8

Verrückte Konstellationen

 

Bink gehorchte einem Ruf der Natur – nicht der Magie – und blieb stehen, als er einen Holzklumpen erspähte, der so dunkel und moosüberwachsen war, daß er wie ein großer Stein aussah. So etwas konnte sich als nützlich erweisen, falls sie in der Nacht von einem Ungeheuer angegriffen wurden. Das Holz schien gerade die richtige Größe für ein Wurfgeschoß zu haben. Er kniete nieder, um es aufzuheben – und hielt inne für den Fall, daß es verzaubert war. Doch sein Talent würde ihn schon schützen. Sollte das Holzstück gefährlich sein, würde er es nicht berühren können.

Er hob es auf und bemerkte seine Maserung: braun, grün und weiß und absolut faszinierend. Für Holz war das Stück erstaunlich hart und schwer. Er fragte sich, ob es in Wasser wohl untergehen würde. Er spürte ein Prickeln in der Hand. Es war etwas Magisches an dem Ding, etwas Seltsames, Starkes. Er spürte, wie sein Talent das Ding abschätzte, genau wie damals, als er aus dem Lebensborn getrunken hatte. Wieder umhüllte seine Magie die des anderen Gegenstandes und nahm sie ohne Probleme auf. Binks Talent hatte Magier-Format. Er spürte es fast nur, wenn es auf starke oder komplizierte Gegenmagie traf.

Aber ein Stück Holz?

Er trug den Klumpen in ihr provisorisches Lager. »Ich weiß zwar nicht, was es ist, aber es scheint eine starke Magie zu besitzen. Es kann uns vielleicht nützlich werden.«

Chester nahm den Klumpen in die Hand. »Holz, ungewöhnlich, haltbar. Das könnte von einem sehr sehr großen alten Baum stammen. Ich kann die Holzart nicht bestimmen; das macht es sehr ungewöhnlich. Vielleicht könntest du ja noch ein Stück Rinde finden –«

Crombie krächzte. »Gib schon her, Pferdefratze! Ich hab’ schon eine Menge Holz zu sehen bekommen in meinem Leben.«

Chester versteifte sich nur leise. »Aber immer, Vogelschnabel.«

Crombie hielt den Klumpen mit einer Klaue und musterte ihn eindringlich.

»Skwaak! Komisch.«

»Ja«, meinte Bink. »Aber bevor du dich allzu sehr darin vertiefst, könntest du uns noch zeigen, wo wir am schnellsten Nahrung herbekommen. Wir können ja beim Essen darüber nachdenken.«

Crombie wirbelte hilfsbereit herum und zeigte in eine bestimmte Richtung. Bink folgte mit seinem Blick und entdeckte einen großen, leuchtenden Pilz ganz in der Nähe. »Das muß es sein. Ich habe zwar noch nie einen Leuchter gegessen, aber dein Talent irrt sich ja nie.« Er schritt zu dem Pilz, bückte sich und brach ein Stück ab. Der Pilz war fest und trocken, im Inneren fahl, und verströmte einen angenehmen Duft.

»Skwaak!« beschwerte Crombie sich bei dem Zentauren. »Ich bin damit noch nicht fertig!«

»Du hast es lange genug angestarrt, Bussardhirn!« sagte Chester. »Jetzt bin ich dran.«

Bink mußte zurücklaufen, um ihrem Streit Einhalt zu gebieten. Das Problem bei kämpferischen Wesen war, daß sie auch zum Kämpfen neigten! Nicht einmal zum Essenholen durfte er ihnen den Rücken kehren. »Jetzt ist der Magier an der Reihe!« rief er. »Vielleicht kann der das Ding ja bestimmen?« Er nahm das Holz und brachte es Humfrey. »Mein Herr, wenn Sie doch bitte einmal dieses seltene Exemplar bestimmen würden –«

Er hatte die magischen Worte benutzt! Der Magier richtete seine Aufmerksamkeit auf ihn, starrte und zuckte zusammen. »Das ist ein Blauer Leidenspilz! Schmeiß ihn weg!«

Hoppla! Bink hatte die falsche Hand ausgestreckt und Humfrey den Pilz unter die Nase gehalten. »Entschuldigung. Ich wollte Ihnen eigentlich dieses Stück Holz zeigen und nicht –« Er stockte. »Ist der Pilz etwa giftig?«

»Seine Magie wird deinen ganzen Körper blau färben. Danach schmilzt du zu einer blauen Pfütze, die überall, wo sie in den Boden einsickert, alles pflanzliche Leben vernichtet«, versicherte Humfrey ihm.

»Aber Crombie hat ihn doch als sicher ausgewiesen!«

»Lächerlich! Man kann ihn ruhig anfassen, aber es ist so ziemlich das Unsicherste, was man überhaupt essen kann. Zu Zeiten der bösen alten Einwandererwellen hat man Leute damit hingerichtet.«

Bink ließ den Pilz fallen. »Crombie, hast du nicht –« Er unterbrach sich selbst nachdenklich. »Crombie, zeigst du uns mal das Schlimmste, was wir überhaupt essen könnten?«

Der Greif zuckte die Schultern und zeigte direkt auf den Pilz.

»Du Vollidiot!« schrie Chester den Greif an. »Sind die Federn in deinem Gehirn jetzt verfault? Du hast ihn gerade noch als sicher angezeigt!«

Crombie krächzte wütend. »Bink muß das Falsche aufgehoben haben. Mein Talent irrt sich nie.«

Humfrey untersuchte gerade das Holzstück. »Crombies Talent irrt sich ständig«, bemerkte er zerstreut. »Deshalb verlasse ich mich auch nie darauf.«

Da war selbst Chester erstaunt. »Magier, ich weiß ja, daß mit dem Soldaten kein Staat zu machen ist, aber sein Talent ist meistens ganz zuverlässig.«

Crombie krächzte empört.

»Mag sein. Ich weiß nicht.« Der Magier zeigte auf eine vorbeifliegende Schweißfliege. »Was ist das denn?« »Wie, Sie erkennen nicht einmal eine gewöhnliche Schweißfliege?« fragte Bink erstaunt. »Gerade eben haben Sie doch die abwegigsten Insekten bestimmt und sogar neue Arten entdeckt!« Humfrey furchte die Stirn. »Warum hätte ich das tun sollen? Ich verstehe doch überhaupt nichts von Insekten.« – Bink und die anderen blickten sich an. »Erst Crombie und jetzt der Magier«, murmelte Chester. »Das muß der Wahnsinn sein.« »Aber der müßte uns doch alle packen, oder?« fragte Bink besorgt. »Das erscheint mir mehr wie ein Irrlauf der Talente. Crombie hat die schlechteste Nahrung angezeigt, anstatt uns die beste zu zeigen, und Humfrey hat von Wissen auf Unwissen umgeschaltet –«

»Und zwar genau dann, als er das Stück Holz in die Hand bekam«, warf Chester ein.

»Stimmt. Wir nehmen ihm besser das Holz ab.«

»Ja«, sagte Chester und trat auf Humfrey zu.

»Nein, laß mich das bitte tun«, sagte Bink, der davon überzeugt war, daß sein Talent damit am besten zurechtkommen würde. Er näherte sich Humfrey und sagte: »Entschuldigung, mein Herr.« Sanft nahm er dem Magier das Holz ab.

»Warum beeinflußt es dich nicht, Bink?« fragte der Zentaur. »Oder mich?«

»Dich beeinflußt es doch, Zentaur«, sagte Humfrey. »Aber weil du dein Talent nicht kennst, siehst du auch nicht, wie es in sein Gegenteil verkehrt wird. Was Bink angeht – der ist ein Sonderfall.«

Der Gute Magier war also wieder in Form. »Dann kehrt … dieses Holz Magie um?« fragte Bink.

»Mehr oder weniger. Zumindest ändert es die Richtung aktiver Magie. Ich bezweifle, daß es die Greifkuh oder die Steinmänner wieder herstellen kann, falls du daran denken solltest. Diese Zauber sind inzwischen passiv. Nur eine völlige Unterbrechung aller Magie könnte sie zunichte machen.«

»Ah ja«, sagte Bink unsicher.

»Was bist du denn für ein Sonderfall?« fragte Chester ihn. »Du betreibst doch gar keine Magie.«

»Man könnte sagen, daß ich immun dagegen bin«, sagte Bink vorsichtig und wunderte sich, wieso sein Talent sich anscheinend nicht mehr vor dem Entdeckt werden schützte.

Dann blickte er das Holz in seiner Hand an. War er wirklich immun dagegen?

