11.
Davas Augen funkelten vor Erregung, als sie sich von dem Riß in der Mauer abwandten und Conescu anblickten.
„Was für eine Schau sollen wir unseren nächtlichen Besuchern bieten, Radu?“
„Schau? Ja“, sagte der Mann nachdenklich. „Ja, irgend etwas, das die abergläubischen Dummköpfe von ihrem Ziel ablenkt. Aber zuerst müssen wir uns um den Amerikaner kümmern, Dava.“
Als ob er das Stichwort gegeben hätte, hörten sie zwei gedämpfte Schüsse aus der Richtung der Tunnelöffnung.
Sie sahen einander an. Dann lachte Dava. „Zwei Schüsse, Radu. Vier Wölfe.“ Sie lachte wieder und tätschelte den Kopf ihres weißen Wolfs. „Ich würde sagen, daß unser Mr. Sanchez in diesem Moment eine Menge Blut verliert.“
„Ich fürchte, Dava, du unterschätzt ihn. Vor allem müssen wir uns vergewissern. Geh und sieh nach. Ich werde in der Zwischenzeit etwas für die ungebetenen Gäste vorbereiten. Mach schnell!“
Die Frau kletterte über die Trümmerhaufen und verließ mit ihrem weißen Wolf die Schloßruine. Als sie im Laufschritt zum Tunneleingang eilte, blickte sie über die Schulter zu der Mauerspalte, konnte aber nicht sehen, ob Conescu noch dort war. Sie lächelte, als sie talwärts blickte und die lange Kette der Lichter vom Dorf heraufkommen sah. Jetzt waren sie noch voll Eifer, aber wenn sie näherkamen, würde das Schloß sie abschrecken, falls sie so abergläubisch waren, wie sie sich bisher gezeigt hatten.
Schloß Dracula. Bleich ragten die Ruinen in den samtschwarzen Himmel, schneeig kalt im Mondlicht. Ein ekstatischer Schauer überlief Dava Conescu, als sie mit einem Blick den Mond und die schweigenden Mauern auf dem verschneiten Berg in sich aufnahm. Dies alles gehörte ihr, ebenso wie das Gold darunter. Sie war glücklich, zur Schatzkammer zurückzukehren. Von dem Moment an, als sie die Leiter hinaufgestiegen war, hatte sie sich zurückgesehnt. Der arme Radu. Er verstand das nicht. Aber er würde sie verstehen, sobald er das Gold sah. Es wäre hübsch, wenn sie ihn umbringen könnte, denn dann würde ihr alles allein gehören. Aber das konnte nicht sein.
Seufzend warf sie einen letzten Blick zur Mauerspalte hinauf, dann ging sie in den Stollen zur Öffnung und kletterte die Leiter hinunter.
Sie wußte nicht, daß sie bis zu diesem Augenblick von zwei Augenpaaren beobachtet worden war.
Ein Augenpaar gehörte Conescu. Sein Gesicht zeigte ein Lächeln. Er wußte bereits, was für eine kleine Schau er den Einheimischen bieten würde, und er war zufrieden mit sich selbst, weil - wie sagte man? - gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden. Aber der Plan erforderte schnelles Handeln.
Das zweite Augenpaar lauerte im verfallenen Bergfried und beobachtete nun den stämmigen kleinen Mann, wie er zu einem verborgenen Winkel innerhalb des Gemäuers rannte.
Einen Moment lang war Conescu besorgt, daß die Dynamitstangen vom Schnee naß geworden sein könnten. Aber als er die Steine weggeräumt hatte, die zur Tarnung des Magazins dienten, seufzte er erleichtert. Die unter dem Gewölbe einer halb eingestürzten Kammer verwahrten Dynamitstangen und Zündkappen waren trocken. Nun die Zündhölzer - lieber Himmel, hatte er sie vergessen? Das war leicht möglich, denn er war Nichtraucher: aber nein, da waren sie schon. Er zog die Zündholzschachtel aus seiner Manteltasche.
Nachdem er mehrere Dynamitstangen eingesteckt hatte, eilte er zum Wandriß zurück. Es war noch zu früh. Er mußte warten, bis die ersten den Punkt erreichten, wo die Felsbänke den Hang durchzogen. Dann konnte er das höllische Feuerwerk entfachen und sehen, wie tapfer die Leute wirklich waren.
Conescu lachte laut auf.
Komisch.
