3.
... und, mein lieber Damien, die Wölfe heulen noch immer vom Berg, wie Du und ich sie damals in Piteschti hörten. Aber nun ist ein neuer Wolf erschienen, ein Mann, der behauptet, von der gleichen Abstammung wie der legendäre Graf zu sein, ein Mann, der mit umfangreichen Ausgrabungen unterhalb des Kastells begonnen hat. Auf Ersuchen staatlicher Stellen sowie des archäologischen Instituts hier in Bukarest habe ich mit diesem Radu Conescu gesprochen. Während er über ausgezeichnete Verbindungen zu Regierungsstellen zu verfügen scheint und alle Erlaubnisscheine besitzt, die man sich nur vorstellen kann, habe ich von seinen archäologischen Kenntnissen keinen überzeugenden Eindruck gewonnen. Du weißt vielleicht, daß unser Institut schon lange den Wunsch hatte, tiefer in die Geschichte jener Burg einzudringen, aber daß Ausgrabungen immer an den erforderlichen Mitteln scheiterten.
Eben diese Mittel scheinen für Herrn Conescu kein Problem zu sein. Er zahlt Löhne, die sogar die abergläubigsten Dorfbewohner anlocken, für ihn zu arbeiten. Was immer man über ihn sagen kann, ich glaube, Conescu ist nicht das, was zu sein er behauptet, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. Ich fühle mich in diesem Punkt etwas unsicher, weil Nachforschungen solcher Art nicht mein Fall sind, außerdem fehlt mir neben der Kompetenz der Zugang zu Kreisen, in denen man mehr über den Mann hören könnte.
Für den Fall, daß Du interessiert bist, wirst Du unter den beigefügten Dokumenten eines finden, das von Wert sein könnte. Es enthält die Fingerabdrücke von Radu Conescu. Wenn ich eine Vermutung riskieren wollte, würde ich sagen, daß der Mann Russe oder Pole ist, und wenn ich zwischen diesen beiden die Wahl zu treffen hätte, würde ich sagen Russe.
Wenn diese Dinge, wie ich annehme, von so großem Interesse für Dich sind, daß Du daran denkst, nach Rumänien zu kommen, so ließen sich Vorkehrungen für Dich und Dein Gefolge treffen - ebenso für Dein Gepäck, sei es groß oder klein, so daß die Ein- und Ausreise mit weniger umständlichen Methoden als beim letztenmal möglich sein sollte.
Natürlich könnte Dein Interesse an diesen Dingen erloschen sein, oder es gibt andere Projekte, die Dich beschäftigen und von der Verfolgung dieser Sache abhalten. Wenn ich nicht wieder von Dir höre, werde ich annehmen, daß solches der Fall ist. Wie immer es sein mag, ich bleibe in alter Freundschaft Dein
Alexandru Thorka
Als er den Brief im Licht des Kaminfeuers las, schüttelte Carmelo Sanchez den Kopf und lächelte. Das Lächeln brachte südländische Heiterkeit in sein gleichmütiges Gesicht, das im Feuerschein wie aus einem Stück Elfenbein geschnitzt schien, makellos bis zum Scheitel seines runden Kopfes, der außer den schwarzen Brauen über seinen dunklen Augen völlig haarlos war.
Die zwei anderen in dem großen Arbeitszimmer, der Mann und die Frau, verhielten sich still, während er den Brief las. Die einzigen Geräusche waren das Knistern und Knacken des Kaminfeuers und das Heulen des Seewindes, der zu den dumpfen Schlägen der Brandung Schneewolken um das weitläufige, fichtenumstandene Herrenhaus von Westhampton an der Küste Long Islands fegte.
Der andere Mann und die Frau saßen ein gutes Stück vom Feuer entfernt. Die Frau hatte eine Abneigung gegen Flammen, nicht weil sie sie fürchtete, sondern weil sie in der Nähe eines Feuers gewisse Fähigkeiten nicht entfalten konnte. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover und eine schwarze Hose und saß zusammengerollt in einem Lehnstuhl. Ihre Erscheinung erinnerte an eine Katze; anmutig wie die einer Katze waren ihre Bewegungen, katzenhaft war ihr kurzgeschnittenes pechschwarzes Haar, und ihre hohen Backenknochen und ihre blaßgrünen Augen verstärkten diesen Eindruck.
