5

Golem-Höhen

 

Sie standen draußen vor dem Schloß, jenseits des Grabens, und sahen zu, wie der Magier seine Residenz einmottete. Der Ouroboros und die anderen Tiere in seinem Dienst hatten Urlaub bekommen und waren bereits verschwunden. Humfrey fummelte in seiner Robe und holte aus einem mit vielen Taschen besetzten Gürtel ein schmales, verkorktes Fläschchen. Er drückte mit den Daumen gegen den Korken, bis er heraussprang.

Rauch wirbelte hoch in den Himmel empor. Dann verdichtete er sich zu der größten Motte, die Bink jemals gesehen hatte. Ihre Flügelspanne war größer als das ganze Schloß. Nun erhob sich das Wesen, flog über das Schloß und ließ eine Kugel fallen. Als die Kugel auf den höchsten Turm aufprallte, explodierte sie. Grauweiße Schwaden breiteten sich zu einer riesigen Kugelgestalt aus und senkten sich auf das ganze Bauwerk herab. Dann zogen sie sich zusammen, und plötzlich war das ganze Schloß in ein dichtes, seidiges Netz gehüllt. Es sah aus wie ein riesiges Zelt. Ein kalter, bitterer Duft wehte vom Gebäude herüber. Er roch leicht aseptisch.

»So«, sagte Humfrey mit grimmiger Zufriedenheit. »Das hält hundert Jahre, wenn’s sein muß.«

»Hundert Jahre!« rief Chester. »Meinen Sie etwa, daß die Mission so lange dauern wird?«

»Kommt, kommt, wir verschwenden nur unsere Zeit«, grollte der Gute Magier.

Bink, der auf dem Zentaur saß, blickte zu dem Greif hinüber. »Was er meint, Crombie, ist, daß wir die Richtung der Quelle der Magie wissen müssen. Mit deiner Hilfe sollten wir es in ein paar Tagen geschafft haben.«

Der Greif krächzte zornig. »Warum sagt der alte Narr es dann nicht?« übersetzte der Golem prompt. Er teilte sich den Greifrücken mit dem Magier, da beide zusammen nicht einmal halb soviel wogen wie Bink.

»Wohlgesprochen, Soldat«, brummte Chester leise.

Crombie wirbelte herum, wobei er um ein Haar seine Reiter abgeworfen hätte. »Da lang«, sagte Grundy und zeigte – im Kreis, bis sich sein winziger Arm wieder senkte.

»O nein!« stöhnte Chester. »Sein Talent ist wieder auf Urlaub!«

»Es funktioniert durchaus!« fauchte Humfrey. »Du hast die falsche Frage gestellt.«

Bink furchte die Stirn. »Das Problem hatten wir schon einmal. Welches ist die richtige Frage?«

»Diese Suche ist deine Aufgabe«, sagte Humfrey. »Ich muß mein Wissen für Notfälle aufsparen.« Und er lehnte sich gemütlich zwischen den Federn des Greifs zurück und schloß die Augen.

Der Gute Magier blieb also so schweigsam wie immer. Er war es nicht gewöhnt, irgend jemandem kostenlos zu helfen, selbst wenn er selbst persönlichen Nutzen daraus ziehen konnte. Jetzt war Bink wieder gefordert. Er mußte sich überlegen, wie sie Crombies Talent nutzbringend anwenden konnten – während der Magier schnarchte.

In der Nickelfüßlerschlucht hatte Crombie versagt, weil es nicht nur eine Fluchtrichtung gegeben hatte. War das jetzt vielleicht auch der Fall – daß es keine alleinige Quelle der Magie gab? Dann würde es sehr schwer sein, sie ausfindig zu machen. Doch mußte er die Gruppe führen, und zwar möglichst sofort.

Es war deutlich, daß der Gute Magier ihm keinen Gefallen damit getan hatte, ihm die Führung zu überlassen. »Wo befindet sich der kürzeste Weg zur Quelle der Magie?«

Diesmal zeigte der Greif mit seinem Flügel schräg nach unten.

Aha, die Quelle lag unter ihnen! Das nützte freilich nicht viel. Sie konnten nicht auf die Schnelle ein tiefes Loch in den Boden graben. Dazu mußten sie sich erst jemanden holen, dessen Talent im magischen Tunnelbau bestand, und das würde die Sache noch beschwerlicher machen und sie noch weiter verzögern. Die Gruppe war ohnehin schon größer, als Bink es eigentlich vorgehabt hatte. Es war besser, einen natürlichen Zugang zu suchen.

»Wo gibt es einen Zugang zu dieser Quelle, von der Oberfläche aus?« fragte Bink.

Der Flügel begann, hin und her zu schwingen. »Den nächsten!« korrigierte Bink sich hastig. Der Flügel zeigte grob nach Süden.

»Ins Herz der unerforschten Wildnis«, sagte Chester. »Das hätte ich wissen müssen. Vielleicht sollte ich mir lieber jetzt meine Antwort geben lassen und aufhören.«

Crombie krächzte. »Vogelschnabel sagt, daß du eben nicht mehr aufhören kannst, wenn du jetzt deine dämliche Antwort einforderst, Pferdehintern.«

Chesters Brustkorb schwoll wütend an. »Das hat Vogelschnabel gesagt? Du kannst ihm von mir ausrichten, daß er Vogelscheiße im Gehirn hat und –«

»Immer mit der Ruhe«, mahnte Bink. »Crombie kann dich auch ohne Übersetzung verstehen.«

»Eigentlich hat er dich einen Eselsarsch genannt«, sagte Grundy hilfsbereit. »Ich dachte, daß er wohl dein Hinterteil meinen müßte, weil –«

Der Greif krächzte erneut. »Hoppla, mein Fehler«, sagte der Golem. »Er meinte doch dein Vorderteil.«

»Hör mal zu, Spatzenhirn!« schrie Chester. »Auf deine bescheuerte Meinung kann ich verzichten! Warum stopfst du sie dir nicht in den –«

Doch zur gleichen Zeit krächzte Crombie dazwischen. Zornig bauten sich die beiden voreinander auf. Der Zentaur war zwar größer und muskulöser als der Greif, doch der Greif war wahrscheinlich der tödlichere Gegner, weil er das Bewußtsein eines ausgebildeten Soldaten und den Körper eines natürlichen Kampftiers besaß.

»Skwaaak!« schrie Bink. »Ich meine: Aufhören! Der Golem versucht bloß, Ärger zu machen. Es ist doch offensichtlich, daß Crombie bloß ›Zentaur‹ gesagt hat. Stimmt’s, Crombie?«

Crombie krächzte bejahend. »Spielverderber«, brummte Grundy vor sich hin. »Gerade jetzt, wo’s interessant wird.«

»Ich glaube, ich werde dir mal dein großes Maul zu einem niedlichen kleinen Ball quetschen«, sagte Chester und griff nach dem Golem.

»Das kannst du nicht, Muli!« protestierte Grundy. »Ich stehe im Dienst des Zwergen.«

Chester hielt inne, als der Gute Magier sich rührte. »In wessen Dienst?«

»Im Dienst dieses Wichtelmännchens!« sagte Grundy und wies mit einem steifen Finger über seine Schulter auf Humfrey.

Chester blickte Humfrey in gespieltem Erstaunen an. »Mein Herr, wie ist es zu erklären, daß Sie sich solche Beleidigungen von einem Wesen gefallen lassen, das immerhin in Ihrem Dienst steht?«

»Hoppla«, brummte der Golem, als er die Falle bemerkte, in die er gelaufen war. »Ich dachte, er wäre noch am Schlafen.«

»Der Golem besitzt keine persönliche Realität«, sagte Humfrey. »Deshalb sind seine Worte auch nicht persönlich zu verstehen. Genausogut kann man auf einen Lehmklumpen wütend werden.«

»Richtig so, Wichtel!« sagte Grundy. Doch er wirkte etwas eingeschüchtert.

»Machen wir uns endlich an die Arbeit«, sagte Bink, als der Gute Magier wieder die Augen schloß. Er fragte sich, wie ein unwirkliches Konstrukt wie der Golem dem Magier einen Dienst schuldig sein konnte. Grundy mußte ihm eine Frage gestellt und auch eine Antwort erhalten haben – doch was konnte diese magische Wesenheit dazu bewegt haben, eine solche Information zu suchen?

Als sie sich in Richtung Süden auf den Weg machten, hatte Bink plötzlich eine mittelschwere Eingebung. »Crombie, irgend jemand oder irgend etwas hat versucht, mich auszulöschen. Ich glaube, daß der Drache uns deswegen verfolgt hat. Kannst du mir zeigen, wo sich dieser Gegner befindet?«

»Skwak!« willigte Crombie ein. Er wirbelte herum – und zeigte in die gleiche Richtung, in der die Quelle der Magie lag.

»Sieht so aus, als hätte dein Gegner etwas gegen deine Mission«, meinte Chester ernst. »Beeinflußt das deine Einstellung irgendwie?«

»Ja«, erwiderte Bink. »Jetzt bin ich mehr denn je entschlossen, weiterzumachen.« Obwohl er daran denken mußte, daß das Schwert ihn schon angegriffen hatte, bevor er auf seine Mission ausgezogen war. Hatte sein Gegner ihn etwa schon erwartet? Das wäre wirklich eine böse Neuigkeit, die auf etwas Mächtigeres als gewöhnliche Magie hinwies. »Los, gehen wir.«

In der Nähe des Schlosses war die Gegend einigermaßen ruhig, doch als sie tiefer in die Wildnis eindrangen, änderte sich das. Hohes Gestrüpp verdeckte die Sicht, und als sie daran vorbeikamen, sprühte die Statik vom Blattwerk auf sie herab, so daß ihre Haare, Federn, Pelze und Bindfäden auf gespenstische Weise zu Berge standen. Hinter dem Buschwerk ragte eine Antenne empor, die unfehlbar auf sie gerichtet blieb. Bink hatte sich diesen Dingen noch nie so weit nähern können, um herauszufinden, was es damit auf sich hatte, und jetzt wollte er auch nicht gerade damit anfangen. Warum beobachteten diese Antennen alles so genau, ohne jemals einzugreifen?

Da kamen Schweißmücken und machten ihnen das Leben schwer, bis Humfrey aufwachte, ein winziges Fläschchenhervorholte und es öffnete. Aus der Öffnung strömte Dampf, breitete sich aus, umhüllte den Mückenschwarm – und wurde plötzlich wieder in die Flasche eingesogen, wobei er die Mücken mitnahm. »Dunsti mußte sowieso gefüttert werden«, erklärte der Gute Magier und verstaute das Fläschchen wieder.

Mehr sagte er nicht, und keiner fühlte sich bemüßigt, nachzuhaken. Wieder schlief Humfrey ein.

»Das muß schön sein, ein Magier zu sein«, bemerkte Chester. »Er hat auf jedes Problem eine Antwort in irgendeiner Flasche.«

»Das müssen Anschaffungen aus früheren Bezahlungen sein«, stimmte Bink ihm zu.

Dann trafen sie auf einen Schwarm Fluchzecken. Die Dinger verteilten sich über ihre Beine und juckten teuflisch. Man konnte eine solche Zecke nur durch einen Fluch beseitigen. Das Problem bestand darin, daß sich kein Fluch an einem Tag wiederholen durfte, es mußten also stets verschiedene Flüche sein.

Humfrey war nicht sonderlich erfreut, schon wieder geweckt zu werden. Diesmal hatte er freilich keine Lösung in einer Flasche parat. »Beim Bart meines Großonkels Humbug, verschwinde!« sagte der Gute Magier, worauf die angesprochene Zecke wie betäubt von ihm abfiel. »Bei der Schnauze einer kranken Seeschlange, hau ab!« Wieder stürzte eine Zecke zu Boden.

Chester war etwas direkter, denn in seinem prachtvollen Schweif hatten sich gleich mehrere Zecken verfangen. »Ins Grab mit dir, Juckgesicht! Ich stampf dich flach wie die Fraßscheibe eines Nickelfüßlers! Raus, raus, verdammte Zecke.«

Drei Zecken fielen überwältigt von ihm ab.

»Laßt mich!« sagte Bink und beneidete die anderen um ihren Einfallsreichtum. »Los, juckt von mir aus einen Drachen!« Da begannen auch seine Zecken von ihm abzufallen, wenn auch nicht so reibungslos wie die Zecken, die von den wesentlich kräftigeren Flüchen der anderen getroffen wurden. Bink hatte einfach kein Händchen dafür.

Crombie jedoch war in echten Schwierigkeiten. In diesem Teil von Xanth lebten keine Greife, und die Zecken verstanden seine Flüche nicht. Doch dann begann der Golem, sie zu übersetzen, worauf sie gleich zu Dutzenden herunterplumpsten. »Bei den blutigen Mäulern eines Feldes wilder Löwenmäulchen, tunkt eure häßlichen roten Hinterteile gefälligst in die nächste stinkende Kloake, und am besten gleich seitwärts! Wenn eure Gesichter Blumen wären, würdet ihr einem den ganzen Garten verpesten! Rammt eure rosa Pfefferwurzeln gefälligst in eure –« Der Golem hielt verblüfft inne. »Geht das überhaupt? Ich glaube, das kann ich nicht übersetzen.« Aber die Zecken hatten verstanden, und plötzlich waren die hellen Federn des Greifs frei von ihnen. Es konnte doch niemand so schön fluchen wie ein Soldat!

Dennoch war es unmöglich, allen Zecken in dieser Gegend auszuweichen, und bis sie sie schließlich hinter sich gelassen hatten, waren ihre Flüche reichlich blumig und weithergeholt worden. Manchmal mußten sie eine einzelne Zecke mit zwei oder sogar drei Flüchen bearbeiten, bis sie den gewünschten Erfolg erzielten.

