5.

„Wieviel, Ktara?“ fragte Harmon. „Wieviel Gold verwahrt Ihr Meister unter seinen Schloßruinen? Können Sie uns einen Dollarbetrag nennen?“

Es war Spätnachmittag. Ktara hatte dem Professor eine Tasse Kaffee aus der Küche des modernisierten alten Herrenhauses gebracht. Sie stellte das Tablett auf seinem Schreibtisch ab und sagte achselzuckend: "Milliarden.“ Nach einem Moment fügte sie hinzu: „Wenn man die gegenwärtige Dollarnotierung zugrundelegt. Wenn all das Gold auf den Weltmarkt käme, würde es vielleicht sogar zu einem Sinken des Goldpreises kommen.“

Milliarden, dachte Harmon. Wenn es diesem Conescu gelänge...

Harmon zeigte auf den Briefumschlag, der mit der Morgenpost gekommen war.

„Igor Iwanowitsch Petrow.“

„Conescu?“

„Einer seiner Namen, einer der vielen, unter denen er Interpol bekannt ist. Ein interessanter Mann, ein Abenteurer, der viele Berufe ausgeübt hat, darunter Spionage. Während des Zweiten Weltkrieges und danach scheint er für die Russen, die Deutschen und die Engländer gearbeitet zu haben. Jedenfalls sind das die bekannten Geheimdienste, von denen er Gelder erhielt. Nachdem er für einen Spion zu bekannt geworden war, verlegte er sich zunächst auf Schmuggelgeschäfte, den Handel mit Kunstwerken und Herion. Später brachte dieser Künstler es fertig, Direktor eines Staatsbetriebes zu werden und sich einflußreiche Freunde in der Parteispitze zu schaffen.“

Ktara lachte. „Nun, da ist es nicht verwunderlich, daß er hinter dem Goldschatz meines Meisters her ist. Will er ihn nur für sich selbst, oder unternimmt er seine Ausgrabungen im Regierungsauftrag? Nicht daß es einen Unterschied für uns machen würde.“

„Milliarden“, murmelte Harmon. „Milliarden, soviel Geld in einer Hand...“

„In den Händen eines solchen Mannes, meinen Sie. Aber soweit wird es nicht kommen. Wann reisen wir ab?“

Harmon blickte sie lächelnd an. „Sobald wie möglich.“

Als die Boeing 747 vom Kennedy-Airport startete, konzentrierte sich Carmelo Sanchez auf das silberne Feuerzeug, mit dem er seine lange Virginia-Zigarre angezündet hatte. Er rauchte nur, wenn er in einem Flugzeug saß, denn er fürchtete das Fliegen. Die Sicherheitsstatistiken der Fluggesellschaften bedeuteten ihm nichts, ebensowenig ihre Vergleiche mit den Unfallzahlen des Straßenverkehrs. Wenn er in einem Auto fuhr, waren Steuerung und Instrumente in seiner Hand. Jeder Unfall würde sein eigener Fehler sein, und er bekam, was er verdiente. Selbst in Fällen, wo der andere schuld war, oder wenn er zufällig nicht selbst hinter dem Lenkrad saß, mochte es immer noch eine Gelegenheit geben hinauszuspringen. Gewiß, der feste Boden mochte sich als ein wenig zu fest erweisen, wenn man aus einem fahrenden Auto sprang, aber es gab immer die Chance, daß man einen solchen Sprung überlebte.

Wenn man andererseits aus zehntausend Metern Höhe auf den Boden sprang...

Er bestellte bei einer der Stewardessen im Erster Klasse-Abteil einen doppelten Kognak. Er hatte das alles schon öfter erlebt. Die Zigarre, der Kognak, die mit allen möglichen Delikatessen und Leckerbissen beladenen Wagen, die von den Stewardessen herumgefahren wurden, das Gefühl der Unsicherheit, begleitet von einem anderen Gefühl luxuriösen Wohllebens, das sich bei einem Puertoricaner einstellen mußte, der in Armut aufgewachsen war. Mehr noch, er hatte diese Strecke schon einmal zurückgelegt. Start in New York um 18 Uhr 30, Ankunft in Zürich am nächsten Morgen um 8 Uhr 30. Und wie damals, als sie das erste Mal in Rumänien gewesen waren, nahmen sie eine private Chartermaschine von Zürich nach Bukarest. Die gleichen Arrangements, mit Professor Alexandru Thorka vereinbart und von ihm bis ins Detail vorbereitet, würden sie auf dem Flughafen Bukarest erwarten.

