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Villa Schurli

Onkel Schurli parkt sein Automobil schwungvoll in einem blumenumrankten Car-Port. „Sodawasser, verehrter Herr Neffe, da wären wir! Willkommen im schönen Stammersdorf! Willkommen in der Villa Maroni!“

Der Schurli-Zweig der Familie Maroni bewohnt eine schmucke Doppelhaushälfte, schräg gegenüber vom Stammersdorfer Friedhof. Neugierig blickt Motte sich um. Das Haus gefällt ihm sofort, obwohl er es ein wenig kitschig findet. Es ist mit Efeu und Kletterrosen bewachsen, und Altrosa ist nicht die Farbe, die zu Onkel Schurli passt, findet Motte. Als er sich über den Kofferraum beugt, um seinen Rucksack rauszuholen, stutzt er. Musik! Eine seltsame Melodie, die aber nicht vom Haus seines Onkels herweht und auch nicht vom Friedhof. Motte lauscht. So eine Musik hat er noch nie gehört. Leicht unrhythmisch und knapp am richtigen Ton vorbei, offenbar auf einer billigen Heimorgel gespielt. Er dreht sich um und bemerkt einen großen schmiedeeisernen Torbogen. Dahinter führt ein kiesbestreuter Weg in ein Labyrinth aus Thujenhecken und winterharten Rosenstauden. Der Torbogen ist flaschengrün gestrichen und ziemlich verschnörkelt. Darüber steht in Riesenlettern geschrieben: „Zur fidelen Reblaus – Schrebergartenkolonie“. Am Tor sind Schilder befestigt. „Kein Rasenmähen zwischen 12 und 15 Uhr!“ – „Kein Zutritt für Nacktschnecken!“ – „Kinder und Hunde nur mit Maulkorb!“ – „Katzen und Mistkäfer an die Leine!“ – „Wer nicht pariert, der fliegt!“ „Na bumsti!“, denkt Motte, als er die Schilder entziffert hat.

Onkel Schurli bemerkt Mottes Blick. „Da schaust du, was? Jaja, dort hinter dem Tor befindet sich ein wahrer Hort der Tugend!“, erklärt er seinem verblüfften Neffen. „Die Bewohner der Schrebergartensiedlung maniküren ihre Rasen, vertilgen wettkampfmäßig Unkraut, und rehäugig blickende Nacktschnecken imponieren diese herrlichen Menschen überhaupt nicht! Die werden beinhart rausgeworfen!“

Motte versteht nur Bahnhof. „Und die Musik?“, fragt er seinen Onkel. „Was ist damit?“

Onkel Schurlis Mine verfinstert sich kurz, dann grinst er wieder wie ein Schaukelpferd und zeigt aufs altrosa Haus. „Nix ist mit der Musik, Motte! Gar nix! Und jetzt komm, deine Tante und dein Cousin wollen dich auch begrüßen!“

„Huhuuu, Mottchen!“, zwitschert Tante Mina fröhlich. Mit fliegenden Zöpfen läuft sie aus dem Garten. Sie trägt ein himmelblaues Rüschenkleid und eine riesige weiße Schürze. Auf der steht geschrieben: „Hier kocht die Mutti!“ „Mottchen, wie bist du groß geworden seit Weihnachten! Schon fast ein richtiger kleiner Mann!“ Tante Minas Stimme ist in der Tonlage zwischen dem Fernsehkasperl und der allseits beliebten Sängerin Netrebko angesiedelt. „Huidihui, ich freu mich!“, lacht sie übermütig. „Vlahaaaaaaadiiiiiii! Begrüß deinen Cousin!“ Sie schnappt sich Mottes Rucksack und führt ihn ins Haus. Onkel Schurli folgt mit der Reisetasche.

Im Haus ist es angenehm kühl. Die vielen Kletterpflanzen rund um die Fenster tauchen die Räume in ein freundliches grünes Licht. „Immer rein in die gute Stube!“, ruft Mina. „Mach dich frisch! In einer halben Stunde können wir essen! Vladi zeigt dir dein Zimmer!“ Schon ist sie in der Küche verschwunden.

Am Treppenabsatz steht ein freundlich lächelnder Knabe, ein bisschen runder und ein bisschen größer als Motte. Motte bemerkt gleich den prächtigen Käfer auf Vladis Schulter. Der Käfer zirpt und hüpft im Kreis. „Schau, wie der KHM sich freut, dass du bei uns bist! Er tanzt seinen Begrüßungstanz!“ Motte braucht einige Sekunden, um zu begreifen, dass mit „KHM“ der hüpfende Käfer gemeint ist. „KHM steht für Karl-Heinz Mistkäfer!“, erklärt Vladi. „Er ist der Leitbulle meiner Mistkäferzucht!“ Motte krault KHM vorsichtig den Rücken. KHM winkt begeistert mit den Fühlern. „Ich glaub, er mag dich!“, ruft Vladi erfreut und schlägt Motte vor, sofort seine einzigartige Mistkäferfarm zu besichtigen. Aber Onkel Schurli drängt darauf, dass Motte zuerst sein Zimmer beziehen soll. „Und dann essen wir alle gemütlich zu Abend“, dröhnt er.