Nun waren sie hungrig geworden. Es ging doch nichts über eine richtige Fluchorgie, um den Appetit anzuregen. »Sie kennen dieses Gebiet doch«, sagte Chester zu dem Magier, bevor er wieder einschlafen konnte. »Wo gibt es denn hier etwas zu essen?«

»Laß mich mit diesem Kleinkram in Ruhe«, fauchte Humfrey. »Ich habe mir etwas zu essen mitgenommen. Was ihr übrigens auch hättet tun können –wenn ihr genügend Voraussicht gehabt hättet.« Er zückte ein weiteres Fläschchen. Diesmal verdichtete sich der Dampf zu einem Schichtkuchen, komplett mit Zuckerguß. Der Magier nahm den Kuchen aus der Luft, brach ein perfektes Keilstück heraus und biß hinein, während der Rest des Kuchens sich wieder auflöste und als Dampf in die Flasche zurückschwebte.

»Es stimmt, wir haben es versäumt, Proviant mitzunehmen«, sagte Bink. »Meinen Sie, Sie könnten uns vielleicht etwas davon abgeben, nur dieses eine Mal?«

»Warum sollte ich so etwas meinen?« fragte Humfrey neugierig.

»Na ja, wir haben Hunger, und es wäre wesentlich einfacher, wenn –«

Der Magier rülpste. »Such dir dein Freßchen selber, Schnorrer«, übersetzte der Golem.

Bink überlegte, daß der Gute Magier ein wesentlich unangenehmerer Reisegefährte war, als es der Böse Magier gewesen war, als er damals die Wildnis Xanths durchqueren mußte. Aber er wußte auch, daß der äußere Schein trügen konnte.

Crombie krächzte. »Vogelschnabel meint, daß es hier ein paar Obstbäume geben müßte. Er wird sie uns zeigen.« Und das tat der Greif auch.

Kurz darauf entdeckten sie einen riesigen Obstbecher. Die Pflanze hatte die Gestalt einer offenen Schale, die bis zum Rand mit verschiedensten Früchten gefüllt war. Froh rannten sie darauf zu – als die Früchte emporstiegen und die Luft bunt färbten.

»O nein! Es ist Flügelobst!« stöhnte Bink. »Wir hätten uns anschleichen müssen. Warum hast du uns denn nicht vorher gewarnt, Crombie?«

»Du hast schließlich nicht gefragt, Sülzkopf!« erwiderte der Golem.

»Fangt sie!« rief Chester und sprang mit ausgestreckten Armen hoch, um einen Apfel aus der Luft zu fischen. Bink stieg hastig ab.

Eine reife Birne schwebte einen Augenblick auf der Stelle, um sich zu orientieren. Bink sprang sie an und erwischte sie mit einer Hand. Die Flügel flatterten verzweifelt, dann gaben sie es auf. Es waren gewöhnliche grüne Blätter, die sich an diese Aufgabe angepaßt hatten. Er riß sie gnadenlos ab, damit seine Frucht nicht entkommen konnte, dann machte er sich auf die Suche nach der nächsten.

Er stolperte plötzlich und stürzte zu Boden, wobei ihm ein wackelnder Pfirsich entwischte. Wütend musterte er das Hindernis, über das er gestolpert war. Es war einer der allgegenwärtigen Erdhaufen. Diesmal stand er auf und stampfte den Haufen in den Boden, bis er völlig eingeebnet war. Dann jagte er weiteren Früchten nach.

Bald hatte er eine kleine Sammlung Obst beisammen: einen Apfel, einen Pfirsich, eine Pflaume, zwei Birnen, einige Trauben und eine Banane. Die hatte monströse, raubvogelähnliche Flügelblätter besessen und sich schrecklich gewehrt, schmeckte aber dafür vorzüglich. Bink war nicht ganz wohl dabei, solche Früchte zu essen, denn sie glichen doch stark Lebewesen, aber wußte auch, daß die Flügel nur magische Anpassungen waren, die den Zweck hatten, daß die Pflanzen ihren Samen weiter aussäen konnten. Obst war dazu da, gegessen zu werden. Es besaß weder richtiges Bewußtsein noch Gefühl. Oder?

Bink schob diesen Gedanken beiseite und blickte sich um. Sie befanden sich am Rande eines abgestorbenen Waldes. Humfrey erwachte. »Mir ist nicht wohl bei der Sache«, meinte er von sich aus. »Ich will nicht meine Zeit damit vergeuden, herauszufinden, wer oder was diese Bäume umgebracht hat. Am besten, wir gehen drum herum.«

»Was nützt es, Magier zu sein, wenn man seine Magie nicht einsetzen will?« fragte Chester kühl.

»Ich muß meine Magie für Notfälle aufheben«, sagte Humfrey. »Bisher hatten wir es allenfalls mit ein paar lästigen Hindernissen zu tun. Dafür ist mir mein Talent zu schade.«

»Genau, gib’s ihnen, Winzling«, stimmte der Golem ihm zu.

Chester sah zwar nicht überzeugt aus, hatte aber immer noch so viel Respekt vor dem Magier, um nicht auf seiner Meinung zu beharren. »Es geht langsam auf Abend zu«, sagte er. »Wo ist ein guter Ort, um die Nacht zu verbringen?«

Crombie wirbelte wieder so heftig herum, daß er beinahe seine Reiter abgeworfen hätte. »Hmph!« machte Humfrey, und der Golem übersetzte pflichtbewußt: »Du dämliche Flugkatze! Stell gefälligst deine Pranken auf den Boden!«

Der Greif drehte den Kopf, bis seine tödlichen Augen und sein Schnabel nach hinten zeigten. »Skwaak!« sagte Crombie selbstbewußt. Der Golem übersetzte ihn nicht, wirkte aber eingeschüchtert. Crombie beendete sein Manöver und zeigte in eine neue, leicht von ihrem Hauptziel abweichende Richtung.

»Das ist nicht weit ab. Wir werden dort hingehen«, entschied Chester, und niemand hatte etwas einzuwenden.

Ihr Weg führte am Rand des toten Waldes entlang, und das war ein Glück, denn dadurch war die Gegend relativ sicher: Was immer den Wald getötet haben mochte, hatte auch so gut wie alle darin enthaltene Magie ausgerottet, sowohl die gute als auch die böse. Und doch machten die riesigen Bäume zu ihrer Seite Bink immer neugieriger. Sie wiesen keinerlei Markierungen auf, und das zu ihren Füßen wachsende Gras wuchs üppig, da es nun mehr Licht erhielt. Das wies darauf hin, daß der Boden nicht von irgendeinem Ungeheuer vergiftet worden war. Tatsächlich waren bereits neue Schößlinge zu erkennen, die sich an die langwierige Arbeit machten, den Wald wiederherzustellen.

Irgend etwas hatte hier spurlos zugeschlagen.

Um sich von dem unlösbaren Rätsel abzulenken, wandte Bink sich an den Golem. »Grundy, falls du darüber reden magst – welche Frage hast du dem Magier gestellt?«

»Ich?« fragte der Golem erstaunt. »Du interessierst dich für mich?«

»Natürlich tue ich das«, sagte Bink. »Du bist doch auch eine –« Beinahe hätte er »Persönlichkeit« gesagt, doch dann fiel ihm ein, daß der Golem technisch gesehen doch keine war. »… ein Wesen«, beendete er seinen Satz etwas lahm. »Du hast doch Bewußtsein, Gefühle –«

»Nein, Gefühle nicht«, erwiderte Grundy. »Ich bin bloß ein Gegenstand aus Bindfäden und Lehm und Holz, der durch Magie belebt wurde. Ich tue, was von mir verlangt wird, ohne persönliches Interesse oder Gefühl.«

Ohne Interesse und Gefühle? Das klang aber nicht sehr überzeugend. »Als ich mich gerade für dich interessiert habe, hast du aber persönliche Beteiligung gezeigt.«

»Habe ich das? Das muß eine Routine-Nachahmung menschlicher Reaktionen gewesen sein. So etwas ergibt sich beim Dolmetscher öfter.«

Bink war zwar immer noch nicht überzeugt, wollte es jedoch nicht anfechten. »Wenn dich menschliche Angelegenheiten nicht interessieren, warum bist du dann zum Guten Magier gekommen? Was hast du ihn gefragt?«

»Ich habe ihn gefragt, wie ich wirklich werden könnte«, antwortete der Golem.

»Aber du bist doch wirklich! Du bist doch hier, nicht wahr?«

»Wenn man den Zauber, der mich geschaffen hat, von mir nimmt, bleibt nichts zurück als ein kleiner Haufen Abfall. Ich möchte wirklich sein, wie du es auch bist. Ohne Magie.«

Wirklich sein ohne Magie. Das ergab also doch einen Sinn. Bink erinnerte sich, wie er als Junge darunter gelitten hatte, weil er geglaubt hatte, kein magisches Talent zu besitzen. Das hier war die andere Seite der Medaille: das Wesen, das keine Wirklichkeit außer der Magie besaß. »Und wie lautete die Antwort?«

»Sorgen.«

»Was?«

»Sorgen, Dumpfbacke!«

»Sorgen?«

»Sorgen.«

»Das ist alles?«

»Das ist alles.«

»Die ganze Antwort?«

»Die ganze Antwort, Blödmann!«

»Und dafür leistest du einen Jahresdienst ab?«

»Meinst du etwa, du hättest die Dummheit für dich allein gepachtet?«

Bink wandte sich an den Guten Magier, der inzwischen offenbar ausgeschlafen hatte, aber nun vergnügt vor sich hin schwieg. »Wie können Sie es rechtfertigen, für eine solche Antwort einen solchen Preis zu verlangen?«

»Ich muß überhaupt nichts rechtfertigen«, meinte Humfrey. »Niemand ist gezwungen, zu dem gierigen alten Gnom zu kommen, um ihm Fragen zu stellen.«

»Aber wenn jemand einen Preis bezahlt, hat er doch das Recht, eine vernünftige Antwort zu erhalten?«

»Der Golem hat eine vernünftige Antwort erhalten. Er hat sie bloß nicht verstanden.«

»Na, das habe ich auch nicht«, sagte Bink. »Diese Antwort ergibt doch für niemanden einen Sinn!«

Der Magier zuckte die Schulter. »Vielleicht hat er ja die falsche Frage gestellt.«

Bink wandte sich zu Chesters menschlicher Partie um. »Nennst du das auch eine faire Antwort?«

»Ja«, erwiderte der Zentaur.

»Ich meine, das eine Wort ›Sorgen‹? Nichts sonst? Und dafür ein Jahr arbeiten müssen?«

»Ja.«

»Du glaubst, daß es das wert ist?« Bink hatte jetzt ernsthafte Verständnisprobleme.

»Ja.«

»Würde dir eine solche Antwort auf deine Frage genügen?«

Chester überlegte. »Ich glaube nicht, daß diese Antwort zu der Frage passen würde.«

»Dann wärst du also doch unzufrieden?«

»Nein, ich wäre durchaus zufrieden, wenn das meine Antwort wäre. Ich glaube einfach nur, daß sie es nicht ist. Ich bin schließlich kein Golem.«

Bink schüttelte verwundert den Kopf.

»Dann muß ich wohl zum Teil ein Golem sein. Ich glaube nicht, daß die Antwort genügt.«

»Du bist kein Golem«, sagte Grundy. »Dafür bist du nicht klug genug.«

Sehr diplomatisch! Doch Bink versuchte es noch einmal. »Chester, kannst du uns die Antwort einmal erklären?«

»Nein, ich verstehe sie auch nicht.«

»Aber du hast doch gesagt –«

»Ich habe gesagt, daß ich das für eine faire Antwort halte. Wenn ich ein Golem wäre, würde mir ihr Sinn bestimmt einleuchten. Das ist jedenfalls wahrscheinlicher als die Annahme, daß der Gute Magier keine echte Gegenleistung erbringt.«

Bink erinnerte sich daran, wie der Magier der Manticora klargemacht hatte, daß sie eine Seele besaß – auf eine Weise, die das Wesen sowohl gefühls- als auch verstandesmäßig befriedigt hatte. Das war ein überzeugendes Argument. Es mußte irgendeinen Grund dafür geben, warum die Antwort für den Golem so rätselhaft war.

Doch was für eine Frustration, bis man diesen Grund erkannt hatte!

Als es dämmerte, erspähten sie ein Haus. Crombies Talent meinte, daß dies ihre Unterkunft für diese Nacht sei. Das einzige Problem war die Größe. Die Tür war zehn Fuß hoch.

»Das ist das Haus eines Riesen – oder eines Ogers!« sagte Humfrey stirnrunzelnd.

»Ein Oger?« wiederholte Bink. »Dann können wir nicht hierbleiben!«

»Ja, der hat uns doch im Nu in seinen Topf gesteckt und ein Feuer entfacht«, sagte Chester. »Oger betrachten Menschenfleisch als Delikatesse.«

Crombie krächzte. »Der Idiot behauptet, daß sein doofes Talent sich niemals irren würde«, berichtete Grundy.

»Ja, aber man sollte nicht vergessen, was sein Talent einfach nicht abdeckt«, meinte Bink. »Wir haben nach einem guten Ort gefragt, wo wir die Nacht verbringen können. Wir haben nicht gesagt daß er sicher sein müßte.«

»Klar, ein großer Topf mit heißem Wasser ist auch nicht unbequemer als alles andere, wenn man sich entspannen will«, stimmte Chester ihm zu. »Bis das Wasser zu heiß wird. Dann wird aus einem Bad –«

»Ich fürchte, ich werde wieder etwas von meiner kostbaren Magie verschwenden müssen«, klagte Humfrey. »Es ist schon zu spät, um noch durch den Wald zu schleichen und eine andere Ruhestätte zu suchen.« Er holte eine weitere verkorkte Flasche hervor und entkorkte sie. Der Korken war ziemlich widerspenstig, wie die meisten Korken, deshalb dauerte das Ganze seine Zeit.

