XXIX

Die Hütte, in die sie Togodubnos legten, war kaum mehr als ein überdachter Windschutz, weit hinter den Kampflinien errichtet. In allen vier Himmelsrichtungen brannten Scheiterhaufen. Ihr Licht, das flackernd durch die Ritzen in der Hüttenwand fiel, warf mehr Schatten als die Fackeln im Inneren. Salbeirauch parfümierte die Luft und überdeckte die Ausdünstungen der schweißnassen Krieger und den Fäulnisgeruch des nahenden Todes. Togodubnos lag mit entblößtem Oberkörper da und schwitzte in der kühlen Luft. Die Spitze des Wurfspießes steckte noch immer in seinem Körper, hob sich schwarz gegen seine aschfahle Haut ab. Selbst denjenigen, die keine Kenntnisse auf dem Gebiet der Heilkunde hatten, war klar, dass es ihm nicht helfen würde, wenn sie die Spitze entfernten. Ganz im Gegenteil. Es würde ihn höchstens noch schneller umbringen, und seine Schmerzen würden während der kurzen Zeit, die er noch zu leben hatte, noch schlimmer werden. Cunmor stand neben ihm und hielt die Hand seines Vaters. Der Junge war in der Nähe der Pferde gewesen, als die Bataver angriffen, und hatte mitansehen müssen, wie das Pferd seines Vaters verstümmelt und abgeschlachtet worden war. Er hatte seitdem kein Wort mehr gesprochen, außer ein einziges Mal, um zu bestätigen, dass er vom Tod seiner Mutter wusste.
Bei Einbruch der Dunkelheit, als es offensichtlich gewesen war, dass die Römer an diesem Tag nicht noch einmal angreifen würden, war Odras’ Leichnam aus dem Knäuel von gelben Umhängen geborgen worden, die am Fluss lagen. Von den sieben Mitgliedern des königlichen Haushalts, die an diesem Morgen in die Schlacht geritten waren, war nur Togodubnos noch am Leben, und das auch nur gerade noch. Überall im Lager hatte sich die Nachricht herumgesprochen, dass er im Sterben lag. Da es wichtig war, dass der Feind auch weiterhin glaubte, Togodubnos sei mit dem Leben davongekommen, und da sie schließlich einen Sieg gegen eine überwältigende Übermacht errungen hatten, der noch viele Generationen lang an den Winterfeuern besungen werden würde, feierten die Krieger den glorreichen Sieg dieses Tages an vielen Lagerfeuern mit Liedern und Ale. Das Geräusch füllte die Gesprächspausen in der Hütte, ähnlich wie das Rauschen eines Flusses, das zwar die Seele beruhigt, aber nicht bei einer wichtigen Unterhaltung stört.
»Sie werden nicht nur wegen dieser einen Niederlage den Rückzug antreten. Sie werden morgen erneut angreifen und übermorgen und jeden weiteren Tag, bis wir sie endlich zum Meer zurückgetrieben haben.« Togodubnos sprach mit zusammengebissenen Zähnen, von Schmerzen gepeinigt und am Ende seiner Kräfte. Sein Leben schwand mit jedem Herzschlag dahin, und er hatte noch so viel zu sagen - mehr, als er in der kurzen Zeit, die ihm noch blieb, aussprechen konnte. Er umklammerte die Hand seines Bruders. »Du musst die Krieger unbedingt zusammenhalten. Cäsar hat damals in Gallien gesiegt, weil die Stämme sich untereinander bekämpften. Wir haben bereits die Dobunni und die Atrebater verloren. Wir können es uns nicht leisten, auch noch...«
»Ich weiß. Keine Angst, ich werde schon dafür sorgen. Schon du lieber deine Kräfte. Wir haben ja schon einmal über dieses Thema gesprochen.« Caradoc sprach betont leichthin. Seine Miene war ruhig und unbewegt. Seine freie Hand jedoch krampfte sich in den Falten seines Umhangs zusammen, seine Fingerknöchel weiß von dem Druck. Nur Breaca, die neben ihm stand, konnte es sehen.
»Gut. Kannst du...« Togodubnos brach ab, von heftigen Schmerzen zum Innehalten gezwungen. Diejenigen, die um ihn herumstanden, warteten, während er mühsam nach Atem rang. Er ließ den angefangenen Satz fallen, und seine Lippen formten ein anderes Wort. »Luain?«
»Ich bin hier.« Luain mac Calma trug die komplette gegerbte Haut eines Reihers. Die grauen Schwingen wuchsen aus seinen Schultern, so dass es einen fast verwunderte, dass er sich noch nicht in die Lüfte emporgeschwungen hatte. Der Kopf des Vogels und der lange, spitze Schnabel zierten seine Brust. Die Augen waren durch Bernsteinperlen ersetzt worden, die in dem Rauch zum Leben erwachten. Er trat hinter den Sterbenden und legte ihm behutsam seine langen Finger an die Schläfen. Leise begann er das Gebet an Briga zu sprechen und bat die Göttin, einen in der Schlacht Getöteten in ihre Obhut zu nehmen und seine Seele zu schützen. Macha, Maroc, Efnís und Airmid schlossen sich seinem Gebet an. Noch nie zuvor in der Geschichte der Trinovanter war ein Sterbender von so vielen Träumern begleitet worden.
Togodubnos schlug die Augen auf. »Ich möchte kein solches Grab wie das, in dem mein Vater bestattet wurde… nur das Feuer.«
»Es ist schon bereit. Wir haben für dich einen Scheiterhaufen drüben bei dem kleinen Bach errichtet, der in den großen Fluss mündet. Du wirst an einer Stelle ruhen, wo sich Feuer und Wasser begegnen und die Erde auf den Himmel trifft. Es könnte nicht besser geschehen. Briga erwartet dich. Du wirst bewaffnet und gerüstet zu ihr gehen, mit Pferd und Harnisch und so viel Proviant, wie wir dir mitgeben können.«
»Und Odras?«
»Odras erwartet dich ebenfalls. Sie liegt schon auf dem Scheiterhaufen bereit.«
»Ich danke euch.« Schweiß rann über sein Gesicht. Sein Atem ging mühsam und stoßweise, und dann schien er völlig auszusetzen. Sie dachten schon, Togodubnos sei hinübergegangen, doch nach einer Weile öffnete er wieder die Augen, drehte den Kopf zur Seite und lächelte den Jungen an, der seine linke Hand hielt. »Cunomar... bleib bei deinem Onkel Caradoc. Er wird dich wie einen eigenen Sohn lieben.«
»Das tut er jetzt schon«, sagte Caradoc leise.
Der Junge ignorierte beide. Er starrte an seinem Vater vorbei auf die Stelle jenseits des Feuers, wo der Türvorhang beiseite geschoben worden war. Dort klaffte eine Lücke, frei gelassen für den aus dem Leben scheidenden Geist Togodubnos’, damit er seinen Weg in die Freiheit finden konnte, ohne von den Lebenden behindert zu werden. Verhalten und freudig überrascht sagte der Junge: »Mutter?«
Caradoc ging vor dem Jungen in die Hocke und sagte: »Cunomar, mein Sohn, deine Mutter war die beste Kriegerin weit und breit. Sie gab ihr Leben für...«, doch Airmid berührte ihn am Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen, und Togodubnos hob plötzlich den Kopf und lächelte, als ob die Sonne ihr Antlitz in der Dunkelheit gezeigt hätte. »Odras... du bist gekommen.« Sein Kopf fiel wieder auf die zusammengerollte Decke hinter ihm zurück. Seine Lippen bewegten sich geräuschlos, formten stumme Worte der Begrüßung und der Liebe. Er horchte eine Weile, als ob eine Stimme zu ihm spräche, die nur er hören konnte, dann drehte er sich zu seinem Sohn um und lächelte unter Tränen. »Cunomar, wir werden am Fluss auf dich warten.«
Er starb, als seine letzten Worte die Lebenden erreichten. Das Kind nickte, zufrieden mit der Antwort, ohne ihren wahren Sinn zu verstehen, und brach dann plötzlich in heftige Tränen aus, als er begriff, dass sein Vater tot war. Die Erwachsenen, die stumme Blicke tauschten, ehrten die dahingeschiedenen Seelen und sprachen nicht.
Sie verbrannten Togodubnos’ Leiche zusammen mit Odras’ auf dem wartenden Scheiterhaufen. Auf dieser Seite des Flusses gab es reichlich Feuerholz, noch vermehrt durch den Wald von gefällten Baumstämmen, den sie vor der Schlacht vom anderen Ufer herübergeflößt hatten. Die Siegesfeuer und die Scheiterhaufen für die Toten, die überall im Lager brannten, waren für Beobachter aus der Ferne nicht zu unterscheiden; ein weiteres Feuer würde also keinen Verdacht unter den Römern erregen. Caradoc hatte bereits einen schwarzhaarigen Riesen von den Trinovantern ausgewählt, der einen Helm und einen Schild trug, die ähnlich wie die des Verstorbenen waren. Um all jene zu täuschen, die vielleicht vom feindlichen Lager aus zuschauten, stimmte er die Lieder zu Ehren der Gefallenen an und dann andere zur Feier des Sieges über den Feind. Der Großteil der Krieger gesellte sich für eine Weile dazu, dann gingen sie wieder auseinander, um an ihren eigenen Feuern zu sitzen oder sich schlafen zu legen.
