6. KAPITEL

Nein!“ Dayn befreite sich von den Beta-Tieren, die ihn eingekreist hatten, packte Reda und schob sie hinter sich. Dann beugte er sich dicht zu Kenars Gesicht hinunter und brüllte: „Sie ist ein Gast! Im Namen von Recht und Tradition, lasst sie in Ruhe!“

Das Rudel stürmte vor, aber als Kenar aus voller Kehle brüllte, blieben sie zurück und knurrten. Er richtete sich auf den Hinterbeinen auf, dann verschwammen seine Umrisse, als er sich verwandelte. Als die Magie verflogen war, stand er in menschlicher Gestalt da – etwas kleiner als Dayn, stiernackig mit kantigen Gesichtszügen, muskelbepackt und mit Händen so groß wie Boxhandschuhe. Sein Gesicht war rot vor Zorn, die Augen zusammengekniffen und voller Hass. „Sie hat keine Rechte, wenn sie mit einem Scheißblutsauger unterwegs ist. Noch dazu mit einem Mörder aus der königlichen Forstwache. Denn das bist du doch, nicht wahr, Prinz Dayn?“

Und einfach so waren zwanzig Jahre friedlichen Zusammenlebens vergessen, nur wegen eines längst vergangenen Krieges. Die Wolfyn um sie herum knurrten und scharrten, und vor Hass bleckten sie die scharfen Zähne. Sie waren nicht nur da, weil ihr Alpha sie hierhergeführt hatte, sie wollten ihn tatsächlich tot sehen. Er konnte Keely nirgends entdecken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. In Kenars Augen sah Dayn Hass, aber auch Berechnung. Er nutzte die Situation irgendwie zu seinem Vorteil, oder hatte es zumindest vor.

Seine Finger zitterten vor Aufregung, als Dayn unauffällig zwei Klumpen Wolfsbene aus seinem Rucksack nahm und eine davon in Redas schlaffe Hand drückte.

„Hat der Bote der Hexe euch auch gesagt, dass sie selbst eine Bluttrinkerin ist?“, fragte er, nur um Zeit zu schinden. Er tat so, als kratzte er sich am Gesicht und schluckte das Wolfsbene, das sich schleimig im Mund anfühlte, mit einem Nachgeschmack irgendwo zwischen Minze und Schlamm. Er verzog das Gesicht, sprach aber weiter. „Oder dass sie Candida gefoltert und umgebracht hat?“

Er hörte Reda husten und hoffte, dass sie ebenfalls gerade ihre Dosis genommen hatte.

Die Rudelmitglieder traten nervös von einer Tatze auf die andere, und einige wimmerten, als sie diese Neuigkeit hörten. Aber Kenar fletschte seine Zähne. „Wir haben ihren Diener umgebracht, wir hatten unsere Vergeltung. Klaue um Klaue. Mehr noch, der Diener war loyal, was man von der Weisen Wolfyn nicht behaupten kann. Wie lange hat sie von dir gewusst?“

Die ersten Wellen von Hitze und Macht strömten in Dayns Adern, das Wolfsbene begann zu wirken. Es war auch höchste Zeit, denn das Rudel kam immer näher und trieb ihn und Reda zusammen. Er redete jetzt sehr schnell. „Ihr glaubt dem Boten der Hexe eher als Candida? Hat er euch irgendeinen Beweis geliefert, irgendetwas anderes als eine gute Geschichte?“

„Ja!“, brüllte Kenar, und seine Betas nahmen den Ruf auf. „Ja, er hat einen Beweis geliefert. Er hat einen Zauber benutzt, um Keely die kranken Dinge zu zeigen, die du sie hast vergessen lassen! Sie war deine Geliebte. Wie konntest du von deiner Geliebten trinken? Oh, richtig“, spottete der Leitwolf, „du bist ja ein Prinz in deiner Welt, du kannst sie denken lassen, was immer du wolltest. Scheißblutsauger, meine Schwester so zu entehren. Sie zu benutzen.“

Oh. Mist. Redas Keuchen traf Dayn mitten ins Herz. Sein Magen verkrampfte sich vor Schuldgefühlen über das, was er Keely angetan hatte. Nicht nur, weil er von ihr getrunken und es dann vertuscht hatte, sondern auch, weil er jetzt die politischen Zusammenhänge begriff. „Du dreckiger Hundesohn. Du willst die Gelegenheit nutzen, um sie rauszuwerfen. Ich wette, du hast nur darauf gewartet.“

Das Wolfsbene hatte jetzt in seinen Adern ihre volle Wirkung entfaltet, aber es gab keinen Ausweg außer der Flucht nach vorne. Er hob die Armbrust und zielte.

