsolarpaneel verbogen. Die Windsteueranlage sitzt etwas schief, arbeitet aber wie durch ein Wunder immer noch akkurat (los, Parker!). Das Großsegel weist einige Risse auf, und eine der Relingstützen ist verbogen.
In der Kajüte herrschte der Ausnahmezustand. Noch immer ist alles nass oder mindestens sehr feucht. Die Teile des zerschellten Klos lagen neben vielen anderen Ausrüstungsgegenständen zunächst im ganzen Raum verteilt herum. Der Spirituskocher ließ sich nicht entzünden, funktioniert aber hoffentlich wieder, wenn er ein wenig getrocknet ist.
Nachdem ich das Schlimmste beseitigt und auch ein paar Stunden tiefen Schlaf gefunden hatte, fühlte ich mich wie ein riesiger Marshmallow. Meine Arme und Beine sind schwer und in erbärmlicher Verfassung. Dazu habe ich eine entzückende neue Sammlung blauer Flecken. Mental bin ich um mindestens zehn Jahre gealtert. Aber wir sind wieder in der Normalität zurück, und ich bin guter Dinge, denn bald ist Halbzeit.
Als der Wind sich endlich beruhigt hatte, wurde ich von einem phänomenalen Sonnenuntergang getröstet. Während ich die Schäden an Deck beseitigte, kamen ein paar Delfine längsseits geschwommen, als wollten sie sehen, ob es uns gut ging.
Ich schulde Bruce großen Dank. Er hat perfekt reagiert und fand jedes Mal die richtigen Worte, wenn ich ihn anrief. Er hat die Nacht ebenso durchwacht wie ich, um mich darüber auf dem Laufenden zu halten, wann der Wind endlich nachlassen würde.
Ich könnte noch ewig weiterschreiben, doch bevor aus meinem Bericht ein Roman wird, gibt es für mich hier noch einiges zu tun!
Als der Wind zunahm, war ich zunächst gar nicht beunruhigt. Als aber die Windinstrumente anzeigten, dass Böen mit 60 Knoten und mehr über uns hinwegfegten, habe ich realisiert, dass es sich nicht einfach um einen weiteren Sturm handelte. Das hatte ich nicht erwartet! Als ich damit begann, das Großsegel festzulaschen, gelang mir das schon nicht mehr so akkurat wie sonst. Ich habe zutiefst bedauert, so lange damit gewartet zu haben.
Um mich herum türmte sich die See immer höher auf. Den ersten Teil des Sturms habe ich im Cockpit verbracht und die Pinne selbst in die Hand genommen. Als es zu wild wurde, habe ich auf den elektrischen Autopiloten umgeschaltet und ihn beobachtet, wie er zu kämpfen hatte, um uns die Wellenberge hinunter und wieder hinauf zu steuern.
Der Wind hämmerte bitterkalt und gischtgeladen auf uns ein. Er biss sich in jede exponierte Hautstelle und schmerzte. Während der Orkan weiter an Stärke zunahm, war ich völlig gebannt von den Wellen, wie von Ehrfurcht ergriffen. Ich hatte früher schon hohe Wellen gesehen, aber diese hier waren anders. Sie kamen als riesige Wasserwände angerauscht. Ich hatte sie mir über Jahre hinweg vorgestellt und Bilder des grimmigen Südpolarmeeres an das Schott unserer Familienyacht geheftet. Und doch hatte mich nichts auf ihre Schönheit und ihre Kraft vorbereiten können.
ELLA’S PINK LADY verhielt sich so gut, wie man es von einem kleinen Boot unter Sturmfock erwarten konnte. Trotzdem spielten meine Nerven nach einigen Stunden verrückt. Der Sturm nahm immer weiter zu, und ich schrie dem Boot und dem Autopiloten permanent aufmunternde Worte zu. Wenn hinter uns eine besonders hohe Welle heranrauschte, warnte ich sie mit lauten Rufen, die sogar den heulenden Wind übertönten: »Okay, Mädels, da kommt wieder eine große Welle, seid ihr bereit!?«
Warf ein Wellenberg uns auf die Seite, klammerte ich mich an allem Möglichen fest und schrie weiter: »Haltet durch, haltet durch, kommt schon, ihr schafft das!« Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich mit ELLA’S PINK LADY oder eher mit mir selbst sprach. Während die Welle weiter rollte, surften wir sie hinunter, und ich rief: »Ruhig, nur ruhig!«
Kamen wir dann endlich heil im Wellental an, war es für ein paar Sekunden still (zumindest stiller), weil der Wind von den Wellenbergen auf beiden Seiten abgedeckt wurde. Ich musste also nicht ganz so laut schreien, wenn ich lobte: »Gut gemacht, Mädels, gut gemacht, Team!« Wenn ich fühlte, dass das Boot die nächste Welle hinaufritt, rief ich: »Einmal noch, nur einmal noch. Wir schaffen das!«
Ich bin sicher, dass mir das Brüllen mehr geholfen hat als ELLA’S PINK LADY und dem Autopiloten. Indem ich beständig mit starker und positiver Stimme schrie, habe ich mich beinahe selbst davon überzeugt zu glauben, ich wäre cool, ruhig und gefasst und nicht komplett ausgeflippt.
Es war wie damals unter dem Tisch mit unserem Kanarienvogel Maggie. Ich verschaffte mir Selbstsicherheit, indem ich meine ganze nervöse Energie in die Ermutigung eines anderen steckte. Klingt das total irre? Kann sein, aber es funktionierte. Es geht doch nichts über einen guten Bluff und darüber, so zu tun, als hätte man die Kontrolle, wenn doch eigentlich längst alles außer Kontrolle ist!
Auch nach mehreren Stunden nahm der Wind immer noch zu. Die Wellen waren inzwischen zu tiefschwarzen massiven Bergen mit weißen Flanken herangewachsen. Die weißen Gipfel schäumten und gurgelten, wie sie es sonst nur beim Brechen am Strand tun. Ich konnte an Deck nichts mehr tun und entschied, dass die Zeit gekommen war, mich unter Deck einzukeilen und die Sache auszusitzen.
In der Kajüte dachte ich zunächst, dass der Wind ein wenig nachgelassen hätte. Also folgerte ich, dass wir das Schlimmste überstanden hatten. Ich rief meine Mutter, meinen Vater und Bruce an. Ich war ganz guten Mutes und recht gesprächig. Ich war zwar nervös, aber auch begeistert davon, wie gut wir die Lage gemeistert hatten. Doch nach einer Weile musste ich feststellen, dass sich gar nichts besserte, und vereinbarte Kontrollanrufe für die Nacht. Mit einem Auge auf den Instrumenten konnte ich die Situation nur noch akzeptieren und geschehen lassen – was immer auch geschehen mochte.
