8.
Die große Gaststube des Wirtshauses von Arefu war gut besetzt. Eine dickliche Kellnerin zwinkerte Sanchez zu, als sie sein Glas mit Kognak füllte. Dann, als sie das zweite Glas für Ktara einschenkte, nahm ihr Blick einen Ausdruck von Bewunderung und Eifersucht an. Als sie gegangen war, nippte Sanchez von seinem Kognak, während Ktara dem Stimmengewirr von der Theke und den benachbarten Tischen zu lauschen schien. Dann warf sie einen Blick auf Sanchez' Glas. „Ich schlage vor, daß Sie sich mit dem Trinken Zeit lassen. Ich glaube, wir haben eine ereignisreiche Nacht vor uns.“
„Richtig“, sagte der Puertoricaner mit einem Blick auf seine Armbanduhr. Acht Uhr. Noch eine Stunde bevor er an die Arbeit gehen mußte.
Thorka war nicht dabei gewesen, als Sanchez und Ktara Harmon die Ereignisse des Morgens mitgeteilt hatten, darum hatten sie frei sprechen können. Harmon hatte seine Entscheidung getroffen und den veränderten Plan zur Diskussion gestellt.
„Es muß heute nacht geschehen. Einen Zugang zum unterirdischen System zu finden, bedeutet noch nicht, das Gold zu haben, aber nun ist es nur noch eine Frage der Zeit. Cam, vielleicht hätten Sie nicht herunterkommen sollen. Ktara hätte mir alles sagen können, was ich wissen mußte.“
Sanchez hatte die Achseln gezuckt. „Ich hatte keine Wahl. Conescu hatte eine Vereinbarung mit seinen Arbeitern. Danach sollten sie einen freien Tag bekommen, sobald sie das unterirdische System anbohrten. Einen freien Tag und kostenlose Getränke im Wirtshaus bis Sonnenuntergang. Was mich betraf, so machte er deutlich, daß er mich nicht in der Nähe haben will. Ich müsse verstehen, daß er es nicht gern sähe, wenn Außenstehende nach Arbeitsschluß bei den verlassenen Bohrstellen herumspazierten. Ich könnte morgen wiederkommen, sagte er. Er sagte auch, daß er mit Professor Thorka über die Sache sprechen wolle.“
Harmon dachte nach. „Sehr klug von dem Mann. Wie groß war das Loch - groß genug, um durchzusteigen?“
„Vielleicht müßte man noch ein wenig mit einem Meißel nachhelfen, aber ich glaube, es ließe sich machen.“
Harmon blickte zu Ktara. „Und die Lage des Durchbruchs? Ist das Versteck des Goldschatzes von dort aus leicht zu erreichen?“
„Wenn sie erst einmal in den Gängen sind, dürfte das Gold nicht allzu schwierig zu finden sein.“
„Ein schlauer Bursche, dieser Conescu“, sagte Harmon. „Schafft sich seine Arbeiter für den Rest des Tages vom Hals und hat so den ganzen Tag und die Nacht Zeit, um nach seinem Schatz zu suchen.“
„Ich könnte wieder hinaufgehen“, sagte Sanchez.
„Nein. Conescu ist nicht dumm. Er würde niemals versuchen, das Gold am hellen Tag vom Berg herabzuschaffen. Er wird warten, bis es dunkel ist.“
„Wenn sie es heute finden und in ihren Besitz bringen“, sagte Ktara, „werden wir das mit Leichtigkeit erfahren.“
Harmon verstand. „Sehr gut, Ktara. Eine schwarze Katze wird von keinem als Bedrohung empfunden. Es könnte allerdings sein, daß sie mißtrauisch werden, wenn sie ein solches Tier im Gangsystem entdecken. Sie sollten sich also möglichst verborgen halten.“
Als alle Details des Plans besprochen waren, hatte sich Ktara auf den Weg gemacht.