In den Ruinen schien es ein Echo zu geben. Das war ihm noch nie aufgefallen. Nicht daß ein Echo etwas Seltsames gewesen wäre, es war nur...
Der Klang, mit dem sein eigenes Lachen zurückgeworfen worden war. Als ob es nicht nur der bloße Widerhall seiner eigenen Stimme gewesen wäre, sondern der Klang einer anderen...
Aber natürlich war niemand sonst da. Dava war unten in den Gängen, und dort war auch der Amerikaner, und der war vermutlich tot. Wie auch sie bald tot sein würde. Und er, Radu Conescu - oder Igor Iwanowitsch Petrow oder Sidney Green oder Jacques Follette oder wie die anderen Namen alle lauteten - er hatte endlich den ganz großen Fisch an Land gezogen. Nach all diesen Jahren des eher kümmerlichen Sich - durchschlagens, der unbedeutenden Erfolge - unbedeutend im Vergleich zu diesem - hatte er es geschafft. Er hatte es so gut wie geschafft.
Trotzdem würde er heute abend den Stollen mit Dynamit verschließen müssen.
Es machte nichts, daß damit die Eliminierung seiner Partnerin verbunden war. Sie war neurotischer und hysterischer, als er gedacht hatte, und daraus konnten Gefahren erwachsen. Wenn es stimmte, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebte, traf auch zu, daß Dava nicht vom Gold allein würde leben können. Immerhin, dachte Conescu, wird sie wahrscheinlich nicht verhungern müssen. Nein, der Hungertod wird ihr erspart bleiben, denn zuerst werden die Wölfe hungrig. Und Wölfe, da sie nun einmal Wölfe sind...
Er lachte wieder.
Diesmal gab es kein Echo.
Komisch. Er hatte sich doch nicht von der Stelle gerührt! Er stand noch genau am gleichen Fleck, wo er gestanden hatte, als...
Er hielt die Hände vor sich, atmete langsam ein und aus. Da. Kein Zittern, voll unter Kontrolle. Jetzt war nicht der Moment, sich von der Einbildung narren zu lassen. Und die Gefahr war hier oben größer als anderswo. Das zerstörte Schloß, der Mond, der durch die immer wieder aufreißenden Wolken schien, die Stille hier oben - dies alles machte die Sinne aufnahmebereit für außergewöhnliche Phänomene.
Gar nicht zu reden von den Geheimnissen der unterirdischen Gänge und der Warnung, der goldenen Plakette an der versiegelten Tür der Schatzkammer.
Sonst trifft Dich noch in dieser Nacht,
Des tiefsten Unglücks Jammer.
Was den jungen Mihail anging, so hatte sich der Vers wirklich als prophetisch erwiesen. Und für Dava würde vielleicht das gleiche gelten. Möglicherweise handelte es sich wirklich um einen Fluch, und sein gesunder Instinkt hatte ihn davor bewahrt, selbst die Tür aufzubrechen...
Aber Verwünschungen dieser Art gab es doch nicht; oder wenn es sie gab, waren sie wertlos. Mihail war gestorben, weil Dava es so gewollt hatte. Dava würde sterben, weil er es so wollte. Welche Macht also hatte der Fluch?
Nun, warum hatte er ihn dann respektiert?
Vorsicht. Natürlich war es nur Vorsicht. Man überlebte nicht so lange wie er, schon gar nicht als Agent und Schmuggler, wenn man nicht in allen Situationen und Angelegenheiten die angemessene Vorsicht beachtete. Wenn es an der Zeit wäre, den Goldschatz zu bergen, würde er ohne Zögern den Raum betreten. Aber genauso wie die Vorsicht immer ein Teil seines modus operandi gewesen war, so verhielt es sich auch mit dem Risiko. Der kluge Mann wählte das angemessene Risiko, niemals das unnötige.
Als er diesmal lachte, echote es laut von den Ruinenmauern ringsum zurück.
Conescu erstarrte.
Das Lachen war nicht das seine! Er wirbelte herum und zog die Pistole, sah aber niemanden, auf den er die Walther P 38 richten konnte. Erst als er zum oberen Ende der zerbröckelnden Steintreppe blickte, die an der Mauer aufwärts zu einer Türöffnung im Bergfried führte.
