10.

„Er mußte sowieso sterben, nicht wahr?“

Die beiden standen zwischen den Ruinenwänden des Schlosses. Die Frau trug jetzt einen dicken schwarzen Wollumhang, und ihr Gesicht zeigte ein verächtliches Lächeln. Der Mann war ebenfalls warm angezogen, aber sein Gesicht war bleich und von Wut verzerrt.

„Nicht jetzt, nein - er mußte nicht sterben. Lebendig wäre er mir von Nutzen gewesen.“

Dava lachte. „Aber er war nützlich, Onkel! Er trat die Tür ein. Er tat das, wovor du dich gefürchtet hast. Das muß man sich vorstellen! Du, mit all deiner Berechnung und Kaltblütigkeit, fürchtest dich im Augenblick des Triumphs, eine Tür zu öffnen.“

Radu Conescu starrte sie böse an. „Du hast selbst den Fluch gelesen.“

Dava lachte kurz und höhnisch auf. „Ja, ich habe den Fluch gelesen und ihn als das erkannt, was er war. Das Wissen eines reichen alten Mannes und Ausbeuters, daß er die Dorfbewohner im Griff hatte. Aber du! Du, der du behauptest, ein außergewöhnlich kluger und geschickter Mann zu sein - du nimmst die Worte ernst!“

„Sprich nicht so mit mir, Dava. Ich könnte dir deinen dürren Hals mit Daumen und Zeigefinger brechen. Wenn du mich weiter aufregst...“

Davas Nasenflügel blähten sich. „Und wenn du mich weiter aufregst, werden meine Freunde es fühlen und mir zu Hilfe kommen.“

Sie blickte neben sich, wo fünf abgerichtete Wölfe lagen, der weiße Mörder Mihails und vier von seinen grauen Brüdern.

Conescu lächelte. „Ich erkenne deine Talente an, Dava. Was meine Befürchtungen angeht, so möchte ich sie auf die Formel bringen, daß der weise Mann sich nicht freiwillig ins Unbekannte wagt. Die Tür wurde geöffnet, ohne daß es Folgen für dich hatte. Das ist, wie es sein sollte. Aber es wäre mir trotzdem lieber, wenn der junge Mann noch leben würde.“ Dava wollte etwas sagen, aber Conescu winkte ab. „Ich stimme dir zu, daß sein Tod früher oder später notwendig geworden wäre, ja - aber erst nachdem das Gold ins Tal hinuntergeschafft ist. Für einen kleinen Anteil des Reichtums hätte er bestimmt freudig mit uns zusammengearbeitet, meinst du nicht?“

„Vielleicht, aber...“

„Nichts aber. Er hätte gern mit uns zusammengearbeitet. Nun müssen wir zusehen, wie wir das ganze Zeug allein ins Tal transportieren. Ich weiß nicht, wie...“

Er brach ab. Die fünf Wölfe zu Davas Füßen hatten die Köpfe gehoben und spitzten die Ohren. Einer begann leise zu knurren. Dava bückte sich rasch und legte eine Hand auf die Schnauze des Tiers. So blieb sie stehen und sah Conescu nach, als der untersetzte Mann leise und gewandt zu einer Stelle kletterte, wo die Mauer von einem armbreiten diagonalen Riß durchzogen wurde. Von dort aus konnte er die Gegend um den Tunneleingang überblicken. Ein Mann näherte sich diesem Eingang und verschwand darin. Conescu erkannte ihn. Er wandte sich an Dava.

„Der Amerikaner, Sanchez. Er steigt in den Tunnel.“

Die Frau ließ den Wolf los und richtete sich auf. „Also wird es in dieser Nacht noch einen Toten geben. Keine Angst, Radu - meine Freunde werden sich des Eindringlings annehmen.“ Sie pfiff ihre Kommandos, und die vier grauen Wölfe sprangen lautlos auf und liefen über die verschneiten Trümmer davon. Bald waren sie außer Sicht.