Ich musste nicht lange warten. Die erste Kenterung war noch nicht so schlimm. ELLA’S PINK LADY richtete sich schnell wieder auf. Sie schien das Geschehene kurz abzuschütteln und raste die nächste Welle hinunter, bevor ich überhaupt realisiert hatte, was passiert war.
Zwischen dieser ersten Kenterung und unserer zweiten vergingen weitere Stunden. Ich verfluchte mich selbst, weil ich den Baum nicht sicherer festgelascht und die Verschlüsse der Backskisten nicht gründlicher überprüft hatte. Sie sprangen auf und spuckten alle möglichen Objekte auf den Boden, darunter die klotzigen Toughbooks. Um die Toughbooks machte ich mir keine Sorgen (die sind echt tough!), aber um mich selbst und das Boot!
Die zweite Kenterung war heftiger. Ich musste umherkriechen, mich regelrecht einkeilen und alle meine Kräfte zusammennehmen, um nicht durch die Kabine geschleudert zu werden. Der Mast holte weit mehr als 90 Grad über, berührte das Wasser und verharrte dort vermutlich nicht länger als eine Sekunde. Mir aber kam es unendlich viel länger vor.
Die dritte Kenterung war die, die mich an den Rand des Wahnsinns trieb. Ich war gerade in der Navigationsecke, machte eine Notiz ins Logbuch und bemühte mich um Beschäftigung, als ich ein donnerndes Brausen hörte, vergleichbar vielleicht mit dem Getöse eines Flugzeugmotors, nur noch röhrender und erschreckender. Ich hatte gerade noch Zeit, mich abzustützen, bevor die Welle ELLA’S PINK LADY traf, das Boot sich drehte und ins Wellental geschleudert wurde. Ich klammerte mich bei der Kenterung an die Handläufe, während sich meine Füße erst die Wand hoch und dann über die Decke tasteten. Die Sachen flogen durch die Kajüte, obwohl ich mich bemüht hatte, alles zu sichern. Ich hörte nicht auf, ELLA’S PINK LADY zuzurufen, sie möge durchhalten, und dass bald alles wieder gut wäre.
Ich würde euch gern erzählen, was mir in diesen Momenten durch den Kopf ging, aber ich kann nicht, denn da war absolut nichts mehr! Ich befand mich in einem benommenen Zustand totaler Ungläubigkeit. Als wir uns endlich wieder aufgerichtet hatten, riskierte ich einen Blick hinaus aus dem Niedergang. Viel konnte ich nicht sehen, und weiter hinaus konnte ich mich nicht wagen. Das Deck erinnerte an einen Kriegsschauplatz. Der solide Stahlrahmen des Geräteträgers und seine dicken Rohre waren total verbeult, und Parker sah mich aus einem merkwürdigen Winkel heraus an. Der Baum hatte sich bewegt und regelrecht Stücke aus dem Dodger gerissen. Diese Welle muss ungeheuer gewaltig gewesen sein, um einen solchen Schaden anzurichten. Ich hielt mich nicht lange mit der Schadensbilanz auf. Ich wollte nicht auf noch so eine Welle warten …
Es wäre eine glatte Untertreibung, wenn ich behaupten würde, mir nach der dritten Kenterung keine Sorgen gemacht zu haben. Ich weinte aber nicht und wurde auch nicht hysterisch. Nein, stattdessen geriet ich in diese eher düstere, aber rationale Stimmung und ging im Geist meine Optionen und mögliche Lösungen durch. Ich entwarf einen Aktionsplan für den Fall, dass die Bedingungen noch schlimmer werden würden.
Als ich mit Bruce sprach, fragte er mich das erste und einzige Mal während meines Törns, wie es mir gehen würde. Ich antwortete: »Nicht gut!« Ich sagte ihm, dass die Dinge unter Kontrolle seien, aber wir waren uns darin einig, dass wir die örtlichen Rettungsbehörden informieren sollten. Sie sollten wissen, dass ich mit enormen Wellen und schwerem Wetter zu kämpfen hatte, das sich möglicherweise sogar noch verschlechtern würde. Nachdem ich die Kraft der letzten Welle zu spüren bekommen und gesehen hatte, was sie angerichtet hat, konnte ich kaum glauben, dass Rumpf und Rigg meines Schiffes noch intakt waren. Dennoch habe ich Bruce nicht alles erzählt. So habe ich mich gerade noch zurückhalten können und nicht erwähnt, dass sich unsere Rettungsinsel aus ihrer Verankerung im Cockpit losgerissen hatte. Wozu auch? Ich hatte es geschafft, sie runter in die Kajüte zu zerren. Denn eins war völlig klar: Im Falle einer weiteren Kenterung hätte ich sie ansonsten nie mehr wiedergesehen. Ich sah jedoch keinen Grund, Bruce noch mehr zu beunruhigen.
Bruce hatte mit Bob gesprochen (es war mitten in der Nacht in Neuseeland – sie kümmerten sich rührend um mich!). Bob hatte eine neue Wettervorhersage für mich. Als ich die hörte, sackte mein Herz noch etwas tiefer. Entsprechend den errechneten Modellen stand uns der schlimmste Teil des Sturms immer noch bevor. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass es noch heftiger werden sollte, als es schon war! Ich mochte auch gar nicht genauer darüber nachdenken, wie schlimm es werden könnte, aber die beiden hatten bereits ausgerechnet, dass mich eine Halse und ein Kurswechsel möglicherweise vor dem Zusammentreffen mit dem Auge des Sturms bewahren könnten. Das klang in meinen Ohren vernünftig!
Nachdem ich gehalst hatte, kauerte ich mich wieder auf meinen Sitz unter Deck, schnallte mich fest und schlief ein paar Minuten. Dabei hielt ich das Satellitentelefon ganz fest an mich gedrückt, denn ich wollte es für den Notfall griffbereit haben. Wir sind noch einmal auf die Seite gekippt, aber es war eher so wie beim ersten Mal. Die Welle hatte nicht mehr die Kraft, die ich befürchtet hatte. Nach einiger Zeit war ich sicher, dass sich die Bedingungen trotz Bobs Vorhersage langsam beruhigten. Das Gebrüll des Windes und das Stampfen der Wellen klangen nicht mehr so laut und mächtig wie zuvor. Ich fiel wieder in unruhigen Schlaf, während der Sturm langsam abebbte.
