15. KAPITEL
Reda wachte langsam aus einem Schlaf auf, der sich zu tief anfühlte, mit einem Flattern im Magen, das ihr verriet, dass irgendetwas absolut nicht stimmte. Sie lag auf einem harten Untergrund und ihr Kopf tat weh, aber diese Empfindungen schienen fremd und weit entfernt, und ihre bruchstückhaften Träume so viel realer.
War etwa alles nur ein Traum gewesen? dachte sie, war sich aber nicht sicher, wo die innere Stimme herkam oder was sie zu bedeuten hatte.
Ihre Gedanken verstreuten sich wie eine Herde identischer brauner Pferde mit weißer Blesse, die schnaubend und prustend umeinander tänzelten und zusammenprallten. Vergangenheit und Gegenwart vermischten sich. Sie war sechs oder sieben Jahre alt, saß mit gekreuzten Beinen im Wald ihrer Mutter gegenüber und beugte sich mit großen Augen vor. „Erzähl mir mehr von der Magie. Bitte!“ Dann war sie ein Neuling bei der Polizei und duckte sich, während ihr Partner von oben angriff. Sie lachte sich schief, als sie zwei von der Mordkommission mit roten Farbpatronen abschossen. Plötzlich war sie wieder zehn Jahre alt und stolperte im Nachthemd durch den Wald. „Maman? Maman, wo bist du?“ Dann, sechsundzwanzig, an Benz’ Grab, auch wenn sie wusste, dass der Körper darin nicht mehr Benz war. Benz war tot.
Der Friedhof hatte nach frisch gemähtem Gras und Apfelbäumen gerochen. Jetzt stach ihr der Gestank von Ammoniak und Tieren in der Nase. Auch die Geräusche stimmten nicht. Die Stille des Friedhofs wurde gestört von rastlosen Geräuschen, die sie an einen Stall erinnerten: Schnüffeln, Schnaufen und leises Scharren, die Bewegungen großer Leiber im Stroh.
Wo war sie? Was stimmte nicht mit ihr? Was war hier los?
Sie versuchte, die Augen zu öffnen. Dann lichtete sich der Nebel … und sie merkte, dass sie bereits offen waren, aber von einem stinkenden Lappen bedeckt, der ihr fest um den Kopf gebunden war. Einen weiteren hatte man ihr in den Mund gestopft, der sich trocken und eklig anfühlte. Licht und Luft kamen durch die Ränder, aber nur sehr wenig.
Mit einem Aufschrei, der gedämpft und schrecklich war, wollte sie an der Augenbinde zerren. Aber Ketten rasselten, Eisen gruben sich in ihre Handgelenke, und sie konnte ihr Gesicht mit den Händen nicht erreichen.
Ihr wurde klar, dass sie bisher nicht gewusst hatte, was wahre Angst bedeutete.
„Nein!“ Sie kämpfte sich in eine aufrechte Position, rollte von etwas herunter, das sich wie eine schmale Liege anfühlte, prallte unglücklich mit Hüfte und Schulter auf dem kalten Steinboden auf und verhedderte sich in einer der Ketten. Ihre Füße waren nicht gefesselt, aber ihre Handschellen waren an der Wand befestigt, sodass sie nur ein kurzes Stück gehen konnte.
Sie verdrehte sich so stark, dass sie spüren konnte, wie ihre Muskeln sich dehnten, brachte die Hände an ihr Gesicht und zog mit schwachen zitternden Fingern an den verknoteten Lappen. Atme, sagte sie sich, als die Taubheit sich ausbreitete und ihre Bewegungen langsamer wurden und ganz anzuhalten drohten. Verdammt noch mal, atme!
Ihre letzte Erinnerung kam zurück: Sie lag zusammengerollt neben Dayn, während er schlief; sie hörte, wie ein Zweig in der Ferne brach und dann die Stimmen von Männern, die sich leise unterhielten, während sie den Wald durchkämmten. Von ihnen hörte sie, dass Moragh ihre Magie bei der Beschwörung des Feiynd verbraucht hatte und Dayn deshalb nicht mehr durch den Zauber seines Vaters aufspüren konnte. Aber sie wusste, dass er irgendwo verletzt in der Nähe der Stelle liegen musste, an der der Drache gestorben war.
Ihre Nase verschloss sich vor dem Gestank. Ihr blieb die Luft weg, und sie wurde immer panischer, obwohl sie versuchte, ihre Gedanken zu beruhigen. Eins nach dem anderen. Zuerst den Knebel. Der Knoten ist hinten. Aber sie konnte sich einfach nicht bewegen.