Der Mann, eine stattliche Erscheinung mit einer weißen Mähne, mochte etwa Mitte Sechzig sein. Er saß hinter seinem Schreibtisch und sah wieder einmal die Anlagen zum Brief seines rumänischen Freundes durch. Er saß in einem Rollstuhl, an den er seit dem Jahre 1938 gefesselt war, als das Bleirohr eines Gangsters seine Wirbelsäule zerschmetterte. Diese Waffe war auch für die Metallplatte verantwortlich, die nun beide Stirnlappen seines Gehirns schützend umgab. Und doch sah dieser Mann nicht wie ein Invalide aus. Seine massigen Schultern standen denen seines Assistenten, Carmelo Sanchez, nur wenig nach und Sanchez, ein Athlet mit stahlharten Muskeln, der einen Meter neunzig groß war und gute zwei Zentner wog, hatte Schultern wie ein Gorilla.
Professor Damien Harmon, zweifacher Doktor und Besitzer eines Physikdiploms, blickte von seinem Schreibtisch auf, als der jüngere Mann aufstand.
„Nun?“ fragte er. Er hatte den Brief schon am Morgen gelesen, und seither hatte er sich kaum noch mit etwas anderem beschäftigt. Carmelo Sanchez war gerade aus dem Dorf zurückgekehrt, wo er eingekauft hatte, und dies war seine erste Gelegenheit, den Brief zu lesen. Was die Frau betraf, Ktara, so hatte sie das Schreiben überhaupt nicht gelesen. Dennoch wußte sie, was darin stand.
„Nun?“ wiederholte Harmon. „Was meinen Sie?“
Sanchez legte den Brief auf den Schreibtisch und kehrte an seinen Platz am Kamin zurück, „Ich glaube, Ihr alter Freund Thorka ist ein ziemlich schlauer Fuchs.“
Harmon nickte wieder. „Ohne Zweifel. Aber wie meinen Sie das?“
„Es steht alles in dem Brief. Seine Bezugnahme auf unseren letzten Besuch ist ein Punkt, der mich interessiert hat. Er weiß nicht nur, warum wir in Rumänien waren und den Berg aufgesucht hatten, sondern ich bin bereit, dieses Haus gegen einen alten Schuppen zu verwetten, daß er auch weiß, womit wir damals wieder abgereist sind. Für mich ist es so gut wie sicher, daß er Nachforschungen darüber angestellt hat.“1
„Wahrscheinlich haben Sie recht. Alex war damals etwas besorgt, daß unsere Handlungen, in die er übrigens nicht seine Nase hineinsteckte, einen politischen Hintergrund haben könnten. Wenn er in der Zwischenzeit Nachforschungen angestellt hat, für die ich ihm ganz gewiß keine Vorwürfe machen würde, so hatten sie nach meiner Überzeugung mehr mit Neugierde als mit etwas anderem zu tun.“ Er blickte zur Frau hinüber. „Was sagen Sie, Ktara?“
Die Frau erhob sich mit fließender Bewegung aus dem Ohrensessel, kam an den Schreibtisch und legte ihre Fingerspitzen auf Alexandru Thorkas Brief. Ihre Augen waren nur einen Moment geschlossen.
„Professor Thorka“, sagte sie, „war hauptsächlich von Neugierde motiviert, ja. Nicht nur in bezug auf Ihre Handlungen, sondern in bezug auf das, was nach seiner Vermutung von dem Berg geholt wurde.“ Ihre Stimme war seltsam; sie hatte einen eigenartigen Akzent. Es war kein Akzent, wie man ihn bei einer Person aus einem anderen Land erwarten würde, denn ihr Englisch war ausgezeichnet. Es war eher so, als ob sie überhaupt nicht zu sprechen gewohnt wäre - nicht in der Art und Weise menschlicher Wesen. Es war, als ob die menschliche Sprache selbst eine Kommunikationsmethode wäre, die sie für umständlich und lästig hielt.