Er ließ das Holz fallen. »Skwaak!« sagte Crombie. »Deshalb hat mein Talent also versagt! Das Holz ließ mich … mphmf skwaak kreisch –«

Der Golem war zu dem Holz geschlendert, und seinÜbersetzungstalent war ausgeschaltet worden. Bink hob Grundy sanft von dem Holz empor.

»… von dem, was ich vorhatte«, fuhr der Golem fort, der sich des Wechsels überhaupt nicht bewußt war. »Es ist gefährlich!«

»Das ist es gewiß«, sagte Bink und schleuderte das Holz mit einem Tritt davon.

Chester war jedoch nicht beruhigt. »Das bedeutet, daß wir nur aus Zufall Mist gebaut haben. Den Wahnsinn haben wir also erst noch vor uns.«

Crombie ortete das nächstgelegene sichere Essen, diesmal mit Erfolg. Es war ein hübscher Keksbusch, der im fruchtbaren Boden neben den Knochen wuchs. Sie aßen Schokoladensplitterkekse. Eine nahegelegene Wasserkastanie versorgte sie reichlich mit Wasser: Man mußte die frischen Kastanien einfach nur abpflücken und anbohren, bis das Wasser herauslief.

Als Bink vor sich hin kaute, fiel sein Blick erneut auf einen Erdhaufen. Diesmal hob er ihn sorgfältig mit einem Stock hoch, fand darunter jedoch nur loses Erdreich. »Ich glaube, die Dinger verfolgen mich«, sagte er. »Aber wozu? Die tun doch gar nichts, sondern hocken einfach nur da.«

»Ich werd’ mir morgen früh mal einen ansehen«, sagte der Magier, dessen Neugier mittelmäßig erweckt worden war.

Schließlich schlugen sie ihr Lager unter den Knochen auf. Bink legte sich auf ein Kissen aus Schwamm-Moos, das sich unter dem Skelett befand – er hatte es zuvor sorgfältig überprüft –, und sah zu, wie die Sterne herauskamen. Es war doch nicht so schlecht, im Freien zu lagern!

Zuerst blinzelten die Sterne einfach nur als winzige Lichtpunkte zwischen den Stäben ihres Knochengitterkäfigs hervor, doch schon bald erkannte Bink einzelne Muster: die Sternbilder. Er kannte sich mit Sternen nicht aus, weil Xanth bei Nacht nicht sicher war. Er hatte die Nacht stets in Gebäuden verbracht, und wenn sie ihn im Freien überrascht hatte, hatte er sich beeilt, ein schützendes Dach zu finden. Deshalb fand er die Landschaft des Nachthimmels äußerst faszinierend. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte er stets geglaubt, daß die Sterne regelmäßig über den Himmel verteilt seien und auch alle gleich hell leuchteten. Doch nun zeigte sich, daß es ganz anders war. Sie ergaben sogar Muster, deren Linien er gedanklich nachzog: Da war ein Männerkopf, dort eine gewundene Linie wie eine Schlange und ein Knubbel mit Tentakeln wie ein Gewirrbaum. Als er sich darauf konzentrierte, verfestigten sich die Muster und wurden immer deutlicher und überzeugender.

»He, da ist ja ein Zentaur!« rief Bink.

»Natürlich«, sagte Chester. »Das ist eine der ganz bekannten Konstellationen, schon seit Jahrhunderten.«

»Aber er sieht lebendig aus! Ich meine, ich hätte geschworen, daß er sich bewegt hat.«

»Nein, die Sternbilder bewegen sich nicht. Nicht so. Sie –« Chester hielt inne.

»Er hat sich tatsächlich bewegt!« rief Bink. »Sein Arm, als wollte er einen Pfeil aus seiner Tasche holen –«

»Aus seinem Köcher«, berichtigte ihn Chester. »Das ist aber seltsam. Wahrscheinlich atmosphärische Störungen.«

»Oder Luft, die sich bewegt«, sagte Bink.

Chester schnaubte. Sie sahen zu, wie der Zentaur am Himmel seinen Pfeil hervorholte, ihn einlegte und Ausschau nach einem Ziel hielt. Es war zwar ein Schwan in Sichtweite, aber das war ein sehr großer, zahmer Vogel, der zum Jagen ungeeignet war. Auch ein Fuchs war zu sehen, doch der suchte plötzlich Schutz hinter einem Schäfer, bevor der Zentaur richtig auf ihn anlegen konnte. Da erschien ein großer Bär. Er versuchte, ein Löwenjunges zu fangen, doch der große Löwe war auch da. Er war beinahe so groß wie der Bär und ziemlich mißmutig gelaunt. Die beiden Raubtiere umkreisten einander, während die Pfeilspitze des Zentauren ihren Bewegungen folgte. Welches Tier sollte er als erstes erlegen?

»Nimm doch den Löwen, Blödmann!« brummte Chester. »Dann nimmt der Bär das Löwenjunge und läßt dich in Frieden.«

Bink war fasziniert, sowohl von den Bewegungen der Sternbilder als auch von der Kraft und Anmut der wilden Tiere. Der Zentaur war natürlich ein ganz gewöhnliches Wesen – aber nur in der mundanischen Mythologie gab es Tiere wie Bären, Löwen und Schwäne. Teile davon waren in der Gestalt von Sphinxen, Schimären, Greifen und so weiter zu finden, doch das zählte nicht wirklich. Einen mundanischen Löwen konnte man auch als Wesen mit dem Leib eines Greifs und dem Kopf eines Ameisenlöwen ansehen, als Zusammensetzung xanthischer Urtiere. Jetzt, da der Schild Xanth nicht mehr abschirmte, konnten die Tiere die Grenze ungehindert überschreiten, so daß sich im Grenzstreifen alle Arten vermutlich bereits vermischt hatten.

Da erschien ein weiteres mundanisches Tier, direkt unter dem Schweif des Zentauren: ein Wolf. Er ähnelte einem einköpfigen Hund. Bink hatte zwar bereits Werwölfe aus Fleisch und Blut gesehen, aber das zählte wahrscheinlich nicht. Welch ein Schrecken mußte in Mundania doch herrschen, wenn die Wölfe ständig in ihrer tierischen Gestalt gefangen blieben, ohne sich jemals in Menschen verwandeln zu können!

Der Himmelszentaur wirbelte zu dem Wolf herum und legte auf ihn an. Doch der Wolf lief bereits davon, weil ihm ein Skorpion folgte. Der wurde wiederum von einem Mann gejagt – nein, er glaubte bloß, von dem Mann verfolgt zu werden. Der Mann, ein riesiger, muskulöser Hüne, verfolgte in Wirklichkeit eine Schlange und versuchte, ihren Kopf mit einer Keule zu zertrümmern. Doch ein Drache war ihm bereits auf den Fersen, und diesen verfolgte ein seltsames Tier mit langem Hals. Der ganze Himmel war mit Merkwürdigkeiten übersät, so daß er viel interessanter aussah als das Land Xanth.

»Was ist denn das Ding mit dem Hals?« fragte Bink.

»Die mythische Zoologie ist nicht mein Spezialgebiet«, sagte Chester. »Aber ich glaube, es ist ein mundanisches Ungeheuer, das Gaffe heißt.« Er machte eine Pause. »Nein, das stimmt nicht ganz. Ein Grraff. Nein, auch nicht. Ach ja, jetzt weiß ich’s wieder: eine Giraffe! Der lange Hals dient wohl dazu, sie vor bodennaher Magie zu schützen oder so. Das seltsamste an ihr ist, daß sie, soweit ich weiß, trotz ihres langen Halses keine

Stimme haben soll.«

»Wirklich seltsame Magie!« meinte Bink.

»Seltsam unmagisch, wenn man’s genau nimmt. Das Land

Mundania könnte einen guten, vernünftigen Schuß Magie ganz gut vertragen.« Der Himmel war nun dicht mit Tieren bevölkert, als die restlichen Sterne herauskamen. Weitab befanden sich ein Krebs und ein flügelloser Bulle sowie ein echter einköpfigerHund. Die Vögel waren in der Überzahl – halbvertraute wie der Phoenix und der Paradiesvogel sowie eine Unzahl unbekannter wie der Kranich, der Tukan, der Adler, der Pfau, die Taube und die Krähe. Auch Leute waren da: Männer, Kinder und einige hübsche junge Frauen.

