12.
„Die Leute aus dem Dorf kommen, deinen Tod zu sehen, Conescu.“ Als der Graf sich von der Mauerbresche abwandte und Conescu anlächelte, ging ein heftiges Zucken durch den Körper des kleinen Mannes. Conescu war unfähig, sich zu bewegen. Er wollte schreien, diese schreckliche Kreatur um Gnade bitten, aber er hatte auch die Kontrolle über seine Stimme verloren. Alles, was er zustande brachte, war ein schluchzendes Wimmern und Ächzen.
„Entschuldigungen?“ fragte der Vampir. „Von dir, Conescu? Oder möchtest du dich nicht entschuldigen, sondern nur um Gnade bitten?“
„Ah-oh .. .“
„Ich fürchte, ich kann nicht verstehen, was du sagen willst. Du mußt dich etwas klarer ausdrücken.“
„Ah - ah - oh .. .“
Dracula zog die Brauen hoch. „Es ist klar, daß du die aristokratischen Umgangsformen nicht beherrschst, Conescu. Wenn man sich vorstellt, daß einer wie du die Kühnheit hatte, eine Blutsverwandtschaft mit mir vorzutäuschen. Das kann man nur als skandalös bezeichnen. Andererseits sollst du in einer Weise in den Genuß dieser Verwandtschaft mit mir kommen. Unser Blut soll sich vermischen, Conescu. Auf diese Weise wird deine Behauptung noch ihre Rechtfertigung finden. Sag mir, wie denkst du über die Idee?“
„Ah - ah...“
Die Augen Draculas verengten sich. „Ich bin deiner langweiligen Ausdrucksweise überdrüssig. Sie beleidigt meine Ohren, Conescu. Deine unvornehme Zunge und ihre abscheulich tierischen Geräusche können nicht länger toleriert werden. Ich wünsche, daß sie entfernt wird. Hast du mich verstanden, Conescu? Ich wünsche, daß du deine Zunge entfernst!“
Conescus Gesicht war blasser als das Mondlicht. Die Augen des anderen - sie waren jetzt hellrot, und in ihren Pupillen brannten kleine Flecken weißglühender Hitze.
„Was soll das heißen, Conescu? Du beeilst dich nicht, meinen Wunsch zu erfüllen? Warum solltest du zögern, dem Herrn dieses Schlosses mit einer so kleinen Handlung gefällig zu sein? Ist dies der Dank für die Gastfreundschaft, die ich dir gewährt habe - wenn auch unwissend? Ich bin über dein Zögern nicht erfreut.“
Und nun lachte der Vampir laut. „Hah, ich sehe das Problem. Du hast Schwierigkeiten mit dir selbst. Du möchtest mir gehorchen, aber du kannst nicht, ist es das? Du kannst deine Hände nicht bewegen. Aber ich glaube, da kann ich dir helfen. So. Jetzt kannst du tun, was ich von dir verlange.“
Es stimmte. Plötzlich kehrte das Gefühl in Conescus Arme zurück, und er fühlte Schmerzen von seinem rechten gebrochenen Handgelenk in sein Gehirn schießen. Sofort versuchte er zu fliehen, aber seine Bewegungsfreiheit war auf die Arme beschränkt - und ja, auf seinen Mund, den konnte er jetzt weiter öffnen. Vielleicht...
„N-nein!“ sagte er. Nun konnte er sprechen! Nun konnte er versuchen, mit diesem Ungeheuer zu verhandeln. Nun...
„Nun wirst du tun, was ich verlangt habe.“
„Nein, bitte - ich...“
Aber er tat, was der Vampir ihm befohlen hatte. Beide Hände, selbst seine schrecklich schmerzende Rechte, bewegten sich langsam aufwärts, die Finger nach innen geöffnet wie Krallen, und zuckten mit einer scheinbaren Ungeduld, als könnten sie nicht erwarten, ihren Auftrag auszuführen. Aber das durfte nicht sein, das war ganz ausgeschlossen! Sicherlich konnte er ihre Bewegung anhalten - waren es nicht seine eigenen Hände?
Sie waren es, aber auf andere, unnatürliche Weise waren sie es nicht. Als Conescus kräftige Armmuskeln sich bemühten, die Fortbewegung der Hände zu stoppen, traten seine Augen vor Anstrengung und Entsetzen aus den Höhlen. Dicke Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn, und Schweiß rann auch über seinen Rücken, ein kalter Schweiß, der ihn frösteln machte.
