6.

„Tötet den Vampir! Verbrennt ihn!“

Thorka brauchte keine Übersetzung der Schreie zu liefern, die immer wieder aus der Menge aufstiegen. Harmons Rumänisch reichte hin, um die ständig wiederholten Forderungen zu verstehen, und Sanchez benötigte keine Sprachlektionen, um den Inhalt dessen zu begreifen, was von den fackelschwingenden Männern und Frauen wieder und wieder gebrüllt wurde.

„Tötet ihn - tötet ihn!“

Die Dorfstraßen um den Marktplatz wimmelten von Menschen, überwiegend Männern, und als der schwere Wagen sich langsam durch das Gedränge der Fußgänger schob, konnte Sanchez sehen, daß auf dem Marktplatz eine Art Scheiterhaufen brannte.

„Damien, bleib im Wagen. Mr. Sanchez, bitte - ich brauche Ihre eindrucksvolle Gestalt!“

Bevor Sanchez seine Tür geöffnet hatte, war Thorka ausgestiegen und drängte sich zur Mitte des kleinen Marktplatzes durch. Mehrere stämmige Bauern wandten sich um und bedachten den alten Intellektuellen mit derben und höhnischen Zurufen. Dann, als sie seine Kleidung und den großen schwarzen Wagen sahen, verstummten sie, und ihre Mienen zeigten Unsicherheit und Respekt. Der Anblick des kahlköpfigen Riesen tat ein übriges, sie zur Vernunft zu bringen, und sie machten den beiden bereitwillig Platz. Als Sanchez durch die Gasse der Einheimischen schritt, fühlte er unter seiner Jacke nach der Pistole. Er wußte gut, daß er nicht viel mit der Waffe anfangen konnte. Wenn er sie zeigte, dann mehr wegen des psychologischen Effekts. In einer aufgeputschten Menge wie dieser kam es dem sicheren Selbstmord gleich, wenn er auf jemanden feuerte. Sollte er zu einer Auseinandersetzung kommen, verließ er sich lieber auf seine Fäuste und Füße.

Die Männer hielten den widerstrebenden Gefangenen und zerrten ihn zum Scheiterhaufen, einem hastig zusammengeworfenen Durcheinander von Ästen, Reisig und zerbrochenen Brettern. Die Menge umringte das Feuer in respektvollem Abstand und begleitete den Vorgang mit leidenschaftlichen Kundgebungen. Der Gefangene rollte die Augen und hatte Schaum vor dem Mund, aber er war hilflos im Griff der drei Männer, die seine Arme gepackt hatten und seinen Kopf im Schraubstock eines angewinkelten Arms hielten.

„Verbrennt den Mörder! Verbrennt den Teufel!“

„Nein!“ rief Thorka, als er in den Kreis zwischen der Menge und dem Feuer trat. „Das dürft ihr nicht tun! Dieser Mann ist unschuldig!“

Alle Blicke richteten sich auf den gutgekleideten Fremden, und für einen Augenblick blieb alles still. Dann erhob sich ein Murren, und die Menge teilte sich und machte dem Mann Platz, der sich Thorka entgegenstellte. Er war ein magerer Mann mit Hakennase, der seine Worte wie giftige Pfeile aus einem schmallippigen Mund spuckte:

„Wir tun, was wir tun müssen. Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, Fremder!“ Er zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die drei Männer, die Nicolae hielten. „Werft ihn ins Feuer!“

„Ich sage nein!“ dröhnte Thorka.

„Kümmert euch nicht um ihn!“ befahl der dünne Mann. „Tötet den Vampir!“

Der Ruf wurde wieder von der Menge aufgenommen. Er verstärkte sich zu einem allgemeinen Crescendo, als plötzlich ein peitschender Knall die Luft zerriß, von den Fassaden zurückschlug und den Lärm zum Verstummen brachte.

