Kapitel 25
»Sag mal, Lukas, warst du nun eigentlich beim Polizeipräsidenten oder war das nur ein Riesenbluff?«
»Ich war dort. Ich habe mit ihm gesprochen.«
»Und was hat er gesagt? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.«
»Gernot hat sich natürlich etwas bedeckt gehalten. Strehler sei einer seiner besten Leute, sehr sorgfältig, sehr erfolgreich. Er könne eine enorm hohe Aufklärungsquote vorweisen. Nun, er habe eben etwas von einem Terrier: Wenn er sich einmal an einerSache festgebissen habe, dann würde er kaum mehr loslassen. Allerdings gab Gernot auch zu, dass Strehler manchmal übers Ziel hinausschießt. Er habe ihn schon des Öfteren zurückpfeifen müssen.«
Und nach dem, was er da jetzt von Lukas hörte, scheine das wieder einmal der Fall zu sein. Seiner Einschätzung nach wäre die Beweislage äußerst dünn. Vorsichtshalber würde er sich aber die Akte vorlegen lassen.
»Ja, und nun?«
»Er ruft mich an, sobald er sich einen Überblick verschafft hat.«
»Dann hoffen wir mal das Beste. Ich kann mir jetzt keinen Skandal leisten, so kurz vor der Veröffentlichung meines Romans.«
Die Arbeit an der ›Hyänenfrau‹ war, zumindest von Paulas Seite her, abgeschlossen. Das Manuskript war zum Druck freigegeben, Klappentext und U4-Text standen, und auch ihre Vita hatte sie in gewünschter Kurz- und Langform abgeliefert. Außerdem hatte sie schon mal ein recht schmeichelhaftes Foto von sich ausgesucht, aber noch nicht weggeschickt. Das Cover, das der Grafiker entworfen hatte, war super. Ein Hyänengesicht, frontal aufgenommen, kühl, geheimnisvoll, spannungsgeladen. Paula war begeistert gewesen. Allerdings saß sie momentan – schreibtechnisch gesehen – in einem tiefen schwarzen Loch. Kein Geistesblitz für ein neues Buch, nicht der Schimmer einer Idee. Aber sie konnte doch nicht die Hände in den Schoß legen und sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, die ja eigentlich bislang nur Vorschusslorbeeren waren. Um ehrlich zu sein, jetzt, wo der Text unabänderlich stand, hatte sie doch ziemlich Muffensausen. Furcht vor Kritik, Furcht vor Verriss.
Und die schweißnassen Nächte mit den allzu lebhaften Albträumen waren grässlich. Kein Wunder bei dem Druck, unter dem sie stand. Die Mixtur aus Versagensangst und Angst vor diesem Bullterrier von Kommissar bedurfte keines Psychologen, um analytisch aufgeschlüsselt zu werden. Eigentlich gab es da nur eines: Schreiben. Schreiben als Therapie. Und das Thema lag auf der Hand.
Es war das Thema eines amerikanischen Films, den Paula in ihrer Jugend gesehen hatte und der auf einer wahren Begebenheit beruhte. ›Lasst mich leben! – I want to live!‹ Mit Susan Hayward in der Hauptrolle. Sie spielte eine vorbestrafte Frau, die in Verdacht gerät, eine reiche Witwe ermordet zu haben. Voreingenommene Geschworene geben der Frau keine Chance. Obwohl sich die Anklage lediglich auf Indizien stützt, kommt es zum Todesurteil. Nur der Gerichtspsychologe und ein Gerichtsreporter glauben an ihre Unschuld. Doch das Gnadengesuch wird abgelehnt, die Frau endet in der Gaskammer.
Die Schuldfrage wurde niegeklärt.
Paula war damals zutiefst verstört, nicht zuletzt wegen der grandiosen Susan Hayward, die für die Rolle einen Oscar bekam. Nie würde sie diese schrecklichen Gefängnisszenen vergessen, die Verzweiflung, die Angst vor der Hinrichtung. Es war grauenhaft. Der Film war ein brillantes Plädoyer gegen Indizienprozesse und gegen die Todesstrafe.
Und nun murkste Paula an einem Remake herum, natürlich auf deutsche Verhältnisse übertragen. Statt Todesspritze lebenslänglich. Damit die Schuldfrage offenblieb, durfte vieles nicht erzählt werden, musste manches im Dialog ungesagt bleiben. Das war nicht einfach. Einfach jedoch war die Botschaft: In dubio pro reo. Aber das Ganze haute nicht richtig hin, weder vom Schriftstellerischen noch vom Therapeutischen her. Die einzig hilfreiche Therapie wäre in der Tat, wenn die Ermittlungen endlich eingestellt würden.
»Hallo, Paula. Gernot Freese hat angerufen.«
»Und was sagt er?« Paulas linker Arm zitterte wieder ein bisschen.