„B-bitte! Ich kann nicht...“
„Natürlich kannst du, Conescu. Glaubst du, ich würde etwas von dir verlangen, das du nicht tun kannst? Entferne deine Zunge!“
Wie auf ein Signal stießen Conescus Finger zu, tief in seinen offenen Mund hinein. Die Bewegung war schnell und energisch, genauso wie die Bewegung, die nun folgte: Conescus fest zupackende linke Faust stieß kräftig nach außen, das Ding, das sie gesucht hatte, fest in den einwärts gebogenen Fingern. Er nahm den rechten Arm zu Hilfe, und schon nach dem zweiten kräftigen Ruck kam das Ding ganz heraus, begleitet von einem gurgelnden Schrei und einem waagerecht herausschießenden Blutstrom, der seine Faust und den Steinboden bespritzte.
Conescu stierte ungläubig auf das Ergebnis seiner Tat, aber dann zwangen die Augen des Vampirs ihn wieder zur Aufmerksamkeit.
„Gut gemacht, Conescu. Und nun habe ich eine weitere Arbeit für dich, die du mit größter Sorgfalt und Schnelligkeit ausführen wirst. Ich wünsche, daß du die Explosivstoffe genau dort plazierst, wo du es geplant hast. Tue es schnell, dann kehre hierher zurück. Die Dorfbewohner, die den Hang heraufkommen, erwarten ihre Schau, und wir wollen sie nicht enttäuschen, nicht wahr?“
Es war, als hätte ein Lichtblitz aus den Augen des Vampirs den Blutfluß aus Conescus Mund zum Versiegen gebracht. Als er unter dem Blick dieser brennenden Augen dumpf nickte, fühlte er etwas wie neue Kraft in seinem Körper. Diesen Teil seines Auftrags würde er mit Freuden ausführen - aus diesem Gemäuer verschwinden, aus der Gegenwart dieser Kreatur fliehen, die ihm noch mehr Schaden zufügen wollte.
„Vergiß es nicht“, wiederholte Dracula warnend. „Bring den Sprengstoff an, dann kehre hierher zurück.“
Die Explosivstoffe, ja. Ein Dutzend Dynamitstangen. Als er sie aufsammelte, fiel etwas Weiches und Dunkles aus seiner linken Hand. Conescu schloß die Augen, um die Übelkeit abzuwehren, die ihn zu überwältigen drohte. Er konnte das Ding nicht ansehen. Aber ich muß hinaus, dachte er. Ich muß tun, was er sagt, bis ich freikommen kann.
Hastig raffte er die Dynamitstangen und Zünder an sich, steckte Kabel und Batterieauslöser ein, und ohne den gefürchteten Vampir anzusehen, eilte er durch die verschneiten Trümmer der Mauerbresche. Dort unten, noch weit entfernt, schimmerten die Fackeln der Dorfbewohner. Ihre Rufe wehten zu ihm herauf, als er durch den Schnee zum Stolleneingang lief. Ja, er mußte sich beeilen! Er verspürte ein Bedürfnis, den Leuten dort unten zuzurufen, doch er wußte, daß er es nicht konnte und warum er es nicht konnte. Dieses lange rote Ding, das blutig dort oben zwischen den Ruinen lag...
Er mußte sich beeilen. Wenn er rechtzeitig in den Stollen käme, wäre er in Sicherheit...
Als ihm der Gedanke kam, wandte er den Kopf und blickte hinauf zu den düsteren Mauern. Dort leuchteten zwei glühende rote Pupillen, die aus der Dunkelheit zu ihm herüberstarrten. Er sollte die Dynamitstangen anbringen und dann zurückkehren, hatte der Vampir befohlen. Aber das würde er nicht tun! Er würde hier draußen im Versteck bleiben, bis die Männer vom Dorf...
Er ging in den Bohrstollen, vorbei an den Werkzeugen und Preßlufthämmern, und machte sich daran, die Dynamitstangen rings um das Einstiegsloch in Felsspalten und Öffnungen zu plazieren. Er arbeitete schnell und methodisch, aber in seinem Gehirn jagten sich wilde Gedanken. Nicht so schnell, sagte er sich, bitte! Was sollte das bedeuten, wen bat er, sich selbst? Hatte dieser Dämon ihm den Geist verwirrt?
Er fühlte mit dumpfer Gewißheit, daß auch er dem Fluch Draculas verfallen war. Hier draußen in der Nacht würde er sein Verhängnis finden. Er würde sterben, ohne jemals den Schatz gesehen zu haben, für den er starb...