Trotzdem gab es da einige Unterschiede. Damals waren sie nach Europa gekommen, um etwas zu holen. Nun kehrten sie damit zurück - sorgsam verstaut in einer großen Kiste im Gepäckabteil der Boeing 747. Damals waren sie ausgezogen, einen finsteren Dämon zu finden und zu unterwerfen. Nun gebrauchten sie ihn, um einen anderen zu besiegen. Damals waren nur er und Harmon in der Maschine gewesen. Nun waren sie zu dritt.

Ktara stand plötzlich auf und trat auf den Gang hinaus. Sie hatte direkt vor Sanchez gesessen und warf ihm nun einen anklagenden Blick zu.

„Sie haben gewonnen“, sagte sie.

Er zog die Brauen hoch.

„Diese stinkende Zigarre. Ich fürchte, ich muß ins Nichtraucherabteil gehen.“

Er lächelte in sich hinein, als sie in den hinteren Teil der Kabine ging. Wenn seine Erinnerung ihn nicht trog, war es das erste Mal, daß er sie bei irgend etwas besiegt hatte.

Als sie gegen 18 Uhr 15 auf dem Bukarester Flughafen landeten, war Sanchez nicht überrascht, den gleichen Wagen vorfahren zu sehen, der sie beim erstenmal abgeholt hatte. Auch der Mann mit dem graumelierten Bart im Fond der schwarzen Staatslimousine sah vertraut aus.

„Willkommen, meine Herren“, sagte Thorka mit Oxfordakzent. „Ah, und eine Dame ist auch dabei?“

„Alex, das ist Ktara“, sagte Harmon, als Sanchez ihm aus seinem Rollstuhl half und ihn neben Thorka auf den Rücksitz schob. „Sie ist meine Assistentin.“

„Eine sehr ansehnliche Assistentin, Damien“, sagte Thorka. „Du hast die Gabe, wenn ich so sagen darf, körperlich besonders auffallende und ausgezeichnete Exemplare zu deinen Assistentinnen zu machen. Willkommen, meine Dame - und seien auch Sie willkommen, Sanchez.“

Sanchez drückte Thorkas Hand.

„Bitte“, sagte Thorka, „steigen Sie ein. Ich habe ein anderes Fahrzeug dabei, das Ihr Gepäck übernimmt. Es wird uns nach Piteschti folgen.“

Sanchez ging zur anderen Seite des Wagens hinüber und öffnete die Tür neben dem Fahrer. Dann hielt er sie für Ktara auf.

„Nein“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ich glaube, ich fahre lieber mit dem anderen Wagen. Um sicher zu gehen, daß alles richtig verladen wird und sicher eintrifft.“

Thorka blickte überrascht auf. „Ich versichere Ihnen, meine Dame, daß niemand sich an Ihrem Gepäck vergreifen wird.“

Sie lächelte. „Professor Thorka, davon bin ich absolut überzeugt. Nur sind einige von den Dingen, die wir mit uns führen, sehr empfindlich. Ich möchte sicher gehen, daß nichts beschädigt wird. Würden Sie mir nicht zustimmen, Professor Harmon?“

Harmon erwiderte das Lächeln der Frau. „Wie Sie wollen.“

Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich nun auf das Entladen der kleinen Chartermaschine. Harmon interessierte sich besonders für Thorkas Reaktion auf die lange Kiste. Thorka seinerseits interessierte sich für Harmons Interesse.

