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Hinter der Geheimtüre

Etwa eine halbe Stunde, bevor Motte Maroni zu „Zombie Drei“ wird, wacht Mina Maroni, ihres Zeichens Mottes Tante, auf. Sie ist spät aus dem Waldviertel heimgekehrt und hat sich schnurstracks ins Bett begeben. Darum ist sie jetzt erst aufgewacht. Die Sonne kitzelt sie in der Nase, sie zieht sich die Ohropax-Stöpsel aus den Ohren und greift neben sich auf Onkel Schurlis Doppelbetthälfte, aber da ist niemand. „Mannsbild vermaledeites, wo treibst dich herum?“, ist ihr erster Gedanke. Ihr zweiter Gedanke ist milderer Natur: „Hoffentlich ist ihm nichts passiert!“ An Schlaf oder auch an angenehmes Vormittagsdösen ist nicht mehr zu denken. Seufzend steht Tante Mina auf und wirft sich in ihren geblümten Morgen-mantel. Ihr erster Weg führt sie in Vladis Zimmer. „Vladi, aufstehen!“, zwitschert sie. Aber nichts rührt sich. Sie geht zum Fenster und zieht den Vorhang auf. Sonnenlicht bestrahlt ein leeres, unberührtes Bett. „Vladi!“, ruft Mina erschrocken. Sie dreht sich um und läuft ins Gästezimmer. Aber auch dort findet sie niemanden! Allerdings ist das Bett sehr unordentlich gemacht. Daraus schließt Mina, dass Motte zumindest einen Teil der letzten Nacht im Haus verbracht hat. „Motte!“, ruft sie, „Motte!“ Aber auch darauf keine Reaktion. „Wo sind die drei?“, fragt sich Mina flüsternd. Sie läuft hinunter ins Erdgeschoß und sieht, dass das Lämpchen am Telefon blinkt. Der Anrufbeantworter! Sicher haben Vladi oder Schurli oder Motte aufs Band gesprochen.

Aber es ist Anselm Maroni, Mottes Vater, der verzweifelt aufs Band geplärrt hat: „Hallo? Ist da jemand? Mina? Irgendjemand! Hier spricht Anselm! Aus Neuseeland! Was ist denn da bei euch los? Motte schreibt so komische E-Mails. Dass der Schurli und der Vladi Zombies sind, und dass er sie befreien muss, aus dem Keller vom Vereinshaus der Schrebergartenkolonie! Egal, wie, ich fürchte, mein Bruder ist in etwas Blödes hineingeraten und bringt die Buben in Gefahr! Mina, hast du noch dein Kostüm und die Ausrüstung? Mina, du musst ihnen helfen! Die Formel und die Melodie für den Gegenzombiezauber, falls du das wirklich brauchen solltest, hab ich Motte per E-Mail geschickt. Solltest du auf seinem Laptop finden. Mina, beeil dich!!! Mina, mach was! Mina! Ich ruf die Polizei! Tüüüüüt.“

Mina drückt die Stopptaste des Anrufbeantworters. „Na, super!“, ist ihr erster Gedanke. „Alle spielen die Helden! Und wer muss wieder einmal die Kastanien aus dem Feuer holen? Die Mutti!“ Es ist ja nicht das erste Mal, dass ihr Gatte für ein paar Tage verschollen ist. Als Erforscher des Okkulten und Dämonischen hat man halt keine fixen Arbeitszeiten. Aber dass ihr Sohn, Vladi, und ihr Neffe, Motte, da auch noch mit drinhängen, das verlangt nach außerordentlichen Maßnahmen. Es wird Zeit für Tante Mina, dieses Problem auf ihre ganz persönliche und fast schon vergessene Art und Weise zu lösen. Superman? Batman? Slim Shredder? Alles Witzfiguren.

Nein! Das ist eindeutig ein Job für eine waschechte Superheldin – es ist ein Job für Ruckizucki Mina! Irgendwie hat sie es geahnt. Irgendwie hat sie gewusst, dass sie wieder einmal ran muss, um die Situation zu retten. Irgendwie, und ein ganz kleines bisschen, hat sie es auch gehofft.

Eigentlich hat Mina ihren geheimen Job als Superheldin ja schon lange an den Nagel gehängt. Kinder brauchen eine geborgene, hübsche, kuschelige Umgebung, hat sie gemeint, als sie schwanger wurde. Welches Kind will schon eine Superheldenmutter? Und einen zerstreuten Professor wie Schurli Maroni durchs Leben zu bugsieren, das kann mitunter auch ganz schön heldenhaft sein. Nun, vielleicht hat Mina es mit der Kuscheligkeit hie und da übertrieben. So unangenehm ist es ihr eigentlich gar nicht, sich wieder auf die Piste zu begeben. Es gibt eben Situationen, da muss eine Mina tun, was eine Mina tun muss!

