Kapitel 12

 

So langsam ging ihr der Kerl auf den Wecker. Sie hatte mitgezählt. Vier Mal am Tag, man konnte die Uhr danach stellen. Paula schnitt jetzt Grimassen. Nächstens würde sie ihm die Zunge rausstrecken. Du musst dich ja auch nicht dauernd ans Fenster stellen, du dumme Kuh. Besser, du setzt dich wieder an deinen Roman.

Aber da lief es momentan doch nicht so gut, wie sie gehofft hatte. Von der wohlgehüteten Phobie hatte sie Abstand nehmen müssen, obwohl der Gedanke bestechend gewesen war. Das Szenario war nämlich schon vergeben, wie sie gestern Abend im ›Bücher-Talk‹ der ARD feststellen musste. Ein Jurij Steinbrecher hatte Paulas Gastropoden als tödliche Waffe eingesetzt. ›Killerschnecken‹ hieß das Buch, der Rezensent auf der roten Couch sprach von einem Thriller der besonderen Art. Schade um ihre originelle Idee. Auf die sie allerdings kein Patent hatte.

Wie konnte ihre bisher namenlose Erzählerin jetzt nur vorgehen? Eine andere Phobie? Wenn ja, welche? Eines war klar: Frauen mordeten auf subtilere Weise als Männer. Entweder über die Psycho-Schiene oder mit Gift. Auf Gifte hatte sie eigentlich nicht zurückgreifen wollen, zumindest nicht auf die herkömmlichen. Nichts mit Bittermandel, Zyankali und Arsen. Sie würde recherchieren müssen.

Gerade, als sie den Rechner anstellte, klingelte das Telefon.

»Assmann. Hallo, wer ist da?«

Schweres Atmen am anderen Ende.

»Hallo? Jetzt antworten Sie doch.«

Wieder Atmen, dann ein Klicken.

Warum konnten die nicht einfach ›falsch verbunden‹ sagen? Das wäre doch das Mindeste.

Paula ging an den Computer zurück. Tippte ›Gifte‹ ein. Oh, das war ja eine Riesenpalette. Aber alles ziemlich abgegriffen. So lief das nicht. Sie gab ›Sisters in Crime‹ ein. Da würde sie bestimmt fündig. Ob sie der Organisation beitreten sollte? Aber eigentlich wollte sie ja gar keine Krimi-Autorin werden, ihr ging es um ganz andere Themen. Dass in ihrem Roman verletzte Gefühle einer verschmähten Frau zu einem grandiosen und wahrscheinlich tödlich endenden Racheakt führen sollten, das war ein Spezialfall. Mit einem Krimi hatte das wirklich nichts zu tun.

Stunden über Stunden saß Paula vor dem Bildschirm, zu den ›Sisters‹ hatten sich nun die ›Mörderischen Schwestern‹ gesellt, anscheinend die deutsche Sektion des Clubs. Draußen war es schon längst dunkel. Sie rieb sich die Augen. Schluss jetzt, das hatte keinen Zweck mehr. Sie füllte Oliven in ein Schälchen, schnitt Käsewürfel und ein paar Scheiben Ciabatta ab und setzte sich mit einem Glas Rotwein in den Sessel. Sie fror. Das Beste war wohl, gleich ins Bett zu gehen. Und dann morgen ganz früh wieder ran an den Text.

Kaum war sie eingeschlafen, schrillte das Telefon.

»Jaaa?«

Keine Antwort.

»Hallo? Hallo?«

Schon wieder nur Atmen. Und wieder aufgelegt.

Nun saß sie senkrecht im Bett. Spionierte da einer das Haus aus? Hatte da jemand mitbekommen, dass sie allein war?

Und Robert ließ es sich auf Teneriffa gut gehen.

Zwei Anrufe später erwog sie, die Polizei einzuschalten. Aber nur kurz. Sie hörte nämlich schon die Antwort. Nein, da könne man nichts machen, das tue ihnen leid. Fangschaltungen gebe es nur bei Erpressungsversuchen. Genau das würden die sagen.

 

Am nächsten Vormittag klingelte es. Paula ging an die Haustür. Da stand der Fleurop-Mensch mit einer riesigen, dick vermummten Pflanze. Nein, es war keine Karte dabei. Nein, er konnte nicht sagen, wer die Bestellung aufgegeben hatte. Er schüttelte den Kopf.

Paula hasste Topfpflanzen, ganz besonders Weihnachtssterne. Und ein riesiger roter Weihnachtsstern war es denn auch, den sie aus den verschiedenen Papierschichten schälte. Ob der womöglich von Simon kam? Als Wiedergutmachung? Aber Simon wusste doch ganz genau, was sie von Topfpflanzen hielt.

Sie packte das Monster, ging hinaus und stopfte es in den Müllcontainer.

»Was machen Sie denn da mit der hübschen Pflanze?«

»Was geht Sie das an? Passen Sie lieber auf, dass Ihr Hund nicht auf den Gehweg scheißt.«

Paula drehte sich auf dem Absatz um und knallte die Tür hinter sich zu.