„Irgendeine Bohrmaschine, Damien? Oder ist es etwas Elektronisches?“

„Es könnte beides sein, Alex. Natürlich, wenn du mich offiziell fragst, vielleicht in einer Funktion des rumänischen Zolls...“

Thorka lachte. „Mit solchen Formalitäten werden wir dich nicht belästigen. Dafür habe ich Sorge getragen.“

„In diesem Fall, Alex, sollte ich mich nicht mit Erklärungen über den Inhalt meines Gepäcks abmühen müssen. Ist das richtig?“

Thorka zwinkerte. „Du bist ein Fuchs, Damien. Aber das ist keine Überraschung für mich. Inzwischen sollte ich dich kennen.“

Er zeigte zu einem schwarzen Lieferwagen, der vor der Ladeluke des Flugzeugs anhielt. „Meine Dame, dort ist Ihr Wagen. Ich fürchte, der Fahrer spricht kein Englisch, wenn Sie es sich also anders überlegen wolle...“

„Oh, ich spreche auch ein wenig Rumänisch“, antwortete sie.

„Seltsam“, sagte Thorka zu Harmon, nachdem er dem Fahrer der Limousine Instruktionen erteilt hatte. „Sehr seltsam.“

„Du meinst, daß Ktara Rumänisch versteht? Nun, Rumänisch ist schließlich keine tote Sprache.“

Thorka schüttelte seinen Kopf. „Nein, nicht das. Ich meine ihren Namen, Ktara. Weißt du, bei meinen Nachforschungen über die Vampire vom Berg Draculas bin ich auf diesen Namen gestoßen.“

„Ktara?“ fragte Harmon. „Eine Frau?“

„Nein, das ist das Komische daran. Nach den Legenden und Erzählungen - aber lassen wir das. Geschichten sind bloß Geschichten, nicht wahr?“

„Manchmal sind es nicht nur Geschichten, das wissen wir beide, Alex. Worum soll es sich also bei Ktara handeln?“

„Um eine Katze, Damien“, sagte Thorka. „Kannst du das glauben? Nach den alten schrecklichen und grausamen Geschichten über den Graf Dracula, die ich gelesen habe, hatte er eine Art Haustier oder Schoßtier, und zwar eine gewöhnliche schwarze Katze mit Namen Ktara. Lassen wir mal den Zufall aus dem Spiel; können Sie das glauben, Mr. Sanchez?“

Sanchez wandte sich auf seinem Sitz um und blickte von Harmon zu Thorka. „Nun, Professor Thorka, wenn ich die Legende für das nehme, was sie ist, bleibt mir wohl keine andere Wahl.“

„Mit anderen Worten, Alex“, sagte Harmon mit schiefem Lächeln, „er glaubt daran.“

Rumänien. Ein kommunistisches Land, wenn man westliche Klischees verwenden will. Die Volksrepublik Rumänien, wenn man sich an die offizielle Bezeichnung hält. Ein Land, gespalten von den Gebirgsketten der Karpaten und der Transsilvanischen Alpen, ein Land von 20 Millionen Einwohnern, dessen Geschichte mit Blut geschrieben wurde. Die Geopolitiker weisen gern darauf hin, daß das Tiefland zwischen Ostkarpaten und Donau seit jeher ein natürliches Einfallstor für Steppenvölker aus dem Osten war, daß das bergumschlossene Hochland von Siebenbürgen Sonderentwicklungen begünstigte, und daß das fruchtbare Donaubecken zu allen Zeiten ein lohnendes Eroberungsziel darstellte; kein Wunder also, daß die zweieinhalbtausendjährige Geschichte des Landes vom Klang der Stierhörner und Trompeten und von den Todesschreien sterbender Römer, Slawen, Magyaren, Türken, Deutscher und Russen widerhallt. Aber das ist nur ein Aspekt, wie jeder weiß, der dieses reizvolle und an landschaftlichen Schönheiten reiche Land bereist hat. Und an Winterabenden, wenn es dunkel wird, können die bewaldeten Berge eine düstere Schwärze annehmen, wie man sie anderswo nicht finde...

„Mr. Sanchez - ist die Landschaft so, wie Sie sich an sie erinnern?“

Sie hatten Bukarest hinter sich gelassen und fuhren auf der Landstraße nach Piteschti. Es war eine Strecke von knapp hundert Kilometern in nordwestlicher Richtung, und sie würden etwas mehr als zwei Stunden dafür brauchen, in erster Linie wegen der zahlreichen Ortsdurchfahrten, aber auch wegen der Schaf- und Ziegenherden, der Pferdefuhrwerke und Radfahrer, die die Straße bevölkerten.