»Äh, ist das nicht ein Dämonenbehälter?« fragte Bink, der die Flaschenart wiederzuerkennen glaubte. Manche Flaschen waren dicker als andere und sorgfältiger hergestellt, mit eingeritzten magischen Symbolen. »Sollten Sie nicht –«

Der Magier hielt inne. »Umph.«

»Er meint, daß er das gerade tun wollte, du Knallkopf«, sagte der Golem. »Das kannst du ruhig glauben – wenn dir danach ist.«

Der Magier kratzte ein Pentagramm in den Boden, stellte die Flasche hinein und murmelte ein paar unverständliche Beschwörungsformeln. Der Korken knallte aus der Flasche, und der rauchige Dämon trat hervor und verdichtete sich, bis Bink ihn als Beauregard wiedererkannte.

Der hochgebildete, bebrillte Dämon wartete gar nicht erst die Frage ab. »Dafür belästigst du mich, alter Mann? Natürlich ist der Ort sicher. Dieser Oger ist Vegetarier. Unsicher ist bloß deine Mission.«

»Nach der Mission habe ich dich nicht gefragt«, schnauzte Humfrey ihn an. »Ich weiß selbst, daß sie unsicher ist. Deshalb bin ich schließlich dabei.«

»Sieht dir gar nicht ähnlich, dich für einen solchen Unfug herzugeben. Schon gar nicht auf Kosten deiner eigenen Bequemlichkeit«, meinte Beauregard und schob seine Brille auf der Nase hoch. »Bei dir rieselt wohl langsam der Kalk? Wirst wohl senil, eh? Oder willst du einfach mit Pauken und Tröten untergehen?«

»Verzieh dich, Höllengeist! Ich werde dich schon wieder rufen, wenn ich mir dein nutzloses Geschwätz anhören will.«

Beauregard schüttelte mitleidig den Kopf und verschwand wieder in der Flasche.

»Das ist wieder so ein Geist, der auch fühlen kann«, sagte Bink beunruhigt. »Müssen Sie ihn unbedingt in so einer winzigen Flache einsperren?«

»Niemand kann einen Dämon einsperren«, sagte der Magier kurzangebunden. »Außerdem ist seine Dienstzeit noch nicht beendet.«

Manchmal war es wirklich schwierig, der Logik dieses Mannes zu folgen! »Er war aber doch schon bei Ihnen, als ich Ihnen das erste Mal begegnet bin, vor über einem Jahr.«

»Er hatte eine ziemlich komplizierte Frage.«

»Ein Informationsdämon, der Ihnen die Fragen beantwortet, für die Sie Bezahlung verlangen, muß Sie für eine Antwort bezahlen?«

Humfrey antwortete nicht. Bink hörte ein schwaches, dröhnendes Gelächter, das offenbar aus der Flasche des Dämons kam. Irgend etwas hier mußte wirklich zum Lachen sein, wenn es auch nicht gerade komisch war.

»Es ist wohl besser, wenn wir hineingehen, bevor es dunkel wird«, meinte Chester und musterte die Tür des Ogers mit mißtrauischen Blicken.

Bink wäre zwar lieber erst der Sache mit dem Dämon nachgegangen, aber der Zentaur hatte nicht unrecht.

Sie traten an die Tür. Es war ein massives Portal aus behauenen, geschälten Eisenholzstämmen, die mit Würgranken verknüpft waren. Bink staunte. Rostfreies Eisenholz ließ sich gewöhnlicherweise nur aus frisch gefällten Bäumen gewinnen, und das schaffte nicht einmal eine magische Axt zufriedenstellend. Und welches Ungeheuer konnte es wagen, fröhlich ein paar tödliche Würgranken abzureißen, die ihre Opfer doch normalerweise erwürgten, und das recht kräftig?

Chester hämmerte laut gegen die Tür. Als das metallische Echo nachließ, entstand eine Pause. Dann näherten sich langsame, dumpfe Schritte. Die Tür wurde mit einer solchen Heftigkeit aufgerissen, daß die Eisenholzscharniere heiß wurden und der Luftzug den Zentauren einen Schritt vorwärtsriß. Grelles Licht kam aus der Öffnung, und sie erkannten die furchterregende Silhouette des Ogers. Er war doppelt so groß wie Bink, und neben ihm wirkte sogar die hohe Tür fast winzig. Sein Leib war entsprechend umfangreich, und seine Gliedmaßen waren knotig wie knorrige alte Bäume. »Ungh!« dröhnte das Wesen.

»Er fragt, was es wohl bringt, daß es hier stinkt«, übersetzte der Golem.

»Es stinkt?« rief Chester. »Er stinkt hier!«

Das war wahr. Der Oger schien weder ans Waschen noch an Reinigungsmagie zu glauben. Sein Fleisch war schmutzüberkrustet, und er stank nach fauligem Gemüse. »Aber wir wollen die Nacht doch nicht im Freien verbringen«, warnte Bink.

Crombie krächzte. »Vogelschnabel meint, wir sollten es hinter uns bringen, Schlafmützen!«

»Klar, typisch Vogelschnabel«, brummte Chester.

Der Oger grunzte. »Steingesicht meint, es stinkt nach Schweif und faulem Greif.«

Hochgewachsen und zornig stand der Greif da und breitete seine schimmernden Flügel aus. »Wie wär’s, wenn wir dem Problem dadurch beikommen, daß wir deine Rotznase amputieren?« übersetzte Grundy.

Der Oger schwoll an vor Wut. Er knurrte. »Ich mahl’ dich in Schrot und back’ draus Brot«, übersetzte Golem.

Nun folgte ein Potpourri aus Krächzen und Knurren, das der Golem fröhlich übersetzte.

»Komm raus und sag das noch mal, Taubnuß!«

»Komm in mein Haus, du Schnabelmaus! Ich brech’ dich klein in Kochtopf rein!«

»Du brichst dir höchstens den Schädel beim Denken«, krächzte Crombie.

»Reden alle Oger in reimenden Zweizeilern?« fragte Bink, als die Kontrahenten gerade ihr Schimpfwortarsenal auffüllten. »Oder erfindet der Golem das bloß?«

»Das kleine Biest so schlau nicht ist«, sagte der Golem – und reagierte wütend. »Wer ist ein Biest, du Froschgesicht –?«

»Oger sind sehr verschieden, wie andere Wesen auch«, warf Humfrey elegant ein. »Der hier scheint wirklich freundlich zu sein.«

»Freundlich!« rief Bink.

»Für einen Oger, ja. Wir gehen besser hinein.«

»Werd’ ab dich schmecken, in Kessel stecken!« grollte der Oger mit Umweg über den Golem. Aber der Greif schlüpfte dennoch hinein, und sein Gastgeber ließ ihn knurrend vorbei.

Drinnen war es dumpf und finster, wie es sich für den Unterschlupf eines Ungeheuers gehörte. Das grelle Licht, das ihnen beim Eintreten entgegengestrahlt war, war verschwunden. Offenbar hatte ihr Gastgeber zur Feier des Tages eine neue Fackel angesteckt, die bereits ihren Geist aufgegeben hatte. Der Boden war mit feuchten Strohmatten belegt, an den Wänden war Riffelholz aufgeschichtet, und über einer Feuermulde mitten im Raum blubberte es in einem Kessel wie Vulkanschlamm. Es waren allerdings nirgendwo Knochenhaufen zu erkennen. Das war natürlich ermutigend. Bink hatte noch nie von einem vegetarischen Oger gehört, aber der Dämon Beauregard verstand wirklich etwas von seinem Geschäft.

»Wie heißt du?« fragte er den Oger.

»Du mach Happs, ich Knacks.«

Offenbar hatte das Ungeheuer ihn nicht verstanden. »Ich heiße Bink, und du?«

»Ich merke stracks du nicht kennst Knacks.« Der Oger tunkte eine haarige, schmierige Faust in den brodelnden Kessel, fischte darin herum, holte eine Faustvoll schleimige Masse hervor und knallte sie in eine knorrige Holzschüssel, die er schließlich Bink vor die Nase schob.

»Trink, Bink.«

»Er will sagen, daß sein Name ›Knacks‹ ist«, erklärte Chester. »Er bietet dir etwas zu essen an. Er unterscheidet nicht zwischen den einzelnen Mahlzeiten zu verschiedenen Tageszeiten. Für ihn ist alles nur ein Happs!«

»Oh. Ah, danke, Knacks«, sagte Bink verlegen. Du mach Happs, ich Knacks – jetzt ergab das einen Sinn. Das war eine Einladung zum Essen und eine Antwort auf seine Frage, keine Drohung. Er nahm den Klumpen in Empfang. Der Oger teilte an die anderen die gleichen Portionen aus. Seine riesigen Pranken schienen hitzeunempfindlich zu sein.

Bink musterte seine Portion mißtrauisch. Das Zeug war zu dick, um es zu löffeln, und zu dünn, um es mit der Hand herauszuheben, und machte trotz seiner enormen Hitze einen alles andere als toten Eindruck. Es war von dunkelroter Farbe und schimmerte an manchen Stellen grünlich. Eigentlich roch es ganz appetitlich, obwohl eine schuppige Fliege auf der Brühe trieb.

Chester schnüffelte zufrieden. »He, das ist ja rote Bouillon mit grünem Süßholz – das ist ja eine phantastische Delikatesse! Aber dafür muß man auf magische Weise den Bouillonsaft herausziehen, und nur eine süße Grünelfe kann einem Süßholz beschaffen. Woher hast du das bloß?«

Der Oger lächelte. Selbst im Halbdunkel war der Effekt nervenzerrüttend. »Ich hab’ Elfen, die tun mir helfen«, übersetzte der Golem. Knacks hob ein Holzscheit vom Stapel und hielt es über den Kessel. Mit einer einzigen Drehbewegung wrang er das Scheit wie ein feuchtes Handtuch aus. Ein dünnes rotes Rinnsal tropfte in den Kessel. Als das Scheit ausgewrungen war, zerriffelte es der Oger in seine Bestandteile und warf sie ins Feuer, wo sie munter aufflackerten. Na ja, so konnte man Riffelholz natürlich auch verbrennen!

Noch nie hatte Bink eine solche Zurschaustellung roher Kraft erlebt. Statt eines Kommentars fischte er die Fliege aus der Brühe, stippte einen Finger in seinen sich abkühlenden Pudding und führte einen sahnigen Klumpen an die Lippen. Er schmeckte köstlich. »So etwas Gutes habe ich ja noch nie gegessen!« rief er erstaunt.

»Du sagst das, Bink. Du meinst: schön stink!« erwiderte Knacks geschmeichelt.

Crombie krächzte, während er in seiner Schüssel herumpickte. »Mag sein, daß du stinkst. Das Zeug hier ist jedenfalls großartig«, dolmetschte der Golem.

Knacks, den das doppelte Kompliment sichtlich freute, bediente sich selbst, indem er sich eine brodelnde Handvoll ohne Umwege in sein aufgerissenes Maul stopfte. Er leckte sich die Finger und schaufelte sich einen neuen Klumpen hinein. Als die anderen fertig waren, füllte er ihre Schüsseln mit derselben Pranke. Keiner wagte zu protestieren. Aber welche magischen Mikroben würden diese gewaltige Hitze schon überleben?

Nach dem Essen ließen sie sich auf dem Stroh nieder. Die anderen schienen gleich einschlafen zu wollen, doch Bink war beunruhigt. Kurz darauf hatte er es. »Sag mal, Knacks, bei uns bedankt man sich für Gastfreundschaft mit irgendeiner Gegenleistung. Was können wir für dich tun, um uns für dieses tolle Essen und die Unterkunft erkenntlich zu zeigen?«

»Ja, stimmt«, meinte Chester. »Sollen wir ein bißchen Holz für dich hacken oder so?«

»Holz nicht gut – schon ganz kaputt«, grunzte der Oger. Er hieb mit der Faust auf ein Scheit und zersplitterte es mühelos. Nein, da brauchte er wohl keine Hilfe.

Crombie krächzte. »Vogelschnabel meint, er könnte zeigen, wo sich was befindet. Was willst du wissen, Felsnase?«

»Schlaf, du Aff!« brummte Knacks.

»Erst wenn wir uns erkenntlich gezeigt haben«, beharrte Bink.

»Bin drauf nicht scharf, da kein Bedarf!« Knacks nahm eine Handvoll Stroh auf, drückte es zusammen und benutzte den daraus entstandenen Stab als Zahnstocher.

Chester riet ausnahmsweise einmal zur Vorsicht. »Wir können ihm doch keine Dienstleistung aufdrängen, die er gar nicht haben will!«

»Vielleicht weiß er gar nicht, was er haben will«, meinte Bink. »Wir müssen den Ehrenkodex erfüllen.«

»Du bist aber wirklich ein sturer Bock«, meinte Grundy, der sich ausnahmsweise einmal persönlich zu Wort meldete. »Warum willst du denn Ärger aufstochern?«

»Es ist eine Frage des Prinzips«, meinte Bink verunsichert. »Crombie, kannst du uns zeigen, wo das ist, was Knacks sich wünscht?«

Der Greif krächzte bejahend, wirbelte herum bis das Stroh emporgeweht wurde und zeigte – auf den Guten Magier Humfrey, der in einer Ecke vor sich hin döste, einen Strohhalm auf dem Kopf.

»Vergiß es«, fauchte Humfrey schläfrig. »Ich bin nicht für den Verzehr freigegeben.«

»Aber er ist doch Vegetarier!« erinnerte Bink ihn. »Er will Sie unmöglich fressen. Vielleicht möchte er Ihnen eine Frage stellen.«

»Aber nicht für eine einzige schäbige Übernachtung! Dafür muß er mir einen Jahresdienst ableisten.«

»Hab’ keine Fragen, nichts zu sagen«, grunzte der Oger.

»Offenbar wollen wir unserem Gastgeber doch etwas aufdrängen«, sagte Chester mit erstaunlicher Diplomatie. Knacksens Kraft hatte ihn offenbar stark beeindruckt.

