XXIX
Die Hütte, in die sie Togodubnos legten, war kaum
mehr als ein überdachter Windschutz, weit hinter den Kampflinien
errichtet. In allen vier Himmelsrichtungen brannten Scheiterhaufen.
Ihr Licht, das flackernd durch die Ritzen in der Hüttenwand fiel,
warf mehr Schatten als die Fackeln im Inneren. Salbeirauch
parfümierte die Luft und überdeckte die Ausdünstungen der
schweißnassen Krieger und den Fäulnisgeruch des nahenden Todes.
Togodubnos lag mit entblößtem Oberkörper da und schwitzte in der
kühlen Luft. Die Spitze des Wurfspießes steckte noch immer in
seinem Körper, hob sich schwarz gegen seine aschfahle Haut ab.
Selbst denjenigen, die keine Kenntnisse auf dem Gebiet der
Heilkunde hatten, war klar, dass es ihm nicht helfen würde, wenn
sie die Spitze entfernten. Ganz im Gegenteil. Es würde ihn
höchstens noch schneller umbringen, und seine Schmerzen würden
während der kurzen Zeit, die er noch zu leben hatte, noch schlimmer
werden. Cunmor stand neben ihm und hielt die Hand seines Vaters.
Der Junge war in der Nähe der Pferde gewesen, als die Bataver
angriffen, und hatte mitansehen müssen, wie das Pferd seines Vaters
verstümmelt und abgeschlachtet worden war. Er hatte seitdem kein
Wort mehr gesprochen, außer ein einziges Mal, um zu bestätigen,
dass er vom Tod seiner Mutter wusste.
Bei Einbruch der Dunkelheit, als es offensichtlich
gewesen war, dass die Römer an diesem Tag nicht noch einmal
angreifen würden, war Odras’ Leichnam aus dem Knäuel von gelben
Umhängen geborgen worden, die am Fluss lagen. Von den sieben
Mitgliedern des königlichen Haushalts, die an diesem Morgen in die
Schlacht geritten waren, war nur Togodubnos noch am Leben, und das
auch nur gerade noch. Überall im Lager hatte sich die Nachricht
herumgesprochen, dass er im Sterben lag. Da es wichtig war, dass
der Feind auch weiterhin glaubte, Togodubnos sei mit dem Leben
davongekommen, und da sie schließlich einen Sieg gegen eine
überwältigende Übermacht errungen hatten, der noch viele
Generationen lang an den Winterfeuern besungen werden würde,
feierten die Krieger den glorreichen Sieg dieses Tages an vielen
Lagerfeuern mit Liedern und Ale. Das Geräusch füllte die
Gesprächspausen in der Hütte, ähnlich wie das Rauschen eines
Flusses, das zwar die Seele beruhigt, aber nicht bei einer
wichtigen Unterhaltung stört.
»Sie werden nicht nur wegen dieser einen Niederlage
den Rückzug antreten. Sie werden morgen erneut angreifen und
übermorgen und jeden weiteren Tag, bis wir sie endlich zum Meer
zurückgetrieben haben.« Togodubnos sprach mit zusammengebissenen
Zähnen, von Schmerzen gepeinigt und am Ende seiner Kräfte. Sein
Leben schwand mit jedem Herzschlag dahin, und er hatte noch so viel
zu sagen - mehr, als er in der kurzen Zeit, die ihm noch blieb,
aussprechen konnte. Er umklammerte die Hand seines Bruders. »Du
musst die Krieger unbedingt zusammenhalten. Cäsar hat damals in
Gallien gesiegt, weil die Stämme sich untereinander bekämpften. Wir
haben bereits die Dobunni und die Atrebater verloren. Wir können es
uns nicht leisten, auch noch...«
»Ich weiß. Keine Angst, ich werde schon dafür
sorgen. Schon du lieber deine Kräfte. Wir haben ja schon einmal
über dieses Thema gesprochen.« Caradoc sprach betont leichthin.
Seine Miene war ruhig und unbewegt. Seine freie Hand jedoch
krampfte sich in den Falten seines Umhangs zusammen, seine
Fingerknöchel weiß von dem Druck. Nur Breaca, die neben ihm stand,
konnte es sehen.