„Es ist dunkler“, erwiderte Sanchez.

„Ich fürchte, Sie werden die Entdeckung machen, daß auch Arefu düsterer geworden ist. Nicht nur in der äußeren Erscheinung, die von der Jahreszeit bestimmt wird, sondern auch im Geist.“ Er wandte sich zu Harmon. „Ich hätte dir vielleicht wegen der letzten Entwicklung telegrafieren sollen, aber ich dachte, es würde deinen Entschluß, zu kommen, nicht beeinflussen. Auf Draculas Berg ist wieder ein Mord geschehen.“

„Wann?“

„Vor vier Tagen. Ein junger Mann, der Bruder des eine Woche zuvor ermordeten Mädchens, wurde getötet.“

„Und die Umstände?“ fragte Harmon.

„Ganz ähnlich“, sagte Thorka. „Zerrissene Kehle, starker Blutverlust durch die durchtrennte Halsschlagader. Der Tod trat bei Nacht ein, genau wie in dem anderen Fall.“

„Gibt es irgendeinen Unterschied?“ sagte Harmon.

Thorka nickte. „Es gibt einen Überlebenden, einen Zeugen - obwohl man diesen Begriff mit Vorsicht gebrauchen muß. Leider befindet sich der junge Mann in einem sehr schlechten Zustand. Er kam schreiend in das Dorf, weckte fast alle Leute mit seinem Gebrüll auf. Manche sagten, er habe wie ein Wolf geheult, als ob er vorübergehend in dieses Tier verwandelt worden wäre.“

„Das war ein vorübergehender Zustand, nicht wahr?“

„Ja, aber soweit ich unterrichtet bin, ist er noch nicht zu einem vernünftigen Gespräch fähig. Ein unzusammenhängendes hysterisches Gebabbel scheint alles zu sein, was er bis zur Stunde von sich gibt; immerhin hat der vernehmende Polizeibeamte die Worte ‚Teufelin‘ und ‚Geisterfrau‘ herausgehört. Dies mag jedoch auf Einbildung zurückzuführen sein, denn in Arefu sprießen die Gerüchte wie anderswo das Frühlingsgras. Natürlich sind Radu Conescu und seine Nichte Hauptgegenstand der Gespräche. Der Name dieser Nichte ist übrigens Dava, ein ungewöhnlicher Name, aber sie scheint auch eine ungewöhnliche Frau zu sein. Sie soll etwas Geheimnisvolles an sich haben. In dieser Hinsicht ähnelt sie vielleicht deiner Assistentin, die uns im Lieferwagen folgt. Wie auch immer, ich möchte dieser Dame mit meinem Vergleich kein Unrecht antun.“

„Ktara“, sagte Harmon.

„Richtig, Ktara. Wie ich sagte, ich möchte ihr kein Unrecht antun, wenn ich sie mit Dava Conescu vergleiche. Ihre Schönheit übertrifft die der Conescu bei weitem. Auch scheint es, daß sie viel jünger ist.“

Thorkas Betonung der Worte ‚auch scheint es‘ entging weder Harmon noch Sanchez. Die Blicke, die sie wiederum austauschten, blieben dem alten Rumänen nicht verborgen. Mit zufriedenem Räuspern sagte er:

„Dein Telegramm, Damien, mit dem du deinen Besuch ankündigtest, behandelt die technischen Details sehr präzise, aber du sagtest nicht, was du über Conescu und seine Nichte herausgefunden hast.“

Harmon berichtete ausführlich, was er von dem Mann wußte. „Über die Frau wissen wir nichts, und das liegt in erster Linie daran, daß keine Fingerabdrücke von ihr vorliegen. In Conescus Unterlagen scheint jedenfalls keine Frau eine wesentliche Rolle zu spielen. Vielleicht erfahren wir mehr, wenn wir Gelegenheit erhalten, sie zu sprechen.“

„Vielleicht“, pflichtete ihm Thorka bei. „Und was die Ausgrabungen auf Draculas Berg betrifft - hast du eine Vorstellung, was dahinterstecken könnte?“

„Die habe ich“, sagte Harmon. „Aber zu diesem Zeitpunkt darauf einzugehen, wäre vielleicht ein wenig voreilig.“