Das erinnerte Bink wieder an Chamäleon. Je länger er von ihr getrennt war, desto mehr fehlte sie ihm. Und wenn sie schon gerade ihre häßliche Phase durchlief – was machte das schon? Schließlich hatte sie auch ihre schöne Phase …

»Schau mal, der sagenumwobene mundanische Wal«, sagte Chester. »Ich bin ja nur froh, daß es in unserem Land kein solches Ungeheuer gibt!«

Bink stimmte ihm entschieden zu. Da erspähte er eine kleine Echse. »Ein Chamäleon!« rief er.

Als er den Namen aussprach, verwandelte sich die Echse in die menschliche Chamäleon, die er kannte und liebte: seine Frau. Sie blickte ihn aus den tiefsten Tiefen des Himmels an und öffnete den Mund. Bink, Bink, schien sie zu sagen. Komm zu mir …

Bink sprang auf und schlug mit dem Kopf beinahe gegen einen Knochen. »Ich komme!« rief er freudig. Warum hatte er sie nur jemals verlassen?

Doch es gab keinerlei Möglichkeit, sie zu erreichen. Er konnte weder die Luft emporklettern noch hochfliegen, und außerdem wußte er ja, daß es nur ihr Abbild war. Nur eine verwandelte Echse, die selbst seiner Einbildung entstammte. Und dennoch wünschte er sich –

Da verschoß der Sternbildzentaur endlich seinen Pfeil. Das Geschoß flammte über den Himmel, zog eine gleißende Leuchtspur und wurde immer heller und größer, als es sich näherte. Plötzlich war es geradezu beängstigend groß und nahe, als würde es aus dem Himmel selbst heraustreten – da fuhr es in einen nahen Hundsbaum. Der jaulte vor Schmerz laut auf, knurrte und bleckte seine zahnähnlichen Innenzweige und zerrupfte den Pfeil im Nu in kleine Stücke.

Bink blickte zu Chester hinüber, konnte seinen Gesichtsausdruck im Dunkeln jedoch nicht lesen. Dieser Konstellationspfeil war aber wirklich sehr nahe neben ihnen eingeschlagen! »Sag mal, hat dieser Zentaur etwa auf uns gezielt?«

»Wenn er das getan haben sollte, dann war er geradezu kriminell schlampig«, erwiderte Chester grimmig. »Dann war er ein verdammt schlechter Schütze. Das ist ein schlechtes Beispiel, das auf alle Zentauren zurückfällt. Ich werde ihm einen Denkzettel verpassen!« Nun war Chesters Silhouette vor dem funkelnden Nachthimmel zu erkennen. Er legte einen Pfeil ein, spannte die Sehne mit aller Kraft und ließ sie fahren.

Sie flog hoch und höher, irgendwie sichtbar, obwohl es doch Nacht war. Empor, unmöglich weit empor, bis zum Rand der nächtlichen Kuppel und immer weiter, auf das Zentaurensternbild zu.

Bink wußte, daß kein materieller Pfeil einen Stern oder ein Sternbild treffen konnte. Schließlich waren die Konstellationen doch nur imaginäre Linien, mit denen man die Sterne verbunden hatte. Und doch –

Chesters Pfeil traf den Sternbildzentauren in der Flanke. Das Wesen machte vor Schmerz einen Satz, und aus seinem Mund fuhren zwei Kometen und eine Sternschnuppe: ein höchst starker Ausruf!

»Ach ja? Gleichfalls, du Hohlkopf!« erwiderte Chester.

Die Konstellation beugte sich nach hinten und riß an Chesters Pfeil. Eine Nova explodierte aus dem Mund des Himmelswesens, als es seine Verletzung sah. An der verwundeten Stelle pulsierten mehrere matte Sterne. Der Sternenzentaur rupfte dem Schwan eine Handvoll weicher Daunenfedern aus und rieb sich damit die Wunde ab. Nun war der gerupfte Schwan an der Reihe, wütende Sternschnuppenhagel zu speien, doch er wagte es nicht, den Zentauren anzugreifen.

Der Himmelszentaur schnappte sich die ausziehbare Röhre, die Teleskop genannt wird, und setzte sie ans Auge. Mit Hilfe der Magie dieser Röhre war er imstande, wesentlich weiter zu sehen als gewöhnlich.

»****!!« rief er in allerübelstem Schmähton und suchte nach dem Schützen des fraglichen Pfeils.

»Hier bin ich, Hufkopp!« grölte Chester und jagte einen weiteren Pfeil in den Himmel empor. »Komm runter und kämpfe wie ein Zentaur!«

»Äh, ich würde lieber nicht –« sagte Bink warnend.

Die Konstellation schien die Herausforderung gehört zu haben. Der Himmelszentaur riß das Teleskop herum und richtete es auf das Knochenlager. Er spie einen heimtückischen Planeten mit Ringen aus.

»Richtig so, Dösbartel!« rief Chester. »Komm und zeig uns, daß du deinen Namen verdienst hast!«

Den Namen »Dösbartel«? Bink gefiel die Sache ganz und gar nicht, aber er konnte sie auch nicht mehr aufhalten.

Der Himmelszentaur legte einen weiteren Pfeil ein. Chester tat das gleiche. Einen Augenblick lang blickten die beiden sich mit gespannten Bogen an – dann ließen sie ihre Pfeile beinahe gleichzeitig fahren.

Beide Schüsse waren ungemütlich genau gezielt. Bink sah, wie die Pfeile sich auf halber Strecke kreuzten und wie magisch gelenkt auf ihre Ziele zuschossen. Keiner der Zentauren rührte sich vom Fleck: Das gehörte bei solchen Duellen offenbar zum Ehrenkodex.

Beide Pfeile verfehlten ihr Ziel – aber nur knapp. Chesters Schuß streifte beinahe die Stirn des Konstellationszentauren, während dessen Pfeil neben Chesters linkem Huf in den Boden fuhr. Das war knapp neben dem Kopf des Magiers.

Humfrey wachte mit einem Ruck auf. »Du pferdiger Schwerenöter!« rief er knurrig. »Paß auf, was du da machst!«

»Ich halte Wache«, erwiderte Chester. »Das ist nicht mein Pfeil gewesen. Sehen Sie doch selbst: Er ist noch mit Sternenstaub bedeckt.«

Humfrey zog den Pfeil aus der Erde. »Tatsächlich!« Er spähte mit zusammengekniffenen Augen zum Himmel empor. »Aber hier unten sollte es eigentlich keinen Sternenstaub geben. Was geht hier vor?«

Nun rührte Crombie sich. »Skwaak!«

»Sie sind der Magier«, sagte der Golem. »Sie sind doch derjenige, der alles wissen soll.«

»Über belebte Konstellationen? Mit dieser Spielart der Magie habe ich mich lange nicht mehr befaßt.« Humfrey starrte weiter zum Himmel empor. »Aber das wäre ein lohnendes Studiengebiet. Crombie, wo ist der nächste und beste Aufstieg?«

Crombie zeigte auf ein Sternenmuster, das einer Treppe glich, die bis zum Horizont hinunterführte. Die Stufen sahen unglaublich massiv aus und waren bei näher Betrachtung sogar noch dichter, denn sie führten beinahe bis an den Rand des Skeletts. Vielleicht war es ja doch möglich, emporzusteigen!

Er blickte wieder zu den Sternen empor. Sie schienen noch heller als zuvor, und ihre Verbindungslinien waren noch deutlicher zu erkennen. Sie wiesen sogar Schatten auf, was sie noch echter erscheinen ließ. Wieder erblickte er Chamäleon, die ihm winkte. »Ich steige empor!«

»Skwaak!« stimmte Crombie ihm zu. »Für eine ordentliche Prügelei bin ich immer zu haben, und dieser kometenmäulige Zentaur hat eine Lektion verdient!«

Chester war bereits unterwegs zu der Treppe, doch nun hielt er inne.

»Sei kein Narr!« fauchte der Magier ihn an. »Er hat den Zentaur am Himmel gemeint, nicht dich. Du bist großmäulig, nicht kometenmäulig.«

»Hmph. Ja, natürlich«, stimmte ihm Chester ohne allzu große Überzeugung zu. Es war deutlich, wie er sich bemühte, seinenÄrger abzuschütteln.

»Zum Angriff!«

Sie rannten auf die Treppe zu.

»Seid ihr Idioten jetzt auch noch durchgedreht?« schrie Grundy. »Da oben ist doch überhaupt nichts!«

Chester blickte ihn an. »Ich habe Crombie gar nicht krächzen hören.«

»Hat er auch nicht!« schrie der Golem. »Diesmal rede ich für mich selbst. Klettert nicht in den Himmel! Das ist doch Wahnsinn!«

»Es ist faszinierend«, sagte Humfrey. »Dort kann ich die beliebten Konstellationen aus erster Hand studieren. Eine bessere Gelegenheit finde ich nie.«

»Ich muß diesem Zentauren eine Lektion erteilen«, sagte Chester.