Wenn sie sich nur beeilen würden!
Aber er begriff, daß sie es nicht rechtzeitig schaffen würden. Denn er hatte die Dynamitstangen plaziert, die Kabel verlegt und war jetzt im Begriff, zu der Mauerbresche zurückzukehren, geleitet von den zwei roten Lichtstrahlen, die sich wie geschmolzene Stahlkabel in seinen Kopf zu bohren schienen. Es war, als wären diese Kabel irgendwo in seinem Gehirn verankert und zögen ihn wie einen Fisch an der Angelschnur zurück zu dem, der ihn erwartete.
Conescu warf sich vor dem Schloßherrn auf die Knie. Seine Augen schlossen sich in Erwartung des Unausweichlichen. Nur im Hintergrund seines Bewußtseins, in einem kleinen Teil seines Gehirns, gab es noch etwas Hoffnung. Die Rufe der Dorfbewohner wurden lauter. Nur langsam, gewiß, aber deutlich hörbar. Sie kamen näher. Vielleicht gab es eine Chance...
„Öffne deine Augen, Conescu“, befahl Graf Dracula. „Ich wünsche, daß du mit all deinen Sinnen Zeuge deines Verderbens wirst. Alles andere wäre eine Barmherzigkeit, die du nicht verdient hast. Öffne die Augen und steh auf.“
Conescu gehorchte folgsam, stählte sich gegen den unabwendbaren Augenblick.
Der Vampir jedoch schien nur erheitert.
„Es ist gut, wenn ein Mann dem Tod aufrecht begegnet, ebenso wie es gut ist, wenn der Tod selbst rasch und sauber kommt. Ich aber sage dir, Conescu, daß dein Tod nicht so sein wird. Du fürchtest dich jetzt, aber deine Furcht wird noch zu ungeahnten Proportionen anwachsen, bevor du deinen letzten Atemzug tust.“
Conescu blickte in Draculas Gesicht; er konnte nicht anders. Und nun sah er, wie die Züge des aristokratischen Gesichts sich zu verändern begannen. Zuerst war es wie ein Schmelzen, als sei das Fleisch plötzlich halbflüssig geworden, um sich unter der Haut zu einer neuen und grotesken Visage zu verfestigen.
Die dichten schwarzen Augenbrauen wurden noch buschiger, der Haaransatz kam über die sichtlich abflachende Stirn herab, bis es schien, daß er mit den Augenbrauen verschmelze. Die Nase, nicht länger aristokratisch, flachte sich ab, zugleich blähten sich die Nasenflügel unmäßig auf, während die Lippen, röter und dicker als zuvor, vom Gebiß zurückgewichen waren und Fangzähnen Platz machten, die kaum noch eine Ähnlichkeit mit einem menschlichen Gebiß hatten: ihre Länge mußte wenigstens das Doppelte gewöhnlicher Zähne betragen. Und die Augen, als sie näher und näher kamen...
Conescu geriet außer sich. Er wollte gleichzeitig schreien, betteln, beten, verhandeln - aber er brachte kein Wort mehr heraus.
„Mich dürstet, Conescu. Du sollst mich nähren. Doch wenn du willst, magst du vorher einen Fluchtversuch unternehmen.“
Flucht? Ja! Er konnte seinen Körper wieder bewegen - er konnte rennen. Er...
Er machte auf dem Absatz kehrt. Seine Stiefel berührten zweimal den Steinboden, bevor sie emporgehoben wurden, bevor sein ganzer Körper zappelnd hoch in die Luft fuhr, als wäre er nur eine Puppe.
„Nnnnnnnggg!“
Ein tiefes dröhnendes Lachen. „Du springst wie ein Frosch, und wie ein Frosch quakst du! Wie ein Frosch zappelst du in der Luft - und deine Augen werden rund wie die eines Frosches! Wirklich sehr amüsant. Aber jetzt ist es genug - nicht wahr, Frosch?“
Conescu, hoch über des Vampirs Kopf gehalten, wurde nun langsam herabgesenkt, den offenen Kiefern entgegen, die ihn erwarteten. Tiefer und tiefer, bis seine entsetzten Augen die des anderen nicht länger sehen konnten. Nein - neeiiiin...
Vier scharfe, brennende Dolche wühlten sich in seine Gurgel und schickten Signale rasenden Schmerzes in Conescus Gehirn. Seine Arme und Beine schlugen wild und ziellos, trafen den Vampir, wie er deutlich bemerkte, aber es war, als schlügen seine Hände und Füße gegen die Mauern des Kastells. Doch er konnte nicht aufhören, durfte nicht aufhören. Der Schmerz war so unerträglich, daß er sich irgendwie Luft machen mußte.