»Er sieht kein überzeugendes Argument dafür, dass du in irgendeiner Weise verdächtig bist. Er findet es sogar an den Haaren herbeigezogen.«
»Na, bitte.«
»Außerdem liegt das Ergebnis der DNA-Analyse jetzt vor. Ein Abgleich mit einer Haarbürste und einem Polohemd aus Simons Wohnung hat ergeben, dass der Tote definitiv jemand anderes ist. Die Tatsache aber, dass in der Wohnung offenbar nichts fehlt – sie haben wohl alle Kleider- und Badezimmerschränke gründlichst durchforstet –, bringt ihn zu der Annahme, dass Simon etwas zugestoßen sein muss. Insofern gibt er Strehler schon recht.«
»Hm.«
»Da ist allerdings noch etwas. Und das ist, na ja, sagen wir mal, zumindest recht erstaunlich.«
»Was denn?«
»Aus der Akte geht hervor, dass Kai-Uwe Wulffhorst ziemlich alkoholisiert war, als er zu Tode kam. Davon war aber nie die Rede, oder?«
»Nein, kein Wort. Das ist ja die Höhe. Mich zu verdächtigen, wenn einer im Suff in die Baugrube fällt und sich das Genick bricht! Das gibt’s doch nicht. Da siehst du’s, Lukas. Der Strehler hat alles so hingedreht, dass ich der Sündenbock bin.«
Und Daniel Fichte? Hatte der das auch gewusst? Wohl kaum. Wahrscheinlich hatte Strehler auf seiner Akte gehockt wie ein Huhn auf dem goldenen Ei.
»Gibt es noch mehr von der Sorte? Zurückhalten von Informationen, um harmlose Leute zu verunsichern, um ihnen Fallen zu stellen?«
»Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß ja nicht, was in euren Gesprächen alles zur Sprache kam. Aber auf jeden Fall ist Gernot stocksauer. Er sagt, Strehler habe sich viel zu früh und zu einseitig festgelegt. Er wird ihn zu einem Dienstgespräch zitieren.«
Das geschah dem Kerl recht. Hätte Paula nicht den Hörer gehalten, hätte sie sich die Hände gerieben.
»Gernot will sich dann noch mal melden und mir sagen, wie es gelaufen ist.«
»Das ist gut. Aber noch eins, Lukas. Der Erpressungsversuch. Hat sich Freese dazu geäußert?«
»Ach, den hält er für vergleichsweise harmlos, ein Trittbrettfahrer, wie du auch schon vermutet hast. Außerdem ist da seiner Meinung nach die Münchener Polizei gefragt.«
»Komisch eigentlich, dass Strehler nie was von Natascha Sternbergs Reaktion auf Simons Verschwinden erzählt hat. Die müsste doch völlig von der Rolle sein, besonders nach dieser obskuren Lösegeldforderung.«
»Du, keine Ahnung, von dieser Natascha war nicht die Rede. Na ja, das geht ja wohl auch in erster Linie die Bayern an.«
»Hm. Also wenn das mein Bruder wäre, da hätte ich mich schon mit der Bremer Polizei in Verbindung gesetzt.«
»Wer weiß, wie die Geschwister zueinander standen.«
»Egal. Warten wir erst mal das Dienstgespräch ab. Vielleicht bekommt Strehler ja eine Abmahnung.«
»Natascha Sternberg.«
»Hier Paula Assmann aus Bremen. Frau Sternberg, Sie kennen mich nicht. Ich war eine Zeit lang mit Ihrem Bruder befreundet.«
»Ach ja? Worum geht es denn?«
»Nun, wie Sie wissen, ist hier gerade einiges in Aufruhr, weil Simon unauffindbar ist. Es wird auch spekuliert, dass …«
»Oh, diese unsägliche Geschichte. Ich habe diesem Kommissar Strehmel …«
»Strehler, Hauptkommissar Strehler.«
»… also dem habe ich doch klar und deutlich gesagt, was ich von der Sache halte. Ich kenne meinen Bruder schließlich am besten. Wie oft ist der schon auf und davon, mit kleinem Gepäck. Simon ist ein Weltenbummler, der sich seine Reisen mit Schreiben finanziert.«
»Sie haben mit Strehler gesprochen?«
»Sage ich doch. Der rief mich immer wieder an, obwohl ich der Münchener Polizei schon alles lang und breit erklärt hatte.«
»Ja, und was halten Sie von diesem Erpressungsversuch?«
»Jetzt fangen Sie nicht auch noch damit an. Lächerlich. Das kommt davon, wenn man Fotos in die Zeitung setzt. Warum interessiert Sie das eigentlich?«
»Ach, wissen Sie, mich als Exfreundin hat die Kripo schon die ganze Zeit auf dem Kieker, und davon habe ich nun so langsam genug. Ich glaube nämlich auch, dass Simon einfach abgehauen ist.«
»Dann sind wir ja einer Meinung.«
»Darf ich Sie denn zitieren?«
»Natürlich. Aber das muss doch alles schon längst aktenkundig sein.«
Ha. Nichts war aktenkundig, sonst wäre doch der Polizeipräsident darüber gestolpert. Noch so ein Strehler-Trick. Sich die Akte zurechtzufrisieren. Na warte, Bürschchen, das kommt mir gerade recht. Jetzt freute sich Paula auf einmal diebisch auf ihr nächstes Zusammentreffen. Der würde auf Knien rutschen müssen, das war ja wohl das Mindeste.