Kapitel 31

 

Auf keinen Fall würde er Brakelmann mitnehmen. Der war zwar eine Flasche, aber doch nicht ganz blöde. Immerhin hatte der mitgekriegt, dass ihm der Fall entzogen worden war. Wenn Strehler nur daran dachte, wie ihn der Polizeipräsident vor diesem Döskopp bloßgestellt hatte. Das wurmte ihn immer noch, genauso wie die Tatsache, dass er damals nicht gleich zum Personalrat gegangen war.

Er schaute aus dem Fenster. Bei diesem Wetter fuhr er nicht mit dem Fahrrad los. Die schweren nassen Flocken blieben zwar nicht liegen, aber sie machten die rot gepflasterten Fahrradwege richtig seifig, und das war gefährlich. Es half nichts, er musste den Dienstwagen nehmen.

»Fahren Sie bloß vorsichtig. Sie wissen doch, wie schnell was passieren kann.«

Pförtner Matthes war immer besorgt, auch bei guten Straßenverhältnissen. Als Herr der Schlüssel fühlte er sich für ›seinen‹ Fuhrpark so total verantwortlich, dass er von den Kollegen ständig auf die Schippe genommen wurde.

»Wird schon schiefgehen.« Strehler griff nach den Papieren. »Mensch, Matthes, jetzt schauen Sie nicht so entsetzt. Das war ein Witz. Ich bin schon vorsichtig, keine Bange.«

»Das glaube ich Ihnen ja, Herr Hauptkommissar. Aber Sie müssen immer mit der Dummheit der anderen rechnen. Wer weiß, wie viele noch ohne Winterreifen unterwegs sind, trotz des Bußgeldes.«

 

Im Gete-Viertel war das Autofahren in der Tatkein Vergnügen. Es gab kaum ein Durchkommen in diesen engen Straßen: auf der einen Seite Berge von festgebackenem Altschnee, auf der anderen Seite Parkplätze, die eher auf die kleinen Zweitwagen der Schwachhauser Ehefrauen zugeschnitten waren. Es dauerte und dauerte, bis Strehler endlich eine Lücke gefunden und sich mühsam hineingequetscht hatte.

Als er schließlich vor dem Mehrfamilienhaus in der Vionvillestraße stand, traute er seinen Augen kaum. An der Stelle, wo Paulas Name geprangt hatte, war jetzt gähnende Leere. Er blickte an der Hausfront hoch. Tatsächlich, die Fenster im zweiten Stock schauten hohl auf ihn herab. Keine Vorhänge, also auch kein Nachmieter.

Er starrte auf die anderen Namensschilder. Fischer, Hanisch, Bergmann, Leisewitz. Er klingelte alle der Reihe nach durch. Erst bei Wätjen regte sich was. Eine misstrauische Stimme krächzte über die Lautsprecheranlage. Nein, Frau Assmann wohne nicht mehr hier. Nein, sie habe keine Ahnung. Und selbst wenn, würde sie keine Auskunft geben. Woher solle sie denn wissen, dass er wirklich von der Polizei sei? Das könne ja jeder behaupten. Und nein, sie würde nicht extra runterkommen, um seinen Ausweis anzuschauen. Schließlich gab es hier keinen Aufzug.

Okay, okay. Als Polizeibeamter musste er das völlig in Ordnung finden, wenn die Oma vorsichtig war. Es passierten genügend Trickbetrügereien mit den alten Leuten. Aber als Ermittler ärgerte er sich doch. Wieder mal einen Gang umsonst gemacht. Einen Metzgersgang, wie Daniel Fichte zu sagen pflegte. Als Strehler das zum ersten Mal hörte, dachte er, der spinnt. Doch Fichte, ein wandelndes Sprichwörterbuch, klärte ihn auf. Früher, als es noch kein Telefon gab, fuhr der Metzger oft umsonst auf den Bauernhof, weil man nie genau wusste, ob Schlachtvieh zum Verkauf stand oder nicht. Sei’s drum. Er konnte auch von seinem Schreibtisch aus ganz schnell erfahren, wohin Paula Assmann gezogen war. Er stapfte zum Auto zurück. Ah ja – jetzt kam er gut aus der Lücke heraus. Der neben ihm war weggefahren.

