1. KAPITEL
Reda Weston stand zögernd auf dem Gehsteig vor dem Cat-Black-Kuriositätenladen, eine Hand auf dem Türgriff und den Magen voller Schmetterlinge. Das Spiegelbild mit den großen Augen, das ihr von der getönten Glasscheibe in der Tür entgegenstarrte, kam ihr nicht bekannt vor. Ja, die Fremde hatte einen lockigen roten Pferdeschwanz, genau wie sie selbst, und sie trug die zerfetzte Jeans und die abgewetzte Lederjacke, die Reda am Morgen aus ihrem Schrank gezogen hatte, weil es keinen Grund mehr gab, sich wie ein Cop anzuziehen. Und ja, das waren ihre blauen Augen in den tiefen Höhlen, die sich in ihrem Gesicht gebildet hatten. Aber wenn sie das war, was tat sie dann hier?
Normalerweise wäre sie nicht einmal in die Nähe der kitschigen Läden für Magie, Hexerei und so weiter gekommen, die die Uferstraße von Salem säumten, es sei denn, jemand hätte die Polizei gerufen … aber normal war seit sechs Wochen ohnehin nichts mehr. Und sie hatte MacEvoy, den Besitzer von Cat Black, nun einmal gebeten, das Buch für sie zu finden.
„Es ist da“, hatte er ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen, „und wenn Ihnen das Bild gefallen hat, das Sie gekauft haben, werden Sie den Rest davon lieben.“
Gefallen? Sie hatte die letzten vier Tage mit nichts anderem verbracht als damit, den gerahmten Holzschnitt von einem düsteren grusligen Wald aus knorrigen und verwachsenen Bäumen anzustarren, in deren Schatten sich Augen zu verbergen schienen. Mehr noch, sie hatte von dem Bild geträumt … und von anderen, ähnlichen Bildern.
Ein Scheppern ließ sie zusammenfahren. Sie griff nach der Waffe, die sie nicht trug, und hielt dann beschämt inne, als sie merkte, dass sie selbst so sehr zitterte, dass der Türknauf schepperte. Schlimmer noch, sie wusste nicht, wie lange sie so da gestanden hatte.
„Sie sollten mit Schlafstörungen rechnen, Panikattacken, Verhaltensänderungen, sogar Zwängen“, hatte ihr der Polizeipsychologe gesagt. Und ja, das hatte sie alles durchgemacht … bis auf das Letzte. Das hier war ihr erster wirklicher Zwang. Oder vielmehr der seltsame Drang, der sie vor ein paar Tagen in diesen abartig gruseligen Laden getrieben hatte, war der erste gewesen. Das hier war der zweite. Und er war viel heftiger.
Es ist nicht das gleiche Buch, redete sie sich ein. Es ist nur eine andere Ausgabe. Nur hatte ihre maman gesagt, es gäbe nur ein einziges Exemplar. Du verlagerst nur, versuchst, ein Problem zu lösen, das lösbar ist, weil man das echte nicht lösen kann. Es war der praktische Teil von ihr, der da sprach, die Stimme ihres Vaters. Und plötzlich konnte sie den Major in den blauen Augen erkennen, die sie anstarrten, und in der aufrechten Haltung, die sie größer wirken ließ als ihre ein Meter achtundsechzig. Innerlich allerdings flüsterte die Stimme ihrer Mutter: Sieh es dir wenigstens an. Was hast du zu verlieren?
„Meinen Verstand“, murmelte sie und ignorierte dabei den Schmerz, der sich um ihr Herz legte. Sie zögerte noch einen Augenblick, schüttelte den Kopf und trat festen Schrittes durch die Tür, die eine Glocke weit im Inneren des vollgestopften Ladens zum Läuten brachte.