„Habe ich Sie erschreckt, Herr Conescu?“ fragte eine ironische Stimme. „Wenn Sie sich fürchten, ist das schon in Ordnung. Sie haben gute Gründe, sich zu fürchten.“
Die Gestalt dort oben war riesenhaft - bei weitem größer und breitschultriger als der junge Mihail oder der Amerikaner Sanchez. Der Mann trug einen langen schwarzen Umhang, von dem sich sein blasses Gesicht weiß abhob. Das Mondlicht schien auf seine Züge, und Conescu sah, daß es ein feingeschnittenes, aristokratisches Gesicht war. Streng und nachdenklich zugleich. Unheimlich an diesem Gesicht waren eigentlich nur die Augen, die zornig blitzten und in denen ein rotes Licht zu glimmen schien.
„Ich stimme Ihnen zu, Conescu“, sagte der Fremde. „Ihr Plan, den Tunneleingang zu sprengen, soll ausgeführt werden. Sobald das geschehen ist, soll Ihnen das verdiente Schicksal zuteil werden.“
Conescu fiel die Pistole in seiner Hand ein. Ermutigt hob er die Waffe, zielte auf die Brust des Schwarzen und ließ die Walther zweimal aufbellen.
Ohne erkennbares Resultat!
Das blasse Gesicht des Fremden lächelte wieder und entblößte Zähne von ungewöhnlicher Größe - Zähne, die sich noch zu verlängern schienen!
„Ist das eine Art, sich zu benehmen, Conescu?“ fragte die Stimme rauh. „Ist das eine Art, einen lange verloren geglaubten Verwandten zu begrüßen?“
Mit einem Schrei, in dem bereits aufkommender Wahnsinn anklang, feuerte Conescu wieder die Pistole ab. Wieder und wieder feuerte er, bis die letzte leere Patronenhülse ausgestoßen war. Da waren die roten Augen nur noch wenige Zentimeter von seinen eigenen entfernt.
Er konnte nicht fliehen, konnte sich nicht bewegen. Irgendwie versteinerte ihn die Macht dieser Augen, wo er war. Er glaubte nicht einmal, daß er schreien könne, aber er brachte ein heiseres Brüllen heraus, als der Fremde, dessen Identität er nun kannte, mit einem höhnischen Lachen die Pistole aus seiner Hand nahm.
Indem er ihm mühelos das Handgelenk brach. Carmelo Sanchez wartete an der Ecke des unterirdischen Ganges, die Pistole entsichert und im Anschlag. Die Waffe war jetzt seine einzige Chance - oder, genauer gesagt, die vier Kugeln darin waren seine einzige Chance. Daß die vier verbleibenden Patronen reichen würden, bis er sicher hier herauskam, war zumindest offen. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, daß seine Gegner wußten, was er wußte:
Daß er in der Falle saß.
Plötzlich verspürte er den Drang zu rauchen. In seiner Jackentasche hatte er noch eine angerauchte Zigarre vom gestrigen Flug. Auch das Feuerzeug war da. Zum Teufel, warum nicht? Er schnappte das Feuerzeug auf und zündete das geschwärzte Ende der Zigarre an. Er inhalierte den Rauch, dann fragte er sich, warum es ihm angenehm war, den Rauch in die Lungen zu saugen. Bestand die Gefahr, daß es zur Gewohnheit wurde? Wahrscheinlich nicht. Wenn er in einem ganzen Jahr eine Kiste mit fünfundzwanzig von den Dingern rauchte, war das schon hochgegriffen. Und was machte es für einen Unterschied? Wie die Dinge im Moment standen, sprach nicht allzuviel dafür, daß er an Lungenkrebs sterben würde. Da war es ganz natürlich, daß er das Bedürfnis fühlte. Er hatte es immer, wenn er flog, und nun sah er sich dem größten Flug gegenüber, den er je gewagt hatte. Dem Flug der Seele zu ihrer gerechten Belohnung. Dem langen und einsamen Flug zu den lichten Höhen der Verheißung oder zu den finsteren Tiefen der Unterwelt, je nachdem, wie es einem nach seinem Lebenswandel zudiktiert wurde. „Man sollte Gottes Richtspruch nicht fürchten“, pflegte seine Großmutter zu sagen. „Nicht, wenn man die Gebote eingehalten hat und auf den Wegen der Rechtschaffenheit gegangen ist.“
Die Gebote. Du sollst nicht töten, das war eines davon. Und Sanchez hatte es viele Male gebrochen, hatte die Macht des Gesetzes, das gegen das organisierte Verbrechen unwirksam schien, in eigene Hände genommen.
