Nächtliche Abenteuer
Die Thujenhecken wiegen sich bedrohlich im Wind, es regnet. Manchmal streift ein Ast Mottes Arm, es ist, als würden die Hecken nach ihm greifen, ihn an sich ziehen wollen, ihn einfach verschwinden lassen. Dabei sind die Thujenhecken noch Mottes kleinstes Problem. Es blitzt! „Warum muss es immer blitzen, wenn es sowieso schon unheimlich genug ist?“, denkt Motte und wischt sich die Regenässe aus dem Gesicht. Er läuft über einen Kiesweg. Ein Pfeil weist in Richtung Schutzhaus. Hinter Motte Stöhnen, ein Stöhnen aus mindestens zwanzig Kehlen. Motte wirbelt herum. Da wanken zwanzig Schrebergärtner, sie starren ihn mit leeren, aber hungrigen Augen an. Alle haben sie grüne Schürzen an, auf den Köpfen tragen sie breitkrempige Strohhüte. Auf den grünen Schürzen sind seltsame Sprüche zu lesen. „Unser Schmalz – Gott erhalt’s!“ – „Spanferkel statt Spanplatten“ – „Unser Papschi ist der Beste!“ – „Make Lawn – Not War!“ Bewaffnet sind die wankenden Schrebergärtner mit Heckenscheren, Rechen und Gartenkrallen. Einer zieht sogar einen Häcksler hinter sich her. Motte dreht sich um und läuft weiter, wobei er kaum von der Stelle kommt. Eine grässliche Musik weht zu ihm herüber, von dem großen Haus, das ihm den Fluchtweg versperrt. Er kann den üblen Atem der Schrebergarten-Zombies im Nacken spüren. „Vereinshaus“, liest Motte auf einem Schild über dem Eingang. Verzweifelt rüttelt er an der schweren Gartentüre, die sich plötzlich vor ihm erhebt. „Hilfe! Machen Sie auf! Ich werde verfolgt und demnächst tranchiert und gegessen!“, brüllt er. Aber nichts rührt sich. Motte hört nur die stöhnenden Zombies und die Musik, diese schrecklich wabernde Musik. Jetzt ist ihm auch klar, woher sie kommt. Die Musik kommt mitten aus dem Vereinshaus. Die Zombies wanken immer näher. Da mischt sich zur Musik noch ein anderes unheimliches Geräusch. Klickediklackediklickediklackediklackediklickediklacksproiing. Motte möchte am liebsten laut schreien, doch die erste Krallenhand schließt sich um seinen Hals. Motte blickt seinem Verfolger in die leeren Augen, der Mundgeruch ist überwältigend. Motte kann nur keuchen. Er öffnet seinen Mund zu einem stummen Schrei und …
… wacht schweißgebadet auf. Er ringt nach Luft. „Nie wieder drei Portionen rumänische Blunzen und nie wieder vier Portionen Vogelmilch!“, schwört er sich. Er setzt sich im Bett auf. Da ist das Geräusch wieder! Klickediklackediklickediklackediklackediklickediklacksproiing. Motte schaut auf die Uhr. „Drei Viertel fünf, zu früh für einen Ferientag!“, grunzt er und legt sich auf den Rücken, aber in seinem Kopf tönt es: Klickediklackediklickediklackediklackediklickediklacksproiing. Das Geräusch ist kein Traum. Das Geräusch ist real. Verzweifelt versucht Motte, es zu ignorieren. Als er jedoch merkt, dass er auch noch aufs Klo muss, schwingt Motte sich seufzend aus dem Bett. Auf Zehenspitzen schleicht er zur Zimmertüre. Vorsichtig öffnet er sie und tappt auf den dämmrigen Flur.
Onkel Schurlis Türe ist nur angelehnt, aus dem Arbeitszimmer dringt Licht. Vorsichtig linst Motte durch den Spalt. Onkel Schurli sitzt an einer antiken Schreibmaschine und tippt wie wild. Klickediklackediklickediklackediklackediklickediklacksproiing. „Schreibmaschine! Es ist nur eine Schreibmaschine!“, seufzt Motte erleichtert. Plötzlich hört Onkel Schurli zu schreiben auf und beginnt eine Melodie zu summen. Es ist die gleiche Melodie, die heut Nachmittag aus der Schrebergartensiedlung gedrungen ist. Onkel Schurli unterbricht das Summen. Er schnappt sich ein Buch und beginnt hektisch zu blättern. Fündig wird er nicht, aber er steigert sich immer mehr in seine Aufregung hinein. „Ich weiß genau, dass sie etwas im Schilde führen! Oh, diese Narren! Diese Wahnsinnigen! Manche Tore sollte man nicht öffnen!“
Motte zappelt nervös mit den Beinen, da steigt er auf ein loses Holzbrett im Fußboden. Es quietscht leise. Motte erschrickt und huscht zurück in den dämmrigen Gang. Außerdem muss er jetzt schon wirklich sehr dringend aufs Klo. Onkel Schurlis Kopf taucht in der Tür auf.