Kenars Augen loderten regelrecht vor Wut. Er winkte dem Rudel und brüllte: „Mit dem Recht der Bedrohung – tötet sie!“

Dayn traf den ersten Wolfyn in die Lende. Er wollte sie verwunden, aber nicht töten. Als das Männchen heulend zusammenbrach und nach dem Pfeil schnappte, ergriff Dayn Redas Hand. „Komm!“

Sie kamen nur wenige Schritte weit, ehe sie wieder umzingelt waren. Reda deckte ihm den Rücken und wehrte die Kreaturen mit großen Schwüngen ihres ungespannten Bogens ab, während er zwei weitere Bolzen in die Menge schoss. Über seine Schulter hinweg sagte er: „Tut mir leid, Reda.“

Aber Entschuldigungen konnten ihnen jetzt nicht helfen, oder? Nichts würde ihnen noch helfen.

Trauer und Schuldgefühle, zwei alte Bekannte, machten sich in ihm breit, als er sein Kurzschwert zog. „Ich versuche, eine Lücke zu schlagen. Mach dich bereit und pass gut auf deine Karte auf.“ Denn sie würde ohne ihn rennen müssen. Auf keinen Fall würde Kenar ihn jetzt noch am Leben lassen.

„Dayn.“ Redas Stimme klang belegt, doch mehr sagte sie nicht. Und es war kein Wunder, dass ihr jetzt die Worte fehlten.

Dayn brüllte auf, schwang seine Waffe in hohem Bogen und stürzte vor, Reda direkt hinter sich. Er kämpfte sich durch die erste Reihe, schlug einen großen Wolfyn dahinter nieder und …

Ohne Vorwarnung sauste ein Pfeil so dicht an ihm vorbei, dass er die Vibration auf seiner Haut spüren konnte, und brachte dem nächsten Tier einen langen Streifschuss im Rücken bei.

„Vorsicht vor dem Wald!“, brüllte Kenar, als ein weiterer Pfeil an ihm vorbeisauste und die Schulter eines älteren Wolfyn in den hinteren Rängen streifte.

Dayn hielt nicht inne, um herauszufinden, wer sie gerettet hatte, er ergriff Reda einfach an der Hand und zog sie mit sich, auf die Lücke zu, die gerade in die Ränge der Wolfyn geschlagen worden war. „Komm!“

Sie rannten ein Stück über die Straße und dann dorthin, wo eine massive Felswand etwa dreißig Fuß hinauf zu einem abschüssigen Plateau führte. Durch das Wolfsbene in seinen Adern und das gesamte Augenkratzer-Rudel auf den Fersen gelang es Dayn, die glatte Felswand in zwei großen Sprüngen zu erklimmen und Reda dabei mit sich zu ziehen.

Sie erreichten den Gipfel und rannten den Abhang auf der anderen Seite hinab. Er führte auf einen schmalen Gebirgskamm mit dichtem Gebüsch zu beiden Seiten. Hier konnte das Wolfsrudel, das ihnen auf den Fersen war, nur neben ihnen herlaufen und sie anheulen, bellen, drohen, herausfordernd und wütend. Dayns Herz raste, seine Muskeln brannten und trieben ihn schneller voran als jeden Menschen, schneller sogar als die meisten Wolfyn. Und Reda hielt bei jedem seiner Schritte mit.

Sie hatten den Großteil des Wolfsrudels bald abgehängt, nur noch einige der schnellsten Wolfyn waren ihnen noch auf den Fersen. Der Gebirgskamm wurde flacher und das Gebüsch lichtete sich. Der Pfad mündete in einem schmalen Plateau, das zu einer Schlucht führte: ein breiter Abgrund, der genau an dieser Stelle von einer schmalen Hängebrücke überspannt wurde.

Als sie den steilen Abhang hinabjagten, Verfolger auf beiden Seiten, rief Dayn: „Bleib hinter mir, aber fall nicht zurück. Wenn wir es über die Brücke schaffen, können wir auf der anderen Seite die Seile kappen.“ Es gab andere Wege über die Schlucht, aber die bedeuteten einen halben Tagesmarsch Umweg.

Sie gab ein Geräusch von sich, das Zustimmung bedeuten mochte oder auch ein Wimmern sein konnte, aber ihnen blieb keine Zeit, anzuhalten und die Möglichkeiten zu besprechen.