Carmelo Sanchez war an Thorkas Seite getreten. Ein dünner Rauchfaden stieg aus dem Lauf der großen Pistole, die zum Himmel gerichtet war. Ein Gemurmel ging durch die Menge, und diejenigen, die dem großen Puertoricaner am nächsten waren, wichen unwillkürlich zurück. Die Waffe war nur zum Teil der Grund; der größte Teil der abschreckenden Wirkung ging zweifellos auf seine Größe und die harten, gemeißelten Züge des runden Kopfes zurück, sowie auf die Art und Weise, wie der Feuerschein auf diesen Zügen tanzte und spielte...

„Ein Dämon - ein Teufel!“ raunten die Leute einander zu. Der magere Mann mit der Hakennase war mutig genug, den Gedanken laut auszusprechen:

„Ein Teufel, meint ihr? Ja, warum nicht? Ist dieser Kerl, den wir in die Flammen werfen wollen, nicht ein Vampir mit einer schwarzen Seele? Warum sollten nicht andere, die wie er die schwarze Kunst praktizieren, ihm zu Hilfe kommen? Nun, wir wissen, wie wir mit seinesgleichen zu verfahren haben!“ Augen blitzten die beiden Fremden an. „Mischt euch nicht ein, oder ihr folgt dem Mörder ins Feuer! Und ihr, Leute - an die Arbeit! Werft ihn hinein!“

Er hatte Nicolae gemeint, aber drei oder vier stämmige Dorfbewohner in Sanchez' Nähe mißverstanden seine Worte und bezogen sie auf Sanchez und Thorka. Mehrere Hände griffen gleichzeitig nach dem Puertoricaner, um ihn festzuhalten und seinen Händen die Pistole zu entreißen. Sanchez schüttelte sie ab, schlug dem ersten den Pistolenlauf über den Kopf, daß der Mann zusammenbrach, wehrte einen zweiten Angreifer ab, indem er ihm die Waffe über den Nasenrücken zog. Den dritten warf ein Fußtritt zurück, und der vierte Mann verlor den Boden unter den Füßen, als Sanchez' Linke ihn packte und zurückstieß, daß er auf seinen taumelnden Gefährten prallte.

Einen Augenblick lang stand die Menge in stummer Verblüffung, dann erhob sich von neuem ein bedrohliches Murren, und die Stimme des dünnen Mannes schnitt scharf durch die Unruhe.

„Habt ihr gesehen?“ rief er. „Welche Beweise braucht ihr noch, daß er ein Teufel ist?“ Ein dürrer Arm zeigte auf Sanchez. „Sprich! Sag uns, wer du bist, und was du hier willst?“

Thorka trat vor. „Dieser Mann gehört zu mir. Er spricht nicht unsere Sprache.“

„Ah! Ein weiterer Beweis! Steht nicht geschrieben, daß die Dämonen verurteilt sind, in fremden Zungen zu sprechen?“

„Verschone uns mit deiner Dummheit!“ schnappte Thorka. „Wo sind die Vertreter der Behörden? Wo ist die Polizei?“

Der hakennasige Mann kam zwei Schritte näher. Seine Stimme erhob sich schrill. „Wir haben hier die Autorität die Bürger von Arefu! Wir haben das Gesetz in eigene Hände genommen, um unser Dorf von den Unreinen zu befreien. Du, alter Mann, gehörst zu den Unreinen! Durch deine Worte hast du dich selbst verdammt. Dieser Mann gehört zu dir, sagst du. Nun, dann soll der Mann mit dir sterben, und du mit ihm, und ihr beide mit dem Vampirmörder, dessen Tod ihr abzuwenden versuchtet. Vier Männer mag dein Riese überwältigen, aber wir sind heute abend mehr als vier. Packt sie! Verbrennt sie!“

Von allen Seiten begannen Männer heranzudrängen. Sanchez entsicherte die Pistole. Vielleicht, dachte er, wenn er dem Anführer eine Kugel durch den Kopf jagt...