Sanchez schlürfte vorsichtig seinen Kognak und blickte wieder auf die Uhr. Fünf Minuten nach acht. Um Punkt neun Uhr sollte er hinaufgehen, wo Conescu sein Zimmer hatte. Wenn der Mann dort war, bestand Sanchez' Aufgabe einfach darin, ihn zu informieren, daß er einige Lichter auf der Bergkuppe gesehen habe und sich nun frage, ob dort oben mit Conescus Zustimmung gearbeitet werde.
Das sollte Conescu im Laufschritt den Berg hinaufbringen.
Zu dem, der ihn dort erwarten würde.
Ein sehr einfacher Plan und eine ebenso einfache Arbeit für Sanchez; sie mochte obendrein völlig unnötig sein, wenn sich herausstellen sollte, daß Conescu und seine sogenannte Nichte bis neun Uhr noch nicht vom Berg zurückgekehrt waren. Als Ktara um sieben herunterkam, waren sie noch oben gewesen. Trotzdem stimmte er mit Ktaras Beurteilung der Lage überein. Die Nacht versprach in der Tat ereignisreich zu werden, und er zweifelte irgendwie daran, daß er so leicht davonkommen würde, wie die ihm zugewiesene Rolle es zu diktieren schien. Meistens entwickelten sich die Dinge anders als vorgesehen.
Zuerst hatte er seine einfache Nachricht abzuliefern, dann zu beobachten. Dann mußte er Harmon über das Sprechfunkgerät, das er in der Tasche trug, verständigen und die abgesprochenen Worte „Alles ist bereit“ sagen. Mehr nicht, denn wenn alles planmäßig verliefe, würden Harmon und Thorka zu dieser Zeit im Büro des Polizisten sein. Dies hatte den Zweck, sowohl den Beamten als auch Thorka im Ort festzuhalten und zu verhindern, daß einer von ihnen auf den Berg stieg.
Danach hätte er nichts mehr zu tun, brauchte nur dazusitzen und Kognak zu trinken, während Harmon durch ein Radiosignal den Splitter aus dem Herzen des Grafen entfernte und den Vampir entließe, daß dieser auf seine eigene Art und Weise mit denen abrechnete, die sein Gold wollten...
„Sie haben recht, Mr. Sanchez“, sagte Ktara leise. „Selten läuft etwas so einfach, wie es im Plan aussieht. Ich denke, daß vielleicht auch Conescus Plan ein wenig ins Schleudern geraten ist.“
„Genau das ist unsere Absicht, nicht wahr?“
„Ja, aber er hat ohne unser Zutun einen Fehler gemacht. Sehen Sie sich um. Was sehen Sie?“
Sanchez wandte den Kopf. Und lauschte, denn die Lautstärke der Stimmen hatte etwas zugenommen. Er sagte: „Ich sehe Leute, die ein wenig zuviel getrunken haben.“
Ktara lächelte. „Das ist sicherlich nach Conescus Plan. Aber er zog nicht in Betracht, was diese Männer, wenn sie zuviel getrunken haben, vielleicht unternehmen würden.“
„Reden Sie weiter“, sagte er. „Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.“
„Die Männer haben Angst. Ihre Angst wird von dem Durchbruch verursacht, der ihnen heute morgen gelang. Was liegt in diesem System unterirdischer Gänge? Das ist die Frage, die sie beschäftigt. Was liegt wirklich dort - und hat beinahe ein Jahrhundert ungestört dort gelegen? Sie sollten verstehen, was in den Köpfen und Herzen dieser Leute vorgeht, Mr. Sanchez.“
Und plötzlich verstand er es. Lebhaft erinnerte er sich seiner eigenen Gefühle, als er jene andere Öffnung in das unterirdische System gesehen hatte. Damals waren ihm die Legenden durch den Kopf gegangen, und er hatte gewußt, daß der Inhalt der Legenden wahrscheinlich irgendwo in der Dunkelheit vor ihm lag.