Thorka lächelte. „Nun, ich betrachte mich als Archäologen, und als solcher habe ich nicht selten Überlegungen anzustellen, die denen eines Polizeidetektivs nicht unähnlich sind. Vielleicht kann ich in diesem Punkt einen Beitrag leisten nur aufgrund der Tatsachen, wie sie sich bisher stellen. Würde eine solche Gedankenübung fruchtbringend sein?“

Harmon zuckte die Achseln. „Solche Denkübungen sind das A und O der Detektivarbeit. In Romanen natürlich, weniger in der Praxis.“

„Laß uns trotzdem ein wenig spekulieren. Conescus Vorgeschichte zeigt - und darüber bin ich ehrlich überrascht, daß er ein Spion und sogar ein Krimineller war. Wenn wir uns nun fragen, welche Interessen ihn nach Arefu geführt haben, müssen wir uns auch zwei weitere Fragen stellen. Erstens, was gibt es in Arefu oder in der unmittelbaren Nachbarschaft des Dorfes, das auszuspionieren sich lohnte? Zweitens, was gibt es in der gleichen Gegend, das ein großangelegtes kriminelles Unternehmen lohnend erscheinen ließe? Die erste Frage läßt sich sehr einfach beantworten. In der ganzen Gegend gibt es nichts zum Ausspionieren.“

„Keine geheimen Raketenbasen, die irgendwo in den umliegenden Bergen verbunkert sind?“ fragte Sanchez. „Schließlich hat man vom Schloß Dracula eine sehr gute Fernsicht über diesen Teil des Gebirges.“

„Das ist wahr, junger Mann. Aber glauben Sie, die Militärbehörden würden untätig zusehen, wie ein Spion mit Arbeitskolonnen einen Berghang in der Nähe ihrer Basen durchwühlt?“

„Das nicht, nein. Aber solche Arbeiten könnten zur Tarnung dienen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, um die Aufmerksamkeit auf die öffentlichen Ausgrabungen zu lenken“, sagte Sanchez, „während Conescu sich in Wirklichkeit mit etwas anderem beschäftigt.“

Thorka lachte. „Das wäre ein kostspieliges Ablenkungsmanöver, würde ich sagen. Er mußte wegen der Morde die Löhne seiner Arbeiter verdoppeln. Trotzdem hat Ihre Logik einiges für sich - oder sie würde einiges für sich haben, wenn es tatsächlich etwas in den umliegenden Bergen gäbe, das für einen Agenten interessant sein könnte. Aber wie ich sagte, so etwas gibt es nicht. Sie werden mir in diesem Punkt glauben müssen.“

„Gut“, sagte Harmon. „Das bringt uns zu Conescus zweitem Beruf, dem des Kriminellen.“

„Und seine Spezialtalente. Heroinschmuggler, Fälscher, Kunsträuber. Beginnen wir mit dem Heroin. Ein großer Vorrat von dem Zeug, irgendwo im Berg vergraben? Nicht sehr wahrscheinlich. Du wirst dich erinnern, Damien, es ist noch nicht lange her, daß niemand sich freiwillig auf den Berg wagte. Erst seit der Rückkehr der Wölfe sind Besuche häufiger geworden. Daß jemand ausgerechnet hier größere Mengen Heroin verstecken würde, finde ich unvorstellbar. Und dennoch, was immer unser Herr Conescu sucht, es muß wirklich wertvoll sein, nicht wahr? Gefälschte Banknoten einer fremden Währung? Auch das kommt mir unwahrscheinlich vor, obwohl es gut möglich sein mag, daß er seine Geschicklichkeit als Fälscher für den Druck falscher Banknoten eingesetzt hat. Sollte das der Fall sein, so ist er ein hervorragender Experte.“

Harmon nickte.