»Gut. Kannst du...« Togodubnos brach ab, von
heftigen Schmerzen zum Innehalten gezwungen. Diejenigen, die um ihn
herumstanden, warteten, während er mühsam nach Atem rang. Er ließ
den angefangenen Satz fallen, und seine Lippen formten ein anderes
Wort. »Luain?«
»Ich bin hier.« Luain mac Calma trug die komplette
gegerbte Haut eines Reihers. Die grauen Schwingen wuchsen aus
seinen Schultern, so dass es einen fast verwunderte, dass er sich
noch nicht in die Lüfte emporgeschwungen hatte. Der Kopf des Vogels
und der lange, spitze Schnabel zierten seine Brust. Die Augen waren
durch Bernsteinperlen ersetzt worden, die in dem Rauch zum Leben
erwachten. Er trat hinter den Sterbenden und legte ihm behutsam
seine langen Finger an die Schläfen. Leise begann er das Gebet an
Briga zu sprechen und bat die Göttin, einen in der Schlacht
Getöteten in ihre Obhut zu nehmen und seine Seele zu schützen.
Macha, Maroc, Efnís und Airmid schlossen sich seinem Gebet an. Noch
nie zuvor in der Geschichte der Trinovanter war ein Sterbender von
so vielen Träumern begleitet worden.
Togodubnos schlug die Augen auf. »Ich möchte kein
solches Grab wie das, in dem mein Vater bestattet wurde… nur das
Feuer.«
»Es ist schon bereit. Wir haben für dich einen
Scheiterhaufen drüben bei dem kleinen Bach errichtet, der in den
großen Fluss mündet. Du wirst an einer Stelle ruhen, wo sich Feuer
und Wasser begegnen und die Erde auf den Himmel trifft. Es könnte
nicht besser geschehen. Briga erwartet dich. Du wirst bewaffnet und
gerüstet zu ihr gehen, mit Pferd und Harnisch und so viel Proviant,
wie wir dir mitgeben können.«
»Und Odras?«
»Odras erwartet dich ebenfalls. Sie liegt schon auf
dem Scheiterhaufen bereit.«
»Ich danke euch.« Schweiß rann über sein Gesicht.
Sein Atem ging mühsam und stoßweise, und dann schien er völlig
auszusetzen. Sie dachten schon, Togodubnos sei hinübergegangen,
doch nach einer Weile öffnete er wieder die Augen, drehte den Kopf
zur Seite und lächelte den Jungen an, der seine linke Hand hielt.
»Cunomar... bleib bei deinem Onkel Caradoc. Er wird dich wie einen
eigenen Sohn lieben.«
»Das tut er jetzt schon«, sagte Caradoc
leise.
Der Junge ignorierte beide. Er starrte an seinem
Vater vorbei auf die Stelle jenseits des Feuers, wo der Türvorhang
beiseite geschoben worden war. Dort klaffte eine Lücke, frei
gelassen für den aus dem Leben scheidenden Geist Togodubnos’, damit
er seinen Weg in die Freiheit finden konnte, ohne von den Lebenden
behindert zu werden. Verhalten und freudig überrascht sagte der
Junge: »Mutter?«
Caradoc ging vor dem Jungen in die Hocke und sagte:
»Cunomar, mein Sohn, deine Mutter war die beste Kriegerin weit und
breit. Sie gab ihr Leben für...«, doch Airmid berührte ihn am Arm,
um ihn zum Schweigen zu bringen, und Togodubnos hob plötzlich den
Kopf und lächelte, als ob die Sonne ihr Antlitz in der Dunkelheit
gezeigt hätte. »Odras... du bist gekommen.« Sein Kopf fiel wieder
auf die zusammengerollte Decke hinter ihm zurück. Seine Lippen
bewegten sich geräuschlos, formten stumme Worte der Begrüßung und
der Liebe. Er horchte eine Weile, als ob eine Stimme zu ihm
spräche, die nur er hören konnte, dann drehte er sich zu seinem
Sohn um und lächelte unter Tränen. »Cunomar, wir werden am Fluss
auf dich warten.«
Er starb, als seine letzten Worte die Lebenden
erreichten. Das Kind nickte, zufrieden mit der Antwort, ohne ihren
wahren Sinn zu verstehen, und brach dann plötzlich in heftige
Tränen aus, als er begriff, dass sein Vater tot war. Die
Erwachsenen, die stumme Blicke tauschten, ehrten die
dahingeschiedenen Seelen und sprachen nicht.
