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Befreiungsschlag

Im Vereinsgarten der Schrebergartenkolonie „Zur fidelen Reblaus“ herrscht reges Treiben. Die Zombies Eins, Zwo und Drei schleppen Gartenmöbel und decken Gartentische. Prebichl schneidet Stücke von einem Seil. Gottkönig Korschinak hat sich bereits an die Heimorgel gesetzt, die seine Zombies ihm auf dem Rasen aufgestellt haben, und spielt ein paar Fingerübungen. Aus dem gekippten Kellerfenster dringt grüner Dampf ins Freie. Mina Maroni fällt es schwer, ihre Beobachtungen zu begreifen, aber immerhin ist sie Ruckizucki Mina und als solche nicht so leicht zu irritieren.

Mina macht sich bereit, da ihr Neffe Motte in greifbarer Nähe dabei ist, einen Tisch abzuwischen. Vorsichtig blickt sie sich um. Als sie sicher sein kann, dass ihr niemand zusieht, hechtet sie aus ihrem Versteck, noch im Sprung schnappt sie Motte am Hosenbund, der fällt um wie ein Stück Holz, nur dass Holzstücke im Fallen keine seltsamen Geräusche von sich geben. Sie zieht ihren wie in Zeitlupe zappelnden Neffen am Hosenbund hinter den Wacholderbusch. Dort aktiviert sie das auf geringste Lautstärke eingestellte Giganto-Audio-Gadget, piekt Motte mit dem Silberzahn in den Allerwertesten und zischt: „Ka mate koe i te kai hikareti!“ Mottes lindgrünes Gesicht wird blass, er verdreht die Augen, sodass die Pupillen nicht mehr sichtbar sind, stöhnt: „Öha!“ und fällt vornüber. Mina erschrickt. Sie rüttelt Motte, und wirklich: Er bewegt sich. „Hallo, Tante Mina!“, röchelt er. „Was ist los?“ Tante Mina schickt ihm einen Superbrain-power-Strahl, um ihn vollends munter zu kriegen. Wie vom Blitz getroffen richtet sich Motte auf. Er ist wieder putzmunter und ganz der Alte. „Tolles Outfit, Tante Mina!“, sagt er anerkennend.

Mina hat zwar Wichtigeres zu tun, die Lage ist ernst, aber sie freut sich über das Kompliment ihres Neffen. Ist lange her, dass jemand ihr Kostüm bewundert hat.

Motte hat die Situation schnell begriffen. „Wir müssen aufpassen“, flüstert er, „Der Vladi und der Onkel Schurli stehen immer noch unter der Fuchtel von diesem Giftzwerg da drüben, der im weißen Anzug, an der Heimorgel.“

„Wir müssen irgendwie den Langen unschädlich machen!“, flüstert Mina. „Den mit dem Saugnapfpfeil an der Stirn!“ Sie deutet auf Prebichl, der soeben mit einer Kabelrolle kämpft. Da wankt Vladi am Wacholderbusch vorbei. Offensichtlich müssen auch Zombies aufs Klo. In letzter Sekunde rollen sich Mina und Motte zur Seite. Als Vladi in den Garten zurückstapfen will, verspürt er einen stechenden Schmerz im Gesäß, hört leise, aber seltsame, Musik und die Zauberformel: „Ka mate koe i te kai hikareti!“ Sein lindgrünes Gesicht wird blass, und er kippt vornüber. Nach einer Dosis Superbrainpower kann auch Vladi seiner Mutter ein Kompliment machen: „Mama, dein Fummel ist ja voll retro! Urcool!“

Mina umarmt ihren Sohn stürmisch. Dann wiederholt sie ihr Begehr, den Langen, also Prebichl, unschädlich zu machen. Die Gelegenheit dazu ergibt sich früher als erhofft. Prebichl, durch die plötzliche Abwesenheit von „Zombie Zwo“ und „Zombie Drei“ verunsichert, ist nicht ganz bei der Sache. Es gilt, die großen Glasschalen mit dem dampfenden Gebräu auf den Tischen zu verteilen. Hilfe von Korschinak kann er nicht erwarten. Der ist zu beschäftigt damit, im weißen Smoking eine eindrucksvolle Erscheinung zu sein. Außerdem übt er wie-der die Melodie, die in Kombination mit dem „Gebräu“ aus den Schrebergärtnern Zombies machen soll. Dabei darf man ihn nicht stören.

Prebichl läuft hektisch hin und her, schleppt Krüge und merkt nicht, dass plötzlich Mina hinter ihm materialisiert. Er hört nur noch das Schnalzen von Minas Bullenpeitsche, spürt, wie sich etwas um seine Beine wickelt, er wackelt, er wankt und fällt kopfüber in die Schale. Dabei nimmt er unfreiwillig einen tiefen Schluck. Reflexartig richtet er sich auf, sein Gesicht verfärbt sich lindgrün. Mina sieht ihn streng an, packt ihn an der Schulter, dreht ihn um einhundertachtzig Grad, deutet auf den orgelnden Korschinak und ruft: „Fass!“

Prebichl wankt kichernd auf Korschinak zu, reißt den völlig überraschten Gottkönig von der Orgel weg, klemmt ihn sich unter den Arm und wankt zu Mina zurück.

