10. KAPITEL
Redas Schrei ging unter in dem Tumult, der sich unter den Wolfyn erhob, als Dayns Gestalt verschwamm, breiter wurde, sich verwandelte, sich zusammenzog … und schließlich zu einem riesigen Wolfyn wurde.
Dayn war ein Wolfyn. Oh, Gott. Nein. Das ist nicht möglich. Das passiert gerade nicht wirklich. Aber ein Kopfschütteln ließ den Anblick nicht verschwinden, und sie glaubte schon lange nicht mehr, dass alles nur ein Traum war. Oder in diesem Fall ein Albtraum.
Sein Pelz war dunkel, fast schwarz, und der rötliche Schulterfleck und der goldene Streifen auf dem Rücken hoben sich davon ab wie ein sichtbar gewordener Schrei. Als er die Lippen bleckte, um Kenar anzuknurren, waren seine Fangzähne länger als die der anderen und verflucht spitz. Ein Vampir, gefangen im Körper eines Wolfes, jedenfalls für den Augenblick.
„Neeiiiiin.“ Das Wort entkam Reda als tiefes verzweifeltes Stöhnen. Das Konstrukt ihrer unwirklichen Wirklichkeit brach um sie herum zusammen, und sie erkannte, was in den letzten paar Tagen wirklich passiert war.
Dayns strahlende Augen – immer noch smaragdgrün, nicht bernsteingelb wie die der anderen – richteten sich auf sie, als er das Geräusch wahrnahm, aber sie konnte keine menschlichen Gefühle in ihnen erkennen. Seine Worte hallten in ihr wider: Es tut mir alles sehr leid.
Er meinte damit nicht nur, dass sie in die Magie seiner Familie verwickelt worden war, nicht nur, dass er ihr dieses riesige Geheimnis verschwiegen hatte. Er entschuldigte sich für das, was er ihr in den letzten Tagen angetan hatte.
Dieser Bastard hatte sie in seinen Bann gezogen.
Scham. Zorn. Herzschmerz. Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte, worauf sie sich konzentrieren sollte in der riesigen Welle der Gefühle, die durch sie hindurchtoste, während das Rudel versuchte, mit dieser Verschiebung des Machtverhältnisses umzugehen.
Kenar erholte sich schnell von seiner Überraschung. Er war zwar blass geworden, aber sein Grinsen hatte nichts von seiner schleimigen raubtierhaften Art verloren. Es erinnerte sie an den Wolfyn im Buch, den Bösen … und plötzlich wurde ihr klar, dass Dayn überhaupt nicht der Förster gewesen war.
Er war der Wolf.
Er war der Verführer, der Versucher. Und sie war seiner Versuchung erlegen.
„Eine Herausforderung?“ Kenar bedeutete den anderen zurückzubleiben, und das Rudel gehorchte. Binnen Sekunden standen er und Dayn einander alleine in der Mitte eines Kreises von Wolfyn gegenüber. „Meinst du, das Rudel wird dich jetzt noch als seinen Anführer akzeptieren? Wohl kaum. Und glaub bloß nicht, dass Keely dir dieses Mal helfen wird. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie damit beschäftigt, vor einem riesigen silbernen Einzelgänger zu fliehen.“ Kenars Grinsen wurde noch fieser. „Wahrscheinlich hat er sie mittlerweile eingeholt. Ich frage mich, ob sie ihren Spaß hat? Diese Einzelgänger bekommen nicht viele Weibchen ab.“
Dayn knurrte tief in seiner Kehle und fing an, Kenar zu umkreisen. Er versuchte, an seine ungeschützte Flanke zu gelangen.
Der Alpha, immer noch in menschlicher Gestalt, drehte sich mit ihm, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Er verspottete ihn jetzt offen. „Hattest du vor, die Führung meiner schwachen Schlampe von Schwester zu überlassen? Glaubst du, das wäre irgendeine …“ Er verwandelte sich ganz plötzlich, duckte sich und sprang mit einem wilden Brüllen. Dayn tat es ihm gleich.