 
»Du solltest schlafen.«
»Das denke ich nicht. Morgen werde ich vielleicht den ewigen Schlaf schlafen. Warum also jetzt die Nacht mit schlafen vergeuden?«
»Dann solltest du wenigstens etwas essen. Du kannst nicht mit leerem Magen kämpfen.«
»Ich habe keinen Hunger.« Breaca hatte eigentlich vorgehabt, allein am Flussufer entlangzuwandern, aber Caradoc hatte sich ihr angeschlossen. Sie waren die Einzigen, die noch auf den Beinen waren. Die Träumer hatten sich an ihren Versammlungsort zurückgezogen und ein Eingreifen der Götter am nächsten Morgen versprochen, wenn sie sie denn dazu bewegen konnten. Braint, Dubornos und Gunovic hatten sich zur Ruhe begeben; sie hatten Cunomar mitgenommen und sich mit ihrem Leben für seine Sicherheit verbürgt. Wenn Togodubnos die Wahrheit gesagt hatte, würde der Junge sterben; die Toten können nicht lange auf die Lebenden warten, doch diejenigen, die ungestraft geblieben waren, würden darauf achten, dass er nicht unnötig starb oder aus Mangel an Fürsorge. Die übrigen Krieger waren einzeln oder zu zweit zu ihren Feuern gegangen und hatten sich in ihre Schlafdecken gerollt. Auf beiden Seiten des Flusses waren Feuer mit Asche bedeckt worden, damit sie langsamer brannten und so die ganze Nacht über halten würden. Der Wind hatte nachgelassen, und ein dünner Nebel verschleierte den Mond und die Sterne.
Breaca und Caradoc wanderten schweigend am Ufer entlang, da sie nichts zu sagen hatten. Caradoc hatte sein Kettenhemd und den farbenprächtigen Heldenumhang inzwischen abgelegt. Er trug jetzt die Farben der Ordovizer, mit einer schlichten Tunika darunter. Es gefiel ihm besser so. Breaca hatte nur ihren Kettenpanzer abgelegt, aber sonst nichts.
Sie trat über einen gefallenen Krieger hinweg und bückte sich, um nachzuprüfen, ob er wirklich tot war. Langes, goldbraunes Haar fiel auf ihre Hand. Sie strich es behutsam zurück, um das Gesicht einer Frau zu enthüllen, verunstaltet durch einen tödlichen Schwerthieb, der unterhalb eines Wangenknochens in den Schädel eingedrungen war und dabei Knochen und Zähne freigelegt hatte. Ihre leblose Hand hielt noch immer ihren Speer umklammert. Die Spitze ihres Speers war tief in der Lende eines römischen Legionssoldaten vergraben.
»Das ist Lanis«, sagte Caradoc. Lanis war eine von den dreißig gewesen, die in jener lange zurückliegenden Nacht auf Mona gegen die Träumer gekämpft hatten. Caradoc konnte das nicht vergessen. Er kniete sich neben sie.
Breaca nickte. »Sie hat sich geduckt, um den Speer tief unterhalb seiner Rüstung in seine Lende zu stoßen. Der Mann zu seiner Rechten muss ihr den tödlichen Schwerthieb versetzt haben, als sie für einen Moment ihre Deckung vernachlässigte.«
»Sie hat einen Feind mit sich in den Tod gerissen. Das ist das, was zählt.«
»Sie hat noch erheblich mehr als nur diesen einen getötet. Sie hat die Römer von dem Tag an bekämpft, an dem sie an Land gegangen sind. Sie hat allein bei dem gestrigen Überfall aus dem Hinterhalt drei Männer getötet. Ich dachte, sie hätte sich mit den Kampfmethoden der Römer besser ausgekannt, als dass es ihnen am Ende doch noch gelingen würde, sie zu überrumpeln.«
Breaca zog den Speer aus dem Leichnam des Römers heraus und legte ihn neben die Kriegerin. Hinter ihr lag ein in den Schlamm getretener grauer Umhang. Gemeinsam zogen sie den Umhang heraus und hüllten die Tote darin ein, dann legten sie sie gerade hin, mit dem Kopf nach Westen, der Nacht und Briga zugewandt. Breaca stimmte das Bittgebet für die in der Schlacht Gefallenen an. Caradoc barg den Schild der Toten und wusch ihn im Fluss sauber, so dass das Zeichen des Schlangenspeers wieder zum Vorschein kam, rot auf schwarzem Untergrund. Voller Respekt schob er den Schild unter Lanis’ Kopf. Die Kriegerinnen und Krieger von Mona hatten wie Wölfe gekämpft, um den Fluss zu halten und den Sturmangriff der Zweiten zurückzuschlagen. »Es tut mir Leid«, sagte er. »Sie war eine gute Freundin.«
»Sie waren alle gute Freunde, und es tut uns allen Leid. Wenn wir unsere Sache morgen nicht besser machen als heute, wird es uns noch sehr viel mehr Leid tun.« Breaca war müde und erschöpft und hatte zu viele sterben sehen, die ihr ans Herz gewachsen waren, um sich die Mühe zu machen, ihre Worte den Lebenden zuliebe zu mildern. Das Feuer in ihrer Seele war erloschen, zusammen mit der Kampfwut und der Siegessicherheit. Sie konnte noch einen Tag kämpfen und noch viele weitere Tage - vorausgesetzt, dass sie noch so lange lebte -, aber sie war sich nicht mehr sicher, ob sie auch siegen konnte. Ihr einziger Trost war, dass die Legionen, die neben schwach glimmenden Feuern schliefen, noch deprimierter sein würden.
Caradoc erhob sich, als sie es tat, und folgte ihr auf einem Weg, der vom Fluss wegführte. »Wir werden unsere Sache morgen besser machen«, sagte er beschwichtigend. »Und du solltest wirklich etwas essen, auch wenn du nicht hungrig bist.«
»Später. Nachdem wir nach den Pferden gesehen haben.«
Das Bären-Pferd war das Erste in der Reihe. Sie stellten fest, dass der Hengst gut versorgt war und gerade Heu fraß. In der Nähe schlief eine Schar von Eceni-Kindern mit ihren Kardätschen neben sich, ähnlich wie Krieger, die stets in Reichweite ihrer Schwerter schlafen. Ein Dutzend bewaffneter Krieger hielt Wache, für den Fall, dass die Bataver wieder angriffen. Breaca und Caradoc nickten den Männern schweigend zu, um die Kinder nicht zu wecken.
Am Ende der Reihen war eine gescheckte Stute angebunden, die auf einen Hinterhuf gestützt schlief. Das Zeichen des Schlangenspeers war mit roter Farbe auf das schwarze Fell an ihrer Schulter gemalt worden. Es begann bereits zu verblassen, aber nicht so stark, dass es nicht mehr sichtbar war. Breaca sagte: »Dein Kavalleriepferd hat gelahmt. Ich habe das gesehen, als wir zurückgeritten sind. Du wirst für morgen ein neues Pferd brauchen. Diese Stute hier war Lanis’ Ersatzpferd. Sie wäre bestimmt gut für dich geeignet, aber zuerst müssen wir noch Zaumzeug für dich finden. Ihres wurde zerrissen, als...«
»Nein.« Caradoc griff nach ihrem Arm. »Breaca, hör auf. Ich habe noch ein anderes Pferd, und das Geschirr ist in Ordnung. Wenn ich danach noch ein Pferd brauche, werde ich dieses hier mit Freuden nehmen, aber jetzt musst du erst einmal aufhören und zur Ruhe kommen. Und wenn du schon nichts essen willst, dann musst du wenigstens Wasser trinken. Man trocknet regelrecht aus, wenn man kämpft, und man trinkt auf einem Schlachtfeld nie genug, um den Flüssigkeitsverlust zu ersetzen.«
Sie hatte jedes Mal getrunken, wenn die Kinder ihr Wasser angeboten hatten, und sie hatten ihr jedes Mal welches angeboten, wenn sie eine kurze Verschnaufpause eingelegt hatte. Und dennoch war es nie genug, um die Körperflüssigkeit zu ersetzen, die in der wilden Hitze des Kampfes verloren ging, oder - noch schneller - aufgrund von Wunden. In der Zeit, die seit dem letzten Gefecht verstrichen war, hatte Breaca nicht darüber nachgedacht; die Erschöpfung hatte sie schwindelig gemacht und immun gegen Schmerzen oder Durst. Jetzt, wo Caradoc sie daran erinnerte, stellte sie jedoch fest, dass sie völlig ausgedörrt war; ihre Zunge fühlte sich wie ein Stück getrocknetes Leder an, und ihre Stimme raspelte wie eine Feile in ihrer Kehle. Widerstrebend nickte sie. »Du könntest R…«
Sie hielt abrupt inne. Das Einzige, was Caradoc getan hatte, war, den Kopf schief zu legen. Er stand neben ihr im Schein des Feuers. Seine Augen waren von derselben Farbe wie das Flusswasser, und sein Haar nahm das Licht des Feuers an. Er zog eine Braue hoch. »Ich könnte Recht haben?«
Er kannte sie zu gut, und sie ihn. Die Barrieren zwischen ihnen, so sorgfältig aufrechterhalten, waren plötzlich verschwunden. Erinnerungen stürmten auf Breaca ein, stachen wie mit Messerklingen in ihr Herz.
»Nein. Danke.« Sie befreite ihren Arm aus seinem Griff und strebte auf die Hütte zu, die für sie erbaut worden war. Caradoc folgte ihr, lief dicht hinter ihr her, so wie Hail es hätte tun sollen. Sie blieben gemeinsam vor der Tür der Hütte stehen, und es sah ganz danach aus, als würde er versuchen, ihr ins Innere zu folgen.