Und dann machte die drohende Menge halt. Einen Moment wunderte sich Sanchez. Dann sah er, warum.

Sie stand am Rand der Menge, und ihre Augen wechselten von einem blassen Grün zu weißglühendem Blitzen. Er hatte das Phänomen in der Vergangenheit mehrere Male beobachtet, und er wußte, was es bedeutete.

„Sie werden nicht an uns herankommen“, sagte er zu Thorka.

Und so war es. Eine unsichtbare Wand schien die beiden Männer zu umgeben. Niemand konnte sie durchdringen.

„Was ist das für schmutzige Magie?“ tobte der dünne Mann.

„Eine ausgezeichnete Frage“, murmelte Thorka. „Aber ich nehme an, daß dies ein Augenblick ist, wo jenes berühmte alte Sprichwort beachtet werden muß. Das Sprichwort, das besagt, daß man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen soll.“ Er hob die Stimme und rief über den Platz: „Wo ist der Gendarm? Bringt ihn her!“

„Wir haben ihn eingesperrt, aber...“

„Schweigen Sie. Sie bekommen noch Gelegenheit zu sprechen. Ihr drei dort - laßt den Mann los.“ Die drei Männer, die Nicolae festgehalten hatten, gehorchten. Wahrscheinlich verstanden sie selbst nicht, warum sie es taten. Der junge Mann, völlig entkräftet, brach in die Knie; dann saß er auf der Erde und starrte verstört den dürren Wortführer der Dorfbewohner an.

Der rotgesichtige Polizist, der sich kurz darauf seinen Weg durch die Menge zur Mitte des Kreises bahnte, war fuchsteufelswild. Als er den dünnen Mann erblickte, begann er heftig zu gestikulieren, und seine Worte ließen keinen Zweifel an der Echtheit seiner Erregung.

„Das wird dich teuer zu stehen kommen, Stefan. Ihr alle, die ihr mitgemacht habt, werdet es noch bereuen. Aber du, Stefan, du bist der Anführer! Ich werde dafür sorgen, daß du es gründlich bereust, den Frieden des Dorfes gestört zu haben.“

„Ich?“ rief Stefan. „Ich? Ich bin nicht der Vampir! Ich habe die drei jungen Leute auf dem Berg nicht getötet! Dieser Nicolae war es - er und seine zwei Komplizen aus der Hölle, die gekommen sind, ihren verfluchten Bruder zu retten.“

„Unsinn!“ rief Thorka. „Ich bin Professor Alexandru Thorka aus Bukarest. Meine Freunde und ich sind heute aus der Hauptstadt gekommen.“

„Ich bin froh, daß Sie hier sind“, sagte der Dorfpolizist. „Und morgen früh, wenn die Ernüchterung kommt, werden alle Leute hier froh und dankbar sein, daß Sie, meine Herren, sie daran hinderten, ein abscheuliches Verbrechen zu begehen.“ Er wandte sich wieder dem dürren Stefan zu.

„Und du - du, der du nicht mehr als ein Wirtshauspächter bist - du stellst dich über das Gesetz, über alle staatliche Autorität. Du bildest dir ein, du wärst hier der Anführer? Ich will dir sagen, was du bist: ein Abschaum, ein Volksverhetzer, ein kriminelles Element!“

Stefans schmale Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen Lächeln. „Und du, was bist du? Der Vertreter des Gesetzes vielleicht, aber ein korrupter Geist, angefault von dem Übel, das unser Dorf befallen hat, ein Übel, das aus unseren Häusern zu vertreiben meine Mission ist. Dieser Mann, dieser Nicolae, ist ein elender Mörder.“

Der Polizist ignorierte Stefan und wandte sich mit lauter Stimme an die Menge: „Eine sehr bequeme Beschuldigung, da Nicolaes Geist so verwirrt ist, daß er sich selbst nicht verteidigen kann. Hört mich alle an! Ihr wißt sehr gut, daß Nicolae Ilona nicht ermordet haben kann, und genausowenig den jungen Mann aus Valea Mare. Ihr wißt sehr gut, daß er unter den ersten war, die verdächtigt wurden, daß er aber nachweisen konnte, in der fraglichen Nacht bei Mercea gewesen zu sein, der bereit ist, diese Tatsache zu beschwören.“