Weitere Erinnerungen: Die Männer zogen weiter; sie versuchte, Dayn zu wecken, aber vergebens; ihr Dilemma – sie hatte versprochen, bei ihm zu bleiben, aber die Männer würden bald zurückkommen. Sie schlüpfte aus dem Versteck, mit klopfendem Herzen und ohne Plan, außer dem, die Männer fortzulocken. Nicht in den Toten Wald, aber wohin dann? Der Schrein war ihr eingefallen, sie konnte sie an den Schrein locken. Würde ein Vortex die Männer erschrecken und ihr genug Zeit verschaffen, wieder zurückzurennen?
Der Steinboden fühlte sich kalt und hart an, der Knoten fest und schmierig. Darauf konzentrierte sie sich. Sie zwang sich, sich zu entspannen und das winzige bisschen Sauerstoff einzusaugen, das durch den Knebel in ihren Mund drang. Dann versuchte sie sich noch einmal an dem Knoten.
Die Erinnerungen kamen jetzt klarer und deutlicher: Sie folgte den Männern, ein saurer Geschmack lag in ihrem Mund, und ihr Herz klopfte wild gegen ihre Rippen; sie hatte sie gefunden und umrundet, um sie an den dreizackigen Baum zu locken, und dann …
Ein Schlag auf den Hinterkopf. Ein Mann, der auf ihr kniete und ihr Gesicht in den Dreck drückte. Eine Angst einflößende Diskussion darüber, was mit ihr zu tun war, dann die Entscheidung, sie unversehrt der Hexe zu bringen, damit diese sie ausfragen konnte. Noch ein Schlag, dann Dunkelheit.
Dunkelheit.
Sie schluchzte gegen ihren Knebel und sank in sich zusammen. Ihre Finger konnten gegen die Knoten nichts ausrichten. Die leisen unterdrückten Geräusche weckten die Aufmerksamkeit der Kreaturen um sie herum. Ein kurzes Stück entfernt, hallend wie durch einen Korridor, hörte sie, wie Metall auf Stein schleifte. Darauf folgte ein leises katzenhaftes Knurren, das wie nichts klang, was sie je zuvor gehört hatte. Und dann, noch weiter entfernt, ein Tröten, das ein bisschen wie ein Elefant, ein bisschen wie eine Posaune klang.
Das war kein Stall. Die Geräusche gehörten zu Kreaturen, die man eher im Zoo antraf.
Oder in dieser Welt in einem Bestiarium.
„Nein“, flüsterte sie mit dem Kopf zwischen den Knien, „bitte, nein.“ Sie wusste nicht mehr, ob sie bereits verhört worden war, aber der tiefe Schlaf und der betäubende Nebel ließen sie an die Magie des Vortex denken. Hatte die Hexe sie verzaubert? Hatte sie etwas ausgeplaudert? „Dayn?“, rief sie, zwischen Hoffnung und Angst hin- und hergerissen. „Bist du da?“
Es gab keine Antwort von ihren Mitgefangenen, nicht einmal ein Knurren. Doch eine leise Wärme regte sich in ihr, bewegte sich langsam durch ihren Körper und vermischte sich mit der Hitze ihres Blutes.
Er war am Leben. Sie ließ sich von diesem Gedanken erfüllen, bis er die Kälte ein wenig vertrieben hatte und ihre Muskeln sich entspannten. Wusste er, dass sie auf der Insel gefangen war? Oder dachte er, sie wäre ohne ihn aufgebrochen? Sie wusste nicht, wie viel er durch ihre Verbindung spüren konnte. In ihr regte sich neue Unruhe: Würde er seiner Pflicht den Rücken kehren und nach ihr suchen, oder war ihm das Königreich wichtiger als ihre Verbindung? Sie wusste nicht, was ihr lieber wäre. Sie wusste nur, dass sie es schrecklich fand, dass er ihretwegen in einen solchen inneren Zwiespalt geriet. Er war ein ehrenhafter Mann und ihr verbundener Partner. Aber er war auch ein Prinz von Elden.
Sie hätte gehen sollen, als sie die Chance dazu gehabt hatte, das wusste sie jetzt. Doch auch wenn das besser gewesen wäre, und ehrenhafter, konnte sie nur denken: Zur Hölle damit. Sie wollte Dayn, wollte eine Zukunft mit ihm, auch wenn sie darum kämpfen musste. Weil sie ihn liebte.