Sie verbrannten Togodubnos’ Leiche zusammen mit
Odras’ auf dem wartenden Scheiterhaufen. Auf dieser Seite des
Flusses gab es reichlich Feuerholz, noch vermehrt durch den Wald
von gefällten Baumstämmen, den sie vor der Schlacht vom anderen
Ufer herübergeflößt hatten. Die Siegesfeuer und die Scheiterhaufen
für die Toten, die überall im Lager brannten, waren für Beobachter
aus der Ferne nicht zu unterscheiden; ein weiteres Feuer würde also
keinen Verdacht unter den Römern erregen. Caradoc hatte bereits
einen schwarzhaarigen Riesen von den Trinovantern ausgewählt, der
einen Helm und einen Schild trug, die ähnlich wie die des
Verstorbenen waren. Um all jene zu täuschen, die vielleicht vom
feindlichen Lager aus zuschauten, stimmte er die Lieder zu Ehren
der Gefallenen an und dann andere zur Feier des Sieges über den
Feind. Der Großteil der Krieger gesellte sich für eine Weile dazu,
dann gingen sie wieder auseinander, um an ihren eigenen Feuern zu
sitzen oder sich schlafen zu legen.
»Du solltest schlafen.«
»Das denke ich nicht. Morgen werde ich vielleicht
den ewigen Schlaf schlafen. Warum also jetzt die Nacht mit schlafen
vergeuden?«
»Dann solltest du wenigstens etwas essen. Du kannst
nicht mit leerem Magen kämpfen.«
»Ich habe keinen Hunger.« Breaca hatte eigentlich
vorgehabt, allein am Flussufer entlangzuwandern, aber Caradoc hatte
sich ihr angeschlossen. Sie waren die Einzigen, die noch auf den
Beinen waren. Die Träumer hatten sich an ihren Versammlungsort
zurückgezogen und ein Eingreifen der Götter am nächsten Morgen
versprochen, wenn sie sie denn dazu bewegen konnten. Braint,
Dubornos und Gunovic hatten sich zur Ruhe begeben; sie hatten
Cunomar mitgenommen und sich mit ihrem Leben für seine Sicherheit
verbürgt. Wenn Togodubnos die Wahrheit gesagt hatte, würde der
Junge sterben; die Toten können nicht lange auf die Lebenden
warten, doch diejenigen, die ungestraft geblieben waren, würden
darauf achten, dass er nicht unnötig starb oder aus Mangel an
Fürsorge. Die übrigen Krieger waren einzeln oder zu zweit zu ihren
Feuern gegangen und hatten sich in ihre Schlafdecken gerollt. Auf
beiden Seiten des Flusses waren Feuer mit Asche bedeckt worden,
damit sie langsamer brannten und so die ganze Nacht über halten
würden. Der Wind hatte nachgelassen, und ein dünner Nebel
verschleierte den Mond und die Sterne.
Breaca und Caradoc wanderten schweigend am Ufer
entlang, da sie nichts zu sagen hatten. Caradoc hatte sein
Kettenhemd und den farbenprächtigen Heldenumhang inzwischen
abgelegt. Er trug jetzt die Farben der Ordovizer, mit einer
schlichten Tunika darunter. Es gefiel ihm besser so. Breaca hatte
nur ihren Kettenpanzer abgelegt, aber sonst nichts.
Sie trat über einen gefallenen Krieger hinweg und
bückte sich, um nachzuprüfen, ob er wirklich tot war. Langes,
goldbraunes Haar fiel auf ihre Hand. Sie strich es behutsam zurück,
um das Gesicht einer Frau zu enthüllen, verunstaltet durch einen
tödlichen Schwerthieb, der unterhalb eines Wangenknochens in den
Schädel eingedrungen war und dabei Knochen und Zähne freigelegt
hatte. Ihre leblose Hand hielt noch immer ihren Speer umklammert.
Die Spitze ihres Speers war tief in der Lende eines römischen
Legionssoldaten vergraben.
»Das ist Lanis«, sagte Caradoc. Lanis war eine von
den dreißig gewesen, die in jener lange zurückliegenden Nacht auf
Mona gegen die Träumer gekämpft hatten. Caradoc konnte das nicht
vergessen. Er kniete sich neben sie.
Breaca nickte. »Sie hat sich geduckt, um den Speer
tief unterhalb seiner Rüstung in seine Lende zu stoßen. Der Mann zu
seiner Rechten muss ihr den tödlichen Schwerthieb versetzt haben,
als sie für einen Moment ihre Deckung vernachlässigte.«
»Sie hat einen Feind mit sich in den Tod gerissen.
