Kapitel 19
»Ja, mein Mann hat mich bespitzeln lassen. Was fragen Sie mich, wenn Sie es eh schon wissen?«
Paula goss sich ein Glas Wasser ein. Ihre Kehle war trocken.
»Und Sie sind Herrn Wulffhorst nie begegnet?«
»Doch, einmal, als er meine Garageneinfahrt zugeparkt hatte.«
»Nur dieses eine Mal?«
»Sagte ich doch.«
Hauptkommissar Strehler runzelte die Stirn. Der Harry-Typ runzelte die Stirn.
»Von Ihrem Mann hörte ich, dass Sie die Unterlagen an sich genommen hätten.«
»Na und?«
»Wieso behaupten Sie dann Ihrem Schwager gegenüber, Sie wüssten den Namen nicht?«
»Welchen Namen?«
»Also Frau Assmann, verkaufen Sie uns bitte nicht für dumm.«
»Mein Gott, ich hatte ihn eben vergessen. Passiert Ihnen das nie?« Paula nahm noch einen Schluck Wasser. »Klappern Sie jetzt die ganze Familie Assmann ab? Überhaupt – wer hat diese Geschichte eigentlich aufs Tapet gebracht? Mein Mann oder mein Schwager?«
»Das tut nichts zur Sache.«
»Wieso ist dieser Wulffhorst auf einmal so wichtig?«
»Das wissen Sie doch ganz genau. Er hat ja nicht nur Sie, sondern auch Herrn Sternberg observiert.«
Also Markus.
»Wir werden mit Herrn Wulffhorst sprechen.«
»Was quetschen Sie dann mich aus? Warum gehen Sie nicht zu ihm?«
»Wir konnten ihn noch nicht kontaktieren. Er scheint gerade außerhalb zu sein.«
»Na, dann fragen Sie doch seine Sekretärin.«
»Die weiß nur, dass er in einer heiklen Sache unterwegs ist. Wir müssen warten, bis er zurück ist.«
»Dann hören Sie doch endlich auf, mich in die Mangel zu nehmen. Ich finde diese Unterstellungen so langsam unerträglich.«
»Noch haben wir nichts unterstellt, Frau Assmann. Aber Ihnen ist schon klar, dass den Überwachungsprotokollen zufolge höchstwahrscheinlich Sie die Letzte waren, die Herrn Sternberg gesehen hat.«
»Ach, nur weil dieser faule Sack irgendwann die Observierung abgebrochen hat?«
»Da haben Sie ja sehr genau nachgelesen.«
Paula stand auf. »Also, meine Herren, das reicht jetzt. Ich möchte Sie bitten zu gehen. Ich habe nämlich noch viel zu tun.«
Plötzlich und unerwartet müssen wir Abschied nehmen von einem geliebten Menschen, dem wir alle in Freundschaft und Zuneigung verbunden waren, der stets humorvoll, herzlich, hilfsbereit war …
Dabei hatte alles so gut angefangen. Johannes war topfit gewesen, laut Becca. Er hatte die besten Chancen gehabt. Günstig platziert im Mittelfeld, war er prima weggekommen und konnte sich während der ersten sechs Kilometer in einer respektablen Position halten. Doch dann begannen die ersten Läufer der Hitze zum Opfer zu fallen, und der Marathon geriet immer mehr zumQuerfeldeinrennen. Das heizte die Aggressivität der anderen Teilnehmer natürlich an. Bei Kilometer zehn war Johannes schon ziemlich eingekeilt. Und die vier jungen Leute hinter ihm, in den blau-gelb-geringelten Hemdchen, begannen das bisher wohldosierte Tempo zu forcieren – eigentlich viel zu früh, vom Lauftaktischen her.
Scheiß Silver Head. Zieh doch endlich mal einer an dem Opa vorbei.
Der Druck von hinten wurde sichtbar stärker, wie Beccas Heimvideo später demonstrierte. Aber Johannes konterte, er legte sogar noch einen Zahn zu. Doch die in den Ringel-Hemden wurden immer brutaler. Schonungslos trieben die vier ihre Beute vor sich her.
Aber was war denn das? Da hatte doch einer dieser Schnösel Johannes gestoßen! Absichtlich! Und tatsächlich, Johannes stolperte. Zunächst sah es noch so aus, als ob er sich fangen würde. Er ruderte mit den Armen wild in der Luft herum. Doch es half nichts, der Sturz war unausweichlich. Eine entfesselte Horde trampelte über Johannes hinweg, unfähig, sich zu bremsen. Eine Büffelherde auf der Flucht, mit gnadenlosen Hufen über den staubigen Asphalt donnernd.
Und Sturz folgte auf Sturz. Immer höher wurde der Menschenberg, der Johannes unter sich begrub.
Als Paula von der Beerdigung zurückkam, fühlte sie sich hundeelend. Aber mehr noch als die Sache auf dem Friedhof hatte ihr der Leichenschmaus zugesetzt – genauer gesagt, der Film hinterher. Wie Becca den immer wieder anschauen konnte, verstand sie nicht. Was da abgegangen war, war nämlich ganz schön brutal gewesen. Ein Stoß mit Todesfolge. Die würden nicht ungeschoren davonkommen. Ihnen allerdings Mord und Totschlag vorzuwerfen, war übertrieben. Das hatte Lukas Becca auch klargemacht. Allerdings musste sie diese Rowdys sofort anzeigen. Schon ein Pech, so ein Stoß mit Todesfolge, wenn eine Kamera draufgehalten wurde.
Robert hatte sich recht zivilisiert benommen. Komisch, da musste erst einer sterben, damit man wieder miteinander redete. Aber sich deshalb gleich zu versöhnen, womöglich wieder bei ihm einzuziehen – nein, das kam nicht in Frage. Aber wir würden doch viel sparen. Typisch Robert.