Die zwei riesigen Kreaturen prallten mitten in der Luft aufeinander und fielen als fauchendes Knäuel aus Fell, scharfen Klauen und schnappenden Kiefern wieder zu Boden. Blut spritzte, und einer der Kämpfer jaulte. Dann richteten sie sich gemeinsam auf die Hinterpranken auf. Jeder versuchte den anderen mit dem Kopf zu rammen, der noch dazu mit verflucht scharfen Zähnen bewaffnet war.
Knurren und aufgeregtes Jaulen wurde in der Menge laut, und dann verwandelten sich einige Wolfyn von ihrer menschlichen in Wolfsgestalt, als wäre das Erlebnis im Pelz noch besser.
Reda drehte sich der Magen um. Sie musste durch den Mund atmen, um die Übelkeit zu bekämpfen, die mit der fatalen Mischung aus Angst, Ekel und Erschütterung in ihr aufstieg.
In seinem Bann. Mein Gott.
Das erklärte, warum sie sich so schnell und heftig verliebt hatte, oder? Und selbst jetzt, da sie die Wahrheit wusste, stand sie noch unter seinem Zauber. Es konnte nicht anders sein, denn ihr Blick hing wie gebannt an der Kampfszene, und das Herz schlug ihr bis zum Hals.
Sie ertrug es nicht zu sehen, wie Blut sein dichtes dunkles Fell befleckte, als er und Kenar voneinander abließen. Sie ertrug den Gedanken nicht, dass sein schlanker, schöner Körper von neuen Narben entstellt sein würde. Und sie ertrug es nicht, dass die anderen Wolfyn ihn mit kalten harten Augen ansahen, die besagten, dass er, selbst wenn er diesen Kampf gewann, nicht lange genug leben würde, um seinen Gewinn zu beanspruchen. Sie wollte sich zwischen Dayn und die anderen werfen, sie mit ihrem Körper abwehren und dabei fauchen: mein.
Mehr noch, ein Teil von ihr genoss den Anblick seiner Wolfgestalt: wie sein dichtes schwarzes Fell in der Sonne glänzte und sich über seinen festen Muskeln spannte, wenn er seinen Gegner ansprang, und dass seine Augen wie smaragdgrüne Flammen loderten, während die Kämpfenden miteinander rangen, sich gegenseitig bissen und anknurrten. Der Anblick seiner geschwungenen, langen und tückisch scharfen Eckzähne berührte etwas tief in ihr, und die Art, wie er sich bewegte, elegant wie ein Kämpfer oder wie das größte aller Raubtiere, rief in ihr wieder dieses Flüstern hervor: mein.
Sie musste hier weg. Denn wenn sie noch länger blieb, würde sie seinem Zauber vielleicht nie entkommen.
Aber wie sollte ihr das gelingen? Sie war umzingelt und unbewaffnet, ihr Bogen und die Pfeile lagen irgendwo am Rand auf dem Boden verstreut. Ihre Gedanken rasten, während sie sich umsah. Sie nahm eine rasche Bewegung in den Bäumen neben dem Wasserfall wahr, und eine weitere in einem Gebüsch in der Nähe, aber dann nichts mehr. Wahrscheinlich nur ein Vogel.
Ihre Häscher waren jetzt alle in Wolfgestalt und folgten gebannt dem Kampf. Dayn bäumte sich über Kenar auf, ließ sich dann auf ihn hinabfallen und drückte den Alpha mit seinem ganzen Gewicht zu Boden. Zähne blitzten, Blut spritzte, und Kenar jaulte vor Schmerz. Als er wieder aufstand, japste er und zog ein Vorderbein nach. Auch Dayn war verletzt: Er blutete aus einer tiefen Wunde in der Schulter, und das Blut, das unter ihm auf den Boden tropfte, verriet, dass sich in seinem dunklen Fell noch weitere Wunden verbargen. Doch er griff zuerst wieder an, warf Kenar zurück und setzte ihm nach, wobei seine blutbefleckten Zähne aufblitzten.