Es gab keine anderen Möglichkeiten.

Dayn spürte seinen Puls pochen, in seinem Kopf und unter der Haut, und Kraft floss durch seine Adern und trieb ihn voran. Als sie zwischen den letzten Bäumen auf das flache Plateau kamen, das zur Brücke führte, folgten ihnen nur noch zwei Wolfyn. Die zwei kamen allerdings schnell näher. Und dann, als hätten sie sich abgesprochen, trennten sie sich und griffen von zwei Seiten an.

Noch während sie sprangen, brüllte Dayn: „Runter!“

Er und Reda warfen sich auf den Sandboden, und die Wolfyn stießen in der Luft zusammen. Der größere riss den kleineren mit sich zu Boden. Sie landeten einige Fuß entfernt und begannen zu kämpfen.

Dayn zog Reda hoch, um gleich weiterzurennen. Doch er blieb wie angewurzelt stehen, als er sah, dass die Wolfyn nicht darum kämpften, wieder auf die Beine zu kommen. Sie kämpften miteinander.

Und einer von ihnen war Keely.

Der Kampf war kurz, aber heftig. Innerhalb von Sekunden stand sie auf, während ihr Gegner reglos auf dem Boden liegen blieb. Dann schimmerte sie und verwandelte sich in ihre vertraute menschliche Gestalt. Nur, dass sie auf einmal vollkommen fremd aussah … immer noch groß, schön und gut gebaut, aber … er wusste nicht, was das „aber“ war. Einfach nur „aber“.

Sie sah Reda an. „Du bist seine Führerin?“

„Das behauptet er wenigstens.“ Die Frauen tauschten einen Blick, der ihn ausschloss. Er war vollkommen verblüfft.

„Du wusstest es?“, verlangte er von Keely zu wissen. „Woher?“ Und dann gab er sich selbst die einzig mögliche Antwort: „Candida hat es dir erzählt.“

„Sie wollte, dass noch jemand davon weiß, falls ihr irgendetwas passiert. Als der Diener der Hexe gekommen ist, habe ich so getan, als wüsste ich von nichts. Ich wollte dir eine Nachricht zukommen lassen, um dich zu warnen, aber ich wusste nicht, wie.“

Die Schuldgefühle zerfraßen ihn innerlich. „Es tut mir leid. Ich hätte dir alles selbst erzählen sollen, aber … Kenar.“

„Kenar“, stimmte sie zu. Da war etwas in ihrer Stimme, das nie zuvor da gewesen war. Wut vielleicht oder Trotz. Er fragte sich, ob diese Gefühle neu waren, oder ob sie eine Seite von ihr waren, die sie bis dahin vor ihm verborgen hatte, wie ihre Zusammenarbeit mit Candida.

„Danke, dass du uns zur Flucht verholfen hast“, sagte er, weil er wusste, dass sie es gewesen sein musste. Sein Blick wanderte zur reglosen Gestalt des bewusstlosen Wolfyn. „Bekommst du deswegen Ärger?“

„Ich gebe dir die Schuld.“ Sie sah den Bergkamm entlang, wo das immer lauter werdende Heulen ihnen verriet, dass der Rest des Rudels sich wieder sammelte. „Ihr solltet über die Brücke gehen und sie auf der anderen Seite losmachen.“

„Das ist der Plan.“

„In welche Richtung geht ihr dann?“

„Nordwesten“, sagte er, ohne zu zögern. Er schenkte ihr sein volles Vertrauen, auch wenn es jetzt zu spät dafür war. „Zum Bogen von Meriden.“

Sie nickte. „Ich sage ihnen, ihr seid nach Süden gegangen. Wir gehen dann zur Holzbrücke unten am Candle Pass.“

Das gab ihnen einen halben Tag Vorsprung. „Dafür schulde ich dir einen Gefallen. Verdammt, viel mehr als einen.“ Er zögerte. „Keely, das mit der Gedankensprache tut mir leid. Ich musste nur … ich musste trinken.“

Sie zuckte nur mit den Schultern und sagte in der typisch sachlichen Art der Wolfyn: „Ich bin ziemlich ausgerastet, als Candida mir davon erzählt hat, aber sie hat mich wieder beruhigt und mir geholfen, darüber hinwegzukommen. Und auf lange Sicht war es ein fairer Tausch – ich habe dich für Sex benutzt, du mich für mein Blut. Das machen Leute wie wir eben so – wir benutzen einander.“

Es war ein verdammt schwerwiegender Vorwurf. Und er war schuldig im Sinne der Anklage.

