Es war der 20. April 1945, und Hitler beging seinen 56. Geburtstag, doch die Stimmung in seinem »Führerbunker« in Berlin war alles andere als feierlich. Himmler, Goebbels, Göring, Speer und andere Partei- und Wehrmachtsgrößen waren da, ebenso wie einige zur Feier des Tages frisch dekorierte Mitglieder der Hitlerjugend, doch außer der verträumten Eva Braun war niemandem nach Feiern zumute. Um sie herum brach die Stadt Berlin physisch wie psychisch in sich zusammen. Ein steter Strom von Funk- und Telegraphenmeldungen verkündete eine deutsche Niederlage nach der anderen. Jünglinge wie Greise baumelten von den Laternenpfählen der Stadt; Schilder um ihren Hals gaben die Parole aus: »Wer zum Kämpfen zu feige ist, muss sterben.« Zwölfjährige Hitlerjungen in schlotternden Uniformen stellten sich mit Mausergewehren den Panzern der Russen entgegen. Mitten in diesem Chaos sagte Hermann Göring seinem geliebten Führer »auf Wiedersehen«, obwohl er wusste, dass dieses Wiedersehen nicht stattfinden würde.
Göring verließ den Bunker und zog sich eilends in das vor dem »Iwan« und seiner Henkersschlinge sichere Berchtesgaden zurück. Drei Tage darauf hielt er angesichts der Lage in Berlin seine Chance für gekommen, selbst die Führung über Deutschland zu übernehmen und den Krieg zu beenden. Also schickte er jenes berüchtigte Telegramm in den Bunker, in dem er höflich anfragen ließ, ob der geeignete Moment gekommen sei, den Führererlass vom 29. Juni 1941 in Kraft zu setzen. In jenem Erlass hatte Hitler Hermann Göring als seinen Nachfolger bestimmt, für den Fall, dass er selbst nicht mehr imstande sei, das Reich zu führen. Diese feinfühlige Nachfrage ergänzte Göring um einen etwas weniger höflicher Passus, in dem er erklärte, wenn er bis zehn Uhr am selben Abend keine Nachricht erhalte, werde er davon ausgehen, dass Hitler seiner Handlungsfreiheit beraubt sei, und den Erlass in Kraft setzen. Er beschloss das Fernschreiben mit den Worten: »Was ich in diesen schwersten Stunden meines Lebens für Sie empfinde, wissen Sie und kann ich durch Worte nicht ausdrücken. Gott schütze Sie und lasse Sie trotz allem baldmöglichst hierherkommen. Ihr getreuer Hermann Göring.«189
Hitler reagierte zunächst erstaunlich gelassen auf diese Mitteilung. Erst nach einem zweiten Telegramm gegen sechs Uhr abends bekam er einen Wutanfall. Er verurteile Görings Nachricht als Ultimatum, als Akt des Verrats, beschimpfte den Reichsmarschall als »Morphinisten« und weinte »wie ein Kind«.190 Dann wischte er die Tränen fort, ordnete sein Haar und setzte seine Unterschrift unter eine Radioverlautbarung, die sein Vertrauter und Privatsekretär Martin Bormann verfasst hatte. Bormann war einer von Görings schärfsten Opponenten. In der Radioansprache wurde Göring des Hochverrats beschuldigt, was ein Todesurteil gerechtfertigt hätte, das jedoch in seinem Fall zu einem Verlust aller seiner Ämter abgemildert wurde.191 Im zweiten Teil seines politischen Testaments vom 29. April 1945 kappte Hitler schließlich alle Verbindungen zu Hermann Göring: »Ich stoße vor meinem Tode den früheren Reichsmarschall Hermann Göring aus der Partei aus und entziehe ihm alle Rechte, die sich aus dem Erlaß vom 29. Juni 1941 sowie aus meiner Reichstagserklärung vom 1. September 1939 ergeben könnten. Ich ernenne an seiner Stelle den Großadmiral Dönitz zum Reichspräsidenten und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht.«192
Bormann hatte sich unterdessen bemüht, seinen Konkurrenten endgültig loszuwerden. Ohne Hitlers Wissen erteilte er am Abend des 23. April den SS-Führern Frank und Bredow die Order, Göring und seine Familie, seine Hausangestellten und Adjutanten zu verhaften. Nach einem Luftschlag der Royal Air Force gegen den Obersalzberg und Görings Wohnhaus erhielt Frank noch ein weiteres, vermutlich von Bormann eigenmächtig aufgesetztes Telegramm, in dem er aufgefordert wurde, Göring in dem Fall, dass die Hauptstadt eingenommen würde, umgehend zu liquidieren.193
Doch Frank war vorausschauend genug, um zu begreifen, dass Göring im Falle von Hitlers und Bormanns Tod als einer der höchstrangigen NS-Politiker gebraucht würde, um mit den Alliierten Friedensverhandlungen zu führen. Als Berlin und der Führer tatsächlich fielen, ließ er seine Luger im Halfter und sorgte dafür, dass Göring an den nächsten sicheren Ort eskortiert wurde. Dafür bot sich ausgerechnet die Burg Mauterndorf an, Hermann Görings österreichischer Wohnsitz. Auf der Fahrt dorthin, die aufgrund widriger Umstände 36 Stunden dauerte, musste Göring einen weiteren Schlag ins Gesicht verkraften: Im Radio war zu hören, er habe »einen Herzanfall erlitten« und der Führer habe »Generaloberst Ritter von Greim zum neuen Oberbefehlshaber der Luftwaffe ernannt und ihn zugleich zum Feldmarschall befördert«.194
Nicht lange nach ihrer Ankunft in Burg Mauterndorf wurden die Görings von loyalen Luftwaffen-Piloten aus den Händen der SS befreit. »Und plötzlich war die SS verschwunden. Plötzlich waren gar keine SS-Leute mehr da. Und dann verabschiedete sich Hermann Göring von den Bewohnern von Mauterndorf. Er lud meinen Vater ein und den Bürgermeister und so. Und dann fuhren sie den Amerikanern entgegen. Die Russen standen nämlich schon in Scheifling. Das war nur achtzig Kilometer von hier, und er wollte den Russen nicht in die Hände fallen«, erinnert sich Dr. Liselotte Schroth, eine Verwandte von Epensteins.195 Damit begannen Görings letzte Tage in Freiheit.