Conescu entging nicht, daß Dava einen der Wölfe bei sich behalten hatte, den großen weißen Teufel. Er beäugte das Tier und lächelte. „Ich nehme an, du hast ihn nur zum Schutz hierbehalten. Es wäre eine fatale Dummheit von dir, mit dem Gedanken an meinen Tod zu spielen. Ich bin sicher, daß du das weißt.“

Dava nickte langsam. „Ich weiß das gut, Radu. Ohne dich gibt es keine Möglichkeit, diesen Ort ohne Aufsehen und Fragen zu verlassen. Und auch keine Möglichkeit, das Gold herauszuholen.“

„Da wir gerade von dem Gold reden, ich habe es noch nicht gesehen. Wollen wir unserem Besucher, Mr. Sanchez, in die Tiefe folgen? Vielleicht begünstigt uns das Glück, und wir können mit eigenen Augen Zeugen seines Hinscheidens sein.“

Als die Frau zu ihm kam, wandte Conescu sich wieder dem Spalt in der Wand zu und winkte sie zurück. „Warte!“

„Was ist?“

„Hier. Sieh selbst. Weit unten am Hang und auf der rechten Seite.“

Dava spähte hinaus. In Talnähe waren winzige Lichtpunkte zu sehen, die in langsamer Bewegung begriffen schienen, als ob ein Schwarm von Glühwürmchen plötzlich aus dem Winterschlaf erwacht wäre und sich dort versammelt hätte. Aber die Lichtpunkte waren keine Glühwürmchen. Es waren Fackeln, ein halbes Hundert oder mehr.

Und nun hörten der Mann und die Frau in den Ruinen von Schloß Dracula aus weiter Ferne das Gebrüll und die Rufe der Dorfbewohner, die, vom Alkohol beflügelt, darauf aus waren, an den vermeintlichen Vampiren Rache zu üben.

Es hätte nicht zu dem Massenaufbruch aus dem Wirtshaus kommen dürfen. Es schien nicht wahrscheinlich, und als es geschah, waren Harmon und Thorka völlig überrascht. Ktara hätte es vielleicht wissen können, aber sie hatte keine verbale Vorhersage gemacht. Rückblickend läßt sich leicht sagen, daß sie es hätte verhindern können. Aber sie war nicht dort, als es geschah.

Als Harmon, Thorka und der Dorfpolizist eintrafen, saß sie mit Sanchez und dem Bildhauer Orgo an einem Tisch. Sanchez entschuldigte sich gleich nach der ersten gemeinsamen Runde und kehrte nicht zurück. Orgo fand das seltsam. „Ihr Freund, Professor Harmon, wollte vorhin schon gehen, doch konnten wir ihn zum Bleiben bewegen. Jetzt scheint er endgültig das Weite gesucht zu haben. Ich frage mich, wohin es ihn um diese Zeit noch treibt.“

Harmon zuckte die Achseln. „Was mein Assistent abends macht, ist seine Sache, nicht meine. Aber sprechen wir nicht von ihm, reden wir lieber von Ihnen. Ich muß sagen, ich bin überrascht, in einem kleinen Dorf wie Arefu einen Mann wie Sie anzutreffen. Sie sind offensichtlich ein weitgereister und kultivierter Mann; warum Arefu?“

Nun war der Bildhauer an der Reihe, mit der Schulter zu zucken. „Ein Künstler - oder jemand, der sich dafür hält - gehört gewöhnlich nicht zu den hochbezahlten Leuten, Professor, wie Ihnen sicher bekannt ist. Die Lebenshaltungskosten hier auf dem Lande sind so, daß selbst ich ein Auskommen finden kann. Was die intellektuellen Anregungen betrifft, oder wie Sie es nennen wollen, so suche ich dergleichen nicht mehr. In meinem früheren Kreis in der Hauptstadt, von dem ich mich völlig zurückgezogen habe, hatte ich zuviel davon. Jedenfalls ist dieses Dorf genau das Richtige für mich und meine Arbeit. Vielleicht sind Sie interessiert, morgen oder übermorgen mein Atelier zu besuchen?“

Harmon spielte mit seinem Glas. „Ich würde Ihre Einladung gern annehmen, aber ich glaube nicht, daß wir so lange hier sind. Unsere Pläne sind im Moment noch etwas ungewiß.“

Ktara nickte. „Da Sie gerade von Plänen sprechen: ich glaube, es ist Zeit.“

Harmon sah auf seine Uhr. Es war einundzwanzig Uhr fünfundvierzig. „Ja, ich glaube, Sie haben recht.“

Die Frau erhob sich. Auch Orgo stand sofort auf. „Sie müssen gehen?“

„Nein“, sagte Ktara. „Nur ich. Übrigens würde ich Sie gern in Ihrem Atelier besuchen, aus persönlichen Gründen. Aber ich kann noch nichts vereinbaren, denn auch meine Zeit ist knapp. Auf Wiedersehen.“

Sie reichte Orgo die Hand. Als er sie drückte, trat ein seltsamer Ausdruck in sein Gesicht. Dieser Ausdruck war immer noch da, als sie das Wirtshaus längst verlassen hatte.