Und doch, wenn es so etwas wie eine Aufrechnung der Taten geben sollte, fühlte er sich irgendwie zuversichtlich, daß er seine Handlungen würde rechtfertigen können. War es ein Verbrechen oder eine Sünde, etwas oder jemanden zu zerstören, der selbst ein Zerstörer war - und ein Zerstörer des Guten?
Die Rache ist mein, sagt der Herr.
Sanchez blies eine große Rauchwolke aus. Vielleicht, Großmutter, vielleicht. Aber vielleicht braucht der Himmel, den du im Leben verehrt hast, manchmal ein bißchen Hilfe.
Er hatte sich oft gefragt, was seine Großmutter zu Harmon und seinen Versuchen sagen würde, in die Tresore verbotenen Wissens einzudringen. Was die momentane Situation betraf, so brauchte er nicht lange zu überlegen, was sie dazu sagen würde. Er war zweifellos sehr, sehr einfältig gewesen.
Er hatte sich nicht vergewissert, daß niemand in der Nähe war, bevor er in den Stollen eingestiegen war. Drei Menschen waren hier oben auf schreckliche Weise umgekommen, und er hatte dieses Wissen völlig außer acht gelassen. Hinein in den Bohrstollen, durch die Öffnung gezwängt und hinuntergesprungen. Als er die Stelle erreicht hatte, wo Mihail blutüberströmt und mit zerfleischter Kehle zwischen den Goldhaufen lag, war es für Erwägungen der Vernunft zu spät gewesen; schon hatte er hinten bei der Öffnung die dumpfen Geräusche gehört, dann das Hecheln und Tappen der Pfoten. Mit der Pistole in der Hand hatte er sie erwartet.
Mit zwei Schüssen im Schein seiner Taschenlampe war es ihm gelungen, die zwei vordersten Angreifer zu erlegen. Aber als er wieder gezielt hatte, war die schwarze Dunkelheit des Stollens sein einziges Ziel gewesen.
Zuerst hatte er gegrinst. Dann war ihm das Grinsen vergangen, und er war nervös geworden.
Die zwei anderen Wölfe waren schlau gewesen - zu schlau. Sie hatten sich offenbar etwas ausgerechnet, das Sanchez erst in diesem Moment aufgegangen war. Es gab nur einen Ausgang. Warum das Opfer in der finsteren Enge eines Gangs angreifen, wenn man nur zu warten brauchte, bis es von selbst kam?
Sanchez war schon einmal in diesem unterirdischen System gewesen: jenes erste Mal, als sie die Krypta des Grafen betreten hatten. Sie waren durch eine Öffnung eingestiegen, die von einem gewaltigen Felsblock verschlossen gewesen war. Es war ein tonnenschwerer Block, aber von der Außenseite war es nicht schwierig gewesen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und fortzuwälzen.
Offenbar war der Block wieder an Ort und Stelle. Die letzte Erinnerung, die Sanchez an den gewaltigen Stein hatte, war, daß er mit dumpfem Poltern den Hang hinuntergerollt war, um irgendwo zwischen den Büschen und Bäumen weiter unten liegen zu bleiben. Doch war es nicht dabei geblieben. Er selbst hatte bei seinem Aufstieg denselben oder einen ähnlichen Steinblock am ursprünglichen Platz liegen sehen. Zweifellos war der Eingang schon an jenem ersten Abend wieder verschlossen worden, nachdem sie gegangen waren. Das konnte durch Ktaras geistige Kraft geschehen sein. Aber in diesem Moment waren es nicht geistige Kräfte, mit denen Sanchez sich beschäftigte.
Es waren körperliche Kräfte, die seinen. Würden sie ausreichen, den Stein in Bewegung zu setzen?