»Es gibt irgend etwas, das Knacks haben will, und wenn er es selbst nicht weiß«, sagte Bink. »Es ist unsere Pflicht, es für ihn zu finden.« Keiner brachte irgendeinen Einwand dagegen vor, obwohl er davon überzeugt war, daß alle lieber das Thema gewechselt hätten. »Crombie, vielleicht will er ja gar nicht den Magier, sondern irgend etwas am Magier. Wo hast du genau hingezeigt?«

Crombie krächzte müde und resigniert. Wieder zeigte er. »Da!« sagte Bink. »Irgend etwas in seinem Schoß.« Dann hielt er verlegen inne. »Äh, vielleicht in seiner Jacke.«

Doch der Magier war müde und schlief bereits. Ein Schnarchen war seine einzige Antwort.

»Ach, herrje!« sagte Grundy. »Ich werd’ nachsehen.«

Und er kletterte auf den Magier und in seine Jacke hinein.

»Ich glaube nicht –« fing Bink an, den diese Frechheit verblüffte.

»Das ist dein Problem«, sagte der Golem aus der Jacke. »Das hier – das muß es sein.« Er kam wieder hervor mit einer Flasche in beiden Armen.

»Das ist ja die Dämonenflasche!« sagte Chester. »Mach bloß keinen Un…«

Doch Grundy war bereits damit beschäftigt, die Flasche zu entkorken. Bink sprang auf ihn zu, doch wieder einmal kam er zu spät. Diesmal war der Korken alles andere als widerspenstig. Er ploppte heraus, als Bink eben die Flasche grabschte.

»Jetzt hast du’s!« rief Chester. »Wenn Humfrey jetzt aufwacht –«

Bink blieb nichts anderes übrig, als die Flasche festzuhalten, während der Dämon, von keinem magischen Zeichen und keiner Beschwörung gebremst, hervorschoß. »W-warum m-macht nicht j-jemand ei-ein –« stammelte Bink.

Beauregard verfestigte sich und stand nun, einen dicken Wälzer unter dem Arm, vor ihnen. Er blinzelte Bink unter seinen Brillengläsern an. »… ein Pentagramm?« beendete er seinen Satz. »Zu spät.«

»Was habe ich getan?« stöhnte Bink.

Beauregard wedelte lässig mit seiner freien Hand. »Du hast gar nichts getan, Bink. Das war der närrische Golem.«

»Aber ich habe ihn doch überhaupt erst dazu gebracht.«

»Mag sein. Aber mach dir keine Sorgen. Betrachte dich lieber als Werkzeug des Schicksals. Wisse, daß weder die Flasche noch das Pentagramm mich einengen können. Ich habe diese Konventionen stets geachtet, weil ich dem Magier einen Gefallen tun wollte und ihm beruflichen Respekt schuldig war. Wir sind so verblieben, daß ich ihm in meiner Eigenschaft als Hilfsinformant dienen soll, bis ich nach den normalen Gesetzen der Dämonenkontrolle zufällig freigesetzt werde. Diese Gelegenheit bietet sich jetzt, wie es vom Schicksal vorgesehen war. Ein echt gebannter Dämon wäre an meiner Stelle entflohen, darum kann ich jetzt gehen. Ich danke dir für diesen Zufall und mache mich nun davon.« Er begann zu verblassen.

»Warte mal!« rief Bink. »Dann beantworte wenigstens die Frage dieses netten Ogers!«

Beauregards Umrisse wurden wieder schärfer. »Er hat überhaupt keine Frage. Er will nur schlafen. Oger brauchen viel Schlaf, sonst werden sie zu nett.«

»Aber Crombies Talent hat doch –«

»Ach, das! Ja, rein technisch gesehen ist da irgend etwas, aber es ist kein bewußtes Verlangen.«

»Das wird schon genügen«, meinte Bink. Er hätte gar nicht gedacht, daß Oger auch unbewußte Bedürfnisse haben konnten. »Dann sag’s uns, bevor du gehst.«

»Er will wissen, ob er sich eine Frau nehmen soll«, sagte der Dämon. Der Oger knurrte. »Hab’ ich ‘ne Frau – wird mein Leben rauh?« sagte der Golem.

»He, was haben wir denn da?« meinte Beauregard. »Einen Golem, der den Preis für eine Antwort bezahlt, die er nicht versteht!«

»Wer kann schon eine Antwort verstehen, die aus einem einzigen Wort besteht?« fragte Grundy.

»Nur ein wirkliches Wesen«, erwiderte Beauregard.

»Das ist ja gerade das Problem – er ist nicht wirklich«, warf Bink ein. »Er will doch wissen, wie er wirklich werden kann.«

Beauregard wandte sich an den Zentaur. »Und du willst dein Talent erfahren. Ich könnte es dir natürlich verraten, aber dann müßtest du mir dienen, und das wollen wir doch sicher beide nicht!«

»Warum beantwortest du nicht einfach die Frage des Ogers und gehst?« fragt Bink, der diesem viel zu weisen befreiten Dämon nicht ganz traute.

»Das kann ich nicht direkt tun, Bink. Ich bin ein Dämon. Er würde meine Antwort nicht akzeptieren, auch wenn sie ganz vernünftig wäre. Er gehört zu einer irrationalen Spezies, genau wie du. Du mußt es ihm sagen.«

»Ich? Ich –« Bink unterbrach sich selbst, weil er keine Lust verspürte, jetzt auf sein Problem mit Chamäleon einzugehen.

»Ihr«, sagte Beauregard herablassend. »Du und Chester und Crombie, ihr solltet einmal über eure Partnerbeziehungen diskutieren, dann bekommt der Oger die Perspektive, die er braucht.« Er dachte kurz nach. »Hm, vielleicht kann ich zu diesem Thema auch noch etwas beitragen.« Worauf er sich neben sie aufs Stroh setzte. Schweigen. Dann fragte Bink den Oger: »Äh, woher hast du … öh, kennst du schon eine bestimmte … äh, Oger-Dame, die in … äh, Frage käme?«

Der Oger antwortete mit einer Grunz- und Schnaubsalve und knirschte heftig mit seinen gelben Zähnen. Der Golem hatte seine liebe Mühe, Schritt zu halten, erwies sich aber als in Hochform:

»Es war ein herrlich mieser Tag, so wie ihn jeder Oger mag. Ich suchte was eklig Schönes zu fressen und hatte den Weg schon ganz vergessen. Ich komm’ in ‘nen großen Urwald rein, mit Bäumen so hoch, ich fühl’ mich ganz klein. Da hab’ ich ein schönes Schloß geschaut, das war ganz aus alten Knochen gebaut. Drin war ein Brunnen voll mit Blut, da hab’ ich gedacht, das schmeckt sicher gut. Ich stampfte also zum Burghof hin, da sah ich ‘ne liebliche Ogerin. Haare wie Disteln, Haut wie Eiter, da weiß kein Zombie vor Neid noch weiter. Sie stank aus dem Mund wie altes Aas, der Geruch war so doll, daß ich mich vergaß. Ich gab ihr eins mit der Faust vor die Rübe, so erklären wir Oger unsere Liebe. Dann hab’ ich sie mir am Bein gepackt und hab’ mein Schätzchen eingesackt. Doch die Leute da fanden das Stück beschissen und haben uns mit faulen Äpfeln beschmissen. Sie machten so ‘n Krach, der weckte gleich die Ungeheuer vom Strudelteich. Die hatten das Schloß in Schlaf versenkt und fühlten sich wohl durch den Lärm gekränkt. Sie schickten uns einen gewaltigen Fluch, da hab’ ich gedacht, jetzt ist es genug. Ich hab’ noch versucht, ihm auszuweichen, doch mit dem Weib auf’m Rücken konnt’ ich nur schleichen. Dann ist der Fluch doch explodiert und hat den ganzen Wald ruiniert. Ich hab’ mich auf die Socken gemacht und nicht mehr an die Schlampe gedacht. Jetzt liegt sie dort, wie vor’n Kopf gehauen – und ich weiß nicht: Soll ich mich trauen?«

Die anderen saßen schweigend da und verdauten erst einmal diese außergewöhnliche Erzählung. Schließlich krächzte Crombie: »Das war ja ein gewaltiges Abenteuer und eine beeindruckende Romanze«, übersetzte Grundy für ihn. »Auch wenn ich verstehe, wie sehr du deine Freundin schätzt, kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen, daß alle Frauen höllische Geschöpfe sind, deren oberster Lebenszweck darin besteht, die Männer zu täuschen, in die Falle zu locken und ihnen das Leben schwer zu machen. Deshalb –«

Der Oger unterbrach den Greif mitten in einem Krächzer. »Hihihihi, hihihihi!« übersetzte Grundy und hielt dann selbstvor Überraschung inne. »Jawohl, dann geh’ ich und hole sie!«

Chester lächelte. »Trotz der Empfehlung meines Freundes muß ich doch eine kleine Warnung aussprechen. Egal wie sehr die Stute dem Hengst auch das Leben zur Hölle machen mag und wie unvernünftig sie sonst ist, kommt doch stets einmal die Zeit, da sie ihr erstes Fohlen wirft. Dann verliert die Dame plötzlich jegliches Interesse –«

»Und keift nicht mehr? Oh, Leben schwer!« grunzte Knacks enttäuscht.

»Aber nach einer Weile«, sagte Bink, »wird sie wieder normal, oft mit sagenhaft spitzer Zunge. Ich würde jedenfalls sagen, daß ein bißchen Nörgeln und Keifen immer noch besser sind als kein Nörgeln und Keifen. Also schlage ich dir vor, daß du deine Schöne weckst und ihr Gelegenheit gibst, dir das Leben herrlich schwer zu machen.«

Die Augen des Ogers leuchteten plötzlich wie Fackeln.

»Dem kann ich mich nur anschließen«, meinte Beauregard. »Dieses Gespräch hat mir einige höchst faszinierende Einsichten in das Wesen menschlicher, tierischer und ogrischer Gefühle beschert. Was für den Menschen Nörgeln ist, ist für den Oger Liebesgeflüster. Das wird einen hübschen Schluß für

meine Dissertation abgeben.«

»Für deine was?« fragte Bink.

»Meine Doktorarbeit über die Schwächen intelligenten Lebens auf der Oberfläche von Xanth«, erklärte Beauregard. »Ich wollte Informationen von dem menschlichen Magier Humfrey haben, und er hat mir versichert, daß ich beim Dienst in seiner Flasche alle Einsichten erlangen würde, die ich benötige, weil man das Wesen eines Menschen am besten durch die Fragen erkennt, die er für am wichtigsten hält. Dem war auch so, und nun ist mir mein Titel so gut wie sicher. Das wird mich qualifizieren, eine ständige Bindung mit meiner auserwählten Dämonin einzugehen, die meiner Meinung nach eine solche Anstrengung durchaus wert ist. Das verleiht mir eine gewisse dämonische Freude. Aus diesem Grund will ich jeden von euch mit einem kleinen Geschenk bescheren, das eine Frucht meiner Studien ist.«

Der Dämon drehte sich zu Chester um. »Ich ziehe es vor, dir nicht direkt zu sagen, welches dein magisches Talent ist; ich habe dir ja schon erklärt, warum. Aber ich will dir einen Hinweis geben: Es ist eine Widerspiegelung des unterdrückten Teils deines Charakters. Denn wie die meisten anderen Zentauren hast auch du geglaubt, daß deine Rasse keine Magie besitzt. Deshalb sind ganze Aspekte deiner Persönlichkeit sozusagen in den Untergrund abgedrängt worden. Wenn es dir gelingt, diese Konditionierung abzuschütteln, wird sich dein Talent auf natürliche Weise offenbaren. Vergeude nicht ein Jahr deines Lebens für die Antwort des Guten Magiers, sondern bring das zum Ausdruck, was du im Innern fühlst.«

Dann wandte er sich an Crombie. »Du kannst deinem Schicksal nicht auf diese Weise entgehen. Wenn du von dieser Suche zurückkommst – sofern du überhaupt zurückkehren solltest –, wird Sabrina dich in eine unglückliche Ehe locken, wenn es dir nicht gelingt, schon vorher eine geeignetere Verpflichtung einzugehen. Genieße also das Leben, bleib im Hier und Jetzt und denk nicht an das Morgen, denn das wird noch schlimmer sein als das Heute. Dennoch ist die Ehe für dich kein Schicksal, das schlimmer wäre als der Tod. Das wirst du erst richtig merken, wenn du dich dem Tod stellen mußt.«

Er wandte sich von dem niedergeschlagenen Greif ab und blickte den Golem an. »Die Antwort des Magiers bedeutet: daß sich Leute Sorgen machen, sich um etwas kümmern. Das tun tote Gegenstände nicht. Erst wenn du echte Gefühle erfährst, die deiner Logik zuwiderlaufen, bist du wirklich. Diese Höhen kannst du nur dann erklimmen, wenn du hart daran arbeitest. Aber Vorsicht! Denn die Gefühle von Lebewesen können oft ziemlich ungemütlich werden.«

Er drehte sich Knacks zu. »Dir sage ich, Oger: Geh und hol dir deine Dame. So wie du sie schilderst, ist sie die richtige Gefährtin für dich: ein wirklich schreckliches Rabenaas.« Knacks war so gerührt, daß er beinahe errötet wäre.

Beauregard wandte sich an Bink. »Deine Magie habe ich nie richtig begreifen können, aber ich spüre, daß sie gerade in Aktion ist. Sie ist außerordentlich stark – doch das, was du suchst, ist unendlich viel stärker. Wenn du stur bleibst, läufst du Gefahr, vernichtet zu werden und auch jene Dinge zu vernichten, die dir am teuersten sind. Aber du wirst ja doch stur bleiben, deshalb möchte ich dir mein Beileid aussprechen. Bis zum nächsten Mal!« Er verblaßte.

Die Verbliebenen blickten sich an. »Gehen wir schlafen«, meinte Chester schließlich. Das war der beste Vorschlag des ganzen Abends.


 

 

6

Magischer Staub

 

Am Morgen bedankten sie sich bei dem Oger und machten sich wieder auf die Suche, während Knacks eifrig in den toten Wald hineintrampelte, um seine schöne Braut aufzuwecken.

Aus seiner Erzählung wußten sie, daß die Bäume einem Fluch zum Opfer gefallen waren – doch was war mit den bösen Ungeheuern, die im See wohnten und über solch verheerende Flüche herrschten? Gab es vielleicht Magier unter ihnen, und war die Quelle der Magie dort zu finden?