„Richtig!“ rief Stefan. „Er hatte Mercea durch Magie zu einem solchen Eid veranlaßt. Er hat ihn getäuscht. Die Mächte der Dunkelheit können solche Dinge bewirken, wie wir alle wissen. Und wir wissen auch, daß Mercea selbst das letzte Opfer war. Er wurde genauso getötet wie die anderen. Getötet, weil die Magie ihren Einfluß auf ihn verlor. Sollen wir glauben, daß der Mörder dieses Stelian aus Valea Mare, dieses kräftigen Mannes, nicht imstande gewesen wäre, den Schwächling Nicolae zu ermorden?“

Das zustimmende Nicken in der Menge der Umstehenden hörte auf, als Thorka vortrat.

„Jemand - oder etwas - tötete auf diesem Berg drei Menschen. Obwohl ich in einer anderen Angelegenheit hier bin, werde ich mein Bestes tun, die Wahrheit zu ermitteln. Aber ich werde das tun, indem ich meine Hilfe der staatlichen Autorität und ihren Organen zur Verfügung stelle. Wohin würden wir alle kommen, wenn jedermann sich berechtigt fühlte, Selbstjustiz zu üben, wie ihr es heute abend versucht habt?“

„Mörder!“ sagte Stefan wild. „Mörder kennen keine Gesetze! Er, Nicolae, war auf diesem Berg. Bei Nacht war er auf dem Berg - und noch nie ist einer lebend zurückgekommen, der nachts dort oben war. Er ist zurückgekommen.“

„Ja“, sagte Thorka. „Lebend, aber ohne seinen Verstand.“

„Warum sollte er nicht den Verstand verloren haben?“ fragte Stefan. „Warum sollte seine Vernunft unter dem Gewicht seiner schmutzigen Sünden nicht zerbrechen? Wollen Sie Beweise? Ich habe Beweise, daß das, was ich über Nicolae sage, die Wahrheit ist. Nicolae, sieh her, ob du ertragen kannst, was ich dir zeige!“

Die Augen des verrückten Jungen hatten Stefan beobachtet, seit die drei Männer ihn losgelassen hatten. Groß und verstört blickten sie den Mann an, aber nun weiteten sie sich noch mehr, als Stefan unter seinen dicken Mantel griff und etwas herauszog.

Nicolaes gellender Schrei zerriß die Stille über dem Platz. Seine Hände flogen hoch und bedeckten die Augen, um sie gegen den Anblick von etwas Schrecklichem zu schützen.

Stefan hob triumphierend beide Hände in die Höhe.

„Seht ihr? Habt ihr das alle gesehen? Er kann den Anblick nicht ertragen - den Anblick des Kreuzes! Und es ist nicht irgendein Kreuz, sondern dasselbe Kreuz, das neben Merceas Leichnam auf dem Berg gefunden wurde!“

„Genug jetzt von diesem Unsinn!“ befahl der Polizist. „Ihr drei, ihr wolltet den Jungen ins Feuer werfen, bringt ihn nun nach Hause und behandelt ihn anständig. Ihr anderen solltet auch nach Hause gehen und über den Vorfall nachdenken. Ich hoffe, jeder einzelne von euch wird sich schämen. Vorwärts!“

Als die Menge sich zu verlaufen begann, nahm der Gendarm Thorkas Hand.

„Wenn es Ihnen recht ist, würde ich gern in meinem Büro mit Ihnen reden“, sagte er.

Thorka nickte. „Ich bin in Begleitung zweier ausländischer Herren und einer Dame - ah, da ist sie!“ Er tat, als habe er Ktara gerade eben erst entdeckt. Sie hatte sich nicht von der Stelle bewegt, wo Sanchez sie zuerst gesehen hatte, aber ihre Augen hatten wieder die normale blaßgrüne Farbe.