„Heute abend“, sagte Ktara, „wird viel von Vampiren gesprochen, von Conescus wirklichen Absichten, von seiner Nichte, hochmütig und halb verrückt, und man wird davon sprechen, daß das Dorf von diesen Leuten und ihresgleichen gesäubert werden sollte. Im Moment ist es nur eine Minderheit, die dafür eintritt, doch fürchte ich, daß solche Ideen Boden gewinnen, wenn das Trinken noch länger so weitergeht.“
Sanchez kam nicht zu einer Antwort, denn seine und Ktaras Aufmerksamkeit wurde zur Theke gelenkt. Dort war eine Meinungsverschiedenheit im Gange, die sich zu hitzigen Wortwechseln gesteigert hatte. Sanchez wußte nicht, worum es ging, aber plötzlich, er konnte sich nicht vorstellen wie, verstand er die rumänischen Worte. Er blickte schnell und verdutzt zu Ktara und sah sie nicken zum Zeichen, daß er zuhören solle.
Einer der Kontrahenten war der rotblonde junge Mann, der Sanchez heute früh mit großer Abneigung beobachtet hatte. Sein Gesicht war gerötet, und er versuchte die Meinung des Mannes neben sich zu widerlegen:
„Was du sagst, ist lächerlich! Das sind nur Wissenschaftler. Du verstehst sie nicht, weil du zu beschränkt bist! Sie sind vornehme, gebildete Leute, und außerdem haben sie das edle Blut...“
„Du sagst es, Blut!“ mischte sich ein Mann an der Theke ein. „Blut! Sie und ihresgleichen sollten viel darüber wissen. Mihail, du weißt nicht, wovon du redest!“
„Dummes Zeug“, konterte der große, kräftige junge Mann, der Mihail hieß. Er blickte den anderen lächelnd an und fügte hinzu: „Jedenfalls habe ich keine Zeit, mit Dummköpfen wie euch zu streiten. Ich muß fort.“
„Fort?“ fragte ein dritter. „Warum fort? Conescu zahlt heute unsere Zeche. Du willst dir das doch nicht entgehen lassen. Komm, trink noch einen.“
Mihail schüttelte den Arm ab, der um seine Schultern gelegen hatte. „Du hast vielleicht nicht gemerkt, daß es schon dunkel wird“, sagte er gutmütig. „Du würdest mir den Wein selbst bezahlen müssen. Ich danke dir jedenfalls für dein Angebot, aber ich muß wirklich gehen. Anders als ihr, die ihr nichts besseres zu tun habt, als dieses Teufelsgebräu zu schlucken, habe ich Geschäfte zu erledigen.“
Gelächter antwortete auf seine Bemerkung. „Geschäfte, eh? Vielleicht ein kleines Geschäft mit einem Mädchen könnte das sein, Mihail?“
„Vielleicht“, sagte ein anderer, „ist es eine besondere Frau. Eine Frau wie diese Nichte zum Beispiel. Du weißt schon, wen ich meine; wir haben darüber geredet. Leugne es nicht, meinst du, ich hätte nicht gesehen, wie du sie oben auf dem Berg angestarrt hast?“
„Und die Art und Weise, wie sie dich angesehen hat!“ lachte ein anderer.
„Könnte unser junger Freund Mihail auch ein Vampir sein?“ sagte jemand, und nun brach alles ringsum in Gelächter aus, worauf der rotblonde junge Mann noch tiefer errötete.
Sanchez beugte sich zu Ktara hinüber und flüsterte: „Ist es wahr, daß er eine Verabredung mit Dava Conescu hat?“
„Seine Gedanken sagen es, ja. Sie jedenfalls hat die Absicht, heute abend zum Schloß zu gehen, und das stimmt mit dem überein, was sie diesem jungen Mann gesagt hat.“
Mihail lachte etwas gezwungen. „Ein Vampir, ich? Dann dürfte ich nicht imstande sein, dies hier zu tun, nicht wahr?“ Er beugte sich weit über die Theke, zog etwas herüber und legte es sich um den Nacken. Es war eine Kette aus Knoblauchzwiebeln.