Bink starrte inzwischen wieder Chamäleon an und schritt weiter.

»Das ist der Wahnsinn!« schrie Grundy und zerrte an Crombies Nackenfedern. »Mir kann der nichts anhaben. Ich sehe nur Tatsachen, weil ich nicht wirklich bin. Das ist feindliche Magie. Geht nicht!«

»Wahrscheinlich hast du recht, Miesepeter«, meinte Humfrey. »Aber dieses Angebot ist viel zu verlockend, als daß ich es ablehnen könnte.«

»Das war die Sirene auch! Tut’s nicht!« wiederholte Grundy. »Wo bleibt denn eure Suche, wenn ihr euch jetzt vom Wahnsinn überwältigen laßt?«

»Was kümmert dich das denn?« wollte Chester wissen. »Du hast doch gar keine Gefühle.« Er stellte seine Vorderhufe auf die erste Stufe. Sie war massiv und an jeder Ecke mit einem Stern befestigt. Die Stufen waren wie Glas – eine durchsichtige, aber nicht ganz unsichtbare Treppe, die in den Himmel hinaufführte.

Bink wußte, daß es sich um Magie handelte und daß man ihr nicht trauen durfte. Doch oben harrte Chamäleon seiner, und er mußte zu ihr. Wenn es gefährlich wäre, würde sein Talent es ohnehin nicht zulassen.

»Ich komme jedenfalls nicht mit!« schrie Grundy. Er sprang vom Rücken des Greifs hinunter ins Blattwerk eines Blumenkäferbusches, schreckte einen Schwarm Blumenkäfer auf und war auch schon in der Nacht verschwunden.

»Ab mit Schaden!« brummte Chester und erklomm die Stufen, die unter seinem Gewicht leicht nachgaben. Crombie war das zu langsam. Er schwang sich in die Lüfte und landete über dem Zentauren auf einer höher gelegenen Stufe. Offenbar war der Anstieg zu steil für ein Geschöpf von seiner Größe, um ihn fliegend zu bewältigen. Deshalb zog er es vor, zu Fuß zu gehen. Der Gute Magier folgte an dritter Stelle, und Bink bildete den Schluß.

Im Gänsemarsch schritten sie empor. Die Treppe verlief spiralförmig, so daß sich Crombie schon bald direkt über Bink

befand. Als er über die Wipfel gelangte, öffnete sich für Bink die nächtliche Landschaft Xanths. Er war einmal in einen Vogel verwandelt worden und war auf einem fliegenden Teppich mitgeflogen. Doch dieser langsame Aufstieg durch den Wald war anders als jeder Flug und irgendwie einmalig. Er war sich ständig bewußt, daß er abstürzen konnte, denn die Treppe besaß kein Geländer und auch keine schützenden Vorsprünge am Rande der Stufen. So war er unmittelbar mit der Situation verwachsen, in einer Weise, wie es das Fliegenihm nicht ermöglicht hatte: Über der Erde und doch an sie angebunden …

Der nächtliche Wald war wunderschön. Einige der Bäume leuchteten. Manche streckten knochenbleiche Tentakel empor, während andere aus pastellfarbenen Bällen zu bestehen schienen. Manche besaßen riesige Augen, die sich auf Bink zu richten schienen. Andere Wipfel griffen mit ihren Ästen ineinander und bildeten labyrinthische Muster. Während er hinabblickte, formte der ganze Wald ein einziges menschliches Gesicht. GEH NICHT! sagte der Mund.

Bink blieb gereizt stehen. Versuchte die Wildnis tatsächlich, zu ihm zu sprechen? Wessen Interessen vertrat sie eigentlich? Es war möglich, daß sie ihm seine Flucht in den Himmel neidete. Vielleicht hungerte sie auch nach seinem Leib. Oder sie war einfach nur zu üblen Streichen aufgelegt.

Crombie hatte beim Gewirrbaum gezögert, Chester war glücklicherweise rechtzeitig taub geworden, um sie vor dem Ruf der Sirene zu retten. Da war sein Talent am Werk gewesen. Warum schwieg es denn jetzt?

Er blickte empor. Das gewaltige Panorama des Himmels erwartete ihn: Tiere, Ungeheuer und Menschen. Im Augenblick waren sie alle wie festgefroren und erwarteten Binks Gruppe. Dort oben lag das Abenteuer.

Er kletterte weiter. Er mußte sich beeilen, denn die anderen hatten keine Pause gemacht und besaßen deshalb bereits einen Vorsprung von mehreren Spiralwindungen. Er wollte nicht beim Abenteuer zu spät kommen!

Als er den Magier eingeholt hatte, der hinter den Vierbeinern etwas zurückgeblieben war, summte etwas in der Finsternis auf ihn zu. Es klang wie ein sehr großes Insekt, wie einer von den exotischeren Käfern. Hoffentlich nicht wieder ein Goldkäfer! Er wedelte mit den Armen, um es abzuwehren.

»Bink!« rief eine leise Stimme.

Was nun? Er war schon ganz aus der Puste von seinem schnellen Aufstieg und mußte äußerst vorsichtig sein, um keine Stufe auszulassen, während er die Herrlichkeiten am Himmel bewunderte. Er wollte die einmalige Szenerie voll und ganz genießen und sich nicht von irgendeinem Käfer dabei stören lassen. »Hau ab!«

Das Insekt kam nähergeflogen. Es war ein fliegender Fisch, der sich mit Hilfe von Luftblasen fortbewegte, so daß ihm seine feststehenden Flügel genügend Auftrieb verliehen. Seine Kiemen dienten der Luftzufuhr, und er besaß mehrere kleine Stabilisierungsflossen, die ihn sehr wendig und manövrierfähig machten. Fliegende Fische waren sehr schnell, das wußte Bink. Das mußten sie auch sein, wenn sie nicht abstürzen wollten. Dieser hier trug eine winzige Laterne auf seinem Rücken und – »Bink! Ich bin’s, Grundy!« Tatsächlich, es war der Golem, der auf dem Rücken des Fisches hockte und ihn mit Hilfe eines winzigen Zaumzeugs lenkte. In der freien Hand hielt er die Laterne: offenbar ein winziger Stern, der in einem Netz gefangen war. »Ich habe diesen Fisch eingefangen, indem ich ihn mit Fischsprache angelockt habe. Jetzt versteht er, worum es geht, und will uns helfen. Ich habe das Umkehrzauberholz dabei.« Er klopfte mit seiner Zügelhand auf seinen Sattel. Es war das knorrige Holzstück, das Bink fortgeworfen hatte.

»Aber wieso kann der Fisch denn dann fliegen? Wie kannst du dann noch übersetzen?« fragte Bink. »Der Umkehrzauber müßte doch –«

»Den Fisch kann er nicht treffen, weil der kein Talent besitzt, sondern magisch ist«, erklärte Grundy mit letzter Geduldsreserve. »Das Holz kehrt nur äußere Magie um, aber keine innere.«

»Das leuchtet mir nicht ein«, sagte Bink.

»Das Holz hat Vogelschnabels Talent umgekehrt, aber es hat ihn nicht wieder in einen Menschen verwandelt«, fuhr der Golem fort. »Es hat den Gnom dumm gemacht, aber deshalb ist er noch nicht zu einem normalen Menschen geworden. Es hat dich nicht beeinflußt, weil –«

Der Golem kannte Binks Talent nicht, aber das blieb nach wie vor die entscheidende Frage: Hatte Binks Talent das Holz besiegt, oder war es in sein Gegenteil verkehrt worden? Das war eine Frage von Leben und Tod!

»Was ist mit dir?« fragte Bink. »Du übersetzt doch immer noch!«

»Ich bin nicht wirklich«, erwiderte Grundy knapp. »Wenn du mir meine Magie nimmst, bleiben nur Bindfäden und Schlamm zurück. Für mich ist das Holz einfach nur irgendein Holz.«

»Aber es hat dich doch vorher beeinflußt! Du hast völligen Unfug gefaselt, bis ich dich von ihm entfernt habe.«

»Das habe ich?« fragte Grundy erstaunt. »Das wußte ich ja gar nicht. Offenbar ist das Übersetzen mein Talent, deshalb …« Er stockte und dachte nach. »Natürlich! Im Augenblick übersetze ich ja nicht, sondern spreche für mich selbst!«

Das war die Antwort. »Na ja, halt das Ding jedenfalls von mir fern«, sagte Bink. »Ich traue ihm nicht.«

»Im Gegenteil, ich bringe es dir nahe. Leg die Hand drauf, Bink!«

»Das werde ich nicht tun!« rief Bink.