In seinem protzigen weißen Mercedes und seiner taubenblauen Reichsmarschalls-Uniform machte sich Hermann Göring mit seiner Entourage auf den Weg nach Schloss Fischorn in Bruck bei Zell am See, um dort die Amerikaner zu erwarten. Von dort aus schickte er Oberst Bernd von Brauchitsch, seinen Chefadjutanten bei der Luftwaffe, mit einem versiegelten Brief an General Eisenhower zu den amerikanischen Truppenstellungen bei Kufstein. In dem Schreiben erkannte er Deutschlands Niederlage an und bat um Waffenstillstandsverhandlungen. Von Brauchitsch wurde in Kufstein dem amerikanischen Brigadegeneral der 36. Infanteriedivision Robert Stack vorgestellt, der sofort zu Göring gebracht werden wollte. Als man Burg Fischorn jedoch leer vorfand, nahm er mit seiner Eskorte die Verfolgung auf und stellte Göring am 7. Mai kurz vor Radstadt. Stack erinnerte sich später: »Schließlich fanden wir eine Abteilung von ungefähr 25 Fahrzeugen vor, die mit Blickrichtung zu uns auf der Straße standen. Es war Görings persönlicher Geleitzug. Er hatte seine Frau dabei, seine Schwägerin, seine Tochter, General von Epp (den Gauleiter von Bayern), seine Köchin, Hausbedienstete, Mitarbeiter, Stabschef, Wachen etc. – insgesamt 75 Personen. Er und ich stiegen aus, und von Brauschitz [sic] stellte uns einander vor. Göring vollführte den alten deutschen Militärgruß, nicht den Hitlergruß, und ich erwiderte ihn.«196
Hermann Göring mag damit gerechnet haben, in einem Charterflugzeug direkt zu General Eisenhower gebracht zu werden, doch es kam anders. In den Augen der Amerikaner war er weder ein Staatsmann noch ein geeigneter Verhandlungspartner, sondern bereits ein begehrter Kriegsgefangener. Man ließ ihn mit einem Zweisitzer in das Verhörzentrum der 7. US-Armee in Augsburg abtransportieren, wo er auf Eisenhowers Weisung hin so behandelt wurde wie jeder andere Kriegsgefangene auch. Jede Hoffnung, als Verhandlungspartner anerkannt zu werden, zerschlug sich, als man ihn zwang, all seine Ehrenzeichen, sein Großkreuz des Eisernen Kreuzes, seinen Marschallstab, den Pour le Mérite und sogar seinen Brillantring abzulegen.197 Aus dem Reichsmarschall Göring wurde ein Angeklagter.
Während Hermann Göring erste Beschwerden über die Verpflegung im Verhörzentrum (SAIC) einreichte, stellte sich am 9. Mai 1945 Albert Göring dem amerikanischen Counter Intelligence Corps (Spionageabwehrabteilung der US-Armee, CIC). Nach einer kurzen Befragung sprach dessen Mitarbeiter B. F. Egenberger die Empfehlung aus, »GOERING, Albert für weitere Befragungen und Verfügungen in die CIC-Abteilung der 7. Armeekommandantur zu überstellen. Es ist zu vermuten, dass der Betreffende über wichtige Informationen verfügt, welche die zuständigen höherrangigen Dienststellen interessieren dürften«.198 Entsprechend wurde Albert Göring am 13. Mai festgenommen und zur Vernehmung in das SAIC in Augsburg gebracht, wo er zum letzten Mal seinen Bruder wiedersehen sollte.
Als Hermann Göring über den Hinterhof geführt wurde und Albert aus dem Fenster seiner Zelle sah, trafen sich ihre Blicke. Albert bat um Erlaubnis für einen gemeinsamen Hofgang mit seinem Bruder, und als sie sich umarmt hatten und ein paar Schritte zusammen gegangen waren, bemühte sich der große Bruder Hermann, seinem kleinen Bruder Mut zuzusprechen: »Es tut mir sehr leid, Albert, dass gerade du für mich so leiden musst. Du wirst bald frei sein. Dann nimm dich meiner Frau und meines Kindes an. Leb wohl.«199 Doch Albert wusste es besser. Er ahnte, dass er keineswegs »bald« frei sein würde und dass er seine Verteidigung selbst in die Hand nehmen musste. Deshalb begann er unter dem Titel »Menschen, denen ich bei eigener Gefahr (dreimal Gestapo-Haftbefehle!) Leben oder Existenz rettete« eine Liste der von ihm Geretteten zusammenzustellen. Er bemühte sich sichtlich, seinen Bewachern detaillierte Hinweise auf Zeugen zu geben, die zu seinen Gunsten hätten aussagen können, doch ist es fraglich, ob auch nur einem seiner Hinweise nachgegangen wurde.
Schon bei Albert Görings erster Befragung durch Major Paul Kubala wurde die Einstellung seiner Bewacher deutlich. Kubala verkündete lauthals, auf welche Haftbedingungen sich Albert einzustellen habe, und notierte nach dem Gespräch: »Albert GOERING behauptet, sein Leben sei ein einziger Kampf gegen die Gestapo gewesen. Demnach hätte der REICHSMARSCHALL alle Hände voll zu tun gehabt, um seinem Bruder aus der Klemme zu helfen, wenn der wieder alte jüdische Damen beschützt, den Hitlergruß verweigert und höfliche Kritik am Regime angemeldet hatte.«200 Dieser sarkastische Tonfall, der sich durch den gesamten Bericht zieht, macht deutlich, dass Kubala schon vor der Befragung seiner Sache sicher war. Für ihn war Albert Göring schuldig, ganz einfach deshalb, weil er denselben Nachnamen wie Hermann trug.
Was Kubala besonders irritiert haben dürfte, ist die Art und Weise, in der Albert seinen Bruder beschrieb – als menschliches Wesen und nicht als das aufgeblähte Feindbild, das man aus den Medien kannte. Albert gab zu Protokoll, dass »Hermann GOERING ihm des Öfteren das Leben rettete und nie versuchte, seine Hilfsaktionen zu unterbinden, sondern ihn nur ermahnte, auf seine Position Rücksicht zu nehmen«, und dass er »fest überzeugt ist, dass der Krieg viel früher zu Ende gewesen wäre, wenn HITLER abgedankt hätte oder gestorben wäre und sein Bruder Hermann GOERING der neue FUEHRER geworden wäre, wie es ursprünglich vorgesehen war.«201
Während sich sein gesundheitlicher und psychischer Zustand mit jedem Tag der Haft weiter verschlechterte, wurde Albert aus dem bereits nach Seckenheim umgezogenen SAIC nach Nürnberg verlegt. Nach einer kurzen Aufwärmrunde mit Colonel John H. Amen am 3. September stieg Albert dort mit Lieutenant William (Bill) Jackson in den Ring, einem New Yorker Rechtsanwalt und Sohn des Hauptanklägers gegen Hermann Göring, Robert H. Jackson. Dabei war ebenfalls ein junger Dolmetscher namens Richard W. Sonnenfeldt, ein jüdischer Emigrant aus der Hansestadt Gardelegen.