 

Sie hatte ihn beim Stehlen kennengelernt, als sie durch Karstadt gestiefelt war, auf der Suche nach einem fliederfarbenen Schal. Aber zu spät. Flieder war schließlich die Farbe der Saison. Und Lindgrün oder Gelb kamen nicht in Frage, und schon gar nicht Rot. Bevor sie hier unnütz Zeit vergeudete, fuhr sie besser wieder heim. Aber ein neuer Wecker stand noch auf ihrer Liste, wenigstens das konnte sie noch erledigen.

Ah ja, da drüben, wo dieser gutaussehende Mann mit dem kleinen Jungen stand. Sie steuerte hinüber. Doch plötzlich stockte sie. Oh oh. Was taten die zwei dort? Klauten die etwa?

 

Aber Paula konnte nicht zulassen, dass ihre Heldin den Kaufhausdetektiv herbeizitierte. Dazu war der Mann entschieden zu attraktiv. Vielmehr musste es zu einer Annäherung kommen, bei der der Funke übersprang. Von beiden Seiten natürlich. Sie schrieb und schrieb bis tief in die Nacht, und selbst im Traum spann sie die Geschichte fort, hin zu einer veritablen Amour fou.

 

Sie saßen im ›Theatro‹ und lächelten und redeten und lächelten und schwiegen. Er hatte das Café Knigge vorgeschlagen, aber da hatte sie abgeblockt. Ach bitte nicht ganz so hanseatisch. Sie liebte die Kulturmeile und das Viertel, die lockere und unkonventionelle Atmosphäre. Also hatten sie sich dort verabredet, dieses Mal allerdings ohne Tommy. Inzwischen wusste sie, dass Moritz Claussen geschieden war, dass sein Sohn bei der Mutter lebte und er ihn nur zu festgelegten Besuchszeiten sehen konnte. Und sie wusste jetzt auch, dass er Psychiater war.

Warum klaute ein Psychiater? Und warum zog er auch noch seinen kleinen Sohn mit hinein?

Sie hatte keinen Moment erkennen lassen, dass sie den Ladendiebstahl mitbekommen hatte. Ob er eine Art moderner Robin Hood war? Oder vielleicht war das Ganze ein Gag? Ein Test? Ein Psycho-Spiel?

 

Gerade mal sechs Uhr war es, als Paula die Tür aufschloss, um den ›Weser-Kurier‹ aus der Zeitungsröhre zu nehmen. Sie streckte den Arm aus, und sofort sprang der Bewegungsmelder an.

Eine tote Taube! Zerfleddert, darunter blankes Gerippe und viel getrocknetes Blut. Schnell knallte sie die Tür wieder zu. Sie zitterte.

Sie ging ins Bad, richtete sich, zog warme Klamotten an und griff zu Einmal-Handschuhen und einem Packen Plastiktüten. Als sie sich über das tote Vieh beugte, stieg ihr ein mörderischer Geruch in die Nase. Das war keine frische Leiche. Mit angehaltenem Atem griff sie nach dem Kadaver, versenkte ihn in ihrem Tütenarrangement und trug ihn zum Müllcontainer. Ein Glück, dass heute Abfuhrtag war. Aber das war auch das einzige Glück. Im Fußabstreifer hatten sich blutverklebte Federn verhakt, die sich nicht entfernen ließen. Die Paula auch gar nicht entfernen wollte, denn der Gestank hatte sich auch darin festgesetzt. Also noch mal zum Container. Ihr saß jetzt dieser Verwesungsgeruch in allen Schleimhäuten, und der ganze Vorflur schrie nach Sagrotan. Sie sprühte und sprühte, innen und außen und an der Tür entlang. Am liebsten hätte sie es sich auch in Mund und Nase gesprüht.

»Du, das war bestimmt diese Katze aus der Nachbarschaft, die hat doch schon öfter Vögel gejagt. Und die streunt doch ständig um dein Haus herum«, versuchte Jule sie später am Telefon zu beruhigen.

»Und legt die Taube exakt auf meiner Fußmatte ab? Du spinnst doch. Da will mir jemand Böses, ganz bestimmt.«

»Aber warum denn?«

»Was weiß ich.«

»Na, vielleicht waren es ja Kinder oder Jugendliche – denen fallen manchmal die absurdesten Dinge ein.«

»Also, unsere Streiche damals waren harmloser.«

»Da hast du allerdings recht.«

Was, wenn es der Zeitungsausträger war? Mit dem war Paula verschiedentlich aneinandergeraten: wegen eines in den Weg ragenden Busches, der beschnitten werden musste, wobei der Busch gar nicht zu ihrem Haus gehörte, wegen fehlender Beleuchtung, weil sie die Zeitumstellung vergessen hatte, was doch mal passieren konnte, und gleich darauf hatte sie ja den Bewegungsmelder angeschafft, wegen eines Sturzes – blöde, aber morgens um vier bestand wirklich noch keine Schneeräumpflicht. Wochenlang hatte sich der Kerl gerächt, indem er zu nachtschlafender Stunde lautstark sein ›Hallihallo, hier kommt der Zeitungsmann‹ plärrte. Aber in letzter Zeit war alles friedlich gewesen. Allerdings hatte sie bei all den Aufregungen der vergangenen Tage versäumt, ihm einen Umschlag mit Weihnachtsgeld an die Tür zu pinnen.