Er musste schlucken und merkte sehr deutlich, dass Reda von ihm zurückgewichen war. Sie schlang die Arme um den Körper, als würde sie frieren, und starrte über die Schlucht, als könnte sie nicht einmal mehr seinen Anblick ertragen. Er wollte sie zur Seite nehmen und ihr sagen, dass es so nicht gewesen war zwischen Keely und ihm. Nur war es nun einmal genau so gewesen – sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie hatten einander benutzt und waren beide zufrieden mit ihrem Handel gewesen. Jetzt, da das Wolfsbene in seinen Adern floss und er Reda getroffen hatte, schien ihm diese Übereinkunft kalt und blutleer.

Doch er hatte jetzt nicht die Zeit, um sie zur Seite zu nehmen und ihr alles in Ruhe zu erklären, nicht einmal für ein paar schnelle Worte. Sie mussten jetzt verschwinden und später reden.

Zu Keely sagte er: „Pass auf dich auf, okay? Und finde dein Glück.“

„Geh jetzt.“ Ihr Blick wanderte von ihm zu Reda und zurück. „Und … finde du auch dein Glück, okay?“

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte, also nickte er nur. „Danke für alles. Geschäftliche Abmachung oder nicht, ohne deine Hilfe hätte ich die letzten zwanzig Jahre vermutlich nicht ertragen.“ Er gab ihr keinen Abschiedskuss, wie er sie auch fast nie zur Begrüßung geküsst hatte. Diese Art von Beziehung hatten sie nie gehabt. Stattdessen führte er Reda zu einer niedrigen Reihe Bäume, hinter der sich der Rand der Schlucht verbarg. „Komm jetzt. Keely verschafft uns so viel Zeit, wie sie kann, aber wir müssen über die Brücke und sie an der anderen Seite lösen, ehe das Rudel herkommt.“

Sie sagte kein Wort, als sie auf die Bäume zuliefen. Er wusste nicht genau, ob ihr Schweigen daran lag, dass sie nach dem Angriff der Wolfyn noch unter Schock stand, ob sie wegen Keely verärgert war oder ob sie ganz andere Gründe hatte. Vielleicht alles zusammen.

Was er mit Sicherheit wusste, war, dass sein Arrangement mit Keely etwas ganz anderes gewesen war als seine Gefühle für Reda. Das eine war geschäftlich und rational gewesen, das andere war vollkommen irrational und unklug. Aber obwohl er das wusste, konnte er seinen Blick nicht von Reda lassen. Zum Teil mochte das an dem Wolfsbene liegen. Aber das meiste war einfach sie.

Er wollte ihr nahe sein, sie ergreifen, sie weiterdrängen. Stattdessen blieb er an ihrer Seite, passte sich ihrem Tempo an und wachte über sie, als sie den Rand des Abgrunds erreichten und auf die Brücke zugingen. Dort wuchsen noch genug Bäume, um ihnen die Sicht auf die wackelige Konstruktion zu verstellen, bis sie fast darauf standen.

Reda blieb wie angewurzelt stehen, und ihr Gesicht wurde im Mondlicht ganz starr. „Auf gar keinen Fall.“

„Es ist sicher, versprochen.“ Zugegeben, der Anblick war nicht gerade vertrauenerweckend. Vier lange Seile waren von einer Seite zur anderen gespannt, zwei davon bildeten mit Holzplanken, die im Mondlicht fast weiß schienen, eine Hängebrücke, die anderen beiden waren auf Schulterhöhe gespannt, damit man sich daran festhalten konnte. In geringem Abstand waren kürzere Seile angebracht, um die wacklige Struktur zu stabilisieren. Luftströmungen aus dem Abgrund ließen das Ganze bedenklich schwanken. Er gab ihr einen kleinen aufmunternden Stoß nach vorn. „Du schaffst das. Ich bin direkt hinter dir.“

„Nein.“ Sie wich zurück, bis sie gegen ihn stieß, ihr Rücken an seiner Brust. Die Berührung weckte Begehren in ihm und die Erinnerung an den Kuss. Er versuchte, sie ganz an den Rand seines Bewusstseins zu drängen. „Es muss einen anderen Weg geben.“

„Gibt es aber nicht.“

„Was, wenn …“

Als er das erste bedrohliche Knurren hinter sich hörte, trat er vor sie und nahm ihr Gesicht in seine Hände. „Wir müssen weiter, Reda. Es ist der einzige Weg.“