Grundy riß die Zügel beiseite, trat dem Fisch in die Flanken und beugte sich vor. Der Fisch flog einen Bogen, machte kehrt und jagte direkt auf Bink zu. »He!« protestierte der, als er seine Hand streifte.

Doch in diesem Augenblick veränderte sich seine Sehweise ganz gehörig. Plötzlich waren die Sterne nur noch Sterne, unddie Treppen – waren die Äste eines Sparrenbaumes. Über ihm waren die anderen gerade im Begriff, auf die dünnen Gipfelzweige zu steigen, die ihr Gewicht nicht tragen konnten. Crombie flatterte bereits mit den Flügeln, um die Balance zu halten, und Chester –

Bink schüttelte erstaunt den Kopf. Ein Zentaur, der einen Baum emporkletterte!

Dann summte der Fisch davon, und der Wahnsinn kehrte zurück. Wieder befand Bink sich auf der durchsichtigen Treppe und kletterte den leuchtenden Sternbildern entgegen. »Ich weiß ja, daß es verrückt ist!« rief er. »Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich muß einfach hinauf!«

Der Golem lenkte seinen Fisch wieder neben ihn. »Du kannst es nicht einmal sein lassen, obwohl du genau weißt, daß es den Untergang bedeutet?«

»Es ist der blanke Wahn!« stimmte Bink ihm zu und wurde wieder etwas vernünftiger, als das Holz an ihm vorüberstrich. »Aber wahr! Mach dir mal keine Sorgen – ich werd’s schon überleben. Bring Chester von diesem Ast dort oben herunter, bevor er sich noch zu Tode stürzt.«

»In Ordnung!« sagte Grundy. Er trieb sein Reittier an und surrte davon. Bink kletterte weiter und verfluchte dabei seine eigene Dummheit.

Der Fisch verschwand in der Nacht. Nur der Stern im Käfig – den Bink inzwischen als schlichte Glühbeere ausgemacht hatte – zeigte ihm, wo Grundy sich gerade befand. Das Licht bewegte sich empor zum Zentauren. »Meine Güte, Golem!« rief Chester plötzlich. »Was, um alle Pferdefedern, mache ich auf einem Baum?«

Bink konnte Grundy zwar nicht verstehen, konnte sich aber denken, was er dem Zentauren sagte. Kurz darauf machte Chester sich an den Abstieg.

»He, du Lümmel!« rief der Magier. »Nimm gefälligst deinen Eselshintern aus meinem Gesicht!«

»Runtersteigen!« rief der Zentaur seinerseits. »Das ist keine Treppe, sondern ein Baum. Wir klettern in unser Verderben!«

»Es geht um Wissen. Laß mich vorbei!«

»Das ist der Wahnsinn! Grundy, bring das Holz zu ihm.«

Das Licht senkte sich. »Große Galaxis!« schrie Humfrey. »Das ist ja wirklich ein Baum! Wir müssen runter.«

Doch nun war der Zentaur wieder dabei, emporzusteigen. »Ich hab’ noch ein Hühnchen mit diesem Sternbildzentaur zu rupfen«, sagte er.

»Du Pferdenarr!« rief Humfrey. »Hör auf damit!« Der Fisch jagte zu Bink hinab. »Ich kann mich nicht um beide kümmern!« rief Grundy. »Ich habe nur ein Stück Holz, und ihr seid zu viert!« »Der Greif kann fliegen, dem wird schon nichts passieren«, sagte Bink. »Die Treppe – ich meine der Baum – ist sehr schmal. Gib Chester das Holz, dann kommt keiner an ihm vorbei. Danach kannst du noch mehr Holz suchen.«

»Daran hatte ich auch schon gedacht«, sagte der Golem. Der Fisch schwirrte davon. Kurz darauf machte Chester wieder kehrt. Der Gute Magier fluchte auf höchst unwürdige Weise, mußte aber angesichts des Zentaurenhinterteils wohl oder übel zurückweichen. Bald standen sie direkt über Bink – der ebenfalls wüst fluchte, als man ihm den Aufstieg blockierte.

Als die Sternbilder ihren Rückzug bemerkten, explodierten sie vor Wut. »***!!« rief der Sternenzentaur lautlos. Auch die anderen Himmelsungeheuer scharten sich auf sein Geheiß um ihn: der Drache, die Hydra, die Schlange, das geflügelte Pferd, der Riese und der Wal.

Bink war zwar noch immer vom Wahn geschlagen, mochte aber nicht länger die Treppe hochsteigen. Die Ungeheuer schickten sich an, auf sie zuzukommen. Bink wußte nicht genau, ob sie nun echt waren oder ob es sich um Täuschungen handelte, aber als er an den Pfeil dachte, der in den Hundsbaum gefahren war, verspürte er keine Lust mehr, es darauf ankommen zu lassen. »Wir müssen in Deckung gehen!« rief er.

Doch Crombie, der an oberster Stelle war, unbeeinflußt vom Zauberholz, flatterte empor, um gegen das geflügelte Pferd zu kämpfen. »Skwaak!« rief er. »Hiiiaah!« erwiderte das Pferd.

Grundy kam an Bink vorbeigeflirrt. »Ooooh, wenn du wüßtest, was die sagen!«

Mit gespreizten Flügeln standen sich Pferd und Greif gegenüber. Da schlugen sie ihre Krallen und Hufe gegeneinander, doch Bink konnte in dem wirbelnden Gewirr nicht erkennen, welches der beiden Tiere die Oberhand behielt.

Plötzlich kam die Schlange auf sie zu. Chester konnte seinen Bogen nicht wirkungsvoll einsetzen, weil kein Pfeil eine Spiralbahn fliegen konnte. Bink fragte sich, was der Zentaur wohl sehen mochte, da er ja jetzt das Holz besaß und so die Wirklichkeit erkannte – oder was auch immer. Wahrscheinlich war es gar keine Schlange, sondern irgendeine ähnliche Gefahr.

Als der riesige Schlangenkopf näherkam, stieß der Zentaur einen Warnschrei aus und schlug ihm mit dem Schwert auf die Nase. Die Klinge stieß gegen die im Sternenlicht wie giftig glitzernden Fänge. Zwei von ihnen traten weit hervor, und Chester mußte zurückweichen, da er nur ein Schwert besaß.

Da nahm er sich an dem geflügelten Pferd ein Beispiel und benutzte seine Vorderhufe. Er schlug sie der Schlange mehrmals auf den Kopf und blendete sie dabei mit seinem Schwert.

Was würde wohl passieren, wenn das Holz die Schlange berühren sollte, fragte sich Bink. Würde sie eine andere Sicht der Wirklichkeit bekommen? Würde der Zentaur ihr dann als etwas ganz anderes erscheinen? Wie sollte man jemals unterscheiden, welche Magie wirklich war und welche nur Trug?

Die Schlange zischte und riß ihr Maul so weit auf, daß es so groß wurde wie der Zentaur. Ihre sehnige Zunge schnellte hervor, um Chesters Schwertarm zu umwickeln und zu lähmen, doch Chester wechselte die Schwerthand und trennte die Zunge mit einem geschickten Hieb durch. Die Schlange heulte vor Schmerz zischend auf und klappte scheppernd das Maul wieder zu. Chester brauchte einen Augenblick, um das Zungensegment von seinem Arm zu entfernen. Dann drosch er wieder wacker auf die Nase ein.

Der Drache erschien und stürzte sich auf den Guten Magier. Humfrey mochte zwar dem Wahn verfallen sein, aber ein Narr war er nicht. Seine Hand stahl sich in seine Jacke und holte ein Fläschchen hervor. Doch der Drache war so schnell, daß keine Zeit mehr blieb, die Flasche umständlich zu entkorken. Statt dessen schleuderte Humfrey dem Drachen die ganze Flasche in den Schlund. Der schnappte automatisch zu, und das Fläschchen zerbrach zwischen den Fängen. Da explodierte Dampf und wurde zu einer Wolke, die zwischen den Zahnlücken des Drachen hervortrat. Sie verdichtete sich wiederum um seinen Kopf. Doch sie verwandelte sich in nichts anderes – weder in einen Dämonen noch in eine Nebelwand oder auch nur in ein Sandwich. Sie hing einfach da, in härter werdenden Klumpen.