Das ist das, was zählt.«
»Sie hat noch erheblich mehr als nur diesen einen
getötet. Sie hat die Römer von dem Tag an bekämpft, an dem sie an
Land gegangen sind. Sie hat allein bei dem gestrigen Überfall aus
dem Hinterhalt drei Männer getötet. Ich dachte, sie hätte sich mit
den Kampfmethoden der Römer besser ausgekannt, als dass es ihnen am
Ende doch noch gelingen würde, sie zu überrumpeln.«
Breaca zog den Speer aus dem Leichnam des Römers
heraus und legte ihn neben die Kriegerin. Hinter ihr lag ein in den
Schlamm getretener grauer Umhang. Gemeinsam zogen sie den Umhang
heraus und hüllten die Tote darin ein, dann legten sie sie gerade
hin, mit dem Kopf nach Westen, der Nacht und Briga zugewandt.
Breaca stimmte das Bittgebet für die in der Schlacht Gefallenen an.
Caradoc barg den Schild der Toten und wusch ihn im Fluss sauber, so
dass das Zeichen des Schlangenspeers wieder zum Vorschein kam, rot
auf schwarzem Untergrund. Voller Respekt schob er den Schild unter
Lanis’ Kopf. Die Kriegerinnen und Krieger von Mona hatten wie Wölfe
gekämpft, um den Fluss zu halten und den Sturmangriff der Zweiten
zurückzuschlagen. »Es tut mir Leid«, sagte er. »Sie war eine gute
Freundin.«
»Sie waren alle gute Freunde, und es tut uns allen
Leid. Wenn wir unsere Sache morgen nicht besser machen als heute,
wird es uns noch sehr viel mehr Leid tun.« Breaca war müde und
erschöpft und hatte zu viele sterben sehen, die ihr ans Herz
gewachsen waren, um sich die Mühe zu machen, ihre Worte den
Lebenden zuliebe zu mildern. Das Feuer in ihrer Seele war
erloschen, zusammen mit der Kampfwut und der Siegessicherheit. Sie
konnte noch einen Tag kämpfen und noch viele weitere Tage -
vorausgesetzt, dass sie noch so lange lebte -, aber sie war sich
nicht mehr sicher, ob sie auch siegen konnte. Ihr einziger Trost
war, dass die Legionen, die neben schwach glimmenden Feuern
schliefen, noch deprimierter sein würden.
Caradoc erhob sich, als sie es tat, und folgte ihr
auf einem Weg, der vom Fluss wegführte. »Wir werden unsere Sache
morgen besser machen«, sagte er beschwichtigend. »Und du solltest
wirklich etwas essen, auch wenn du nicht hungrig bist.«
»Später. Nachdem wir nach den Pferden gesehen
haben.«
Das Bären-Pferd war das Erste in der Reihe. Sie
stellten fest, dass der Hengst gut versorgt war und gerade Heu
fraß. In der Nähe schlief eine Schar von Eceni-Kindern mit ihren
Kardätschen neben sich, ähnlich wie Krieger, die stets in
Reichweite ihrer Schwerter schlafen. Ein Dutzend bewaffneter
Krieger hielt Wache, für den Fall, dass die Bataver wieder
angriffen. Breaca und Caradoc nickten den Männern schweigend zu, um
die Kinder nicht zu wecken.
Am Ende der Reihen war eine gescheckte Stute
angebunden, die auf einen Hinterhuf gestützt schlief. Das Zeichen
des Schlangenspeers war mit roter Farbe auf das schwarze Fell an
ihrer Schulter gemalt worden. Es begann bereits zu verblassen, aber
nicht so stark, dass es nicht mehr sichtbar war. Breaca sagte:
»Dein Kavalleriepferd hat gelahmt. Ich habe das gesehen, als wir
zurückgeritten sind. Du wirst für morgen ein neues Pferd brauchen.