„Hallo? Ist da jemand?“, fragt er.
Motte hat sich rechtzeitig ins finstere Badezimmer retten können. Leider kann er den Lichtschalter nicht finden. Zum Glück ist das Fenster offen, und der Mond hilft mit ein paar Lichtstrahlen aus. Da ist ihm plötzlich, als hörte er wieder die schräge Melodie, leicht an den Nerven sägend. Diesmal ist es aber nicht Onkel Schurli, der summt. Diesmal ist die Musik wieder „echt“. So ähnlich wie die Orgelklänge, die Motte bei seiner Ankunft in Stammersdorf gehört hat. Er fragt sich, ob die Schrebergärtner auch irgendwann einmal schlafen oder ob sie ohne Unterlass musizieren. Da hat er eine Idee: Er klettert auf die Klobrille und schaut aus dem Fenster. Alles ist dunkel. Nur in einem der Siedlungshäuser ist Licht. Seine Türmchen und Zinnen gleißen im Mondenschein. Und genau von dort wabern die seltsamen Klänge herüber. Es klingt so dämonisch, dass Motte nicht sagen kann, ob ihm von der Nachtkälte oder von der Musik die Gänsehaut über den Rücken läuft.
Motte setzt sich auf den Badewannenrand und grübelt nach. Darüber, dass die Menschen in dieser Gegend vielleicht nicht alle Tassen im Schrank haben. Darüber, wer die Narren und Wahnsinnigen sind, von denen Onkel Schurli geredet hat. Und ob ihm auf dem Rückweg ins Zimmer wieder der grausige Vampir von dem Bild runter nachschauen wird. Seine Neugierde ist jedenfalls geweckt. Motte interessiert sich durchaus für das Unheimliche und das Gruselige, aber er ist leider sehr schreckhaft, und es wird ihm leicht übel. „Motte, alter Junge, wo bist du da bloß hingeraten?“, denkt er. Und: „Was würde Slim Shredder jetzt tun? Der wüsste, was zu geschehen hätte, und der Meier wahrscheinlich auch!“ Blöderweise existiert Slim Shredder nur in der Phantasie einiger Drehbuchautoren, und der Meier, der zwar real existiert, schläft wahrscheinlich tief und fest am anderen Ende von Wien. Oder er ist auf Besuch bei seiner Oma im lieblichen Kleinschweinbarth, um die gute Luft zu genießen.
„Der Starke ist am mächtigsten alleine!“, knurrt Motte. Den Spruch hat er irgendwo aufgeschnappt, und er findet ihn in diesem Moment, in der Einsamkeit des Stammersdorfer Badezimmers, passend und tröstlich. Motte beschließt, der Sache mit der Melodie auf den Grund zu gehen, möglichst unauffällig und vielleicht ein ganz kleines bisschen heldenhaft.
Motte schleicht über den Flur, zurück zu seinem Kabinett. Aus dem Arbeitszimmer von Onkel Schurli dringt immer noch Licht. „Nur noch einen kleinen Blick!“, denkt Motte und linst wieder durch den Spalt. Aber er kann nur einen halben Schreibtisch und den linken, heftig wippenden, Fuß vom Onkel Schurli ausmachen. Plötzlich tippt ihm von hinten jemand auf die Schultern, vor Schreck kippt er fast aus den Latschen.
„Was machst du denn da?“, fragt Vladi interessiert.
„Offensichtlich einen komischen Eindruck!“, stottert Motte.
Vladi macht Licht und betrachtet Motte eingehend. „Das ist richtig!“, stellt er fest. „Nasern ist echt nicht nett!“ Das weiß Motte allerdings selber, dass spionieren nicht super ist. Manchmal ist die Neugier eben zwingend.
„Mich hat das Klappern geweckt, vom Onkel Schurli seiner Schreibmaschine!“, verteidigt er sich.