Vladi und Motte sind derweil bemüht, Georg Maroni, der immer noch unbeirrt als „Zombie Eins“ durch den Garten wankt, einzufangen. Das ist gar nicht so einfach, da Onkel Schurli mit Riesenkräften sturheil Tische deckt und von den beiden Buben nicht zu halten ist.

Aber Mina weiß Abhilfe. Sie lässt ihr schrillstes „Schurli, hierher!“ hören, und wirklich: Georg Maroni lässt einen Stapel Pappteller fallen und dreht sich um. Mina befiehlt dem nun sehr folgsamen Prebichl: „Platz!“ Prebichl legt den zappelnden und schimpfenden Korschinak vorsichtig auf dem Rasen ab und setzt sich auf ihn drauf. So hat Mina die Hände frei, um auch Onkel Schurli vom Zombie-Zauber zu befreien. Der dreht eine Pirouette und plumpst mit dem Bauch voran auf den Rasen. Als er kurz darauf wieder bei Bewusstsein ist, sind seine ersten Worte: „Wir haben sie, beim Barte des Professor Möpplinger, sie sind erledigt!“ Er reibt sich die schmerzende Stelle an seinem verlängerten Rücken, blickt Tante Mina versonnen an und pfeift: „Hey, scharfe Klamotten! Ich dachte, die hättest du eingemottet.“

„Hatte ich auch“, sagt Tante Mina verschmitzt. „Aber wie du sehen kannst, ist sie wieder da, die Ruckizucki Mina!“

„Was machen wir jetzt mit den beiden?“, will Vladi wissen. „Mit dem Gottkönig und dem Prebichl-Zombie?“ „Der Prebichl, der wird natürlich mein Studienobjekt!“, ruft Onkel Schurli. „Ein erstklassiges Exemplar von einem ozeanisch-pazifologischen Zombiemännchen. Die Kollegen vom Ambronsius Möpplinger Institute für Vampirologie und Zombiekunde werden Augen machen!“ „Kommt nicht in Frage!“, quäkt Gottkönig Korschinak unter seinem Assistenten hervor. „Der Prebichl gehört mir!“

Auch Tante Mina ist von der Idee, einen Zombie zu beherbergen, nicht begeistert.

„Aber er kann doch im Arbeitszimmer wohnen“, fleht Onkel Schurli. „Da merkst du gar nichts von ihm! Zombies sind doch so genügsam, die brauchen gar keine Pflege!“

„Und der Dicke? Woher wissen wir, dass der nicht sofort weitere Zombies produziert in seinem Keller?“, fragt Motte.

„Welcher Dicke?“, quäkt Gottkönig Korschinak. „Ich seh hier keinen Dicken! Sieht er einen Dicken, Prebichl? Prebichl!“

„Es stimmt!“, ruft Vladi. „Der Karierte wird sicher weiter Zombies machen, wenn wir ihn nicht daran hindern!“ Onkel Schurli schlägt vor, auch Korschinak in einen Zombie zu verwandeln. Das wäre nur fair. Und Onkel Schurli mit gleich zwei Studienobjekten der absolute Held des Ambronsius Möpplinger Institute für Vampirologie und Zombiekunde. Gottkönig Korschinak ist da völlig anderer Meinung, und Motte und Vladi können sich für diese Idee auch nicht erwärmen.

Während eine hitzige Diskussion ausbricht, hat Ruckizucki Mina alles im Griff. In Turbospeed, und ohne dass einer der Anwesenden etwas davon bemerkt, hat sie das Gebräu von den Tischen weggebeamt und mit einem Superbrainpowerstrahl Korschinaks zombologisches Wissen aus dessen Gehirn gelöscht. „Das müsste reichen!“, zwitschert sie, wieder mit ihrer alten Stimme, und klatscht in die Hände. „Jetzt machen wir aus dem Prebichl-Zombie wieder einen Menschen, und dann: auf, auf nach Hause! Zum Frühstück gibt’s Palatschinken!“

Sie spielt die Anti-Zombie-Melodie an, beginnt die Formel zu sprechen, zückt ihren silbernen Zahn – aber just in diesem Moment wird der Vereinsgarten von einer Horde Schrebergärtner gestürmt, die gekommen sind, um beim Frühschoppen Gratiswürstel und Musikgedudel zu genießen. Irgendwo im Gewühl verschwinden Gottkönig und Großwesir auf Nimmerwiedersehen. Hoffentlich.