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Gesprenkelte Ketten

Die Minuten werden zu Stunden, die Stunden werden zu Tagen, die Tage zu Monaten und die Monate zu Jahren und so weiter und so fort. Professor Georg Maroni hockt nun schon seit mindestens 15 Minuten in seinem Kellerverlies. Dort hängt er trüben Gedanken nach: „Eine Viertelstunde? Die Viertelstunden werden zu halben Stunden, und die halben Stunden werden zu Dreiviertelstunden und so weiter und so fort!“ Der Mann, der den Großteil seiner Zeit in einem muffigen Arbeitszimmer verbringt, das nicht viel größer ist als sein derzeitiges Gefängnis, sehnt sich plötzlich nach den Alpen, nach lauen Lüften, nach Gebirgsbächlein und nach einem Saibling, wenn möglich gebraten. Er kann den frischen Bergwind spüren, der ihm durch die ungekämmten Haare fährt, und aus der Ferne vernimmt er das liebliche Gebrüll rotbackiger Kühe. Schritte, die sich der Türe seines Verlieses nähern, stören seinen Traum von der Freiheit. Ein Schlüssel wird im Türschloss gedreht, noch ein Schlüssel und noch einer. „Die machen keine halben Sachen!“, denkt Georg Maroni.

165 Zentimeter Vereinsobmann Korschinak betreten mit wippendem Schritt den Kellerraum. Hinter ihm buckeln 197 Zentimeter Prebichl. Prebichl bemüht sich, einen Sicherheitsabstand einzuhalten und nicht allzu tief zu buckeln, damit er mit seiner Stirne nicht gegen den Hinterkopf des Vereinsobmannes knallt. Eigentlich hat diese Szene etwas Rührendes, aber aufgrund seiner momentanen Situation hat der Professor nicht den Sinn dafür. Vor dem kauernden Professor Maroni bleibt der Obmann stehen, wippt noch etwas nach, sticht mit seinem Zeigefinger in die muffige Kellerluft und schnarrt: „Jaja! So haben wir ihn erwischt, ihn, den Spion, den vermaledeiten. Ich kenne ihn gut. Er wohnt gegenüber der fidelen Reblaus, in dem Haus mit den viel zu vielen, unordentlichen Blumen! Er ist ein Professor, wie mir zu Ohren kam, und er beschäftigt sich mit dem Seltsamen und Unheimlichen.“ Der Obmann schneidet selbstgefällige Grimassen. „Da schaut er, was? Da ist er von den Socken, was ich alles weiß!“

Georg Maroni möchte antworten, dass ihn das gar nicht wundert. Dass er genau weiß, dass er es mit dem spießigen Schrebergartenvereinsobmann Korschinak zu tun hat, über den die ganze Nachbarschaft tratscht. Dass der Obmann bekannt ist für seine strengen Vorstellungen von Gartengestaltung und Heckenschnitt. Und dass er seine Augen und Ohren überall hat, besonders in Angelegenheiten, die ihn gar nichts angehen. Leider kann der Professor kein Wort sagen, da ihn der Knebel am Sprechen hindert.

Der Herr Obmann indessen triumphiert. „Nun, Prebichl, hole er die Orgel und das Gebräu!“ ruft er. „Wir werden ein Exempel statuieren!“

Prebichl macht einen letzten Buckel, seine Stirn bremst nur wenige Millimeter über des Obmannes Hinterkopf. Eifrig macht er sich auf die Socken.

Während Sekretär Prebichl die Treppe nach oben poltert, erklärt Obmann Korschinak seinem Gefangenen den Plan, den er ausgeheckt hat. „Er wird sehen, alles wird besser. Zuerst gehört uns die Schrebergartensiedlung ,Zur fidelen Reblaus’ und dann, in ein paar Monaten, gehören uns die Schrebergartensiedlungen der ganzen Welt. Denn ich bin nicht alleine! Wir sind viele, Herr Professor!“

Mit großer Geste streicht sich Obmann Korschinak seine Haarsträhne aus der Stirne. Sein Blick verfinstert sich, und er setzt fort: „Dann gibt es nur noch exaktest gestutzte Thujen, stolze Blaufichten, ausschließlich rot-weiß-rote Rosenbeete, stramme Apfel- und herrliche Marillenbäume und kein Rasenmähen zur Mittagszeit mehr!“ Obmann Korschinak reißt beide Arme in die Höhe, fuchtelt mit den Händen und setzt brüllend fort: „Keine Kiwis! Keine Zitronen oder gar Bananen! Liebstöckel statt Cilantro!“ Er röchelt erschöpft und verschränkt theatralisch seine Arme vor der herausgedrückten Brust. „Und nur mehr züchtig bekleidete Gartenzwerge. Liegende Rehe! Keine Marsmenschen oder am Ende gar Trompete spielende Neger!“

Georg Maroni wähnt sich im falschen Film und runzelt sorgenvoll die Stirn. „Und sonst geht es ihnen noch gut?“, erkundigt er sich bei seinem Gegenüber. Das heißt, eigentlich versteht Obmann Korschinak nur „Umf sompf ett ihn ung?“, da der Knebel den gefangenen Professor erheblich beim Sprechen behindert.