Zuerst mußte er natürlich die Gruft und den Treppenaufgang wiederfinden, aber in diesem Punkt war er zuversichtlich. Wenn der Stollen zur Schatzkammer führte, war anzunehmen, daß auch die Gruft des Grafen nicht weit sein würde. Selbst in seinem totenähnlichen Schlaf würde der Graf sein Gold in der Nähe haben wollen, geschützt wenigstens durch einen Anschein von Überwachung. Sanchez schaltete seine Taschenlampe wieder ein und bewegte sich durch den engen Gang weiter. Seine schweißfeuchten Finger umklammerten die Pistole, und er ärgerte sich wieder, daß er aus purer Nervosität zwei weitere Kugeln abgefeuert hatte, nur weil er hinter sich Geräusche gehört zu haben glaubte. Der Gang führte abwärts, was ganz in Ordnung war, nahm aber plötzlich eine scharfe Wendung nach rechts. Sanchez hatte keine andere Wahl als zu folgen und entdeckte nach zehn Metern, daß der Gang einen weiteren Knick machte, diesmal nach links. Eine Minute, zwei Minuten vergingen, und der Puertoricaner bewegte sich vorsichtig weiter abwärts. Dann und wann ließ er den Lichtkegel seiner Taschenlampe nach rückwärts gehen, um sich zu vergewissern, daß die Wölfe ihm nicht zu nahe kamen.
So unvorsichtig waren sie nicht; aber wenn er sich am Ende einer längeren geraden Strecke umwandte und zurückleuchtete, sah er die fernen Lichtreflexe ihrer Augen und wußte, daß die Wölfe nicht aufgegeben hatten.
Nach einer dieser Überprüfungen, als er seinen Lichtkegel wieder nach vorn schwenkte, entdeckte er etwas Dunkles und Horizontales auf dem Steinboden voraus. Es war der Teil einer verrotteten Eichentür, ähnlich derjenigen, die die Schatzkammer verschlossen hatte. Wenn er Glück hatte, war das diejenige, die er selbst vor einigen Monaten eingetreten hatte. Es gab eine einfache Möglichkeit, sich darüber Klarheit zu verschaffen: er brauchte nur den Raum dahinter zu sehen. Wenn es die kleine sechseckige Gruft war...
Nachdem er sich schnell bekreuzigt hatte, stieg er über die morschen Reste der Tür und leuchtete in die Öffnung. Der Lichtkegel fiel direkt auf den Gegenstand, den er gesucht hatte.
Es war der einzige Gegenstand im Raum, ein sehr alter, mit grotesken Ornamenten und Tiergestalten überladener Sarkophag aus Stein und Metall: der Sarkophag Draculas!
Als sie den Grafen damals in einem leichteren Sarg abtransportierten, hatte Sanchez gehofft, diesen Raum und den Sarkophag niemals wieder zu sehen. Nun war es ein willkommener, wenn auch nicht erhebender Anblick. Er wußte jetzt den Weg hinaus.
Er zog sich aus dem Raum zurück und ließ sein Licht in die Richtung der Wölfe scheinen. Sie waren noch immer hinter ihm. Ein wenig näher jetzt, wie es schien. Sanchez kümmerte sich nicht weiter um sie und ging rasch in einen Nebengang, der eine Biegung nach rechts machte und dann anzusteigen begann. Ein paar Meter noch, dann war Sanchez auf der Treppe, an die er sich gut erinnerte und die direkt ins Freie führte.
Aber diesmal endete sein Aufstieg unter dem Felsblock, der die Öffnung verschloß und den er nicht bewegen konnte.
Der schmale und niedrige Treppenaufgang bot keine sehr günstigen Möglichkeiten zum Ansetzen eines Hebels, aber nach einigem Probieren gelang es Sanchez, den größten Teil seiner Körperkraft gegen die gerundete Oberfläche des Felsblocks einzusetzen. Aus jedem nur vorstellbaren Winkel drückte er mit aller verfügbaren Kraft, um den Block aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Aber er rührte sich nicht von der Stelle. Und nach einer Weile hörte Sanchez durch sein angestrengtes Keuchen ein anderes Geräusch aus der Dunkelheit unter sich.
Das tiefe, kehlige Grollen eines Wolfs.
Er schaltete sein Licht an, leuchtete hinunter, zog die Pistole und entsicherte sie. Vier Schüsse, zwei Wölfe. Die Lage hätte verzweifelter sein können.
Sehr bald war sie es.
Der erste Wolf kam aus dem Gang gejagt und nahm die Stufen in langen Sätzen. Er hatte ein volles Dutzend übersprungen, bevor Sanchez die geifernden Kiefer im Visier hatte und abdrücken konnte.