Der Magier Humfrey war besonders nachdenklich. Entweder hatte er am Vorabend doch nicht ununterbrochen geschlafen, oder er hatte mit Hilfe seiner Wissensmagie die neue Lage erfaßt. Er mußte doch wissen, daß Beauregard fort war! »Welche Magie«, murmelte er, »kann mit einem einzigen Fluch einen ganzen lebenden Wald vernichten? Warum habe ich davon vorher nichts gewußt?«

»Sie haben einfach nicht daran gedacht, nachzusehen«, meinte Chester undiplomatisch.

»Jetzt sehen wir ja nach«, warf Bink ein. »In der Nähe ihres Ursprungs müßte die Magie ja auch stärker sein.«

Crombie krächzte. »Starke Magie ist eine Sache, Flüche der Magie-Kategorie sind eine andere. Ich will noch mal die Richtung überprüfen.« Erneut befragte er sein Talent.

Sie hatten die richtige Richtung eingeschlagen. Die Landschaft wirkte ganz normal: Hohe Bäume funkelten die Eindringlinge an, während kleine ihnen auswichen, so gut es ging. Fruchtfliegen summten umher. Beeren, Kirschen und Pampelmusen trieben unschuldig in der Luft, als suchten sie einen neuen Obstbecher. Zwischen den verschlungenen Büschen erschienen verlockende Pfade, die die Reisenden aus Gewohnheit mieden. In Xanth war der leichteste Weg nur selten auch der beste!

Doch schon bald wurde die Strecke beschwerlicher. Dornensträucher mit scharfen Spitzen und üblem Charakter versperrten ganze Landstriche, während andere Stellen dafür von einem Rudel Ameisenlöwen bewacht wurden. Der nächstgelegene Pfad war von Stinkkraut umsäumt, das einer besonders starken und großen Art angehörte. Sie versuchten, sich ihren Weg hindurchzubahnen, doch der Gestank wurde so entsetzlich, daß wahrscheinlich selbst der Oger den Versuch aufgegeben hätte. Keuchend zogen sie sich zurück.

Sie musterten die Alternativen: Dorngestrüpp und Ameisenlöwen. Bink versuchte, mit seinem Schwert eine Schneise durch die Vegetation zu schlagen, doch bei jedemHieb griffen neue Äste und Zweige nach ihm und bedrohten ihn. Diese Dornensträucher waren ungewöhnlich wachsam, und ihre Dornen schimmerten verdächtig nach Gift. Bink wich zurück und wandte sich dem von Ameisenlöwen beherrschten Teil zu. Die löwenköpfigen Ameisen hatten gute Pfade ins Unterholz geschlagen und alles, was sich ihnen in den Weg gestellt hatte, rücksichtslos ausgemerzt. So waren die Wege völlig frei von Gefahren – bis auf die Ameisenlöwen selbst.

Gemeinsam mit Chester und Crombie konnte er vielleicht ein halbes Dutzend besiegen, aber die Wesen würden ohne die geringste Furcht und Nachsicht gleich zu Dutzenden angreifen. Wieder würde Bink wahrscheinlich wegen seines Talents auf irgendeine unwahrscheinliche Weise ungeschoren davonkommen, doch was war dann mit den anderen?

Er blickte sich um und sah nach oben. Zwischen den Baumwipfeln erkannte er einen Pfad.

Er rieb sich ungläubig die Augen. Ein Pfad, mitten in der Luft? Aber warum eigentlich nicht? Mit Magie war schließlich alles möglich, wie er sich zum x-ten Mal erinnerte. Die Frage war nur, ob Menschen und Halbmenschen ihn auch benutzen konnten und wo er dann hinführte.

Dennoch schien dies der vielversprechendste Weg zu sein. Wenn er auf Chester ritt, würde sein Talent sie nur dann auf den luftigen Pfad lassen, wenn er sie beide tragen konnte. Der Greif, der Magier und der Golem wogen viel weniger, konnten ihnen in einem solchen Fall also auch unbesorgt folgen. »Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden«, sagte Bink.

Sie versuchten es. Sie entdeckten eine Stelle, an der sich der magische Pfad dem Boden näherte, und Grombie stellte fest, daß dieser Highway keine unmittelbare Gefahr bot. Sie kletterten hinauf und folgten ihm empor zu den Baumwipfeln. Das merkwürdigste war, daß der Pfad stets eben zu verlaufen schien, obwohl er zahlreiche Windungen machte. Der Wald drehte sich freilich heftig um sie herum. Manchmal strahlte die Sonne unter ihren Füßen, manchmal seitlich von ihnen, während die Bäume die unmöglichsten Winkelstellungen einnahmen. Bink griff, neugierig geworden, nach dem Stamm eines Baumes, dessen Wurzeln über ihm im Boden verschwanden. Er war wirklich. Natürlich wußte er, daß er es war, der in Wirklichkeit auf dem Kopf stand. Als er sich umblickte, sah er den Greif, der schräg zu ihnen lief, und erkannte, daß es für den Greif, den Magier und den Golem der Zentaur war, der schief ging. Wirklich eine erstaunliche Magie, aber wenigstens harmlos. Vorläufig.

Bink entschied sich, die Aussicht zu genießen. Er sah alles, nicht aus der Menschen- oder Vogelperspektive, sondern aus einem neuartigen Gemisch von beidem. Der Pfad führte sie sicher über das Revier der Ameisenlöwen, aber doch deutlich unterhalb der Flughöhe der Raubvögel. Bink erblickte mehrere kleine Flugdrachen, eine Harpyie und, weit entfernt, einen Rokh, aber keiner davon näherte sich dem Pfad.

Auch die Pflanzen waren ungewöhnlich ruhig. Zwar hingen Constrictortentakel drohend neben dem Pfad herab, doch niemals auf den Pfad selbst. Dieser Weg war offenbar verzaubert, was sehr verdächtig war. Denn für gewöhnlich waren die besten Pfade immer die schlechtesten. Wohin mochte dieser Weg sie nur führen?

Crombies Talent meinte, daß in der vor ihnen liegenden Richtung keine Gefahr lauerte, doch Crombies Talent konnte die Sache auch allzu wörtlich betrachten. Für Bink stellte alles, was seine Suche verzögerte, eine Gefahr dar. Man konnte es sich einfach nicht leisten, fremder Magie zu vertrauen. Es war besser, den Guten Magier zu befragen.

»Natürlich ist der Pfad sicher, Bink«, sagte Humfrey irritiert. »Meinst du, daß ich ihn sonst benutzen würde?«

Dabei hatte Bink seine Frage noch nicht einmal formuliert! Der Magier besaß wirklich eine außergewöhnliche Gabe, auch wenn er sich meistens gruffig weigerte, sie zugunsten anderer anzuwenden, so daß er als Reisegefährte kaum angenehmer war als eine Harpyie. Was nutzte es, einen Magier dabei zu haben, der seine Magie nie einsetzte, um einem die Sache zu erleichtern? Selbst der Böse Magier war stets freigebig eingesprungen, wenn Gefahr drohte –

»Eben, Bink«, meinte Humfrey. »Im Augenblick droht aber keine Gefahr. Wenn sich die Lage ändern sollte, werde ich meine gierig gehortete Magie schon anwenden. Du bist noch jung, du verschwendest deine Kräfte achtlos und kommst dadurch in Schwierigkeiten, die du vermeiden könntest.«

Das geschah ihm recht, wenn er so unvorsichtig war, seine Gedanken frei fließen zu lassen! Bink schwieg im Geiste und ritt weiter. Bald darauf wand sich der Pfad hinab, auf ein hübsches kleines Dorf zu, dessen Häuser mit Stroh und buntem Lehm gedeckt waren. Saubere Gehsteige verbanden die verschiedenen Sehenswürdigkeiten miteinander.

»Fällt dir auch auf«, fragte Chester, »daß die Gebäude ohne Magie erbaut worden sind? Mit rein mundanischem Material?«

»Stimmt«, sagte Bink überrascht. »Wenn wir uns auf einem magischen Pfad der Quelle der Magie nähern, sollte es doch eigentlich noch wesentlich mehr Magie geben als sonst, nicht wahr?« Er drehte sich zu dem Greif um. »Crombie, bist du sicher –«

Crombie krächzte. »Vogelschnabel ist überzeugt davon, daß dies die richtige Richtung ist«, sagte der Golem. »Aber es kann sein, daß das Dorf eine bloße Zwischenstation ist und nicht das eigentliche Ziel.«

Eine alte graue Harpyie flatterte ihnen entgegen, als sie sichdem Ende ihres Pfades näherten. Sie machten sich auf Ärger gefaßt, denn Harpyien waren dafür berüchtigt. Doch obwohl diese gebührend scheußlich aussah, war sie sauber und schien recht friedlich zu sein.

»Willkommen, Wandersleute!« sagte sie, ohne sich auch nur die Mühe zu geben, sie zu beleidigen. Wirklich eine höchst gemäßigte Harpyie!

»Äh, danke«, sagte Bink. »Wir suchen … ein Nachtlager. Wir wollen niemandem etwas Böses.« Er hatte noch nie von einer freundlichen Harpyie gehört, deshalb blieb er auf der Hut, die Hand auf dem Schwertknauf.

»Das sollt ihr haben«, sagte sie. »Ihr seid alle männlichen Geschlechts?«

»Ja«, erwiderte Bink nervös. »Wir suchen die Quelle der Magie. Dein Dorf scheint in der Nähe zu liegen. Wir –«

»Fünf Männer!« sagte die Harpyie. »Was für eine Goldgrube!«

»Wir interessieren uns nicht für eure Frauen«, sagte Chester in gewohnt herausfordernder Manier.

Crombie krächzte. »Nur für das, was an ihnen dran ist«, dolmetschte der Golem.

Chester schürzte die Lippen. Bink mußte sich einschalten, bevor ein neuer Streit entbrannte. »Wir werden euch gern einen Gegendienst erbringen, wenn ihr uns heute nacht beherbergt und uns Kost gewährt. Und morgen können wir ja vielleicht über die Magie –«

»Das müßt ihr mit Trolla aushandeln«, sagte die Harpyie. »Hier entlang, bitte.« Dann flatterte sie davon, wobei sie mit einer abscheulichen Erregtheit »Männer!« murmelte.

»Vielleicht hast du gar nicht so unrecht«, brummte Chester Crombie zu. »Wenn wir hier in ein Harpyiennest gefallen sein sollten …«

»… dann begeben wir uns besser zurück auf den Luftpfad und kehren zurück«, beendete Bink Chesters Satz und blickte sich dabei um.

Doch der Pfad war verschwunden.

Trolla stellte sich als weiblicher Troll heraus. Sie war beinahe so häßlich wie die Harpyie, war aber ebenso erstaunlich höflich und zuvorkommend. »Ich merke, daß ihr beunruhigt seid, ihr attraktiven männlichen Besucher«, sagte

Trolla. »Und ihr habt auch allen Grund dazu. Aber nicht wegen der Bewohner dieses Dorfes. Erlaubt mir, euch das Abendessen zu servieren, während ich euch unsere Lage schildere.«

Trolla klatschte in die hornigen Hände, und mehrere Waldnymphen erschienen mit Tellern. Ihr Haar war grün, ihre Haut braun, ihre Fingernägel rot: ganz wie blühende Bäume. Doch ihre Gestalt war menschlich. Jede von ihnen war eine straffe, geschmeidige, vollbusige und nackte Schönheit. Alle blickten sie Bink und Humfrey mit mehr als nur oberflächlichem Interesse an. »Hunger« wäre wohl das treffendere Wort gewesen.

Das Essen erwies sich als fast vollständig mundanisch: Gemüse und Obst vom Ort und kleine Drachensteaks. Milchkrauthülsen spendeten gute, aber völlig normale Milch.

»Vielleicht habt ihr schon bemerkt, daß wir bei der Zubereitung dieses Essens keinerlei Magie verwendet haben«, sagte Trolla. »Wir benutzen so wenig Magie wie möglich hier, weil es hier mehr Magie gibt als sonst irgendwo auf Xanths Oberfläche. Ich verstehe, wenn ihr das etwas unverständlich findet …«

»Völlig verständlich«, sagte Humfrey und machte sich über ein weiteres Steak her.

Trolla musterte ihn. »Sie müssen ein Magier sein, mein Herr.«

»Hmph.« Er schien sich mehr für das Essen als für ihre Schilderung zu interessieren. Bink wußte, daß das täuschte: Humfrey achtete genauestens auf alles Magische.

»Wenn das der Fall sein sollte – wenn jemand von euch starke Magie besitzen sollte –, dann möchte ich euch davor warnen, sie anzuwenden«, sagte sie. »Versteht mich bitte nicht falsch – das soll keine Drohung sein. Wir möchten nicht, daß ihr euch auch nur im geringsten unwohl fühlt. Es ist nur so, daß alle Magie – ach, gestattet mir, es euch einmal vorzuführen.« Sie klatschte in die Hände, und eine Nymphe trat ein, die ebenso üppig und nackt war wie die anderen. »Bring eine kleine Feuerfliege«, befahl Trolla ihr.

Einen Augenblick später kehrte die Nymphe mit der Feuerfliege zurück. Es war ein sehr kleines Tier, von der Sorte, die kaum mehr als einen harmlosen Funken von sich gab. Sie setzte sich auf den Tisch. Mit ihren zusammengefalteten, flammenfarbenen Flügeln und isolierten Beinen sah sie recht hübsch aus. »So, und jetzt seht mal, was passiert, wenn ich sie erschrecke«, sagte Trolla.

Mit einem hufähnlichen Knöchel klopfte sie auf die Tischplatte. Die Feuerfliege sprang erschrocken auf und gab ihr kurzes Feuer von sich. Ein Lichtblitz, große Hitze – und eine Rauchkugel stieg zur Decke empor. Auf dem Tisch war ein handbreiter verkohlter Fleck zu sehen. Die Feuerfliege selbst war verschwunden.

