14.
Es war acht Uhr früh, aber noch völlig dunkel. Vor dem Hotel in Piteschti war alles zum Aufbruch bereit. Das Gepäck der Gäste aus Amerika war in den Lieferwagen verladen, darunter die schwere Kiste, deren Deckel Sanchez eigenhändig zugenagelt hatte. Die schwarze Limousine parkte vor dem Lieferwagen, und die Passagiere waren im Begriff, ihre Plätze einzunehmen. Als Sanchez Harmon aus seinem Rollstuhl in den Fond des Wagens half, gab ihm der Professor mit einer Handbewegung zu verstehen, daß er einen Moment warten solle. Er blickte zu Thorka hinüber, der wieder sehnsüchtig Draculas Berg betrachtete.
„Es sieht aus, als wollte es schneien“, sagte der Rumäne.
Ktara, die wieder darauf bestanden hatte, mit dem Gepäck im Lieferwagen zu fahren, lächelte. „Vielleicht ist es gut so. Eine Neuschneedecke wird dem Dorf ein frisches und sauberes Aussehen verleihen. Arefu und der Berg brauchen vielleicht eine Veränderung der Atmosphäre.“
Thorka nickte langsam. „Es ist ein Jammer. Ich werde mir nie verzeihen, daß ich verpaßt habe, was es zu sehen gab.“ Er seufzte. „Aber daran läßt sich jetzt nichts ändern, nehme ich an. Doch ich glaube, ich hätte eins von meinen alten Augen dafür gegeben - sogar mein linkes, das noch etwas besser ist als mein rechtes -, um Zeuge der Ereignisse zu sein.“ Der alte Mann schüttelte seinen Kopf. „Nach dem gestrigen Tag, Damien, bin ich nicht sicher, ob ich nur körperlich erschöpft oder wirklich verzagt bin. Komm, laß uns nach Bukarest zurückfahren. Vielleicht kann ich dich unterwegs überreden, doch noch ein paar Tage mit mir zu verbringen.“
Sie stiegen ein. Nachdem er Harmon auf den Rücksitz geholfen und den zusammenklappbaren Rollstuhl im Kofferraum des Wagens verstaut hatte, nahm Sanchez seinen Platz neben dem Fahrer ein. Thorka war inzwischen eingestiegen und saß neben Harmon, der zu erklären begann, daß an einen verlängerten Aufenthalt in Rumänien leider nicht zu denken sei. „Vielleicht klappt es das nächste Mal besser, wenn es ein nächstes Mal gibt. Wir haben unsere Maschine bereitstellen lassen, und auch die Passage über den Atlantik ist bereits gebucht. Es gibt wirklich keine Möglichkeit, unsere Abreise hinauszuschieben, Alex, obwohl ich deine freundliche Einladung zu schätzen weiß.“
„Aber warum so eilig, Damien? Einen Tag kommst du, und am nächsten Tag mußt du schon wieder gehen. Ah, ich glaube, ich muß wirklich verzagen. In meinem Alter bleiben einem so wenige Freunde. Natürlich erkenne ich die Gründe für deine hastige Abreise an. Ich konnte nichts beweisen, wie du weißt. Schließlich war ich nicht dort, um es selbst zu sehen. Und diejenigen, die dort waren - nun, die kann man kaum objektive Zeugen nennen. Die Behörden in Bukarest würden ihre Erklärungen als reinen abergläubischen Unsinn abtun. Aber ich, ich hätte die Welt dafür gegeben...“
„Die Welt, Professor?“
Ktara hatte neben dem Wagen gestanden. „Die Welt? Zuerst war es Ihr gutes Auge, und nun würden Sie alles geben. Aber keins der beiden Angebote ist notwendig.“
Harmon und Sanchez tauschten einen schnellen, besorgten Blick aus, dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Frau. Der Professor fragte: „Wie meinen Sie das?“
Ktara antwortete mit ruhiger, emotionsloser Stimme: „In einem Monat, Professor Thorka, sollten Sie sich einen Tag frei nehmen und hierher zurückkommen. Genauer gesagt nach Arefu - in Orgos Atelier.“
Thorka rieb seinen Bart. „Zu dem Bildhauer? Warum schlagen Sie das vor?“
„Mehr habe ich nicht zu sagen. Wie Professor Harmon erwähnte, wartet unsere Maschine.“ Und damit war sie fort, ging mit schnellen Schritten zum Lieferwagen, dessen Fahrer den Motor bereits angelassen hatte. Nun wartete er ungeduldig, daß sie einstiege. Aber sie tat es nicht sofort. Ihre Augen blickten in Richtung Arefu.
Auch der Motor der Limousine sprang an. „Orgo“, sagte Thorka nachdenklich. „Wenn ich mich richtig entsinne, war er gestern abend nicht unter denen, die auf den Berg gingen. Wie könnte ausgerechnet er...“
Sanchez räusperte sich. „Entschuldigen Sie, Professor, aber unsere Freundin Ktara findet zuweilen ihren Spaß daran, geheimnisvoll zu tun.“
Thorka sagte nichts, aber er dachte sich: Vielleicht, junger Mann, aber in einem Monat werde ich in Arefu sein und dem Bildhauer Orgo einen Besuch abstatten.
Der Mann, der in diesem Augenblick Thorkas Gedanken beschäftigte, wanderte in dem kleinen Schuppen auf und ab, in dem er arbeitete und lebte. Es war kein ideales Quartier, aber es war billig und für seine Zwecke ausreichend, und wenn er bis zur Rückwand ging und sich dort in die Ecke zwängte, konnte er beinahe die nötige Perspektive bekommen.