Er hatte sie nur von der Brücke ablenken wollen, aber als er die weiche Haut an ihrem Kiefer berührte, durchfuhr ihn Hitze, und etwas tief in ihm sagte: Mein. Und als ihr Blick sich hob, bis sie ihm in die Augen sah, traf ihn das Verlangen wie ein Schlag, und das gleiche Etwas sagte: Jetzt. Er kämpfte nicht gegen den Drang an, auch wenn das vielleicht richtig gewesen wäre. Stattdessen presste er seine Lippen auf ihre, ließ ihr Keuchen verstummen und schlug sie beide in den Bann eines Kusses, der nicht die reine Perfektion hätte sein dürfen. Aber er war es.

In einer Sekunde war Reda vor Angst wie gelähmt, in der nächsten brannte sie lichterloh.

Es gab keinen Übergang, keine Warnung, nichts als den plötzlichen Druck seines harten männlichen Körpers und seine verlangenden Lippen auf ihren, seine Zunge in ihrem Mund. Sie hätte sich losreißen müssen, aber sie brachte es bei all der Hitze und dem gierigen Begehren, das in ihr aufflammte, nicht fertig, ihren Muskeln die entsprechen-den Befehle zu erteilen.

Oh, dachte sie, als die Angst im Flammenmeer dahinschmolz. Oh ja. Lag es am Wolfsbene, dessen Kraft sie noch in ihren Adern spüren konnte? Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber es war ihr auf einmal egal.

Er legte seinen Kopf schräg, vertiefte den Kuss und in ihren Adern schienen Flammen zu lodern. Etwas Wildes und Besitzergreifendes wallte in ihr auf – ein scharfes Begehren, sich in seine Haut zu krallen, Spuren zu hinterlassen –, und sie legte alles, was sie hatte, in diesen Kuss, gab sich dem Augenblick und diesem Mann hin. Er presste sich an sie, legte die Hände in ihren Nacken und an ihre Hüfte, und ihre krallten sich in sein Hemd. In diesem Augenblick gab es nur sie beide und diesen einen Kuss, der ihr Herz zum Flattern brachte und ihr ganzes Selbst dazu, zu sagen: Ja, genau so.

Das war es, was bei den anderen Männern gefehlt hatte, mit denen sie ausgegangen war. Die versucht hatten, Reda davon zu überzeugen, dass sie Mr Right waren, Mr Gutgenug, oder Mr „Traumprinzen gibt es nur im Märchen, also wach auf“. Das war es, wonach sie sich gesehnt hatte: das schmerzhafte Brennen der Lust, die packende Begierde, die sagte, dass sie ihn anfassen musste, ihn küssen, ihn haben. Und mehr noch, es war die Gewissheit, dass auch er sich vor Verlangen verzehrte, sie zu berühren.

Bei den Göttern.“ Er riss sich von ihr los und stand einen Herzschlag lang schwer atmend und mit wildem Blick vor ihr. Dann packte er sie um die Taille, hob sie hoch und setzte sie auf der ersten Holzplanke ab, die im Mondlicht silbrig schimmerte.

Sie keuchte und griff nach den Handseilen. Ein Funken Panik glomm in ihr auf, als das ganze Gebilde wackelte und wankte. Ein paar Kiesel, die über den Rand des Felshangs rollten, schienen ewig zu fallen – man hörte sie nicht auf dem Boden aufschlagen. Reda taumelte zurück, prallte jedoch gegen eine Wand, die so unnachgiebig war wie ein Felsen, aber warm und muskulös. Sie konnte Dayns Herzschlag spüren, schnell und erregt. Er hallte in ihr nach und weckte wieder das pochende Verlangen.

„Komm schon, du kannst es schaffen“, flüsterte er ihr tief und sinnlich ins Ohr. Dann biss er sie zu ihrem Erschrecken in den Hals, gerade so fest, dass der Schmerz sie von dem gähnenden Abgrund unter ihnen ablenkte. Er drängte sich gegen sie und hielt sie zwischen seinen Armen und Beinen fest. „Einen Fuß vor den anderen.“

Er stieß mit dem Knie gegen die Rückseite eines ihrer bewegungslosen Beine, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie trat einen stolpernden Schritt vor, dann noch einen, als er das Gleiche mit dem anderen Bein machte. „Hör auf.“

Statt zu antworten, knurrte er nur leise, dann biss er ihr wieder in den Hals und trat noch dichter an sie heran, um sie über die schmale Brücke zu treiben.

