Kapitel 9

 

»Simon, ob du es willst oder nicht – ich komme gleich bei dir vorbei. Jetzt, sofort.«

Bevor er protestieren konnte, hatte Paula auch schon den Hörer aufgelegt. Sie hatte es satt, herumzusitzen und darauf zu warten, dass er sich endlich meldete.

»Was willst du?«

»Was werde ich schon wollen? Ich will wissen, was los ist. Seit du zurück bist, meidest du mich wie die Pest. Hab ich dir irgendwas getan?«

»Nein. Natürlich nicht.«

»Also? Was ist es dann?«

Simon ging zur Anrichte, nahm zwei Gläser heraus und füllte sie mit Whisky.

»Ich hab’s dir doch schon mal gesagt.«

»Du kommst mir jetzt doch nicht wieder mit diesem Schuld-und-Sühne-Zeug?«

»Paula, ich habe nachgedacht. Es war wirklich leichtfertig, was wir beide getan haben. Es war unüberlegt.«

»Du, ich hab mir das sehr wohl überlegt. Denkst du etwa, ich steige mit jedem ins Bett? Um es dir klar und deutlich zu sagen: Ich habe Robert noch nie betrogen. Du bist der erste und einzige in meiner ganzen Ehe.«

»Es tut mir leid.«

»Dir tut es leid?«

»Nein, das wollte ich nicht sagen. Natürlich nicht. Es waren herrliche Wochen, wirklich.« Simon goss sich nach. »Aber du weißt doch so gut wie ich, dass das mit uns beiden keine Zukunft hat. Dass das nicht von Dauer sein konnte. Ich dachte, du siehst das genauso. Du, eine verheiratete Frau.«

»Ja, natürlich – eine verheiratete Frau!« Noch dazu eine Frau in den Wechseljahren. »Gerade recht für ein kurzes Intermezzo.«

»Ach, Paula, du weißt so gut wie ich, dass das nicht stimmt. Du kennst mich lange genug. Aber überleg mal selbst – wie sollte das denn weitergehen, hier? Vor Roberts Augen? Paula! Robert ist doch nicht blöde. Der merkt das doch. Der war doch schon vorher eifersüchtig.«

»Ich will nicht, dass es aus ist.« Paulas Stimme war jetzt am Kippen.

»Von Wollen kann keine Rede sein. Wir müssen.«

Vernunft und Disziplin. Typisch Mann. Jajaja. Paula begann zu heulen.

Simon stand auf, nahm sie steif in die Arme und klopfte ihr auf den Rücken. Wie bei einem störrischen Pferd, das man beruhigen muss. Lass das, ich bin kein Ackergaul.

»Komm, Paula, nimm’s nicht so schwer. Wir können uns ja trotzdem wieder treffen. Später. Aber erst müssen wir Abstand gewinnen. Du wirst sehen, alles wird gut.«

»Ich weiß, ich weiß – die alte Leier, lass uns gute Freunde bleiben.« Paula schluchzte jetzt.

»Es tut mir leid, Paula.«

»Was tut dir leid? Nichts tut dir leid. Du bist gemein.«

»Jetzt steigere dich doch nicht so hinein.«

»Hineinsteigern. Du Idiot!« Paula konnte nun kaum mehr aus den Augen schauen. »Ich hab mich in dich verliebt! Und du hast die ganze Zeit so getan, als ob du auch in mich verliebt seiest. Überhaupt – du hast doch angefangen. Du hast doch angefangen zu zündeln.«

»Ich?«

»Ja, du. Erinnerst du dich nicht? Und du erinnerst dich wohl auch nicht an all das, was du zu mir gesagt hast?«

Er hatte viel zu ihr gesagt, sehr viel sogar. Aber jetzt war plötzlich alles anders. Er war ein feiger Hund. Er war eine Flasche.

Simon stand auf und ging ans Fenster. Schweigend starrte er auf die kahlen Bäume hinaus.

Paula goss sich noch einen Whisky ein. Sie würde sich jetzt volllaufen lassen.