Er trat zurück gegen die Bretterwand und blickte mit halbgeschlossenen Augen zu der drei Meter hohen Steinstatue auf der anderen Seite seines Ateliers.
Er wußte nicht, wie viele Stunden er schon daran gearbeitet hatte. Wieviel Schweiß hatte er vergossen, wie viele Tassen Kaffee getrunken, die Müdigkeit zu überwinden? Seit er das Wirtshaus verlassen hatte, seit er das Vorstellungsbild empfangen hatte - in einer blitzartigen Erhellung, die er als echte Inspiration deutete - hatte er alles Zeitgefühl verloren und pausenlos mit Hammer und Meißel gearbeitet. Aber der Stein, den er im Atelier hatte und für seinen Zweck verwenden konnte, war harter Granit und schwer zu bearbeiten.
Oder machte er es sich selbst schwer?
Immer hatte er von sich selbst Vollkommenheit verlangt, aber diesmal war es, als ob ein anderer oder etwas anderes seine kräftigen Arme und Hände als Werkzeug gebrauchte, eine Wahrheit auszudrücken...
Eine Wahrheit. Das war, was er immer ausdrücken wollte, wenn er in Stein oder Holz arbeitete. Er sah sich selbst als einen Erzähler, der Geschichten in Stein erzählte. Und diese Geschichte war eine, für die Arefu den vollkommenen Schauplatz bot.
Er war noch immer halb benommen von der Macht seiner Inspiration. Wie oft war er bei Tag auf den Berg gegangen, hatte die Ruinen der Burg durchstöbert, ohne einen schöpferischen Impuls zu empfangen. Doch heute abend war es ganz plötzlich passiert.
In scharfer Klarheit, in präzise bestimmten Maßen und Winkeln hatte das Bild vor ihm gestanden, fast bis hin zu vorgeplanten Meißelansätzen. Er hatte den Abend und die ganze Nacht durchgearbeitet, und der Kopf und ein Teil der linken Schulter waren fertig. Nein, nicht fertig. Der Kopf mußte noch im Detail bearbeitet werden, und etwas am Gesicht gefiel ihm nicht. Etwas stimmte nicht mit dem Bild überein, das er in sich hatte.
Das Gesicht war der einzig vollständig durchgearbeitete Teil der Plastik, denn er wollte das Bild fest halten, bevor es undeutlich wurde oder sich verflüchtigte. Das Gesicht.
Es war das eines Mannes, aber auch wieder nicht. Es hatte etwas Bestialisches, ja. Doch dies war zu bestialisch. Die Qualität, die er suchte, die er suchen mußte, um seiner Vorstellung, seiner Inspiration gerecht zu werden, war mehr. Mehr was?
Mehr menschlich? Nein. Mehr - übermenschlich?
Ja. Eine übermenschliche Bestie?
Ja.
Aber nein. Diese Kreatur war ein Mörder, ein Dämon. Ein Vampir. Und so war auch sein Gesicht das einer blutsaugenden Bestie. Was sollte noch darin sein? Gab es mehr auszusagen, das in dieser Steinplastik eingefangen werden mußte?
Ja.
Die Augen? Nein. Irgendwie wußte er, daß sie genau richtig waren, wie er sie wiedergegeben hatte.
Der Mund. Der Mund? Nein, er hatte die langen Zähne, die...
Doch, es war der Mund.
Die Mundwinkel. Sie müssen eine traurige Heiterkeit ausdrücken, eine amüsierte Traurigkeit.
Orgos Kopf schnappte nach rechts, dann nach links.
„Wer sagte das?“
Sagte? Wer war hier, etwas zu sagen? Da war nur er selbst und dieser Stein, mit dem er sich herumschlug, und dessen Mund...
Ja. Er wußte jetzt, wie er den Effekt erzielen konnte, der ihn zufriedenstellen würde.
Was er nicht wußte, war, daß in Piteschti eine Frau in einen Lieferwagen stieg und mit einem Ausdruck vor sich hinlächelte, den man als traurig und amüsiert zugleich hätte interpretieren können. Was immer ihre Gedanken in diesem Moment waren, ihr Mitgefühl galt dem Bildhauer, der jetzt seine Arbeit fortführte. Vielleicht wußte sie noch andere Dinge, von denen er nichts ahnte.
Nämlich, daß sein Werk, ‚der Vampir-Graf‘ ein Meisterwerk sein würde, wie sich Alexandru Thorka selbst überzeugen sollte.
Nämlich, daß dieses Meisterwerk von allen, die es später sahen, mit soviel Abscheu betrachtet wurde, daß sein Schöpfer überall, wo er es ausstellen wollte, abgewiesen wurde.
Nämlich, daß der Bildhauer Orgo noch vor Ablauf eines Jahres die neugeschaffene Statue zu Draculas Berg hinaufschaffen würde, um sie dort aufzustellen. Es war ihm beschieden, noch eine Anzahl bedeutender Kunstwerke hervorzubringen und einen gewissen Ruhm zu ernten, den er nicht suchte, aber noch in späteren Jahren sollten seine Gedanken oft nach Arefu und seinen Berg zurückkehren - und zu seiner seltsamen Plastik, die, wie der Zufall es wollte, als ein verwitterter Wachtposten direkt über zwei anderen Wachtposten stand...
Von denen einer eine Frau war, die kreischend gestorben war.
ENDE