Mit hämmerndem Herzen ließ sie sich leiten. Die kleinen Bisse entzündeten in ihr eine animalische Hitze, die sie alle gesellschaftlichen Konventionen über Bord werfen ließ, bis nur noch ihre Instinkte übrig blieben. Und dieser Teil von ihr genoss es, von ihm dominiert zu werden, über ihre Grenzen hinauszugehen und neues Gebiet zu entdecken.

Sie war sich der gähnenden Schlucht unter ihren Füßen bewusst, spürte die warmen Luftströme, die von unten he-raufwehten, und das Schwanken der Brücke, auch wenn er versuchte, sie zu stabilisieren, indem er seine Arme und Beine, so weit er konnte, gegen die gespannten Seile ausstreckte. Aber diese Sinneseindrücke wurden überschattet von der pulsierenden Hitze, die durch ihre Adern brannte und brillante, pochende Kraft mit sich brachte, die nur zum Teil die aphrodisierende Nebenwirkung des Wolfsbene war.

Sie stammte vor allem von ihm.

„Geh“, drängte er, und seine raue Stimme versprach noch viel mehr als nur das Überqueren der Brücke. „Schneller, Reda. Beeil dich!“

Ihr war schwindelig vor Höhenangst, Magie und der Ausstrahlung des Mannes in ihrem Rücken, als sie einen Schritt nach vorne trat und spürte, wie die Brücke wankte. Sie machte einen weiteren Schritt. Der Atem staute sich in ihren Lungen, als das Pochen ihrer Angst sich in Aufregung wandelte, und dann fast zu Euphorie, als ihre Bewegungen sich beschleunigten und ihr Körper anfing, das Schwanken auszubalancieren.

Hinter ihnen erklang plötzlich Gebell, so scharf wie die Nachtluft, und es näherte sich schnell. Die Wolfyn kamen!

„Beeil dich“, drängte Dayn sie, aber das brauchte er ihr nicht noch einmal zu sagen.

Sie flog geradezu den Rest der Brücke entlang. Ihr Herz klopfte einen wilden aufgeregten Rhythmus, als sie sich der anderen Seite näherte und ihre Schritte immer länger wurden, bis sie nur noch jede zweite Planke traf, dann jede Dritte. Und dann hatte sie es geschafft!

Der feste Boden fühlte sich seltsam unbeweglich an, aber sie drehte sich auf der Stelle um und sah, wie Dayn die Pfähle lockerte, mit denen die Handseile am Rand der Schlucht befestigt waren. Einer gab nach, dann der nächste.

Sie hockte sich ihm gegenüber und ahmte seine Bewegungen nach, lockerte den dritten Pfosten und zog ihn heraus. Eine Seite der Brücke sackte ab, und das ganze Gebilde drehte sich im Mondlicht. Ihr Magen verkrampfte sich, als sie sah, wie die Struktur, der sie gerade ihr Leben anvertraut hatten, so leicht und gründlich auseinanderfiel. Dann ruckte er noch einmal fest, und der letzte Pfosten löste sich. Die Brücke sackte zusammen und fiel, und die im Mondlicht leuchtenden Planken sahen aus wie eine immer kleiner werdende gepunktete Linie. Dann waren sie verschwunden.

Schatten regten sich auf der anderen Seite, als der erste Wolfyn auf schnellen lautlosen Pranken ins Freie trat.

„Mir nach“, sagte Dayn und machte sich in Richtung Süden auf.

Sie lief wortlos hinter ihm her. Es überraschte sie, dass sie ihm so vertraute. Er war ihr Anführer, ihr Alpha. Sie hinterfragte nicht, was er sagte, versuchte nicht, es vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vorstellungen zu verstehen. Stattdessen folgte sie ihm einfach, wohin er sie führte.

Sei vorsichtig. Du kennst ihn gerade erst ein paar Stunden, höchstens einen halben Tag, wandte die praktische, langweilige Stimme der Vernunft ein. Eine Warnung, die rasch vergessen war angesichts der Freude, neben Dayn herzurennen, als er sein Tempo beschleunigte. Die Kraft des Wolfsbene kam wieder zum Vorschein, als würde sie neu geweckt durch die schiere Erleichterung, endlich frei zu sein, zu rennen, wie sie wollten, ohne ihre Verfolger hinter sich zu wissen.