Als 15-Jähriger war Sonnenfeldt 1938 nach England geflohen, war dort irrtümlich 1940 als »feindlicher Ausländer« interniert und wie die Brotdiebe im 18. Jahrhundert kurzerhand nach Australien verschifft worden. Der inzwischen 17-Jährige konnte sich für das sonnige Australien nicht recht erwärmen und wollte die Weltereignisse in Europa nicht verpassen. Also trat er eine lange Heimreise an, die ihn über Indien, Südafrika und Südamerika nach Baltimore führte, wo er sich einbürgern ließ, anschließend in eine Meldestelle der US-Armee und dann, mit Stars and Stripes geschmückt, in die Ardennenschlacht. Von dort war es nicht mehr weit zu seinem Einsatz als Chefdolmetscher der amerikanischen Anklage in den Nürnberger Prozessen. »Tja, ich war zweiundzwanzig Jahre alt, und auf einmal saß ich Leuten gegenüber, die versucht hatten, die Welt zu zerstören«, erinnerte er sich später.202
Doch zunächst versuchte er, sich den Kontrast zwischen den beiden Brüdern zu erklären, von denen einer, wie er es beschrieb, versucht hatte, die Welt zu zerstören, und der andere, sie zu verbessern. Nicht nur ihr Lebensziel und ihren Charakter, auch ihre äußere Erscheinung fand Sonnenfeldt unterschiedlich wie Tag und Nacht, fast als seien die beiden gar nicht miteinander verwandt. In seiner Autobiographie Mehr als ein Leben schrieb er: »Der Kontrast zwischen den beiden Männern hätte nicht größer sein können: Hermann war klein, dick, autoritär und bombastisch; Albert war groß, dünn und unterwürfig.«203
Der verängstigte, »unterwürfige« Albert Göring erzählte hastig eine Anekdote nach der anderen von seinen vielen Hilfsaktionen, doch seine Befrager schlossen aus seiner Nervosität und wachsenden Verzweiflung nur, dass er log. »Er war ein händeringender Zeuge, einer, der zu viel redete und freiwillig mit Informationen herausrückte, nach denen niemand gefragt hatte. Er war ausgesprochen nervös. Er erzählte eine faszinierende Geschichte, an die ich damals nicht recht glauben mochte, weil er so wenig überzeugend wirkte«, erinnerte sich Sonnenfeldt. Man nahm an, dass er log, um »nicht über denselben Kamm geschoren zu werden wie sein Bruder«, oder dass er sich bei seinen Aktionen bereichert hatte.204 Dennoch bekam Sonnenfeldt einen Eindruck davon, mit welcher Methode es Albert möglich gewesen sein könnte, seinen Bruder zur Mithilfe zu bewegen. Sonnenfeldt hatte erlebt, wie narzisstisch Hermann Göring war, und spekulierte: »Albert wusste, dass Hermann ein Angeber war und seine politische Einstellung ablehnte. [Er] nutzte seine Eitelkeit, um seinen Freunden zu helfen: ›Hermann, du hast die Macht dazu!‹«205
Albert Göring brachten die Befragungen zwar nicht die Freilassung ein, doch für die Beobachter in Nürnberg lohnten sie sich allemal, denn aus Alberts Aussagen ergab sich allmählich eine faszinierende Charakterstudie. Als auch das letzte »Warum« mit einem »Weil« beantwortet war, hatten sie eine präzise Zusammenfassung von Albert und Hermann Görings Lebensgeschichte vor Augen. Dieser intime Einblick in ihre gemeinsame und ihre jeweils individuelle Entwicklung begann mit der scheinbar einfachen Frage Lieutenant Jacksons, wie es um Alberts Beziehung zu Hermann bestellt sei. Albert antwortete mit einer ausführlichen Definition: »Wenn hier von ›Beziehung‹ die Rede ist, muss man zweierlei unterscheiden. Das Erste ist meine Beziehung zu ihm als Privatperson, als Bruder, und das zweite meine Beziehung zu ihm als Staatsmann. In seiner Eigenschaft als Bruder war er gut zu mir und half mir auch, wie Sie aus den bisherigen Befragungen schon wissen. Als Brüder standen wir uns nahe, und wir hatten eine Beziehung, wie sie für Brüder innerhalb der Familie üblich ist. Zu ihm als Staatsmann habe ich keinerlei Beziehung. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich seit 1923, also seit der Gründung der Partei, zu ihren entschiedensten Kritikern gehört habe und ein aktiver Gegner der Partei war und dass ich zu ihm in dieser Funktion keinerlei Kontakt hatte.«206
Die Charakterstudie bekam noch weitere Facetten, als Jackson eine Frage stellte, die er selbst für rein rhetorisch hielt. »Ihr Bruder war ein sehr hartherziger Mensch, nicht wahr?«, fragte er. Doch Albert erwiderte mit dem typischen Sinn für Loyalität, der zwischen den Brüdern immer spürbar war: »Nein, er war ganz im Gegenteil sehr nachgiebig. Für meine Schwestern und Cousinen tat er alles, und er verwöhnte sie. Allerdings wusste er, dass ich mir aus so etwas nichts machte und meine eigenen Wege ging, zwischen uns gab es so etwas nicht.«207
Einige Wochen zuvor hatte ein anderer Fragesteller etwas Ähnliches suggeriert und von Albert ebenfalls »im Gegenteil« zur Antwort bekommen: »Er half mir, wann immer er konnte … Anfangs hatte er die Macht dazu; später nicht mehr, weil Himmler so mächtig geworden war. Er hatte ein weiches Herz, und wenn er von einer Ungerechtigkeit hörte, die ich ihm nachdrücklich vor Augen führte, versuchte er immer, die Angelegenheit wieder ins Lot zu bringen.«208 Diese Loyalität zwischen den beiden Brüdern blieb auch noch bestehen, als Hermann in Nürnberg auf der Anklagebank saß. Bei der Frage nach seinen Geschwistern und deren momentanem Aufenthaltsort antwortete er, sein Bruder Albert sei »in einem Lager«, und betonte, er sei »nie Parteimitglied gewesen«.209
Doch kaum hatte sich ein halbwegs kohärentes Bild ergeben, als das Gespräch eine radikal neue Wendung nahm. Sobald das Thema Judenverfolgung aufkam, brach das von Albert heraufbeschworene Phantasma einer harmonischen Geschwisterbeziehung in sich zusammen, und durch den aufgewirbelten Staub wurde schemenhaft die dunklere Seite ihrer gemeinsamen Geschichte sichtbar, die Albert in seiner Unterscheidung zwischen Privatbereich und Politik bereits angedeutet hatte. »Was sagte Ihr Bruder denn, wenn Sie ihm von den schrecklichen Dingen erzählten, die den Juden angetan wurden?«, fragte Jackson.