Sie drehte sich um, versperrte ihm den Weg. »Tagos hat sich früher immer so an meine Fersen geheftet. Von dir hätte ich das nicht gedacht.«
»Nein?« Er blickte ihr forschend ins Gesicht. Die trockene Belustigung war aus seinem Ausdruck verschwunden, ersetzt durch etwas Sanfteres und Bedrohlicheres. Mit dem Humor konnte Breaca wesentlich besser umgehen als mit der liebevollen Fürsorglichkeit, die er plötzlich an den Tag legte. »Du hast mir und meinen Freunden das Leben gerettet«, sagte er. »Habe ich da nicht das Recht, mich ein bisschen um dich zu sorgen?«
»Aber ich habe Odras nicht für dich gerettet. Es tut mir Leid.« Der Schmerz machte sie bitter. »Und ich habe mich auch nicht um die Mutter deiner Tochter gekümmert. Hat sie den Tag durchgestanden?«
»Ach.« Er kaute auf seiner Unterlippe. Es war das erste Mal, dass sie ihn unsicher erlebte. Er trat an ihr vorbei, um den Türvorhang hochzuheben, und spähte in die Hütte. »Hast du da drinnen Wasser?«
»Ich weiß es nicht.«
»Dann lautet die Antwort nein. Breaca, komm da weg!« Er nahm ihren Arm und hielt ihn in einem Griff, aus dem sie sich nur auf unwürdige Art und Weise wieder hätte befreien können. »Dort drinnen ist es dunkel, und der Rauch hat die ganze Luft aufgezehrt. Es ist eine schöne Nacht. Der Nebel ist nicht kalt, und draußen wirst du dich besser fühlen.«
Sie ließ sich von ihm führen, weil sie einfach nicht mehr die Willenskraft aufbrachte, sich gegen ihn zu wehren. Er führte sie an dem Scheiterhaufen seines Bruders vorbei zu einer Stelle weit jenseits davon, wo ein einsames Lagerfeuer unter einer Buche brannte. Auf einem flachen Stein neben dem Feuer stand ein Krug mit Wasser, und ein Bündel enthielt Schüsseln mit Käse und kaltem Fleisch und gerösteten Gerstenkörnern. Der schmackhafte Geruch stieg zusammen mit dem Rauch des Feuers auf und tilgte den letzten Rest der Schlacht. Hunger explodierte in Breacas Innerem und ein mörderischer Durst. Caradoc ließ ihren Arm los und breitete seinen Umhang auf dem Boden aus. Ein weiches Bärenfell unter dem Umhang versprach dem Schlafenden noch mehr Bequemlichkeit. »Mein Feuer«, sagte er schlicht. »Ich würde mich geehrt fühlen, wenn du mir Gesellschaft leistetest.«
Sie setzte sich hastig, solange sie noch die Kontrolle über ihre Gliedmaßen hatte. Er reichte ihr Wasser und Fleisch und schaute kommentarlos zu, wie sie aß und trank. Als es klar war, dass das Essen für zwei reichen würde, setzte er sich ihr gegenüber und bediente sich ebenfalls, zerbrach den Käse zwischen seinen Handflächen und teilte die Brocken mit ihr. Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, lehnte er sich gegen den Baum zurück, und sie saßen eine Weile schweigend zusammen.
»Airmid lebt noch«, sagte er schließlich. »Das muss ein gutes Zeichen sein.«
»Das ist es ganz sicher.« Sie war schon lange vor Mona an Airmid gebunden gewesen, und das, was sie miteinander verband, war sehr viel enger als alles andere. Die Bande hatten sich den Tag über zwar gedehnt, waren aber nicht zerrissen. Breaca wusste ohne jeden Zweifel, dass sie es instinktiv gefühlt hätte, wenn Airmid gestorben wäre, dass sie dann jegliche Beherrschung verloren hätte und dorthin gegangen wäre, von wo weder Ardacos noch Braint sie jemals wieder hätten zurückholen können - und dass sie mit ihrem Leben dafür gebüßt hätte. »Wenn sie nicht mehr am Leben wäre, wäre ich jetzt auch tot«, erwiderte sie.
»Ich weiß.«
Caradoc legte einen Ast in die Flammen, einen alten, trockenen, mit Flechten überzogenen Ast, so leicht brennbar wie verdorrtes Gras. Frische Flammen züngelten um ihn herum. Er beobachtete Breaca durch die Flammen hindurch. »Cwmfen bleibt im Land der Ordovizer bei Cygfa, unserer Tochter, und ihrem neu geborenen Sohn. Sie ist nicht zusammen mit den Kriegern der Streitaxt hinausgeritten, als sie Togodubnos’ Aufruf gefolgt sind.«
Breaca war zu erschöpft, um schockiert oder wütend zu sein, und sie hatte auch nicht länger das Recht, über sein Leben Bescheid zu wissen, so wie sie es einst geglaubt hatte. Andererseits hatte er aber auch kein Recht, sie mit den Einzelheiten zu belasten; es sprengte die Grenzen ihrer Abmachung. Steif sagte sie: »Ich wusste gar nicht, dass du einen Sohn hast.«
»Ich habe keinen Sohn.« Er lächelte. »Der Vater des Jungen reitet jetzt in meiner Ehrengarde. Ich habe geschworen, dass ich sein Leben unter Einsatz meines eigenen schützen werde. Heute hast du es für mich gerettet.«
»Ich verstehe.« Der Ast knackte in der Hitze des Feuers. Das Essen wärmte ihren Bauch. Andere Empfindungen regten sich in ihrem Inneren, unerwartet und gefährlich. Sie spürte Caradocs Nähe wie eine zarte Berührung auf ihrer Haut, eine Berührung, die sie dahinschmelzen ließ. Vorsichtig sagte sie: »Du hast zu viele Monate im Land der Catuvellauner verbracht?«
»Ja, und außerdem wusste sie, dass mein Herz einer anderen gehört.«
Die Regungen erstickten schlagartig, wie in eiskaltem Wasser ertränkt. Gepresst sagte sie: »Odras. Es tut mir so Leid. Wenn ich eher gewusst hätte, dass sie in Gefahr war...«
»Nicht Odras. Sie war schon immer Togodubnos versprochen, schon von frühester Jugend an. Wir waren nichts weiter als gute Freunde; sie war die Schwester, die ich nie hatte. Sie war nie meine Geliebte.«
»Aber du hättest sie gerne zur Geliebten gehabt.«
»Vielleicht, als ich noch sehr viel jünger war, aber sie wollte es nicht. Sie war sehr freundlich, aber auch sehr bestimmt. So etwas muss von beiden kommen, sonst ist es wertlos. Du weißt das doch.«
Sie hob mit einem Ruck den Kopf. Die Veränderung war in seiner Stimme und in seinen leuchtenden, vom Licht des Feuers erhellten Augen. Er sagte es abermals, um jeden Zweifel auszuräumen. »Das Verlangen muss von beiden kommen, Breaca. Es reicht nicht, wenn der eine nicht mit dem Herzen dabei ist. Das weißt du doch.«
»Ja.« Ihre Kehle war noch immer zu trocken. Sie fühlte sich genauso wie in Augenblicken tödlicher Gefahr, wenn die Zeit im Schneckentempo verrann und sich ein Herzschlag über eine halbe Ewigkeit hinzog. Sie hätte über das Feuer hinweggreifen und ihn berühren können. Er hätte das Gleiche tun können. Doch keiner von ihnen rührte sich.
»Lanis war Ardacos’ Geliebte«, sagte sie. »Das ist der Grund, weshalb ich losgegangen war, um nach ihr zu suchen. Er kümmert sich um Cunomar und kann nicht allein losgehen. Außerdem glaube ich, er möchte seine Kräfte für morgen schonen. Ich hätte Airmid darum gebeten, aber sie kann die Träumer nicht verlassen, nicht in einer Nacht, in der sie die Götter um Beistand für ihr Volk bitten...« Sie sprach nur, um die Stille auszufüllen. Caradoc erwiderte nichts. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich, bis Breaca es nicht mehr ertragen konnte.
»Caradoc...«
Er zog seinen Umhang von dem Bärenfell fort. Der Pelz schimmerte bernsteingelb im Schein des Feuers. »Der Bär hat Platz für zwei«, sagte er, und er war plötzlich so schüchtern wie ein Kind. »Wenn du auf das Fell kommen würdest, wüsste ich, dass das Verlangen nicht nur einseitig ist, sondern von uns beiden empfunden wird.«
Sie hatte sich von ihrem Platz erhoben und stand jetzt reglos da, unfähig, sich ihm zu nähern. »Weißt du das denn nicht schon längst? Wie konntest du das nicht wissen? Hast du Mona vergessen?«
»Nein, wie könnte ich das jemals vergessen? Aber ich habe auch nicht dein Verhalten in der Grabkammer meines Vaters vergessen oder auf einem gewissen Hügel, als wir den Atrebatern gegenüber standen. Du kannst einem wirklich Angst einjagen, wenn du wütend bist.« Er lächelte schwach, um zu zeigen, dass seine Worte nicht wirklich ernst gemeint waren. »Und außerdem hasst Airmid mich. Wie könnte ich Marocs Lieblings-Träumerin beleidigen?«
»Airmid?« Das Gelächter, das in ihrer Kehle aufstieg, löste ihre innere Erstarrung und trieb sie vorwärts. Sie trat um das Feuer herum. »Airmid hasst dich nicht. Sie sagt mir schon seit Jahren, dass die Götter dich und mich zu einem bestimmten Zweck zusammengeführt hätten. Ich dachte, sie sagte das nur, weil es das war, was ich hören wollte.«
»War es tatsächlich das, was du hören wolltest?«
»O ja.« Sie beugte sich vor und berührte seine Handfläche, und seine Finger schlossen sich um die ihren. Hitze schoss wie ein Blitz ihren Arm hinauf, raubte ihr den Atem. »Von Anfang an, ja.«
»Dann ist es ja gut, dass wir das jetzt wissen, wo es noch nicht zu spät ist.«
Der Tod und die Schrecken des Tages waren vergessen. Sein Lächeln war wieder das übermütige Grinsen eines Jungen an einem Fluss, der die Götter herausforderte. Es verlieh ihrem Herzen Flügel und hob es in den siebten Himmel empor; es zog die Haut von ihrem Körper, so dass jedes Nervenende sich schmerzlich nach seiner Berührung sehnte; es sprengte die letzten Fesseln selbst auferlegter Zurückhaltung, so wie die ersten Überschwemmungen des Frühjahrs den Damm eines Kindes aus Stöcken und Stroh sprengen und mit sich reißen.
Zitternd streckte sie die Hand aus und zeichnete die Linie seiner Lippen mit ihren Fingern nach, von dem Bedürfnis getrieben, den Augenblick zu verlängern und bis zur Neige auszukosten, eine Ewigkeit der Freude an ihren Fingerspitzen zu spüren, so wie sie auf dem Schlachtfeld die Ewigkeit des Todes fühlte. Caradoc umfing ihr Handgelenk und drehte es herum und küsste die zarte Haut auf der Innenseite, wo ihr Puls in einem neuen Rhythmus raste, der sich veränderte, als er seinen Mund auf ihren presste und dann zärtlich mit seinen Zähnen an ihren Lippen zu knabbern begann. Breaca vergrub ihre Finger in der goldenen Seide seines Haares, ließ ihre Hände liebkosend über seinen Hals und seine Schultern wandern, bis sie schließlich, eng umschlungen, auf das Bärenfell hinunterglitten. Die Nacht war warm, der Pelz unter ihnen weich und behaglich.