Das brutale fleischige Knirschen, das folgte, war das Schrecklichste, was Reda bisher gehört hatte. Sie würgte, als Kenar noch einmal zuckte und dann grauenvoll schlaff wurde.
Doch dann wurde das Knirschen zum Zweitschrecklichsten, was sie je gehört hatte. Dayn übertraf es, indem er seine Vorderpranke auf Kenars Körper setzte, die blutbeschmierte schwarze Schnauze gen Himmel reckte und einen furchterregenden und selbstzufriedenen Siegesruf ausstieß.
Arruuuuuuuuuu. Der Klang berührte ihr Innerstes, sie wollte schreien und sich selbst die Haut zerkratzen. Oder vielleicht war es das Wissen, mit so einer Kreatur, einem solchen Killer, geschlafen zu haben. Ihr Herz zerriss, als sie seine unglaublich schöne Wolfgestalt anstarrte, Angst einflößend … und so vollkommen fesselnd.
Er heulte wieder, und ihr wurde auf einmal sehr schlecht, sie presste sich eine Hand auf den Mund und wandte sich ab. Zwei Wolfyn-Wächter liefen neben ihr her, als sie blind aus dem Kreis rannte, ohne Ziel, sie wollte nur weg. Sie musste fort vom Anblick seiner smaragdgrünen Augen, fort von seinem wilden kraftvollen Heulen, fort von der brennenden Sehnsucht, sich noch einmal umzudrehen.
Die Wächter trieben sie an den Anfang des Pfades, dort, wo man ihren Bogen und die Pfeile hingeworfen hatte. Einer schob sie mit der Schnauze zu ihren Waffen. Der andere wandte sich wieder dem Rudel zu, und sein silberweißes Fell stellte sich auf, als wolle er sie beschützen, statt sie gefangen zu halten.
Moment. Silber?
Reda sah hinab zu dem Wolfyn neben ihr und glaubte, etwas Vertrautes in den Augen zu erkennen. „Keely?“
Die Kreatur nickte und gab ihr einen kräftigen Stoß in Richtung ihrer Waffen und des Pfads dahinter. Sie bellte etwas, das fast wie „Geh!“ klang.
Und dann ertönte plötzlich ein alarmiertes Jaulen, das Trampeln vieler Pranken. Reda sah auf und entdeckte, dass das Rudel sich ihr zugewandt hatte, ihr und Keely und dem Männchen mit dem silbernen Rücken.
Reda hetzte los. Sie schnappte sich ihren Bogen und die Pfeile und rannte auf den Pfad zu. Hinter ihr rief ein wildes Fauchen zum Angriff. Das Augenkratzer-Rudel setzte hinter ihr her, und Keely und der Einzelgänger versuchten, sie abzuwehren. Es gelang ihnen nur zum Teil. Sie konnten einige der Wolfyn aufhalten, aber andere kamen auf Reda zu.
Sie rannte um ihr Leben. Ihre Beine und ihre Lungen taten weh. Das Wolfsbene half, aber war es genug? Bitte, Gott. Götter. Wer auch immer ihr seid, dachte sie schluchzend, als sie den Pfad erklomm, mit einem halben Dutzend Monstern auf den Fersen, die immer weiter aufholten.
„Halt!“ Der Befehl ließ die Wolfyn auf der Stelle innehalten.
Sie konnte nicht anders. Als sie Dayns Stimme erkannte, drehte sie auf halbem Weg um und sah zurück. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sah, wie er über Kenars Körper stand. Beide hatten wieder menschliche Gestalt angenommen, einer lebendig, einer tot.
Dayn trug die gleichen Kleider, die er vor seiner Verwandlung angehabt hatte – wie funktionierte das? –, und für einen Sekundenbruchteil sah er aus wie die Illustration in ihrem Buch, wie der Förster, der über dem erlegten Wolf stand und triumphierte, weil er das Mädchen gerettet hatte.
Es war die Wahrheit, und auch wieder nicht.