Aber wo soll sie bloß beginnen? Auch die routinierteste Geheimsuperheldin braucht einen vernünftigen Ansatz. Deswegen geht Tante Mina zuerst in Mottes Zimmer. Motte scheint das Bindeglied zu sein, hier führen alle, wenn auch sehr spärlichen, Spuren zusammen. Sie öffnet die Türe, ihr erfahrener Blick bleibt gleich an Mottes Notebook kleben. Es ist im Ruhezustand, Mina klappt es auf. Auf der Tastatur klebt ein Post-it Zettel mit einer nicht sehr beruhigenden Nachricht von Motte, die ihr nur bestätigt, dass die Zeit drängt. Mina drückt irgendeine Taste, das Notebook fährt summend wieder hoch. Sie öffnet das E-Mail Programm und holt sich die Infos, die sie braucht.

Mina schaut auf die Uhr. Es ist kurz nach halb neun! Sie speichert die von Bruce gespielte Melodie auf das Giganto-Audio-Gadget, das in ihrem Ehering versteckt ist, und zieht mit Superbrainpower die Zauberformel auf ihren mentalen Harddrive: „Ka mate koe i te kai hikareti!“ Dann eilt sie in den Keller.

Die Geheimtüre öffnet sich lautlos, Mina hält sie immer gut geölt. Dahinter befindet sich eine Umkleidekabine, darin eine Lederjacke, ein brauner Filzhut, eine glitzernde blaue Hose mit weißen Sternen, weiße Cowboystiefel und eine Bullenpeitsche. Alles nicht ganz neu, aber liebevoll gepflegt. „Zombies! Ha!“, zischt Mina verächtlich und zwängt sich in die etwas zu eng gewordene Glitzerhose. „Zeit für eine Diät!“, stellt sie fest. Aber sie schafft es, den Hosenknopf zu schließen, und stürmt die Treppe mit Turbospeed wieder nach oben, diesmal in voller Superheldinnen-Montur. Die Stiefel sind etwas eng, und sie hat vergessen, ein Hühneraugenpflaster auf ihre große Zehe zu kleben. Schließlich ist der letzte Einsatz für Ruckizucki Mina schon ein paar Jährchen her! Aber für Wehleidigkeiten ist keine Zeit.

Auf dem Treppenabsatz begegnet Mina etwas kleines, Schwarzes. KHM ist heimgekehrt. Ohne Gurkenglas. Und ohne Vladi. Jetzt ist endgültig Feuer am Dach! Niemand trennt ungestraft Minas Sohnemann von seinem Lieblingsmistkäfer! Die Schrebergarten-Voodoozauberer können sich auf etwas gefasst machen!

„Jetzt gibt’s Saures!“, zischt Mina. Sie setzt KHM auf einen Teller mit einem Tropfen Honig, damit er sich stärken kann. Dann beamt sie sich per Magic-Flitz-Strahl, den sie mit einem bestimmten Stiefelklappern generiert, zum Vereinshaus der fidelen Reblaus.

Sekundenbruchteile später materialisiert Mina hinter einem Wacholderbusch. Der gewährt ihr gute Deckung. Und gute Sicht auf die seltsamen Dinge, die sich auf dem Rasen abspielen. Sie kneift ihre Augen zusammen, fast wähnt sie sich in einem bösen Traum. Denn was da vor ihren Augen abgeht, kann einfach so nicht sein. Da sind ihr Gatte, Onkel Schurli, ihr Sohn Vladi und ihr Neffe Motte. Sie wanken im Garten herum und stellen Tische auf. Ihre Gesichter sind lindgrün verfärbt. Die stöhnenden Geräusche, welche die drei Maronis von sich geben, verursachen Mina eine Gänsehaut. „Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht!“, brummt sie. Sie fährt das Giganto-Audio-Gadget aus und ruft die Zauberformel von ihrem mentalen Harddrive ab. In die linke Hand nimmt sie den versilberten, sehr spitzen Zahn, den sie, wie alle Maronis, um den Hals trägt. Jetzt ist sie bereit. „Ich muss sie nur einzeln erwischen!“, denkt Mina und wartet auf Ihre Chance.