Es war in jeder Hinsicht und zugleich in keiner so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Caradoc war ein geschickter Liebhaber, aber nicht bei ihr; sie war an andere Rhythmen gewöhnt. Sie kämpften darum, ihre Kleider abzustreifen und ihre Privatsphäre zu wahren an einem Ort, der auf der Nordseite des Flusses lag, in Hörweite jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes, die noch am Leben waren. Beide hatten die verzweifelten Liebesakte anderer Kriegerinnen und Krieger beobachtet, die durch die gemeinsam erlebte Nähe des Todes nach der Schlacht zusammengefunden hatten; sie hatten das Bedürfnis, nicht der gleichen Verzweiflung anheim zu fallen, sondern sich in Muße zu lieben, unbeobachtet vom Rest der Welt. Die Götter lächelten auf sie herab und schickten den Nebel, um sie einzuhüllen und die Welt um sie herum auszusperren. Später, als der Nebel noch immer dicht war, hätte die Welt sich an sie heranschleichen können, um zuzuschauen, und sie hätten nichts davon bemerkt.
Breaca hatte nicht das Bedürfnis zu schlafen. Nebelschwaden wirbelten um sie herum, von den Farben des Feuers erfüllt. Sie lag mit Caradoc unter dem Umhang, eingehüllt in den moschusartigen Duft ihres Liebesspiels, während sie ihn eingehend erforschte. Sie fand und zählte die Narben auf seinem Körper, während sie die jeweilige Waffe benannte und die Fehler, die er gemacht hatte, die überhaupt erst zu diesen Verletzungen geführt hatten. Er gab seine Fehler zu und tat dann das Gleiche bei ihr, um schließlich auf dem Zeichen des Schlangenspeers innezuhalten, das in die Haut ihres Unterarms eintätowiert war. Er zeichnete das Symbol zart mit der Fingerspitze nach, eine Berührung, die bewirkte, dass sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. »Als wir uns das erste Mal begegnet sind, hast du diese Tätowierung noch nicht gehabt, und auch nicht in der Nacht der Kriegerprüfung.«
»Nein. Maroc hat den Schlangenspeer erst später eintätowiert, nachdem ich zur ranghöchsten Kriegerin ernannt worden war. Er hatte einen Traum und sagte, ich sollte das Zeichen an einer Stelle tragen, wo es zu sehen sein würde, auch wenn ich meinen Schild nicht dabei hätte. Er wollte mir aber nicht den Inhalt seines Traums erzählen.«
»Der Schlangenspeer ist jetzt jedermanns Kampfzeichen, hast du das gewusst? Ich habe gestern Abend gesehen, wie die Krieger ihn auf ihre Schilde malten; das Symbol des sicheren Sieges. Wir werden morgen mit seinem Schutz kämpfen - oder vielmehr heute.« Sie hatten den Krieg vollkommen vergessen. Jetzt kehrte er plötzlich wieder in ihr Bewusstsein zurück und vernichtete die Freude. Caradocs Blick umwölkte sich. »Lass dich nicht von ihnen töten.«
»Das hatte ich eigentlich auch nicht vor.«
»Es sei denn, sie töten Airmid.« Es war nur halb im Scherz gesagt.
»Oder dich.« Seine Hand lag noch immer auf ihrem Arm, bedeckte das Traumzeichen. Breaca hatte ihn bereits auf ein solches Zeichen hin erforscht und keines gefunden; sie hatte im Grunde auch nicht erwartet, eines zu finden. »Du hast keinen Traum, kein Zeichen auf deinem Schild«, sagte sie. »Wie kann der Krieger der Drei Stämme keinen Traum haben?« Sie hatte ihn das schon immer fragen wollen, hatte aber nicht das Recht dazu gehabt; nur nahe Verwandte oder Geliebte durften etwas so Persönliches fragen. Das Wissen, dass sie jetzt das Recht dazu hatte, ließ Breaca abermals dahinschmelzen, und sie beugte sich über ihn und küsste ihn zärtlich. Ihren warmen Atem trinkend, sagte er: »Mein Traum ist der Adler.«
»Natürlich.« Sie hätte das eigentlich wissen müssen. Er war davon durchdrungen, war bis in den Kern seines Wesens davon erfüllt. Sie erinnerte sich wieder an die triumphierende Freude, die sie fühlte, als sie geglaubt hatte, der Adler könnte ihre Vision sein. Sie umarmte Caradoc fest und drückte ihn an sich. »Dein Vater hätte sich gefreut«, sagte sie.
»Mein Vater glaubte nicht an Träume. Du vergisst, dass er erst sehr spät in seinem Leben zu Luain fand. Er verbot den Gebrauch des Zeichens, als er noch Gewalt über mich hatte. Als ich mich dann von seinem Einfluss freigemacht hatte, war es zu spät. Amminios hatte von meiner Vision erfahren und machte eine Waffe daraus.«
Entsetzt erinnerte Breaca sich wieder. »Seine Männer trugen das Zeichen des Kampfadlers.«
»Ja. Wenn du so für deinen Bruder empfinden würdest, wie ich für meinen empfinde, und wüsstest, dass seine gedungenen Mörder das Zeichen deines Traumes stolz zur Schau tragen, würdest du es dann auf deinen Schild malen wollen? Außerdem brauchen wir es jetzt nicht mehr.« Er stützte sich auf einen Ellenbogen und streckte die Hand nach ihr aus, um seine Finger liebevoll in ihrem Haar zu vergraben. »Bodicea. Siegesbotin.« Er sprach das Wort in dem besonderen Tonfall eines Sängers, so dass sie bereits zu einer Heldin wurde, von deren Ruhmestaten am Feuer gesungen wurde, und dann sagte er es noch einmal, in einem anderen Ton, auf eine Art und Weise, die es zu einer privaten Sache machte, die zwischen ihnen beiden bleiben musste.
Sie runzelte die Stirn über diese Anmaßung vor den Göttern, und Caradoc grinste, strich die Falten auf ihrer Stirn sanft mit seinem Daumenballen glatt, bevor er sich wieder zurücklehnte und seinen Schild aus dem Stapel von Waffen hinter dem Baum herauszog. »Hier, siehst du, wir alle haben dein Zeichen übernommen, nicht nur die Krieger deiner Ehrengarde.« Der Schild bestand aus mit Bullenleder bespanntem Weidenholz und konnte einem Axthieb standhalten, ohne zu zerbrechen. Am Tag war er noch weiß gewesen. Jetzt hob sich der Schlangenspeer in leuchtendem Rot von einem grauen Untergrund ab, genauso wie auf Breacas Schild.
Caradoc lächelte trocken, so wie er es früher oft getan hatte; er kannte die Stellen in ihrem Inneren, die schmerzten, und er kannte auch die Gründe dafür. »Ich hatte heute Abend einen von deinen Leuten gebeten, das Zeichen für mich aufzumalen. Wenn wir siegen wollen, dann müssen wir unter einem einzigen Traum kämpfen, nicht unter vielen verschiedenen. Wenn wir sterben sollten, würde ich lieber unter deinem Zeichen sterben als unter meinem.«
»Caradoc...« Es war ein Geschenk, das er ihr bereits gemacht hatte, noch bevor sie zusammengekommen waren, und daher noch umso kostbarer. Sie war so gerührt, dass sie kein Wort hervorbringen konnte. Sie zog ihn in ihre Arme, um ihre Sprachlosigkeit zu verbergen, und ließ ihn auf andere Weise wissen, wie tief er sie bewegt hatte.
Eine Weile später, als er noch immer tief in ihrem Schoß vergraben war, sagte sie: »Unser Sohn wird aber doch seinen eigenen Traum haben dürfen, nicht wahr?«
Caradoc wich verblüfft zurück. »Wir werden einen Sohn haben? Kannst du das schon so früh spüren?«
»Nein. Aber Airmid hat es mir schon vor Jahren gesagt. Ich möchte ihr gerne glauben.«
Er stieß einen gedämpften Laut des Triumphs aus. »Dann sollten wir einen Namen für ihn finden, einen, auf den er stolz sein kann; wir sollten ihn vielleicht nach einem derjenigen benennen, die in der gestrigen Schlacht besonders tapfer gestorben sind.«
»Oder nach einem, der in der heutigen Schlacht sterben wird.« Breaca war sehr ernst. Die Zeit zum Kämpfen nahte wieder, und zumindest ein Todesfall war vorhergesagt worden. Das erste Licht der Morgendämmerung ließ die Farbe der Nacht verblassen. Der Nebel verdichtete sich mit dem heraufziehenden Tag. Breaca strich Caradoc das Haar aus der Stirn, drückte einen letzten Kuss auf seine Lippen und wand sich unter dem Umhang hervor. Als sie vor ihm stand, sagte sie: »Er hat schon einen Namen. Airmid hat ihn in dem Traum erfahren, der von seiner Empfängnis erzählte.«
Caradocs Miene war vollkommen reglos, seine Augen aufgerissen und starr. »Ist es mein Name?«
»Nein. Wenn ich am Leben bleibe, um unseren Sohn zur Welt zu bringen, wirst auch du am Leben bleiben, um ihn großzuziehen.«
Wenn. Nichts ist sicher, außer dass einige überleben und andere sterben werden. Selbst der beste Traum zeigt nur einen Weg unter vielen. Das hatte Maroc gesagt. Sie hielt es jedoch nicht für notwendig, Caradoc davon zu erzählen.