„Passt schon, Motte! Ist ja auch wurscht, warum du hier am frühen Morgen herumstehst wie der Ochse vor dem Hoftor. Mir ist jedenfalls der KHM abgehauen, und ich muss ihn finden, bevor jemand versehentlich Mistkäfermus aus ihm macht. Ich hoffe, du bist nicht auf ihn draufgestiegen! Heb mal die Füße!“ Er begutachtet eingehend Mottes Fußsohlen, findet nichts und plaudert munter weiter: „Wäre nämlich nicht das erste Mal, dass einer auf ihn draufsteigt. Zum Glück bringt den Karl-Heinz so schnell nichts um!“
Motte ist erleichtert, dass Vladi ihm seine Neugierde nicht krumm nimmt. „An die Schreibmaschine von meinem Erzeuger muss man sich erst gewöhnen!“, bestätigt Vladi, während sie auf dem Teppich herumkriechen. „Mit Computern hat er nix am Hut! Das einzige technische Gerät, das er beherrscht, ist sein Aufnahmegerät. Das braucht er nämlich für seine Forschungen. Damit nimmt er Gesänge und Beschwörungen von Ureinwohnern auf! KHM! Kahaeheeem! Puttputtputt! Wo isser denn?“
Konzentriert suchen Motte und Vladi den Boden ab. Der berühmte Vampir verfolgt sie dabei mit seinen Blicken bis in den letzten Winkel. Vladi klärt Motte darüber auf, dass KHM eigentlich nicht schwer zu finden sei. „Weil er nachts immer seinen Leibriemen trägt. Der ist mit Kristallen besetzt. Das findet er schmuck, der KHM!“ Plötzlich glitzert unter einer bemalten Holztruhe etwas hervor. „Ja, da isser ja!“, quietscht Vladi freudig und leuchtet mit der Taschenlampe unter die Truhe. „Ich sehe seinen Leibriemen! Die Kristalle reflektieren wirklich super! Ja, da ist er ja, mein Zuckerpüppchen! Mein kleiner Leuchtmistkäfer!“
Motte lässt sich neben der Truhe auf den geblümten Teppich fallen. Auch er ist froh, dass der Käfer lebend geborgen werden konnte. Er findet den kleinen Kerl ganz niedlich, trotz seines eitlen Getues. „Komm, gib dem Herrchen ein Bussi!“, schnurrt Vladi. Das findet Motte nun übertrieben. KHM aber genießt das Wiedersehen. „Ich trag mein Zuckerkäferchen jetzt in seine ‚Prinzenrolle’, damit er noch ein bisschen zu seinem Schönheitsschlaf kommt!“, ruft Vladi und haut Motte übermütig auf die Schulter. „Danke für die Hilfe! Wir sehen uns um neun beim Frühstück!“
E-Mail von Prof. Dr. Anselm Maroni
Betreff: Bin bei den Kiwis
Lieber Motte,
bin glücklich in Wellington gelandet. Fühle mich wie von einem Schnellzug geküsst. Bis Frankfurt war der Flug erträglich, danach war er nur mehr lang. Alle drei Stunden haben wir etwas zu essen gekriegt, damit uns nicht fad wird. Zum Glück ist neben mir ein stärkerer Herr gesessen, der sich über meine Portion sehr gefreut hat. Zum Dank dafür hat er mich dann, als er eingeschlafen ist, gegen die Kabinenwand gepresst, so dass ich bei der Landung in Sydney eine leichte Delle an meiner rechten Stirnhälfte vorgefunden habe. Zum Glück hat sich die bis Wellington wieder verflüchtigt. Die Menschen hier sind sehr freundlich. Das Wetter ist mies, es ist eiskalt. Ich geh jetzt schlafen, morgen geht es schon los, da will ich halbwegs in Form sein! Betrage dich gut und grüß mir meinen Langeweiler-Bruder
herzlich!
Gruß und Kuss,
Senior
Re: Bin bei den Kiwis
Hallo!
Freut mich, dass es dir gut geht. Hier sind alle ein bisserl seltsam. Die Tante kocht für die Massen, der Onkel brabbelt die ganze Nacht vor sich hin, die Nachbarn orgeln seltsame Melodien, und der Vladi hat einen Mistkäfer namens Karl-Heinz, der statt Pyjamas lieber einen glitzernden Leibriemen trägt. Aber sonst sind alle sehr nett.
Viel Glück für morgen und viele Haie wünsch ich dir! Motte