„Die Meldungen deuten darauf hin.“

„Kommen wir zu seinem Interesse an Kunstraub. Auf diesem Gebiet sehe ich gewisse Möglichkeiten. Es ist wohlbekannt, daß man unter Bauwerken wie Schloß Dracula unterirdische Tunnelsysteme anzulegen pflegte. In erster Linie als Fluchtwege und Ausfalltore bei Belagerungen gedacht, wurden solche Kammern und Gänge in späteren Jahrhunderten häufig vergrößert und zu Lagerräumen, Magazinen und dergleichen ausgebaut. Daß es solche ausgebauten Räume auch unter Schloß Dracula gibt, scheint mir eine vertretbare Annahme zu sein.“

Sanchez wandte sich um und betrachtete den Professor. „Sie meinen, Dracula habe dort Kunstschätze gestapelt? Soll der Graf ein Sammler gewesen sein?“

„O ja, das will ich meinen. Wenn man den alten Geschichten Glauben schenken will, war er ein großer Raffer von Schätzen.“

„Interessant“, sagte Sanchez. „Hätte ich nicht gedacht...“ Er überlegte und räusperte sich. „Ich meine, nach dem, was ich gelesen habe, hätte ich ihn nicht für einen Kunstliebhaber gehalten.“

Thorka zwinkerte ihm zu. „Aber er war einer. Graf Dracula war ein sehr kultivierter Mann mit einem überaus verfeinerten Kunstsinn. Es heißt, er habe zahlreiche Gemälde und Plastiken besessen, aber sein Hauptinteresse - man sollte es vielleicht lieber ein überwältigendes Verlangen nennen - galt einer besonderen Art von Kunstwerk.“

„Und das wäre?“ fragte Harmon.

„Gold, Damien. Seine Goldgier soll so groß gewesen sein, daß sie nur von seinem Blutdurst übertroffen wurde.“

Harmon nickte. „Du schließt also, daß unter diesem Berg ein Goldschatz verborgen liegt?“

Thorka hob einen Zeigefinger. „Keineswegs. Der sorgfältige Detektiv macht keine solchen logischen Sprünge. Er nimmt zur Kenntnis, daß Geschichten von einem solchen Goldschatz existieren. Dann folgert er, daß solche Geschichten leicht einem Mann wie Radu Conescu zu Ohren gekommen sein können - einem Mann, der nun behauptet, er sei ein Abkömmling des Grafen. Der Detektiv zieht auch die Summen in Betracht, die Conescu in dieses Vorhaben investiert. Ein alter Hase wie Conescu würde kaum soviel Zeit und Geld in das Unternehmen stecken, wenn er nicht überzeugt wäre, daß es sich lohnt. Dann sind noch die Morde zu berücksichtigen. Ein professioneller Dieb oder Schatzräuber tötet nicht - es sei denn, er rechnete mit sehr wertvoller Beute.“

„Diese Theorie würde voraussetzen“, sagte Harmon, „daß Conescu für die Todesfälle verantwortlich ist. Aber es gibt noch andere Alternativen, die erörtert worden sind.“

Thorka nickte. „Wölfe, Vampire, eifersüchtiger Liebhaber. Als Rumäne, der sein Land liebt, kann ich die beiden ersten Alternativen nicht von der Hand weisen, wenn sie auch sehr unwahrscheinlich erscheinen - aber die dritte ist eine klare Unmöglichkeit.“

„Ist das auch eine Sache des Glaubens?“ fragte Harmon.

„Der junge Mann, der jetzt mit einem Nervenzusammenbruch im Haus des Arztes liegt, war der Liebhaber des Mädchens. Und er hat ein perfektes Alibi für die Nacht, in der die beiden ersten Morde geschahen. Nein, das ist nicht eine Sache des Glaubens, Damien, sondern eine Tatsache.“

Es war jedoch eine Tatsache, an die nicht alle glaubten. Alexandru Thorka erfuhr dies aus erster Hand, als die schwarze Limousine in das Dorf Arefu einfuhr. Er lenkte die Aufmerksamkeit seiner zwei amerikanischen Gäste auf den hellen Schein in der Mitte des Dorfes, der von einem offenen Feuer herzurühren schien. Nachdem sie wenig später den Fluß überquert hatten, überholten sie einen Dorfbewohner, der in die gleiche Richtung lief. Thorka fragte ihn und erhielt eine knappe Antwort.

„Ein Feuer?“ erkundigte sich Harmon.

„Ja, ein ganz besonderes Feuer. Der Überlebende, von dem wir eben sprachen - dieser Liebhaber - soll lebendig verbrannt werden! Ich verstehe nicht, was in die Leute gefahren ist!“