Dann entstand eine sonderbare Hitze, die den Schmerz von seiner Kehle nahm und sich von dort in seine Brust, in seine Schultern und Arme und abwärts bis in seinen Magen senkte. Und doch, noch bevor die Einwirkung dieser Hitze ganz fühlbar wurde, spürte er bereits eine eisige Kälte in seinen Fingerspitzen und Zehen, eine Kälte, die zu Handgelenken und Knöcheln, zu Unterarmen und Schienbeinen, Ellbogen und Knien stieg. Und dies war eine Kälte, die mehr als Kälte war - eine Taubheit, als ob diese Teile von ihm nicht länger existierten, als ob sie bereits abgestorben wären.
Tot.
Ein gurgelndes, schmatzendes Geräusch von seiner Kehle hämmerte die Wahrheit in seinen Verstand. Mein Gott! dachte er. Er trinkt mein Blut! Wieder versuchte er zu schreien, aber nur ein jämmerliches, halb ersticktes Krächzen erreichte sein Ohr.
Sein Unterleib, seine Arme und seine Magengegend waren jetzt taub, als existierten sie nicht mehr. Es konnte nur noch eine Sache von wenigen Augenblicken sein. Und draußen, jenseits der eingestürzten Mauern, die Schreie der Dorfbewohner...
Plötzlich fühlte er sich abermals hochgehoben. Seine Augen wollten nicht in das Gesicht des Vampirs blicken, doch sie hatten keine andere Wahl.
Es war entsetzlich. Die untere Hälfte von Draculas Gesicht war in Blut gebadet, und die Zähne, in einem grausamen Lächeln gebleckt, glänzten hellrot. Die Augen der Kreatur blickten von Conescu zur Mauerbresche hinüber. Auch Dracula hatte die Rufe gehört.
„Es ist Zeit. Gern hätte ich noch einige Augenblicke ungestörten Genusses gehabt, Conescu, aber ich muß auf dieses Vergnügen verzichten. Ich möchte, daß du in diesen letzten Augenblicken lebendig bist. Komm, laß uns unsere Nachbarn begrüßen.“
Die erste Gruppe fackeltragender Männer machte halt, und ein schwerer Eichenpflock, an einem Ende zugespitzt, wurde auf Sanchez und Ktara gerichtet.
„Was tust du hier auf dem Berg, Amerikaner?“
Die harte, fordernde Stimme hatte rumänisch gesprochen, und Ktara antwortete in derselben Sprache: „Wir sind hier, um mit eigenen Augen zu sehen, ob die Legenden vom Schloß Dracula einen wahren Kern haben. Deshalb seid auch ihr hier, nicht wahr?“
Die Männer nickten, einige knurrten halb mißtrauisch, halb beifällig. Der Mann mit dem Pflock dagegen schüttelte den Kopf. „Ihr könnt mit uns kommen, wenn ihr wollt, aber wir sind nicht gekommen, um uns etwas anzusehen. Wir sind hier, um zu zerstören!“
Das letzte Wort wurde von einer zustoßenden Bewegung mit dem Pflock begleitet. Wie auf eine Regieanweisung hin nahmen andere Männer den Ruf auf und schwenkten ihre Fackeln und Waffen.
„Zerstören!“
„Tötet die Teufel!“
„Tötet die Vampire...“
Der letzte Ruf, ausgestoßen von jemandem weiter hinten, ging in einem neuen unartikulierten Aufschrei unter, der aus den vordersten Reihen kam. Im nächsten Moment riefen alle durcheinander.
„Dort - auf der Mauer! Seht nur, da oben!“
Selbst Sanchez hielt unwillkürlich den Atem an. Die Gestalt, die so deutlich im Mondlicht oben auf dem Wehrgang der Mauer stand, war ihm nicht neu. Und doch, wie oft er sie auch in der Vergangenheit gesehen hatte, sie ließ ihn niemals unbeeindruckt.