Albert erwiderte: »Seine Antwort war immer, dass diese Dinge hochgespielt wurden, weil er die genauen Berichte kannte. Er sagte, ich solle mich in Angelegenheiten des Staates und der Geschichte nicht einmischen, weil ich mich politisch überhaupt nicht auskannte. Wörtlich sagte er: ›Du bist ein politischer Idiot!‹ Ich brachte ihn oft in Schwierigkeiten, weil ich mich eben doch immer wieder in diese Angelegenheiten einmischte, na ja, er sitzt ja da drüben in Zelle Nummer fünf und kann Ihnen selbst davon erzählen. Ich weiß auch aus einem anderen Vernehmungsprotokoll, dass er mich das ›schwarze Schaf der Familie‹ genannt hat. Einen ›Außenseiter‹ hat er mich genannt.«210
Um endlich die Antwort zu bekommen, auf die er aus war, bohrte Jackson weiter: »Aber er hat nie geleugnet, dass diese Dinge tatsächlich geschahen, oder?«
»Nein, geleugnet hat er sie nicht. Er hat sie nur sozusagen weniger gravierend erscheinen lassen. Er sagte immer, diese Dinge würden übertrieben. Ich vermute, dass sein zugrundeliegendes Motiv darin bestand, seine Schwäche Himmler gegenüber nicht eingestehen zu wollen.«211
Wie Sonnenfeldt es beobachtet hatte, steuerte Albert anschließend Informationen bei, nach denen er gar nicht gefragt worden war: »Nur um Ihnen einen Eindruck zu verschaffen, wie wenig Macht mein Bruder in diesen Fragen hatte, will ich Ihnen mal ein Beispiel geben: Einmal unterhielten wir uns beim Abendessen über das ganze Thema Juden, Gestapo und so weiter.«
»Sie und Ihr Bruder?«, fragte Jackson nach.
»Ja, und ich fragte, wie seine Pläne aussähen oder was er zur Judenfrage zu sagen hätte, und er erzählte, er hätte einen Plan ausgearbeitet, nach dem ein großer Teil Polens mit Warschau als Hauptstadt den aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei zusammengetriebenen Juden zur autonomen Verwaltung überlassen werden sollte, dass sie dort mit anderen Worten ihre Angelegenheiten nach Belieben selbst regeln sollten. Das war eigentlich nichts anderes als ein riesiges Ghetto, aber trotzdem ein viel humanerer Entwurf. Natürlich ist das nie realisiert worden, weil der Lustmörder Himmler solche Pläne zu verhindern wusste.«212
Jackson und sein Team konnten als Außenstehende vermutlich nur über die Absurdität dieser Anekdote lachen. Sie kannten einen ganz anderen Göring, die öffentliche Figur, nicht den loyalen Bruder, als den Albert und seine Familie ihn erlebt hatten. Außerdem hatten sie Zugriff auf die Mitschriften zahlreicher Ansprachen und der Konferenzen, die Göring geleitet hatte, aus denen sich ein ganz anderes Bild ergab. Sie dokumentierten den Rassisten Hermann Göring, den die Geschichtsschreibung bis heute kennt, den Judenhasser, Aufwiegler und Mittäter des Holocaust.
Da war zum einen Görings Rede als Reichstagspräsident 1935, mit der er das Parlament dazu drängen wollte, die berüchtigten Nürnberger Rassegesetze zu verabschieden: »Gott hat die Rassen geschaffen. Er wollte nichts Gleiches, und wir weisen es deshalb weit von uns, wenn man versucht, die Rassenreinheit umzufälschen in eine Gleichheit. Wir haben erlebt, was es heißt, wenn ein Volk nach den artfremden und naturwidrigen Gesetzen einer Gleichheit leben muß. Denn diese Gleichheit gibt es nicht. Wir haben uns nie zu ihr bekannt, und deshalb müssen wir sie auch in unseren Gesetzen grundsätzlich ablehnen und müssen uns bekennen zu jener Reinheit der Rasse, die von der Vorsehung und der Natur bestimmt gewesen ist.«213
Dazu kam eine Rede, die Hermann Göring am 26. März 1938 an die Bevölkerung der soeben besetzten Stadt Wien richtete. Er nutzte den historischen Augenblick, um zu sagen, er müsse »… ein ernstes Wort an die Stadt Wien richten. Die Stadt Wien kann sich heute nicht mehr mit gutem Recht eine deutsche Stadt nennen. Wo 300 000 Juden leben, kann man nicht mehr von einer deutschen Stadt sprechen. Wien muss wieder eine deutsche Stadt werden, weil sie in der Ostmark Deutschlands wichtige deutsche Aufgaben hat. Diese Aufgaben liegen sowohl auf dem Gebiete der Kultur wie auch auf dem Gebiete der Wirtschaft. Weder auf dem einen noch auf dem anderen können wir auf Dauer den Juden gebrauchen.«214 Falls das noch nicht belastend genug war, tat ein Blick in ein Protokoll sein Übriges, das von der am 12. November 1938, nach den Novemberpogromen, von Göring geleiteten Sitzung angefertigt worden war. Als Beauftragter für den Vierjahresplan betrachtete er die in der Reichskristallnacht angerichtete Zerstörung nur als finanzielles Hindernis für seine weitere Planung und ignorierte die menschlichen Kosten. Er erklärte: »Ich habe einen Brief bekommen, den mir der Stabsleiter des Stellvertreters des Führers Bormann im Auftrag des Führers geschrieben hat, wonach die Judenfrage jetzt einheitlich zusammengefasst werden soll und so oder so zur Erledigung zu bringen ist … In der Sitzung, in der wir … den Beschluss fassten, die deutsche Wirtschaft zu arisieren, den Juden aus der Wirtschaft heraus- und in das Schuldbuch hineinzubringen und auf die Rente zu setzen, haben wir leider Gottes nur sehr schöne Pläne gefasst, die dann aber nur sehr schleppend verfolgt worden sind … Denn, meine Herren, diese Demonstrationen habe ich satt. Sie schädigen nicht den Juden, sondern schließlich mich, der ich die Wirtschaft als letzte Instanz zusammenzufassen habe.«215
Neben der weiteren Entrechtung der Juden ging es also vor allem um ihren Ausschluss aus der deutschen Wirtschaft. Es wurden konkrete Richtlinien erlassen für die »Arisierung« jüdischer Geschäfte und Fabriken.
