13.

Die Druckwellen der Explosion durchdrangen das Gangsystem unter der Burg, doch weil die unterirdischen Passagen fast überall aus dem gewachsenen Fels gehauen waren, kam es nur am Explosionsherd zu einem größeren Einsturz, der den von Radu Conescu geschaffenen Zugang völlig verschüttete. Anderswo unter der Erdoberfläche fegte der Luftdruck die letzten Reste dessen fort, was einmal solide Türen aus Eichenholz gewesen waren. Bis auf dies und die Staubwolken, die für kurze Zeit die dunklen Räume und ihre Verbindungsgänge erfüllten, gab es keine weiteren Störungen der dumpfen Stille.

Selbst in der Schatzkammer war nun alles ruhig, doch nach einer Weile wurden metallische Geräusche und angestrengtes Atmen hörbar. Der Luftdruck hatte Dava Conescu betäubt und zwischen die Goldhaufen geschleudert, und etwas davon war über sie gerutscht und bedeckte ihre Beine, aber sie hatte keine Mühe, sich davon zu befreien.

Dabei begann sie sich ihrer Lage bewußt zu werden. Die völlige Dunkelheit, in der sie sich befand, war zweifellos eine Folge der Explosion, die die Fackel draußen im Gang ausgelöscht hatte.

All das schöne Gold, und sie konnte es nicht sehen... Der Gedanke machte sie krank, aber sie schob ihn resolut beiseite. Vielleicht gelang es ihr, die Fackel irgendwie wieder anzuzünden. Sie wußte, daß der Zugang gesprengt worden war. Ihre Intuition sagte ihr, daß dies die Bedeutung der Explosion gewesen sein mußte. Radu schien entschlossen, den ganzen Schatz für sich allein zu behalten und sie hier einzuschließen, damit sie verhungere. Sie lachte in der Dunkelheit. Armer Radu. So ein Dummkopf! Sie wußte, was er nicht wußte - das es einen zweiten Ausweg gab. Sie wußte sogar, wo dieser Ausweg war.

Der Amerikaner hatte ihr das gezeigt.

Und nun, als Dava sich langsam aus der Schatzkammer tastete, zog sie einen Schmollmund. Der Amerikaner. Sie hatte gehofft, daß sie ihn lebendig hier finden würde. Immer hatte sie starke Männer bewundert. Aber dieser Mann hatte mehr, hatte eine Furchtlosigkeit, die der ihren glich. Sie hatte gelächelt, als sie auf die Kadaver ihrer zwei ersten Wölfe stieß, die erschossen im Gang vor der Schatzkammer lagen. Und dann war sie den nächsten Schüssen gefolgt - bis zu der Stelle, wo der dritte Wolf lag. Derjenige, dessen Schädel zerschmettert worden war...

Der Amerikaner war ein Mann, der ihrer würdig war. Aber er war fort. Sie hatte gelächelt, als sie die Treppe gesehen hatte, die von der Kammer mit dem Sarkophag aufwärts führte. Sie hatte sofort erkannt, daß dies ein Ausgang sein mußte und daß ihr dieses Wissen einen Vorteil gegenüber Radu gab, sollte er versuchen, sie hier einzuschließen. Sie war versucht gewesen, die enge Treppe hinaufzusteigen und sich selbst zu vergewissern, wie und wo man ins Freie kam - aber dann hatte sie es doch nicht getan. Sie hatte sich nach ihrem Gold zurückgesehnt. Ihre Finger hatten danach verlangt, das glatte Metall zu streicheln, und ihre Augen hatten sich nach dem verführerischen Glanz des gelben Metalls gesehnt.

Nachdem sie mit ihrem letzten treuen Gefährten zur Schatzkammer zurückgekehrt war, hatte sie sich ihrer Kleider entledigt, so daß ihr ganzer Körper die Berührung erfahren konnte. Im flackernden Licht der Fackel draußen hatte sie Goldmünzen über ihre Schultern geschüttet, als wollte sie sich mit einem Schauer aus goldenem Regen reinigen. Sie war zwischen den Schätzen herumgesprungen und hatte getanzt, die goldene Büste irgendeines orientalischen Despoten an sich gedrückt. Sie war sich wie ein weiblicher Midas vorgekommen, mit der Macht, alles, was sie berührte, in Gold zu verwandeln.

Aber dann wurde sie vom Explosionsdruck niedergeworfen.

Wieviel Zeit seither vergangen war, wußte sie nicht, aber sie fröstelte, und es war ihr, als müßte mindestens eine Stunde vergangen sein...