Sie zogen gerade wieder ihre Kettenhemden über und schnallten sich ihre Schwertgürtel um, als Caradoc plötzlich ihr Handgelenk packte und sie zu sich herumzog. »Wer ist es, Breaca? Welchen Namen hat Airmid ihm gegeben? Wessen Leben ist bereits verwirkt?«
»Cunomars.«
 
Die erste Warnung vor dem Angriff erfolgte durch die Hunde. Diejenigen am äußersten westlichen Rand des Lagers bellten plötzlich laut und aufgeregt, ähnlich wie auf der Jagd, wenn sie Wild gewittert hatten, und kurz danach stimmten die Übrigen in ihr Gebell ein. Krieger, die erst aufgewacht und noch damit beschäftigt gewesen waren, sich anzukleiden oder ihre Notdurft zu verrichten, sammelten hastig ihre Waffen ein und stürzten los, um ihre Pferde aufzuzäumen. Breaca, die gerade ihr Bären-Pferd sattelte, blickte über ein Meer von vom Schlaf zerzausten Köpfen hinweg. Der Nebel war inzwischen noch dichter geworden. Im Osten lag eine kränklich rosa angehauchte Nebelbank, die dem Sonnenaufgang trotzte. Der Westen war noch in Dunkelheit getaucht. Hunderte Feuer flackerten an den Rändern des Lagers, rosige Lichtpunkte in dem milchigen Nebel. Jenseits der Feuer, zwischen dem Gestrüpp und den spärlichen Bäumen, verbarg eine schattenhafte Linie den Boden. Das Bären-Pferd stellte die Ohren auf und wieherte. Irgendwo in der Ferne antwortete ein Stutenfohlen.
»Das sind die Römer.«
»Das kann nicht sein.« Caradoc saß neben ihr auf einem Pferd, das Gunovic ihm geschenkt hatte. Sein neues Schlachtross warf den Kopf hoch, als es die fremde Hand an seinem Zügel spürte. Er spähte angestrengt in die Richtung, in die Breaca zeigte. »Wir haben doch Wachen aufgestellt.«
»Wir hätten besser die Hunde als Wachen zurückgelassen. Bei diesem Nebel könnte man sich mühelos an einen Mann anschleichen, um ihm die Kehle durchzuschneiden, und er würde einen überhaupt nicht sehen. Große Götter...« Ein Feuer loderte am Rand des Lagers auf, als eine Kriegerin darum kämpfte, ihren bellenden Hund festzuhalten. Für einen Moment lichtete sich der Nebel, und Breaca konnte deutlich die Reihen von Rüstungen sehen, die im Licht der Flammen funkelten: endlose Reihen, die sich seitlich und nach hinten erstreckten. Angst stieg in ihr auf, so kalt wie Eis.
»Es sind die Römer. Mindestens eine Legion. Sie haben den Fluss an einer Stelle weiter stromaufwärts überquert und sind im Dunkeln heruntergekommen, im Schutz des Nebels.«
Das Kriegerhorn hing an ihrem Sattel. Ohne nachzudenken hob sie es an ihre Lippen. Die hohen, klaren Töne schwebten über den Lagerplatz hinweg. Die Römer gaben ihre Verstohlenheit auf. Hundert Legionshörner schmetterten ein Echo auf das ihre. Als der Lärm verhallte, schlugen fünftausend Legionssoldaten rhythmisch mit ihren Schwertern auf ihre Schilde und brüllten ohrenbetäubend synchron. Wenn Camul persönlich Donner geschickt hätte, um den Beginn der Schlacht anzuzeigen, hätte der Lärm nicht lauter sein können. Später hieß es, dass ein Dutzend Krieger allein schon aus Angst vor dem mörderischen Krach gestorben sei.
Das Gemetzel begann im Westen und kroch so unaufhaltsam vorwärts wie Eis über einen stillen See. Es blieb keine Zeit mehr, um sich zu geordneten Kampflinien zu formieren. Diejenigen, die bereit waren, saßen auf und suchten im Nebel nach anderen. Jene, die bis vor einem Moment noch tief und fest geschlafen hatten - und das waren nicht wenige -, kleideten sich mit einer Hast an, in der vieles ungetan blieb. Die Hälfte der Kriegerinnen und Krieger, die in die Schlacht ritt, tat es ohne Sattel und mit unzureichender Bewaffnung. Die meisten von ihnen starben.
Die Ehrengarden der Stämme waren am schnellsten und am ehesten kampfbereit. Noch bevor sie die Schlacht erreichten, waren Breaca und Caradoc von Kriegern in grauen und weißen Umhängen umringt. Andere schlossen sich ihnen an, als sie vorwärtsritten. Togodubnos’ Anhänger unter den Trinovantern konnten sich noch immer nicht von dem Bild des Sonnenhunds auf ihren Schilden trennen. Die Übrigen - graue Umhänge und blaue, grün gestreifte Coritani, Durotriger, Silurer - trugen allesamt das Zeichen des Schlangenspeers, frisch aufgemalt in Farben, die der ihrer Umhänge entsprach. Als ob ihnen das viel helfen würde!, dachte Breaca bitter, als sie ihren Traum in dem wallenden Nebel zu einem Albtraum werden sah. Übelkeit schnürte ihr die Kehle zu, ließ ihre Hände sich um die Zügel krampfen. Das Bären-Pferd warf den Kopf hoch, als es dahingaloppierte.
»Die Träumer...« Dubornos trieb sein Pferd an das ihre heran. Sein Gesicht war grau vor Müdigkeit, seine Stimme rau von einem Tag voller Kämpfe. »Sie glauben, sie können eine Linie aufhalten. Sie wollen, dass wir sie unterstützen und ihnen Rückendeckung geben.«
Es war der helle Wahnsinn. Die ganze Welt war wahnsinnig. Breaca zog ihr Pferd in die Richtung herum, in die er zeigte, und die Ehrengarde wandte sich mit ihr um. »Wo?«
»Bei Togodubnos’ Scheiterhaufen. Das Feuer brennt noch immer.«
Erde traf auf Wasser, Feuer traf auf den Himmel. Der Scheiterhaufen war noch genauso groß wie am vergangenen Abend. Irgendjemand hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Feuer sorgfältig zu unterhalten, und es leuchtete durch den Nebel wie ein Leitstern für ein letztes Gefecht - oder für ein Wunder. Diejenigen, die glaubten, dass sie die Götter um Schutz und Beistand anrufen konnten, standen in einem halbmondförmigen Bogen vor dem Feuer, mit Macha und Airmid in der Mitte und Maroc und Luain mac Calma jeweils an einem Ende. Gunovic stand neben Macha und der Jagdhündin, Cygfa. Ardacos, Braint, Gwyddhien und Cumal standen hinter Gunovic, mit Cunomar zwischen ihnen, der auf seinem Pony saß. Als Breaca das Kind dort sah, wusste sie, dass sie sterben würden; die Götter und sein Vater hatten es vorausgesagt.
Hail stand hinter Airmid, fest auf drei Beinen. Er begrüßte Breaca so freudig, wie er einst Bán begrüßt hatte, und sie erwiderte seine Begrüßung mit ebensolcher Zuneigung; sein Herz war groß, und er verdiente ihre Liebe. Airmid wandte sich ebenfalls um, um sie auf ihre Weise zu begrüßen. Sie wusste, wo Breaca gewesen war und was sie in der Nacht getan hatte, und sie war froh darüber. Die feste, geliebte Hand umschloss die ihre. Das Gesicht, das sich ihr zum Kuss entgegenhob, war von unerträglichem Schmerz und Kummer gezeichnet, und dennoch war es noch immer schön. »Du bist gekommen! Ich danke dir. Wenn wir sterben müssen, möchte ich in deiner Nähe sein.«
Sie würde am Tag der Schlacht nicht weinen. Sie konnte es nicht. »Haben die Götter gesagt, dass wir sterben müssen?«
»Einige von uns müssen sterben.« In Airmids Stimme schwang die Sicherheit der Träumerin mit. »Aber wenn du am Leben bleibst, um das Kind zur Welt zu bringen, wird auch Caradoc am Leben bleiben, um es aufzuziehen. Das schwöre ich.«
Wenn.
Caradoc war am anderen Ende der Linie bei Maroc, fast außer Sichtweite. Andere, die gesehen hatten, dass hier ein Gefecht stattfinden würde, schlossen sich ihnen an. Sie waren erbärmlich wenige. Breaca schätzte sie auf insgesamt knapp tausend - tausend Mann, um eine komplette Legion aufzuhalten. Sie hatten das schon einmal gemacht, aber da war der Pulsschlag der Schlacht mit ihnen gewesen; jetzt war er gegen sie. Sie fühlte den Tod noch sicherer, als sie ihn je zuvor gefühlt hatte. Sie blickte hinunter und sah, dass Airmid sie noch immer beobachtete.
»Sind Träume wirklich so sicher?«, fragte sie.
»Einige schon.«
»Könnt ihr die Legionen zur Rückkehr zwingen?«
»Nein. Aber Macha hat geträumt, dass wir sie lange genug aufhalten können?«
»Lange genug wofür? Es gibt doch niemanden, der uns helfen könnte.«
»Das wissen wir nicht. Das werden die Götter uns noch zeigen.«
Die erste Welle von Kriegern starb in ihrer Hörweite. Weitere strömten herbei, um sich neben dem Scheiterhaufen aufzustellen. Sie waren inzwischen fünfzehnhundert, und es wurden immer noch mehr. Der Nebel wirbelte zu dicht, um die genaue Anzahl erkennen zu können. Weiter vorne im milchigen Weiß bewegte sich die Linie von Legionssoldaten vorwärts, als ob sie von Ackerpferden gezogen würde, langsam, aber ohne Unterbrechung, jeder einzelne Mann sicher hinter seinem Schild, jeder einzelne zielstrebig sein Schwert schwingend. Sie verloren einen Mann für jeweils zwanzig getötete Krieger. Kleine Trupps von Kavalleriesoldaten - nicht die wilden batavischen Reiter der Kohorten und auch nicht ihre gallischen Kameraden von den Hilfstruppen - sicherten die Ränder, um einen Angriff im Rücken zu verhindern. Ihre Kontrolle und Selbstbeherrschung war geradezu Furcht einflößend. In Sichtweite einer Schlacht zu reiten und nicht zu töten zeugte von einer unvorstellbaren Disziplin.