Sie hatte es sich allerdings nicht verkneifen können, den guten Markus anzupflaumen.
»Sag mal, musstest du unbedingt diesen Wulffhorst ausgraben?«
»Paula! Das sind wir Simon schuldig. Das ist doch das Mindeste, was wir tun können.«
»Und mir fühlt ständig Hauptkommissar Strehler auf den Zahn und stiehlt mir meine Zeit – ausgerechnet jetzt, wo ich den Kopf für die Verlagsgeschichte frei haben muss.«
»Meine Güte, das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun. Und vielleicht kann dieser Wulffhorst ja wirklich Licht in die Angelegenheit bringen. Es ist doch in unser aller Sinn, wenn die Sache zu einem Abschluss kommt.«
Gestürzt oder gestoßen? Privatdetektiv auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Der 47-jährige Kai-Uwe W. wurde gestern unweit seiner Detektei in der Hollerallee tot aufgefunden. Zwei Arbeiter fanden ihn in einer Baugrube, in der durch die Regenfälle der letzten Tage Wasser stand. Ob ein Unglücksfall oder aber ein Verbrechen vorliegt, ist noch unklar. Auch konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, in wessen Auftrag W. zuletzt ermittelt hatte.
Paula ließ die Zeitung sinken. Das hatte gerade noch gefehlt. Da würde der Kommissar ruckzuck wieder auf der Matte stehen. Und morgen wollte sie sich doch mit Hille Himmelsthür treffen. Ob sie gleich von sich aus hinging, damit sie es hinter sich hatte? Aber wer sich verteidigt, klagt sich an – so hieß es doch immer. Dann verdächtigte sie Strehler erst recht.
Auch diesmal kamen sie zu zweit. Und diesmal zeigte sich Paula wirklich besten Willens, schließlich war es doch auch in ihrem Interesse, dass nicht der Hauch eines Verdachts auf sie fiel, gerade jetzt, wo sie vor ihrem literarischen Durchbruch stand.
»Sind Sie sich denn sicher, dass es kein Unfall war?«
Nein, sicher waren sie nicht. Natürlich konnte es ein Sturz mit Todesfolge gewesen sein. Wulffhorst hatte sich das Genick gebrochen. Aber es war schon eigenartig, wenn ein Privatdetektiv unmittelbar hinter dem Bürogebäude, in dem sich seine Detektei befand, tot aufgefunden wurde. Außerdem war die Baugrube schon seit einigen Wochen da, die kannte jeder, der dort arbeitete. Da fiel man doch nicht einfach so hinein.
»Aber warum ich? Warum kommen Sie andauernd zu mir?« Paulas Augen glitzerten. Nur weil dieser Wulffhorst sie möglicherweise hätte belasten können? Das war doch absurd. Er hätte sie doch genau so gut entlasten können.
Natürlich. Hauptkommissar Strehler und sein Adlatus wollten das ja gar nicht bestreiten.
Als sie endlich wieder weg waren, war ihr erster Reflex, Lukas anzuheuern. Das musste sie sich doch nicht gefallen lassen, diese ständigen Verhöre. Aber nein, es hatte sich ja gar nicht um ein Verhör gehandelt, das hatte Strehler mehrfach betont. Dazu gab es ja auch gar keinen Grund. Der Grund, weshalb sie Paula aufgesucht hatten, war ganz einfach der, dass es in ihrem letzten Gespräch genau um diesen Kai-Uwe Wulffhorst gegangen war. Und dass Paula eben nicht so kooperativ gewesen war, wie sich das Hauptkommissar Strehler erhofft hatte.
»Hallo, Lukas, hier Paula. Du, ich bin mal wieder in Nöten. Kannst du mir helfen?«
Lukas war schockiert. Er konnte kaum glauben, was er da hörte. Aber auch wenn er sonst immer dazu riet, juristischen Beistand zu suchen, so war er doch dieses Mal entschieden dagegen. Jetzt, zu diesem Zeitpunkt einen Anwalt zu nehmen, ob nun ihn oder einen anderen, würde Paula in den Augen der beiden Kriminaler todsicher auf der Verdächtigenliste ganz nach vorn katapultieren. Und er als Freund wäre in diesem Fall doppelt ungeeignet.
»Paula, du hast dir doch nichts vorzuwerfen. Das, was da vonstatten geht, sind haltlose Spekulationen, die jeder Grundlage entbehren. Die haben doch nicht den Hauch eines Beweises. Wie sollten sie auch? An deiner Stelle würde ich einfach abwarten. Das wird sich klären.«
»Glaubst du eigentlich, dass Simon etwas zugestoßen ist?«
»Nun ja, so wie es aussieht, liegt der Verdacht schon nahe.«
Am nächsten Tag prangte Simons Foto groß und breit im ›Weser-Kurier‹, auf der ersten Seite des Bremen-Teils. Wer hat diesen Mann gesehen? Simon Sternberg, Reisejournalist, 56 Jahre alt, wird seit Mitte Januar vermisst. Anfangs wurde davon ausgegangen, dass sich S. auf Reisen befindet, aber inzwischen häufen sich die Verdachtsmomente, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.
»Eigentlich unverantwortlich, dass dieser Aufruf erst jetzt erfolgt«, meinte Lukas.
»Na endlich. Wurde auch Zeit«, kam es von Markus.
»Wenn ich nicht auf dich gehört hätte, hätten sie das schon viel früher gemacht. Oh hätte ich nur …«, klagte Nikki.
Paula zuckte nur die Schultern. War ja zu erwarten gewesen, nach all dem Rumgestochere.