„Liebe“, flüsterte sie leise, als der kleine Kern der Wärme zu einem Glühen anstieg und dann zu neuer Kraft wurde, die im Takt mit ihrem Herzschlag durch ihren Körper strömte. Ja, dachte sie. Genau so.
Sie liebte ihn. Nicht, weil er der Förster war, ein Prinz oder ein Held, sondern weil er ein Vampir war und ein Wolfyn. Es ergab überhaupt keinen Sinn und widersprach allem, was ihr Verstand über Gefühle zu sagen hatte. Aber ihrem Herzen war das egal. Sie liebte ihn, so einfach war das. Sie musste kein Vertrauen in dieses Gefühl haben, musste nicht daran glauben, damit es existierte, es war einfach da.
Diese Erkenntnis spornte sie an, und sie setzte sich wieder in Bewegung. Ihre Hände hörten auf zu zittern, der Knoten in ihrem Magen löste sich, und sie streckte sich aus ihrer nutzlos gekrümmten Haltung. Die Ketten schepperten, als sie sich gegen die Liege neu in Stellung brachte, um ihre schweren Handgelenke darauf abzustützen und wieder an den Knoten zu arbeiten, dieses Mal am oberen zuerst.
Er gab fast sofort nach, und die Augenbinde fiel von ihr ab. Na also!
Sie blinzelte in das plötzliche gleißende Licht, bis sie sich an den schwächlichen bernsteingelben Feuerschein gewöhnt hatte, der von den Fackeln vor ihrer Zelle kam.
Denn sie befand sich eindeutig in einer. Sie war so groß wie eine Pferdebox, und in der Ecke gab es tatsächlich eine eiserne Heuraufe und Haken für Futtereimer. Aber die Tür war nicht für ein Pferd oder einen Esel gemacht – jedenfalls keine, die sie bisher gesehen hatte. Sie war aus eisernen Stäben geschmiedet, die vom Boden bis an die Decke reichten. Kein Schloss, keine Scharniere, nichts. Nur Magie.
Sie ließ sich zurücksinken. Ihr Herz klopfte wild, und die Galle kam ihr hoch.
„Oh, Dayn. Hilf mir.“ Ihre Lippen formten die Worte, aber es kam kein Laut heraus. Sie hoffte – betete –, dass er durch ihre Verbindung spüren konnte, wie sehr sie ihn brauchte. Denn sie konnte auf keinen Fall allein entkommen.
Als er den Klang ihrer Stimme vernahm, hob er ruckartig seinen Kopf von der schwachen Spur, der er gefolgt war. „Reda?“
Seine Füße liefen automatisch weiter, aber er richtete seine Aufmerksamkeit nach innen, als ihre Verbindung plötzlich kräftiger wurde als vorher, verstärkt durch die Angst, die er in ihr spüren konnte, und durch ein Echo der Hoffnungslosigkeit, das ihn erschreckte. Sie war in Schwierigkeiten!
Adrenalin raste durch seine Adern, und seine zweiten Fangzähne brachen durch sein Zahnfleisch und gaben ihm die zusätzliche Aggression seiner Blut trinkenden Vorfahren. „Halt durch. Ich komme“, sagte er laut und auch in seinem Herzen. „Halt durch. Geh nicht weg. Geh …“ Er brach ab und blieb wie angewurzelt am Rand eines aufgewühlten Waldstücks stehen, wo die Spuren mehrerer Stiefelabdrücke durcheinanderliefen und Schleifspuren auf einen menschlichen Körper von genau Redas Größe hinwiesen. „Reda!“
Die Abdrücke waren mehrere Stunden alt, der Körper, der sie hinterlassen hatte, war lange verschwunden. „Nein!“ Bei allen Göttern, nein. Wer hatte sie entführt? Diebe, Gesetzlose, Soldaten? Alle gleich gefährlich und gleich erschreckend.
Sein Puls hämmerte ihm in den Ohren, und er versuchte ihre Verbindung mit Magie zu verstärken. Es geschah instinktiv, weil er nicht viel wusste über ihre Verbindung und wie sie funktionierte – erst recht nicht mit jemandem aus der Welt der Menschen. Reda, wo bist du?
Es kam keine Antwort. Nur die Angst.
Er rannte zwei weitere Schritte in ihre Richtung, dann blieb er mit hämmerndem Herzen stehen. Das reichte nicht. Er musste schneller sein und konnte nicht riskieren, ihre Spur zu verlieren. Reda brauchte ihn, und sie brauchte ihn jetzt.