Sanchez rieb sich nachdenklich am Kinn. „Gut, Ihr alter rumänischer Freund wird also von höchsten wissenschaftlichen Prinzipien geleitet. Die Frage ist, was wollen Sie dazu sagen, und welche Pläne haben Sie?“
Harmon dachte nach. „Auf jeden Fall werde ich die Fingerabdrücke nachprüfen lassen. Sanford Proctor kann das durch Interpol machen lassen. Er wird sich über die Gelegenheit freuen, mir einen Gefallen zu tun.“
Sanchez nickte. Sanford Proctor und Harmon waren alte Freunde. Gemeinsam waren sie als junge Leute in den Dienst der New Yorker Stadtpolizei getreten. Obwohl inzwischen pensioniert, verfügte Proctor noch immer über gute Beziehungen zu den Polizeidienststellen, und in den Jahren hatten er und Harmon einander immer wieder kleine Gefälligkeiten erwiesen, wobei keiner der beiden sich allzu gründlich mit den Dingen befaßte, denen der andere nachging. Aber erst vor kurzem war Proctor mit einem sehr realen und dringenden Problem zum Professor gekommen, einem Problem, das zur vollen Zufriedenheit des Expolizisten gelöst worden war.2
Es war seltsam. Alle drei - Proctor, Harmon und Sanchez selbst - waren ehemalige Polizisten. Proctor war mit einer guten Pension und in Ehren aus dem Dienst ausgeschieden. Harmon war schon nach relativ kurzer Zeit entlassen worden, weil er sich als Spezialist für die damals neue Wissenschaft der Kriminalpsychologie gegen den Befehl seiner Vorgesetzten persönlich an Fahndungsaktionen beteiligt hatte. Was Carmelo Sanchez betraf, so war auch er entlassen worden. Das Heroin, das man in seinen Streifenwagen gelegt hatte, hätte ihn um ein Haar ins Gefängnis gebracht, hätte Damien Harmon ihn nicht durch einen guten Anwalt herauspauken lassen. Als ein Millionär und ein Mann mit vielen und weitreichenden Interessen, hatte Harmon seine Universitätskarriere mit 50 Jahren aufgegeben, um sich seinen zwei Hauptinteressen zu widmen: dem Phänomen des Verbrechens und dem Phänomen des Okkultismus. Sein Interesse an Sanchez hatte mit dem Ersteren zu tun. Der Puertoricaner war einer von mehreren Assistenten, die dem Professor nacheinander bei seinem heimlichen Kampf gegen das organisierte Verbrechen geholfen hatten. In den vier Jahren ihres Zusammenseins hatten sie eine ganze Menge geleistet. Aber Sanchez hatte eine Auszeichnung, die keinem seiner Vorgänger zuteil geworden war. Er war der erste von Harmons Helfern, der auch in das zweite Interessengebiet des Professors Einblick genommen hatte, in die Erforschung des Übersinnlichen.
„Darf ich vorschlagen“, sagte die Frau, starr ins Feuer blickend, „daß Sie jemand anderen den Brief von Professor Thorka lesen lassen, bevor Sie eine Entscheidung treffen, was Sie tun oder nicht tun wollen?“
Keiner der beiden Männer hatte einen Zweifel, wer dieser andere war. Als wollte sie alle Unklarheiten beseitigen, fügte sie schnell hinzu: „Es ist sowieso seine Essenszeit.“
Harmon nahm den Brief und einen Zeitungsausschnitt vom Schreibtisch... Sanchez schob seinen Rollstuhl hinaus in den Korridor... Harmon sagte zu der Frau: „Sagen Sie ihm nichts, ich werde es ihm auf meine Weise beibringen.“
Sanchez fuhr den Rollstuhl in den Aufzug, und die beiden Männer und die Frau fuhren abwärts ins Kellergeschoß. Als die Tür zurückrollte, kamen zwei Männer und eine große schwarze Katze mit glänzendem schwarzen Fell und leuchtenden grünen Augen aus dem Lift.