Aber was wie Glück aussah, war keines. Die ganze linke Seite des BMW war eingedellt, da hatte ihn einer von vorn bis hinten gestreift. Und war dann einfach abgehauen. Das hatte gerade noch gefehlt. Das Schlimmste an der Geschichte war, dass jetzt genaue Angaben fällig wurden. Unfallort, Unfallzeit, die ganze Palette. Verdammt. Was sollte er sagen, weshalb er hier gewesen war? Strehler saß wie festgenagelt im Auto. Es gab absolut nichts, womit er diese Fahrt rechtfertigen konnte. Die wenigen Fälle, die er gerade bearbeitete – Popelkram, wie er es nannte –, die konnte er gut und gern vom Schreibtisch aus erledigen. Besonders bei diesem Sauwetter. Was, wenn er das Ganze auf einen Parkplatz vor einem Einkaufszentrum verlagerte? Da passierten erfahrungsgemäß die meisten dieser Dinger. Aber wo? Er konnte ja kaum sagen, er sei mal rasch zu Rewe gefahren, um einzukaufen. Höchstens wegen der geplanten Weihnachtsfeier im Präsidium. Wobei das natürlich auch nicht ganz in Ordnung gewesen wäre.

Wenn Freese ihm die Sternberg-Sache nicht entzogen hätte, wäre das jetzt alles kein Problem. Der Herr Polizeipräsident war ja so was von naiv, auf diese Assmann und ihren Anwaltsspezi hereinzufallen. Nur weil er mit dem Golf spielte. Und der lahme Blaschke, der den Fall jetzt bearbeitete, war natürlich ganz nach Freeses Geschmack. Soweit Strehler wusste, hatte der bisher null Ergebnisse geliefert. Wahrscheinlich hatte der sich die Sichtweise des Chefs zu eigen gemacht: Keine Leiche, kein Mord. Keine Leiche, kein Täter.

Strehler erinnerte sich nur allzu gut an die Geschichte bei Klöckner. Da hatten sie auch keine Leiche gehabt, und trotzdem war es der Ehemann gewesen. Der Stahlkocher, der an Weihnachten bei ausgedünnter Besetzung mit einem zusammengerollten Teppich ankam, um ihn im Hochofen verschwinden zu lassen. Sein Kumpel hatte gleich gesehen, dass man das Riesenmonstrum nicht allein hineinbugsieren konnte. Also hatte er mit angefasst. Menschenskind, der war wirklich zentnerschwer gewesen, hatte er später zu Protokoll gegeben. Aber er hatte es so toll gefunden, dass der Kollege einen neuen Berber fürs Wohnzimmer als Weihnachtsüberraschung in petto hatte. Er selbst hatte seiner Frau nur ein Parfüm geschenkt, und das war auch noch das falsche gewesen. Ja, und erst als in der Zeitung stand, dass Bärbel F. seit den Feiertagen vermisst wurde, da war er stutzig geworden. Und der Teppichmörder hatte letzten Endes nicht die Nerven gehabt, alles abzustreiten. Offensichtlich war er durch die jahrelangen Streitereien mit der Ehefrau dann doch zu angeschlagen gewesen.

Wie auch immer, Strehler war sich hundertprozentig sicher, bei Paula Assmann den richtigen Riecher zu haben. Ja, und deshalb durfte ihm jetzt nichts in die Quere kommen, schon gar nicht ein angefahrener BMW. Er war eben auf dem Rewe-Parkplatz gewesen. Basta. Der Zweck heiligte die Mittel.

 

Es traf sich gut, dass Brakelmann am nächsten Morgen nicht erschien. Husten, Schnupfen, Heiserkeit – nein, der Kollege war nicht imstande, zum Dienst zu kommen. Wenn Bodo Strehler sich auch wegen jeder Kleinigkeit krankmelden würde, meine Güte, was hätten sie dann wohl für eine Aufklärungsquote?

Aber so konnte er ungestört die Sache mit dem Dienstwagen regeln. Das ging, vom höchst erregten Pförtner Matthes mal abgesehen, problemloser als er dachte. Da alle schon in Festtagsstimmung waren, wurde es ihm auch gar nicht angekreidet, dass er wegen der Weihnachtsfeier unterwegs gewesen war. Allerdings musste er die nötigen Sachen jetzt möglichst schnell besorgen – Kerzen, Kugeln und Lametta, Plätzchen, Stollen, vielleicht auch Glühwein. Mit dem eigenen Auto, versteht sich.

Der Anruf bei der Meldebehörde verlief auch reibungslos. Der zuständige Beamte hatte Strehler schon öfter weitergeholfen, da war überhaupt kein Herumeiern nötig. Ja, die betreffende Person war Anfang November umgezogen, nach Borgfeld. Selbstverständlich konnte er ihm die Adresse geben. Schnurstracks machte sich Strehler auf den Weg. Aber bevor er da rausfuhr, wollte er doch erst die Weihnachtseinkäufe erledigen. Dann konnte er diese leidige Geschichte endgültig abhaken. Die Assmann lief ihm schließlich nicht davon.