Er sprintete hinter eine kleine Baumgruppe südlich von ihnen, wechselte dann sofort die Richtung und lief weiter nach Norden. Dadurch musste es von der anderen Seite der Schlucht so aussehen, als würden sie nach Süden rennen, und die Wolfyn würden zur südlichen Holzbrücke laufen, wie er und Keely es geplant hatten.

Bei dieser Erinnerung verflog ihre Erleichterung wieder. Ich habe dich benutzt, du hast mich benutzt. Das machen Leute wie wir eben so. Die Worte der Wölfin verfolgten Reda, weil sie so gar nicht zu dem Mann passten, der neben ihr lief … Andererseits, die Wolfyn kannte ihn seit zwei Jahrzehnten, Reda erst seit etwa sechs Stunden.

Der Pfad, auf dem sie unterwegs waren, wurde breiter, bis sie genug Platz hatten, Seite an Seite zu rennen. Bis dahin hatte sie das Gefühl gehabt, dass ihr Puls im Takt mit ihren Schritten geschlagen hatte. Doch jetzt fühlte es sich an, als wäre sie aus dem Takt, als hätten die Fragen, die ihr durch den Kopf wirbelten, sie aus dem Rhythmus gebracht.

Er sah sich zu ihr um. „Mach schon. Frag.“ Sein Gesicht lag im Schatten verborgen.

Ein kalter Schauder verursachte ihr eine Gänsehaut. „Liest du meine Gedanken?“

„Ich habe doch gesagt, ich kann mich nicht mit dir verbinden.“

Es gab keinen Grund, weshalb sie das so treffen sollte, aber es traf sie. Ein eindeutiger Hinweis, dass sie sich zusammenreißen musste. „Dann sag mir doch, was ich deiner Meinung nach fragen sollte.“

„Ob ich von Keely getrunken und dann ihre Erinnerungen gelöscht habe. Ja, habe ich. Wolfyn-Blut ist für meine Art sehr mächtig. Ich brauchte einmal pro Jahr eine Dosis, genau, wie sie in einer Nacht im Jahr einen Liebhaber brauchte, um das Blutmond-Ritual erfolgreich zu vollenden, ohne die Führung ihres Bruders in Gefahr zu bringen.“

Reda drehte sich langsam der Magen um. Nicht nur wegen der Vorstellung, dass er das Blut der Wolfyn getrunken hatte – mit oder ohne ihr Wissen –, sondern auch, weil er seiner langjährigen Geliebten so einfach den Rücken gekehrt hatte, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Und nur wenige Minuten später hatte er sie, Reda, geküsst, und sie hatte sich begehrt gefühlt. Besonders. Mächtig.

Fang nicht so an.

Dayn verlangsamte seine Schritte und rückte seinen Rucksack zurecht. „Ich weiß, dass es ziemlich übel aussieht. Beim Abgrund, es war übel. Keely und ich hatten vereinbart, Sex miteinander zu haben, und dann habe ich ihr Blut gestohlen. Ich habe bei ihr etwas gutzumachen.“

Reda wusste nicht, was sie sagen sollte, und auch nicht, was er sagen könnte, um ihr dieses beklemmende Gefühl in ihrer Brust wieder zu nehmen, also fragte sie nicht weiter nach. Und nach einer Weile verschwand das Gefühl von selbst. Vielleicht war auch das eine Form von Mut – Dinge auf sich beruhen zu lassen.

Sie wanderten eine Stunde. Dann zwei. Der Wald wurde auf beiden Seiten des Pfads immer dichter, und sie war sich auf einmal der schwarzen Wand aus Bäumen rechts und links von sich sehr bewusst, dem vereinzelten Rascheln und dem Aufscheuchen verschreckter Tiere.

Als sie nicht allzu weit entfernt ein Heulen hörte, erschrak sie. „Hat das Rudel uns schon gefunden?“

„Nur ein Einzelgänger, der Ärger will.“ Dayns Stimme klang leicht belegt, weil er sie so lange nicht benutzt hatte. Auf ihren fragenden Blick hin erklärte er: „Ein Männchen kann aus dem Rudel verstoßen werden, wenn es den Anführer herausfordert und verliert, oder wenn der Anführer meint, dass es ihn bald herausfordern wird, und den Kampf vermeiden will. Manchmal schließt so ein Verstoßener sich einem anderen Rudel an, aber da er sich dort meist auch nicht unterordnen und mit der Beta-Rolle zufriedengeben wird, gibt es normalerweise nach kurzer Zeit wieder das gleiche Problem. Darum bleibt ein solches Männchen meistens allein, außer zur Mondzeit.“