Wie bei ihren früheren Besuchen roch es verwirrenderweise nach Fußpuder – krümeliges Talkum mit einer betäubend parfümierten Note, die sie an Beerdigungen erinnerte. In den Ständern an der Tür standen die üblichen Verdächtigen: Kunstpostkarten, Bücher über Hexenprozesse, Ausgaben von „Der Hexer von Salem“ und so weiter. Aber die Ständer selbst waren nicht wie üblich aus Draht, sondern aus Holz und mit seltsam verschlungenen Ornamenten und stilisierten Schuppen und Zähnen beschnitzt. Die Wände waren schwarz gestrichen und mit einem blassgrünen Muster verziert. Sie war sicher, dass es im Dunkeln leuchtete, wenn MacEvoy das Licht ausschaltete. Es wäre der perfekte Hintergrund, wenn er die riesige Statue von Gevatter Tod hervorholte, die in einem Glaskasten hinter der Kasse eingeschlossen war. Sie würde hundert Dollar darauf verwetten, dass die Statue wie ein Transformer in eine riesige Bong verwandelt werden konnte.
Jepp. Das hier war einfach nicht ihre Welt. Sie sollte lieber wieder gehen.
„Miss Weston!“ MacEvoy trat aus einer Tür, auf der „Zutritt nur für Mitarbeiter“ stand. Er streckte ihr die Hand entgegen, und in seinen blutunterlaufenen Augen stand ein Ausdruck der Freude, der falsch sein konnte oder auch aufrichtig.
Der mittelgroße, schlaksige Mann mittleren Alters schien nur aus Armen und eckigen Gelenken zu bestehen. Er wirkte ein wenig wie ein Insekt, das jemand in einen abgetragenen schwarzen Anzug gesteckt hatte. Der Anzug sah aus, als hätte er einmal einem viktorianischen Leichenbestatter gehört; wahrscheinlich hatte er ihn im Ausverkauf bei dem Kostümverleih ein paar Häuser weiter bekommen.
Sei nicht so gemein, sagte sie sich, als sie ihm die Hand schüttelte und seinen Gruß erwiderte. Es ist ja nicht so, als hätte er sich aufgedrängt. Und es war nicht seine Schuld, dass sie sich vollkommen fehl am Platz vorkam. Es lag nicht an seinem Laden oder an ihm.
„Hier entlang.“ Er trat in den Kassenbereich, wo in einer Glasvitrine beeindruckend hässlicher Schmuck aus Silber und Mondstein lag, und daneben ein silberner Frosch, dessen Granataugen Reda überallhin zu folgen schienen. Aber das war nur Einbildung.
Oder nicht?
Sie unterdrückte ein Schaudern und erinnerte sich selbst daran, dass sie nicht an Magie glaubte und das Ganze sowieso nur eine Show für die Touristen war. Dass die Atmosphäre auf sie wirkte, bedeutete nur, dass MacEvoy besser war, als sie vermutet hatte.
Er verschwand hinter der Vitrine, kramte dort einen Augenblick herum und gab dann ein zufriedenes Geräusch von sich. Als er sich aufrichtete, hielt er einen schwarzen Karton mit Metallbeschlägen in der Hand, auf dessen Seite „säurefrei, Archivbestand“ gedruckt war.
Bei dem Anblick erklang in Redas Kopf das Klingeln einer Registrierkasse, und sie fragte sich, ob sie einfach „Danke, ich habe es mir anderes überlegt“ sagen und stattdessen noch eine Sitzung bei ihrem Seelenklempner buchen sollte. Billiger wäre es. Oder sie konnte nach Hause gehen und den Papierkram auf ihrem Schreibtisch erledigen – Bewerbungen in den forensischen Instituten von Colby College und der University of New Haven. Das hieß nicht, dass sie den Schwanz einzog. Sie sah sich nur nach anderen Möglichkeiten um.
Aber all diese praktischen Überlegungen waren sofort vergessen, als MacEvoy den Karton auf den Tresen legte und ihn öffnete … Eine Welle der Hitze rollte über sie hinweg und bereitete ihr eine Gänsehaut. Sie fühlte sich plötzlich wach, obwohl sie vorher keinesfalls schläfrig gewesen war.
Der Ladenbesitzer grinste. „Gefällt es Ihnen?“
„Oh, ja“, hauchte sie. „Ja, das tut es.“ Weil es nicht nur irgendein Buch war. Es war das Buch. Es musste es einfach sein.