Als er voll beladen aus dem Rewe-Markt herauskam und zu seinem Wagen ging, fielen ihm fast die Tüten aus der Hand. Diesmal war es die rechte Seite. Die Beifahrertür.

 

»Inge, kann ich mal deinen Smart haben?«

»Warum nimmst du nicht den Opel? Ich wollte eigentlich noch zum Friseur.«

»Das kann ich dir jetzt nicht erklären, ich habe es eilig.«

»Wieso kannst du es mir nicht erklären? Bodo! Da stimmt doch was nicht.«

»Ehm …«

»Hast du ihn etwa zu Schrott gefahren?«

»Nein, das nicht.« Und widerwillig berichtete er von dem Rewe-Drama.

Der Preis für die Smart-Schlüssel war natürlich eine Standpauke. Als Strehler endlich im Auto saß, spielte er kurz mit dem Gedanken, nicht wiederzukommen. Aber nur ganz kurz.

 

Oh, das schien aber eine deutliche Verbesserung zu sein. Ein richtiges Einfamilienhaus. Vorsichtig lugte Strehler um die Ecke. Und was war das für ein Garten! Der reine Wahnsinn. Das waren ja mindestens 1.000 Quadratmeter. Die würde sich noch wundern. Das konnte sie als Frau doch gar nicht allein bewältigen, da brauchte sie bestimmt einen Gärtner. Na ja, das würde natürlich erst im Frühjahr spruchreif. Er ging wieder zum Eingang zurück. Roter Klinker. Die Fenster und die Haustür frisch gestrichen, genau wie das Garagentor. Alles vom Feinsten. So würde er auch gern wohnen, das würde Inge bestimmt auch gefallen. Nur das Flachdach mochte er nicht. Da würde die Assmann noch Schwierigkeiten kriegen. Die Nachbarn seiner Eltern hatten auch ein Haus mit Flachdach gehabt. Ständig waren die Handwerker zugange gewesen. Soweit er sich erinnern konnte, hatte das Dach drei Mal neu gedeckt werden müssen, solange er dort lebte. Und seine Mutter redete ständig von den Wasserschäden, die die drüben hatten, und davon, wie froh sie doch sein konnten, in einem Zweifamilienhaus mit ganz normalem Giebeldach zu wohnen.

Strehler klingelte. Nichts. Alles ruhig. Ob die einkaufen war? Aber dann wäre das Garagentor offen. Er klingelte wieder, diesmal ließ er den Finger drauf. Endlich hörte er Geräusche. Also doch. Zögernd öffnete sich die Tür, hinter vorgelegter Kette spähte eine Frau hervor, die definitiv nicht Paula Assmann war.

»Entschuldigen Sie, ich wollte eigentlich zu Frau Assmann.«

»Die ist nicht da. Wer sind Sie denn?«

»Hauptkommissar Strehler.« Er hielt seinen Dienstausweis ins Blickfeld der Frau.

»Oh, wie spannend.« Sofort wurde die Kette ausgehakt und die Tür geöffnet. Eine kleine Blonde stand vor ihm, deutlich schmaler als seine Inge, aber auch so um die Mitte 40 herum. »Kommen Sie doch rein.«

Strehler trat ein.

»Sie sind wohl Frau Assmanns kriminalistischer Berater?«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Strehler.

»Na, sie braucht doch jetzt dringend Hilfe, für ihre Krimis. Damit sie da keine Fehler mehr macht. War die fertig, die arme Frau. Also, wie die mit ihr umgesprungen sind. Man sollte es kaum glauben. Die hat mir richtig leidgetan. Also, ich schau mir diese blöden Sendungen nicht mehr an. Das ist doch eine Unverschämtheit, was die mit harmlosen Leuten machen.«

»Entschuldigen Sie bitte, aber wer sind Sie eigentlich?«

»Ich bin Marlies Behrendt. Ich putze hier. Schon ewig. Frau Assmann hat mich von den bisherigen Mieternübernommen.« Sie strahlte ihn an. »Schade, dass sie nicht da ist. Das wird ihr bestimmt leidtun, Sie verpasst zu haben.«

Wohl eher nicht. Strehler lächelte etwas verkrampft. »Wann wird sie denn zurück sein?«

»Also, das trifft sich wirklich gut, dass Sie gekommen sind. Ich bräuchte nämlich ganz dringend Hilfe mit den Vorhängen. Frau Assmann hat sich so lange Dinger bestellt, die sind gerade geliefert worden. Die sind so schwer, dass ich sie allein kaum hochbringe. Und weil Sie doch so groß sind, also, da könnten Sie mir doch zur Hand gehen.« Sie strahlte ihn wieder an. »Sie kennen sich doch bestimmt damit aus. Man muss nur die Rollen in die Gardinenschiene schieben.«

Strehler kannte sich aus – besser als ihm lieb war. Jedes Mal gab es Zoff zu Hause, wenn Inge ihn in den ungünstigsten Momenten damit drangsalierte. Zum Beispiel bei der ›Sportschau‹.