„Das ist kein Scherz, Mihail“, sagte ein älterer Mann in die Stille, die auf Mihails Tat gefolgt war. „Ich schlage vor, du läßt das um deinen Hals hängen - wenn es tatsächlich die Conescu ist, mit der du heute abend ein Stelldichein hast.“
„Ah, es könnte lästig werden, weißt du“, erwiderte Mihail, aber als er die Kette wieder abnehmen wollte, faßte der andere Mann sein Handgelenk.
„Ich bitte dich, laß es so hängen! Vielleicht kann es dich vor dem Schicksal retten, in das du dich so unvorsichtig stürzen willst.“
Sanchez stand unruhig auf und blickte umher. „Irgend jemand muß ihn daran hindern!“ sagte er mit halblauter Stimme. „Aber ich kann mich ihm nicht verständlich machen.“
Ktara lächelte. „Es scheint, daß das auch nicht nötig ist. Sie haben bereits die Aufmerksamkeit des jungen Mihail auf sich gezogen.“
Tatsächlich hatte Mihail sofort Sanchez entdeckt und starrte nun aus schmalen Augen herüber, streckte den Arm aus und zeigte auf den Puertoricaner.
„Apropos Vampir“, sagte er zu seinen Gefährten. „Seht euch den da drüben an! Ihr habt alle gestern abend gesehen, was er mit seiner Magie gemacht hat. Vier von den unsrigen hat er niedergeschlagen. Vier! Seht euch seine Augen, sein Gesicht an. Ist es nicht die Macht des Bösen, die euch daraus entgegenblickt? Warum kommt er hierher, trinkt und hört uns zu, wenn behauptet worden ist, daß er unsere Sprache nicht verstehe? Wenn ihr einen Agenten des Teufels sucht, meine Freunde, dann habt ihr ihn gefunden.“
„Was nun?“ sagte Sanchez zu Ktara.
„Ich glaube, Ihre Idee ist richtig“, sagte sie.
Er nickte. Selten lief etwas so, wie es geplant war. So auch jetzt. Es gab Aufruhr, laute Rufe und beschwichtigende Worte des Mannes hinter der Theke, aber dann segelte ein halbvolles Bierglas an Sanchez' Kopf vorbei. Bevor das Glas hinter ihm an der Wand zersplitterte, drängten die Männer auf ihn zu.
Die Spitze bildeten zwei derbe, breitschultrige Bauernburschen von beträchtlichem Format, aber beide hatten schwer getrunken, wie aus der Art und Weise ersichtlich war, in der sie an die Front wankten. Ihre geröteten und benebelten Gesichter lächelten in einfältigem Stolz zu den Anfeuerungsrufen der übrigen Gäste.
Ktara stand rasch auf und suchte das Weite. „Ich würde gern helfen, aber das würde den Verdacht nur verstärken.“
Sanchez nickte. Die Situation gefiel ihm nicht, aber er wußte, daß er sich damit abfinden mußte. Er nahm Abwehrhaltung ein, beide Arme halb vorgestreckt, die offenen Hände in den Gelenken aufwärtsgebogen.
Die zwei gingen gleichzeitig auf ihn los, so eng beisammen, daß sie einander behinderten. Sanchez wich geschickt seitwärts aus, und bevor ihre vom Alkohol verlangsamten Reflexe kamen, brachte sein Stoß den nächsten vollends aus dem Gleichgewicht und warf ihn gegen seinen Gefährten. Beide torkelten unkontrolliert gegen einen Tisch mit drei Stühlen und fielen mit großen Getöse übereinander.
Die große Faust, die nun von der Seite auf Sanchez zuschoß, war leicht am Handgelenk zu nehmen und in Angriffsrichtung abwärts zu ziehen. Diese Bewegung wurde jäh unterbrochen, als das Gesicht des Angreifers mit Sanchez' hochschnellendem Knie kollidierte; dann schlug der Mann wie ein Sack auf die Dielenbretter.