Vladi zieht einen leichten Flunsch. Doch dann klopft er Motte in aller Freundschaft seine Pranke auf die rechte Schulter und brummt: „Der KHM und ich, wir zeigen dir deine Suite, Kusäng!“

Das Kabinett, das für die nächsten zwei Monate Mottes Zimmer sein wird, liegt im ersten Stock. Es ist nicht groß, aber sehr gemütlich. „Du logierst genau zwischen meinem Zimmer und dem Arbeitszimmer vom Papa“, erklärt Vladi. „Der Topf ist gleich gegenüber, da hast du es nicht weit, wenn du ein Nachtpinkler bist!“

Motte gefällt das Maroni-Haus auch innen gut. Es hat viele Ecken und Nischen und Treppchen und ist mit unzähligen bestickten Kissen und Nippesfiguren dekoriert. Tante Mina steht offenbar auf Ballerinen und pausbäckige Schafhirtenknaben aus Porzellan, und Motte findet das schon ok. Hat was Heimeliges. Ganz anders als die Junggesellenbude, die er und sein Vater bewohnen, und in der eher dreckige Teller, Bücher, Fernseher und Computer das Bild bestimmen. Was Motte wirklich seltsam findet, das sind die Dinge, die offensichtlich Onkel Schurlis Beitrag zur Wohnraumgestaltung sind. Mumifizierte Fledermäuse, Schrumpfköpfe, eine ausgestopfte Tarantel, Kruzifixe und Knoblauchzöpfe sind im ersten Stock verteilt. „Das gehört alles zum Papa seinen Forschereien“, erklärt Vladi. „Siehst du das Bild da, neben der Arbeitszimmertür? Das mit dem bleichen Kerl drauf mit den langen Haaren? Das ist ein Portrait von einem berühmten Vampir, Graf Fiffi, genannt die Gelse von Gänserndorf. Einer der wenigen Vampire, die wir in Österreich gehabt haben. Mein Papa hat ihn noch gekannt. Persönlich! Toll, was?“

Motte dreht sich um, um das Bild zu begutachten, und erschrickt fürchterlich. Ein selten gruseliger Anblick! Hageres Gesicht, tiefe Falten, blutunterlaufene Augen, die einen überallhin zu verfolgen scheinen.

Zum Glück öffnet Vladi die Türe zu Mottes Zimmer, und Graf Fiffi muss draußen bleiben. Vladi wuchtet Mottes Rucksack auf einen Sessel, da flitzt KHM an ihm runter, quer durchs Zimmer und erklettert Mottes Bett, um es sich auf dem Kopfpolster gemütlich zu machen. Vladi schüttelt den Kopf. „Nein, KHM! Das Bett gehört dem Motte! Komm wieder her!“ KHM klettert mürrisch vom Kopfpolster und erklimmt das rechte Hosenbein und Vladis rechten Arm. „Guter Bub!“, lobt Vladi das kluge Insekt.

Während Motte seine Reisetasche auspackt und Bücher und iPod fein säuberlich auf dem verschnörkelten Nachttischchen aufschichtet, plaudert Vladi munter weiter. Motte ist so konzentriert, dass er ihm zuerst nicht richtig zuhört. Erst als Vladi den Rüschenvorhang und das Fenster öffnet und etwas von „Reblaus“ faselt, horcht Motte auf. „Du wohnst mit herrlichem Blick auf die Schrebergartensiedlung!“, erzählt Vladi. „Der KHM und ich, wir sind oft hinübergegangen, ins Schutzhaus. Dort holen wir uns Eis, Vanille für mich und Erdbeer für den Karl-Heinz. Seit die den neuen Obmann haben, darf der KHM aber nur noch hinein, wenn er an der Leine geht, und das mag er nicht so gerne. Drum gehen wir nur noch selten hin, gell, KHM?“ Vladi krault KHM, der wieder auf seiner Schulter Platz genommen hatte, zärtlich zwischen den Fühlern.

„Was ist denn ein Schutzhaus?“, will Motte wissen.

„Na, so eine Art Wirtshaus, mitten in der Schrebergartensiedlung. Da gehen fast nur die Leute hin, die in der Siedlung wohnen, und eben die Leute aus der Nachbarschaft.“ Außerdem sei es ein Ort, an dem auch Versammlungen von Schrebergärtnern stattfänden und wo man sich unterstellen könne, wenn das eigene Dach undicht sei. Motte tritt neben Vladi ans Fenster. Gemeinsam blicken sie auf das Eingangstor und auf die Baumkronen der „Schönen Reblaus“. „Die Schrebergartler sind ein bissl komisch, weißt du“, klärt Vladi Motte auf. „Die sind sehr etepetete und regen sich wegen jedem Blödsinn auf. Aber das Eis im Schutzhaus … naja, das ist so gut, das holen wir uns schon. Gell, KHM?“

In diesem Moment erklingt ein Gong, dass die Wände wackeln, und Tante Mina piepst laut „Abendessen fertig!“ Vladi, Motte und KHM lassen sich nicht bitten und fetzen die Treppe runter.

„Es gibt frische Blutwurst!“, verkündet Tante Mina stolz. „Nach alter rumänischer Rezeptur!“

Motte ist skeptisch, aber als er sieht, wie alle anderen reinhauen, greift auch er zu. „Besser als unser Menüplan zu Hause!“, denkt er. „Überhaupt ist hier alles sehr anders. Anders, aber nicht unangenehm!“ Die als Nachtisch gereichte „Vogelmilch“ entpuppt sich als Vanillepudding mit luftig-leichten Nockerln aus Eischaum. „Das gibt es bei uns aber wirklich nie. Leider!“, denkt Motte und langt tüchtig zu.