»Wenn Sie auf die Leiter steigen, dann reiche ich Ihnen die Vorhänge von unten her an.«

»Eigentlich wollte ich wissen …«

»Ach, jetzt kommen Sie schon, Herr Stehler …«

»Strehler.«

»Entschuldigung, Herr Strehler. Das war keine böse Absicht.« Marlies Behrendt lachte aus vollem Hals. »Aber zu zweit geht es doch viel schneller, nicht wahr? Und hinterher bekommen Sie einen schönen starken Kaffee. Ich habe auch selbstgebackenen Stollen da.«

Selbstgebackener Stollen? Das klang verführerisch. Strehler war heute früh nämlich zu spät dran gewesen, um zu frühstücken. Wahrscheinlich hatte ihn sein schlechtes Gewissen wegen des BMW nicht aus dem Bett gebracht. Und der Kaffee kam ihm auch gerade recht, nach der Plörre im Präsidium.

»Also dann … wollen wir mal.«

Er kletterte auf die Leiter, und ruckzuck hingen die Vorhänge. Mit der kleinen Frau Behrendt ging das prima, ohne das ganze Bimborium, das sich daheim immer abspielte. Siehst du, es geht doch – wenn du nur willst. Er hörte Inge überdeutlich.

»Kommen Sie mit in die Küche, da ist es im Moment am gemütlichsten. Ich habe nämlich schon überall die Heizung gedrosselt.«

»Weshalb haben Sie denn die Heizung gedrosselt?«

»Na, in der Zeit, wo Frau Assmann verreist ist, braucht die doch nicht auf Hochtouren zu laufen.«

»Frau Assmann ist verreist?«

»Ich sagte doch, dass sie weg ist.«

»Aber nicht, dass sie verreist ist.«

»Ich habe mich auch gewundert, dass sie so Hals über Kopf fort wollte. Wo sie doch noch gar nicht lange hier wohnt. Also ich an ihrer Stelle hätte mir’s jetzt über Weihnachten so richtig gemütlich gemacht, im neuen Heim.«

»Ist sie denn für länger weg?«

»Keine Ahnung. Das wusste sie wohl selbst noch nicht. Aber nach dem ganzen Ärger kann ich das gut verstehen. Ich an ihrer Stelle …«

»Welchen Ärger meinen Sie? Wegen der Talkshow?«

»Ja, also, sie hat da was von weiteren Anschuldigungen gesagt. Und dass man sie verfolgen würde. Allerdings hab ich nicht genau kapiert, was sie damit meinte.«

»Wer beschuldigt sie denn? Und warum?«

»Keine Ahnung.«

Hm. Ob da womöglich der Blaschke …?

»Wo ist sie denn hin?«

»Sie redete von irgend so einer Drägingtour, ich weiß nicht genau.«

»Einer Trekkingtour?«

»Ja, das war’s. In eine Gegend, wo es eine Seidenstraße gibt. Komisch, nicht? Und dann nannte sie ein paar Namen, unter anderem Samarkand. Ich glaube, ich hab das mal in irgendeinem Märchenbuch gelesen, ›1001 Nacht‹ oder so.«

Strehler war jetzt wie angefasst. »Wann ist sie denn weg?«

»Na, sie ist so eine gute Stunde, bevor Sie kamen, los, vielleicht auch ein bisschen früher. Sie hat sich ein Taxi zum Flughafen genommen. Das ist ganz schön teuer, das kann sich unsereins nicht leisten.«

Strehler zog sein Handy heraus und wählte die Nummer des Präsidiums.

»Hallo, Matthes? Würden Sie mich mal ganz rasch zu dem Blaschke durchstellen? Bitte, es eilt.«

»Hier Strehler. Kollege Blaschke, können Sie mir sagen, ob sich im Fall Sternberg eine neue Sachlage ergeben hat? … Oh … Ich weiß, ich weiß … Tja, da lässt sich dann wohl nichts machen.«

Der konnte ihn mal. Kreuzweise. Wütend stellte er das Handy ab und steckte es wieder ein.

»Entschuldigen Sie, Frau Behrendt«, Strehler schnappte sich Hut und Mantel, »aber ich muss ganz schnell weg.«

»Oh, das ist aber schade, ich hätte mich doch noch so gern mit Ihnen unterhalten.«