Schließlich beendete er die Sitzung mit den grausigen Worten: »Ich werde den Wortlaut wählen, daß die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit als Strafe für die ruchlosen Verbrechen usw. eine Kontribution von 1 Milliarde auferlegt bekommen. Das wird hinhauen. Die Schweine werden einen zweiten Mord so schnell nicht machen. Im Übrigen muß ich noch einmal feststellen: ich möchte kein Jude in Deutschland sein.«216
Und zu guter Letzt lag Jackson und seinem Team auch das »Endlösungs«-Memorandum vor, das Göring persönlich unterzeichnet hatte. Wie man heute weiß, gab dieses Schriftstück Reinhard Heydrich freie Hand für die vollständige Vernichtung des europäischen Judentums. Darin hieß es: »In Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlaß vom 24. 1. 39 übertragenen Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigsten [sic] Lösung zuzuführen, beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa. […] Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen.«217
»Um noch einmal auf Ihr Gespräch mit Ihrem Bruder über die Juden zurückzukommen – haben Sie sich je bei ihm darüber beschwert, wie diese behandelt wurden? Haben Sie ihn je aufgefordert, etwas dagegen zu tun, es aufzuhalten? Was hat er Ihnen dann geantwortet, und was hat er, wenn überhaupt, getan?«, fuhr Jackson fort.
»Also, das war eigentlich schon der Großteil dessen, was wir zu dem Thema besprochen haben. Das heißt, als ich ihm von den Gräueltaten erzählte, die in Wien verübt wurden und die ich mit eigenen Augen gesehen hatte; und auch in Triest, wo ich einmal Juden getroffen habe, die von Wien aus dorthin ausgewandert waren; und denen habe ich Geld gegeben; und er sagte, wenn ich die Juden schützen wollte und wenn ich ihnen helfen wollte, sei das meine Sache, aber ich sollte dabei vorsichtiger und rücksichtsvoller vorgehen, weil es ihm in seiner Position endlose Schwierigkeiten bereitete«, antwortete Albert.218
Als Albert dem Vernehmungsteam von seinen Interventionen zugunsten des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Dr. Kurt von Schuschnigg und des Erzherzogs Joseph Ferdinand erzählte, meinte Jackson eine Lücke in seiner Argumentation zu erkennen: »Warum interessierten Sie sich für den Erzherzog und für Schuschnigg, wenn doch Ihre Aktivitäten in der Tschechoslowakei alle mit Ihrer beruflichen Tätigkeit bei den Skoda-Werken zusammenhingen?«
»Als das mit Schuschnigg und Joseph Ferdinand passierte, glaube ich nicht, dass ich da überhaupt schon bei den Skoda-Werken war«, korrigierte Albert. »Ich hatte schon immer die Neigung, Menschen zu helfen, wo ich nur konnte, unabhängig von ihrer Staatszugehörigkeit, ihrem Land, ihrem Alter oder ob es Juden oder Christen waren. Ich habe Menschen aus Rumänien geholfen, aus Bulgarien, Ungarn, der Tschechoslowakei und Deutschland, wann immer ich konnte, ob sie nun arm waren oder emigrieren wollten oder was auch immer, und ich habe nie eine Belohnung erwartet oder bekommen, denn ich habe es aus religiösen Gründen getan.«
»Welches ist Ihre Religion?«, fragte Jackson nach.
»Der Konfession nach bin ich Protestant, aber ich bin schon in Orthodoxen Kirchen und Synagogen gewesen. Ich habe buddhistische und hinduistische Gottesdienste besucht, das macht für mich gar keinen Unterschied. Es gibt nur einen Gott, aber der Konfession nach bin ich Protestant.«219
Doch mit dieser Antwort gab sich Jackson nicht zufrieden. Er zielte mit seinen Fragen auf das, was seiner Meinung nach die einzig mögliche Motivation für Alberts gute Taten sein konnte: das Geld. Da er wusste, dass Hermann Göring Albert regelmäßig weiterhalf, wenn er oder einer seiner Schützlinge in Schwierigkeiten war, hakte er nach: »Und nach allem, was er für Sie getan hat, wollen Sie da erzählen, Sie hätten nicht auch etwas für ihn getan?«
»Was hätte ich denn für ihn tun sollen? Das Einzige, was ich tat, war, dass ich ihm ein Mal ein Bild geschenkt habe. Was konnte ich denn schon tun? Er war ein mächtiger Mann, was sollte da ein kleines ›schwarzes Schaf‹ für ihn erreichen?«, antwortete Albert.
Doch Jackson ließ nicht locker. »Und Sie haben nie für ihn Gelder verwaltet?«
»Nein, solche Geschenke habe ich ihm nicht gemacht; ich habe nie sein Geld verwaltet«, sagte Albert.220
Möglicherweise war Jackson sogar auf der richtigen Spur, denn es gibt mindestens einen Hinweis darauf, dass Albert Geschenke seiner Schützlinge, zum Beispiel Kunstgegenstände, genutzt haben könnte, um sich Hermann Görings Wohlwollen zu sichern. Elsa Moravek Perou de Wagner, die Tochter von Alberts Freund Jan Moravek, erinnert sich: »Wir haben auch gehört, dass er von reichen Juden Geschenke annahm, insbesondere bedeutende Gemälde und Kunstgegenstände. Im Nachhinein verstehe ich, warum. Sein Bruder war bekannt dafür, dass er eine riesige Kunstsammlung anhäufte, die er sehr wahrscheinlich nicht von seinem Sold bezahlte. Albert hat diese ›Geschenke‹ wahrscheinlich benutzt, um seinen Bruder zu belohnen, wenn der seine Verhaftung verhinderte.«221
Kurz vor seiner Befragung durch Colonel Amen hatte Albert bereits einen Brief an den Kommandanten seines Nürnberger Gefängnisses Colonel Burton C. Andrus geschickt, in welchem er sein fortschreitendes Nierenleiden beschrieb und sich nach Gründen für seine scheinbar endlose Inhaftierung erkundigte. Andrus scheint damals nicht in der Stimmung gewesen zu sein, auf den Hilferuf eines Göring zu reagieren, denn Albert bekam weder eine Auskunft noch die dringend benötigte ärztliche Versorgung.