»Paula. Da ist noch was anderes. Dieser Autounfall …«

»Was ist mit dem Autounfall? Wir hatten doch Glück.«

»Ja, du hattest Glück. Du warst nicht am Steuer. Du hast ja keine Schuld.«

»Nein. Aber es hätte mir genauso passieren können. Der andere kam uns ja ganz plötzlich entgegen, wie aus dem Nichts. Und wenn die Bremsen nicht versagt hätten …«

»Was heißt, wenn die Bremsen nicht versagt hätten? Wie kommst du denn darauf? Hast du denn nicht gesehen, wie ich mit dem verdammten Slipper vom Bremspedal gerutscht bin?«

Die Slipper. Paula hatte etwas mitbekommen, aber nur ganz dunkel. Sie schluckte.

»Nein, das wusste ich nicht.«

»So, dann weißt du’s eben jetzt. Jetzt hast du deinen Sündenbock.«

»So ein Quatsch, Simon. Ich brauche doch keinen Sündenbock. Außerdem – es hat doch keinen Zweck, wenn und hätte zu jammern. Was passiert ist, ist passiert. Und wir sind doch wirklich noch mit einem blauen Auge davongekommen.«

Unwillkürlich griff sie sich ins Gesicht und betastete ihre noch leicht gewölbten Narben.

»Siehst du, da haben wir’s. Ich bin schuld daran. Ohne meinen Leichtsinn hättest du diese Entstellung nicht.«

»Wie bitte?« Entstellung? Der Arzt hatte doch gesagt, dass alles verheilen würde. »Das ist es also. Ich bin dir nicht mehr attraktiv genug. Du kannst dich nicht mehr mit mir sehen lassen. Das ist der Grund, weshalb du mich sitzen lässt. Weil ich entstellt bin!«

»Paula, jetzt hör auf damit. Du weißt ganz genau, dass du Unsinn redest. Du legst aber auch jedes Wort auf die Goldwaage.«

»Das tun wir Frauen so.«

»Jetzt lass mich doch erklären …«

Und dann ging es wieder los. Dass der Unfall nicht von ungefähr gekommen sei, dass er die Strafe für den Ehebruch gewesen sei. Moralinsauer. 19. Jahrhundert in Reinkultur.

Paula, die verschmähte Frau. Das dämlichste Klischee überhaupt. Aber er würde schon noch sehen. Wusste er nicht, dass eine verschmähte Frau eine Zeitbombe war?

 

In den folgenden Wochen dröhnte sie sich zu – mit hochdramatischem Belcanto, mit ihren Herz-Schmerz-Oldies, mit Alkohol und Beruhigungstabletten. Und sie aß kaum mehr was.

Robert machte ihr Vorhaltungen, löcherte sie mit Fragen. Was, zum Teufel, ist mit dir los? Mit dir stimmt doch was nicht.Und je öfter er fragte, desto mehr bockte sie.

Die Vorweihnachtszeit kam, düster, neblig, trüb, mal regnerisch, mal mit matschignassen Schneeflocken – wie immer hier im Norden. Normalerweise kein Grund zu Trübsal, denn es war eigentlich die Zeit für Geselligkeiten. Die Zeit der sonntäglichen Brunchs, der Spielenachmittage, des gemeinsamen Plätzchenbackens. Doch diesmal nichts von alledem. Paula lud niemanden ein, sie ging nicht aus dem Haus. Allenfalls um frische Luft zu schnappen und ein bisschen Bewegung zu haben.

Ansonsten schrieb sie. Das Schreiben war jetzt ihre einzige Beschäftigung. Die Geschichte von Èze hatte sie schon vor Wochen abgeschlossen. Es war ein richtiger Thriller geworden, ein bisschen unkonventionell, mit viel schwarzem Humor. Sie hatte ihn bei Schaller eingereicht, einem Verlag, der hauptsächlich Krimis herausgab. Was sie nun begonnen hatte, war ein Roman – eine Dreiecksgeschichte, im Mittelpunkt natürlich eine enttäuschte Frau. Aber eine wesentlich dickfelligere als Paula.

 

Robert war aus der Stadt zurück. Er war ungewöhnlich aufgekratzt.

»Rate mal, wen ich getroffen habe.«

»Na, du wirst es mir gleich sagen.«

Sie klimperte weiter auf ihrer Tastatur.

»Markus. Er beklagte sich, dass wir überhaupt nichts mehr von uns hören lassen. Er fragte, ob wir uns nicht mal wieder zum Abendessen treffen könnten.«

»Wohl am Verhungern?«

»Er plant ein neues Filmprojekt. Hat anscheinend ein tolles Drehbuch angeboten bekommen. Hochbrisant. Er würde gern drüber reden. Er bat mich, Simon dazu einzuladen.« Pause. »Du weißt doch, Markus hält große Stücke auf ihn.«

Paula atmete tief durch. Dann drehte sie sich um und schaute Robert ausdruckslos an.

