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Trari trara, die Post ist da!

Endlich Dienstag!

Dienstag ist für Prebichl, den Assistenten des Herrn Obmann Korschinak, immer ein bisschen wie ein Feiertag. Da gibt es im Schutzhaus als Menü „Gebackene Leber mit Mayonnaisesalat“ – für den braven Sekretär ein Quell steter Freude. Er sitzt an seinem kleinen Schreibtisch im Vorhof zur Macht, also vor dem Büro des Herrn Obmann Korschinak im Vereinshaus der fidelen Reblaus, und zählt die Minuten bis zur Mittagspause. „Zehn Uhr und eine Minute!“, seufzt er. „Da muss ich noch hundertneunzehn Minuten warten!“ Das bedeutet auch, dass Prebichl noch hundertneunzehn kleine Quadrate auf dem karierten Kanzleipapier fein säuberlich ausmalen muss, bis er die Bürotüre des Herrn Obmann öffnen und auf das Untertänigste „Mahlzeit, Ihro Gnaden!“, säuseln darf. Der Obmann Korschinak wird von seiner Arbeit, die er tagtäglich zum Wohle des Schrebergartenvereines verrichtet, kaum aufsehen und völlig geistesabwesend „Mahlzeit, Prebichl!“ hüsteln. Dann wird der treue Sekretär die Hacken zusammenschlagen und buckelnd das Zimmer verlassen. Auf dem Weg zum Schutzhaus wird ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vor seinem geistigen Ohr hört sich Prebichl bereits das Menü bestellen: „Frau Hannelore, das Menü eins, bitte, und ein großes Glas Buttermilch aufgespritzt!“ Vor seinem geistigen Auge sieht er Frau Hannelore, die liebliche und für ihre hundertzehn Kilo ausnehmend grazile Wirtin, wie sie mit einer gewaltigen Portion „Gebackene Leber mit Mayonnaisesalat“ aufmarschiert und ihm freundlich zuzwinkert. Dieser Tagtraum sorgt bei Prebichl für ungewohnten Elan, übermütig malt er gleich zwei Kästchen aus statt nur einem. Der kreischende Ton der Türglocke holt ihn unwirsch in die Realität zurück. Er erhebt sich langsam, um Zeit zu schinden, schleppt sich zum Türöffner, hebt den Hörer ab und schnauft hinein: „Wer stört?“ „Post ist da!“, hört Prebichl die vertraute Stimme des Briefträgers.

Seufzend drückt Prebichl auf den Knopf, der die Türe öffnet. Der Briefträger übergibt einen Haufen bunter Werbung, eine Ansichtskarte aus Rimini und ein ziemlich mitgenommen aussehendes Päckchen, auf dem lauter kleine Marken kleben, die die englische Königin zeigen. Prebichl gibt 20 Cent Trinkgeld, weil er wegen der Aussicht auf seine Leibspeise heiter gestimmt ist. Der Briefträger nimmt das Trinkgeld mit nachsichtiger Verachtung an und geht pflichtgetreu seiner Wege, während Prebichl dem Obmann die Post überbringt. Ein Irrtum, den er schlagartig bereut! Hätte er das Päckchen nur erst in hundertsiebenundsiebzig Minuten übergeben, dann hätte er seine Träume von der gebackenen Leber nicht vorzeitig begraben müssen! Schnell versucht er, die kleinen englischen Königinnen mit einem Werbefolder für Goldfischfutter zu verdecken, aber zu spät! Der Obmann hat das Päckchen erblickt. „Prebichl, es ist da! Es ist hier! Es ist eingelangt! Wir haben lange genug gewartet! Hahaaa! Ab jetzt ist Urlaubssperre, Prebichl! Keine Jausen, keine Pausen! Frischwärts ans Werk!“

Der Sekretär Prebichl schluckt. Traurig sieht er, vor seinem geistigen Auge, wie Wirtin Hannelore die gebackene Leber dem Briefträger serviert. „Jawohl, mein Obmann!“, seufzt er und sackt kraftlos auf seinen Schreibtischsessel. Mit knurrendem Magen lauscht er dem diabolischen Lachen, welches aus dem Obmannbüro röhrt. Dem Lachen folgen hektische Geräusche, Rascheln und irres Kichern. Dann ertönt der Befehl: „Preeeeeeebichl! Wir gehen in den Keller. Jetzt geht’s lohooos!“ Beflissen erhebt sich der hungrige Sekretär und schleppt alles in den Keller, was der Obmann in den Keller geschleppt zu haben wünscht.