Die Art und Weise, in der ELLA’S PINK LADY die vier niederschmetternden Schläge weggesteckt hatte, war bravourös. Es hatte einmal mehr gezeigt, was für ein großartiges Boot die S&S 34 ist.
Dienstag, 26. Januar 2010
Australia Day!
Wir werden jedes Jahr in der Schule gefragt, was uns der Australia Day (australischer Nationalfeiertag) bedeutet. Dieses Jahr hätte ich von Australien nicht weiter entfernt sein können. Es gibt hier draußen auch nichts, was ein typisches Fest am Australia Day ausmacht: keinen Sonnenschein, keinen Strand, keine Ferien und keine Grillparty. Dennoch kann ich besonders in diesem Jahr aus vollem Herzen sagen, dass ich stolz darauf bin, Australierin zu sein. Es ist ein großartiges Gefühl, die Unterstützung einer ganzen Nation hinter sich zu wissen.
Ich habe noch lange nicht die ganze Welt gesehen (und einiges von Australien auch noch nicht!), aber es gibt einige Dinge, die ich für typisch »Oz« (australisch) halte: unsere entspannte positive Einstellung und unsere »Ich-schaffe-das-schon«-Mentalität. Ich sehe uns gern als ein Land, in dem man zusammenrückt und Herausforderungen gemeinsam annimmt. Ein Land, das imstande ist, der Welt zu zeigen, dass wir die Ziele erreichen, an die wir glauben.
Wie feiere ich also? Nun, ich war letzte Nacht total begeistert, als ich einen Anruf von Premierminister Kevin Rudd erhielt. Er bot mir an, allen Australiern eine Botschaft von mir zu übermitteln. Das reichte mir für eine gelungene Feier!
Von der Nachrichtenfront kann ich euch berichten, dass die Toilette wieder heil ist (Gott sei Dank!) und der Spirituskocher wieder brennt, seit er getrocknet ist. Ich muss es an dieser Stelle kurz erwähnen: Nach ein paar Tagen ohne meinen Kocher ist mein Respekt für James und Justin (die Männer, die die Tasmanische See im Kajak überquert haben) und jeden anderen Segler oder Abenteurer, dessen Mahlzeiten hauptsächlich aus selbsterhitzenden gefriergetrockneten Gerichten bestehen, ins Unermessliche gestiegen!
Meine Aufräumarbeiten an Bord von ELLA’S PINK LADY schritten nach unserer kleinen Misshandlung recht gut voran. Die Front, die uns gestern passierte, war natürlich nicht sehr hilfreich. Aber glücklicherweise brachte sie uns nicht mehr als 40 Knoten Wind. Ich warte gerade darauf, dass der Wind noch ein bisschen mehr abnimmt, damit ich das Segel zu Ende flicken und wieder hochziehen kann. ELLA’S PINK LADY sieht mit ihren Kriegsverletzungen ein bisschen mitgenommen aus, aber – und das ist wichtiger – sie ist so stark wie eh und je. Ich sollte darüber eigentlich nicht überrascht sein, denn sie ist genau das, wozu wir sie gemacht und warum wir eine S&S 34 ausgewählt haben. Es ist aber trotzdem gut zu wissen.
Über mangelnde Fortschritte kann ich mich in letzter Zeit nicht beklagen. Wir fliegen über den Atlantik. Ich mache mir langsam Sorgen, dass schon bald alles vorbei sein wird und ich nach Hause komme, bevor ich bereit dazu bin.
Für heute melde ich mich ab. Ich werde mir Frikadellen machen und sie zu einem Hamburger verarbeiten. Danach gibt es vielleicht noch Kuchen oder Muffins, weil ich so glücklich darüber bin, dass der Kocher wieder funktioniert.
Happy Australia Day!
PS: Eine Million Glückwünsche an Abby Sunderland zum Start ihrer Reise um die Welt am letzten Samstag! Ich weiß, dass schon das Erreichen der Startlinie eine Riesenherausforderung ist. Ganz anders als die offensichtlich vielen Erwachsenen, die sich dazu entschlossen haben, Abby und mich als Rivalinnen gegeneinander aufzuhetzen, wünsche ich ihr nur das Beste! Ich bin total begeistert, dass noch ein anderes Mädchen diesen Rekord in Angriff genommen hat!
Donnerstag, 28. Januar 2010
Ostwärts
Die Temperaturen sind schon nicht mehr wirklich kalt. ELLA’S PINK LADY und ich segeln nun weit genug im Norden, um die schlimmsten Wettersysteme im Süden zu umschiffen (aber natürlich könnten wir uns auch hier noch einen Sturm einfangen). Es ist an der Zeit, dass wir endlich Boden in Richtung Osten gutmachen. Wenn wir uns zu weit in Richtung Norden bewegen, besteht die Gefahr, die vorherrschenden westlichen Winde zu verlieren, die für uns leichtes Segeln und gutes Vorankommen bedeuten.
Wir werden das Kap der Guten Hoffnung und Afrika bereits in 2300 Seemeilen passieren und haben den Atlantik etwa zur Hälfte durchquert. Die Zeit fliegt, wenn man Spaß hat!
Es gibt nichts Neues oder Aufregendes von hier draußen zu berichten. Uns geht es gut. Ich liebe immer noch jeden Moment und genieße die vielen kleinen Dinge. Ich habe noch einige Jobs erledigt, die mir der Sturm beschert hatte. Gestern habe ich den Sonnenschein genutzt, um Wäsche zu waschen. Das Rigg und die Seereling eignen sich hervorragend als Wäscheleinen!
Nun, da alle wieder zur Schule gehen müssen (tut mir leid für euch!), ist es vermutlich an der Zeit, dass auch ich mich auf die Suche nach meinen Schularbeiten mache.
Es sieht so aus, als würden wir noch eine Weile innerhalb dieses ruhigen Wetterfensters segeln, und kommen hoffentlich weiter gut voran.
Jessica Watsons
Video-Tagebuch – Tag 103
JW Video diary Day 103.mp4
Sonntag, 31. Januar 2010
Sonnig, neblig und eine glatte See
Ich weiß, dass Sonne und Nebel nicht gerade eine typische Kombination sind. Bis gestern hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung, dass beide tatsächlich nebeneinanderher existieren können. Es war ein ziemlich merkwürdiges Szenario. In einer Minute hatte ich noch perfekten Sonnenschein und in der nächsten schien sie nur noch durch einen dicken Nebelschleier. Es war ein wenig eigenartig. Der Nebel blieb uns für den Rest des Tages und die Nacht erhalten und erinnerte mich an die diesigen Bedingungen, die wir in etwa auf diesem Breitengrad auf unserem Kurs in den Pazifik erlebt hatten.