„Spar er sich das Gemauschel, ich versteh ihn ohnehin nicht!“, herrscht Obmann Korschinak seinen Gefangenen an. Da klopft es an der Kellertüre. „Herrrrraiiiin!“, kläfft der Obmann.

Prebichl betritt de weiß gekachelten Kellerraum. Unter dem rechten Arm klemmt die Heimorgel, in der linken Hand trägt Sekretär Prebichl einen zu einem Trinkkelch umfunktionierten Totenkopf aus Hartplastik. Aus dem Totenkopf blubbert es. Grünlicher, übel riechender Dampf steigt auf. Professor Maroni schluckt. Er ahnt, dass er das Gebräu trinken wird müssen. Prebichl stellt den Schädel auf einem kleinen Campingtisch ab. Die Heimorgel montiert er auf dem Ständer. Dann zieht er Professor Maroni den Knebel aus dem Mund.

„Ich weiß, was Sie vorhaben, Sie Irrer!“, ruft Georg Maroni seinem Peiniger entgegen.

Traugott Korschinak lächelt mitleidig. „Aber woher denn, Sie Bücherwurm!“, kichert er und tätschelt Professor Maroni die rechte Wange. Dann wendet er sich an seinen treuen Sekretär: „Prebichl, stell er ihn auf die Füße, den Gefangenen!“ Prebichl schnappt Professor Maroni am Hemdkragen und richtet ihn ruckartig auf. Dem Professor wird es mulmig. „Prebichl, das Gebräu!“, befiehlt Korschinak und klemmt sich hinter die Heimorgel. Schaurig tönt die seltsame Melodie durch das Kellergewölbe. Prebichl schnappt den Schädel mit der dampfenden, übel riechenden Brühe. „Nun öffnet unser Professorchen den Schnabel!“, flötet Korschinak, vor Bosheit triefend. Professor Maroni presst die Lippen zusammen und schüttelt heftig den Kopf. Er strampelt verzweifelt, doch der Griff des Sekretärs, der ihm die Nase zuhält, ist zu fest. Georg Maroni schließt die Augen und öffnet den Mund, um Luft zu kriegen. „Prost, Professorchen! Wohl bekomm‘s!“, dröhnt Korschinak. Die Musik schwillt an, wird immer lauter und lauter, Prebichl gießt den Inhalt des Totenschädels Georg Maroni in den Hals, der hustet, würgt und spuckt, aber es ist vergebens! Prebichl klappt dem Professor mit der rechten Hand den Mund zu und klopft ihm mit der Linken auf den Kopf. Georg Maroni schluckt. Der Keller beginnt sich um ihn zu drehen. Plötzlich ist alles wunderbar leicht und irgendwie … groovy!

E-Mail von Prof. Dr. Anselm Maroni

An: [email protected]

Betreff: Alarmstufe rot!!!!!!!!!

Hallo Motte,

was ist das für eine Musik? Ich hab das dem Bruce

vorgespielt, und der ist total aus dem Häuschen! Er hat

gesagt, ich soll die Musik sofort stoppen und wollte

wissen, woher ich das habe! Was bitte sind Zombies?

Ich hab geglaubt, die gibt es nur im Film, aber der Bruce

hat die ganze Zeit von Zombies gefaselt und von einer

großen Gefahr! Kaum bin ich einmal weg, legt sich mein

werter Bruder mit Zombies an, und mein Sohn macht

auch noch mit! Sehr super!

Gib Nachricht!

Dein Vater

E-Mail von Motte Maroni

An: [email protected]

Re: Bin bei den Kiwis

Hallo!

Der Onkel Schurli ist echt in der Rue de Gack! Aber mach dir keine Sorgen, wir packen das schon, Maroni-Blut ist schließlich keine Nudelsuppe! Solltest du in den nächsten vierundzwanzig Stunden nichts von mir hören, dann sind wir in Schwierigkeiten, der Vladi und ich. Und dann (aber erst dann!!!!!) ruf die Tante Mina an. In der Schrebergartensiedlung „Zur fidelen Reblaus“, im Vereinshaus, ist etwas oberfaul! Kennt sich der Bruce mit Zombies aus? Wie macht man aus einem Zombie wieder einen Menschen? Wäre unter Umständen wichtig, dieses zu erfahren!

Bis später!

Dein Sohn