Diese Stute hier war Lanis’ Ersatzpferd. Sie wäre bestimmt gut für
dich geeignet, aber zuerst müssen wir noch Zaumzeug für dich
finden. Ihres wurde zerrissen, als...«
»Nein.« Caradoc griff nach ihrem Arm. »Breaca, hör
auf. Ich habe noch ein anderes Pferd, und das Geschirr ist in
Ordnung. Wenn ich danach noch ein Pferd brauche, werde ich dieses
hier mit Freuden nehmen, aber jetzt musst du erst einmal aufhören
und zur Ruhe kommen. Und wenn du schon nichts essen willst, dann
musst du wenigstens Wasser trinken. Man trocknet regelrecht aus,
wenn man kämpft, und man trinkt auf einem Schlachtfeld nie genug,
um den Flüssigkeitsverlust zu ersetzen.«
Sie hatte jedes Mal getrunken, wenn die Kinder ihr
Wasser angeboten hatten, und sie hatten ihr jedes Mal welches
angeboten, wenn sie eine kurze Verschnaufpause eingelegt hatte. Und
dennoch war es nie genug, um die Körperflüssigkeit zu ersetzen, die
in der wilden Hitze des Kampfes verloren ging, oder - noch
schneller - aufgrund von Wunden. In der Zeit, die seit dem letzten
Gefecht verstrichen war, hatte Breaca nicht darüber nachgedacht;
die Erschöpfung hatte sie schwindelig gemacht und immun gegen
Schmerzen oder Durst. Jetzt, wo Caradoc sie daran erinnerte,
stellte sie jedoch fest, dass sie völlig ausgedörrt war; ihre Zunge
fühlte sich wie ein Stück getrocknetes Leder an, und ihre Stimme
raspelte wie eine Feile in ihrer Kehle. Widerstrebend nickte sie.
»Du könntest R…«
Sie hielt abrupt inne. Das Einzige, was Caradoc
getan hatte, war, den Kopf schief zu legen. Er stand neben ihr im
Schein des Feuers. Seine Augen waren von derselben Farbe wie das
Flusswasser, und sein Haar nahm das Licht des Feuers an. Er zog
eine Braue hoch. »Ich könnte Recht haben?«
Er kannte sie zu gut, und sie ihn. Die Barrieren
zwischen ihnen, so sorgfältig aufrechterhalten, waren plötzlich
verschwunden. Erinnerungen stürmten auf Breaca ein, stachen wie mit
Messerklingen in ihr Herz.
»Nein. Danke.« Sie befreite ihren Arm aus seinem
Griff und strebte auf die Hütte zu, die für sie erbaut worden war.
Caradoc folgte ihr, lief dicht hinter ihr her, so wie Hail es hätte
tun sollen. Sie blieben gemeinsam vor der Tür der Hütte stehen, und
es sah ganz danach aus, als würde er versuchen, ihr ins Innere zu
folgen.
Sie drehte sich um, versperrte ihm den Weg. »Tagos
hat sich früher immer so an meine Fersen geheftet. Von dir hätte
ich das nicht gedacht.«
»Nein?« Er blickte ihr forschend ins Gesicht. Die
trockene Belustigung war aus seinem Ausdruck verschwunden, ersetzt
durch etwas Sanfteres und Bedrohlicheres. Mit dem Humor konnte
Breaca wesentlich besser umgehen als mit der liebevollen
Fürsorglichkeit, die er plötzlich an den Tag legte. »Du hast mir
und meinen Freunden das Leben gerettet«, sagte er. »Habe ich da
nicht das Recht, mich ein bisschen um dich zu sorgen?«
»Aber ich habe Odras nicht für dich gerettet. Es
tut mir Leid.« Der Schmerz machte sie bitter. »Und ich habe mich
auch nicht um die Mutter deiner Tochter gekümmert. Hat sie den Tag
durchgestanden?«
»Ach.« Er kaute auf seiner Unterlippe. Es war das
erste Mal, dass sie ihn unsicher erlebte. Er trat an ihr vorbei, um
den Türvorhang hochzuheben, und spähte in die Hütte. »Hast du da
drinnen Wasser?«
»Ich weiß es nicht.«
»Dann lautet die Antwort nein. Breaca, komm da
weg!« Er nahm ihren Arm und hielt ihn in einem Griff, aus dem sie
sich nur auf unwürdige Art und Weise wieder hätte befreien können.
»Dort drinnen ist es dunkel, und der Rauch hat die ganze Luft
aufgezehrt. Es ist eine schöne Nacht. Der Nebel ist nicht kalt, und
draußen wirst du dich besser fühlen.«
Sie ließ sich von ihm führen, weil sie einfach
nicht mehr die Willenskraft aufbrachte, sich gegen ihn zu wehren.