Auf dem Titel sah sie eine fein geschnitzte Szene, wieder im Wald, und dieses Mal lief ein unglaublich niedliches Mädchen einen schmalen Pfad entlang. Sie trug einen langen bauschigen Umhang über einem einfachen Kleid und sah über ihre Schulter zurück. Ihr Blick drückte zu gleichen Teilen Angst und Aufregung aus. Es gab keinen Autorennamen, nur einen Titel, der ein wenig erhabener war als die Schnitzerei. „Rutakoppchen“.
„Rotkäppchen“, flüsterte sie und hörte das Wort in der Stimme ihrer Mutter. Nicht nur einzigartig hatte sie an jenem lange vergangenen Geburtstag gesagt, sondern nur für dich bestimmt. Man hat es mir geschickt, mein Schatz, damit ich es dir gebe, wenn die Zeit gekommen ist.
MacEvoy sah überrascht aus. „Sie verstehen die Sprache? In den Papieren steht, es ist ein seltener west-europäischer Dialekt, und es gibt nicht viel Hoffnung auf eine Übersetzung.“
„Ich brauche keine Übersetzung.“ Sie kannte die Geschichte bereits auswendig. Mit klopfendem Herzen griff sie nach dem Buch.
Der Ladeninhaber hakte einen knochigen Finger in die Schachtel und zog sie ein Stück zu sich. „Wollen Sie es kaufen?“
Ihre Kreditkarte lag auf dem Tresen, ehe sie sich ihrer Entscheidung überhaupt bewusst war. Mehr noch, sie riss sie nicht wieder an sich, als MacEvoy danach griff, auch wenn die Stimme der Vernunft in ihr kreischte, dass sie nicht einmal nach dem Preis gefragt hatte.
Es war ihr egal. Sie musste es haben, egal, ob es wirklich das Exemplar war oder nicht, egal, ob es wirklich einzigartig war. Nicht wegen der seltsamen bruchstückhaften Träume, die sie jede Nacht heimsuchten, seit sie den Holzschnitt gekauft hatte – ein Steinkreis, wie Stonehenge, nur anders, ein Gefühl der Dringlichkeit, ein Aufblitzen von grünen Augen, das sie erregte und dann mit einem Gefühl schmerzlicher Leere aufwachen ließ –, sondern weil es ein fehlender Teil ihrer Vergangenheit war. Und wenn das Übertragung war, war es ihr gerade mehr als egal.
Als er ihre Karte durch das Gerät zog, berührte sie mit den Fingerspitzen das geschnitzte Holz und verspürte eine seltsame Erregung. Ihre Nerven kribbelten, und ein klügerer Teil von ihr fragte sich, was zum Teufel hier los war und warum sie sich so verhielt.
„Stimmt es, dass der Wolf Rotkäppchen in dieser Version nicht nur auffrisst?“, fragte MacEvoy, während er auf den Kassenbeleg wartete. Er sah zu ihr auf, und seine blutunterlaufenen Augen schienen zu leuchten. „In den Papieren stand, er verführt sie zuerst, versklavt sie, spielt mit ihr, bis es ihn langweilt … und dann frisst er sie.“
„So in der Art“, sagte sie. Sie konnte es nicht abwarten, in dem Buch zu blättern, aber sie wollte es nicht vor ihm tun, auch wenn sie nicht hätte sagen können, warum. Genauso wenig konnte sie das plötzliche Klopfen ihres Herzens erklären oder ihre feuchten Handflächen oder das flatternde Gefühl in ihrem Bauch. Sie wusste nur, dass ihre Hände zitterten, als sie den Beleg unterschrieb, die Schachtel schloss und sie sich unter den Arm klemmte. „Danke. Man sieht sich.“ Oder auch nicht.
„Warten Sie“, sagte er, als sie schon auf dem Weg zum Ausgang war. „Ich wollte Sie noch fragen … sind Sie nicht diese Polizistin? Sie wissen schon, die …“
Sie neigte den Kopf, drückte die Schachtel fester an sich und verließ das Geschäft, so schnell sie konnte.