»Was ist das?« rief Bink. »Hat das Fläschchen versagt?«

»Ich mußte das nächstbeste nehmen«, erwiderte Humfrey. »Es … ich glaube, es ist Schaumisolierung.«

»Schwamm was?«

»Schaumisolierung. Es schäumt auf und verfestigt sich, so daß die Dinge warm bleiben – oder kalt.«

Bink schüttelte den Kopf. Der Magier war also doch verrückt.

Wie konnte irgend etwas Sachen sowohl heiß als auch kalt halten? Und warum sollte sich jemand mit einer solchen Magie abgeben?

Doch der Drache trug es nicht mit Fassung. Er krümmte sich mitten in der Luft und schüttelte heftig den Kopf, um das klebrige Zeug abzuschütteln. Er kaute und schluckte verzweifelt. »Das würde ich an deiner Stelle nicht tun«, meinte Humfrey.

Der Drache ignorierte ihn. Er brüllte laut. Dann pumpte er einen Bauchvoll Feuer auf, wirbelte herum und stieß den schrecklichen Strahl auf Humfrey ab.

Doch der Strahl erwies sich als dünnes Feuerrinnsal. Der Drache aber begann sich zur allgemeinen Verblüffung wie ein Ballon aufzublähen, bis seine Beine, sein Schwanz, seine

Flügelspitzen und seine Schnauze schlaff von dem riesigen Ball herabbaumelten.

»Was –« fragte Bink verwirrt.

»Die Isolierung wird sofort hart, wenn sie erhitzt wird«, erklärte Humfrey. »Der Drache hat sie also selbst mit seinem eigenen Feuer gehärtet. Leider hat diese Isolierung auch die unangenehme Eigenschaft –«

Der Drache explodierte. In alle Richtungen spritzten Sterne, versengten das Blattwerk des Urwalds unter ihnen, zischten an Bink vorbei und erzeugten ein prächtiges Feuerwerk am Himmel.

»… zu explodieren, wenn sie entzündet wird«, beendete Humfrey seinen Satz.

Die bunten Funken ließen den Himmel einen Augenblick lang heller leuchten. »Ich habe versucht, ihn zu warnen«, sagte Humfrey ohne jedes Mitgefühl. »Man zündet eben keine brennbare Isolierung an.«

Bink konnte es dem Drachen kaum verdenken, daß er die Mahnung mißachtet hatte. Er hätte denselben Fehler gemacht, wenn sein Talent es gestattet hätte. Doch eines wußte er jetzt mit Sicherheit: Sollte er sich jemals (welch ein Gedanke!) mit dem Guten Magier ernsthaft anlegen, müßte er auf diese magischen Flaschen achten! Die waren wirklich unberechenbar!

Nun wurde Bink von einem Ungeheuer angegriffen. Es war die Hydra. Sie besaß keine Flügel und schien auch nicht die Treppe hinabgeklettert zu sein, denn die wurde von der Schlange blockiert. Sie hatte sich offenbar an einem Seil herabgelassen, doch das Seil war nirgendwo zu sehen.

Bink schlug mit seinem Schwert auf das Ungeheuer ein. Er war in Hochform, erwischte den nächsten der sieben Köpfe und trennte ihn säuberlich direkt hinter dem Hornansatz ab, so daß er wirbelnd hinabstürzte. Aus dem Hals schoß Blut mit einer solchen Kraft hervor, daß sich der Strahl in zwei Teile teilte. Wenn das alles war, was er tun mußte, dann würde es ein Kinderspiel sein!

Die beiden Strahlen gerannen in der Luft und bildeten zwei Klumpen, die immer noch mit dem Hals in Verbindung standen. Als noch mehr Blut hervorspritzte, verfestigten sie sich immer mehr – und wurden zu zwei neuen Köpfen! Sie waren zwar etwas kleiner als das Original, aber ebenso gefährlich. Bink hatte seine Gegner lediglich verdoppelt.

Das war wirklich ein Problem. Wenn jeder abgehauene Kopf zwei neue sprießen ließ, dann war er um so schlimmer dran, je besser er kämpfte! Wenn er sich jedoch nicht wehrte, dann würde er in sieben – nein, in acht Bissen vertilgt werden.

»Bink, hepp!« rief Chester und warf ihm etwas zu. Bink gefiel die Ablenkung gar nicht, doch er fing den Gegenstand auf. Sobald er ihn berührt hatte, kehrte die Vernunft wieder zurück. Er sah, wie er auf einem Ast stand und sein Schwert gegen –

Doch da fiel ihm der Umkehrzauber aus der Hand, und der Wahn kehrte zurück. Er sah, wie das Stück auf die Hydra zuflog – und wie einer ihrer Köpfe vorzuckte, um es zu verschlingen.

Nun mußte Bink seinen früheren Gedankengang blitzschnell fortsetzen. Was würde der Umkehrzauber im Inneren eines imaginären Ungeheuers anrichten? Wenn die Hydra nur in Binks verzerrter Wahrnehmung existieren sollte – in seinem Wahn, den er mit seinen Freunden teilte –, dann müßte sie ausgeschaltet werden – nein, das Holz mußte in seiner Nähe sein, um die Hydra auszuschalten. Sollte die Hydra jedoch wirklich existieren, würde das Holz ihre Gestalt nicht beeinflussen, sondern allerhöchstens ihr magisches Talent – sofern sie überhaupt eines besaß. Die meisten Ungeheuer besaßen keins, denn ihre Magie bestand aus ihrer bloßen Existenz. Also würde wohl gar nichts geschehen.

Die Hydra schrie aus allen acht Mäulern und stürzte in die Tiefe. Sie prallte auf dem Boden auf, wo sie reglos liegen blieb. Langsam erloschen ihre Sterne.

Bink starrte sie mit aufgesperrtem Mund an. Sie hatte ihre Gestalt nicht verändert, sondern war vernichtet worden. Was war geschehen?

Da begriff er es: Die Hydra hatte doch ein magisches Talent besessen, nämlich die Fähigkeit, sich von einem unsichtbaren Faden herabhängen zu lassen. Das Umkehrzauberholz hatte diese Magie ausgeschaltet, so daß sie abgestürzt war. Ihr unsichtbarer Faden war keineswegs verschwunden – er hatte das Wesen lediglich ebenso kräftig hinabgezogen, wie er es sonst in die umgekehrte Richtung hinaufgezogen hatte. Das Ergebnis war verheerend.

Doch nun war das Holz verschwunden. Wie sollten sie da noch dem Wahnsinn entrinnen?

Bink blickte empor. Das Schaummittel des Guten Magiers hatte den Drachen vernichtet, während Chesters Hufe und sein Schwert die Schlange zurückgeschlagen hatten. Crombies Kampfmoral hatte ihn schließlich über das geflügelte Pferd siegen lassen. Sie hatten also ihre Einzelkämpfe gewonnen. Doch der Verlauf des Gesamtkrieges erschien ihm wenig verheißungsvoll.

Einige Sternbilder waren am Himmel verblieben. Der Zentaur, der Riese und der Wal hatten nicht herabsteigen können, weil sie weder Flügel noch Flugmagie besaßen und die Schlange die Treppe blockiert hatte. Als sie das Schicksal ihrer Gefährten sahen, stießen sie von ihrem sicheren nächtlichen Firmament herab wütende Schreie aus: Novas,

Ringplaneten, winzige Blitze und Kometen mit gebogenen Schweifen, während der Wal obszöne Schnörkel ausspie.

»Ach ja?« grölte Chester wieder. »Wir kommen hoch, dann machen wir genau dasselbe mit euch! Ihr seid doch überhaupt die Feiglinge, die damit angefangen haben!« Und Crombie, Humfrey und Bink drängten sich so gut es ging an ihn.

»Nein, aufhören!« schrie Grundy, der sie mit seinem fliegenden Fisch umkreiste. »Ihr habt doch alle gesehen, in welchem Wahn ihr befangen seid. Jetzt gebt nicht schon wieder nach! Reicht das Holz herum und kommt wieder auf den Boden herunter. Laßt euch nicht von den Spukgestalten ins Verderben locken!«

»Er hat eigentlich recht«, murmelte Humfrey.

»Aber ich habe das Holz fallenlassen!« rief Bink. »Ich habe unsere Vernunft fallenlassen!«

»Dann steig herunter und hol sie!« rief der Golem. »Und du, Pferdehintern – du hast ihm das Stück zugeworfen. Jetzt komm gefälligst auch herunter, um ihm zu helfen!«

»Skwaak!« rief Crombie. »Und Vogelschnabel sagt, daß er allein nach oben fliegen will, um den ganzen Ruhm allein einzuheimsen.«

»Das wird er nicht!« brüllte Chester.