„Eine außerordentliche Frau -", sagte Thorka. „Meinen Sie nicht?“

„Das meine ich auch, Professor Thorka. Außergewöhnlich. Es war, als wüßte sie, daß ich...“

Thorka musterte ihn aufmerksam. „Ist etwas?“

„Ob etwas ist?“ Orgos breites Gesicht strahlte auf einmal. „Nein - nichts. Oder vielleicht doch - ich glaube, ich sehe jetzt klar, ich begreife!“ Der hünenhafte Mann lächelte seine mächtigen Hände, deren Finger gespreizt vor ihm lagen, wie verklärt an, dann blickte er auf. „Meine Herren, wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen...“

Und dann war Orgo draußen, beinahe im Laufschritt.

Thorka schüttelte den Kopf. „Kannst du dir darauf einen Vers machen, Damien? He, Damien!“

Harmon öffnete die Augen. „Tut mir leid, Alex. Was wolltest du sagen?“

„Nur, daß - sag mal, war das eben eine Art Meditation?“

„Das, Alex, ist eine sehr hübsche Art, einen alten Mann an seine Tendenz zum Eindösen zu erinnern. Die letzten Tage waren sehr ermüdend.“

„Das glaube ich dir. Aber dein Gesicht war eben nicht das eines alten Mannes, der am Tisch einnickt. Ich hatte eher den Eindruck, daß du versuchtest, mit einem Wesen aus einer anderen Welt in Verbindung zu treten.“

Das launige Zwinkern in Thorkas Augen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein Kommentar mehr als ein müßiger Scherz sein sollte. Harmon zog die Brauen hoch und warf seinem Freund einen unschuldigen Blick zu. „Aus einer anderen Welt, Alex?“ fragte er. „Eines Tages vielleicht, aber wie die Dinge liegen, strengt es die Phantasie schon genug an, die verschiedenen Wesen zu verstehen, die unsere Welt bevölkern.“

Doch während der Polizist verständnisinnig Harmons Gedanken beipflichtete, brauchte Professor Thorka seine Phantasie nicht sonderlich anzustrengen, um sich die Kreatur vorzustellen, die sich in diesem Moment aus ihrem mit Erde gefüllten Sarg erhob, eine Kreatur in einem schwarzen Abendanzug, eine Kreatur, in deren Augen ein rotes Licht glühte, als sie sich zum Fenster des Hotels in Piteschti wandten und den dunklen Berg sahen, der sich in der mondbeschienenen Ferne erhob.

„Ich sage, wir nehmen die Dinge selbst in die Hand und treiben Pflöcke durch ihre schwarzen Herzen!“

Die Worte schwirrten scheinbar ohne Zusammenhang durch den Raum, der von rauher Jovialität und lauter Kameradschaft erfüllt war, als ob jemand willkürlich an einem Radio gedreht hätte. Und dann war die Jovialität auf einmal verschwunden, ersetzt von hitzigen Wiederholungen des Gedankens, der der Wendepunkt gewesen war.

„Ja, umbringen muß man sie!“

„Den Mann und die Frau!“

„Richtig, alle beide! Sie haben beide das böse Blut!“

... Pflöcke durch ihre Herzen!“

... ihre Leichen verbrennen...“

... von diesem Übel befreien, ein für allemal!“

„Nein!“

Der Dorfpolizist war auf den Füßen und schwang seine Dienstpistole. „Nein, sage ich. Seid ihr verrückt? Das könnt ihr nicht machen.“

Seine Erklärung wurde mit Spott und Gelächter quittiert, als die Männer ihre Gläser austranken und Pläne machten, wer von ihnen die Pflöcke schnitzen sollte und wie viele Fackeln sie benötigen würden. „Und Knoblauch! Knoblauchketten!“

„Und das Kruzifix aus der Kirche, vergeßt das nicht!“

„Nein!“ rief der Gendarm. Für einen Moment trat Stille ein, aber dann sprang ein rundlicher Mann mit Kartoffelnase auf und zeigte erregt auf den Polizisten.