Der kurze Weg zu ihrem Apartment am Rand des Szenebezirks, wo die alten Häuser wieder hergerichtet wurden, schien sich ewig hinzuziehen. Die beiden Nachbarn, denen sie unterwegs begegnete, taten so, als würden sie sie nicht sehen. Reda spürte einen schuldbewussten Stich. Trotzdem tat sie, was der Psychiater ihr geraten hatte: Sie sagte sich selbst, dass die Leute ihr nicht die Schuld daran gaben, dass ihr Partner bei dem Versuch, einen Überfall auf ein Spirituosengeschäft zu verhindern, erschossen worden war. Ihre Nachbarn, genau wie der Großteil ihrer Freunde und ihrer Familie, wussten einfach nicht mehr, was sie noch sagen sollten, immerhin war Benz schon mehrere Monate tot, und sie geisterte immer noch herum, als wäre ihr bester Freund gestorben.
Und genauso war es ja auch. Durch ihre Schuld. Nicht, weil sie etwas falsch gemacht hatte, sondern weil sie nichts gemacht hatte. Sie war wie erstarrt gewesen. Hatte einfach da gestanden, während ein dreckiger Meth-Junkie auf Bewährung das Feuer eröffnet hatte.
In den Nachrichten hatten sie gesagt, sie hätte Glück gehabt. Die anderen Cops hatten eigentlich nichts gesagt. Genau wie ihre Nachbarn jetzt schwiegen, wenn sie an ihnen vorbeieilte. Aber zur Abwechslung hatte ihr Herzklopfen nichts mit den schrägen Blicken und dem Getuschel zu tun. Auch nicht mit ihrem Vater und ihren Brüdern, die ihr ja gleich gesagt hatten, dass sie nicht der Typ war, der die Welt rettete. Stattdessen war es die schwere Schachtel, die sie an ihre Brust drückte und so fest umklammerte, dass ihre Finger taub wurden, die ihr Herz heftiger schlagen ließ.
Sie atmete so schnell, dass ihr schwindelig war, als sie ihr kleines gemütliches Apartment aufschloss. Sie blieb nicht einmal stehen, um die Lederjacke auszuziehen, ließ die Handtasche einfach neben der Tür fallen und ging zur Küchenzeile. Der hohle Klang der Schachtel, als sie auf der Holzanrichte landete, erinnerte sie daran, dass sie nicht auf den Kreditkartenbeleg gesehen hatte und nicht wusste, wie viel sie für das Ding überhaupt ausgegeben hatte. Es war ihr egal.
„Mach es jetzt auf“, sagte sie zu sich selbst. Die Worte klangen viel zu laut in der Stille, die um sie herum herrschte, als würde die Welt den Atem anhalten. Oder vielleicht – wahrscheinlich – lag es an ihr. Sie bauschte die Sache viel mehr auf, als nötig war. Trotzdem zitterten ihre Finger, als sie die Schachtel öffnete, hineinfasste und den hölzernen Buchdeckel berührte. Sie sagte sich selbst, dass sie sich das leise Kribbeln nur einbildete. Genau wie die heißen Träume, die sie seit ein paar Nächten hatte, nicht mehr waren als Erinnerungen an ihre Kleinmädchenfantasien vom strahlenden Retter, aufgeheizt von ihren erwachsenen Erfahrungen.
Sie fuhr die erhabenen Buchstaben mit dem Finger nach. Rutakoppchen. Eine Version von Rotkäppchen, in der der Wolf Sünder und Verführer war und der Förster der Held, der das Mädchen rettete und aus ihrem alten Leben in ein neues führte, ein besseres. Das Buch zu sehen, es zu berühren, brachte sie ihrer Mutter näher, als sie es seit Jahren gewesen war. Selbst wenn das Buch sich als Kopie herausstellen sollte, war es doch wert, was immer sie bezahlt hatte.
Aber sie musste es wissen, deshalb schlug sie es auf. Der Einband quietschte wie eine schlecht geölte Tür, ihre Kehle wurde auf einmal trocken und eng … und dann traten ihr Tränen in die Augen, als sie die handgeschriebenen Zeilen auf der ansonsten leeren Seite vor sich sah, blaue Tinte, die in den letzten zwei Jahrzehnten verblasst war.
Für meine süße Alfreda zu ihrem achten Geburtstag.
Den Rest der Geschichte erfährst Du mit sechzehn.
Deine Maman
Redas Herz überschlug sich schier in ihrer Brust, als sie mit den Fingern über das letzte Wort fuhr. Maman. Ihre älteren Brüder hatten sie immer gehänselt, dass sie sich „aufspielte“, sie Prinzessin genannt und sie aufgezogen, weil an ihnen nichts auch nur annähernd Königliches war. Sie waren Soldatenkinder und stolz darauf.