Die Arme des Vampirs waren hoch in die Luft gereckt, sein schwarzer Umhang, von der schwachen Brise leicht gebauscht, umwehte seinen Körper und betonte seine enorme Größe und Breite. In seinen Händen baumelte Conescus mitleiderregende Gestalt mit zuckenden Armen und Beinen. Auch sein von Schmerz und Angst verzerrtes Gesicht war in weißes Mondlicht gebadet. Einen Moment herrschte völlige Stille, ein absolutes Schweigen, als ob selbst der Natur der Atem stockte. Dann erhob sich eine ruhige Stimme mit einem Unterton von ironischer Heiterkeit, doch fest und befehlsgewohnt, und rief zu den wie versteinert stehenden Männern herab: „Ihr, die ihr gewagt habt, meinen Berg zu betreten, ihr, die ihr mit Fackeln und Waffen gekommen seid seht, was einem widerfährt, der das gleiche wagte! Seht das Schicksal dessen, der sich einen Blutsverwandten Draculas zu nennen wagte und der die Steine meiner Wohnung entweihte! Seht!“
Sanchez hatte den Eindruck, daß die ganze Menge im Begriff sei, Hals über Kopf den Hang hinunterzurennen. Aber niemand bewegte sich. Scheinbar angefroren, wo sie standen, Münder und Augen offen, glotzten sie, wie die Arme des schwarzen Riesen auf der Mauer anscheinend mühelos ihre Last in die Luft hinausschleuderten, daß sie frei zu fliegen schien. In weitem Bogen segelte Radu Conescu von den dunklen Mauern hinunter und landete mit einem dumpfen Schlag unweit von dem Bohrloch, das er hatte anlegen lassen. Es schien ausgeschlossen, daß der Mann nach diesem Aufschlag noch lebte, aber es war so! Blutüberströmt, fast gelähmt, schleppte Conescu sich halb kriechend ein Stück näher zur Öffnung seines Tunnels, erhob sich wankend auf die Knie und streckte der Gestalt hoch über ihm in bittender Geste einen Arm entgegen.
Der Schloßherr lachte, ein böses, abgründiges Lachen, das jedem Zeugen eine Gänsehaut über den Rücken schickte. Sanchez fühlte es, und als er in Ktaras Gesicht sah, wußte er, daß sie ähnlich empfand. Nach all den Jahrhunderten, die sie dem Schwarzen Meister gedient hatte, war auch sie nicht immun geworden.
Das Lachen endete plötzlich. Ebenso plötzlich erhob sich Draculas rechter Arm aus den Falten seines Umhangs und richtete sich auf den knienden Conescu. Gerade als der halbtote Mann flehend die Hand hob, völlig von Sinnen, blitzte weißes Licht aus Draculas Augen.
Im nächsten Moment explodierte das Dynamit und vermischte Radu Conescus Glieder mit einem Hagelsturm aus Felsbrocken, großen und kleinen Steinen und dichtem Staub. Einer der Brocken, die den Hang heruntersprangen und kollerten, kam knapp fünf Meter vor dem ersten Einheimischen zur Ruhe, und als sie ihn liegen sahen, erkannten sie, daß es kein Felsen war.
Es war der blutige, angesengte und zungenlose Kopf des Schänders von Schloß Dracula.
„Mein Gott - seht nur!“
Finger zeigten zur Ruine hinauf, und alle Augen folgten ihnen mit ihren Blicken. Wo die riesengroße Gestalt des Vampirs gestanden hatte, flatterte mit einem Kreischen, das das Blut in den Adern gefrieren ließ, eine gigantische Fledermaus auf - und segelte über den Hang hinweg abwärts. Direkt auf die Menge zu.
Fackeln, Waffen und angespitzte Pflöcke wurden achtlos in den Schnee geworfen, als die Männer des Dorfes in panischer Angst auseinanderstoben und die Stille von den Schreien, den Anrufungen und dem Getrampel der Fliehenden zerrissen wurde, die nur noch ein Ziel vor Augen hatten - diesem verwünschten Ort zu entkommen.
Sanchez und Ktara standen allein auf dem Hang. Die Leute aus dem Dorf waren nicht mehr zu sehen, obwohl man noch immer ihre Schreie und das Krachen und Bersten hören konnte, mit dem sie durch das Unterholz brachen. Auch die Riesenfledermaus war verschwunden.
„Kommen Sie“, sagte Ktara schließlich. „Wir müssen auch hinuntergehen. Vorbereitungen müssen getroffen werden. Wir müssen diesen Ort noch vor Morgengrauen verlassen.“
Sanchez blickte zu den Mauern der Ruine hinauf. „Und er?“
„Er wird bei uns sein, wenn wir abreisen, aber zuerst muß er sich um den Schutz seines Goldes kümmern.“ Sie blickte ihn aus unergründlichen grünen Augen an und fügte hinzu: „Da ist auch noch eine andere Sache, um die er sich kümmern muß.“