Die Segelbedingungen sind sanft und sorgen für ein nettes und angenehmes Leben. Ich kann kaum glauben, wie wenig Wellengang wir haben und wie glatt das Wasser ist. Demzufolge sind unsere Geschwindigkeiten in den leichten Winden natürlich nicht gerade eindrucksvoll.
Trotzdem strebt ELLA’S PINK LADY dem Osten mit beständigem Fortschritt entgegen. Der warme Sonnenschein und das mühelose Segeln erinnern mich an die Tropen. Ich fühle mich wie in den Ferien.
Es ist unglaublich, wie die ruhigen Bedingungen meinen Bordalltag binnen weniger Tage verändert haben. Es waren wieder einmal die kleinen Dinge: Ich ließ meine Sachen draußen im Cockpit liegen und schlief wieder dort. Es ist auch ein erhebendes Gefühl, in der Kajüte wieder eine Tasse abstellen zu können, ohne dass sie gleich durch den Raum fliegt. Ich muss mich selbst immer wieder daran erinnern, dass ich alles in Ordnung halte und tipptopp pflege, denn die Bedingungen werden nicht ewig so bleiben.
Bis zum Kap der Guten Hoffnung sind es noch 2000 Seemeilen. Das war’s für heute von mir, denn ich bin scharf darauf, wieder nach draußen in die Sonne zu kommen!
Montag, 1. Februar 2010
Das Leben hier draußen geht seinen Gang
ELLA’S PINK LADY und ich genießen weiter eine schöne Segelzeit. Gestern war ein besonders toller Tag, weil wir fast durchgehend mit sieben Knoten Geschwindigkeit unterwegs waren. Der Wind wehte meist mit zwölf bis 17 Knoten. Das schätze ich zumindest, denn seit ich meine Windinstrumente im Sturm verloren habe, muss ich mich deutlich primitiverer Methoden bedienen: Ich schaue aus dem Fenster oder befestige einen kleinen Faden am Rigg, um die Windgeschwindigkeit und -richtung zu bestimmen.
Wir haben genau die Bedingungen, die ELLA’S PINK LADY und ich lieben. Wird irgendjemand Einspruch erheben, wenn wir Sydney auslassen und noch eine Runde drehen? Nein, macht euch keine Sorgen. Das würde ich euch nicht antun. Ich verbringe zwar immer noch die Zeit meines Lebens hier draußen, aber es gibt schon Dinge zu Hause, die ich vermisse. Ich werde unter keinen Umständen an der verlockenden heißen Dusche vorbeisegeln und habe tatsächlich Angst, dass ich meinen Bruder nicht mehr wiedererkenne, wenn ich noch länger hier draußen bleibe. Er wächst offenbar von Minute zu Minute!
Die schräge Kombination aus Sonne und Nebel gab es immer wieder einmal. Es ist doch merkwürdig, null Prozent Wolken über sich zu sehen und trotzdem »sehr schlechte Sicht« ins Logbuch einzutragen. Aber ich komme ja auch aus Queensland. Für mich wird Nebel wohl immer etwas befremdlich bleiben!
Ihr habt vielleicht gemerkt, dass wir wieder auf nordöstlichem und nicht mehr auf östlichem Kurs segeln. Bob hat mich etwas weiter nach Norden dirigiert, um einem besonders hässlichen Wettersystem auszuweichen, dass südlich an uns vorbeizieht.
Es ist schon verrückt: Vor Kurzem noch war es ein Kampf, warm zu bleiben. Das galt insbesondere für meine Füße, obwohl sie in mehreren Lagen Socken und tief im Schlafsack steckten. Jetzt bin ich schon wieder irritiert, weil ich mit heißen Füßen aufwache! Dass mich eine so nichtige Angelegenheit überhaupt ärgert, wird euch klar machen, dass es uns hier draußen zur Zeit wirklich gut geht.
Das Leben geht ganz normal weiter. Den gestrigen Tag habe ich meinem Boot gewidmet. Die üblichen Wartungspflichten halten mich auf Trab. Dazu zählen beispielsweise das Spannen der Keilriemen am Motor und das Abtapen einiger Scheuerstellen an Deck. Ich bin offenbar auch imstande, einen Großteil meiner Zeit in das Kochen zu investieren (oder zu verschwenden). Meine Trockenei-Omeletts werden beständig besser, aber meine kreativen Ergänzungen zu den Easyfood-Gerichten scheitern regelmäßig. Ebenso wie die meisten meiner anderen Nahrungsexperimente. Es ist äußerst angenehm, dass niemand da ist, um sich über die Mahlzeiten zu beschweren. Ich schaffe es immer wieder, sie zu ruinieren!
Ich könnte euch viele Geschichten von Mahlzeiten erzählen, die ich verdorben habe. Aber keine reicht an den Tag heran, als ich mir ein Nudelgericht kochen wollte und dafür Diesel statt Wasser benutzte. Ihr habt richtig gelesen: Dieselkraftstoff!
Ich summte zur Musik vor mich hin, hing ein paar Tagträumen nach und machte mir Abendbrot, war also nicht so aufmerksam, wie ich es hätte sein sollen. Ich bemerkte gar nicht, dass ich Flüssigkeit aus dem falschen Kanister goss, um sie mit dem Milchpulver zu vermischen. Ich habe weder den merkwürdigen Geruch noch die seltsame Konsistenz wahrgenommen. Als alles vermengt war, habe ich es zu den Nudeln gegeben und erhitzt, bis es eindickte. Ihr werdet nun denken, dass ich es inzwischen doch wohl gemerkt haben müsste, aber das geschah erst, als ich meinen Finger zum Probieren hineinsteckte – IIIIHHH!!!
Doch ich will fair mit mir selbst sein: Den Diesel hatte ich erst kurz vor dem Kochen umgefüllt. Dabei habe ich ein wenig gekleckert. Es ist also möglich, dass meine Nase bereits immun gegen den Geruch war. Trotzdem war es dämlich, und ich erwachte ziemlich unsanft aus meinen Tagträumen, als der Diesel meine Geschmacksnerven erreichte!
Dienstag, 2. Februar 2010
Herrliches Fahrtensegeln
So langsam fühlt es sich hier draußen ein wenig an wie »immer das gleiche Lied«. Es ist vermutlich dumm, so etwas zu sagen, denn nun, da es einmal heraus ist, wird »Murphy’s Law« zuschlagen und irgendetwas Dummes geschehen lassen! Dabei ist mangelnde Action ja gar nicht so schlecht. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten, oder?