Der Explosionsknall schlug unerträglich laut zwischen den Wänden hin und her, und Sanchez sah die Schädeldecke des Wolfs aufplatzen. Danach ging alles so schnell, daß er für getrennte Wahrnehmungen keine Zeit mehr hatte. Sein Fuß rutschte plötzlich von der Treppe ab, er verlor das Gleichgewicht und fiel die Treppe hinunter. Während er versuchte, seinen Kopf zu schützen und zugleich an den Wänden Halt zu finden, verlor er, was er in den Händen hatte; und als er endlich zum Stillstand kam, war er kaum zehn Stufen vom Fuß der Treppe entfernt. Pistole und Taschenlampe lagen dort unten, wie der Lichtkegel der Lampe deutlich zeigte. Er zeigte auch ein drittes Ding.
Ein graues, pelziges Ding mit einem bösen Knurren und dazu passenden Zähnen.
Der Wolf sprang auf ihn los.
Sanchez' linke Stiefelsohle stieß hart gegen die Schnauze des Angreifers und warf ihn über die Stufen hinunter. Wo er landete, war es dunkel, aber die Geräusche der scharrenden Pfoten sagten Sanchez, daß ein zweiter Angriff bevorstand.
Wieder kam der große graue Wolf näher. Das Blut aus seiner Schnauze durchnäßte den Pelz an der linken Seite des Oberkiefers. Die Augen des Tiers glühten wie im Wahnsinn, und es atmete schnell und keuchend.
Dann hörten die Atemgeräusche plötzlich auf. Wie ein Gewehrschütze visierte der Wolf Sanchez aus halbgeschlossenen Augen an. Dann spannten sich seine Muskeln, und mit lautem Schnauben sprang er vorwärts.
Wieder stieß Sanchez' linker Stiefel vorwärts und abwärts. Wieder traf er, aber diesmal glitt er von der Kopfseite des Wolfs ab, und dieser ließ sich nicht abschrecken. Im nächsten Moment hatte er Sanchez erreicht.
Der Anprall warf den Mann auf die Stufen zurück, und ein heftiger Schmerz schoß durch seinen Rücken, aber er war zu beschäftigt, die Kiefer abzuwehren, die an seine Kehle wollten.
Es gelang ihm, das Halsfell des Wolfs fest in den Griff zu bekommen und die wild schnappenden Fänge von seinem Gesicht wegzudrücken. Dann richtete er sich auf, den zappelnden Wolf in den ausgestreckten Händen, und schlug ihn mit dem Schädel hart links und rechts gegen die Wände. Der Wolf jaulte und schrie, als sein Kopf gegen den Stein schmetterte, dann wurde er still. Nach dem fünften oder sechsten Schlag erschlaffte sein Körper, und als Sanchez ihn losließ, fiel er wie eine Stoffpuppe in sich zusammen, rollte die Stufen hinunter und blieb unten liegen.
Sanchez stand schnaufend auf und stützte sich an beiden Wänden ab.
„Hübsch gemacht, Mr. Sanchez.“
Sie stand am oberen Ende der Treppe und lächelte zu ihm herab.
Carmelo lächelte nicht zurück. „Wie lange sind Sie schon dort oben?“
„Lange genug, um Ihre Kraftleistung zu bewundern.“
„Sie hätten mir helfen können“, sagte er.
Ktara zog ihre Brauen hoch. „Hilfe wäre überflüssig gewesen. Sie haben es sehr hübsch gemacht. Aber jetzt schlage ich vor, daß wir diesen Ort verlassen. Ich kann die Öffnung nicht lange so lassen.“
Sanchez nickte, stieg die Stufen hinunter und nahm Taschenlampe und Pistole an sich.
Als er kurz darauf aus der Öffnung schlüpfte, wo der Felsblock ein wenig zur Seite geschoben war, blickte Ktara auf die Pistole in seiner Hand. „Glauben Sie, daß Sie das wirklich brauchen?“
Sanchez' Lächeln war grimmig. „Dann und wann ist eine solche Pistole recht nützlich, und vor allem kann man sich auf sie verlassen. Im Gegensatz zu gewissen anderen Arten von Hilfe hat sie noch nie erwähnt, daß sie sich als überflüssig betrachtet.“ Er hätte noch mehr gesagt, aber seine Aufmerksamkeit wurde von Rufen ganz in ihrer Nähe abgelenkt. Die Männer aus dem Dorf mit ihren brennenden Fackeln waren kaum noch fünfzig Meter entfernt. Sanchez spähte hinunter, dann sah er Ktara an, eine Frage im Blick.
Sie zuckte knapp die Achseln. „Der Meister“, sagte sie. „Aus Gründen, die er selbst am besten kennt, wünscht er ihre Anwesenheit.“