Wir sind beritten; sie sind größtenteils zu Fuß. Wenn wir ihre Kavallerie in die Flucht schlagen können, können wir sie brechen.
Breaca drehte sich zu Airmid um. »Wir müssen ihre Pferde zerstreuen, wenn wir eine Chance gegen die Infanterie haben wollen.«
»Machas Traum besagt, dass wir sie aufhalten werden. Das Mittel wird uns noch gezeigt.« Die Träumerin war unnatürlich ruhig und gefasst. Der Glaube löschte ihre Furcht aus.
Dubornos erschien an ihrer Seite. Zu Breaca sagte er: »Ich bin an den beiden anderen Enden der Linie gewesen. Wir sind zweitausend, und es kommen immer noch mehr dazu. Trotzdem sind wir nicht genug. Sie werden nicht weniger als fünftausend in den Kampf geschickt haben.«
»Ich weiß. Airmid, wenn die Götter wollen, dass wir kämpfen, werden sie uns zeigen müssen…« Der Wind frischte plötzlich auf, wehte jetzt von Norden her. Flammen loderten von dem Feuer hoch und züngelten zur Seite, von dem Wind auseinander getrieben. Hail duckte sich flach auf den Boden. Das Bären-Pferd zuckte zurück, sein Fell plötzlich angesengt. Überall entlang der Reihe mühten sich Krieger ab, die Kontrolle über ihre Pferde zu behalten. Langsam dämmerte Breaca die Erkenntnis.
»Das Feuer - wir können das Feuer als Waffe gegen sie benutzen! Sieh doch...« Breaca schnitt bereits einen breiten Streifen von ihrem Umhang ab. Sie trug jetzt drei Speere: Waffen, früher einmal knapp, waren jetzt reichlich vorhanden. Sie fand den Stoffstreifen um die Spitze ihres Speers, gleich hinter dem Heft. »Efnís!« Efnís stand weiter oben in der Reihe. »Hast du noch das Bärenfett und das Kiefernharz?«
Er rannte bereits davon, noch ehe sie ihren Satz beendet hatte. Eine Schar von rußbeschmierten Kindern hastete hinter ihm her; er hatte schon immer gut mit Kindern umgehen können. Als er zurückkehrte, beladen mit dem Harz und dem Bärenfett für die Fackeln, waren bereits Hunderte von Kriegern damit beschäftigt, Stoffstreifen um ihre Speere zu binden. Weitere Kinder und die jüngeren Krieger holten Becher und Krüge - niemand würde an diesem Tag dazu kommen, etwas zu trinken, oder wenn, dann höchstens am Ende der Schlacht. Die Gefäße wurden mit Stoff und Fett und allem gefüllt, das brennbar war. Kinder banden Lederstreifen um die Griffe und Ränder der Gefäße, damit sie sie schwenken und noch weiter schleudern konnten. Jedes Einzelne von ihnen sah in diesen Waffen eine Chance, Ehre einzuheimsen und als Held in die Geschichte seines Stammes einzugehen. Keines von ihnen erwartete, mit dem Leben davonzukommen.
Caradoc kam von ihrer Linken herbeigeritten. Seine Gegenwart erfüllte sie bis ins Innerste. Die Schlangenspeer-Brosche, die sie ihm vor so unendlich langer Zeit einmal geschenkt hatte, blitzte silbern an seiner Schulter, das Liebespfand aus rotem Rosshaar frisch erneuert, damit alle es sehen konnten. Schmerz stach wie mit Messern in ihr Herz und setzte sich als ein dicker Kloß in ihrer Kehle fest. »Caradoc, ich...«
»Ich weiß.« Er küsste sie. »Ich auch. Hier.« Er hatte ein geheimes Waffenlager von Speeren entdeckt, einige davon römisch, den toten Batavern abgenommen. Sie fielen klappernd zwischen ihnen auf den Boden. Sein bunter Flickenumhang lag vor ihm auf dem Sattel, in fransige Streifen zerschnitten, und er war bereits dabei, auch den anderen Umhang zu zerschneiden. Breaca schluckte hart und begann, die Speerschäfte mit den Stoffstreifen zu umwickeln. »Wir sollten auf ihre Pferde zielen«, sagte sie. »Wenn wir die Kavallerie ausschalten können, können wir die Linien am Ende angreifen.«
»Bis sie die Reservetruppen über den Fluss schicken, um uns auszuschalten.«
»Fordere nicht etwas heraus, was noch nicht passiert ist.«
Der Fluss lag zu ihrer Linken. Breaca fühlte ihn durch den Nebel hindurch; er stach wie mit Nadeln in ihre Haut, versprach Gefahr. Es würde nicht mehr lange dauern.
Sie waren bereit. Die römische Linie war etwas langsamer geworden, behindert durch eine Gruppe todesmutiger Trinovanter. Ihre Totenlieder schallten durch den Nebel, erfüllt von Hass. Die Krieger des Sonnenhunds kämpften nicht mehr, um ihr Land zu schützen, sondern um Togodubnos’ Tod zu rächen. Breaca fluchte. »Sie verkaufen ihr Leben zu billig. Wenn die Legionen uns brechen, werden sie geradewegs zur Residenz marschieren, und dann wird das Gemetzel fürchterlich sein. Das muss ihnen doch auch klar sein.«
Caradoc blickte sie so an, wie er es einmal in der Nacht getan hatte, seine Seele ein offenes Buch. Er ergriff ihre Hand. »Was hast du eben gesagt, Breaca? Wenn? Nicht falls? Was weißt du?«
»Was?« Sie war von dem Feuer abgelenkt. Der Wind drehte sich spiralförmig, ähnlich wie ein sommerlicher Sandsturm. Flammen schossen in einer Woge von rotem Licht empor. Die ältere Großmutter stand mitten in den lodernden Flammen, seltsam dunkel und undurchsichtig und größer, als sie eigentlich hätte sein sollen. Um sie herum malten die Krieger der Ahnen den Schlangenspeer mit blauem Färberwaid auf ihre Arme. Jeder von ihnen trug das gleiche Zeichen, abgesehen von dem Anführer, der das Zeichen des Hasen trug. Hoch über ihnen, an einem blauen Himmel, kreiste ein Adler, bereit zum Töten. Die ältere Großmutter zeigte mit einem knochendürren Finger durch das Feuer. Sie lernen, aber nicht schnell genug. Dies sind die Letzten. Nach ihnen wird es keine mehr geben.
Breacas eigene, jüngere Stimme erwiderte: Aber das hier sind nur die Männer. Es muss doch auch noch Frauen und Kinder geben. Wenn sie überleben, dann wird ihr Volk mit ihnen überleben.
Die Großmutter legte den Kopf schief. Das hängt ganz von dir ab.
Um Breaca drehte sich alles. Ihr war übel, und sie fühlte sich krank. Sie packte Caradocs Umhang, weil sie ihn nicht deutlich sehen konnte.
»Die Kinder - die Kinder müssen am Leben bleiben!« Sie wandte sich zur anderen Seite um. Airmid beobachtete sie scharf, auf der Hut vor der Stimme der Götter. »Airmid - sag Macha, Luain, Maroc Bescheid - sag es ihnen allen! Wir sind nicht hier, um eine Linie aufzuhalten und der Invasion ein Ende zu machen, sondern nur, um sie lange genug zurückzuhalten, damit die Kinder fliehen können. Die Kinder sind die Kriegerinnen und Krieger der Zukunft. Sie dürfen nicht hier sterben.«
Die Großmutter nistete sich jetzt in ihrem Kopf ein. In einer Parodie auf Breacas Stimme sagte sie: »Das genügt noch nicht. Es muss auch noch diejenigen geben, die alt genug sind, um ihre Sitten und Gebräuche, ihre Träume und ihre Geschichten weiterzugeben. Wie sonst soll ein Volk sich seine Identität bewahren?«
Laut sagte Breaca: »Wir können nicht davonlaufen. Krieger können nicht einfach vom Schlachtfeld flüchten.«
Dann kannst du für nichts und wieder nichts sterben, und dein Volk wird mit dir sterben. Für alle Zeit. Du bist die Letzte, die kämpfen kann.
Es war ein Sakrileg, das Schlimmste und Schändlichste, was ein Krieger tun konnte. Schmerz schnitt wie ein Messer durch ihr Herz. Für einen Moment glaubte sie, sie wäre getroffen worden und ihre Kämpfe wären ein für allemal vorüber. Sie sah Caradocs Gesicht und empfand herzzerreißendes Bedauern. Airmid versetzte ihr einen harten Klaps auf die Wange.