Ihre Blicke begegneten sich, und selbst über die Entfernung hinweg fühlte sie, wie zwischen ihnen die Funken sprühten. „Oh, Dayn“, flüsterte sie, und ihr Herz schmerzte dabei.
„Bei allen Göttern, Reda, lauf. Mach, dass du fortkommst.“ Er rief die Worte nicht, aber sie hörte sie deutlich in ihrem Kopf und in ihrem Herzen. Und genauso deutlich sah sie, wie das Rudel sich ihm zuwandte. Den Wolfyn sträubte sich das Fell, als der Rausch, in den Kampf und Jagd sie versetzt hatten, sich legte und ihnen klar wurde, dass er sowohl ihr eingeschworener Feind als auch ihr neuer Anführer war.
Reda wusste, dass Schreckliches bevorstand. Aber gerade als ihr Körper – hinterhältig, wie er war – sie wieder zwei Schritte den Pfad hinabführte, begann über ihr ein wahres Getose aus Klang und Energie und übertönte ihr eigenes schluchzendes Atmen.
Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, was das bedeutete: Der Vortex war voll ausgebildet. Wenn sie diese Welt verlassen wollte, dann jetzt.
Und oh, lieber Gott, wie sehr sie diese Welt verlassen wollte.
Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wirbelte herum und rannte den Rest des Pfades hinauf.
Sie hörte, wie Dayn ihren Namen rief, aber sie sah sich nicht um. Sie konnte nicht. Sie konnte nur noch nach vorne sehen.
Das schmale Felsentor, das den Bogen bildete, war höher, als es vom Tal aus gewirkt hatte, der Fall tiefer, der Pfad selbst schmaler – an vielen Stellen kaum mehr als zwei Fuß breit, und an den Rändern bröckelte er. Doch auch wenn sie vor wenigen Tagen noch vor einer Seilbrücke zurückgewichen war, schritt sie jetzt ohne Angst über den bröckelnden Steinbogen.
Sie wusste nicht, ob sie vielleicht einfach schon zu viel Angst hatte, um noch Angst zu haben, ob die ständigen Schrecken sie immun gemacht hatten, aber als sie hinab in das Zentrum des Vortex sah, dachte sie nur: Schlimmer kann es nicht werden. Sie verspürte keine Vorfreude, als sie sich den Zauber ins Gedächtnis rief und sich die Küche in ihrem Apartment vorstellte, die ihr plötzlich nicht mehr wie eine sichere Zuflucht vorkam, sondern klein und langweilig. Aber sie konnte nicht in der Welt der Wolfyn bleiben, und sie wollte nicht mit Dayn gehen. Jetzt nicht mehr.
Sie wandte sich um, sah, wie das Rudel sich um Dayn sammelte, als würden sie seine Befehle erwarten, und spürte, wie ihr Herz brach.
Und dann sprang sie in den Wirbelsturm, der sie davontragen würde.
Reda! Dayn sah sie fallen, spürte den Sog des Vortex tief in seinen Knochen und wusste, sie war fort. Er merkte es an der Leere in sich. Sie hinterließ in ihm Lücken, deren Existenz er bis vor ein paar Tagen nicht einmal geahnt hatte.
Er verspürte Schmerz – nicht die körperlichen Qualen, die mit der Verwandlung einhergingen, sondern Schmerz darüber, wie sie ihn angesehen hatte, als er sich verwandelt hatte, und dann noch einmal, als er Kenar umgebracht hatte. Die Welt war ein besserer Ort, weil dieser Bastard tot war, aber er wünschte doch, es hätte einen anderen Weg gegeben. Hatte es aber nicht, und er hatte deswegen jetzt ein stinksaures Rudel am Hals, das keinen Führer hatte, und keine Zeit zu verlieren.
Er riss sich vom Anblick des Felsentors los und konzentrierte sich wieder auf das Rudel. Es gefiel ihm nicht, wie Kenars oberste Lieutenants ihn einkreisten. In den hinteren Reihen jedoch schien ein Aufruhr zu herrschen, dort, wo Reda sie durchbrochen hatte. Vielleicht hatte er doch einen oder zwei Verbündete. Schade nur, dass ihm die nicht das Geringste nützen würden, wenn vierzig Wolfyn sich auf seine Kehle stürzten.