Du kommst nie voran, wenn du immer zurückblickst. Die Stimme des Majors erklang auf einmal so deutlich, als stünde er direkt hinter ihr. Was nicht sein konnte, denn er war gerade in Übersee. Es waren nur die Worte, die so vertraut klangen: Augen geradeaus; ein Fuß vor den anderen; sieh nach vorn, nicht zurück. Lebensweisheiten.
„Du hast recht“, sagte sie leise. „Ich weiß, du hast recht.“ Sie sollte das Buch zurück in die Schachtel legen, es vielleicht sogar in den Safe einschließen, wo sie ihren unbenutzten Reisepass aufbewahrte. Sie sollte Trost darin finden, eine lieb gewonnene Erinnerung wiederzuhaben, und sich dann auf Wichtigeres konzentrieren – zum Beispiel auf die Bewerbungen.
Aber sie blätterte trotzdem um und konnte nicht anders, als das Bild des jungen unschuldigen Mädchens mit ihrem Korb zu betrachten. Dann eines von einem riesigen Wolf – ihre Maman hatte Wolfyn dazu gesagt –, der ihr auf dem Pfad hinterherschlich und ihr mit viel zu menschlichen Augen dabei zusah, wie sie das Häuschen ihrer Großmutter betrat, es aber leer vorfand. Die nächsten Seiten zeigten Wolfyn und Mädchen gemeinsam, und die Geschichte stand eher im Text als in den Bildern. Doch dann verwandelte sich das riesige Biest in einen Mann mit zerzausten Haaren und heißen wilden Augen, und das Mädchen sah mit leuchtender Miene und aufgeregt zu ihm auf, als würde sie einen schönen Prinzen vor sich sehen und nicht einen lüsternen Wolfyn. Doch dieses Mal sah Reda noch etwas, das ihr vorher nicht aufgefallen war: Das Mädchen sah abwesend aus und lächelte fast an dem Wolfyn vorbei, statt ihn anzusehen.
Reda zog sich der Magen zusammen. Sie hatte diesen Ausdruck schon bei Opfern von K.-o.-Tropfen gesehen.
Sie überflog die nächsten paar Bilder und bemerkte, dass ihre Mutter einige Seiten ausgelassen haben musste. Oder hatte sie die Bilder als Kind gesehen und nur nicht gewusst, was sie bedeuteten? Denn jetzt, aus der Perspektive einer Erwachsenen – einer Polizistin, die schon mit Vergewaltigungen zu tun gehabt hatte, wenn auch glücklicherweise nicht so oft, wie es in einer größeren und härteren Stadt der Fall gewesen wäre –, sahen der leere glasige Blick des Mädchens und der blinde Gehorsam auf die jugendfreien, aber doch anzüglichen Befehle des Wolfyn ganz nach Drogen oder Gehirnwäsche aus. Oder beidem.
Sie war nicht verführt worden. Man hatte sie gezwungen.
Reda schauderte. „Den Teil habe ich ganz anders in Erinnerung.“ Andererseits hatten die meisten Märchen einen dunklen und blutigen Ursprung und wurden erst für den Mainstream verniedlicht, wenn Disney sie in die Finger bekam.
In ihrem Kopf begann ein Gedanke zu summen wie eine gefangene Hummel, doch sie bekam ihn nicht lange genug zu fassen, um zu verstehen, was das alles zu bedeuten hatte.
„Armes Mädchen“, murmelte sie und berührte ein Bild der jungen Frau, auf dem sie mit schweren Lidern neben dem Herd lag, in dem ein niedriges Feuer brannte. Der Wolfyn war in Verwandlung begriffen und sah aus dem Fenster, das Fell in seinem Nacken aufgerichtet, als würde er in den Schatten nach Gefahr suchen. Es war schwer zu sagen, ob er sie beschützte oder gefangen hielt. Wahrscheinlich beides, je nachdem, wen man fragte.