»Breaca! Sprich mit mir! Was hast du eben gesehen?«
»Wir müssen gehen. Wir müssen alle gehen, sowohl die Krieger als auch die Kinder. Dies ist nicht die rechte Zeit und der rechte Ort - nicht die richtige Methode, um sie zu bekämpfen.« Sie schluckte hart, so als ob sie Asche in der Kehle hätte und die Worte ihr die Zunge verbrühten. Voller Qual sagte sie: »Die Krieger des Sonnenhunds sind genug an der Zahl, um die Linie aufzuhalten. All jene, die das Zeichen des Schlangenspeers tragen, müssen gehen. Wir müssen am Leben bleiben, um erneut zu kämpfen, sonst ist das gesamte Land verloren.«
»Was?«
»Bist du dir wirklich sicher?«
Sie war die ranghöchste Kriegerin von Mona, sie war Bodicea, die Überbringerin des Sieges, und sie verlangte den Rückzug. Überall um sich herum fühlte sie den Widerstand der anderen. Nur Ardacos war einer Meinung mit ihr. Er kannte die Fehler der Ahnen besser als jeder andere, und er vertraute ihr mehr als jedem anderen. »Breaca hat Recht. Die Schlacht ist zwar verloren, aber nicht der Krieg. Die Kinder müssen am Leben bleiben und genügend von uns anderen, um ihnen zu zeigen, wie man den Göttern folgt.« Er sah sich in dem Nebel um. »Wie finden wir hier heraus?«
Keiner antwortete. Alle warteten auf Breacas Wort. Caradocs Augen, die ihren Blick gefangen hielten, waren ein weites und turbulentes Meer. Breaca fühlte, wie sie in diesem Meer ertrank, fühlte, wie die Gezeitenströme seines Geistes die Ecken und Winkel ihres Wesens durchsuchten. Voller Dankbarkeit zeigte sie ihm die ältere Großmutter und ihr ätzendes Lachen und spürte, wie er verstand. Zu den anderen sagte er:
»Wir sind von Marschland umgeben, und der Nebel ist ein Geschenk der Götter, um uns zu verbergen. Wenn wir nicht über die Spitzen unserer Speere hinausblicken können, können die Römer es auch nicht. Wenn diejenigen von uns, die hier bleiben, genug Krach machen, werden sie euch nicht gehen sehen.«
Er umschloss Airmids Arm, so wie er einst Odras’ Arm umschlossen hatte. Wie albern und töricht von mir, dachte Breaca, dass ich seine Zuneigung zu Odras jemals für mehr als nur Freundschaft gehalten habe. »Geht«, sagte er. »Breaca hat Recht. Es gibt hier nichts mehr zu gewinnen außer einem Heldentod, und das für nichts und wieder nichts, wenn alle dabei draufgehen. Geht jetzt sofort und nehmt die Kinder mit. Ich werde dafür sorgen, dass die Linie standhält. Die Legionen werden für jeden einzelnen Schritt vorwärts teuer bezahlen.« Er wandte sich zur anderen Seite um und entbot Dubornos den Kriegergruß, das erste Mal, dass er das jemals getan hatte. »Du musst mit ihnen gehen. Die Träumer brauchen den Schutz eines Kriegers. Singt später Lieder über uns.«
Dubornos’ Lächeln leuchtete förmlich im Nebel. Die Last einer jahrelangen Feindschaft hob sich von seinen Schultern. Er erwiderte Caradocs Gruß nach Art der Träumer, die höchste Ehrenbezeigung, und seine Augen waren feucht. »Das Lied ist bereits fertig.«
»Nein!«
»Ich werde dich nicht verlassen!«
Airmid und Breaca sprachen gleichzeitig. Airmids Stimme, um eine Oktave höher, war am deutlichsten zu hören. »Caradoc, du kannst nicht hier bleiben! Der Traum lügt nicht. Und dies ist dein Land. Nur du kannst uns hier herausführen. Geh jetzt mit den anderen. Die Träumer werden die Linie halten. Es ist das, wofür wir gelebt haben.«
»Was?« Breaca lachte schrill, völlig außer Kontrolle. »Airmid, bist du wahnsinnig? Was willst du denn tun? Den Legionen Krüge mit Feuer entgegenschleudern?«
»Macha hat von der Linie geträumt, und sie bestand aus Träumern.«
»Aus welchen?«
Sie stritten miteinander, stritten sich über den Traum, und die Zeit wurde immer knapper. Der Gesang der kämpfenden Trinovanter wurde schwächer, verwandelte sich in die tierähnlichen Schreie der Verwundeten und der Sterbenden. Breaca las den Schmerz über den Verrat in den Gesichtern um sie herum. Bodicea sollte nicht den Ort ihres Sieges verlassen, noch nicht einmal angesichts der sicheren Niederlage. Sie verschloss die Ohren vor dem meckernden Lachen der älteren Großmutter und hob ihre Stimme, um den Lärm zu übertönen. »Ich werde diesen Ort nicht verlassen, wenn nicht jeder Krieger, der den Schlangenspeer trägt, mit mir reitet - und auch ihre Träumer«, erklärte sie. »Wenn auch nur einer von euch bleibt, werden wir alle bleiben.«
Damit war die Sache für sie entschieden. Mehr als einer wollte bleiben, wenn er die Chance dazu hatte. Die Krieger lächelten dankend, hoben ihre Waffen und wandten sich um, um dem Feind entgegenzutreten. Der Plan starb ebenso schnell, wie er geboren worden war.
»Nein! Ihr werdet gehen, wenn man es euch sagt! Glaubt ihr etwa, dieser Nebel ist nur Zufall? Glaubt ihr das wirklich?«
Es war Macha, die da sprach. Sie stand in der Mitte der Linie der Träumer, mit dem Rücken zum Feuer, so dass das Licht einen roten Schein um ihre Gestalt warf und ihr Schatten über sie alle hinwegfiel. Ihre Stimme war gottgegeben und drang bis weit jenseits der Nebelwände vor. »Zu Zeiten Cäsars riefen Onomaris und alle die anderen Träumer Manannan an, den Gott des Meeres, und baten ihn um Beistand. Die Götter erhörten ihre Bitte und schickten ihnen den Sturm, der die Schiffe der Invasoren zertrümmerte. Und so haben wir uns abermals an Briga und an Nemain gewandt und sie angefleht, ihrem Volk zu helfen, und sie haben uns daraufhin diesen Nebel geschickt. Was hat er für einen Wert, wenn wir ihn nicht so nutzen, wie sie es uns gesagt haben?«
Caradoc sagte: »Wir werden ihn nutzen, um zu kämpfen.«
Macha richtete sich noch höher auf, von Zorn erfüllt. Ihre Stimme geißelte Caradoc und die Krieger, die zustimmend genickt hatten.
»Kämpfen? Gegen vier Legionen, die den Fluss überquert haben? Ich glaube nicht. Ihr werdet den Nebel nur dazu nutzen, um euch Ehre und Ruhm zu erkaufen und einen leichten Tod. Was kümmert es dich schon, was mit jenen passiert, die in einem Land überleben, in dem es keine Anführer mehr gibt, keine Träumer, keine Krieger, die die Schlacht tragen können! Du bist unglaublich selbstsüchtig und eigennützig! Die Götter werden dich im Tod im Stich lassen.« Zu Breaca gewandt, mit einer Stimme, die von höchster Verachtung erfüllt war, sagte sie: »Die ältere Großmutter hat ihren letzten Rest von Lebenskraft gegeben, um dir einen Traum von unermesslicher Macht zu bescheren. Es ist einzig und allein deine Entscheidung, wenn du ihn jetzt verwirfst. Erwarte nicht, dass sie sich dafür bedankt, wenn du ihr im Reich der Toten begegnest!«
Sie trat vom Feuer fort. Die Flammen knisterten und wurden kleiner. Der Nebel wurde dünner, und die Römer jubelten, als sie die Krieger sahen. Sie waren noch ungefähr ein Dutzend Speerwurflängen entfernt, und die Trinovanter, die sie aufhielten, waren kaum mehr als ein paar hundert.
Breaca betrat den Platz vor dem Feuer und fühlte die Wand von Hitze hinter sich. Ardacos hob seinen gestohlenen Schild wie einen Spiegel hoch, und sie sah ihr Bild in dem glänzend polierten Schildbuckel, eine rothaarige Gestalt vor einem roten Feuer, umkränzt von rotem Nebel. Ihr war eiskalt, und sie fühlte sich zerrissen, zerrissen durch Machas scharfe Zunge. Sie hob ihren Schild und legte die ganze Autorität der ranghöchsten Kriegerin in ihre Stimme.
»Macha hat Recht«, sagte sie klar und deutlich. »Wir müssen auf die Götter hören. Wir werden gehen, so wie sie es verlangt hat. Alle, die den Schlangenspeer tragen, werden die Pferde und die Kinder mitnehmen. Diejenigen, die das Zeichen des Sonnenhunds tragen, werden hier bleiben und kämpfen. Caradoc wird jene anführen, die von hier fortgehen.«
Der Scheiterhaufen zischte, als ob er neues Holz verschlänge. Der Nebel wirbelte und verbarg die Kampflinien erneut. Die Götter hätten nicht deutlicher sprechen können. Ein langer, klagender Seufzer ging die Reihen der wartenden Verteidiger entlang, wie die ersten Vorboten der Trauer. Breaca fühlte, wie ihr Widerstand nachließ.
Sie war allein, und sie fror schrecklich. Caradoc packte ihr Handgelenk, so wie er es in der Nacht getan hatte, beugte sich aus dem Sattel herunter und drückte seine Lippen auf ihren Kopf. Breaca wollte sprechen, aber die Worte wollten nicht kommen. Er nickte, grimmig und schweigend, und zog sein Pferd nach Norden herum. Jeder Krieger, der Breacas Zeichen trug, wandte sich um, um ihm zu folgen. Innerhalb von hundert Herzschlägen hatte der Exodus begonnen. Verwirrte Kinder mit weit aufgerissenen Augen wurden gepackt und in Sättel gehoben, ihre Stimmen so dünn wie Riedgras, als sie fragten, ob sie zu den Kämpfen mitgenommen würden. Überzählige Pferde wurden losgebunden und nahmen Träumer oder Kinder auf ihren Rücken, jeweils zu zweit oder zu dritt. In der Linie der Träumer nahmen Männer und Frauen voneinander Abschied. Von den Eceni blieben nur Macha und Gunovic. Luain mac Calma hatte sich rasch von beiden verabschiedet und ritt nun an der Spitze der Kolonne, zusammen mit Caradoc. Alles, was zwischen ihnen gesagt werden musste, hatten sie bereits in der Nacht gesagt, wohl wissend, was kommen würde. Alle, die zählten, hatten anscheinend schon davon gewusst, alle außer Breaca. Diese Erkenntnis war wie ein Messer, das nach ihrem wunden Herzen zielte. Sie trieb das Bären-Pferd vorwärts zu Macha. »Wie lange hast du schon davon gewusst?«, fragte sie.