Licht. Ja, sie mußte Licht haben. Es genügte nicht, daß sie ihren Reichtum berühren konnte; sie mußte ihn auch sehen.

Sie hatte eine Lampe gehabt, aber die war verloren. In diesem Meer von Metall würde sie das Ding niemals wiederfinden. Aber natürlich, Mihails Taschenlampe! Er hatte sie zuletzt in der rechten Hand gehalten und versucht, den Wolf damit abzuwehren. Wenn er sie nicht fallengelassen hatte...

Sie bückte sich und tastete am Boden herum, bis sie das kalte weiße Fleisch seines Gesichts unter den Fingerspitzen fühlte. Dankbar, daß sie den Körper in der Finsternis so schnell wiedergefunden hatte, tastete sie ihn weiter ab. Und da war die Taschenlampe. Sie war sogar intakt, wie Dava mit Erleichterung feststellte, als sie den Schalter drückte. Überall in der Luft war Staub, aber am dichtesten wogte er auf der anderen Seite der Schwelle. Es war ein feiner Staub, so fein, daß er nicht einmal zum Husten reizte. Sie lächelte. In ihrer goldenen Welt waren sogar Staub und Fäulnis von besonderer Qualität. Sie ließ den Lichtkegel über die Landschaft ihrer goldenen Welt gehen und fühlte, wie die Wärme des gelben Metalls in ihren Körper zurückkehrte.

Aber sie mußte die Fackel anzünden. Ja, die Batterien der Taschenlampe würden nicht für immer vorhalten. Die Fackel mußte angezündet werden...

Zündhölzer? In dem Umhang, den sie getragen hatte, waren keine. Vielleicht Mihail... Ich muß dich noch einmal stören, mein blonder Krieger...

In seinen Jackentaschen waren eine Pfeife, ein Tabaksbeutel und die gesuchten Zündhölzer. Rasch trat sie durch die Türöffnung und fühlte den kalten, unebenen Steinboden unter den bloßen Füßen. Es war schwierig, durch den Staub zu sehen, aber das Licht zeigte ihr, daß die Fackel nicht mehr im Halter steckte. Wenn der Explosionsdruck sie heruntergerissen hatte, mußte sie ein Stück weiter im Gang liegen.

Der Lichtkegel fiel auf ein Stück Holz, das Teil des Türrahmens gewesen war. Dava hob es auf und untersuchte es. Es fühlte sich trocken und morsch an. Vielleicht...

Das Holz fing sofort Feuer, als sie das Zündholz daran hielt. Ausgezeichnet. Noch mehr davon lag herum, so daß es keinen Mangel geben würde. Sie lächelte zufrieden, dann erstarrte das Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie das Holzstück in den Fackelhalter steckte. Unten am Holz war der Rest eines roten Siegels zu sehen.

Ein Omen?

Unsinn. Man glaubt nicht mehr an Omen oder Verwünschungen. Man lebt nicht mehr im abergläubischen Mittelalter. Aber als sie sich wieder umwandte, trat ihr rechter Fuß auf etwas, und sie schwenkte instinktiv den Lichtkegel abwärts.

Unter ihren Zehen lag die goldene Plakette, die als Warnung gedient hatte. Mit einem unterdrückten Schrei sprang sie zurück. Das war ein Stück Gold, mit dem sie nichts zu tun haben wollte, das sie lieber nicht berührte, nicht einmal für einen kurzen Moment.

Es war plötzlich so kalt hier unten. Selbst in der Schatzkammer war es kalt. Als ob irgendein neuer, unguter Geist diesen Ort betreten hätte. Sogar der Wolf begann leise zu knurren. Fühlte er auch etwas?

War es Mihails Anwesenheit? „Nein“, sagte sie laut, beruhigt vom Klang ihrer eigenen Stimme, „nein, das ist alles Unsinn. Aber ich kann dich nicht hier bei mir haben, Mihail. Du sollst vor meiner Tür Wache stehen. Ja, ich werde ein paar Nägel finden, und vielleicht einen Hammer, und dann werde ich sie durch deine Arme und Beine treiben und dich als einen Wachtposten vor mein königliches Gemach stellen. Vielleicht werde ich dir sogar ein goldenes Schwert in die Hand geben. Du siehst, Mihail, selbst mein Freund, der Wolf, ist nicht ganz zufrieden mit dir. Ich glaube, meine Idee ist vernünftig. Was meinst du dazu? Würde es dir was ausmachen, deine Meinung dazu zu sagen, wenn du eine hast?“

„Die Idee ist nicht übel“, tönte eine tiefe Stimme aus dem Gang hinter ihr. „Aber sie bedarf einiger geringfügiger Veränderungen.“

Der Raum war plötzlich wie von Eis umschlossen.