Reda merkte, dass sie sich viel zu sehr darin verstrickte, einen zweidimensionalen Charakter zu bedauern, der für sie auf einmal stellvertretend für die vielen Opfer stand, mit denen sie gearbeitet hatte. Sie war so darin vertieft, dass sie den Förster, der auf der nächsten Seite abgebildet war, einfach einige Herzschläge lang anstarrte.
Dann flüsterte sie: „Da bist du ja.“ Was albern war, denn genau wie das Mädchen war der Förster nicht mehr als ein Bild in einem Märchenbuch.
Nur war er mehr als das. Er war der Held.
Wie er im Türrahmen stand, mit der langstieligen Axt vor seinem Körper, hätte er wie das Klischee eines Holzfällers aussehen sollen. Stattdessen wirkte er merkwürdig fehl am Platze, als wäre ein fahrender Ritter aus einer anderen Geschichte in diese versetzt worden. Die hochgerollten Ärmel legten muskulöse Unterarme frei, die sich von seinem festen Griff um die Axt spannten. Die Spannung setzte sich im Rest seines großen hochgewachsenen Körpers fort bis hinauf in sein Gesicht, auf dem Ekel und Entschlossenheit standen, als er sah, was sich in der Hütte abspielte.
Reda konzentrierte sich auf jedes Detail: die zerzausten schwarzen Haare über seiner edlen Stirn, die breiten Wangenknochen, die schmale aristokratische Nase, die vollen Lippen und den kantigen Kiefer, und seine Augen … lieber Gott, seine Augen. Sie starrten von der Seite direkt in ihre Seele und schienen lebendig, obwohl es nur eine Illustration war, und noch dazu eine schwarz-weiße.
Doch sie kannte diese Augen. „Grün“, flüsterte sie und sehnte sich plötzlich unsinnigerweise nach einem Mann, der nicht wirklich existierte. „Seine Augen sind grün.“
Hilf ihm. Die Worte erklangen in ihrem Kopf in einer fremden Stimme, als hätte ihr eigener Atem sich in Worte verwandelt, die nicht aus ihr selbst kamen.
Ein Schauer durchfuhr ihren Körper.
„Super, jetzt bildest du dir schon Dinge ein, wenn du hellwach bist“, sagte sie laut und versuchte, mithilfe der Worte die plötzliche Spannung zu vertreiben, die in der Luft hing.
Es funktionierte nicht. Die Luft blieb schwül, und Donner grollte. Ihr Magen fühlte sich hohl an, und ihr blieb die Luft weg.
Dieses Mal hörte sie die Worte im Pfeifen des Windes vor ihrem Fenster: Hilf ihm. Rette ihn.
Ihr Herz raste, als sie draußen den Himmel sah, genauso klar und hell wie vorhin, als sie MacEvoys Laden verlassen hatte. Und doch grollte wieder ein Donner, vibrierte durch die Sohlen ihrer Stiefel ihren ganzen Körper hinauf. Sie fühlte sich plötzlich leer und allein.
Er ist auch allein. Hilf ihm. Sie hörte den Wind, aber die Bäume in der Nachbarschaft bewegten sich nicht, und auch die kleinen Schönwetterwolken hingen bewegungslos am Himmel.
Ein Wimmern stieg in ihrer Kehle auf. Sie unterdrückte es, aber die Panik blieb und brachte eine Erinnerung mit sich, die sie lange Zeit tief vergraben geglaubt hatte, bis sie jetzt plötzlich vollkommen klar in ihrem Kopf auftauchte.
„Also, was meinen Sie – ist sie verrückt?“, fragte ihr Vater den Arzt. Sie konnte die beiden vom Wartezimmer aus durch die halb offene Sprechzimmertür sehen, konnte sie deutlich hören, obwohl sie leise sprachen.