Macha war nicht mehr zornig. In ihren Augen lag jetzt ein Ausdrucks des Friedens, wie sie ihn seit Eburovics Tod nicht mehr gehabt hatten. Ihr Gesicht glich dem Báns, ihrer Miene fehlte nur sein ständiges Staunen über die Welt. Lächelnd erwiderte sie: »Schon seit einer Weile, wenn auch nur vage. Richtig klar geworden ist es mir erst letzte Nacht.«
»Warum hast du mir nichts davon gesagt?«
»Hättest du denn auf mich gehört? Ich weiß, wie ungeheuer schwer es für einen Krieger ist, das Schlachtfeld zu verlassen. Es musste schon von den Göttern kommen, damit du es wirklich glauben würdest.« Das Bären-Pferd stupste Machas Hals an. Sie streichelte geistesabwesend sein samtiges Maul und griff mit beiden Händen nach dem Torques der Eceni, als ob das Pferd sie wieder an das Vorhandensein des goldenen Reifs erinnert hätte. Sie zog ihn ab und hielt ihn Breaca hin, während sie sagte: »Der hier gehört dir, so wie er vor dir deiner Mutter gehört hat. Trage ihn mit Stolz, und wenn der Tag kommt, an dem dein Dienst für Mona beendet ist und du wieder zu den Eceni zurückkehren kannst, regiere sie gut und mit Liebe, so wie deine Mutter es getan hat.«
Früher einmal hatte Breaca geglaubt, der Torques sei ein lebendiges Wesen, eine Schlange aus Gold, die sich in den Händen der älteren Großmutter geringelt hatte. Jetzt wand sich der Nebel um den Reif, ein Polster aus weißem Dunst, und der Torques lag wie eine geflochtene Erntekrone in der Mitte. Sie beugte sich vor und ließ ihn sich von Macha um den Hals legen. Das Gefühl, dass ihre Mutter bei ihr war, für einen flüchtigen Moment, war überwältigend. Macha sah es und lächelte. »Du wirst deine Sache ebenso gut machen wie sie, wenn die Götter es erlauben.«
Schmerz stieg in Breacas Innerem auf und setzte sich in ihrer Kehle fest. »Ihr gehört beide zu den Eceni, du und Gunovic. Ihr braucht nicht hier zu bleiben. Bitte kommt doch mit uns!«
Macha schüttelte den Kopf. »Das können wir nicht. Was glaubst du wohl, wer den Nebel aufrechterhält?«
Die Unbilligkeit schmerzte Breaca tief, und auch die Ruhe, mit der Macha ihr Schicksal akzeptierte. Verzweifelt sagte Breaca: »Unsere Götter sind nicht wie die römischen Götter. Sie verlangen nicht den Tod ihres Volkes als Preis für ihre Geschenke.«
»Ein Leben, das freiwillig hingegeben wird, ist keine Bezahlung. Einer muss hier bleiben, um den Nebel aufrechtzuerhalten, genauso wie Onomaris damals zu Cäsars Zeiten ins Meer ging, um den Sturm aufrechtzuerhalten. So ist das nun mal.«
»Das kann doch jemand anderer tun.« Breaca drehte sich suchend um und fand ein Gesicht, das sie kannte; die einzige Träumerin der Trinovanter stand nicht weit von dem Scheiterhaufen entfernt, während sich ihre Lippen in einem Bittegebet an die Götter bewegten. »Cerin bleibt hier«, sagte sie. »Sie kann den Nebel doch sicherlich aufrechterhalten, oder?«
»Nein. Ich habe ihn heraufbeschworen. Es ist meine Aufgabe, ihn weiter aufrechtzuerhalten.«
»Dann werde ich nicht fortgehen. Die Kinder sind ja in Sicherheit. Ich werde hier bleiben. Und Ardacos auch.« Er wartete ganz in der Nähe, seine Hand auf dem Zügel eines Ponys. Breaca wollte ihm ein Zeichen geben, aber Macha hielt sie davon ab.
»Breaca, nein! Verstehst du denn noch immer nicht? Es geht hier nicht nur um diese Kinder. Es geht auch um dich und Caradoc und um das Kind, das du letzte Nacht empfangen hast, und um die anderen Kinder, die du noch empfangen wirst. Es geht auch um Airmid und Braint, Dubornos und Efnís, Gwyddhien und Ardacos und die anderen, die die Kinder aufziehen und unterrichten werden. Ihr alle gemeinsam tragt den Samen der Zukunft in euch. Wenn ihr den heutigen Tag überlebt, besteht noch die Hoffnung, dass alles, was wir sind, alles, was wir haben - die Träume und die Götter, die Lieder der Vergangenheit und der Gegenwart -, überleben können. Ohne das wird Rom alles vernichten, bis unsere Kinder und Kindeskinder nur noch so wenig über uns wissen, wie wir noch von den Ahnen wissen - sogar noch weniger, denn die Träume werden nicht mehr existieren. Es wird so sein, als ob wir niemals hier gewesen wären.«
»Das könnte niemals passieren.«
»O doch, das kann durchaus passieren. Wenn du jetzt nicht gehst, dann wird es passieren. Und auch wenn du gehst, ist nichts sicher.« Macha war jetzt sehr ernst, nicht wütend, aber eindringlich. »Schwöre mir, dass du die Römer bekämpfen wirst, auf jede dir nur mögliche Art und Weise. Dass du auf den Rat der Götter hören wirst und den Visionen folgst. Dass du deine Kinder das Gleiche lehren wirst.«
Breaca legte ihre Hand auf ihr Schwertheft. »Ich schwöre es.«
Der Nebel hielt sie umfangen. Im Norden verschluckte er Kinder in großen Bissen von jeweils zehn oder auch einem Dutzend; Träumer und grimmig dreinblickende Krieger folgten ihnen. Caradoc führte sie an, weit entfernt am Kopf der Kolonne. Gwyddhien, Dubornos und Braint warteten, während sie die Entfernung zu den Römern abschätzten. Airmid war die Letzte; sie führte die graue Stute. Hail rannte dicht hinter ihr her. Gunovic stand neben Breacas Zügel und sprach mit ihrem Pferd. Sie verabschiedete sich von ihm mit dem Kriegergruß. »Danke für das Bären-Pferd. Es ist das Beste, das ich jemals geritten habe.«
Gunovic grinste, ein Bär von einem Mann, der sie gelehrt hatte, was es bedeutete, mit Inbrunst und Leidenschaft zu kämpfen, um zu gewinnen. Er sagte: »Er wird noch bessere Fohlen zeugen, wenn du ihn die graue Stute decken lässt - aber das wird er nur können, wenn du jetzt sofort aufbrichst und ihm die Chance dazu gibst. Es würde mir ganz und gar nicht gefallen, wenn die Römer die Früchte von vier Jahren Arbeit ernteten.«
»Ich gehe ja schon.« Breaca weinte, unverzeihlich auf dem Schlachtfeld. Sie beugte sich aus dem Sattel hinunter und legte ihre Hand auf Machas Arm. »Wir werden tausend Generationen lang jeden Winter von euch singen. Lass dich nicht lebend von ihnen gefangen nehmen. Und du auch nicht, Gunovic, hörst du?«
»Das wird nicht passieren. Nun geh endlich!«
Sie lenkte ihr Pferd fort von den beiden. Auf ihrer Linken starben die Letzten von Togodubnos’ Ehrengarde, und die feindliche Linie rückte weiter vorwärts, während Schwerter klirrend gegen Schilde schlugen und Stiefel den Boden aufwühlten. Die Legionssoldaten waren regelrecht blind in dem dichten Nebel, prüften vorsichtig jeden Schritt. Breaca trieb ihr Pferd zum Trott an. Airmid wartete mit der grauen Stute auf sie.
»Kann sie galoppieren?«, wollte Breaca wissen.
»Ja, wenn du ihr kein Gewicht aufbürdest. Nun komm schon, wir müssen uns beeilen - Große Götter! Cunomar, nein!«
Der Junge war in Braints Obhut gegeben worden. Die Prophezeiung seines Vaters war vergessen oder wurde ignoriert. Cunomar war als Einziger von allen, die das Zeichen des Sonnenhunds trugen, zum Aufbruch gezwungen worden. Zuerst hatte er sich störrisch geweigert, dann hatte er plötzlich nachgegeben und war der jungen Kriegerin missmutig am Scheiterhaufen seines Vaters vorbei gefolgt. Als Braint sich am Rand des Feuers bückte, um ihre Feuerspeere auf den Boden zu legen, riss Cunomar sich plötzlich los, wirbelte herum, zog blitzschnell ein brennendes Scheit aus dem Feuer und preschte mit seinem Pony an den anderen vorbei und hinaus in den Nebel.
Das Totenlied des Sonnenhunds hallte in einem hohen Knabensopran durch den milchigen Nebel und verlor auch mit wachsender Entfernung nichts von seiner Kraft. Als es einen gellend lauten Höhepunkt erreichte, leuchteten plötzlich rote Flammen im Nebel auf. Ein Pferd schrie voller Todesangst. Männer heulten überrascht auf, gerieten in Panik. Ein Kind starb unter einem Dutzend Schwertern. Macha sang das Bittgebet an Briga so deutlich, dass es weithin hörbar durch den Nebel schallte; der Gesang eines Zaunkönigs beim ersten Licht der Morgendämmerung. Die Jagdhündin, Cygfa, fiel jaulend in ihr Lied ein, ihre Schnauze in die feuchte Luft erhoben. Neben ihnen schwang Gunovic seinen Schmiedehammer und legte den ersten der Feuerspeere auf den Scheiterhaufen.
Breaca fand sich am Schwanz einer langen Kolonne von schweigenden Kriegern wieder. Vertraute Gesichter schwebten vor ihr im Nebel: Airmid und Gwyddhien, Ardacos und Braint, Dubornos und Efnís, Luain, der zurückgekehrt war, um sich zu vergewissern, dass sie alle aufgebrochen waren, die Hälfte der Ehrengarde von Mona, ein Meer von in blaue Umhänge gehüllten Eceni. Sie hievte ihren Schild hoch und hob ihn gen Himmel. Überall um sie herum wurden geballte Fäuste hochgerissen. Airmid zeigte den Weg durch die Marsch entlang zu der Stelle, wo Caradoc voranritt und ihnen den Weg in die Freiheit wies.
»Wir müssen gehen.«
Am lodernden Scheiterhaufen überdeckte der erste Gefechtslärm die Geräusche ihres Aufbruchs.
Die Herrin der Kelten
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