»Die hat sich ja selbst verbrannt!« rief Chester.

»Das wollte sie gar nicht«, sagte Trolla. »Das war eine ganz normale xanthische Feuerfliege, die nicht an diese Gegend gewöhnt war. Hier, in der Nähe der Quelle, wird ihre Magie hundertfach verstärkt. So wird aus ihrem kleinen Funken ein selbstzerstörerischer Feuerball. Bevor ihr Männer euch hier akklimatisiert habt, solltet ihr eure Magie in diesem Dorf nicht ausüben. Wir schätzen es, euch hier zu haben, und wollen nicht, daß euch irgend etwas zustößt.«

Bink blickte Humfrey an, doch der Gute Magier fuhr mit dem Essen fort. »Äh, keiner von uns besitzt Brennmagie«, sagte Bink. Und doch fragte er sich, was sein Talent wohl tun würde, wenn eine Gefahr drohte. Was immer es vielleicht als rein »zufällige« Verbesserung planen würde, könnte viel schlimmer ausfallen. »Aber es wäre besser, wenn … wenn uns nichts bedrohte.«

»Leider gibt es eine höchst gefährliche Bedrohung für euch«, sagte Trolla ernst. »Weil ihr nämlich männlichen Geschlechts seid. Es ist euch bestimmt schon aufgefallen, daß es in diesem Dorf keine Männer gibt.«

»Das ist uns aufgefallen«, bestätigte Bink. »Eure Nymphen scheinen äußerst fasziniert von uns zu sein.« Tatsächlich drängten sich die Nymphen so nahe an sie, daß Binks Ellenbogen ihnen beim Essen des öfteren leicht in die weichen Mittelpartien stieß.

»Wir haben folgendes Problem«, fuhr Trolla fort. »Eine Sirene hat unsere Männer fortgelockt. Ursprünglich waren wir mal ein ganz gewöhnliches menschliches Dorf, wenn man einmal von unserer besonderen Lage und Aufgabe absieht. Dann kam die Sirene und hat uns unserer Männer beraubt. Weil unsere Arbeit erledigt werden mußte, haben wir unter größten persönlichen Risiken jenen verzauberten Zugangsweg errichtet, den ihr auch entlanggekommen seid, um damit den Zuzug anderer Männer zu erleichtern. Doch auch die neuen Männer wurden uns schon bald wieder genommen. Wir dehnten unsere Suche auch auf nichtmenschliche Wesen aus. Auf diese Weise bin ich selbst zusammen mit meinem Mann, dem Troll, hierhergekommen. Aber die schreckliche Minderung hielt an. Ich war schon bald eine Witwe, und das auf keineswegs natürliche Weise.«

Bink war plötzlich sehr beunruhigt. Manche weiblichen Trolle fraßen ihre Männer auf. Es hieß, daß sich ein Troll nur vor einer Sache fürchtete, nämlich vor seiner Frau – und das aus sehr gutem Grund.

Suchte dieses räuberische weibliche Wesen etwa einen neuen Mann?

»Unser Dorf setzt sich inzwischen aus intelligenten weiblichen Wesen aller Art zusammen«, fuhr Trolla fort. »Außerdem sind da noch ein paar hilfreiche Tiere. Der magische Pfad befördert zwar nur intelligente Lebewesen, aber manchmal stoßen Tiere durch den Dschungel zu uns. Aber die Sirene – das ist die Gefahr, von der ich sprach. Wenn ihr sie auch nur einmal rufen hört, werdet ihr im Wald verschwinden und niemals wieder zurückkehren. Wir würden euch das gerne ersparen, aber wir sind da völlig hilflos, es sei denn, wir greifen zu skrupelloseren Mitteln.«

»Und das wäre?« fragte Bink nervös.

»Wir könnten euch taub machen, damit ihr den Ruf nicht hören könnt«, erklärte Trolla. »Oder euch kastrieren, damit ihr nicht reagiert, wenn –«

»Warum zieht ihr eigentlich nicht aus und erschlagt die Sirene?« fragte Chester.

»Ich würde die Sirene nur zu gern in Stücke reißen und roh verzehren«, erwiderte Trolla. »Aber ich komme nicht an dem Gewirrbaum vorbei. Die Sirene hat mit ihm ein Abkommen geschlossen. Er läßt alle Männer durch, packt dafür aber die Frauen.«

»Dann müßt ihr den Gewirrbaum ausschalten«, meinte Bink. »Wenn die Magie hier so stark ist, wie ihr es uns gezeigt habt, dürfte das nicht allzu schwierig sein. Ein paar Feuerfliegen oder ein paar Handgranatäpfel –«

»Das ist kein gewöhnlicher Gewirrbaum«, sagte Trolla. »Wir haben versucht, ihn zu vernichten, aber obwohl er außerhalb unseres Dorfes liegt, hat er genügend zusätzliche Magie aufgenommen, um unsere Bemühungen zunichte zu machen. Schließlich sind wir ja nur Frauen. Und die Männer kämpfen nicht gegen ihn, wenn sie von der Sirene erst einmal betört worden sind.«

Bink atmete tief durch. »Ich glaube, das ist die Gegenleistung, die wir euch für eure Gastfreundschaft anbieten können. Morgen werden wir den Gewirrbaum umlegen.«

Doch Trolla schüttelte nur traurig den Kopf. »Das ist nett von euch, uns das anzubieten«, sagte sie. »Aber die Sirene wird es nicht zulassen.«

Die Sirene wußte nichts von Binks Talent. Da sowohl sie als auch der Gewirrbaum magische Wesen waren, würde seine Magie ihn vor ihnen schützen. Irgendwie. Aber wenn er an die Komplikationen dachte, die eine verstärkte Magie hier mit sich bringen konnte, war es besser, wenn er es allein versuchte. Er wollte nicht, daß seine Freunde vom ›Rückstoß‹ verletzt wurden.

Vielleicht konnte er sich ja in der Nacht davonstehlen, während die anderen schliefen.

Crombie krächzte. »Alte, was hat dieses Dorf für eine Aufgabe?«

»Wir liegen direkt über dem Quellenflöz der Magie«, antwortete Trolla. »Hier liegt der Ursprung der Magie von Xanth. Der Staub ist magisch stark aufgeladen, und wenn man es zuließe, daß er sich anhäuft, würde der Rest von Xanth nach und nach mundanisch werden, während das Dorf eine tödliche Magie-Konzentration bekäme. Deshalb müssen wir den Staub verteilen, damit ein vernünftiges Gleichgewicht aufrechterhalten werden kann.« Sie blickte sich im Kreis um. »Wir sind wohl alle mit dem Essen fertig. Erlaubt mir, daß ich euch unsere Arbeitsweise vorführe.«

»Hmph«, stimmte Humfrey zu.

Trolla führte sie in ein hohes, zentral gelegenes Gebäude aus mundanischem Gestein. Im Inneren befand sich eine riesige Grube, in der kleine Elfen, Gnome und Feen mit winzigen Schaufeln und Pickeln Sand ausgruben und freischabten.

Diesen luden sie in Wagen, die von weiblichen Zentauren, einer Manticora und einer kleinen Sphinx gezogen wurden. Als Bink sich dem Sand näherte, spürte er, wie seine Haut zu kribbeln begann. Kein Zweifel: Dieser Sand hatte mit starker Magie zu tun! Und doch war es das erste Mal, daß er auf undifferenzierte Magie gestoßen war. Dieser Sand verhängte selber keine Zauber, übte keine Magie aus. Er war einfach Magie, die auf Anleitung und Zielsetzung wartete. Bink war sich nicht ganz sicher, ob er das glauben konnte.

Der Sand wurde in ein anderes Gebäude gebracht, wo drei riesige Hephalumphe ihn ununterbrochen zu feinem Staub zerbliesen. Die Hephalumphe waren wilde Tiere, doch diese schienen gezähmt, wohlversorgt und glücklich zu sein. Dann wurde der Staub von einem gefangenen Vogel Rokh mit gewaltigen Flügelbewegungen zu kleinen Tornados emporgewirbelt.

»Die Technicolor-Hagelstürme!« rief Bink. »Jetzt weiß ich, wo sie herkommen!«

»Genau«, sagte Trolla. »Wir versuchen, den Staub möglichst weit emporzuwirbeln, damit er über ganz Xanth hinweggetragen wird, bevor er hinabfällt, aber wenn irgendwo ein Sturm herrscht, wird er natürlich vorzeitig hinabgerissen. Die Region, die unmittelbar in Windzugrichtung vor uns liegt, ist für intelligentes Leben unbewohnbar, denn die starke Staubkonzentration bringt das ökologische Gleichgewicht durcheinander und führt zum Wahnsinn. Deshalb ist unsere Operation also auch nicht ohne Risiken – aber wir müssen dennoch weitermachen. Wir wären froh, wenn ihr Männer hierbleiben könntet, um unsere Frauen zu ermutigen, aber wir wissen, daß ihr fliehen müßt, bevor die Sirene euch ruft. Leider ist unser Zugangsweg nur in einer Richtung zu beschreiten. Wir waren in letzter Zeit zu sehr beschäftigt, um auch einen Rückweg zu bauen. Ihr könnt nur durch das Gebiet des Wahnsinns entkommen. Aber das ist immer noch besser, als der Sirene zum Opfer zu fallen. Wir werden euch so weit helfen, wie wir nur können, aber –«

»Nicht bevor wir unseren Gegendienst geleistet haben«, sagt Bink. »Wir haben verschiedenste Talente und müßten die Sache eigentlich deichseln können.« Doch innerlich war er nervös. Es fiel ihm schwer, daran zu glauben, daß ausgerechnet sie dort Erfolg haben würden, wo alle anderen Männer bereits gescheitert waren. Außerdem fragte er sich, warum die Quelle der Magie Xanths seit Jahrhunderten unbekannt geblieben war, wenn die Bewohner dieses Dorfes doch die ganze Zeit davon gewußt hatten.

»Wir haben heute abend eine Feier«, sagte Trolla. »Einige von unseren jüngeren Mädchen haben noch nie einen Mann gesehen, und sie haben es sich verdient, euch einmal zu betrachten. Wir werden euch allen vorstellen, und dann überlegen wir, wie wir euch dabei helfen können, der Sirene zu entgehen. Bisher haben wir noch keine Möglichkeit gefunden, ihren Gesang von den Ohren der Männer fernzuhalten, obwohl wir Frauen ihn nicht hören können. Wenn ihr erlaubt, könnten wir euch in Käfige sperren, so daß ihr nicht –«

»Nein!« sagten Bink und Chester mit einer Stimme, und Crombie krächzte.

»Ihr seid echte Mannsbilder, immer bereit, einer Herausforderung die Stirn zu bieten«, sagte Trolla mit trauriger Bewunderung. »Na ja, wir müßten euch sowieso ab und zu mal herauslassen, und dann würde euch die Sirene doch erwischen, also sind die Käfige auch keine echte Lösung. Wir müssen die Sirene loswerden!« Einen Augenblick lang wurde ihr Gesicht von einem Ausdruck wilden Hasses überzogen, wie es für Trolle charakteristisch war. Doch dann milderten sich ihre Züge wieder. »Ich werde euch eure Unterkunft zeigen und euch zur Dämmerung wieder rufen. Seid bitte höflich zu unseren Dorfbewohnerinnen. Eure Anwesenheit stellt ein bedeutendes Ereignis dar, und die Mädchen sind den Umgang mit Männern nicht gewohnt!«

Als sie allein waren, fragte Bink den Magier: »Irgend etwas stimmt hier nicht. Würden Sie mal mit Ihrer Magie versuchen, die Lage richtig einzuschätzen?«

»Muß ich eigentlich alles machen?« fragte Humfrey verärgert.

»Hör mal, Zwergengnom!« bellte Chester ihn an. »Wir haben uns die ganze Zeit den Hintern abgeschuftet, während du bloß faul herumhängst!«

Doch Humfrey blieb ungerührt. »Wenn du die Gegenleistung für deine Bemühungen haben willst – jederzeit!«

Bink entschloß sich, einzugreifen, auch wenn er den Zentauren sehr gut verstehen konnte. Er hatte gar nicht gewußt, daß es so viele Probleme mit sich bringen würde, die Leitung zu übernehmen! »Es sieht so aus, als seien wir am Ziel, an der Quelle der Magie. Aber das war bisher alles viel zu einfach, und die Dorfbewohnerinnen sind viel zu entgegenkommend. Nur Sie können uns sagen, ob wir unsere Suche wirklich beendet haben oder ob wir in eine Männerfalle gelaufen sind. Das ist doch wohl bestimmt ein Anlaß, Ihre Magie anzuwenden, wenn Sie so freundlich sein würden.«

»Ach herrje, also gut!« sagte Humfrey ungnädig. »Verdient habt ihr es nicht, so, wie ihr Beauregard freigesetzt habt. Aber ich werde mal nachsehen.«

Der Magier holte einen Spiegel hervor. »Spieglein, Spieglein in der Hand, bist du der schönste im ganzen Land?« Der Spiegel trübte sich und färbte sich tiefrot. »Herrje, hör auf, rot zu werden!« polterte Humfrey. »War doch bloß ein Versuch!«

Bink konnte sich an einen ähnlichen Spiegel erinnern. Der hatte nur in Bildern geantwortet und meistens auf etwas umständliche Weise. Eine allzu direkte Frage konnte ihn dazu bringen zu zerbrechen.

»Kennst du die Quelle der Magie von Xanth?« fragte der Magier.

Ein lächelnder Säugling erschien im Spiegel. Das bedeutete offensichtlich »Ja«.

»Kannst du mir sagen, wo sich diese Quelle befindet?« Und den anderen murmelte er zu: »Das ist der kritische Punkt. Zu Hause konnte er mir das nie preisgeben, aber hier, mit verstärkter Magie –«

Der Säugling lächelte erneut. Humfrey lächelte ebenfalls, der Sieg schien nahe. »Würdest du mir diesen Ort nennen?«

Wieder ein cherubisches Lächeln. Bink spürte, wie sein Herz klopfte. Er merkte, daß sich der Magier mit äußerster Vorsicht dem Thema näherte. Der Spiegel faßte jede Frage wörtlich auf und bot von sich aus keinerlei Informationen an. Dieses umständliche Vorgehen sorgte dafür, daß der Spiegel nicht von einer allzu plötzlichen Herausforderung überfordert wurde.