Das Hämmern seines Pulses dröhnte laut in seinem Schädel, und Dayn streckte die Hände in einer beschwichtigenden Geste aus. „Hört zu, ich will einfach nur nach Hause. Wenn ihr mich gehen lasst …“
Der Wolfyn, der ihm am nächsten war, fing an zu verschwimmen und nahm seine menschliche Gestalt an. Dayn erkannte ihn als Janus, einen stiernackigen Soldaten, der den Befehlen seines Alphas ohne zu zögern folgte und die Traditionen besser kannte als die Namen seiner Geschwister. „Du hast den Kampf vielleicht gewonnen“, knurrte er, „aber wir werden uns nicht von einem dreckigen Blutsauger anführen lassen.“
„Ich will euch nicht anführen. Ich will nur …“
„Ich fordere mein Recht auf Herausforderung.“
„Verdammt, Janus, hör mir doch einen Augenblick zu. Ich will nicht mit dir kämpfen.“
„Pech.“ Der andere Mann nahm wieder seine Wolfyn-Gestalt an. Er bleckte die Zähne zu einem wilden Fauchen.
Dayn fluchte leise, sich nur allzu bewusst, wie wenig Zeit ihm noch blieb, ehe der Vortex sich zurückbilden würde. Verdammt, das Ding konnte jeden Augenblick zusammenbrechen. Er atmete tief ein, rief seine andere Magie an, und …
„Halt, verdammt!“, erklang die Stimme einer Frau.
Alle Blicke richteten sich auf sie, und ein Murmeln aus Jaulen und Knurren wurde laut, als sie Keely in menschlicher Gestalt erblickten, die sich mit einem Mann an ihrer Seite den Weg durch die Menge bahnte. Er war gut doppelt so breit wie sie und hatte silbernes Haar, obwohl er nur wenige Jahre älter zu sein schien. Er trug die schweren Pelze und das Siegel des Schwanzbeißer-Rudels und sah Dayn mit einem stählernen Blick an, als die beiden sich ihm im Kampfkreis anschlossen, der sich nach Janus’ Herausforderung gebildet hatte.
„Wer zum Henker bist du?“, platzte Dayn heraus, aber noch als er es sagte, erkannte er, ging ihm auf, was ein Mitglied des Schwanzbeißer-Rudels mit der Sache zu tun hatte, und er zählte eins und eins zusammen. „Roloff?“
„Aye.“ Das leise Knurren des großen Mannes reichte aus, um das Rudel sofort einzuschüchtern. Er ließ seinen Blick über die Wolfyn wandern. „Keelys Vater hat sie mir versprochen, aber Kenar hat diesen Bund nicht geachtet und mich stattdessen ausgestoßen. Ich fordere sie für mich, mit dem Recht des ursprünglichen Versprechens.“ Dayn bemerkte vollkommen fassungslos, wie Keely errötete.
Also doch kein Einzelgänger, dachte Dayn. Es war Roloff gewesen, der zu jeder Mondzeit gekommen war und sich gezeigt hatte, um zu prüfen, ob Keely bereit war, sich gegen ihren Bruder aufzulehnen. Und dieses Jahr bekam er endlich, was er wollte.
Bei allen Göttern, er würde die Politik der Wolfyn nie verstehen. Aber wenigstens einer bekam, was er wollte.
Dayn schaute zum Vortex hinauf. Ach, Reda.
„Verweigert mir jemand diese Partnerin?“, verlangte Roloff zu wissen.
Dayn sah ihm in die Augen. Er beschämte Keely nicht, indem er den Kopf schüttelte. Aber er sagte auch nichts.
Keely und Roloff umarmten oder küssten sich nicht, aber der Blick, den sie einander zuwarfen, verriet, dass sie zur Ausgestoßenen zu machen das Beste war, was Kenar je für sie getan hatte.