Ein Knopfdruck, und die Neonlampen des großen Kellerlaboratoriums flackerten an. Sanchez bekreuzigte sich gewohnheitsmäßig, bevor er den Rollstuhl mit Harmon in den Raum schob, der Werkstatt und Labor zugleich war. Regale mit Gläsern, Destillierkolben und Geräten aller Art säumten die weißgetünchten Wände, Maschinen und Arbeitstische nahmen den größten Teil der Bodenfläche ein. Auf einem leergeräumten Platz in der Mitte des weitläufigen Raums aber stand der alte, mit reichem Schnitzwerk verzierte offene Sarg.
Er lag darin, die Augen geschlossen, ein amüsiertes Lächeln auf dem Gesicht. Es war ein edles Gesicht mit einer Adlernase und buschigen Augenbrauen, die einander in der Mitte fast begegneten. Scharfe, energische Züge bestimmten den Schnitt des Gesichts, und über der breiten, nur wenig fliehenden Stirn war dichtes schwarzes Haar, sauber gekämmt und gescheitelt, keine Strähne am falschen Platz. Der Körper des Mannes war groß - größer als der des athletischen Puertoricaners -, und obwohl er einen makellos gebügelten schwarzen Abendanzug trug, waren die enorme Energie und Muskelkraft dieses Körpers offensichtlich.
Die zwei Männer, die nun vor dem Sarg standen, wußten das gut. Sie wußten auch von anderen Gesichtszügen, an die man nicht gern dachte. Sanchez berührte unwillkürlich das silberne Kreuz auf seiner Brust. Es war ein altes Erbstück von der Insel Puerto Rico, ein Andenken, das seine Großmutter ihm vor vielen Jahren gegeben hatte.
Harmon hatte nun die Augen geschlossen. Es war an der Zeit, daß er seine psychokinetische Kraft gebrauchte, um den Hebel der kleinen Einheit zu bewegen, die in seinen Körper eingepflanzt war. Wenn der Hebel sich bewegte, sendete er ein Radiosignal aus, das wiederum einen Holzsplitter aus dem Herzen des Mannes zog, der in dem Sarg lag. Es war ein Splitter, vor Monaten von einem größeren Pfahl abgespalten, der im Herzen des Mannes im Sarg gesteckt hatte und den Carmelo Sanchez selbst mit zitternden Händen herausgezogen hatte.
Die psychokinetische Energie mochte Naturtalent oder Ergebnis okkulten Wissens sein, aber der Rest, die winzigen elektronischen Einheiten, die in die zwei Körper eingepflanzt waren, stellten wissenschaftliche Leistungen dar. Der Federmechanismus, der den kleinen Holzsplitter neben dem Herzen des scheinbar schlafenden Mannes bewegte, konnte auf zweierlei Weise betätigt werden. Eine war Harmons Wille. Die zweite war automatisch und würde bei Harmons Tod von selbst in Gang kommen. Das Ganze war nichts anderes als eine wissenschaftlich ausgeklügelte Vorsichtsmaßnahme.
Als die aristokratischen Züge des Mannes im Sarg in Bewegung kamen, seine Augen sich öffneten und seine Hände die Sargkanten packten, um den Körper herauszuheben, fragte sich Sanchez, wie seine Großmutter auf diese Erscheinung reagiert hätte. Sie, die alte Frau, voll von Aberglauben, der ihr ganzes Denken durchzog, würde schreien und ihren Rosenkranz herausreißen und ihre Heiligen anrufen. Und sie würde das nicht im Schreck tun, sondern in wissendem Entsetzen.
„Mich hungert“, sagte Graf Dracula.