Es scheint auch, als sei mein Kontingent an Sonne aufgebraucht. Dabei habe ich heute beim Aufräumen der Schränke den Sextanten (ein Instrument, mit dessen Hilfe man die Positionen von Sonne und Sternen messen und daraus resultierend von sich selbst errechnen kann) entdeckt. Es reizt mich, die Bücher rauszuholen und zu sehen, an was ich mich noch erinnern kann. Das wäre natürlich wesentlich einfacher, wenn ich die Sonne tatsächlich sehen würde.
Aber genug der Beschwerden. Auf der Habenseite kommen wir gut voran, sehen immer noch eine Menge Sechsen und Siebenen auf der Geschwindigkeitsanzeige. Es fliegen auch wieder mehr Vögel um uns herum. Vielleicht liegt es daran, dass wir einigen Inseln näher kommen. Ich kann verschiedene Arten ausmachen. Die Vögel auf diesem Kurs scheinen kleiner zu sein als die auf unserem Weg in den Süden. Am meisten vermisse ich die Albatrosse!
Wir werden wohl am schlimmsten Teil des hässlichen Sturmes im Süden vorbeisegeln, doch wir erwarten in ein paar Tagen auch hier oben ziemlich heftigen Wind. Ich werde froh sein, wenn auch diese Front endlich an uns vorübergezogen ist, weil wir dann wieder auf östlichen Kurs gehen können.
PS: Es sieht so aus, als hätte ich mich zu früh gefreut! Ich hatte gerade mit dem Schreiben aufgehört, saß in der Navigationsecke und schaute aus dem Bullauge (eine meiner glamourösen Freizeitbeschäftigungen), als ich beim Anblick eines großen orangefarbenen Objekts einen Riesenschreck bekam. Es glitt, nur einen knappen Meter vom Boot entfernt, an uns vorbei und war wohl eine Fischerboje. Beinahe wären sie und Parker miteinander kollidiert!
Samstag, 6. Februar 2010
Wind und Delfine
Gestern wurde es wieder ein bisschen schaukelig, nachdem der Wind zugenommen hatte. Uns hat aber nur die äußere Kante des Schlechtwettersystems im Süden erwischt. Mein »Jess-timate« (so nannte Bruce meine meist ziemlich vagen Schätzungen der Windbedingungen) belief sich auf bis zu 40 Knoten in Böen.
Die Wellen waren immer noch über vier Meter hoch. Das ist nicht besonders riesig, aber in diesem Fall waren die Wellen unangenehm und rollten mit Macht heran. Also wurde ELLA’S PINK LADY wieder ein bisschen umhergestoßen.
Der Wind nahm, wie erwartet, zu und wieder ab. Wir waren gut vorbereitet und konnten nicht mehr tun, als durchzuhalten und mit den Wogen zu rollen. Nachdem wir hier draußen nun einige Stürme überstanden haben, bewältigten wir die 40 Knoten fast schon routiniert. So, wie sich auch Wenden, Halsen oder Reffen fast schon zum automatischen Reflex entwickelt haben. Ich war trotzdem wachsamer denn je. Zu wissen, dass ich alles doppelt überprüft hatte, schien mir der einzige Weg zu innerem Frieden.
Bevor der Wind wieder zugenommen hatte, bekam ich noch Besuch von einigen Delfinen. Tatsächlich waren es hunderte! Die Delfine waren überall, in jeder Richtung, bis hin zum Horizont. In langen Reihen sprangen sie aus den Wellen, schossen die Berge hinunter oder spielten mit dem Bug von ELLA’S PINK LADY. Manche schwammen leise neben uns her, andere plauderten in kleinen Quietsch- und Schnattertönen miteinander. Ich wusste gar nicht, wohin ich schauen sollte. Ihr Besuch kam genau zur richtigen Zeit. Ich war gerade ein wenig trübselig und frustriert. Aber die Delfine haben mir mein Lachen zurückgegeben!
Die Säuger waren aber in jüngster Zeit gar nicht meine einzige Gesellschaft. Ich habe auch zunehmenden Schiffsverkehr registriert. Damit meine ich drei Schiffe in zwei Tagen. Für mich sind das viele.
Als ich gestern die Bordküche mit Nachschub aus den Stauräumen im Bug wieder aufgefüllt habe, entdeckte ich, dass mir die Pringles ausgehen (ich habe nur noch eine Packung!), die Tomatensoße sich dem Ende nähert und schon sehr bald auch keine Dosenfrüchte mehr da sein würden. Andererseits entdeckte ich ein Geheimversteck mit Nutella.
Es sind nur noch 1500 Seemeilen bis zum Kap der Guten Hoffnung, das wir ziemlich weit südlich und weitab von Land passieren werden.
Als ich meine etwas niedergeschlagene Stimmung erwähnte, wollte ich damit nicht sagen, dass es mir total schlecht ging. Ich hatte nur einen dieser Tage, an denen ich mich nicht aufraffen und mich nicht selbst am Schopf packen konnte, um mich aus dem Schlechte-Laune-Strudel zu ziehen. Wenn ich so drauf war, dann vernachlässigte ich meine Segelpflichten, Wartungsaufgaben oder andere nicht essenzielle Dinge. Ich behielt beispielsweise ein Reff im Segel, obwohl ich mit etwas Mühe mehr Geschwindigkeit hätte erreichen können. Ich rief niemanden an und verschickte auch keine Mails, meldete mich nur ganz kurz zu den vereinbarten Zeiten.
Der Besuch der vielen hundert Delfine kam für mich wie ein perfekter Weckruf. Ich konnte einfach nicht Trübsal blasen, während sie bei uns waren. Es ist unmöglich, dem Charme der Delfine zu widerstehen, die mich wieder zum Lachen brachten und auf ELLA’S PINK LADYs Nase herumtanzten.
Dienstag, 9. Februar 2010
Fliegende Fische, Abfälle, Flaute und Sturm
In den letzten paar Tagen gab es viel Abwechslung: Flaute und stürmische Winde. Beides fühlte sich aber in den fast tropisch warmen Temperaturen angenehm an. Ich habe sogar ein paar Fliegende Fische (die normalerweise eher in deutlich wärmeren Gewässern unterwegs sind) an Bord entdeckt und wurde nass, als ich sie eingehender inspizierte. Aber ich schreie dieser Tage nicht mehr halb so laut, wenn mich wieder einmal eine Welle erwischt.