»Einverstanden!« meinte der Golem. »Ihr müßt zusammen gehen, wenn es fair bleiben soll. Euch wirklichen Wesen ist die Fairneß doch immer ziemlich wichtig, nicht wahr? Oder kennst du keine Ehre, Vogelschnabel? Du fürchtest dich wohl davor, daß der Pferdehintern dir Konkurrenz machen könnte, wie? Hast wohl Angst, daß er dir zeigt, was eine Harke ist, wenn du keinen Vorsprung vor ihm hast, eh?«

»Skwaak! Skwaak!«

»Also gut! Dann kannst du ihm ja beweisen, daß du es jederzeit und überall mit ihm aufnehmen kannst – indem du vor ihm das Holz wiederfindest! Und nimm den Gnom ruhig mit. Pferdehintern kann den Waschlappen mitschleppen.«

Waschlappen? Damit meinte der Golem wohl Bink? Binks Blutdruck stieg gefährlich an. Nur weil sein Talent unsichtbar war –

»Also gut! Daß der Dung dich treffe!« knurrte Chester. »Ich hole das dämliche Holz. Aber dann geht’s zu ruhmreichen Kämpfen nach oben!«

So stiegen sie ruhmlos die gläserne Treppe hinab. Über ihnen konnten die Ungeheuer ihren Hohn nicht mehr beherrschen: Der Himmel erglühte von ihren Ausrufen, explodierende bunte Kirschbomben, die sich lautlos ausbreiteten, glühende Tornados, Waldbrände.

»Bewegung, ihr Lahmärsche!« bellte der Golem. »Bewegt euch nur von ihnen fort – wütender könnt ihr sie gar nicht machen als damit!«

»He, das stimmt ja«, meinte Chester.

»Für einen Hampelmann aus Bindfäden und Teer bist du ganz schön gewitzt.«

»Ich bin bloß vernünftig – weil keine blöden Gefühle meine Denkvorgänge beeinträchtigen«, sagte Grundy. »Vernünftig – gerade weil ich aus Bindfäden und Teer bestehe.«

»Dann bist du auch der einzige, der uns aus dem Wahn herausführen kann«, sagte der Magier. »Du bist der einzige, der die objektive Wirklichkeit erkennen kann – weil du keinen subjektiven Aspekt besitzt.«

Da begriff Bink plötzlich, daß Grundy sich nur zu gern ihrem Wahnsinn anschließen würde, wenn er könnte, auch wenn dies ins sichere Verderben führen sollte – solange er damit nur seine Wirklichkeit beweisen könnte. Nur seine fehlende Wirklichkeit ließ ihn an dem bißchen Leben hängen, das er besaß. Welch ein paradoxes Schicksal!

Ein Pfeil fuhr neben ihm in einen Katzenminzenstrauch. Der Strauch jaulte und spuckte und verprügelte den Pfeil schließlich ordentlich mit seinen Pfotenknospen.

»Hach, dem würde ich gerne einen Pfeil direkt unter seinem Schweif einpassen!« murrte Chester. »Dieser Zentaur blamiert ja die ganze Innung!«

»Erst das Holz suchen!« rief Grundy.

Der Riese hatte mit seinem Schlagholz einen Stern in ihre Richtung geschlagen. Der zischte knapp an Binks Kopf vorbei und setzte einen Gummibaum in Brand. Der Baum streckte sich gewaltig, um von seinen eigenen brennenden Teilen fortzukommen. Der Gestank war entsetzlich.

»Im Rauch können wir nichts finden«, beschwerte sich Chester hustend.

»Dann folgt mir!« rief Grundy und flog ihnen auf seinem Fisch voran.

Keuchend rannten sie hinter ihm her. Über ihnen tobten die Konstellationen und schossen ganze Salven auf sie ab, konnten sie jedoch nie treffen. Der Wahnsinn hatte keinerlei Gewalt über eine vernunftbegabte Leitung.

Und doch gab er sich alle Mühe! Der Wal packte seinen Fluß und riß ihn mit roher Gewalt aus seinem Bett. Das Wasser spritzte in dünnen, milchigen Schleiern über den Himmel, floß wieder zusammen, schwemmte einige Sterne mit sich und stürzte auf die Erde hinab.

»Aufpassen!« schrie Bink. »Wir befinden uns am Fuß eines Wasserfalls!«

Tatsächlich kamen die Wassermassen wie eine kugelförmige Lawine auf sie herabgeschossen. Verzweifelt stoben sie auseinander – doch mit donnerndem Getöse erwischte sie die Lawine, tauchte sie in ihre milchige Flüssigkeit und schäumte bis an ihre Hüften empor. Crombie war schon durchnäßt und kauerte sich zusammen. Seine Flügel hatten bereits ihren Glanz verloren, Chester umklammerte seinen menschlichen Torso, wie um die Flüssigkeit abzuhalten, und der Magier –

Der Gute Magier war in ein großes, helles und früher einmal flauschiges Badetuch gehüllt. Durchnäßt wie es war, war es schlimmer als gar nichts. »Falsche Flasche«, sagte er verlegen. »Ich wollte eigentlich einen Regenmantel haben.«

Gemeinsam stapften sie durch das eisige Himmelswasser.

»Im wirklichen Leben muß das wohl ein Gewitter sein«, sagte Chester nach einer Weile.

Der Weg wollte kein Ende nehmen. Unentwegt trieb der Golem sie durch die Nacht. Kurze Zeit wurden sie noch von der Wut der Konstellationen verfolgt, doch dann verlor sich auch die, als sie wieder unter das dichte Dach der Baumkronen vorstießen. Dennoch ließ der Wahnsinn nicht locker. Der Boden schien sich plötzlich in Schokoladenpudding verwandelt zu haben und wogte unter ihren Schritten. Die ohnehin bereits gefährlichen Bäume schienen neue, unbekannte Gefahren zu entwickeln. Sie wurden purpurrot, summten im Chor und boten ihnen verdächtige, längliche Früchte an.

Bink wußte, daß der Wahn sie in dem Augenblick vernichten würde, in dem sie ihm nachgaben, ob er nun angenehm oder bedrohend aussehen mochte. Sein Selbsterhaltungstrieb ermutigte ihn dazu, ihm zu widerstehen, und mit der Zeit bekam er immer mehr Übung, so daß es ihm leichter fiel.

Dennoch konnte er nie ganz den Weg zurück in die Vernunft wiederfinden.

Er hörte, wie der Golem Crombie auf greifisch ankrächzte. Dann ließ Grundy seinen fliegenden Fisch auf Crombies Kopf landen. Der Fisch war offenbar müde und bedurfte der Ablösung. »Er hat sich eine Belohnung verdient«, sagte Bink.

»Ach ja? Warum denn?« fragte Grundy.

Bink wollte antworten, doch dann wurde ihm klar, wie fruchtlos das war. Der Golem war unwirklich, er sorgte sich nicht. Er tat, was er tun mußte, aber menschliches Gewissen und Mitgefühl gehörten nicht zu seiner Ausrüstung. »Glaub’s mir: Der Fisch muß eine Belohnung bekommen. Was will er denn haben?«

»Das ist vielleicht eine Plackerei!« brummte Grundy. Doch er gurgelte den Fisch an. »Er will eine Familie.«

»Dazu braucht er nur ein Weibchen seiner Rasse«, meinte Bink. »Oder ein Männchen, wenn er ein Weibchen sein sollte. Eine Sie. Wie auch immer.«

Weiteres Fischgerede. »In dieser wahnsinnigen Gegend kann er keins ausmachen«, meldete der Golem.

»Wenn wir etwas von diesem Umkehrzauberholz hätten, wäre das Problem gelöst«, sagte Bink. »Genaugenommen könnten wir alle etwas davon gebrauchen. Vielleicht kann Crombies Talent uns welches orten.«

Crombie krächzte entsetzt, als ihm ihre Lage bewußt wurde. Er wirbelte um seine eigene Achse – und zeigte auf einen wackelnden Geleehaufen.

»Das ist ein Blutsaugerbaum!« sagte Grundy. »Da dürfen wir nicht hin.«

»Ach, und warum nicht?« fragte Chester sarkastisch. »Du hast doch gar kein Blut!«

»Das Holz muß dahinter liegen«, meinte Bink. »Crombies Talent funktioniert zwar noch, aber wir müssen jetzt noch mehr auf zufällige Gefahren auf dem Weg achten als sonst schon. Jetzt in der Nacht und gepackt vom Wahnsinn – das schaffst nur du, Grundy.«

»Das habe ich bereits geschafft«, meinte der Golem gekränkt.