„Meister“, sagte die Frau. Sie war zu den Wandregalen hinübergegangen, wo die rote synthetische Flüssigkeit in Flaschen verwahrt wurde, und hatte einen großen silbernen Becher mit dieser Flüssigkeit gefüllt. Die schwarze Katze war nirgendwo zu sehen.
Sanchez wandte den Kopf zur Seite. Er sah nicht gern zu, wenn Ktaras Meister seinen Durst stillte. Gewiß, die Flüssigkeit war synthetisch - eine von Harmons Meisterleistungen -, aber sie war zu wirklichkeitsgetreu. Ihr Geruch z. B. war genau der, den Sanchez nur zu gut kannte. Es war der süßliche Geruch frischen Blutes.
Dennoch entsprach das Getränk nicht dem Geschmack des Grafen - wie sich gleich darauf zeigte, als der Becher gegen die Wand prallte und mit metallischem Klappern auf den Boden fiel. Er klagte jedoch nicht; seine Begrüßung war sogar fast liebenswürdig:
„Sie machen mir alle drei Ihre Aufwartung?“ sagte er mit dem gleichen Akzent, den die Frau hatte. „Gibt es besondere Gründe für die ungewöhnliche Aufmerksamkeit?“
Er hatte sich inzwischen ganz erhoben und war aus dem Sarg gestiegen. Seine Augen verschossen rote Blitze, als er herausfordernd von Sanchez zu Harmon und weiter zu Ktara blickte.
„Sie verrät mir nichts“, sagte er zu dem Professor. „Das ist auch ungewöhnlich. Darf ich annehmen, daß dies auf Ihr ausdrückliches Ersuchen geschieht?“
Harmon nickte. „Ich möchte Ihnen diesen Zeitungsausschnitt zu lesen geben. Er stammt aus einer Zeitung, die in Piteschti erscheint.“
Graf Draculas Augenbrauen hoben sich, als er das Papier aus Harmons Hand nahm. Er überflog den Artikel, gab ihn Harmon zurück. „Ich habe es gelesen“, sagte er.
„Und der Inhalt interessiert Sie nicht?“
„Nicht im mindesten - bis auf diesen Radu Conescu. Ich möchte wissen, warum er Arbeiter für Ausgrabungen in der Nähe meines Berges einstellt.“
Harmon lächelte ein wenig. „Ich dachte an das, was hier über Vampire steht, Graf.“
„Von solchen Wesen ist in der Nähe meines Berges immer viel geredet worden“, sagte Dracula mit einem schwachen Anflug von Ironie. „Aber der Vampir ist ein Fabelwesen, Professor Harmon, und Rumänien ist ein Land, wo Fabeln und Legenden gedeihen. Was diese besonderen Todesfälle betrifft, so kann ich dazu nichts sagen - schon gar nicht von hier aus.“
„Das ist verständlich“, sagte Harmon. „Aber sagen Sie, Graf - kennen Sie diesen Conescu?“
„Nein. Sollte ich ihn kennen?“
„Er sagt, er sei Ihr Blutsverwandter.“
Der Graf lachte. „Interessant, aber höchst zweifelhaft.“ Seine Augen wurden etwas schmaler, als er Harmon musterte. „Immerhin frage ich mich, warum der Mann eine solche Geschichte erzählen sollte.“
Harmon blickte aufmerksam in die Augen des Grafen. „Vielleicht glaubt er, daß ihm das bei seiner Arbeit nützlich ist. Sie irren sich in diesem Punkt, wissen Sie. Er läßt nicht in der Nähe Ihres Berges arbeiten.“
„Nein? Aber in dem Artikel hier steht...“
„Der Artikel ist nicht ganz eindeutig, das gebe ich zu. Aber es handelt sich nicht um Arbeiten in der Nähe Ihres Berges, sondern auf ihm.“
Nun wechselte Thorkas Brief in die Hände des Grafen über. Er las den englischen Text rasch, und als er fertig war, hatten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen verengt, hinter denen rotes Feuer glühte. Seine Stimme war hart.
