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Da ist etwas im Busch

Auch an seinem zweiten Stammersdorfer Morgen wird Motte sehr zeitig munter. Obwohl er keinen Albtraum hatte und niemand auf einer Schreibmaschine klapperte. Aber das Vereinshaus der Schrebergartensiedlung, das mit den vielen Zinnen und Türmchen, das lässt ihm keine Ruhe. Und Onkel Schurli hat in den letzten Tagen eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht. Er ist unrasiert, nervös und vergräbt sich in seinem Zimmer. Außerdem beginnt er zu müffeln. Tante Mina besprüht ihn zwar unablässig, wann und wo sie nur kann, mit Lavendelwasser, aber es nützt nichts. Unlängst hat sogar der in Öl verewigte Fiffi sein Vampirnäschen gerümpft, als Onkel Schurli, wirr vor sich hin brabbelnd, an ihm vorbeigewankt ist. Dass da etwas Gröberes im Busch ist, hat Motte längst begriffen, aber was das genau sein soll, das Gröbere, das weiß er noch nicht.

Er schwingt sich aus dem Bett. Er braucht unbedingt Vladis Hilfe, um herauszufinden, was Onkel Schurli weiß. Leise, um außer Vladi niemanden zu wecken, schleicht Motte ins Nebenzimmer. Vladi liegt schnarchend auf dem Rücken. Sein Mund ist weit geöffnet, die Nasenflügel blähen sich. Auf Vladis Decke erkennt Motte KHM. Der liegt in einem kleinen rosa Bettchen und nuckelt an einem seiner sechs Beinchen. Es fällt Motte schwer, dieses Idyll zu stören, aber er muss es tun. Wer weiß, was auf dem Spiel steht? Vorsichtig rüttelt Motte an Vladis Schulter. Vladi gibt schmatzende Geräusche von sich und schnappt sich Mottes linke Hand. „Vladi, wach auf!“, zischt Motte. Vladi beginnt Mottes Arm abzuküssen und seufzt: „Nicht jetzt, Zuckerschnütchen!“ Motte rüttelt mit seiner verbleibenden freien Hand weiter. Nun zischt er etwas lauter: „Vladi, wach auf! Ich bin es, Motte! Kein ‚Zuckerschnütchen’!“ Vladi kichert leise. „Ja, Baby! Ich liebe dich auch! Hihihihihi!“ Schön langsam beginnt Motte zu verzweifeln. „Vladi, der KHM legt gerade ein paar Eier!“, ruft er. Binnen weniger Nanosekunden sitzt Vladi kerzengerade im Bett. „Wo? Wo? Wo?“, ruft er. „Dort wo der Pfeffer wächst!“, grinst Motte. „Guten Morgen, ‚Baby’!“

Vladi ist verwirrt. „Sag nicht Baby zu mir, Kusäng!“

Motte verdreht die Augen. „Vladi, ich brauch deine Hilfe! Echt dringend! Da ist etwas mächtig faul. Dein Vater macht sich große Sorgen, und ich auch! In dieser komischen Schrebergartensiedlung, da hat es was! Aber gewaltig!“

Vladi glotzt Motte verständnislos an. Offensichtlich ist er noch nicht ganz munter.

„Vladi, irgendwas ist da im Busch, dein Vater verhält sich auch so seltsam! Ich glaube, der gute Mann braucht unsere Hilfe! Ich fürchte, es geht um Leben und Tod!“

Vladis Glubschaugen verengen sich zu schmalen Schlitzen: „Nicht, dass mir nichts aufgefallen wäre!“, brummt er. „Und ich möchte dir ja gerne helfen. Aber ich kann den KHM zurzeit nicht alleine lassen. Er ist nämlich läufig und büchst so oft aus, wie er kann! Ich habe Angst, dass jemand auf ihn draufsteigt, oder dass er entführt wird, von einem rivalisierenden Züchter!“

„Dann nimm ihn halt mit! In einem Gurkenglas! Wie einen kleinen Astronauten! Das taugt dem KHM, hundertpro!“

Vladi ist unsicher: „Ich weiß nicht, Motte! Er ist halt sehr verwöhnt, der KHM. Ich fürchte, ich habe ihn zu sehr verhätschelt!“

Motte macht eine abwehrende Handbewegung. „Aber woher denn!“

„Meinst du?“, fragt Vladi treuherzig. Er taucht seinen Finger in ein kleines Honigglas, das griffbereit auf seinem Nachtkästchen steht, und hält ihn dann KHM hin, der sich gierig über den Honig hermacht. „Spartaner wird aus ihm keiner mehr!“, sinniert Vladi. „Aber wir werden dir helfen, der KHM und ich!“

