Image

Testpiloten

Seit der Herr Obmann Korschinak das Päckchen aus Neuseeland bekommen hat, ist er ganz schön aufgekratzt. Die düstere Grundstimmung der letzten Wochen ist wie weggeblasen. Auf seinem Schreibtisch aufgereiht liegen alle Zutaten, die er für seine finsteren Pläne benötigt: die diversen Kräuter, Wurzeln, das ranzige Krötenfett, das Fläschchen mit dem Schweiß von echten neuseeländischen Hammelfüßen, zerriebenes getrocknetes Haifischhirn, fünf halbe Aspirintabletten, eine aufblasbare Maori-Medizinmannmaske, ein Amulett aus Tierknochen, das einen symbolischen Angelhaken darstellt, und eine Flöte. Diese allerdings mit japanischer Betriebsanleitung, aber dafür mit einem Notenheft. Herr Obmann Korschinak ist ja immerhin stolzer Besitzer einer Heimorgel und kann Noten lesen. Auch dabei sind ein kleiner handgeschnitzter Mörser und ein Stössel, dessen Stiel mit Maori-Malerei verziert ist. Zu guter Letzt holt Traugott Korschinak noch einen Bunsenbrenner nebst Dreibein aus dem Päckchen.

Jetzt ist er gerüstet, um die Herrschaft anzutreten. Um alle zu unterwerfen, die sich seinem Willen widersetzen und ihren Rasen nicht jeden zweiten Tag mit der Nagelschere mähen. Heute die fidele Reblaus, möchte Obmann Korschinak rufen, und morgen die ganze Welt!

Er holt tief Luft. „Preeeeeebichl!“, hallt seine Stimme durch das Vereinshaus. „Preeeeeebichl! Wo treibt er sich herum?“ Der brave Sekretär bleibt unauffindbar. Da kann der Herr Obmann noch so forsch herumplärren. Schon will er sich empören und erwägt, als Ersten den unbotmäßigen Prebichl vollends zu unterwerfen, quasi als Versuchskaninchen, da ertönt aus dem Vorraum Kampfeslärm. Obmann Korschinak schleicht sich zur Bürotüre und linst durchs Schlüsselloch. Im Sekretärsbüro schubsen sich der Sekretär Prebichl und ein eher ungepflegt wirkender Mann. Jetzt wirft der Sekretär Prebichl einen Bleistiftspitzer nach dem Unbekannten, der sich geschickt duckt, nun aber seinerseits einen Radiergummi nach Prebichl wirft – und ihn an der Stirne trifft. Prebichl wankt. Obmann Korschinak versteckt sich sicherheitshalber hinter dem schweren Eichenholzschreibtisch. Es ist nicht gut, wenn große Führer in die Kampflinie geraten. Besser abwarten, wie die Schlacht ausgeht!

Nach einigen Minuten des Gepolters betritt Prebichl das Zimmer. Er hält den Unbekannten im Schwitzkasten, der Unbekannte zappelt und zetert: „Auslassen! Ich bin Wissenschaftler und Titelträger der Universität Wien. So geht man mit mir nicht um, mein Institut wird die Polizei rufen, wenn ich mich nicht binnen zwei Stunden melde!“ Obmann Korschinak kriecht mutig hinter dem Schreibtisch hervor und pflanzt seine 165 Zentimeter vor dem zappelnden Unbekannten auf. Auf den Zehen wippend stellt er ihn zur Rede: „Name?“

„Maroni! Professor Georg Maroni!“

„Und was sucht der Herr Professor bei uns, na?“, schnarrt Korschinak siegesbewusst.

„Bitte, er ist ums Haus herumgeschlichen und hat fotografiert“, ereifert sich Sekretär Prebichl. „Außerdem habe ich das hier bei ihm gefunden!“ Er legt das Diktiergerät mit der freien rechten Hand auf den Schreibtisch, mit der linken beutelt er den Professor unnötig durch.

„Ahaaaaa!“, brüllt Obmann Korschinak. „Ein Spion!“ Er nimmt das Diktiergerät an sich und drückt daran herum. Aber es rührt sich nichts.

„Ich habe vergessen, eine Minidisc einzulegen!“, stöhnt Onkel Schurli, weil ihm schön langsam die Luft ausgeht. „Ahaaaa!“, kreischt Obmann Korschinak. „Ein blöder Spion! Genau der Richtige, um unsere neue Methode zu testen! Prebichl, fessle er den blöden Spion! Und dann in den Keller mit ihm!“

Prebichl blickt seinen Chef verwirrt an. „Mit wem, jetzt?“

Auf Obmann Korschinaks Stirne bilden sich Zornesfalten. „Na, mit ihm!“, ruft er ungehalten.

„Mit mir?“, erkundigt sich Prebichl sicherheitshalber, wobei sein Blick ins Einfältige abgleitet.

„Nein, er Hornochse, nicht mit ihm, sondern mit ihm!“, zürnt Obmann Korschinak.

„Mit mir!“, mischt sich jetzt auch noch Onkel Georg ein.

„Genau, mit ihm!“, brüllt Obmann Korschinak und deutet auf Georg Maroni, der nahezu erleichtert ausschnauft. „Also mit ihm!“, ruft Prebichl dienstbeflissen und stapft, mit dem leicht ergrünten Professor Maroni im Schwitzkasten, in Richtung Keller.

Auf halbem Weg erbittet Professor Maroni eine kurze Pinkelpause, die er mit der erlittenen Aufregung begründet. Sekretär Prebichl hat für Aufregungen Verständnis und gestattet dem Professor die Benützung des stillen Ortes, hält aber mit grimmigem Gesichtsausdruck vor der Türe Wache.

Der Professor muss aber nicht nur pinkeln, er hat auch noch einen verzweifelten Trumpf im Ärmel! Er hatte nämlich zuvor doch eine Minidisc eingelegt. Als es brenzlig wurde, hat er sie aus dem Gerät entfernt und in die Hosentasche gesteckt. Diese Minidisc wickelt der verzweifelte Professor jetzt in einen auf Klopapier gekritzelten Hilferuf und wirft sie aus dem Fenster, in der Hoffnung, dass sie jemand findet, der entweder bei der Polizei arbeitet oder Rambo heißt. Jedenfalls jemand, der ihn aus seiner misslichen Lage befreien wird. Es ist zwar nur ein dünner Strohhalm, an den sich der Professor klammert, aber in gewissen Situationen sind dünne Strohhalme besser als gar keine Strohhalme. Erleichtert verlässt er das Klosett und begibt sich widerstandslos wieder in den Schwitzkasten von Sekretär Prebichl, der dies wie selbstverständlich hinnimmt.

Im Keller fesselt Prebichl den Professor an Händen und Füßen. „Frühstück um sieben Uhr dreißig, Mittagessen um zwölf, Nachtmahl um achtzehn Uhr“, erklärt er dabei nicht unfreundlich. Aus dieser Bemerkung schließt der Professor, dass sein Aufenthalt länger dauern könnte, und sieht sich bemüßigt, nachdem die Kellertüre ins Schloss gefallen ist, unflätige rumänische Flüche zu zischen.