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Gang durchs Labyrinth

Motte fühlt sich putzmunter und voller Tatendrang. „Heute werde ich die nähere Umgebung erforschen“, nimmt er sich vor. Die Schrebergartensiedlung zuerst und dann den Friedhof. Motte geht gerne auf Friedhöfe. Dort ist es ruhig, man kann Eichkätzchen füttern und sich die Grabsteine anschauen. Die erzählen oft interessante Dinge.

Motte schnuppert. Von unten her ziehen verführerische Düfte in seine Nase. Spiegelei, Kakao und frisch aufgebackenes Brot. Fröhlich macht er sich auf die Socken, mit dem Gefühl, dass alles gut ist. Nicht einmal der grausige Vampir kann ihn heute erschrecken. „Morgen, Durchlaucht!“, grüßt Motte höflich, als er an dem Portrait vorbeiläuft. Irgendwie hat er das Gefühl, dass Graf Fiffi ihm freundlich zuzwinkert.

Das Frühstück ist, genau wie das Abendessen, einfach köstlich, und alle sind guter Laune. Nur Onkel Schurli wirkt etwas zerknittert. Tante Mina versucht vergeblich, ihn aufzuheitern. Sie tätschelt seine Wange, sie bezeichnet ihn flötend als ihr „müdes Brummbärchen“ und kneift ihm in die Rippen. Aber Onkel Schurlis Miene hellt sich nicht auf. Motte beobachtet seinen Onkel aus den Augenwinkeln. Ob Schurlis Grant etwas mit seiner Entdeckung in dem Buch heute Morgen zu tun hat?

Mit nervösem Blick verschlingt der Onkel noch ein Salzstangerl mit Heidelbeermarmelade, was bei Tante Mina Heiterkeit auslöst. „Heute sind wir ein Wirrköpfchen, gell?“, zwitschert sie. Schurli springt auf, schnappt sich sein Aufnahmegerät, das die ganze Zeit neben seinem Teller gelegen ist, und macht sich hurtig davon.

„Wohin will denn mein Bärchen, wo mein Bärchen doch heute den Abwasch erledigen soll?“ Onkel Schurli brabbelt Unverständliches und verschwindet im Vorgarten. Motte vermeint die Worte „Welt“, „Zombie“ und „retten“ verstanden zu haben.

„Naja!“, ruft er und klopft sich den Bauch. „Ich werde dann auch einmal …!“

„Mit meinem Vladilein den Abwasch erledigen!“, unterbricht Tante Mina Mottes Auskunft. „Nein, was für tüchtige kleine Männer!“, zwitschert sie und entschwebt in den Garten, um die Rosen zu trimmen und die Tomaten zu polieren.

Während des Abwaschs erzählt Motte Vladi von seiner Besorgnis. „Mir ist das heute in der Früh komisch vorgekommen. Dein Papa hat wie ein Wilder in Büchern geblättert und irgendwelche Leute als ‚Narren’ und ‚Wahnsinnige’ bezeichnet. Und diese Melodie, die höre ich, seit ich da bei euch wohne!“

„Mach dir nicht ins Halstuch“, winkt Vladi ab. „Der Papa ist immer so. Das hängt mit seinem speziellen Forschungsgebiet zusammen, da sieht man irgendwann Gespenster. Wirst dich schon daran gewöhnen. Außerdem haben wir eine unruhige Nacht gehabt. Wir sollten uns entspannen, bei irgendetwas ganz Normalem. Ich hab’s! Wir könnten uns einen gemütlichen Tag machen und meine Mistkäferfarm beobachten! Das ist lehrreich und unterhaltsam. Außerdem ist jetzt Brunftzeit. Da zeigt sich der KHM von seiner allerschönsten Seite!“

Motte verspricht höflich, dieser Einladung demnächst nachzukommen. Aber seine Neugierde, die seltsamen Vorgänge in dieser komischen Schrebergartenkolonie betreffend, ist einfach zu groß. Kaum ist der letzte Teller abgetrocknet, macht sich Motte auf den Weg.

Das Eingangstor zur Schrebergartensiedlung ist offen. Motte setzt vorsichtig den ersten Schritt auf den Kiesweg. So eine Schrebergartensiedlung ist wie ein Labyrinth. Lauter kleine Wege, exakt gestutzte Hecken und jede Menge Gartenzwerge, die grinsen, als würden sie ständig mit ihren kleinen Schubkarren gegen eine der vielen Buchskugeln knallen. Aber nicht nur die Gartenzwerge erzeugen bei Motte ein mulmiges Gefühl. Er fühlt sich beobachtet. Als säßen in jeder Thujenhecke mehrere spionierende Schrebergärtner.

Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel, Motte gerät ganz schön ins Schwitzen. Irgendwann gelangt er an eine Wegkreuzung. Da gibt es mehrere Schilder, die in verschiedene Richtungen weisen: „Schutzhaus“. „Vereinshaus“. „Gartenzwergverschrottungsplatz“. „Blumentopfspülbecken“. Motte entscheidet sich für das Schutzhaus. Weil es dort laut Vladi Erdbeereis zu kaufen gibt, und das scheint ihm jetzt genau das Richtige. Außerdem ist es sicher ein guter Ausgangspunkt, um sich in der Schrebergartensiedlung zu orientieren.