„Du kannst mit deiner Pistole herumwedeln, soviel du willst, aber diesmal wirst du uns nicht daran hindern, reinen Tisch zu machen. Bevor Conescu und seine Nichte zu uns kamen, gab es keine Morde in unserem Dorf. Und es wird keine Morde mehr geben, wenn wir mit ihnen abgerechnet haben. Die Vampire werden heute nacht sterben!“

„Du vergißt Stefan“, sagte der Polizist. „Er wurde nicht wie die anderen getötet. Warum glaubst du, daß Conescu auch für seinen Tod verantwortlich ist?“

Der Mann hinter der Theke meldete sich zu Wort: „Conescu ist schuldig, daran gibt es keinen Zweifel. Gestern abend, nach dem Feuer auf dem Platz, kam Stefan hierher.“

„Das ist nicht ungewöhnlich. Schließlich arbeitete er hier.“

„Richtig, aber er kam nicht ins Gastzimmer oder in die Küche. Nein, er schlich die Treppe hinauf, ich sah ihn. Er benahm sich sehr verdächtig, und deshalb folgte ich ihm leise. Er ging in Conescus Zimmer.“

„Und warum“, fragte der Polizist, „wurde mir das nicht schon eher gesagt?“

Der Schankkellner zuckte mit der Schulter. „Ich fand es nicht so wichtig. Außerdem hat es keine offizielle Erklärung zu Stefans Tod gegeben. Ich weiß nur, daß erzählt worden ist, er sei ermordet worden.“

Kartoffelnase nickte. „Da hast du es. Alle Mordfälle können auf Conescu zurückgeführt werden. Meinetwegen kannst du ein paar von uns erschießen, wenn es dir gefällt, aber das wird uns nicht aufhalten. Du würdest dich nur selbst in Schwierigkeiten bringen.“

Die Männer ringsum stimmten ihm lauthals zu.

„Wenn ich mehr Männer hätte, wenn die angeforderten Beamten endlich kämen...“, murmelte der Gendarm hilflos.

„Aber du hast sie nicht“, erklärte der Mann mit der Kartoffelnase. Sein Gespräch mit dem Repräsentanten der Staatsgewalt war beendet. „Männer! Zum Berg!“

Minuten später waren sie auf der Straße, und ihr Geschrei und Gelächter verlor sich allmählich. Thorka und Harmon saßen noch immer an ihrem Tisch im Gastzimmer, während der Gendarm finster aus einem Fenster starrte. Auf einmal war es ganz still im Raum. Alle übrigen Gäste waren hinausgestürmt.

Nach einer Weile sagte Thorka, der Harmon während der letzten Ereignisse aufmerksam beobachtet hatte: „Damien, du hast eine Waffe. Unter deinem Rollstuhl ist ein Revolver befestigt. Ich sah ihn gestern abend, als der Rollstuhl zusammengelegt und in meinen Wagen getan wurde. Vielleicht hätte es geholfen, wenn du die Waffe gezogen und den Polizisten unterstützt hättest.“

Harmon seufzte. „Ich, als Ausländer? Glaubst du das wirklich, Alex?“

„Nun, für die Unterstützung der Polizei wird niemand bestraft, aber ich sehe, daß du anders darüber denkst.“

Harmon lächelte, und seine Augen blickten zum Fenster - auf den Berg, der in der Dunkelheit dahinter lag.

„Richtig, ich glaube nicht, daß es geholfen hätte. Ist dir nicht aufgefallen, Alex, wie plötzlich die Stimmung der Leute umschlug? Hat dir das etwas gesagt?“

Thorka überlegte einen Moment. „Es kam mir so vor, als habe jemand einen Hauptschalter betätigt, der die Leute in Bewegung setzte... Vielleicht ist das nicht ganz klar ausgedrückt. Was ich meine, ist...“

„Ich weiß, was du meinst. Du hast es sehr gut ausgedrückt. Es ist, als wollte jemand aus Gründen, die mir unbekannt sind, heute nacht das ganze Dorf auf dem Berg haben.“

Thorka nickte und lächelte. „Nun, Damien, wie ich dich kenne, hast du sicher eine Vorstellung, wer dieser Jemand ist und warum er das tut.“

Harmon hob sein Glas und tat einen langen Zug. Er trank so bedächtig und schien plötzlich so genießerisch auf seinen Wein konzentriert, daß Thorka daraus entnehmen mußte, daß seine letzten Fragen unbeantwortet bleiben würden.