Der Herr Obmann
Es ist ein strahlender Sommersonntag. Die Sonne lacht, auch auf die Schrebergartensiedlung „Zur fidelen Reblaus“ im schönen Stammersdorf. Die Vögel zwitschern, der wilde Wein wuchert, die Luft flirrt und verspricht eine Affenhitze bis zum Mittag.
Einen einzigen Menschen vermag dieser herrliche Badetag nicht zu erfreuen. Trüb gestimmt hockt Obmann Traugott Korschinak, „Gotti“ für seine Mutter, „Herr Obmann Korschinak“ für den Rest der Welt, im Keller. Natürlich nicht in irgendeinem Keller. Es ist der Keller vom Vereinshaus „Zur fidelen Reblaus“. Traugott Korschinak ist der Obmann des Schrebergartenvereins und damit der unumschränkte Herrscher über alle fidelen Schrebergärtner. Er sitzt an seiner Heimorgel und spielt eine melancholische Melodie. „Die Welt ist schlecht! Die Stadt ist krank!“, philosophiert er vor sich hin. „Das Böse ist immer und überall, sogar in Stammersdorf!“, entfährt es ihm so laut, dass er erschrickt und sich verspielt. So fehlerhaft hat er das Lied „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ noch nie geklimpert. Und wer ist schuld? Die Menschheit als solche, natürlich. Die Menschheit in der fidelen Reblaus insbesondere, die ihre Hecken nicht eckig genug schneidet, ihre Thujen nicht auf genau 157,2 Zentimeter stutzt, ihre Gartenzwerge nur jeden zweiten Tag poliert und in ihren Goldfischteichen nicht nur weiße Seerosen schwimmen hat, sondern auch rosafarbene und gelbe! Das reinste Chaos! Ist doch war! Da geht man mit bestem Beispiel voran, pflegt das Vereinshaus aufs Prächtigste, versieht es mit Türmchen und Zinnen, ganz auf Romantikschlösschen. Der Rasen ist getrimmt, die Vogeltränke aus bestem Favoritner Gips, die Gartenzwerge sind poliert und die liegenden Rehkitze aus edelstem wetterfestem Hartplastik. Nicht eine Schubkarre, die ein Gartenzwerg vor sich herschiebt, hat einen Platten! Alle Hecken sind gestutzt, der Kugelgriller glänzt in der Sommersonne. Und wofür diese Mühe? Wofür die viele Arbeit? Wofür schindet man den treuen Assistenten tagaus und tagein? Es ist zum Aus-der-Haut-fahren!
„Preeeeeeebiiiiiichll! Komm er her!“, brüllt der Obmann nach seinem treuen Sekretär. Der poltert die Kellerstiege herunter und betritt buckelnd den Raum.
„Hat er nach der Post gesehen?“, herrscht Korschinak ihn an.
Sekretär Prebichl nickt.
„Hat er Post gefunden?“
Sekretär Prebichl schüttelt den Kopf.
„Warum hat er keine Post gefunden?“
Sekretär Prebichl zeigt auf das aktuelle Kalenderblatt. Sonntag. Keine Post heute. Der Herr Obmann, der sich mittlerweile ermattet an seinen Schreibtisch aus Eichenholz geschleppt hat, seufzt ungeduldig.
„Prebichl, schuschuschu!“, zischt er und versinkt wieder in finstere Gedanken. Er wartet nämlich auf ein Postpäckchen aus dem Pazifischen, genauer gesagt aus Neuseeland, noch genauer gesagt: aus Rotorua. Das hat er über das Internet bestellt auf der geheimen Geheimseite des geheimen Maori-Vodoopriesters Brian „Two Face“ Hupfberger. In jenem Päckchen, welches der Obmann Korschinak erwartet, befinden sich Kräuter, verschiedene Pulver und Essenzen. Aus den Kräutern, Pulvern und Essenzen will der Herr Obmann ein übel riechendes Gebräu mixen. Dieses soll alle Menschen, die davon trinken, in willen- und seelenlose Sklaven verwandeln, „Zombies“, wie sie allgemein genannt werden, insbesondere in der Karibik, aber auch in Neuseeland. Dem Mixer dieses Gebräus sollen diese Menschen geradezu hündisch ergeben sein. Genau das Richtige für den Herrn Obmann.
Er will sich den Zombiezauber zunutze machen, um den Schrebergartenverein vollends zu unterwerfen. Kein Thuje mehr von 157,3 Zentimeter Höhe. Keine gelbe Seerose mehr. Völlige Gleichschaltung und Harmonie!
Was der Herr Obmann Korschinak außerdem benötigt, sind geheime Gesänge aus Rotorua. Die braucht er ebenfalls zur Zombieerzeugung. Denn die Kräuter ohne Musik, die erzeugen nur heftigen Durchfall und leichte Halluzinationen. Die Melodie zu diesen Gesängen besitzt der Herr Obmann bereits, in Form von Noten für die Heimorgel.
Er will die Zeit nutzen und die geheime Melodie üben. Seufzend erhebt er sich und wuselt zu seinem Instrument, welches er seinerzeit von seiner Mutter geschenkt bekommen hat, zusammen mit seinem geliebten, rosa karierten Pullunder. Anlässlich seiner Ernennung zum Obmann auf Lebenszeit. Wenig später dringen düstere Töne aus dem Keller des Vereinshauses in die sonnendurchfluteten Wege der Schrebergartensiedlung.
Was der Obmann Korschinak nicht ahnt: Seine dunklen Machenschaften bleiben nicht unbeobachtet …