»Bitte zeige uns diesen Ort in deinem Spiegel.«

Der Spiegel wurde schwarz.

»Huch!« sagte Bink. »Ist er kaputt?«

Der Spiegel erhellte sich, und ein weinender Säugling erschien.

»Er sagt nein«, fauchte Humfrey. »Seid bitte so freundlich, mir zu gestatten, meine Untersuchung fortzusetzen.« Er wandte sich wieder dem Spiegel zu. »Zeigst du mir einen Ort unter der Erde?«

Der Säugling lächelte.

»Das heißt also, daß du bestätigst, daß die Quelle der Magie sich nicht in diesem Dorf befindet, in dem wir uns gegenwärtig aufhalten?«

Nun erschien ein Fragezeichen auf der Spiegelfläche.

»Willst du mir sagen, daß sich die Quelle der Magie doch in diesem Dorf befindet?« fragte der Gute Magier in scharfem Tonfall.

Wieder erschien das Fragezeichen. »Hm, eine Frage der Entscheidung«, brummte Humfrey. »Der Spiegel kann nicht zwischen mehreren Wahrheiten auswählen. Weiß jemand einen anderen Ansatz?«

»Das ist eine Frage der Perspektive«, meinte Chester. »Wenn der magische Staub die Quelle sein sollte, dann ist es möglich, daß es mehr als nur ein Vorkommen davon gibt. Wahrscheinlicher handelt es sich um einen Kanal, der aus den Tiefen emporführt. Man kann die Quelle auf verschiedenste Weise definieren, je nachdem, ob man dabei an die Quelle an der Oberfläche denkt oder an die Quelle der Quelle.«

»Hm, das ist mal ein Wesen mit einem disziplinierten Verstand«, lobte Humfrey. »Wenn er ihn nur etwas öfter disziplinieren würde, anstatt sich dauernd mit dem Soldaten zu streiten.« Er blickte den Spiegel an. »Stimmt die Analyse des Zentauren?«

Der Säugling lächelte.

»So«, fuhr der Magier fort. »Weißt du um die Absichten dieser Dorfbewohnerinnen?« Als er als Antwort wieder ein Lächeln erhielt, fragte er: »Wollen sie uns Gutes?« Ein bejahendes Lächeln. Bink war erleichtert. »Und hat Trolla die Wahrheit über den Fluch der Sirene gesagt?« Wieder ein Lächeln.

Humfrey blickte auf. »Jetzt wird’s schwierig«, sagte er, offenbar zufrieden. Bink begriff, daß auch dieser Mann es genießen konnte, herausgefordert zu werden. »Bisher haben wir uns bloß bestätigen lassen, was wir bereits wußten. Jetzt begeben wir uns in unbekanntes Gebiet.« Er drehte sich wieder zu dem Spiegel um. »Kannst du uns sagen, wie wir mit dem Problem der Dörflerinnen umgehen sollen?«

Der Cherub lächelte. »Ungewöhnlich gesprächig«, bemerkte Humfrey zu den anderen. »Die Magieverstärkung hier erhöht die Kraft des Spiegels tatsächlich. Jetzt haben wir ein Untersuchungsinstrument erster und nicht mehr bloß zweiter Ordnung zur Verfügung.« Dann wandte er sich wieder dem Spiegel zu. »Wie –«

»Seid ihr Männer fertig?« fragte Trolla, die plötzlich in der Tür stand.

Sie zuckten zusammen. Bink wollte ihr die Lage erklären, als er Humfreys schnelles Kopfschütteln bemerkte. Der Spiegel war verschwunden. Der Gute Magier wollte den Dörflerinnen nicht das Geheimnis seiner Magie verraten, zumindest jetzt noch nicht.

Na ja, immerhin hatten sie bereits eine Menge in Erfahrung gebracht und konnten den Spiegel bei passenderer Gelegenheit immer noch befragen. »Das ist aber ein hübsches Kleid«, sagte Bink zu Trolla. Das war nicht gelogen: Das Kleid war wirklich sehr hübsch, auch wenn sie ein weiblicher Troll blieb. Sie folgten ihr aus dem Gebäude.

Der Mittelplatz des Dorfes war mit unmagischen Mitteln verwandelt worden. Ein echtes Holzfeuer loderte dort, und am Himmel waren bereits die Sterne zu erkennen. Es sah fast so aus, als ob die emporsteigenden Feuerfunken am Himmel zu Sternen wurden. Vielleicht war dem ja sogar so, dachte Bink, bewirkt durch die starke Magie an diesem Ort. Irgendwie mußten die Sterne schließlich nach oben kommen.

Die Dorfbewohnerinnen sahen hübsch aus in ihrer Festkleidung. Es waren wesentlich mehr Jüngere da, als es am Anfang den Anschein gehabt hatte, und nun, da ihre Arbeit beendet war, waren sie mehr als nur begierig, sich unter die fremden Gäste zu mischen. Bink war von Nymphen, Elfen und Mädchen umringt, während Humfrey von Feen, älteren Elfen und Kurtisanen bestürmt wurde. Drei hübsche Zentaurenfüllen kümmerten sich um Chester. Ein paar Greifenkühe beäugten Crombie, doch bei diesem dezidierten Frauenhasser hatten sie kaum eine Chance. Schließlich waren sie ja auch Tiere. Es war sogar ein weiblicher Golem für Grundy dabei.

Doch wie traurig sahen die anderen weiblichen Wesen aus – die Manticora, die Sphinx und die Harpyien! Sie hatten keine Männer, die sie umhegen konnten.

»Ah, Mädchen, ich bin ein verheirateter Mann«, protestierte Bink, als sein Weiberschwarm immer aufdringlicher wurde.

»Sie wird nie davon erfahren«, sagte eine vollbusige Holde mit blauer Mähne. »Wir brauchen dich mehr als sie.« Und sie gab ihm einen festen Kuß aufs linke Auge – die einzige Stelle, die sie bei der Mädchendichte erreichen konnte.

»Ja, kein Mann verläßt dieses Dorf, außer wenn diese singende Schickse ruft«, ergänzte eine pelzige Schönheit. »Es ist unsere Pflicht, dich hierzubehalten, um dein Leben zu retten. Deiner Frau wäre es doch wohl auch lieber, wenn du am Leben bliebst als zu sterben, oder?«

Eine verzwickte Frage! Wie würde Chamäleon wirklich darauf reagieren? In ihrer schönen, dummen Phase würde sie verletzt, verwirrt und verzeihend sein. In ihrer häßlichen, klugen Phase würde sie die Situation erfassen und realistisch sein. Sie würde also hinnehmen, was hingenommen werden mußte, und würde ihn sicherlich nicht sterben sehen wollen. Aber trotzdem – wenn er sich nun gar nicht mit ihnen vergnügen wollte –

Da wurde er abgelenkt. Es war ein schwacher, gespenstischer, aber irgendwie höchst betörender Klang.

Er versuchte, dem Klang zu lauschen, aber der Lärm der Mädchen übertönte ihn fast gänzlich. »Bitte, ich will mal horchen – da ist eine Melodie –«

»Das ist die Sirene!« kreischte eine Fee. »Singt, Mädchen,singt! Übertönt das Aas!«

Sie sangen, laut, leidenschaftlich und schräg. Dennoch war diese unterschwellige Melodie durch den ganzen Lärm zu hören und zwang Bink, darauf zuzugehen.

Sofort hielten die Mädchen ihn zurück. Sie umarmten ihn heftig, zerrten ihn zu Boden und bedeckten ihn mit ihren weichen Leibern. Bink ging in einem wahren Meer von Armen, Beinen, Brüsten und verschiedensten anderen Teilen weiblicher Anatomie unter, die zu benennen er sich lieber nicht die Mühe machte.

Die Mädchen meinten es gut – aber der Ruf der Sirene ließ sich damit nicht aus der Welt schaffen. Bink wehrte sich und sah um sich herum, wie seine männlichen Gefährten sich ebenfalls heftig zur Wehr setzten. Bink war stärker als alle Nymphen, denn es waren zarte, hübsche Wesen. Er wollte ihnen nicht wehtun. Und doch mußte er sich aus ihrer geradezu erstickenden Umklammerung befreien. Er schob sie beiseite, riß ihre Hände los und gelangte unter großem Geschrei und Gequieke schließlich wieder auf die Beine.

Chester, Crombie und der Magier schlossen sich ihm an. Alle waren sie von dem betörenden Gesang gefangen. »Nein, nicht!« rief Trolla verzweifelt hinter ihnen. »Ihr lauft in den sicheren Tod! Was seid ihr eigentlich, zivilisierte Männer oder geistlose Wesen?«

Diese Bemerkung bekümmerte Bink. Was sollte er mit einer magischen Verführerin? Und doch konnte er der Sirene nicht widerstehen. Ihr Ruf hatte etwas Unirdisches an sich, das die tiefsten Urwurzeln seiner Männlichkeit ansprach, tief unterhalb

der Schicht seines Intellekts. Er war männlichen Geschlechts, deshalb mußte er einfach darauf reagieren.

»Laßt sie gehen, sie sind verloren«, sagte Trolla verzweifelt. »Wir haben es versucht, wie wir es stets versucht haben – und sind gescheitert.«

Obwohl er bereits im Banne der Sirene stand, empfand Bink tiefes Mitgefühl für Trolla und die Mädchen. Sie hatten Leben und Liebe zu bieten und waren doch dazu verdammt, stets abgewiesen zu werden. Ihre positive Ausrichtung konnte dem negativen Zwang der Sirene nicht die Stirn bieten. Die Dörflerinnen waren ebenso verdammt wie die Männer! Lag es vielleicht daran, daß es nette Mädchen waren, die nur versprachen, was sie auch halten konnten, während die Sirene keiner solchen Einschränkung unterlag?

Crombie krächzte. »So, wie alle Weiber immer scheitern!« übersetzte Grundy. »Aber warum wir uns mit dem Ruf dieses Aases abgeben sollen –« Der Greif zuckte mit den Schwingen und flog weiter.

Spürte sogar der Golem den Zauber! Offenbar, denn er weigerte sich nicht, mitzugehen.

Sie liefen einen Pfad entlang, der sich auf magische Weise vor ihnen öffnete. Es war ein vollkommener Pfad, genau wie die Pfade, die meistens zu irgend etwas Riesigem, Räuberischem und Ortsgebundenem führten – zum Beispiel zu einem Gewirrbaum. Doch dieser Gewirrbaum würde sie nicht angreifen, weil sie Männer waren, die im Banne der Sirene standen. Nein, umbringen würde sie die Sirene, und das auf ihre Weise.

Welche Weise würde das wohl sein, fragte sich Bink. Er konnte es sich nicht so recht vorstellen, aber der Gedanke hatte etwas entsetzlich Faszinierendes an sich. »Was für ein Tod!« hauchte er.

Da erblickten sie den Baum. Er war ungewöhnlich groß, und seine herabhängenden Tentakel waren so dick wie Männerbeine, extrem lang und äußerst gelenkig. Betörende Düfte umgaben ihn und ließen ihn als sehr begehrenswert erscheinen. Von seinem Blattwerk ging sanfte Musik aus, zwar kein Sirenenruf, aber doch sehr hübsch: die Art von Musik, die einen dazu bewegen konnte, sich hinzulegen, ihr zu lauschen und sich zu entspannen.

Doch niemand, der mit der Wildnis von Xanth vertraut war, ließ sich davon täuschen. Dies war eines der tödlichsten Lebewesen überhaupt. Nicht einmal Drachen wagten sich in die Nähe von Gewirrbäumen!

Der Pfad führte direkt unter dem Baum her, wo die Tentakel sich teilten und weiches Gras wuchs. Doch an anderen Stellen häuften sich verblichene Knochen – die Überbleibsel früherer Beute des Baumes. Wohlgeformte weibliche Knochen, dachte Bink und bekam wieder ein schlechtes Gewissen.

Doch die Sirene rief sie unentwegt weiter, und sie gehorchten. Sie schritten im Gänsemarsch einher, weil der Pfad unter dem Baum sehr eng war. Chester galoppierte als erster voran, dann folgte Crombie, denn die beiden waren die schnellsten. Bink und der Magier folgten so schnell sie konnten. Sie hatten keine Gelegenheit gehabt, ihre Reittiere zu besteigen.

Chester blieb unter dem schrecklichen Baum stehen, und die Tentakel zuckten vor Erregung, packten aber nicht zu. Es stimmte also: Der Sirenengesang neutralisierte den Greifreflex des Baumes! Die ferne Musik war lauter und noch betörender geworden. Es war, als ob der Sex-Appeal sämtlicher Frauen auf einmal –

Der Greif hielt plötzlich vor Bink inne. »Skwaak!« rief Crombie. »Was mache ich eigentlich hier?« übersetzte der

Golem, der für seine kurzen Beine erstaunlich gut Schritt hielt, von hinten. »Diese Sirene ist doch nur wieder so ein verdammtes, hinterlistiges Weibsbild, das es auf mein Blut abgesehen hat!«

Das stimmte zwar haargenau, doch die anderen ignorierten ihn. Natürlich war die Sirene ein hinterlistiges Weibsbild, das Weibsbild schlechthin sogar! Aber was änderte das schon? Man mußte ihrem Ruf folgen!

Doch der Frauenhasser hatte es darauf angelegt, Schwierigkeiten zu machen. »Sie versucht, mich einzufangen!« krächzte er. »Alle Frauen sind Fallen! Sollen sie doch zur Hölle fahren!« Und er pickte heftig auf den nächsten Gegenstand ein, der sich ihm bot – zufällig einen schlanken Tentakel des Baumes.