Sanchez brauchte nicht gewarnt zu werden, um sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten. Diesmal kamen drei aus verschiedenen Richtungen auf ihn zu. Drei kräftige Männer, und nicht so betrunken wie die anderen.
Er hatte nett sein wollen, aber es sah so aus, als würden sie ihn nicht lassen.
Mit einem heiseren Kampfschrei sprang er hoch und ließ eine Stiefelsohle gegen die Stirn eines Angreifers knallen, der die Arme hochwarf und hintenüberkippte, als ob er gegen eine Wand gelaufen wäre. Im nächsten Moment traf ein Handkantenschlag die Halsseite des schwerfälligen Naturburschen, der Sanchez mit einer rechten Geraden beikommen wollte. Die Faust streifte Sanchez' linkes Ohr, dann taumelte der Mann zur Seite und brach zu sammen.
Sanchez wirbelte herum, um den dritten anzunehmen. Dieser hatte sich zurückgezogen, aber nur für einen Moment. Glas zerplatzte und klirrte, und der Mann war wieder da.
Mit einer zerbrochenen Flasche in seiner Hand.
Auf einmal war es im Gastzimmer totenstill.
„Ich bring dich um!“ knirschte der Mann auf Rumänisch. Sanchez benötigte nicht Ktaras Dolmetscherhilfe, um die Botschaft zu verstehen. Die Miene des Mannes und die Art und Weise, wie er die Flasche am Hals umklammert hielt, genügten vollauf.
Sanchez wich einen Schritt zurück, dann noch einen. Der Mann kam vorsichtig näher - einen Schritt, noch einen.
„Nein!“
Der Rufer war mindestens so groß wie Sanchez und hatte breitere Schultern. Sein offenes Gesicht mit dem eckigen Kinn und den wachen, intelligenten Augen ließen ihn etwa vierzig Jahre alt erscheinen. Ungekämmtes, dichtes schwarzes Haar hing in seine Stirn und fast bis auf seine Schultern. Er hatte etwas vom Helden eines Seeräuberfilms.
„Nein“, wiederholte er, näherkommend.
„Wir wollen keine Kämpfe, bei denen der eine bewaffnet ist und der andere nicht. Tu die Flasche weg.“
Der Mann mit der Flasche machte eine ruckartige, höhnische Kopfbewegung. „Halt du dich da raus, Orgo. Es geht dich nichts an. Du hast mit Dorfangelegenheiten nichts zu schaffen. Du steigst nicht jeden Tag mit uns auf den Berg, und du arbeitest nicht auf den Feldern. Du hast nichts getan, diesen Amerikaner daran zu hindern, vier von unseren Freunden zu verletzen - auch hast du nichts unternommen, den Mord an Stefan zu verhüten. Du sitzt zu Hause und spielst mit deinen Meißeln und Steinbildern. Geh jetzt und laß uns in Ruhe. Dieser Mann hat den Tod verdient.“
Der Riese, der Orgo genannt wurde, lächelte. „Vielleicht wird er sterben“, sagte er. „Vielleicht sogar heute nacht. Aber er wird nicht sterben, weil du ihn mit einer zerbrochenen Flasche verwundet hast. Leg sie aus der Hand.“
Der hünenhafte Mann hatte den anderen erreicht, und seine Hand packte den Arm, der die Flasche hielt. „Ich warne dich - nur dieses eine Mal -, daß ich dir den Arm auskugeln werde, wenn du die Flasche nicht sofort fallen läßt. Hast du mich verstanden?“
Der Mann mit der Flasche war kein Schwächling, aber bei Orgos Drohung verlor er den Mut. Orgo hatte seine Stimme nicht erhoben, aber in seinem Ton lag eine eiserne Entschlossenheit, die jedem im Raum klarmachte, daß er nicht scherzte.
Die Flasche zersplitterte am Boden.