»Ich denke, du magst Simon nicht.«

»Es geht schließlich um meinen Bruder. Und ich werde der Letzte sein, der ihm Steine in den Weg legt.«

»Und da schluckst du sogar diese Kröte?« Sie starrte ihn an. »Nun, wenn du meinst. Von mir aus.«

»Das klingt aber nicht gerade begeistert. Du freust dich doch sonst so auf die zwei. Das sind doch die beiden einzigen, die du nicht spießig findest. Außer Jule natürlich. Aber die könnten wir doch auch dazu einladen.«

Das war eine Falle, das war sonnenklar. Von mir aus, du hinterhältiges Aas. Diese Posse kannst du haben.

»Aber nur unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Dass du einlädst und dass du einkaufst. Ich habe zu schreiben.«

»Wie Madame wünschen.«

 

Alle sagten zu. Alle kamen. Beziehungsweise, es kam auch noch ein Überraschungsgast.

»Hallo, Leute! Ihr habt doch nichts dagegen, dass ich Nikki mitbringe?« Markus, wie immer strahlend. »Ich dachte, Paula kocht doch immer so reichlich, da kommt es auf einen mehr oder weniger nicht an.«

Die junge Frau neben ihm schien verlegen. »Ich bin Nikki. Markus meinte … na ja, hoffentlich macht das jetzt keine Umstände.«

Nein, natürlich nicht. Paula hatte doch immer ein offenes Haus. Und die Herren waren doch bestimmt entzückt, bei so einem hübschen Rotschopf.

Wie sich herausstellte, war Nikki Teil des neuen Filmprojektes. Sie war Schauspielerin. Kein Wunder, dass es schon beim Essen nur um Nikki und Markus und das brisante Drehbuch ging. Warum hatte sich Paula bloß so viel Mühe mit den provençalischen Hühnchen gemacht, wenn sie kommentarlos in den Bäuchen ihrer Gäste verschwanden?

»Also, es geht um den Steine werfenden Minister. Wir müssen auf ein paar Zeitungsfotos und Filmausschnitten aufbauen, ziemlich wenig Material, und daraus eine dramatische Bildsequenz machen. Das soll der Anfang sein.« Markus sprach mit vollem Mund. »Der Trailer, quasi. Von da aus entwickeln wir eine fiktive Story, mit Schauspielern, eine Story, die 1968 beginnt und bis heute geht.« Er fuchtelte mit seiner Gabel in der Luft herum. »Es wird aber nicht chronologisch erzählt, das wäre zu simpel. Nein, wir machen das mit Schnitttechnik. Immer Versatzstücke aus der Gegenwart und Versatzstücke aus der Vergangenheit, im Wechsel. Manchmal sogar mit Überblendungen.«

»Wer soll denn den Minister spielen? Und welche Rolle bekommt Nikki?«

»Für den Minister haben wir Magnus Hebenstraat vorgesehen, und Nikki soll seine damalige Freundin spielen.« Markus tätschelte die Wange seiner Begleiterin. »Allerdings gibt’s da noch Schwierigkeiten, von wegen der Figur. Nicht bei Nikki natürlich, sondern bei Hebenstraat. Der Gute müsste für die Szenen, die Ende der Neunzigerjahre spielen, ziemlich abnehmen, und das wird nicht ganz einfach sein. Das wird Zeit kosten.«

Alle lachten. Keiner am Tisch hatte Gewichtsprobleme.

Die Diskussion, die nun entbrannte, drehte sich natürlich um die moralischen Aspekte der Geschichte. Konnte sich Deutschland einen Minister mit so einer Vergangenheit leisten? War die Wandlung vom Saulus zum Paulus etwas Positives? Oder war das ein Verrat an der 68er-Idee? Hatte die Macht ihn korrumpiert? Oder war er schlicht vernünftig geworden? Ein Realpolitiker?

Es ging heiß her. Besonders Robert und Jule attackierten den Minister aufs Heftigste. »Blanke Machtgier. Reine Geltungssucht.« Für sie hatte er die 68er verraten. Ausgerechnet diese beiden.