Ihre Kehrtwendung wurde von dem goldenen Bodenbelag behindert, der ihre Füße festzuhalten schien. Der Mann in der Türöffnung, der Mann in Schwarz mit dem weißen Gesicht, der seltsam attraktive, vornehme Herr...

„Ich - ich mag starke Männer“, sagte sie leise. Sie versuchte zu lächeln, konnte aber nicht. Ihre Lippen wollten sich nicht so dehnen, wie sie wollte.

Der Mann jedoch lächelte breit. Sein Blick wanderte an ihr vorbei zu Mihails Körper. Er hatte seltsame Augen; sie schienen rot zu sein. Oder war es das Gold, das sich in ihnen spiegelte?

„Sie scheinen auch mein Gold zu mögen“, sagte er, und eine gewisse Schärfe kam in seine Stimme.

„Ihr...“

„Mein.“

„Ja. Irgendwie wußte ich es...“

Die Augen blitzten. „Ich bin nicht daran interessiert, was Sie wissen. Sie interessieren mich nur insofern, als Sie für die Störung meines Besitzes zahlen werden. Der Mann, den Sie Ihren Onkel nannten, hat seinen Preis bereits gezahlt. Jetzt ist Ihre Zeit gekommen.“

Die Frau starrte trotzig zurück. „Glauben Sie, ich bin ein so leichtes Opfer wie Radu? Ich nehme an, daß er tot ist, was mich nicht weiter bekümmern soll - aber Sie werden finden, daß ich schwieriger zu töten bin, gleichgültig, an welche Mittel Sie denken. Das verspreche ich Ihnen, Graf Dracula!“

Der Vampir neigte den Kopf in einer ironischen Verbeugung. „Ich korrigiere mich; ich finde, daß Sie mich doch ein wenig interessieren. Sie kennen meinen Namen, darum haben Sie eine Vorstellung davon, wer und was ich bin, und doch fordern Sie mich heraus? Wirklich erstaunlich. Ich bin geneigt, Sie zu fragen, wie Sie sich Ihren Widerstand im einzelnen vorstellen, aber die Anwesenheit Ihrer Waffe macht die Frage wohl überflüssig.“

Der große weiße Wolf hatte die ganze Zeit leise geknurrt. Das tiefe Grollen in seiner Kehle nahm allmählich zu, um plötzlich abzubrechen, als die Frau das Zeichen gab.

Dann sprang er völlig lautlos den Grafen an.

Es war wie das Auseinanderschnellen einer Stahlfeder, und der gesteckte Körper des Wolfs schoß wie vom Katapult geschleudert durch die Kammer und dem Grafen an die Kehle, die Kiefer zum Zuschnappen geöffnet. Bevor er jedoch sein Ziel erreichte, kam die rechte Hand des Grafen dazwischen und pflückte den springenden Wolf scheinbar mühelos aus der Luft. Er packte das Tier unter dem Kiefer und stieß es unter Ausnutzung der Bewegungsenergie an sich vorbei, bis das Schädeldach des Wolfs links von ihm gegen die Felswand krachte. Ohne dem eingeschlagenen Schädel des Tiers einen weiteren Blick zu gönnen, ließ Dracula das Fell los und der tote Wolf fiel über eine offene Kiste mit goldenen Gerätschaften.

„So etwas hat noch keiner gemacht“, sagte die Frau. In ihrem Tonfall mischten sich Angst und Bewunderung, und keine der beiden schien die Oberhand zu gewinnen. „Sie - Sie wünsche ich mir zum Gemahl - Sie vor allen anderen Männern, die ich gekannt habe.“

Der Graf neigte wieder seinen Kopf. „Ihr Gemahl?“ sagte er. Sein Lachen war spöttisch. „Sie wollen mich zu Ihrem Gemahl?“

„Sie - Sie sagten, daß ich Sie interessiere.“

„Richtig, Sie interessieren mich - ein wenig.“

„Sehen Sie mich an, Graf Dracula! Betrachten Sie meinen Körper, aber blicken Sie auch in meinen Geist. Ich bin nicht häßlich, nicht wahr? Und mein Gehirn und meine Seele sind so, daß ich einem wie Ihnen eine würdige Gefährtin sein könnte. Lassen Sie mich beweisen, wie...“