Sie klinkte sich vorsichtig in das Gespräch ein. „Warum dann nicht?“

„Weil das die einzigen drei Tage sind, an denen es die Tradition einem männlichen Wolfyn gestattet, eine Herausforderung auszusprechen, ihm also zugesteht, den Führer eines Rudels seine Position streitig zu machen. Zu dieser Zeit werden auch Streitereien geschlichtet, Strafen verhängt und Paare verbunden oder getrennt. Die Wolfyn verschieben die meisten politischen und familiären Entscheidungen auf diese drei Tage, damit es den Rest des Jahres über weitestgehend friedlich ist.“

„Funktioniert das?“

„Es scheint so.“

„Wie zivilisiert.“ Sie runzelte die Stirn und versuchte, diese Information mit dem in Verbindung zu bringen, was sie bisher von den Wolfyn kennengelernt hatte. „Dieses Männchen vorhin.“

„Kenar. Keelys Bruder.“

„Er hat versucht, mich in seinen Bann zu ziehen, aber du hast ihn aufgehalten.“

„Ja.“

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, die Erinnerung an diese Momente zu vertreiben, in denen sie ganz im Bann der Kreatur mit den bernsteinfarbenen Augen gestanden hatte. „Aber du hast doch gesagt, in ihrer Heimatwelt versuchen sie so etwas nicht.“

„Kenar ist …“ Er hielt inne, als suchte er nach den richtigen Worten. „Keely und ich haben einander eine Nacht im Jahr benutzt. Kenar benutzt jeden, zu jeder Zeit. Aber er ist klug. Er lässt es so aussehen, als hielte er sich genau an die Traditionen, auch wenn er sie in Wirklichkeit so verdreht, wie es ihm passt. Und weil er der Leitwolf ist und die wenigen Männchen, die sich ihm entgegengestellt haben, aus dem Rudel geworfen hat, kann er den Rest des Rudels fast vollkommen kontrollieren.“

„Scheint so, als hätten Candida und Keely nicht so sehr unter seiner Kontrolle gestanden, wie er gedacht hat.“

Dayn presste die Lippen zusammen und sah zurück nach Süden. „Ich hoffe, sie weiß, was sie tut. Kenar kann sehr charmant sein, wenn alles nach seinem Willen geht. Aber er kann es nicht ausstehen, wenn man ihn hintergeht.“

Reda nickte. „Ich kenne Männer wie ihn. In meinem Job trifft man viel zu viele davon.“

Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu. „Was ist das für ein Job?“

„Ich …“ Sie hatte nicht davon anfangen wollen, wusste nicht, wie sie überhaupt so ins Gespräch gekommen waren, als wären sie nur normale Freunde auf einem Spaziergang. Oder bei einem normalen ersten Date oder so.

„Es ist schon okay, wenn du nicht darüber sprechen willst“, sagte er. Aber tief in ihrem Herzen störte es sie, das er nur allzu schnell bereit war, einfach weiterzumachen und nicht zurückzublicken. Genau wie der Major.

„Ich war ein Cop“, erklärte sie.

„Eine Wächterin“, sagte er mit einem seltsamen Klang in der Stimme. Doch als sie ihn fragend ansah, schüttelte er nur den Kopf. „Nicht so wichtig. Du hast gesagt ‚war‘. Was ist passiert? Hat das mit deinem Partner zu tun?“

„Ich bin in Schockstarre verfallen.“ Sie ertappte sich dabei, wie sie die Arme vor der Brust verschränkte, und steckte schnell die Hände in die Taschen. „Das schockiert dich sicherlich. Und ja, das sollte Sarkasmus sein.“ Als er keine Antwort gab, wollte sie es eigentlich darauf beruhen lassen. Stattdessen hörte sie sich sagen: „Wir wollten nur einen Kaffee holen, mehr nicht. Benz wollte nicht mal einen – aber mir war kalt, ich war müde und schlecht gelaunt, und unsere Schicht war verlängert worden, weil einige Kollegen sich krankgemeldet hatten. Also hat er vor dem Laden angehalten und wollte mir einen Kaffee besorgen. Und er ist nicht wieder rausgekommen.“

Vielleicht war es das Wolfsbene, vielleicht die wahnsinnige Welt außerhalb der Realität, in der sie sich auf einmal befand, aber auf einmal sah sie die Szene deutlich vor sich, an die sie sich so lange Zeit nur verschwommen und bruchstückhaft hatte erinnern können.