Neben den Fliegenden Fischen habe ich zuletzt auch viel Plastik und Müll an uns vorbeiziehen sehen. Er treibt schmutzig im Meer herum und wirkt hier völlig fehl am Platz. Ich habe für mich beschlossen, Plastikflaschen künftig entschlossener abzulehnen. Ich möchte weniger Plastik benutzen, wenn ich wieder zu Hause bin.
Gestern und auch in der letzten Nacht hatte der Wind wieder auf 35 Knoten zugenommen. ELLA’S PINK LADY bewegte sich mit einem Reff gut in der Welle und flog nur so dahin.
Der Sonntag begann extrem frustrierend. Wir steckten plötzlich in einer totalen Flaute. Mich ärgerte weniger der Fakt, dass wir nicht vorankamen, als das scheußliche Rollen. Die vier Meter hohen Wellen hatten uns die stürmischen Bedingungen am Vortag zurückgelassen. Es gab nicht den Hauch eines Windes, um die Segel wenigstens minimal zu stabilisieren. Das Rollen war extrem ungemütlich und machte mir schlechte Laune, bis sich der Himmel wieder aufklarte und die Sonne hervorkam. Es sind die kleinen Dinge, die oft für den entscheidenden Unterschied sorgen!
Den Rest des Tages habe ich damit verbracht, den Sonnenschein zu genießen und meine umfangreichen Vorräte an Ella-Baché-Produkten zu durchstöbern. Ich verwöhnte mich nach allen Regeln der Kunst und stellte sicher, dass auch meine Haut ihren Anteil an Aufmerksamkeit erhielt!
Als der Wind zurückkam, fühlte ich mich so gut wie lange nicht mehr. Ich war definitiv bereit, den Rest der Welt in Angriff zu nehmen!
Letzte Nacht hat uns ein weiteres Schiff passiert. Wie auch sonst öfter, nahm ich Funkkontakt mit ihm auf, um sicherzustellen, dass es uns auf dem Radar hatte. Abgesehen von der Tatsache, dass ich zu der Zeit lieber geschlafen hätte, war der Funker sehr freundlich. Es war richtig nett, ein wenig mit ihm zu plaudern, bis die Unterhaltung zum Stillstand kam, als ich ihm versuchte zu erklären, was ich hier draußen tat. Diese Reaktion ist mir schon öfter widerfahren. Offensichtlich ist es für die Leute zu schwer zu verarbeiten.
Aber ich will fair sein: Es ist schon etwas ungewöhnlich, so weit draußen mitten auf See auf eine kleine pinkfarbene Yacht zu treffen, die in einer stürmischen dunklen Nacht immer wieder einmal auf den Wellenkämmen erscheint, nur um gleich wieder zu verschwinden. Und dazu wird einem dann völlig unerwartet von einem Mädchen beiläufig erzählt, dass ihr nächster Zielhafen Sydney ist!
Doch nun ist es an der Zeit für den überfälligen Bericht über meine Angelerfolge. Ich habe leider keine guten Nachrichten! Ich habe zwar die Angel immer wieder einmal ausgeworfen, doch seit sich der Vogel vor einigen Wochen in der Schnur verfangen hatte und statt eines Fisches am Haken hing, bin ich noch zaghafter geworden. Der Vogel konnte sich zwar selbst befreien, aber ich fühlte mich so mies, dass ich den Rest des Morgens damit verbrachte, die anderen Vögel mit Krümeln von meinen Schokoladenkeksen zu füttern (die mag ich besonders gern – woran ihr sehen könnt, dass ich mich wirklich schlecht fühlte!). Ich habe ja nur einen begrenzten Vorrat davon an Bord. Auch deswegen scheute ich mich zuletzt ein wenig, die Angel auszuwerfen. Aber wir haben ja noch etliche Seemeilen vor uns, und ich bin sicher, dass mein Selbstvertrauen schon bald zurückkehren wird.
Das war’s für heute. Der Wind hat auf 15 Knoten abgenommen. Es ist Zeit, ein weiteres Reff herauszunehmen, um uns flott zu machen.
Samstag, 13. Februar 2010
Freiluftbüro
Die glatte See und viel Sonnenschein haben ELLA’S PINK LADY und mich in den letzten Tagen glücklich gemacht! Wir sind zwar etwas langsam unterwegs und haben zu oft die Drei auf der Geschwindigkeitsanzeige gesehen (nicht gerade glamourös!), aber wir bewegen uns in die richtige Richtung, und warum sollte ich mich im Sonnenschein zu sehr über Kleinkram aufregen?
Falls ich mich jemals zu einem Einstieg ins Regattasegeln entscheiden sollte, werde ich diesbezüglich an meiner Einstellung ein wenig arbeiten müssen … Sonst werde ich jedes Mal ans Ende der Flotte durchgereicht, wenn die Sonne scheint.
Gestern hatte ich die famose Idee, das Toughbook aus seiner Verankerung in der Navigationsecke zu befreien und mit ins Cockpit zu nehmen, um dort ein wenig zu schreiben. Fragt mich nicht, warum ich daran nicht schon früher gedacht habe. Es ist doch hundertmal schöner, im Freien und von Wasser umgeben am Computer zu sitzen. Es fällt mir dort auch viel leichter, die anstehenden Aufgaben in Angriff zu nehmen. Sorry an alle, die das hier gerade lesen und selbst von vier Wänden eingeschlossen sind!
Während ich hier draußen in meinem herrlichen Freiluftbüro sitze, haben wir Besuch von zwei entzückenden Blaubarschen bekommen. Sie haben den Nachmittag damit verbracht, um uns herum zu schwimmen und dabei abzuknabbern, was sie am Rumpf so fanden … Gut, dass sich mal jemand darum bemüht, den Rumpf sauber und frei von Algenbewuchs zu halten. Ich komme mir fast vor wie bei einer Fahrt durch eine Autowaschanlage!
ELLA’S PINK LADY kommt momentan recht gut voran, doch der Wind weht uns auf die Nase, und wir segeln nicht ganz auf dem Kurs, den ich mir wünschen würde. Wir sollten heute noch den Nullmeridian kreuzen. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder in die östliche Hemisphäre zu gelangen. Ich weiß, dann wird es sich wirklich so anfühlen, als seien wir auf dem Weg nach Hause.