Thorka fuhr fort: „Ich möchte gern die Frage unserer Übernachtung regeln. Wir haben in Piteschti Hotelzimmer bestellt, und meine Freunde haben verschiedene Gepäckstücke, die sie sicher unterbringen möchten. Aber wenn wir fertig sind, werden wir zu Ihnen kommen.“

„Gut. In der Zwischenzeit werde ich mich um Stefan kümmern, der anscheinend mit den anderen fortgegangen ist. Ich möchte ihn wegen des Kreuzes befragen. Bisher war mir nicht bekannt, daß ein solches Beweismittel existiert. Sie erlauben, daß ich Ihre Freunde begrüße?“

Die Limousine und der schwarze Lieferwagen hielten Seite an Seite. Als der Polizist zu den Wagen ging und Harmon vorgestellt wurde, sagte er zu Thorka: „Ich hoffe, daß diese Ereignisse Ihren Gästen nicht einen falschen Eindruck von unserem Dorf gegeben haben.“

„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen“, erwiderte Harmon auf rumänisch.

„Er spricht unsere Sprache - bravo!“ sagte der Polizist. Als nun Ktara zu ihnen trat, gab er ihr die Hand und fragte Thorka: „Sie sagten, daß die Männer Ausländer seien. Ist die Dame auch nicht von hier?“

Thorka blickte zu Ktara dann zu Harmon. „Das“, sagte er seufzend, „ist eine ausgezeichnete Frage.“

„Bin ich von Schwachköpfen umgeben?“

Radu Conescu war nur mittelgroß, und die Tatsache, daß sein großer Kopf direkt auf den Schultern zu sitzen schien, gab ihm das Aussehen eines Buckligen und ließ ihn noch kleiner erscheinen. Sein Körper war massig und für einen Sechzigjährigen erstaunlich gewandt und muskulös. Sein breiter Mund, die etwas aufgestülpte Nase und die dunklen, leicht hervortretenden Augen hatten Radu Conescu während seiner Tätigkeit für den britischen Geheimdienst den Codenamen ‚Der Frosch‘ eingetragen. Man hätte schwerlich einen passenderen Spitznamen für ihn finden können. Er sprach mit tiefer Stimme und auf rumänisch, und die Frau, zu der er redete, antwortete in der gleichen Sprache. Sie waren allein in seinem geräumigen, aber schlecht beleuchteten Gastzimmer im Wirtshaus von Arefu.

„Ich werde die Sache in die Hand nehmen“, sagte Dava.

„Du!“ Sein Lachen war unangenehm. „Was du bisher in die Hand genommen und verpfuscht hast, macht mir nicht übel Lust, dir den Hals umzudrehen. Es würde mir ein Vergnügen sein, das versichere ich dir. Also bring mich nicht in Versuchung. Deine verrückte Mordlust hat mich bereits eine Menge Zeit und Lohngelder gekostet. Aber wir haben darüber schon diskutiert. Nein, diesmal wirst du nichts in die Hand nehmen. Ich werde mich selbst darum kümmern.“

Ein Kognakschwenker zerplatzte mit hellem Klirren am Boden vor den Füßen des Mannes. Die Frau, die ihn geworfen hatte, stand zornig und hochmütig vor dem Sitzenden.