Orgo ließ den Arm los. „Nun geh und trink ein Bier. Ich werde mich um den Amerikaner kümmern und mit ihm reden. Dann werden wir weitersehen.“
Der andere gehorchte. Orgo blickte Sanchez amüsiert an. „Verstehen Sie meine Sprache, oder ist es Ihnen lieber, wenn ich die Ihre spreche?“ fragte er auf Rumänisch.
Sanchez erwiderte auf Englisch, daß er Rumänisch nicht beherrsche.
Orgo nickte. „Sehr gut. Ich bin sowieso nicht ganz sicher, ob die Leute hier unser Gespräch mithören sollten. Entschuldigen Sie die Fehler und meine mangelhafte Aussprache; ich bin etwas aus der Übung. Auch ist es einige Zeit her, daß ich jemanden mit Ihrer Geschicklichkeit im Zweikampf gesehen habe.“
Sanchez nickte und lächelte ein wenig. „Ich habe Ihnen zu danken.“
„Sie meinen, daß ich Ihnen geholfen habe? Ganz und gar nicht. Ich wollte nur verhindern, daß Sie sich für den Tod eines Dorfbewohners verantworten müssen. Als Ausländer hätte Sie das in ernste Schwierigkeiten gebracht. Sagen Sie mir, wo sind Sie im unbewaffneten Kampf ausgebildet worden?“
„Ein Teil meiner Ausbildung bekam ich bei der New Yorker Polizei. Das meiste davon habe ich mir selbst angeeignet.“
Orgo lachte. „Trotzdem, mein lieber Freund, sollten Sie sich ein wenig zurückhalten. Für einen Ausländer ist es nicht nur unklug, die Einheimischen gegen sich aufzubringen, er gerät auch leichter in Schwierigkeiten. Die staatliche Sicherheitsorgane sind sehr mißtrauisch, wissen Sie.“
„Ich verstehe.“
Orgo lächelte breit, während er Sanchez betrachtete. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich hier vermittle?“
„Im Gegenteil“, sagte Sanchez. „Ich wäre Ihnen dankbar. Ich hatte keinerlei Neigung zu dieser Schlägerei; sie wurde mir aufgezwungen.“
„Gut, gut“, sagte Orgo. „Ich muß es den Leuten erklären.“ Er wandte sich um und richtete eine kurze rumänische Ansprache an die feindselige Menge: „Ihr nennt diesen Mann einen Vampir? Größeren Unsinn habe ich nie gehört! Er bedarf keiner finsteren Magie oder dämonischen Macht, um mit Leuten fertigzuwerden, die ihm zu nahe kommen. Er war früher in Amerika Polizist und ist im waffenlosen Kampf ausgebildet, das ist alles. Und nun habe ich die Absicht, ihm ein Bier zu spendieren. Ich hoffe, niemand von euch hat etwas dagegen. Bedienung bitte!“
Die Männer an der Theke machten Platz, aber sie schienen immer noch nicht überzeugt zu sein. Immerhin begannen sie sich zu beruhigen, und es wurde nicht mehr von Vampiren geredet.
„Sie werden wieder anfangen, keine Angst“, sagte Ktara hinter ihm.
Sanchez wandte den Kopf. Orgo sah die exotische Erscheinung der Frau, und sein Gesicht strahlte auf. „Großartig“, sagte er. „Das nenne ich Schönheit mit Charakter - wenn es Ihnen nichts ausmacht, meine Dame.“ Nach einer Verbeugung fügte er hinzu. „Ich versichere Ihnen, ich sehe das als Bildhauer, als ein Mann, der Geschichten in Stein erzählt.“
Ktara lächelte. „Wer würde ein solches Kompliment zurückweisen? Ich danke Ihnen.“
Ihr Lächeln und ihre Haltung erinnerten Sanchez plötzlich an Dava und an den jungen rotblonden Mihail, der...
Der nirgends zu sehen war.
Sein fragender Blick begegnete Ktaras Augen.
- Er wollte Sie töten, sagte ihre telepathische Botschaft. - Sein Schicksal ist seine gerechte Belohnung.