Schien die Sonne, konnte ich mit flauen Winden sehr gut umgehen, erledigte verschiedene Arbeiten an Deck, überprüfte die Ausrüstung und stellte sicher, dass alles gut in Schuss ist. Eine Arbeit, die eigentlich nie aufhörte! Auf unserem ganzen Weg um die Welt habe ich immer wieder neue Listen geschrieben und die Jobs abgehakt, die ich erledigt hatte. Hier kommt ein Beispiel einer Jobliste, die ich am 12. Februar geschrieben habe:
- Großsegel flicken
- Kraftstofftank auffüllen
- Keilriemen nachziehen und Motor überprüfen
- Vorräte und Ausrüstung im Vorschiff aufräumen und neu sortieren
- Kajüte aufräumen (dieser Punkt war Bestandteil jeder Liste!)
- Spirituskocher auffüllen
- Klemmschraube der Pinne anziehen
- Alle Muttern des Autopiloten nachziehen
- Sicherungskasten mit Kontaktspray einsprühen
- Windsteueranlage kontrollieren und schmieren
- Motor laufen lassen, bis die Batterien wieder ganz aufgeladen sind und das Voltmessgerät »F« anzeigt
- Hausaufgaben
Montag, 15. Februar 2010
Wir treiben umher
In den letzten Tagen sind wir kaum gesegelt, eher umhergedriftet und gerollt, manchmal sogar rückwärts. Es war nicht gerade aufregend. Deswegen haben wir den Nullmeridian immer noch nicht überquert. Wir stecken hier ein paar Seemeilen vorm Eintritt in die östliche Hemisphäre fest und können sie einfach nicht erreichen, weil totale Flaute herrscht!
Ich habe meine Zeit damit verbracht, das Boot entweder selbst zu steuern oder mich in einem Buch zu vergraben, um mich von diesem nervtötenden Rollen abzulenken. Es ist wirklich sehr frustrierend!
An den Tagen, wo wir keine Fortschritte machen, habe ich immer das Gefühl, dass wir unsere Zeit hier draußen vergeuden. Es hat ein wenig gedauert, aber inzwischen habe ich für mich herausgefunden, wie ich es am erfolgreichsten verhindere, mir vor lauter Frust die Haare einzeln auszurupfen: Meine Strategie heißt »lass es nicht an dich herankommen«! Diese Strategie wende ich auch in stürmischen Zeiten erfolgreich an. Ist es nicht großartig, dass Teenager so herrlich stur sein können? Ach ja, Schokolade hilft natürlich auch!
Die gute Nachricht: Der Wind soll bald wieder zunehmen, und wir freuen uns darauf!
Ich wollte euch noch einen detaillierteren Überblick über den technischen Zustand von ELLA’S PINK LADY geben. Dazu einen Überblick über Abnutzung und Verschleiß an Bord. Doch das hebe ich mir nun für morgen auf.
Der Nullmeridian ist ein Längengrad (also eine vertikale Linie), der den nullten Längengrad auf einer Karte von der Erde markiert. Die Linie des Nullmeridians beginnt am Nordpol und endet am Südpol. Mithilfe spezieller Messmethoden kann man exakt feststellen, auf welchem Längengrad man sich gerade befindet. Dieser Punkt lässt sich dann auf der Karte genau bestimmen.
Mitte Februar befanden wir uns bereits relativ hoch im Norden. Einige würden sicher sagen, dass wir sogar weiter nördlich segelten als nötig. Doch der Grund dafür, dass wir uns für die langsamere nördliche Route entschieden hatten, lag auf der Hand: Wir minimierten damit die Gefahr, auf einen der hässlichen Stürme zu treffen. Für uns waren Segelkomfort und Sicherheit wichtiger als Geschwindigkeit. Außerdem taten der Sonnenschein und die warmen Temperaturen ja nicht weh. Nebenbei konnte ich so auch meine eigenen Batterien wieder auftanken. Als Mädchen aus Queensland kann ich den Mangel an Sonnenschein ohnehin nur schwer ertragen. Unser langsames Fortkommen empfand ich zwar als schmerzlich, aber wenn ich zwischen flauen Winden und Stürmen hätte wählen können, dann würde ich jeden Tag wieder die Langsamkeit wählen.
Mittwoch, 17. Februar 2010
Ortswechsel und Abnutzung
Nach meinem letzten Blog hat es nicht mehr lange gedauert, bis der Wind wieder zunahm und wir den Nullmeridian in die östliche Hemisphäre überquerten – Gott sei Dank! Danach hatte sich der Wind über den ganzen gestrigen Tag bei etwa 30 Knoten eingependelt. ELLA’S PINK LADY flog wieder, absolvierte viele herrliche Seemeilen in südlicher und östlicher Richtung.
Ich gebe zu, dass ich mit Blick auf den Süden nicht gerade begeistert war, nachdem ich so lange Temperaturen zwischen 20 und 26 Grad genießen durfte. Die Aussicht, nun wieder in kühlere Regionen zu segeln, stimmte mich nicht gerade enthusiastisch.
Offenbar hat der Gedanke an die Kälte ELLA’S PINK LADY und Parker kaum mehr gefallen als mir. Ich musste unseren Kurs dauernd korrigieren, um eher eine südöstliche denn östliche Richtung einzuschlagen. Denn wenn wir uns nicht weiter südlich orientieren, dann wird die Heimreise wesentlich länger dauern. Also stehen wieder der Süden und die Kälte auf dem Programm – wenn auch widerwillig!
Ich hatte euch einen technischen Bericht über den Zustand von ELLA’S PINK LADY versprochen. Insgesamt sieht sie sehr gut aus, wenn man die Meilen bedenkt, die sie bereits absolviert hat. Wie würdet ihr euch wohl nach vier Monaten harter Arbeit ohne einen Tag Pause fühlen?!
Angesichts des verbogenen Geräteträgers, ein paar anderen Narben und der Rostflecken an Deck und an einigen Edelstahlteilen sieht sie tatsächlich ein wenig verwittert aus. Doch Rigg, Segel, Tauwerk und andere Teile halten sich prächtig, weisen nur wenige Abnutzungserscheinungen auf.
Parker, meine nunmehr leicht gekrümmte Fleming-Windsteueranlage, versieht seinen Dienst so zuverlässig wie eh und je, obwohl er die Angewohnheit hat, ein wenig an den Leinen zu scheuern, die ihn mit der Pinne verbinden. Deswegen drehe ich sie immer wieder um oder kürze sie.