Nach dem Frühstück, nachdem der müffelnde Onkel Schurli wer weiß wohin abgerauscht ist und Tante Mina sich in den Keller begeben hat, um den Heizkessel zu polieren, huschen Motte und Vladi in Onkel Schurlis Zimmer. KHM ist auch dabei. Er sitzt in einem Gurkenglas und macht einen wild entschlossenen Eindruck. Im Zimmer von Onkel Schurli herrscht ziemliches Durcheinander. Lauter Zettel mit Notizen, unglaublich viele Bücher mit Lesezeichen oder Post-it Zetteln liegen auf des Onkels Schreibtisch herum.

Ein Buch liegt geöffnet ganz zuoberst auf dem Haufen. Motte greift es sich und steckt seine Nase rein. Das Buch stammt von Professor Ambronsius Möpplinger. Es heißt „Schamanistik und Zombologie im Pazifischen Raum“. Aufgeschlagen war das Kapitel „Der Zombie als solcher“. Mit wachsender Unruhe liest Motte die aufgeschlagene Seite. Vladi studiert währenddessen eine andere, ziemlich dicke Schwarte. Die ist von einem H. C. Kracher verfasst worden und heißt „Narrische Schwammerln – Mein Kampf mit dem Cäsarenwahn“. Es dürfte nicht sehr interessant sein, Vladi gähnt schon zum wiederholten Male heftig. „Urgermanen und Pilze, eine Kombination für echte Vollidioten!“, stöhnt er und legt das Buch zurück auf den Tisch. „Was für einen Wälzer hast du da?“ Motte hält ihm schreckensstarr das Buch hin. „Aha, vom Professor Möpplinger! Der ist für meinen Alten ein richtiger Säulenheiliger. Was forscht er denn gerade, der Herr Papa?“

Motte zeigt Vladi das eben aufgeschlagene Kapitel über den Zombie als solchen. „Glaubst du wirklich, der Onkel Schurli meint, dass es hier Zombies …“, stottert er.

„Zombies? Hier? Bei uns? In Stammersdorf?“ Vladi schüttelt den Kopf. „Wir sind ja nicht im Film!“

Motte lässt sich nicht so leicht beruhigen. „Ja, aber dein Vater beschäftigt sich doch mit solchen Sachen! Und wenn der sich plötzlich benimmt wie ein Bluthund, der eine Witterung aufgenommen hat, dann sollten wir das ernst nehmen, meine ich!“

Vladi wird unsicher. „Dafür bräuchten wir mehr Beweise! Aufzeichnungen vom Papa oder so was Ähnliches!“ Beide suchen weiter auf dem Schreibtisch herum. Auch hinter, unter und in den Büchern. „Ich hab was!“, zischt Vladi aufgeregt. Er hält stolz Onkel Schurlis Diktiergerät in den Händen. Er zückt sein Handy und hält es ans Diktiergerät. „Ich nehm das schnell auf! Geh du hinaus und pass auf, ob jemand kommt!“

Unruhig spaziert Motte vor Onkel Schurlis Arbeitszimmer ein paar Minuten auf und ab. Leise und sehr undeutlich hört er die Stimme seines Onkels aus dem Diktiergerät. Da erklingt Onkel Schurlis echte Stimme, aus dem Erdgeschoß. „Mina!“, ruft die Stimme verzweifelt. „Ich kann mein Diktiergerät nicht finden! Hast du es verräumt? Es ist wichtig!“ Aus dem Heizraum antwortet Tante Mina. Es klingt blechern, aber fröhlich. „Alles muss man selber machen!“, murrt Onkel Schurli, seine Schritte bewegen sich zügig in Richtung Treppe.

Motte steckt hektisch den Kopf ins Arbeitszimmer.

„Dein Papa kommt!“, flüstert er.

„Ich bin gleich fertig!“, flüstert Vladi zurück.