Tief in ihm begann Magie zu brodeln. Nicht die Vampirmagie, sondern die andere. Sei dir selbst treu. Kenne deine Prioritäten. Es war die Stimme seines Vaters, aber er war sich nicht sicher, ob es eine Erinnerung war oder eine Nachricht.
Einen Augenblick lang stand er in der Mitte der zertretenen Lichtung, die Hände zu Fäusten geballt. Sein Körper zitterte im Sog der Kräfte, die versuchten, ihn auseinanderzureißen. Sein Geburtsrecht verlangte, dass er dem Lockruf seiner Wolfyngestalt nicht erlag. Und seine Geschwister, seine Ehre und die Untertanen, die in diesem geplagten Land lebten, brauchten ihn vor Ablauf des Countdowns auf der Burginsel, und dieser Zeitpunkt kam schnell näher. Jeder Funken Verstand und Logik, den er besaß, sagte, dass Redas Bedürfnisse dahinter zurückstehen mussten. Mehr noch, wenn er jetzt dieser Magie nachgab und sich verwandelte, würde er sich so viel weiter von seinem wahren Selbst entfernen.
Bloß fühlte es sich so an, als wäre das schon lange geschehen, und zwar jedes Mal, wenn er darüber nachdachte, Reda nicht zu folgen. Sie war seine Partnerin, seine Liebe, seine andere Hälfte. Ohne sie würde er nicht leben, er würde einfach nur existieren, wie er es die letzten zwanzig Jahre in der Welt der Wolfyn getan hatte. Ohne sie war er nicht er selbst.
Er sah hinauf in den Nachthimmel. „Es tut mir leid, Vater. Ich wünschte, ich könnte der Sohn sein, den du gewollt hast, die Art Prinz, die Elden braucht. Aber ich kann nicht. Das hier ist, was ich bin.“
Und dann verwandelte er sich.
Der Schmerz, der ihn durchfuhr, fühlte sich vertraut an, auch wenn er sich erst zum dritten Mal dieser Wandlung unterzog. Er biss die Zähne zusammen, als sein Fleisch sich dehnte und zerriss, seine Sehnen sich neu ausrichteten und der Boden plötzlich näher kam, als sein Körper sich zu dem eines riesigen Wolfes umformte. Er war ein Jäger. Und heute, wenn es sein musste, ein Killer. Denn er würde auch seine eigenen Untertanen umbringen, wenn er dadurch seine Geliebte retten konnte.
Wut und wilde Aggression stiegen in ihm auf und weckten das Tier in ihm. Er warf den Kopf zurück und heulte.
Vögel flogen aus den umliegenden Bäumen auf, und größere Kreaturen kamen aus dem Unterholz gerannt und flohen vor dem Raubtier, das plötzlich unter ihnen war. Er achtete nicht auf sie, konzentrierte sich nur auf die Düfte, die plötzlich auf ihn einströmten, als er seine Nase senkte und den Pfad entlangrannte.
Zur Zeit seines Vaters wären die Gerüche nach geöltem Leder, geschliffenem Stahl und mit Korn gefütterten Pferden, wie sie zu einer Abteilung der Kavallerie gehörten, eine Erleichterung für ihn gewesen. Jetzt allerdings weckten sie in ihm neue Angst, ließen sein Blut gefrieren und warnten ihn, dass sie nicht von Dieben oder Gesetzlosen geraubt worden war, sondern von Soldaten.
Der Blutmagier hatte sie.
Dayn gelangte auf die Straße und schlug den Weg zum See ein. Sein Kopf war jetzt hoch erhoben, weil der Duft so stark war und weil er wusste, wohin er rannte – dorthin, wo er die ganze Zeit hinwollte. Nicht nach Hause, aber zu seiner Abrechnung.
Vor ihm tauchten die Erinnerungen seines Vaters an den Fall der Burg auf – Blut, das auf den Steinen des Hofes vergossen wurde, Ettine, die sich ihren Weg in den zweiten Stock kämpften, wo die Familie lebte, und König und Königin, die verzweifelten. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Eltern vor sich sah; es war Reda, die allein dastand und versuchte, gegen die Kreaturen anzukämpfen, die sie gepackt hatten und ihre Pranken in sie gruben.