„Solche Ausdrücke benutzen wir nicht“, sagte der Arzt mit ernstem Gesicht, aber ihr Vater nickte nur, als hätte er die Antwort bekommen, die er erwartet hatte. Der Arzt seufzte. „Hören Sie. Die menschliche Psyche benutzt eine Art Schutzmechanismus, um mit Trauma und Verlust umzugehen. Wir rationalisieren solche Ereignisse, die Ursachen und Folgen. In diesem Fall hat Redas Psyche einen eher ungewöhnlichen Schutzmechanismus gewählt, der sie glauben lässt, ihre Mutter wäre nicht tot, sondern gefangen in einem magischen Land, in einer anderen Welt. So etwas kann nach dem Verlust eines Elternteils geschehen, besonders bei Kindern ihres Alters. Normalerweise gibt sich das von selbst.“
„Wie lange?“
„Ein paar Monate, vielleicht noch länger. Aber es ist im Grunde harmlos.“
„Sie nennen es harmlos, dass sie schlafwandelt, zur Hintertür hinaus und in den Wald? Was, wenn sie sich verlaufen hätte? Oder noch schlimmer, was, wenn der Falsche sie gefunden hätte?“ Die Stimme des Majors wurde zum Ende hin immer lauter, aber dann sah er zu ihr nach draußen und senkte die Stimme wieder: „Helfen Sie mir, Doc. Das muss aufhören. Für die Jungs. Wir alle müssen die Sache endlich hinter uns lassen.“
Der Arzt sagte nichts, und Redas Herz schlug wild bei dem Gedanken, dass er dem Major erzählen könnte, dass sie recht hatte, dass es die Königreiche wirklich gab und dass manchmal Besucher aus Versehen durch die Tore zwischen den Welten fielen. Sie beugte sich aufgeregt in ihrem Stuhl vor.
„Wir können ein paar Sachen versuchen“, sagte der Arzt schließlich. „Zuerst würde ich empfehlen, das Buch loszuwerden.“
Die Erinnerung verschwamm und löste sich auf, aber der Schmerz in ihrem Herzen blieb, und mit ihm Redas Überraschung über diese verdrängte Kindheitserinnerung. Nicht, weil der Major ihr solange etwas vorgemacht hatte, sondern weil die monatelange Therapie so wirkungsvoll gewesen war. Sie hatte seitdem nicht mehr an das Buch, an Magie oder Monster gedacht.
Oder an ihre Mutter.
Der Polizeipsychologe hatte natürlich gewollt, dass sie über den Tod ihrer Mutter sprach, aber Reda hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Das ist lange her.“ Und dabei wäre es auch geblieben … wenn sie nicht das Buch gefunden hätte. Oder vielmehr, wenn das Buch nicht sie gefunden hätte.
Donner grollte wieder, er hörte sich jetzt näher an, auch wenn die Sonne noch immer schien. Ohne es zu wollen, wanderte ihr Blick zurück zu der Seite mit dem Bild des Försters, der im Türrahmen stand, sie anstarrte und in ihr eine Sehnsucht weckte. „Verdrängte Erinnerungen“, sagte sie leise. „Darum geht es hier, richtig?“
Der Tod von Benz hatte die Mauern geschwächt, und der seltsame Zufall, den Holzschnitt in MacEvoys Geschäft zu entdecken, hatte das Fundament fortgespült. Jetzt war der ganze Schutzmechanismus dabei, zusammenzubrechen. Wenn man bedachte, wie stolz sie auf ihre Selbstkontrolle und Disziplin war, war es seltsam, wie wenig ihr das ausmachte. Seit der Schießerei hatte sie sich gefühlt, als würde sie auf der Stelle rennen oder sich in sich selbst zurückziehen, als wartete sie auf etwas. Und das hier war es.
Oder nicht? Was, wenn das alles nur in ihrem Kopf passierte? Was dann?
Der rationale logische Teil von ihr sagte, sie sollte den Psychologen anrufen und sich irgendwo einweisen lassen.
Stattdessen streckte sie eine Hand aus, die plötzlich überhaupt nicht mehr zitterte, berührte die Buchseite und legte die Finger auf die Brust des Jägers.
Mühelos erinnerte sie sich an die magischen Worte, die ihre Maman ihr beigebracht hatte. Sie hatten zusammen auf einem moosbewachsenen Ufer am Ententeich gesessen, die Beine verschränkt und so nah beieinander, dass ihre Knie sich berührt hatten. „Konzentrier dich“, hatte ihre Maman gesagt, immer und immer wieder, auch wenn es ihr irgendwie nie wie eine Lektion vorgekommen war, nie wie Arbeit. „Schließ die Augen, stell dir eine Tür vor, und sag den Zauberspruch, und wenn du deine Augen wieder öffnest, bist du dort, wo du sein sollst.“
Die Worte waren natürlich nicht magisch und würden keinen geheimen Gang in ein magisches Reich vor ihr öffnen. Aber sie waren genau das, was ihr Verstand brauchte, um diese verdammten Mauern ein für alle Mal einzureißen.