Da sein Fieber immer weiter anstieg, entschloss sich Albert am 10. September 1945, mit einem weiteren Brief nachzuhaken. Darin hieß es: »Erlaube mir die ergebene Anfrage, ob Herr Oberst auch meinen zweiten Brief vom 26. August erhalten und weitergeleitet haben. Vor allem, ob noch keine Antwort von der zuständigen Stelle eingetroffen ist. Nun sind es vier Monate, seitdem ich der Freiheit beraubt worden bin, und bald vier Wochen, dass ich hier im Gefängnis bin, ohne zu wissen, warum.«222 Auch dieser Brief sollte »die zuständige Stelle« nie erreichen.
Während Albert Göring also weiterhin warten musste, gab es jenseits des Ärmelkanals immerhin eine Instanz, die sich für ihn interessierte. Die Sektion 5, die Spionageabwehrabteilung des britischen militärischen Nachrichtendienstes, wollte sogar so eilig wissen, wie es um ihn stand, dass sie sich am 8. Oktober mit der dringenden Nachfrage an ihre amerikanische Parallelorganisation wandte, wo er sich aufhalte. Die stolze britische Behörde war der Fehlinformation aufgesessen, einem »Major Albert GOERING, ehemals Reichsverteidigungs-Chef im Reichsluftfahrtsministerium«, wie sie ihn nannten, sei es »gelungen, auf dem Luftweg nach Portugal zu fliehen«.223 Wie die Amerikaner ihren Amtskollegen bald darauf versicherten, war dies natürlich keineswegs der Fall, sondern Albert Göring zählte weiterhin die Tage in seiner Nürnberger Zelle.
Immerhin führte diese fragwürdige Aufklärungsarbeit dazu, dass sich auch in Nürnberg wieder jemand mit Albert befasste. Dieser Jemand war Lieutenant Colonel Arthur A. Kimball, der nicht recht wusste, wie er mit Albert zu verfahren hatte, obwohl sich aus den Befragungen keine Anklagegründe ergeben hatten. Kimball wandte sich daher an die nächsthöhere Dienststelle und schrieb am 24. Oktober 1945: »1. Albert Goering wird derzeit von dieser Dienststelle in Nurnberg [sic] unter Arrest gehalten. Aus seinen Unterlagen gehen keine Verbindungen zu seinem Cousin [sic] Hermann Goering und keine Gründe für eine fortgesetzte Haft hervor. Er ist für diese Dienststelle nicht weiter von Nutzen. 2. Erwarten Anweisung bezüglich der Freilassung oder Verlegung Albert Goerings.«224 Die erbetene Anweisung kam prompt. Man empfahl »Verlegung«, und so wurde Albert von einer Haftanstalt in die nächste, wenn auch etwas freundlichere überführt.
Göring wurde in das zivile Internierungslager Nr. 4 in Hersbruck verlegt, wo er, wie man ihm mitteilte, nur bis zum Ende der Nürnberger Prozesse bleiben sollte. Fast ein Jahr später, am 17. Juni 1946, überstellte man ihn in ein weiteres Internierungslager in Darmstadt. Insgesamt war er seit über einem Jahr in Haft, ohne je angeklagt worden zu sein. Er hatte den Glauben an seine Befreiung fast aufgegeben, und das alles geschah, weil in jedem Bericht über ihn die Worte standen: »Bruder des Reichsmarschalls Göring«.
Doch Albert gab nicht auf. Wegen guter Führung und weil er von sich behaupten konnte, »kein Parteimitglied und nicht politisch aktiv« gewesen zu sein, bekam er die Möglichkeit, am 5. Juli 1946 einen Antrag auf Freilassung einzureichen.225 Diesmal erwies sich das Schicksal als gnädiger gestimmt. Es begegnete Albert in Gestalt von Major Victor Parker, seinem neuen Vernehmungsoffizier. »Eines Abends kam er [Parker] nach Hause und sagte: ›Stell dir vor, wen ich getroffen habe, wen ich heute vernommen habe: Albert Göring.‹«, erinnert sich Parkers Ehefrau, Gertrude Parker, in einem Interview. »Ich wusste ja nicht, wer das war, also erklärte er mir, Albert Göring sei der Bruder von Hermann Göring. Während der Befragung hatte er den Namen Lehár erwähnt. Es hatte sich herausgestellt, dass Albert Göring Lehár und seiner Frau Sophie Paschkis geholfen hatte.«226
Victor Parker war verblüfft – Paschkis war sein eigener Geburtsname. Er hatte ihn in der neuen Heimat Amerika anglisiert. Mit Sophie Paschkis verband ihn nicht zufällig derselbe Nachname; er war ihr Neffe. Und diese Sophie, die Frau des berühmten österreichischen Musikers Franz Lehár, verdankte Albert Göring ihr Leben. Als die Gestapo sie wegen ihrer jüdischen Herkunft ins Visier nahm, hatte Albert sich für sie eingesetzt und mit einem Besuch bei Goebbels in Berlin erreicht, dass sie einen Sonderstatus zuerkannt bekam. Ihr Name stand auf seiner Liste der Geretteten in der fünfzehnten Zeile.
Diese Liste enthält nur vierunddreißig Namen, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein naher Verwandter eines dieser Menschen als Vernehmungsoffizier in Deutschland war, dazu noch in dem richtigen Internierungslager dem richtigen Fall zugeteilt, und das am richtigen Tag, liegt jenseits jeder Statistik. Man ist beinahe versucht, von Vorsehung zu sprechen.