Motte überlegt fieberhaft, was er tun könnte, um Onkel Schurli aufzuhalten. Im letzten Moment wirft er sich zu Boden. „KHM, du Mistviech! Komm her da!“, ruft er so laut, dass ihn auch Vladi hören muss. „Na, Motte, ist der Käfer wieder ausgebüchst?“, fragt Onkel Schurli abwesend und steigt über Motte drüber. In diesem Moment kommt Vladi aus Onkel Schurlis Zimmer. Stolz hält er das Gurkenglas in die Höhe. „Ich hab ihn, Motte! Der kleine Racker war in Papas Bücherregal! Aber jetzt hat er Gurkenglasarrest!“

Onkel Schurli streicht Vladi hastig über den Kopf. „Pass besser auf deinen Käfer auf, sonst passiert ihm noch was! Ich hoffe, der Lauser geht nicht an meine Bücher! Habt ihr mein Diktiergerät gesehen, Burschen?“

Motte und Vladi schütteln den Kopf und schauen so unschuldig wie nur möglich. Onkel Schurli verschwindet im Arbeitszimmer und kehrt kurz darauf mit dem Diktiergerät wieder. „Wo hab ich nur meinen Kopf?“, brummt er, wünscht Vladi und Motte einen „hervorragenden Tag“, poltert die Treppe hinunter und läuft eilig aus dem Haus.

Vladis künstliches Grinsen fällt in sich zusammen. „Motte, das musst du dir anhören! Ich hab geglaubt ich bin im falschen Film!“

„Spiel vor!“, sagt Motte.

Aufnahme von dem Diktiergerät von Prof. Dr. Georg Maroni, Volkskundler und Mystiker

Es ist Sonntag, der sechste Juli zwotausendundacht. Ich höre wieder die Stimmen! Ich ignoriere sie zwar, denn sie sagen mir, dass ich mich nicht um jeden Blödsinn kümmern soll. Aber das ist kein Blödsinn, um den ich mich da kümmere, denn wenn es ein Blödsinn wäre, dann würde ich mich ja nicht darum kümmern, denn das wäre ja dann ein Blödsinn, wenn ich mich um einen Blödsinn kümmern würde. Ich höre schon wieder Stimmen! Sie rufen mir zu, dass ich im Kreis denke. Ich fürchte, dieses Mal haben sie Recht, die Stimmen, denn nach Durchsicht meiner soeben verfassten Notizen habe ich bemerkt, dass ich ihre Einschätzung nur bestätigen kann. Alles dreht sich! Seid leise, ich muss nachdenken!

Es ist die Musik. Ich kenne diese Musik, die ich höre. Zuerst nur in der Nacht, doch mittlerweile auch am Tag. Immer wieder die gleiche Melodie. Zuerst sehr holprig, jedoch im Laufe der letzten Wochen immer besser und flüssiger. Ich kenne diese Melodie. Aber woher? Wo hab ich sie schon mal gehört? War es in den Schluchten des Balkan, in der Karibik oder in der Klagenfurter Innenstadt? Irgendwoher kenne ich diese Melodie, und sie jagt mir kalte Schauer über den Rücken. Sie hat etwas Dämonisches. Ich frage die Stimmen, aber sie schweigen! Blöde Stimmen! Ich stöbere in Möpplingers Zombologie, ich durchforste meine Mediathek, bin jedoch bis jetzt nicht fündig geworden. Schimmel Barsch und Kochsalat! Es liegt mir auf der Zunge. Der Rhythmus ist hypnotisch, zugleich hopsassa-mäßig. Bumm-Tschick-bumm-tschiki-bumm-tschick-bumm-tschicki. Das wäre eher karibisch, wenn da nicht diese plötzlichen Stopps wären und es im Mittelteil plötzlich „hum-tata-hum-tata-hum-tata“ weitergehen würde. Das wäre nun wieder eher älplerisch. Zumindest weiß ich, woher die Musik kommt: Aus dem Keller des Vereinshauses gegenüber. Wo der komische karierte Obmann residiert mit seinem mageren Assistenten. Da ist etwas im Busch, ich bin sehr nervös, vor allem weil mein Neffe zurzeit bei uns wohnt und ich dadurch abgelenkt bin. Es bleibt spannend.

Die Stimmen haben Lust auf Schokopudding.

E-Mail von Prof. Dr. Anselm Maroni

An: [email protected]

Betreff: Eh alles ok?

Morning Mate,

stell dir vor, wir haben heute zeitig in der Früh die ersten dreieckigen Flossen gesehen! Es waren aber Blauhaie, die schon von einer Hawaiianischen Station markiert waren. Die Makos zieren sich noch. War trotzdem mit dem Käfig im Wasser. Das sind schon beeindruckende Viecherln. Und Zähne haben die, da träumt jeder Zahnarzt davon. Grüße vom Bruce, und herz mir die Verwandtschaft! Vergiss nicht auf das das E-Mail mit der Musike.

Cheers, Mate!