Also dachte sie sich was soll’s? und sagte die Worte.
Ein krachender Blitz zerriss die Luft um sie herum, und Wind erhob sich, so unmöglich das war. Er wirbelte um sie herum, obwohl sie mitten in ihrer Wohnung stand. Panik stieg in ihr auf, und sie erstarrte, gelähmt vor Angst. Ihr Puls hämmerte in ihren Ohren, aber dieser schnelle Herzschlag war die einzige Bewegung, zu der sie noch in der Lage war.
Sie versuchte, nach Hilfe zu rufen, aber sie konnte nicht, versuchte, ihren Blick von dem Buch loszureißen, konnte aber auch das nicht. Sie war kurz davor, durchzudrehen. Sie schrie, doch kein Laut war zu hören; sie kämpfte, doch sie konnte sich nicht bewegen. Die Augen des Försters wurden größer und größer, bis sie nichts mehr sehen konnte als das Tintenschwarz, nur noch den Wind hörte, und sie spürte …
Nichts.
Welt der Königreiche
Moragh fuhr aus ihrer Trance, als ihre Hellseherei von einer anderen Magie unterbrochen wurde – einer blutgebundenen Macht. Seit vielen Jahren hatte sie desgleichen nicht mehr gespürt.
„Der Prinz!“, zischte sie aufgeregt, als sie die Quelle des Signals erkannte. Endlich – endlich – nach all dieser Zeit konnte sie den Zauber spüren, der ihr damals die Beute entrissen hatte. Mehr noch, sie konnte ihm folgen. Auch jetzt noch, da das erste Aufflackern der Macht abgeklungen war, spürte sie die Verbindung in sich, pochend wie ein Herzschlag. Einer, der signalisierte: Hier entlang. Ich kann dich zu ihm führen.
Der Zauber war wieder aktiv. Den dunklen Lords sei Dank.
Ihre Lippen bogen sich zu einem Lächeln, das in dem reich verzierten und vergoldeten Zauberspiegel wild aussah. Kurz blitzten Fangzähne hinter den Lippen einer braunhaarigen kühlen Schönheit von etwa vierzig Jahren auf. Als es ihr damals nicht gelungen war, Prinz Dayn umzubringen, hatte sie den Zorn des Blutmagiers nur mit Mühe überlebt, und es hatte lange gedauert, seine Gunst zurückzugewinnen. Und ihr Versagen hing ihr immer noch nach. Doch jetzt … „Genugtuung“, sagte sie, und das Wort hallte von den kalten Steinmauern der Burg wider.
Neben dem Herd blickte Nasri, ihr Diener, von seinem Wischmopp auf. Der alte Gnom mit den krummen Fingern – jetzt nur noch sieben, weil man ihn vor Kurzem beim Stehlen einer Fleischpastete erwischt hatte, für die er mehr als genug bare Münze gehabt hätte – entfernte die Blutflecken der letzten Nacht von den Steinen. Das Wasser in seinem Eimer war dunkel, der graue Mopp blutbeschmiert. „Herrin?“
„Schick nach dem Bestiarium. Ich will die zwei größten Ettine in einer Stunde zur Jagd bereit.“ Die dreiköpfigen Riesen waren reine Wut gepaart mit Hunger, Tötungsmaschinen, die man nur auf ihr Ziel loslassen musste. „Und sag dem Aufseher, er soll ihre Halsbänder noch einmal mit einem Zauber verstärken. Ich werde sie selbst führen, und du kommst mit, um dich um sie zu kümmern.“
Er zuckte zusammen und wimmerte angstvoll. „Solltet Ihr nicht lieber …“
„Geh“, fuhr sie ihn so energisch an, dass er quietschend zur Tür hinausstolperte. Als er verschwunden war, lächelte sie noch einmal den verzauberten Spiegel an. „Bei meinem Leben und meinem Blut, diesmal erwische ich ihn.“
Sie hatte einmal versagt. Sie würde es nicht wieder tun.