„Beweisen? Frau, in meinen Augen sind Sie ein Nichts! Ein fleischbedecktes Skelett, ein Gesicht und eine Gestalt, aus denen die Jugend und das meiste von dem, was das Leben ausmacht, bereits gewichen sind! Eine würdige Gefährtin für einen wie mich! Dort neben Ihnen liegt derjenige, dessen Sie würdig sind. Denn er ist tot, wie auch ein guter Teil von Ihnen bereits tot ist - und der Rest bald sein wird.“

„Nein - kommen Sie mir nicht näher!“

Dracula lächelte amüsiert. „Ich Ihnen, meinen Sie? Nein, Frau, darin haben Sie recht. Sie werden zu mir kommen - nicht wahr?“

„Ich...“

Was wollte sie ihm sagen? Sie konnte sich nicht besinnen. Seine Augen... Aber nein! Sie konnte nicht zu ihm gehen, würde es nicht tun! Sie hatte das nicht nötig. Noch hatte sie die Herrschaft über sich. Sie würde sich nicht erniedrigen!

Sein Gesicht! Es war ein Gesicht gewesen, das ihr gefallen hatte, aber nun - veränderte es sich...

Und auch seine Stimme klang verändert, als er sagte: „Sie wünschten mir Ihren Liebreiz und Charme zu beweisen? Kommen Sie also.“

Nein! Nicht zu ihm, nicht zu diesem Ungeheuer! Nein, nein! Sterben war eine Sache, aber freiwillig diesem Tod entgegenzugehen, war eine andere. Sie würde nicht...

„Dein letzter Kuß erwartet dich, Dava. Komm her und empfange ihn.“

Ein Kuß? Waren seine Reden, daß er sie töten würde, scherzhaft gemeint gewesen? Hatte sie schließlich doch sein Interesse gewonnen?

„Ja, Meister“, sagte sie und trat zögernd vorwärts.

„Das ist besser, Dava. Ich erwarte dich. Ich möchte dir für die Idee danken, die du mir gegeben hast.“

„Idee, Meister?“

„Ja. Die Idee eines Wächters für meine Tür. Mihail. Du erinnerst dich, das erwähnt zu haben?“

Seine Zähne, so scharf und so lang. Und die roten Augen mit den weißen Mittelpunkten...

„Ich erinnere mich, Meister.“ Wieder ein Schritt näher.

„Nun, Dava, auch du wirst meine Schatzkammer bewachen. Nimmst du den Auftrag bereitwillig an?“

Nein! Gott im Himmel, was tue ich? Ich gehe zu ihm! Ich gehe freiwillig...

„Ja, Meister, ich nehme ihn bereitwillig auf mich.“

Wer sagt diese Worte? Wer gebraucht mein Gehirn und meine Stimme, um mein Verhängnis zu besiegeln? Wieder ein Schritt! Ich muß stehenbleiben! Ich muß! Sein Mund, er öffnet sich, wieder zu sprechen, aber ich will nichts mehr hören. Ich will schreien, aber ich kann nicht! Töte mich, töte mich - aber sprich nicht mehr!

„Aber zwischen meinen zwei Wächtern wird ein Unterschied sein, Dava. Möchtest du hören, was das für ein Unterschied ist?“

Nein, nein, nein, nein!

„Natürlich, Meister.“

„Dann werde ich es dir sagen. Einer meiner Wächter - du - wird nicht tot sein, wenn die Nägel durch seine Glieder getrieben werden. Beinahe tot vielleicht, weil mein Durst gelöscht werden muß, aber ich werde genug Leben in dir lassen, daß du den Fluch ganz auskosten kannst, den du über dich gebracht hast, als du meine Warnung in den Wind schlugst. Seine Züge dehnten sich zu einem unmenschlichen Grinsen, seine Stimme wurde leiser. „Denke darüber nach, Dava, und sag mir, ob die Aussichten, die ich dir biete, dich erfreuen?“

Oh, bitte nein - nein! Er ist nur noch Zentimeter von mir entfernt!

„Ja, Meister.“

Draculas Brauen hoben sich, als er sein Gesicht zu ihr herabneigte. „Warum schreist du dann, Dava?“

„Ich schreie nicht...“

Aber ihre Schreie straften sie Lügen. Es waren schreckliche, gellende Schreie, voll Entsetzen und unmenschlich laut.

Und sie dauerten noch lange an.