Der kleine Yanmar-Motor hat sich bewährt und noch kein einziges Mal beim Anlassen versagt, wenn ich ihn laufen lasse, um die Batterien aufzuladen (im Leerlauf, versteht sich!). Die einzigen bislang erforderlichen Wartungsarbeiten bestanden im Nachziehen eines Keilriemens. Auch die Stopfbuchse – der Austritt der Propellerwelle durch den Rumpf – bekam von mir gelegentlich einen Spritzer Fett. Außerdem musste ich ein wenig Wasser aus dem Kraftstofffilter ablassen. Einer unserer örtlichen Mechaniker (Jim) hatte einen Spezialfilter eingebaut, der Wasser von Diesel trennt (während einer unserer Kenterungen ist tatsächlich Wasser in den Dieseltank gelaufen, als wir auf dem Kopf standen). Also danke, Jim!
Seit das Solarpaneel auf der Steuerbordseite vom Sturm verbogen wurde, hat es rüde jede Stromabgabe an die Batterien verweigert. Da aber alle anderen Paneele und der Windgenerator ihre Arbeit weiter zuverlässig erledigen, habe ich kaum Diesel verbraucht, um die Batterien mithilfe des Motors zu laden – es ist noch genügend Diesel vorrätig. Der Verlust des einen Paneels ist also zu verschmerzen.
Um unsere Frischwasservorräte ist es ebenfalls gut bestellt. Ich habe genügend Wasser für den Weg nach Hause, wenn ich täglich etwa zwei Liter verbrauche. Das ist reichlich, denn ich trinke zusätzlich noch Saft. Große Reserven aber gibt es nicht. Also bleibt das Frischwasser dem Trinken und Kochen vorbehalten, wenn es mir nicht gelingt, im nächsten großen Regen neues zu sammeln.
Der Großteil der elektrischen Ausrüstung widersteht der Feuchtigkeit und der Nässe recht erfolgreich. Na ja, abgesehen von einer meiner Panasonic-Handkameras, die etwas nass wurde, als ich vor einiger Zeit ein paar Delfine filmte. Ärgerlich! Das Toughbook dagegen hat sich mehr als bewährt. Es ist supertough, obwohl es schon eine Menge Salzwasser und andere Misshandlungen abwehren musste.
Ich benutze nur noch einen Brenner meines Spirituskochers und habe mehr Spiritus an Bord, als ich in weiteren drei Weltumseglungen verbrauchen könnte. Es sieht so aus, als hätten wir es in diesem Bereich leicht übertrieben!
Und die Skipperin? Nun ja, ihr Haar ist ein ganzes Stück gewachsen. Soweit ich es beurteilen kann, ist sie kerngesund. Ich frage mich allerdings, ob meine Beine möglicherweise etwas dünner geworden sind. Ich trainiere sie immer noch an den meisten Tagen, aber ich schätze, dass ich vielleicht nicht gleich nach meiner Rückkehr einen Marathon laufen werde.
Vor meiner Abreise hatte ich einen medizinischen Generalcheck absolviert. Ich war beim Zahnarzt, hatte diverse Körperscans und Bluttests machen lassen. Es wird interessant sein (dank Body Composition Australia!), die Vorher- und Nachher-Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Insgesamt hat sich während unserer Reise nicht viel verändert. Was mich betrifft, bin ich normal abgereist und normal zurückgekehrt. Ich habe eine Winzigkeit Gewicht verloren und, ja, meine Beine waren nach meiner Rückkehr ein ganz kleines bisschen dünner.

Donnerstag, 18. Februar 2010
Vier Monate auf See
Heute sind wir seit vier Monaten auf See. Trotzdem habe ich das Gefühl, Sydney erst gestern verlassen zu haben! Es ist schon fast beängstigend, wie schnell die Zeit vergeht und wie sehr ich mich an das Leben hier draußen gewöhnt habe. Trotzdem freue ich mich schon auf all die Dinge an Land und zu Hause.
Das Wetter ist zurzeit ziemlich eklig, bewölkt und nieselig. Aber ich will mich nicht beschweren, denn wir kommen gut voran.
Der Wind weht mit 25 Knoten. Weil er fast genau von hinten kommt, rollt und surft ELLA’S PINK LADY ein wenig unsanft über die Wellen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir zurück in den Vierziger-Breitengraden sind und die Temperaturen noch ein bisschen weiter fallen. Es sieht so aus, als seien meine hübschen sonnigen Ferien im Atlantik beendet. Aber auf der anderen Seite sehen wir hoffentlich wieder einige Albatrosse.
Gestern Nacht hat uns wieder ein Schiff passiert. Das hört wohl nie auf … Es kam uns ziemlich nah, aber die Besatzung war sehr freundlich. Als ich ihnen über Funk mitteilte, dass ich etwas beunruhigt darüber war, wie nah wir aneinander vorbeifahren würden, haben sie sofort einen Kurswechsel angeboten, um uns etwas mehr Raum zu geben.
Was ich gestern vergessen habe, ist, euch einen Überblick über die Proviantlage zu geben. Abgesehen von den paar Tragödien mit den Pringles und der Tomatensoße sieht es insgesamt recht gut aus. Ich esse etwas weniger, als meine Mutter geplant hatte. Deswegen gibt es in fast jeder Provianttasche noch Reste. Ich kann mir jeweils meine Lieblingsgerichte aussuchen und die nicht so leckeren Sachen liegen lassen. Zuerst wähle ich immer die getrockneten Früchte, Schokolade, Pasta, Kuchen aus der Konserve, gemischtes chinesisches Gemüse und Thunfisch. Unter den Resten finden sich nach zwei Wochen meist Cracker, Bananenchips, getrocknete Erbsen und Dosenbohnen. Jetzt habt ihr einen Eindruck davon, was ich gern mag und was nicht. Um es kurz zu machen: Ich werde mit so viel Proviant wiederkommen, dass ich eine kleine Armee damit ernähren kann!
Bis wir das Kap der Guten Hoffnung in einiger Entfernung südlich passieren können, sind es noch etwa 600 Seemeilen. Das war’s für heute.
Wenn ich nach so langer Zeit Schiffe sah, schienen sie es mir jedes Mal wert, etwas Schlaf zu opfern, um auf sie zu warten und sie dann sicher zu passieren. Ich habe sie oft über Funk gerufen, um sicherzustellen, dass sie unsere Position im Blick hatten. Die Kollision am Anfang hat mich in der Nähe von Schiffen sehr vorsichtig werden lassen. Vielleicht auch übervorsichtig.
Die Wachhabenden klangen stets sehr überrascht, wenn sie meine Kleinmädchenstimme über Funk gehört hatten. Ich bat sie dann höflich, ihren Kurs zu wechseln, und es schien ihnen nie etwas auszumachen.