»Wir brauchen Licht«, sagte Chester. »Vogelschna…, äh, Crombie, wo können wir sicheres Licht finden?«

Der Greif zeigte auf eine Herde langbeiniger, blasiger Dinger mit riesigen Leuchtaugen. Bink schritt vorsichtig darauf zu und stellte fest, daß es keine Tiere waren, sondern Pflanzen. Die scheinbaren Beine waren in Wirklichkeit Stengel. Er pflückte eine der Pflanzen, und das Auge gab einen Strahl von sich, der alles beleuchtete, worauf er traf. »Was ist denn das?« fragte Bink.

»Eine Fackelblume«, antwortete Grundy. »Paß auf, daß du nicht den Wald in Brand steckst.«

Der Regen hatte aufgehört, doch das Blattwerk tropfte noch immer. »Die Gefahr ist wohl nicht allzu groß«, sagte Bink.

Mit Lichtern bewaffnet, schritten sie in die Richtung, die Crombie für das Holz angezeigt hatte. Sie machten umständliche Umwege um die Gefahren, die der Golem entdeckte. Es war eindeutig, daß sie ohne seine Führung den Fallen des Urwalds niemals entgangen wären. Es wäre schon unter gewöhnlichen Umständen schlimm gewesen, doch der Wahn machte es so gut wie unmöglich.

Plötzlich waren sie am Ziel: Ein gewaltiger Baumstumpf ragte aus dem Boden hervor. Am Boden war er so dick, daß ein Mann ihn mit Mühe hätte umfassen können, doch er brach in Kopfhöhe in scharfen Splittern ab.

»Was muß das mal für ein Baum gewesen sein!« rief Bink. »Wie er wohl gestorben ist?«

Sie umringten den Stumpf – und waren plötzlich alle wieder bei Sinnen. Die Leuchtaugen stellten sich als eben die Fackelblumen heraus, als die der Golem sie bestimmte hatte, und der Urwald um sie herum zeigte ihnen seine wirkliche und nicht seine Wahnsinnsmagie. Bink fühlte sich sogar klarer im Kopf als je zuvor im Leben. »Dieser Wahnsinnszauber – er ist derart umgekehrt worden, daß wir nun absolut vernünftig sind!« rief er. »Wie der Golem!«

»Schaut euch mal den Pfad an, den wir gekommen sind«, sagte Chester.

»Wir sind Giftdornen entgangen, fleischfressendem Gras, Ölfaßbäumen – he, wir hätten mit unseren Fackeln ja die ganze Gegend in die Luft jagen können!«

»Wem sagst du das?« meinte der Golem. »Was glaubt ihr wohl, weshalb ich euch ständig angeschrien habe? Wenn ich Nerven gehabt hätte, dann wären sie jetzt völlig zerrüttet. Jedesmal, wenn ihr dabei wart, vom Kurs abzuweichen –«

»Grundy, warum hast du überhaupt versucht, uns zu helfen, anstatt auf deinem Fisch zu verschwinden?« fragte Bink, dem jetzt einiges klarer wurde. »Du hast dir wirklich außergewöhnlich viel Mühe gemacht –«

»Der Fisch!« rief Grundy. »Ich muß ihn noch entlohnen.« Er riß einen Holzsplitter aus dem Stumpf und befestigte ihn mit einem Stück seines eigenen Bindfadens an der Rückenflosse des Fisches. »So, Glubschauge«, sagte er mit einer Stimme, die verdächtig nach Rührung klang. »Solange du das Ding bei dir hast, kannst du in dieser Wahnsinnszone alles so sehen, wie es wirklich ist. Auf diese Weise kannst du deine Fischdame ausfindig machen. Wenn du sie hast, schmeiß das Holz weg.

Soweit ich gehört habe, ist es nicht gut, eine Frau zu realistisch zu sehen.«

Crombie krächzte emphatisch, was jedoch keiner Übersetzung bedurfte.

Der Fisch verschwand blasenschlagend am Himmel. Ohne das Gewicht des Golems war es ein sehr schnelles Tier.

»Warum hast du das getan?« fragte Bink.

»Leidest du unter Gedächtnisverkalkung? Das hast du mir doch selbst geraten, du Schwachkopf!«

»Ich meine, warum du es derart nett gemacht hast? Du hast echte Gefühle für diesen Fisch gezeigt.«

»Das geht gar nicht«, bellte Grundy.

»Und warum hast du uns dann um die ganzen Gefahren herumgeführt? Wenn wir umgekommen wären, dann wäre deine Dienstzeit beim Guten Magier auch endlich zu Ende.«

»Und was hätte mir das gebracht?« fragte Grundy und stampfte mit einem bunten Fuß gegen ein Grasbüschel.

»Dann wärst du frei gewesen«, erwiderte Bink. »Statt dessen hast du dich reichlich angestrengt, um uns von der Treppe zu holen und in Sicherheit zu bringen. Das hättest du gar nichtgemußt. Deine Aufgabe ist das Übersetzen und nicht das Führen.«

»Hör mal, Waschlappen – das muß ich mir von dir nicht bieten lassen!«

»Dann denk mal drüber nach«, sagte Bink. »Warum hast du denn einem Waschlappen geholfen?«

Grundy überlegte. »Hm, ich muß wohl doch den Verstand verloren haben«, gab er schließlich zu.

»Wieso konntest du denn den Verstand verlieren, wenn dich der Wahnsinn gar nicht berührt hat?«

»Was hast du vor?« unterbrach Chester ihn. »Warum belästigst du denn jetzt den Golem? Er hat doch gute Arbeit geleistet.«

»Weil der Golem ein Heuchler ist«, sagte Bink. »Es gibt nur einen Grund, weshalb er uns geholfen hat.«

»Weil ich mir Sorgen gemacht habe, du Dämel!« schrie Grundy. »Warum muß ich mich denn auch noch dafür verteidigen, daß ich dir das Leben gerettet habe?«

Bink schwieg. Crombie, Chester und der Gute Magier blickten den Golem stumm an.

»Was habe ich gesagt?« fragte Grundy wütend. »Was starrt ihr Schnorrer mich so an?«

Crombie krächzte. »Vogelschnabel sagt –« Doch der Golem machte eine Pause. »Er sagt … ich verstehe nicht, was er sagt! Was ist bloß los mit mir?«

»Das Holz dieses Baumes kehrt Zauber um«, sagte Humfrey. »Er hat dein Talent ausgeschaltet.«

»Aber ich fasse das Holz doch gar nicht an!«

»Wir auch nicht«, warf Bink ein. »Trotzdem sind wir im Augenblick völlig vernünftig, weil der große Stumpf eben stärker wirkt als ein kleiner Splitter. Deshalb sind wir auch dazu in der Lage, dich so zu sehen, wie du wirklich bist. Ist dir klar, was du gerade gesagt hast?«

»Soso, das Holz beeinträchtigt also mein Talent, genau wie eures. Das wußten wir auch schon früher.«

»Weil es unsere Magie verwandelt, ohne uns zu verwandeln«, fuhr Bink fort. »Denn das, was das Ich in uns ausmacht, ist wirklich.«

»Aber das würde ja bedeuten, daß ich halbwegs wirklich bin!«

»Du machst dir ja auch halbwegs Sorgen«, meinte Chester.

»Ach, das war doch nur eine Floskel! Ich habe keine Gefühle!«

»Dann geh mal vom Baum weg«, sagte Bink. »Außer Reichweite des Stumpfes. Erzähl uns, was du von dort aus siehst.«

Grundy folgte seinen Anweisungen und blickte sich um. »Der Urwald!« rief er. »Der ist ja verwandelt! Er ist wahnsinnig!«

»Sorgen«, sagte Bink. »Die Antwort des Guten Magiers. Als du uns gerettet hast, hast du dich selbst halb ans Ziel gebracht.

Du hast damit begonnen, die Schwächen des Wirklichseins auf dich zu nehmen. Du empfindest Mitleid, Zorn, Freude, Ärger, Enttäuschung und Ungewißheit. Du hast getan, was du getan hast, weil das Gewissen über die Logik hinausreicht. Na, ist es die Sache nun wert?«

Grundy blickte die Verzerrungen jenseits des Baumstumpfs an. »Es ist der reinste Wahnsinn!« rief er, und alle lachten.