„Ich habe deine überhebliche Haltung satt! Ich habe dir gesagt, daß die beiden ersten sterben mußten - sie wußten von dem Schatz! Sie suchten ihn!“

„Zwei junge Leute, die nach einem Picknick noch ein bißchen schmusen wollten, Dava! Das ist alles, aber selbst wenn mehr dahintergesteckt hätte, was wäre dabei gewesen? Könnten zwei junge Leute ohne Werkzeuge finden, was wir, mit all unseren Arbeitskräften und Bohrmaschinen noch nicht entdeckt haben?“

„Natürlich wußten sie nicht, wo der Schatz ist, aber es wäre durchaus möglich gewesen, daß sie durch Zufall darauf gestoßen wären.“

„Zufall. Kein Mensch kann einen so gut verborgenen Schatz durch Zufall finden, das solltest du dir denken können. Aber selbst wenn ich dein Argument akzeptieren würde, was ist mit dem anderen Mord? Warum mußte der Bruder des Mädchens sterben? Nicht daß sein Leben so ungeheuer wichtig wäre, aber warum mußtest du unseren abergläubischen Dorfbewohnern noch einen Grund geben, den Berg zu fürchten?“

„Ist es nicht ganz in unserem Sinne, wenn sie den Berggipfel fürchten?“

„Ja, bei Nacht, du Schwachkopf! Aber das bewerkstelligen schon die Legenden. Deine Handlungen bringen die Männer des Dorfes so weit, daß sie nicht einmal bei Tageslicht hinaufgehen wollen. Du solltest das noch besser wissen als ich. Du hast ungarisches Blut in dir, nicht wahr?“

Die dünnen Lippen der Frau lächelten. „Was ist schon dabei? Vielleicht haben die Dorfbewohner recht, Radu. Vielleicht haben die Conescus etwas von Vampiren im Blut. Vielleicht war es ganz berechtigt, daß wir uns als Blutsverwandte des Grafen Dracula ausgaben.“

Conescus Gesicht lief dunkel an. „Soll das ein Scherz sein? In deinem Fall frage ich mich wirklich...“

„Ich bin Schauspielerin, Radu. Das wolltest du ja, nicht wahr? Jemanden, der eine Rolle gut spielen kann. Das habe ich getan. Sehr gut sogar, möchte ich meinen. So gut, daß ich manchmal - wenn ich in der Nähe der alten Burg stehe...“

„Oder wenn du nachts da oben herumschleichst, gekleidet wie ein Gespenst aus der Hölle...“

„Ich kann nichts dafür!“ fuhr Dava auf. „Es ist, als ginge der Geist dieses Ortes auf mich über. Ich bin eine gute Schauspielerin, Radu, und eine Schauspielerin lernt ihre Rolle gründlich. Vielleicht habe ich sie zu gründlich studiert, aber ja - ich fühle die Macht in mir. Wahrscheinlich wird es vergehen, wenn wir den Schatz haben und von hier fortgehen. Auch andere Rollen haben mich früher in ihren Bann geschlagen, aber ich befreite mich davon. Es dauert seine Zeit, doch bisher ist es mir immer gut gelungen.“

„Bisher“, sagte Conescu. „Diese Rolle wirst du nicht so leicht abschütteln. Wenn ich an die verrückte Intensität denke, mit der du spielst, sehe ich schwarz. Ja, ich sagte verrückt, Dava. Die zwei ersten Morde waren verrückt, und deine Methode desgleichen. Der letzte Mord war vielleicht noch verrückter. Warum, in aller Welt, hast du den zweiten Jungen, einen Augenzeugen deiner Tat, mit dem Leben davonkommen lassen?“

„Aber verstehst du nicht, Radu? Er ist verrückt! Er kann niemandem etwas sagen. Sein irres Gestammel...“

„Sein Gestammel könnte jederzeit zu vernünftiger Rede werden, Dava. Und selbst wenn sein Geist wirklich verwirrt sein sollte, könnte sein wirres Gerede gewissen Leuten sehr wohl Anhaltspunkte liefern, wenn sie nur die richtige Interpretation haben. Deshalb habe ich heute veranlaßt, daß die Sache in Ordnung gebracht wird.“

Die Frau lachte. „O ja. Solche sorgfältigen Vorkehrungen! Wir haben beide gesehen, nicht wahr, wie gut sie durchgeführt wurden!“

Ein leises Klopfen an der Tür hinderte Conescu an seiner Antwort. Er nickte zur Tür, und die Frau ging hinüber, sie zu öffnen. Als sie sah, wer draußen stand, lachte sie kurz auf und öffnete die Tür ganz.