Als Keely sich jetzt dem Rudel zuwandte, schien sie ganz in ihrem Element. „Laut Recht und Abstammung hätte die Führung dieses Rudels an mich gehen sollen, nicht an Kenar. Er hat abseits der Tradition die Kontrolle übernommen, was bedeutet, dass die Herausforderung keine wahre Herausforderung war, und dieser Mann“, sie zeigte auf Dayn, „nicht euer Führer ist. Ich bin es.“ Sie ließ ihren stechenden Blick über das ganze Rudel wandern. „Will mich jemand herausfordern?“
Totenstille folgte. Selbst Janus sah etwas erleichtert aus.
Nach einer Minute nickte sie. „Gut. Dann hört mich an. Dieser Mann geht unbehelligt von uns. Keiner rührt ihn an.“ Sie wandte sich wieder Dayn zu, nahm seine Hände und drückte sie. Es war wahrscheinlich die erste spontane freundschaftliche Geste, die sie in zwei Jahrzehnten ausgetauscht hatten. „Kehrt heim, Prinz Dayn von Elden. Geht mit meiner Freundschaft und der Hoffnung, dass dies der Anfang einer neuen Ära ist, in der zwischen unseren Welten Frieden herrscht.“
„Du … Wow. Okay.“ Dayn zögerte, eine solche Botschafterrolle anzunehmen, noch ehe er sein Königreich zurückerobert hatte. „Ja. Das ist ganz schön ambitioniert.“
„Candida hat es so gewollt. Deswegen hat sie mit dir Freundschaft geschlossen. Wenn du es also nicht für mich tun willst, dann tu es für sie.“
Er musste schlucken. „Für euch beide. Und für das Wohl unserer Welten, hoffe ich.“
„Gut. Dann geh. Mach endlich, dass du fortkommst.“ Sie küsste ihn auf die Wange, drückte ihm Rucksack, Armbrust und Schwert in die Hände und bedeutete dem Rudel, ihn durchzulassen.
Die Art, wie Roloff ihm auf die Schulter klopfte, machte deutlich, dass er auf keinen Fall zurückkommen sollte. Der Rest des Rudels beobachtete ihn, ohne zu blinzeln, aus bernsteinfarbenen Augen, in denen deutlich die Erleichterung darüber zu lesen war, ihn endlich loszuwerden. Es würde mehr als Keelys guten Willen brauchen, um sie zu überzeugen – geschweige denn die anderen Rudel –, den Bluttrinkern eine Chance zu geben, aber die Vorteile eines solchen Bündnisses konnten immens sein. Was nur ein Grund mehr für ihn war, endlich durch den Vortex zu reisen, um die neue Ära einzuläuten.
Trotzdem machte sich ein Gefühl der Leere in Dayn breit, als er den Pfad zum Steinbogen hinauflief. Nicht, weil er traurig darüber wäre, die Welt der Wolfyn zu verlassen, oder wegen der Veränderungen – und der Toten –, die es seinetwegen gegeben hatte, oder zumindest nicht nur. Nein, der Schmerz in ihm hatte rote Locken und blaue Augen, und das leere Gefühl entsprang der Gewissheit, dass die drei besten Tage seines Lebens vorüber waren.
Und der Rest fing gerade erst an.
Seine Füße schienen schwer, als er auf die schmale Steinbrücke trat. Er folgte Redas Spuren in der dünnen Kiesschicht, blieb stehen, wo sie stehen geblieben war, stand, wo sie gestanden hatte. Er schloss die Augen eine Sekunde lang, versuchte, sie in Gedanken zu erreichen, doch es gelang ihm auch diesmal nicht. Trotzdem schickte er seine Nachricht auf die wogende Magie der Welten zu, hoffte entgegen aller Wahrscheinlichkeit, dass die Worte sie erreichen konnten, genau, wie das Märchenbuch sie einst erreicht hatte: Leb wohl, süße Reda. Sei mutig. Leb dein Leben.
Und dann tat er, ohne hinabzusehen, einen Schritt über den Rand. Und fiel nach Hause.