In diesem Wachtraum sah sie ihn direkt an. Doch er konnte ihre Stimme nicht hören, und ihre Verbindung war erschreckend schwach geworden. Beeilung. Er musste sich beeilen! Auf seiner wilden Jagd durch das Dorf ignorierte er die panischen Bewohner und rannte dann weiter am Ufer des Sees entlang, den Körper dicht an den Boden geduckt, die Klauen gruben sich in den Boden. Seine Beine verschlangen nahezu die Strecke bis zur schwer bewachten Brücke. Er hörte Rufe vor sich, sah, wie sich eine Gruppe heruntergekommener Männer vor ihm sammelte, hastig bewaffnet mit zerbrochenen Piken und uralt aussehenden Schwertern.
Er hatte keine Zeit für so etwas und wollte niemanden verletzen, also senkte er einfach den Kopf und preschte los, stob durch ihre Reihen und warf sie zu Boden. Ein Pfeil flog von der Seite heran, aber er schnappte ihn einfach aus der Luft und zerbrach ihn zwischen seinen Kiefern, ganz automatisch, instinktiv, als hätte er schon immer in diesem Körper gelebt.
Rufe folgten ihm auf die schmale Brücke, und ein heiseres Horn schallte Alarm. Zu beiden Seiten erstreckte sich das vergiftete Wasser des Blutsees, und vor ihm tauchte eine Reihe riesiger skorpionartiger Kreaturen auf. Sie schepperten mit ihren rasiermesserhaften Klauen und peitschten ihre Schwänze, als wollten sie sagen: Komm schon, zeig es uns!
Sein Blick überzog sich vor Hass mit einem roten Schleier. Er hatte durch die Augen seines Vaters gesehen, wie diese Monster Soldaten getötet hatten, die seine Freunde gewesen waren, seine Kameraden. Der wilde Kampfinstinkt eines Alpha-Wolfes befahl ihm zu töten; die Instinkte eines Mannes, eines Partners, sagten, er sollte sich schleunigst auf den Weg in die Burg machen.
Als er ihnen näher kam, nahm er alle Kraft zusammen, um über sie hinwegzuspringen. Er sah, wie ihre Schwänze voller Erwartung vor- und zurückpeitschten. Vier Schritte. Drei. Zwei. Er duckte sich, täuschte einen Sprung an, tauchte dann unter den beiden hinweg, die ihm am nächsten standen, und schlug dabei nach ihren Beinen.
Die Biester kreischten schrill und qualvoll auf, und auf der Brücke hinter ihm brach ein blutrünstiges, schepperndes Chaos aus. Er hörte ein paarmal Wasser spritzen, aber er sah sich nicht um. Er hatte schon zu oft zurückgeblickt.
Mit der Schulter warf er zwei aufgebrachte Soldaten in den See, und dieses Mal war das Spritzen gefolgt von markerschütternden Schreien. Dann hatte er die Brücke verlassen, war auf der Insel und auf direktem Weg in die Burg.
Mehr Rufe und ein weiteres Horn erschallten, aber das schien nichts mit ihm zu tun zu haben. Die Burg erwachte zum Leben, als wäre er nicht der einzige unerwartete Gast.
Dayn kam aus dem Tritt, als ihm klar wurde, was das bedeuten konnte.
Es passierte tatsächlich. Er war rechtzeitig zurückgekehrt, und wenn er sich nicht sehr irrte, war er nicht der Einzige. Sein Herz schien federleicht, als er schneller auf die Burg zuhielt.
Der Bolzen einer Armbrust kam auf ihn zu und grub sich vor ihm in den Sand. Als ein Zweiter eine Furche in sein Hinterbein grub, stolperte er einige Schritte. Aber die heilende Magie stieg heiß und heftig in ihm auf, als würde die Heimaterde der Insel ihm neue Kraft geben. Innerhalb von Sekunden hatte die Verletzung sich geschlossen, und er rannte wieder aus voller Kraft auf den äußeren Burghof zu und …
Er kam ruckartig zum Stehen und fiel beinahe hin, als die Spur, der er gefolgt war, plötzlich zur Seite abdrehte und von der Burg fortführte, auf ein paar Gebäude am anderen Ende der Insel zu.
Der Klang von Schritten und das Scheppern von Rüstungen schallten aus der Burg und lockten ihn. Aber seine Verbindung zu Reda lockte ihn mehr. Er konnte sie jetzt spüren, konnte ihre Angst und Verzweiflung spüren. Ich komme, schickte er durch ihre Bindung. Halt durch!
Und er rannte fort von der Burg auf die Frau zu, die er liebte, weil er endlich wusste, wer er wirklich war und wohin er gehörte: zu ihr.