Von einem anderen Vogel wäre dieses Picken allenfalls eine kleinere Belästigung gewesen. Crombie war jedoch ein Greif. Sein Schnabel war messerscharf und stark wie ein Schraubstock, eine Waffe, die einem ausgewachsenen Mann mit einem einzigen Biß das Bein am Knöchel hätte abtrennen können. Der fragliche Tentakel hatte ungefähr den Durchmesser eines Knöchels, und der Biß durchtrennte ihn säuberlich. Das abgebissene Ende fiel zu Boden und wand sich wie eine kopflose grüne Schlange.

Einen Augenblick lang erstarrte der Baum vor Entsetzen. Das gab es doch gar nicht! Niemand wagte es, einen Gewirrbaum anzubeißen! Der obere Teil des Tentakels gab eine dunkle Flüssigkeit von sich, während er umherschwenkte, als suche er sein Endstück. Die sanfte Hintergrundmusik wurde säuerlich.

»Ich glaube, das Abkommen ist verletzt worden«, sagte Bink. Doch es war ihm nicht wirklich wichtig, denn der Klang der Sirene verhieß ihm wesentlich Schöneres. »Los, Crombie, beweg dich! Du versperrst mir den Weg!«

Doch dem Soldaten war mit Vernunft offenbar nicht beizukommen. »Skwaak! Skwaak! Skwaak!« rief er, und bevor Grundy seine Schreie übersetzen konnte, hatte er auch schon einen weiteren Tentakel abgebissen und noch einen dritten.

Der Baum erschauerte. Dann reagierte er wütend: Seine Musik wurde zu einem ohrenbetäubenden Wutgebrüll, und seine Tentakel griffen nach dem Greif – und nach dem Zentauren, dem Mann und dem Magier.

»Jetzt hast du’s geschafft, Spatzenhirn!« schrie Chester und übertönte den Lärm. Er packte den nächsten Tentakel wie der Oger den Holzscheit und wrang ihn aus. So fest sie auch zupacken konnten, konnten sich die Tentakel nur unzulänglich gegen Druck und Schnitte wehren, so daß sie im Nu zerquetscht und nicht mehr zu gebrauchen waren.

Plötzlich übertönte das Wutgetöse des Baumes den Sirenenruf, und sie kämpften um ihr nacktes Leben. Bink zog sein Schwert und hieb auf die Tentakel ein. Crombie pickte und kratzte, und all seine vier Beine waren in wütender Aktion. Wo er die Tentakel traf, zeigten sich gewaltige Schnitt- und Rißwunden, und eine grüne Flüssigkeit tropfte herab, doch es kamen immer mehr Tentakel auf sie zu.

Chester lehnte sich mit seiner Hinterpartie gegen den Stamm und feuerte einen Pfeil nach dem anderen ins Dickicht über ihren Köpfen ab, wo er die Tentakel lähmte, doch –

»Nein, Chester, nicht!« schrie Bink. »Weg vom –«

Zu spät. Das riesige Maul des Baumes öffnete sich im Stamm, die Rindenlippen stülpten sich vor, um das beeindruckende Hinterteil des Zentauren zu ergreifen.

Bink sprang seinem Freund zu Hilfe. Doch ein Tentakel erwischte ihn am Knöchel und ließ ihn stürzen. Er konnte nur noch schreien: »Austreten, Chester! Austreten!« Dann war er auch schon von Tentakeln umschlungen, die ebenso fest und rund und nachgiebig waren wie die Gliedmaßen der Dorfmädchen, aber nicht halb so angenehm. Sein Schwertarm war gefesselt, und er konnte nur noch zubeißen, was aber kaum Wirkung erzielte. Dieser grüne Saft schmeckte außerdem abscheulich.

Chester trat aus. Der Tritt eines Zentauren war eine kräftige Sache. Er senkte Kopf und Schultern, um ein Gleichgewicht zu schaffen, und trat mit aller Kraft mit beiden Hinterhufen aus. Die Hufe trafen das Mark des Baumes, voll in seinen hölzernen Schlund, und der Aufprall ließ den Boden beben. Ein paar alte Knochen fielen scheppernd aus dem Tentakeldach herab. Doch das hölzerne Maul ließ nicht locker. Klebrige Säfte wurden ausgespien, um das köstliche Fleisch des Zentauren zu verdauen.

Chester trat wieder und wieder heftig aus. Selbst ein Raubbaum konnte so etwas nicht allzu lange aushalten. Normalerweise war seine Beute bereits bewußtlos oder hilflos, wenn er daranging, sie zu verspeisen, und wehrte sich nicht mit heftigen Tritten. Langsam und zögernd ließ die Rinde los, und der Zentaur war wieder frei. Sein einst so schönes Hinterteil war vom Speichelsirup verfärbt, und ein Huf war beim Aufprall gespalten worden, aber wenigstens lebte er. Nun zog er sein Schwert und machte sich über die Tentakel her, die Bink langsam und genüßlich zu ersticken drohten.

Der Magier Humfrey hatte seine eigenen Probleme. Er versuchte, eines seiner Fläschchen zu entkorken, doch die Tentakel waren schneller als der Korken. Der Baum war im Begriff, sie alle zu überwältigen!

Crombie hatte sich inzwischen bis an den Rand durchgebissen und -gekratzt. Plötzlich stürzte er hinaus. »Ich bin frei, du Gemüsemonster!« krächzte er jubelnd. »Ich wette, du bist auch so ein Weibsbild!« Jetzt wurde er aber wirklich beleidigend! Der Golem war wieder aufgestiegen und stand deshalb für das Simultandolmetschen zur Verfügung. »Mich kriegst du nicht!«

Das stimmte, denn der Baum war fest verwurzelt. Crombie breitete die Flügel aus und flog davon.

Aber was war mit den anderen? Als habe ihn dieser Verlust noch weiter gereizt, konzentrierte sich der Baum auf seine verbliebenen Opfer. Wie Pythonschlangen peitschten die Tentakel ihre Gegner, umschlangen sie immer fester. Chester versuchte, Bink zu helfen, aber er wollte es nicht riskieren, zu nahe neben ihm zuzuschlagen, weil er ihn sonst womöglich zusammen mit einem Tentakel durchtrennt hätte. Bink, der nun dem Stamm am nächsten war, merkte, wie er mit dem Kopf zuerst auf die schaurige Öffnung zugezogen wurde.

Endlich bekam Humfrey sein Fläschchen auf. Rauch trat hervor, dehnte sich aus, verdichtete sich – und wurde zu einem scharf gewürzten Käsekuchen.

»Verflucht!« schrie der Magier. »Die falsche Flasche!«

Chester gab dem Käsekuchen einen Tritt. Der rutschte über den Boden – direkt in das sabbernde Maul des Baumes. Die Rindenlippen schlossen sich. Er hätte gar nicht besser treffen können, wenn er es bewußt versucht hätte.

Der Baum bekam einen Hustenanfall, gefolgt von einem holzigen Nieser. Große Käsebrocken spritzten aus seiner Öffnung.

»Der ist wirklich ein bißchen sehr pikant gewürzt«, meinte Humfrey, während er nach einer weiteren Flasche suchte.

Nun befand sich Binks Kopf bereits unmittelbar vor der Öffnung. Die Rinde verzog und verkrampfte sich, um den Geschmack des gewürzten Käsekuchens wieder loszuwerden. Dieses Ungeheuer liebte Fleisch, aber keine Milchprodukte.

Sirup tropfte von den zahnähnlichen Knoten herab und reinigte das Maul. Es konnte nur noch einen Augenblick dauern, dann würde der Baum bereit sein, Bink zu verschlingen.

Chester versuchte noch immer, Bink zu befreien, aber drei Tentakel hatten sich um seinen Schwertarm gewickelt, und auch seine anderen Extremitäten wurden langsam, aber sicher eingefangen. »Und dieser feige Soldat ist verduftet!« grunzte er beim Kämpfen. »Wenn ich den jemals zwischen die Hände kriege –« Er wrang einen weiteren Tentakel aus, bevor sein freier Arm umschlungen wurde.

Humfrey hatte ein weiteres Fläschchen geöffnet. Der Dampf entwich – und wurde zu einer Vampirfledermaus. Das Wesen blickte um sich, erfaßte die Lage, quiekte entsetzt auf, schwor allem Blut ab und flatterte davon. Mit einer lässigen Bewegung wurde es von einem Tentakel zu Boden geschleudert. Der Baum bekam langsam wirklich die Oberhand!

Endlich waren auch die letzten Käsereste beseitigt. Die Öffnung wurde geschäftsbereit wieder aufgerissen, und Bink war der Kunde. Er erblickte die Knotenreihen, die als Zähne dienten, und auch den triefenden Sirupspeichel. Aus den Rachenwänden ragten Fasern wie winzige Tentakel hervor, bereit, die Körpersäfte des Opfers aufzunehmen. Plötzlich wurde ihm klar: Der Gewirrbaum war mit dem fleischfressenden Gras verwandt! Wenn man einem solchen Grasflecken einen Stamm und Tentakel hinzufügte –

Humfrey hatte ein weiteres Fläschchen geöffnet. Diesmal bildete sich ein Basilisk, der mit seinen kleinen Flügeln flatterte und unheildrohend umherblickte. Bink schloß die Augen, um seinem Blick auszuweichen, und Chester tat dasselbe. Kein Wesen Xanths konnte es wagen, diesem kleinen Drachenhahn ins Auge zu schauen!

Bink hörte das Flattern, als der Basilisk in das Baummaul hineinflog – und innehielt. Doch nichts geschah. Vorsichtig öffnete Bink ein Auge. Der Baum lebte immer noch, der Basilisk hatte ihn nicht mit einem Blick vernichtet.

»Ach so, ein falscher Basilisk!« sagte Bink enttäuscht.

»Irgendwo habe ich ein ausgezeichnetes Mittel gegen Greifer«, beharrte Humfrey, der immer noch seine Flaschen durchging. Wann immer sich ein Tentakel zu weit näherte, betäubte er ihn mit einer magischen Geste. Bink hatte gar nicht gewußt, daß es überhaupt solche magischen Gesten gab – aber natürlich war er ja auch kein Wissensmagier. »Sie sind alle durcheinander –«

Die Tentakel führten Bink in das Maul ein. Der Aasgeruch wurde immer stärker. Hilflos starrte er in sein eigenes

Verhängnis hinab.

»Skwaak!« erscholl es hinter dem Baum. »Attacke!«

Crombie war zurückgekehrt! Aber was wollte er allein schon ausrichten?

Nun hörten sie Fußgetrappel. Der Gewirrbaum erschauerte. Plötzlich roch es nach Qualm und verbrennenden Pflanzen. Aus einem Augenwinkel sah Bink ein flackerndes orangefarbenes Licht, wie ein tobender Waldbrand.

Fackeln! Crombie hatte die Frauen aus dem Dorf des Magischen Staubes rekrutiert, und nun griffen sie die Tentakel mit brennenden Scheiten an.

Welch eine tapfere Tat!

Nun mußte sich der Greifer mit einer überlegenen Macht auseinandersetzen. Er ließ Bink fahren, um seine Tentakel zur Verteidigung frei zu haben. Bink sah, wie eine hübsche Nymphe ergriffen und in die Luft emporgehoben wurde. Schreiend ließ sie ihre Fackel fallen.

»Skwaak! Skwaak!« befahl Crombie, und man eilte der Gefangenen zu Hilfe, indem man sie mit einer Feuerwand abschirmte. Sie versengten weitere Tentakel, und der Baum ließ die Nymphe fallen.

Bink fand sein Schwert wieder und hackte von innen auf den Tentakelvorhang ein. Da sich der Baum jetzt auf die Bedrohung von außen konzentrierte, war er von innen angreifbarer geworden. Mit jedem Hieb schlug Bink einen weiteren Tentakel ab.

»Skwaak!« rief Crombie. »Rauskommen!« übersetzte der Golem.

Das leuchtete ein. Wenn sich der Baum wieder seinem Innenraum zuwenden sollte, waren Bink, Chester und Humfrey erneut in der Klemme. Besser, hier zu verschwinden, solange es noch ging!

Kurz darauf standen sie neben dem Greif. »Skwaak!« schrie Crombie. »Laßt uns dieses Ungeheuer endlich erledigen!« rief Grundy.

Die Frauen machten sich verbissen ans Werk. Es waren ungefähr fünfzig, die den Baum umzingelten, mit ihren Fackeln die angreifenden Tentakel versengten und zurückschlugen. Sie hätten dem Baum jederzeit den Garaus machen können, anstatt sich von ihm jahrelang terrorisieren zu lassen – wenn sie männliche Anleitung und Initiative gehabt hätten. Es lag eine gehörige Ironie in der Tatsache, daß ausgerechnet der Frauenhasser Crombie dies bewerkstelligt hatte!

Aber andererseits war das auch nur gerecht: Crombies Verfolgungswahn hinsichtlich Frauen und ihrer Absichten hatte ihn dazu gebracht, dem Ruf der Sirene zu widerstehen und ihren Zauber zu brechen. Nun benutzte er diese Frauen auf eine Weise, wie es nur ein Soldat tun konnte: als Kanonenfutter.

Der Baum schrumpfte immer mehr zusammen, die Hälfte seiner schrecklichen Gliedmaßen war inzwischen entweder abgehauen oder gelähmt. Es würde noch eine Weile dauern, bis er tot war, aber der Sieg schien sicher. Dank Crombie und den tapferen Dörflerinnen.

»Wißt ihr, solche Frauen könnte ich glatt noch ernst nehmen«, murmelte Crombie, als er eine Pause einlegte, um die Aufräumarbeiten zu beobachten. »Sie gehorchen gut und kämpfen so verdammt effektiv wie Männer, was –« Er stockte mitten im Krächzen und lauschte.

Dann hörte Bink erneut den Sirenengesang. O nein! Er versuchte, ihm zu widerstehen – doch ohne Erfolg.

Schweigend schlossen sich seine Gefährten ihm an und machten sich auf den Weg. Die kämpfenden Dörflerinnen bemerkten es nicht.