Tarzanflug

Steve Landers führte die drei ??? zu einer langen Strickleiter. »So, hier fangen wir an. Einer nach dem andern klettert hoch, und dann wartet ihr oben auf dem kleinen Podest. Zuerst erkläre ich euch aber etwas zum Thema Sicherheit. In diesem Park verfügen wir über das sogenannte Schienensystem. Ihr hakt euch einmal zu Beginn in die Seile ein und seid dann für den ganzen Parcours gesichert. An einigen Stellen müsst ihr euch kurz aushaken und dann wieder einhaken. Bei dieser Selbstsicherung arbeitet ihr mit den zwei Karabinerhaken an eurem Kletterzeug. Hier gilt eine wichtige Grundregel: Niemals beide Sicherungen gleichzeitig aushaken!«

Peter preschte vor und sprang förmlich in die Strickleiter. »Los geht’s! Jetzt spielen wir Kletteraffen.« Es dauerte nur wenige Sekunden, und er hatte das Podest in einigen Metern Höhe erreicht. Anschließend folgte ihm Bob. »Ist überhaupt kein Problem, Just«, lachte dieser. »Das ist so leicht wie Treppensteigen.« Doch Justus hatte reichlich Mühe, die wackeligen Trittstufen der Leiter zu erklimmen. Aufmerksam wurde er dabei von Steve Landers beobachtet. »Gut gemacht, Jungs! Das war schon fast der anstrengendste Teil. Ich komme jetzt auch hoch.«

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Als Nächstes ging es über eine wackelige Hängebrücke, und selbst Peter hatte etwas Respekt vor dieser Aufgabe. »Man darf nur nicht nach unten gucken«, stöhnte er. »Wer hier runterfällt, der kann seine Knochen sortieren.«

Justus versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und meisterte die Aufgabe gut. Von nun an ging es immer wieder über solche Brücken und wacklige Seilkonstruktionen. Schließlich erreichten die drei ??? ein weiteres Podest, wo sie sich kurz ausruhen konnten.

»Nicht schlecht«, lobte Landers die drei. »Ihr seid schon fast richtige Kletterer. Jetzt starten wir mit dem großen Tarzanflug.« Justus schluckte nervös. »Was ist denn der große Tarzanflug?«

»Ganz einfach: Ihr werdet euch gleich an dieses Seil hängen und wie Tarzan damit nach unten sausen. Ihr kennt doch Tarzan, der sich an den Lianen von Baum zu Baum schwingt, oder?« Bob nickte. »Ja, das ist doch dieser Affenmensch, der im Urwald aufgewachsen ist.«

»Genau. Tarzan, der Dschungelheld. Einfach gut festhalten, und der Rest geht von allein. Unten landet ihr weich in aufgestapelten Strohballen.«

Mittlerweile stand auch Bobs Vater an dieser Stelle und winkte den drei ??? zu. »Wenn ihr gleich runtersaust, dann mache ich Fotos. Also immer schön lächeln.« Auch andere Schaulustige hatten sich versammelt und blickten nach oben. Zwischen den Menschen entdeckte Justus einen Mann, der sich gleich mehrere Kameras umgehängt hatte. »Merkwürdig«, murmelte er. »Das ist noch jemand von der Presse.«

Wieder wollte Peter es als Erster wagen. »Okay, ich springe. Was Tarzan kann, kann ich schon lange.«

Steve Landers kontrollierte noch einmal die Klettergurte und Sicherungshaken. Dann reichte er Peter eine Schlaufe. »Wie gesagt, gut festhalten! Siehst du über dir die Rolle am Seil? Damit saust du gleich runter. Kann nichts passieren.«

Justus stand etwas abseits auf dem Podest. Komisch, je öfter jemand sagt, dass nichts passieren kann, umso mehr Angst bekomme ich, dachte er.

Peter packte entschlossen das Halteseil und holte tief Luft. Doch gerade als er sich abstoßen wollte, kam er auf einmal aus dem Gleichgewicht und ließ vor Schreck das Halteseil los. »Mist!«, fluchte er. »Jetzt rauscht das Ding ohne mich ab.«

Alle verfolgten, wie das Seil an der Rolle mit hoher Geschwindigkeit nach unten schoss. Dann aber, bereits nach wenigen Metern, begann die Laufrolle, leicht zu zittern, und plötzlich löste sich die ganze Konstruktion und stürzte in die Tiefe. Unten rannte die Menge erschrocken auseinander, und der Mann mit den vielen Kameras schoss ein Foto nach dem anderen. Bobs Vater starrte entsetzt nach oben. »Peter!«, schrie er aufgeregt. »Ist alles okay bei dir? Was ist passiert?«

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Dieser konnte immer noch nicht fassen, was gerade geschehen war. »Das gibt’s doch gar nicht«, stotterte er. »Hätte ich das Seil nicht losgelassen, dann wäre ich auf den Boden geknallt.« Auch Steve Landers war geschockt. »Das ist unmöglich. Die Rolle kann sich nicht einfach vom Seil lösen.« Justus zog Peter schnell noch weiter zurück auf das sichere Podest. »Etwas ist nur solange unmöglich, bis es passiert«, sagte er. »Mir reicht es mit der Kletterei.« Auch Bob hatte genug. »Vielleicht ist das doch nur was für Affen, nicht für Kinder.« Mit hängendem Kopf zeigte Steve Landers den drei ??? den Rückweg. »Ich finde keine Worte, wie leid mir das tut.«

Der Weg führte sie wieder über die wackeligen Bretter. Diesmal war es Peter, der sich als Letzter über die Hängebrücke traute. Noch immer saß ihm der Schreck in den Knochen, und er tastete sich ängstlich vorwärts. In dem Moment geschah das Unfassbare: Kurz bevor Peter das Podest auf der anderen Seite erreicht hatte, krachte es plötzlich unter ihm. »Das Brett!«, brüllte Justus. »Unter dir ist das Brett gebrochen!«

Peter hatte keine Chance und stürzte. Krachend landete das zersplitterte Holz am Boden. »Nimm meine Hand!«, schrie Bob, doch er konnte seinen Freund nicht packen. Justus griff schnell nach dem Sicherheitsseil und umklammerte es, so fest er konnte. »Nicht bewegen, Peter! Ich hab dich!«

Jetzt zeigte sich, wie wichtig das Sicherungssystem war. Obwohl die Hängebrücke zerstört war, funktionierte das Sicherheitsseil und rettete Peter vor dem Absturz. Innerhalb von Sekunden war auch Steve Landers bei ihnen, und mit vereinten Kräften zogen sie Peter hinauf.

»Das darf einfach nicht wahr sein«, keuchte Steve Landers verzweifelt. »Zwei Pannen hintereinander. Ich bin völlig fertig. Gerade gestern wurde die Anlage komplett überprüft. Sie ist nagelneu und hundertprozentig sicher.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte Justus wieder den Reporter mit den vielen Kameras unter ihnen. Nachdenklich knetete er mit Daumen und Zeigefinger seine Unterlippe. »Also wenn Sie mich fragen, Mr Landers: Hier stimmt was nicht.«