Parker schrieb also ein Vernehmungsprotokoll des Mannes, der seine Tante vor dem sicheren Tod gerettet hatte, und schloss es mit den Worten: »G. wurde als Bruder von Hermann Goering verhaftet. G. war nie Mitglied der Partei oder der angegliederten Organisationen und war in Deutschland, aber auch in Österreich, wo er die letzten 15 Jahre verbrachte, als Antifaschist bekannt. G. wurde 1933 aus Opposition zum Dritten Reich österreichischer Staatsbürger und blieb in der Hoffnung in Österreich, dort als freier Mensch in einem demokratischen Staat leben zu können. Nach der Besetzung Österreichs nutzte G. seinen Einfluss auf seinen Bruder, um mehreren Menschen zu helfen, die in beiliegender Tabelle aufgelistet sind. Die meisten dieser Menschen könnten leicht ausfindig gemacht werden, falls sie als Zeugen gebraucht werden. Die letztere Schilderung wird von dem Verfasser dieses Protokolls für wahr gehalten, da dem Verfasser persönlich bekannt ist, dass G. Franz Lehár geholfen hat, dem Onkel des Verfassers. Es wird empfohlen, G. aus der Haft zu entlassen.«227
Plötzlich schien aus der halbverschütteten Erinnerung an die Freiheit wieder eine Aussicht für die nahe Zukunft zu werden. Alles deutete auf Alberts baldige Entlassung hin. Doch in Washington und Wiesbaden hatte man andere Pläne für ihn. Bereits seit dem 25. November 1945 korrespondierten das Außenministerium in Washington und das Büro des Deputy Judge Advocate (Stellvertretender Judge Advocate für das Einsatzgebiet Europa) in Wiesbaden wegen eines Gesuchs der tschechoslowakischen Nachkriegsregierung um Albert Görings Auslieferung. Auch die Tschechoslowaken sollten ihre Chance bekommen, Albert wegen seiner angeblichen Kriegsverbrechen schmoren zu lassen, denn nach einigem Hin und Her wurde am 15. März 1946 der Beschluss gefasst, »GOERING, Albert, Oberdirektor der Škoda-Werke, CIC#4 [d. i. Ziviles Internierungslager Nr. 4], Hersbruck, Deutschland, möge an General B. BOER, den entsprechend autorisierten Repräsentanten der Tschechoslowakei, überstellt werden«.228 Damit hatten sich Alberts Aussichten auf Freilassung bis auf weiteres zerschlagen, und er musste die nächste unfreiwillige Reise antreten.
Im August 1946 wurde Albert übergangsweise in einem Gefängnis in Pilsen einquartiert, wo er gleich eine Kostprobe der Umgangsformen seiner neuen Gastgeber bekam. »In meinem ganzen Leben habe ich mir nicht so viele Ohrfeigen eingefangen wie in Pilsen«, erzählte er später seinem Freund Josef Charvát.229 Von dort aus ging es weiter bergab, in das Pankrác-Gefängnis in Prag. An genau demselben Ort hatte vor nicht allzu langer Zeit die Gestapo ihre Opfer gefoltert und über tausend Hinrichtungen durchgeführt. Als Albert jetzt seine winzige Zelle bezog, quoll das Gefängnis von den ehemaligen Tätern über, eben jenen Menschen, denen er sich jahrelang entgegengestellt hatte. Noch bis zwei Monate vor seiner Ankunft hatte der SS-Obergruppenführer Karl Hermann Frank, Alberts Erzfeind und der größte Fang der tschechoslowakischen Nachkriegsregierung, unter diesem Dach gehaust. Doch damit nicht genug, hatte er mit katastrophalen Haftbedingungen zu kämpfen und mit Wachen, die ihn ihren seit Jahren aufgestauten Hass gegen die Deutschen spüren ließen.
Wieder musste Albert Göring stundenlange Verhöre über sich ergehen lassen, und wieder setzte er eine Verteidigungsschrift auf, in der er anführte, welchen Tschechen er geholfen und was er für die Bevölkerung insgesamt erreicht hatte. Am 6. November trat Albert Göring vor den Richter Dr. Fryc. Sein Fall wurde vor dem 14. außerordentlichen Volksgericht verhandelt, einem von vierundzwanzig durch den Staatspräsidenten und ehemaligen Widerstandshelden Edvard Beneš und seine Regierung eingesetzten Volksgerichten. Glücklicherweise hatte sich Görings Auslieferung rasch unter seinen ehemaligen Škoda-Kollegen herumgesprochen, die ihm reihenweise zu Hilfe eilten. Jetzt konnten sie sich für die Großzügigkeit revanchieren, die Albert seit Beginn seiner Arbeit bei Škoda immer wieder an den Tag gelegt hatte.
Alberts alte Freunde und Schützlinge aus der Führungsriege des Konzerns – der ehemalige Vorsitzende des Verwaltungsrats Vilém Hromádko, der ehemalige stellvertretende kaufmännische Leiter Josef Modrý, der stellvertretende Geschäftsführer Vaclav Skřivánek und František Zrno, der Direktor von Omnipol – sagten alle zu seinen Gunsten aus. Selbst der Gewerkschafter der verstaatlichten Škoda-Werke, der nicht daran glaubte, dass es auch gute Deutsche gegeben haben könnte, sagte aus, es sei »ausgeschlossen, dass er Tschechen geschadet haben könnte. Es gibt keinen Grund, rechtlich gegen ihn vorzugehen, und er sollte nach Österreich überstellt werden.«230
Inzwischen hatte sich Albert Görings guter Ruf so weit verbreitet, dass man selbst im westlichen Europa von dem Verfahren in Prag erfuhr. Der ehemalige Stummfilmstar Alexandra Otzoup, eine Vertraute Alberts, erklärte in einer schriftlichen Aussage, wie Albert Göring den Angestellten zu helfen versuchte, die aus Vergeltung für das Attentat auf Reinhard Heydrich verhaftet worden waren: »Den Familien der Verhafteten hat er das volle Gehalt auszahlen lassen, obwohl dies verboten war. Sehr vielen Juden aus der Tschechei hat er durch Geldmittel und Intervention bei den Behörden zu Flucht und Auswanderung verholfen […] Durch seine Hilfstätigkeit wurden Hunderte von Menschenleben gerettet.«231
Ernst Neubach, Alberts Freund aus Wiener Zeiten, schrieb in französischer Sprache einen Brief an Präsident Beneš persönlich, in dem er Alberts Rolle als Unterstützer vieler Tschechen, aber auch anderer Europäer beschrieb. Er schloss das Schreiben mit den Worten: »Ich will Sie nicht länger mit der Aufzählung ähnlicher Beispiele aufhalten, da es ihrer zu viele wären. Mir ist bewusst, Monsieur le Président de la République, dass dieser spezielle Fall sehr heikel und schmerzvoll ist, doch denke ich, dass es gerade in Zeiten, wo wir unglücklicherweise mit ansehen müssen, wie Tausende Attentäter und Nazis ungestraft frank und frei in Deutschland und Österreich spazieren, nicht sein sollte, dass ein Mann, der jahrelang die Nazis bekämpft hat, der ihren Opfern das Leben gerettet hat, dafür verurteilt wird, dass er den Namen eines Kriminellen trägt, dem er all die Jahre zu entkommen versuchte.«232 Aus Österreich sandte der ehemalige SS-Obersturmbannführer Alfred Baubin, Alberts Beschützer innerhalb der SS, ein Unterstützungsschreiben an das Gericht, in welchem er die Befreiung der Omnipol-Direktoren durch Albert Göring bezeugte und bekräftigte, dass er »tschechenfreundlich und immer bereit war, sich für die Tschechen einzusetzen«.233
Schließlich erhielt Göring auch noch Unterstützung von gänzlich unerwarteter Seite: von den Amerikanern. Nach der Befreiung Prags hatten sie mit Hilfe eines ehemaligen SS-Offiziers einen Bunkerkomplex bei Štěchovice südlich von Prag entdeckt. Sie gruben sich durch Berge von Schutt – einen späten Versuch der SS, ihre Verbrechen zu vertuschen – und fanden unter den Trümmern das Staatsarchiv des Dritten Reichs. Es enthielt unzählige Regalmeter vertraulicher Dokumente, eine ganze Bibliothek der NS-Verbrechen. Darunter befand sich auch Albert Görings Akte, in der seine »Vergehen« gegen das Reich und seine Hilfseinsätze für die Bewohner der besetzten Tschechoslowakei aufgelistet waren. Als diese Dokumente dem Gericht vorlagen und sich mit den übrigen Beweisen ergänzten, blieb dem Vorsitzenden Richter Dr. Fryc nichts anderes übrig, als den Angeklagten in allen Punkten freizusprechen.