Das Schutzhaus ist, wie Vladi bereits gesagt hat, eine Art Gasthaus, nur dass es eben nicht „Gasthaus“ heißt, sondern „Schutzhaus“. Es sieht so aus, als hätte es sich direkt aus den Tiroler Bergen hierher verirrt, mit vielen Edelweißschnitzereien und Blumen vor den Fenstern. Im Garten stehen Tische und Stühle, vor dem offenen schmiedeeisernen Tor ist das Speisenangebot auf einer großen Schiefertafel mit Kreide aufgeschrieben. Motte stapft über den Kies zu einem Fenster, das „Speiseeisausgabe“ verspricht, da taucht hinter dem Haus Onkel Schurli auf. Seine schwarze Kleidung ist über und über mit Staub bedeckt, er macht insgesamt einen leicht zerstörten Eindruck. Gehetzt sieht er sich um und zuckt erschrocken zurück, als er Motte erblickt. Dann nimmt er sich sichtlich zusammen, kommt zu Motte rüber und fragt: „Was machst du denn da?“

Weil Motte nichts Besseres einfällt, antwortet er: „Ich beobachte die Vögel und interessiere mich für die Gartenzwerge! Und jetzt kauf ich mir ein Eis. Und du? Suchst du etwas oder jemanden?“

Onkel Schurli scheint erleichtert: „Neinnein, woher denn! Ich genieße bloß die schöne Natur und den Sonnenschein! Komm, ich lade dich ein!“

Sie setzen sich auf eine schattige Bank, jeder mit einem riesigen Tüteneis. Trotz des peinlichen Schweigens verdrückt Motte sein Eis mit Genuss. Onkel Schurli weniger. Dauernd schaut er sich um, als ob er sich verfolgt fühlte. Schließlich springt er auf. „Bis zum Abend, Motte!“, ruft er seinem Neffen zu und macht, dass er weiterkommt.

Motte wartet ein bisschen und nimmt dann die Verfolgung auf. „Das wird ja richtig spannend!“, denkt er, während er seinen Onkel durch das Kiesweg-Labyrinth verfolgt. Plötzlich bleibt Onkel Schurli stehen. Motte wirft sich rasch hinter einem Holunderstrauch. Sein Onkel betrachtet das Haus, das fast genauso aussieht wie dasjenige, welches er heute Morgen gesehen hat. Vom Badezimmerfenster aus – und in seinem Albtraum! Das Haus mit den vielen Zinnen und Türmchen. Ein großes Schild über dem Eingang weist es als „Vereinshaus“ aus. Die Hecken, die das Haus umgeben, sind geradezu scharfkantig geschnitten, der Kies ist kunstvoll angeordnet und gerecht, Die Bäume sind zu Quadraten und gleichschenkeligen Dreiecken gestutzt. Die Eingangstüre wird von zwei schielenden Gipslöwen bewacht. Aber das, was Motte besonders auffällt, ist die Tatsache, dass kein Laut zu hören ist. Keine Vögel krakeelen, keine Bienen und Hummeln summen. Es ist, als stünden das Haus und sein Garten unter einer unsichtbaren Käseglocke.

Trotz der Hitze läuft Motte eine leichte Gänsehaut den Rücken herunter. Da, ein Geräusch! Ein Wimmern und Sägen, ein Pochen und Jammern … Da ist sie wieder, die seltsame Melodie! Leise, aber unüberhörbar dringt sie durch die verschlossenen Kellerfenster des Vereinshauses. Plötzlich ist es Motte piepegal, ob sein Onkel Schurli hier herumschleicht. Er macht auf dem Absatz kehrt und rennt, immer den Schildern nach, den Weg zurück und zur Siedlung hinaus.

E-Mail von Motte Maroni

An: [email protected]

Betreff: Seltsame Musik in der Nacht / Schon einen

Mako geküsst?

Hallo Vaterprof!

Gurkst du schon brav auf dem Pazifik herum? Wenn ja, dann hoffentlich in einem bissfesten Schiffernackel! Ich hoffe, dass du recht viele Makos beim „Werfen“ beobachten kannst. Bei uns alles friedlich, wenn auch ein bissl komisch. Der Onkel Schurli ist unter die Spione gegangen und drückt sich in der fidelen Reblaus zwischen den Gärten herum. Die seltsame Musik macht ihm, scheint’s, wirklich Sorgen. Sie ist aber auch wirklich unheimlich. Vielleicht kann ich sie irgendwie aufnehmen, dann schick ich dir ein mp3 davon. Nun sei gegrüßt, furchtloser Forschervater, und auch geküsst!

Motte

E-Mail von Prof. Dr. Anselm Maroni

An: [email protected]

Re: Seltsame Musik in der Nacht / Schon einen Mako geküsst?

Hallo Bub!

Bei uns ist es saukalt, die Feuchtigkeit geht durch Mark und Bein. Klar ist unser Boot bissfest, was glaubst du denn! Es heißt Phoebe II (ausgesprochen wird das „Fibi“) und gehört Bruce. Der ist ein waschechter Maori. Rund, gesund und von oben bis unten tätowiert. Er kennt sich rund um Flat Point sehr gut aus und weiß, wo die Makos wohnen. Er lässt dich schön grüßen. Makos hab ich noch keine gesehen, dafür aber Pinguine und Seehunde. Der Bruce meint, dass dort, wo Seehunde sind, auch die Haifische nicht weit sein können. Na, ich bin gespannt!

Was schreibst du da von einer komischen Musik? Sei bitte vorsichtig! Mein Bruder hat echt einen Hang dazu, sich in Schwierigkeiten zu begeben. Schon als Kind ist ihm ständig was passiert, und ich hab ihn immer raushauen müssen. Also, pass gut auf, dass du dich in keine Blödheiten reinziehen lässt!

Bussi,

Vaterprof