Der Mann kam nervös in den Raum. Sein Gesicht war blaß und ängstlich.

„Sie haben versagt, Stefan“, sagte Conescu. „Kommen Sie her, erklären Sie, wie es möglich war, daß Sie meine Instruktionen nicht beachtet haben. Habe ich Sie vielleicht nicht reichlich genug bezahlt?“

„Aber Herr, es wäre alles gut gegangen, wenn die Fremden nicht gekommen wären. Sie...“

„Ich habe sie gesehen. Ich habe gesehen, was sie taten. Aber ich habe auch Sie gesehen, Stefan. Sie haben die Sache verpfuscht, und nun müssen Sie mir dafür büßen.“

Stefan stand direkt vor dem sitzenden Conescu. „Ich - ich werde Ihnen Ihr Geld zurückgeben.“

„Das Geld ist nicht das Wichtigste.“

„Dann werde ich später unbemerkt zu Nicolae gehen. Ich werde die Sache in Ordnung bringen.“

„Dafür ist es jetzt zu spät, Stefan. Wie auch immer...“

Dava unterbrach Conescus Gedankengang. „Ich erledige die Sache gern.“

Stefan wandte den Kopf und starrte die Frau an. Die Tür war jetzt geschlossen. Sie stand davor, einen langen Dolch in der Hand. Seine Augen gingen wieder zu Conescu, und er stammelte: „Was - was meint sie?“

Der bullige Mann erhob sich und seine großen Hände klopften auf Stefans magere Schultern.

„Sie müssen Dava ihre Ausdrucksweise vergeben. Sie will sagen, daß sie den Auftrag erhalten möchte, Sie zu beseitigen.“

„Beseitigen?“

„Sie haben richtig gehört. Sehen Sie, Stefan, Ihre Nützlichkeit für mich ist beendet, aber die Polizei könnte Sie nützlich finden. Die bloße Tatsache, daß Sie als Rädelsführer hervorgetreten sind und eine Konfrontation mit den Gendarmen und den Fremden hatten...“

„Aber nein! Wenn Sie glauben, ich würde zur Polizei gehen, können Sie unbesorgt sein! Das würde ich niemals tun!“

Radu Conescu lachte gutmütig. „Im Gegenteil, Stefan - genau das werden Sie tun.“

Seine Hände verstärkten ihren Druck auf Stefans Oberarme.

Der Polizist war nicht glücklich.

„Der arme Nicolae ist tot. Was er mitgemacht hat, war für den schwächlichen Jungen einfach zuviel. Es gibt nichts, was er uns noch sagen könnte.“

Seine Handbewegung - ein resigniertes Heben der Arme - war für alle das Signal, den Raum zu verlassen, der als Nicolaes Krankenzimmer gedient hatte. Thorka und Sanchez gingen. Auch Harmon griff nach den Rädern seines Rollstuhls, doch als er dem Leichnam des Jungen einen letzten Blick zuwarf, tauschte er ein Zwinkern mit Ktara aus.

„Herr Wachtmeister, wäre es möglich, daß meine Assistentin noch einen Augenblick bei dem Körper des Toten bleibt? Nur für eine Minute.“

„Hat sie ein besonderes Interesse an dem jungen Mann?“

„In einer Weise ja. Ich versichere Ihnen, daß sie nichts in Unordnung bringen wird. Sie möchte nur still eine kleine Weile bei ihm sitzen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Der Dorfgendarm zuckte die Achseln. „Das ist kein Problem, jedenfalls keines, das sich mit meinen übrigen Problemen vergleichen ließe. Dieser Junge ist tot - und Stefan verschwunden. Eine dumme Geschichte. Während Sie in Piteschti waren, ließ ich meine Vertrauensleute nach ihm suchen. Er ist nirgendwo zu finden. Vielleicht hat er Angst und ist fortgelaufen; oder er hat seinen Fehler eingesehen und schämt sich. Das wäre nicht überraschend. In diesem Fall könnte er sich im Dorf versteckt halten. Wie auch immer, ich muß ihn finden. Ich muß Informationen über dieses Kreuz haben. Das war ein höchst ungewöhnlicher Zwischenfall, finden Sie nicht auch?“