„Er gräbt nach meinem Gold.“
Sanchez und Harmon tauschten schnelle Blicke. Ktaras Augen blieben auf ihren Meister gerichtet.
„Gold“, murmelte der Professor nachdenklich.
„Eine Menge Gold, Harmon. Gold, das mir gehört, in Jahrhunderten angesammelt, Gold, das kein anderer haben soll!“
Der Graf schritt erregt auf und ab, um nach einem Dutzend Schritten vor dem Professor in seinem Rollstuhl Halt zu machen. „Harmon“, sagte der Vampir in drohendem Ton, „ich warne Sie. Ich muß diesen Mann an seinem Vorhaben hindern. Es ist unbedingt notwendig!“
„Sie, mein guter Graf, müssen überhaupt nichts tun - bis auf die Dinge, die ich Ihnen sage. Vor einigen Wochen schlossen wir eine Wette ab, Sie und ich, und Sie verloren. Das Ergebnis dieser Wette ist, daß Sie mir sechs Monate lang dienen müssen. Haben Sie das vergessen?“3
„Ich habe nichts vergessen!“ Ein langer, spitz zulaufender Zeigefinger zeigte auf den Mann im Rollstuhl. „Versuchen Sie das Schicksal nicht, Harmon! Eines Tages wird Sie das Verhängnis ereilen, wie Sie und ich wissen. Sie haben einen kurzen Aufschub Ihrer Hinrichtung erwirkt, aber Sie gehen trotzdem dem schrecklichen Tod entgegen, der Ihnen bestimmt ist, wenn Sie weiterhin versuchen, mich hier festzuhalten, während jenseits des Ozeans...“
Der Professor schien die erregten Worte des Grafen und seinen bösartigen Tonfall zu ignorieren. „Ich bin sehr überrascht, Graf, daß Sie einen Goldschatz besitzen. Ich kann mir das nicht erklären. Warum sollten ausgerechnet Sie Gold horten?“
„Harmon!“ sagte der Graf erregt. „Ich warne Sie noch einmal - versuchen Sie nicht, mich von meinem Vorhaben abzuhalten!“
Sanchez beobachtete, wie das Gesicht des Vampirs sich in der Erregung zu verändern begann. Die Eckzähne schoben sich langsam über die Lippen. Die Nase begann sich abzuplatten, und der Haaransatz bewegte sich zu den Augenbrauen herab. Die Augen wurden runder, roter, mit pechschwarzen Pupillen.
Auch dies schien Harmon nicht aus der Ruhe zu bringen.
„Ja, richtig, Graf. Nein, ich werde nicht versuchen, Sie von Ihrem Vorhaben abzuhalten - solange es mit meinen Absichten übereinstimmt.“
Die dolchzahnigen Kiefer des Vampirs öffneten sich mit Wutgebrüll, und die krallenbewehrten Finger beider Hände stießen auf den Sitzenden herab.
Sie erreichten ihn nicht. Harmons Augen schlossen sich nur für einen Augenblick. In dieser Zeit löste die psychokinetische Willensenergie den kleinen Hebel aus, und das Radiosignal erreichte das Empfangsgerät neben dem Herzen des Grafen.
Draculas Wutgebrüll ging in einen Schmerzensschrei über, er warf die Hände hoch, faßte an seine Brust und taumelte zwei Schritte zurück. Dann brach er auf der Stelle zusammen.
„Wie ich sagte, Graf Dracula“, sagte Harmon gelassen, „solange Ihr Vorhaben mit meinen Plänen übereinstimmt.“
Sanchez begriff, daß der Vorfall unnötig gewesen war. Harmon hatte einfach seine Macht über den Vampir demonstrieren wollen. Sanchez mißbilligte das. Man spielte nicht mit dem Feuer. Und sein Unbehagen wurde akut, als er in Ktaras Augen blickte.
„Diesmal, Professor“, sagte sie still, „haben Sie und mein Meister dasselbe Ziel. Aber ich rate Ihnen, versuchen Sie nicht, das Gold in Ihren Besitz zu bringen.“