„Ich muß gehen“, sagte Sanchez zu Orgo.
„Gehen?“
Ktara nahm Sanchez' Handgelenk und blickte auf seine Armbanduhr. Neun. „Es ist nicht nötig“, sagte sie. „Sie können ruhig noch ein wenig bleiben.“ - Conescu ist nicht in seinem Zimmer, ergänzte sie wortlos. - Und was den blonden jungen Mann betrifft, so habe ich gesagt, was ich gesagt habe.
„Gehen Sie noch nicht, ich bitte Sie“, drängte Orgo. „Sie haben noch nichts getrunken!“
- Tun Sie, was er vorschlägt. Die Stimmung dieser Menge ist so, daß nur wenig geschehen muß, um sie zu Unbedachtheiten oder neuen Feindseligkeiten hinzureißen. Ihr Weggang, vor allem, wenn sich zeigen sollte, daß Sie auf den Berg gehen, könnte sie in Bewegung bringen. Wir wollen nicht, daß alle auf den Berg stürmen.
„Sie haben recht“, sagte Sanchez zu Orgo. „Ich glaube, ich werde noch eine Weile bleiben.“
Als er sich gleich darauf trotzdem in Bewegung setzte, fragte Orogo überrascht: „Sie wollen doch fort?“
Sanchez lächelte über die Schulter zurück. „Nur zur Toilette, wenn Sie mich einen Moment entschuldigen wollen.“
Draußen, hinter der geschlossenen Tür, drückte Sanchez einen kleinen Knopf an dem handgroßen Sprechfunkgerät. Er mußte fast zehn Sekunden warten, bevor die Stimme kam: „Harmon hier. Sie können unbesorgt reden.“
„Conescus Zimmer hier im Wirtshaus ist leer, sagt Ktara.“
„Dann müssen wir annehmen, daß die beiden sind, wo wir sie haben wollen. Ich werde unseren Freund...“
„Nein - noch nicht. Da oben ist noch jemand, ein armer unschuldiger Kerl.“ Er erläuterte Harmon mit wenigen Worten die Situation.
Nach einer Pause sagte Harmon: „Ich glaube - ich glaube, daß Alex und der Wachtmeister und ich gleich auf ein Glas Bier ins Wirtshaus kommen. Ktara hat recht, Cam. Wenn Sie plötzlich weglaufen, könnte die Stimmung wieder umschlagen. Sollte es dazu kommen, möchte ich wenigstens überstürzte Aktionen verhindern.“
„Und der Graf - wollen Sie ihn einstweilen lassen, wo er ist?“
„Bis ich ihn freilasse, kann er nirgendwohin, Cam. Aber ich darf nicht mehr allzu lange warten. Sie haben das Gefühl, Sie müssen heute nacht da hinauf?“
„Ja, das glaube ich.“
Sanchez kehrte ins Gastzimmer zurück und ging zur Theke. Ktaras Augen leuchteten hell.
- Sie überraschen mich manchmal mit Ihrer Ethik, Mr. Sanchez. Dieser Mihail wollte Sie aus dem Weg schaffen, weil er Sie als Rivalen ansah. Nun geht er zu der Frau, und niemand hindert ihn. Warum sollten Sie ihn nicht haben lassen, was er will?
Sanchez erwiderte Ktaras undurchdringlichen Blick mit einem Stirnrunzeln, dann hob er sein Bierglas. „Richtig, mein Freund!“ sagte Orgo und schlug ihm auf die Schulter. „Trinken wir miteinander. Und Sie, meine Dame, darf ich etwas für Sie bestellen?“
Ktara schüttelte abwesend den Kopf. Sanchez blickte wieder zu ihr und sah etwas in ihren Augen, das ihm neu war. Nicht Tränen, aber es war da eine Nässe, die vorher nicht dagewesen war. Und als er anfing, sich darüber Gedanken zu machen, traf ihn die telepathische Botschaft wie ein Schlag.
- Sie werden zu spät kommen, verdammt. Und ich bin froh darüber!