Markus sah das differenzierter, obwohl er damals ja auch zu dem Klüngel gehört hatte. Aber das war auch gut so – wie hätte er sonst einen vernünftigen Film machen können?

»Wenn wir uns die damalige Terroristenszene vor Augen führen …«

»Simon! Willst du etwa behaupten, dass er ein Terrorist war?«

»Nein, natürlich nicht, ich wollte etwas ganz anderes sagen. Ich wollte …«

Aber Paula hörte gar nicht mehr hin. Sie ging auf ihn los, giftete ihn an, drehte ihm das Wort im Munde herum.

»Sag mal, was hackst du denn so auf dem armen Simon rum? Hier herrscht doch Meinungsfreiheit«, sagte Markus schließlich. »Welche Laus ist dir nur über die Leber gelaufen?«

Wortlos stand sie auf und verschwand in der Küche. Heiße Tränen brannten in ihren Augen.

Als sie zurückkam, war das Ministerthema vom Tisch. Nikki stand jetzt ganz im Mittelpunkt. Sie gab Anekdoten aus ihrer Schauspiellaufbahn zum Besten, und so banal die Geschichten auch waren, die Herren schienen sich bestens zu amüsieren. Besonders Simon. Nikki, 30 Jahre jünger als Paula, gute fünf, sechs Pfund runder als Paula, Nikki machte offensichtlich Eindruck auf ihn.

»Und dann hab ich diese Reispampe gegessen, wie’s im Drehbuch stand. Und stellt euch vor, keine fünf Minuten später – gerade war Ivor dabei, mit den Nahaufnahmen anzufangen –, also keine fünf Minuten später war ich voller Pickel und Flecken. Könnt ihr euch das vorstellen?« Sie riss ihre Kulleraugen auf. »Also, um es kurz zu machen, wir mussten die Dreharbeiten abbrechen. Ich konnte zwei Wochen nicht am Set sein.«

Natürlich war es eine Allergie. Nikki war gegen alles Mögliche allergisch, besonders gegen asiatische Gewürze – Kardamom, Koriander, Kurkuma, Zitronengras et cetera. Na ja, damit konnte man leben. Es könnte wirklich schlimmer sein. Eine Weißmehlallergie beispielsweise.

Die Unterhaltung dümpelte vor sich hin. Paula spürte, dass sie langsam müde wurde. Auch die anderen schienen etwas abzuschlaffen. Markus, der am meisten gegessen und getrunken hatte, wollte gehen. Nikki allerdings noch nicht. Sie war puppenmunter. Und Simon und Robert drängten sie förmlich, doch noch zu bleiben.

»Ich kann Nikki ja nach Hause bringen«, sagte Simon. »Mach dir da mal keine Sorgen, Markus.«

Markus schien das ziemlich egal zu sein. Der wollte nur noch heim ins Bett. Nach üppigem Essen und Trinken war bei ihm nichts mehr zu holen. Paula wusste das nur allzu gut.

Und sie musste ausharren, bis zum bitteren Ende. Nimm dich zusammen, Paula. Aber um durchzuhalten, brauchte sie noch etwas zu trinken. Tja, und zwei Gläser Rotwein später war alles zu spät. Es war natürlich ein Kinderspiel, die süße Nikki fertigzumachen.

»Komplimentierfarben? Was meinen Sie denn damit, Nikki? Ist das was Neues?«

»Hör sofort auf damit!«, zischte Robert. »Du bist widerlich.«

Jule schüttelte den Kopf. Keine Hilfe von der besten Freundin.

Simon stand auf.

»Ich glaube, es wird langsam Zeit, dass ich Sie heimbringe, Nikki.«

»Ach, wie charmant. Ganz Kavalier der alten Schule. Das wird die junge Dame sicher zu schätzen wissen. Hast du auch die nötigen Pillen dabei?«

Betretenes Schweigen.

»Paula!« Robert war der Erste, der die Sprache wieder fand. »Was soll denn das? Bist du jetzt vollends von allen guten Geistern verlassen?« Seine Miene war eisig geworden, seine Augen funkelten. »Du entschuldigst dich auf der Stelle.«

Paula wurde tiefrot. Die Falle war zugeschnappt.

Als alle gegangen waren, flüchtete sie ins Bett. Aber Robert versuchte erst gar nicht, mit ihr zu reden. Sie hörte, wie er im Wohnzimmer unten den Fernseher aufdrehte.