Sollte sie sich womöglich den Wecker stellen? Mitten in der Nacht? Aber wahrscheinlich war alles doch nur ein dummer Scherz.

 

»Hallo, Paula, wie geht’s?«

»Nanu, Becca. Ewig nichts von dir gehört. Hab schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass du dich meldest.«

»Wieso?«

»Na ja.«

»Sag mal, was kursieren denn da für Sachen über dich?«

»Ach, du weißt es auch schon? Ist das nicht ein starkes Stück?«

»Allerdings, ich kann es kaum glauben.«

»Das Schlimmste war ja, wie dieses Vieh stank. Ich habe den Geruch kaum mehr aus der Nase bekommen.«

»Was denn für ein Vieh?«

»Na, die tote Taube natürlich.«

»Tote Taube? Nie davon gehört.«

»Ja, weshalb rufst du denn dann an?«

»Oh, du weißt es noch gar nicht?«

»Menschenskind, Becca, jetzt mach’s nicht so spannend. Was ist los?«

»Na, was sie so rumerzählen … über dich. Dass du diese Schauspielerin, diese Nikki oder wie sie heißt, ich kenne sie ja nicht … also, dass du die vergiften wolltest.«

»Was?« Paula blieb jetzt der Atem weg. »Wer sagt das?«

»Also, ich hab’s von Markus und der von ihr selbst. Sie spielt ja anscheinend in seinem Film mit. Soweit ich verstanden habe, glaubt sie es zwar auch nicht, aber … Nun ja, Simon steckt wohl dahinter. Der hat ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt. Oder hat’s zumindest versucht.«

»Dieser Schuft! Also, der spinnt doch jetzt total.«

»Ich wollte es dir nur gesagt haben. Ich denke, du solltest Bescheid wissen. Bei solchen Freunden brauchst du keine Feinde mehr.«

Kaum hatte sie mit Becca Schluss gemacht, griff sie wieder zum Hörer.

»Dass der nicht mehr richtig tickt, das war mir ja schon nach dem Unfall klar, als er mit diesem Schuld-und-Sühne-Zeug ankam. Du erinnerst dich, Jule?«

»Ja, du hast davon erzählt.«

»Aber das jetzt, das schlägt dem Fass den Boden aus. Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Der sollte mal zum Psychiater.«

»Nun ja, eigenartig ist das schon.«

»Was heißt eigenartig, das ist eine bodenlose Frechheit. Verleumdung ist das, üble Nachrede. Eigentlich sollte ich ihn verklagen.«

»Bist du dir sicher, dass du dich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnst?«

»Was soll das heißen? Glaubst du diesen Mist etwa auch?«

»Ehm, nein. Aber wir wissen doch alle, dass Nikki dir ein Dorn im Auge war. Spätestens seit diesem unsäglichen Abend.«

»Aber deshalb vergifte ich sie doch nicht. Jule!«

 

Paula war so schockiert, dass sogar ihre ›Hyänenfrau‹ erstarrte. Sie schlief immer schlechter und träumte immer wirrer, ein Nachtmahr jagte den anderen, die Stunden schweißnassen Herumwälzens häuften sich.

So war sie jeden Morgen rechtschaffen froh, wenn sie endlich aufstehen und sich mit einem großen Pott Darjeeling über die Zeitung hermachen konnte. Ganz besonders freute sie sich auf die Sonntagsausgabe, weil die mit dem Sonderteil ›Lust am Lesen‹ angereichert war. Da wurden stets die neusten Bücher besprochen. Oft eine Quelle der Inspiration. An diesem Sonntagmorgen kam die Inspiration allerdings auf andere Weise. Als sie nämlich auf den Fußabstreifer schaute.

Da hätte sie wirklich früher drauf kommen können: Simon hatte ihr die Viecher vor die Tür gelegt. Erst der unsägliche Weihnachtsstern, dann die Taube und nun diese arme Katze. Aber jetzt war er zu weit gegangen. Sie würde ihn anzeigen.

»Wie willst du ihn denn anzeigen? Du hast doch gar nichts gegen ihn in der Hand.«

»Aber das ist doch sonnenklar, Jule.«

»Nichts ist sonnenklar. Außerdem glaube ich das auch nicht. Nicht Simon.«

»Bist du jetzt etwa auf seiner Seite?«

»So ein Quatsch. Aber ich rate dir dringend, tu das nicht. Du kannst höchstens Anzeige gegen unbekannt erstatten. Ob die Polizei allerdings so einer Sache nachgeht, das bezweifle ich.«

»Wart’s ab, Jule. Wart’s ab.«