Sie saßen nun alle im äußeren Büro. Der Polizist hatte eine Flasche billigen Kognak geöffnet und vier Wassergläser für sich und die drei Männer gefüllt. Er leerte sein Glas zur Hälfte, dann seufzte er, stellte es auf den Schreibtisch zurück.

„Höchst ungewöhnlich“, wiederholte er. „Ich meine, wie Nicolae darauf reagierte. Beinahe so, als ob er wirklich ein Vampir wäre. Ich bin nicht aus diesem Dorf, meine Herren, aber ich kenne genug Geschichten, wie sie hier erzählt werden. Es ist schwierig, sich einen Reim darauf zu machen. Soll man daran glauben? Soll man nicht daran glauben? Ich weiß es nicht. Ich wünschte, die Kollegen von der Kriminalabteilung würden endlich kommen und den Fall übernehmen. Aber sagen Sie, Sie sind gelehrte Herren, ist es wirklich denkbar, daß Nicolae das Opfer eines Vampirs wurde? Ist es möglich, daß er mit Vampirblut vergiftet wurde? Halten Sie das für denkbar?“

Thorka und Harmon tauschten Blicke aus. Dann ergriff der amerikanische Professor das Wort:

„Ich würde sagen, daß die Erklärung weniger geheimnisvoll ist. Lassen Sie uns annehmen, bei diesem Mordfall habe kein Vampir seine Hand im Spiel. Daß die Ermordeten auf irgendeine abscheuliche Art und Weise umgebracht wurden, ist erwiesen. Wenn wir uns nun vergegenwärtigen, daß dieses letzte Opfer...“

„Mercea“, half der Polizist aus.

„Richtig, Mercea. Nehmen wir also an, daß dieser Mercea genauso bestialisch umgebracht wurde wie die anderen, und nehmen wir ferner an, daß Nicolae ein Augenzeuge dieser Tat war, so ist leicht zu erklären, daß er darüber den Verstand verlor.“

„Das ist logisch“, stimmte der Beamte zu. „Ich bin bereits zu derselben Schlußfolgerung gelangt. Aber das Kreuz...“

„Das Kreuz“, sagte Thorka, „wurde nach Stefans Auskunft in der Nähe von Merceas Leichnam gefunden. Wenn es während der Mordtat eine Rolle spielte, mag sein Anblick das Entsetzen der schrecklichen Tat in Nicolaes krankem Geist geweckt haben.“

„Jedenfalls wäre es nützlich“, sagte Harmon, „wenn wir das Kreuz zur Hand hätten.“

„Und“, ergänzte der Polizist, „wenn wir Stefan zur Hand hätten.“ Er leerte seinen Kognak und erhob sich. „Nun, meine Herren, Sie verstehen, daß ich sehr beschäftigt bin. Wenn Ihre Assistentin dort drinnen fertig ist...“

Wie auf ein Stichwort betrat Ktara den Raum.

„Gut“, sagte der Gendarm. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Für mich wird es leider eine lange Nacht werden, wenn mich nicht alles täuscht.“

„Nicht so lang, wie Sie vielleicht denken“, sagte Thorka von der Tür. Draußen neben der Limousine lag eine Gestalt. Als sie näherkamen und sich über den Körper beugten, erkannten sie den verkrümmten Leichnam Stefans. Hals und Rückgrat des Gastwirts waren gebrochen.

Auch das schmiedeeiserne Kreuz war da. Jemand hatte es zur Hälfte ins Stefans Kehle gestoßen.