Am 15. Oktober 1946 nahm Hermann Göring seine Befreiung mit Hilfe einer Zyankali-Kapsel selbst in die Hand. Fünf Monate darauf, am 14. März 1947, wurde Albert als stark gealterter, gebrechlicher Mann nach zwei Jahren aus der Haft entlassen. Man entließ ihn in eine Welt, die bereits begonnen hatte, ihn zu vergessen. Auch ohne Gitterstäbe vor den Fenstern fühlte er sich gefangen in einer Stadt, die er kaum wiedererkannte. Er wollte zu seiner Frau und seinem Kind nach Österreich zurück, doch er besaß weder Geld noch Reisedokumente. Alles, was ihm geblieben war, waren seine Sträflingskleider. Außerdem befand er sich auf sowjetisch besetztem Gebiet und wusste, dass die Russen, wenn sie ihn erwischten, sich nicht erst lange mit einem Gerichtsverfahren aufhalten würden. Er hatte keine Ahnung, wohin er sich wenden sollte, bis ihm sein Freund Josef Charvát in den Sinn kam.
Bei Charváts alter Adresse in der Reslova Ulice erwartete ihn jedoch nur ein Trümmerhaufen. Albert suchte weiter, und schließlich gelang es ihm, wie schon einmal, Charváts neue Wohnung zu finden. »Ich öffnete die Tür, und vor mir stand ein grotesk zerlumpter Albert«, erinnert sich Charvát in seinen Memoiren. »Er trug ein grünes Hemd mit Schleife, wie es im Ersten Weltkrieg von einigen Bayerischen Regimentern getragen wurde. Auf die Ellbogen waren Leinenflicken aufgenäht. Auf dem Rücken prangte ein großes P. Er trug unfassbar schlechte Hosen und Schuhe, die vollständig aus dem Leim gegangen und zerschlissen waren. Ich schickte ihn ins Badezimmer, warf seine Kleider in den Abfall und gab ihm neue Sachen von mir. Da wir eine ähnliche Statur hatten, passte ihm alles, nur mein Hut war ein bisschen zu weit. Er rasierte sich, und wir trafen uns in der Bibliothek. Er konnte kaum seine Zigarette halten und mochte mir gar nicht in die Augen sehen, als ich ihm eine ganze Packung amerikanischer Zigaretten schenkte. Nach einem kleinen Imbiss begann er von seinem Leidensweg zu erzählen.«234
Sein Zustand allein sprach Bände, dennoch erzählte Göring Charvát von Hunger, Brutalität, Ignoranz, Verzweiflung und Entfremdung und schließlich von seiner ungläubigen Erleichterung bei der Entlassung: »Als sie mich mit dem gepanzerten Wagen zum Innenministerium brachten, weißt du, da kam es mir schon komisch vor, eine Zigarette angeboten zu bekommen. Und dann sagten sie: ›Herr Ingenieur, es liegt nichts gegen Sie vor, Sie sind frei.‹«235
Tags darauf drückte Charvát Albert etwas Geld in die Hand, damit er sich einen Hut kaufen konnte. Dieses simple Vorhaben erwies sich als unerwartet schwierig für Albert: Er musste schmerzhaft feststellen, dass es sich als Deutscher in Prag nicht mehr ganz so komfortabel leben ließ. »Kaum spreche ich Deutsch, fange ich mir Ohrfeigen ein«, sagte er zu Charvát. – »Wer sagt denn, dass Sie Deutsch sprechen sollen? Wenn Sie Französisch sprechen, wird man Ihnen auf Deutsch antworten, und dann können Sie in gebrochenem Deutsch einen Hut aussuchen.«236 Noch ein wenig komplizierter war es, an den russischen Stellungen vorbei nach Österreich zu kommen.
In der österreichischen Botschaft bestätigte man Alberts Befürchtungen in Bezug auf die Russen und versicherte ihm, man könne ihn repatriieren, werde dafür jedoch eine Weile brauchen. Charvát fiel allerdings noch eine andere Lösung ein. Seine jüngste Tochter, eine Pferdenärrin, kannte aus ihren Reitsportkreisen einen Österreicher, der als Vertreter regelmäßig zwischen Österreich und der Tschechoslowakei pendelte. Eine Transportmöglichkeit gab es also, fehlte nur noch die passende Tarnung. Göring und Charvát fälschten Reisedokumente »mit großen Siegeln und Stempeln und in vielen Sprachen«. Dann statteten die Charváts ihren Freund für die Reise mit »Kleidung und ein paar Kleidchen für seine Tochter und, was wichtiger war, mit einer Packung Zuckerwürfel aus, die nicht nur eine Rarität waren, sondern sogar als Währung eingesetzt werden konnten«.237 So ausgerüstet, verließ Albert Göring im Sommer 1947 Prag und machte sich mit dem österreichischen Vertreter auf den Weg zur Grenze.
Bereits einen Tag nach seiner Freilassung hatte er einen Brief an seine Frau Mila geschrieben: »Meine einzige, geliebte Mila! Nun bin ich also seit gestern in Freiheit u. habe Dir dies gestern telegrafiert. Ihr werdet sicher eine grosse Freude über mein Telegramm gehabt haben! […] – Nun heißt es wieder geduldig sein, denn es könnte noch viel Zeit vergehen, bis ich endlich, endlich wieder bei Dir bin, Liebste.«238