Er führte sie an dem Scheiterhaufen seines Bruders vorbei zu einer
Stelle weit jenseits davon, wo ein einsames Lagerfeuer unter einer
Buche brannte. Auf einem flachen Stein neben dem Feuer stand ein
Krug mit Wasser, und ein Bündel enthielt Schüsseln mit Käse und
kaltem Fleisch und gerösteten Gerstenkörnern. Der schmackhafte
Geruch stieg zusammen mit dem Rauch des Feuers auf und tilgte den
letzten Rest der Schlacht. Hunger explodierte in Breacas Innerem
und ein mörderischer Durst. Caradoc ließ ihren Arm los und breitete
seinen Umhang auf dem Boden aus. Ein weiches Bärenfell unter dem
Umhang versprach dem Schlafenden noch mehr Bequemlichkeit. »Mein
Feuer«, sagte er schlicht. »Ich würde mich geehrt fühlen, wenn du
mir Gesellschaft leistetest.«
Sie setzte sich hastig, solange sie noch die
Kontrolle über ihre Gliedmaßen hatte. Er reichte ihr Wasser und
Fleisch und schaute kommentarlos zu, wie sie aß und trank. Als es
klar war, dass das Essen für zwei reichen würde, setzte er sich ihr
gegenüber und bediente sich ebenfalls, zerbrach den Käse zwischen
seinen Handflächen und teilte die Brocken mit ihr. Als sie ihre
Mahlzeit beendet hatten, lehnte er sich gegen den Baum zurück, und
sie saßen eine Weile schweigend zusammen.
»Airmid lebt noch«, sagte er schließlich. »Das muss
ein gutes Zeichen sein.«
»Das ist es ganz sicher.« Sie war schon lange vor
Mona an Airmid gebunden gewesen, und das, was sie miteinander
verband, war sehr viel enger als alles andere. Die Bande hatten
sich den Tag über zwar gedehnt, waren aber nicht zerrissen. Breaca
wusste ohne jeden Zweifel, dass sie es instinktiv gefühlt hätte,
wenn Airmid gestorben wäre, dass sie dann jegliche Beherrschung
verloren hätte und dorthin gegangen wäre, von wo weder Ardacos noch
Braint sie jemals wieder hätten zurückholen können - und dass sie
mit ihrem Leben dafür gebüßt hätte. »Wenn sie nicht mehr am Leben
wäre, wäre ich jetzt auch tot«, erwiderte sie.
»Ich weiß.«
Caradoc legte einen Ast in die Flammen, einen
alten, trockenen, mit Flechten überzogenen Ast, so leicht brennbar
wie verdorrtes Gras. Frische Flammen züngelten um ihn herum. Er
beobachtete Breaca durch die Flammen hindurch. »Cwmfen bleibt im
Land der Ordovizer bei Cygfa, unserer Tochter, und ihrem neu
geborenen Sohn. Sie ist nicht zusammen mit den Kriegern der
Streitaxt hinausgeritten, als sie Togodubnos’ Aufruf gefolgt
sind.«
Breaca war zu erschöpft, um schockiert oder wütend
zu sein, und sie hatte auch nicht länger das Recht, über sein Leben
Bescheid zu wissen, so wie sie es einst geglaubt hatte.
Andererseits hatte er aber auch kein Recht, sie mit den
Einzelheiten zu belasten; es sprengte die Grenzen ihrer Abmachung.
Steif sagte sie: »Ich wusste gar nicht, dass du einen Sohn
hast.«
»Ich habe keinen Sohn.« Er lächelte. »Der Vater des
Jungen reitet jetzt in meiner Ehrengarde. Ich habe geschworen, dass
ich sein Leben unter Einsatz meines eigenen schützen werde. Heute
hast du es für mich gerettet.«
»Ich verstehe.« Der Ast knackte in der Hitze des
Feuers. Das Essen wärmte ihren Bauch. Andere Empfindungen regten
sich in ihrem Inneren, unerwartet und gefährlich. Sie spürte
Caradocs Nähe wie eine zarte Berührung auf ihrer Haut, eine
Berührung, die sie dahinschmelzen ließ. Vorsichtig sagte sie: »Du
hast zu viele Monate im Land der Catuvellauner verbracht?«
»Ja, und außerdem wusste sie, dass mein Herz einer
anderen gehört.«
Die Regungen erstickten schlagartig, wie in
eiskaltem Wasser ertränkt. Gepresst sagte sie: »Odras. Es tut mir
so Leid. Wenn ich eher gewusst hätte, dass sie in Gefahr
war...«
»Nicht Odras. Sie war schon immer Togodubnos
versprochen, schon von frühester Jugend an. Wir waren nichts weiter
als gute Freunde; sie war die Schwester, die ich nie hatte. Sie war
nie meine Geliebte.«
»Aber du hättest sie gerne zur Geliebten
gehabt.«
»Vielleicht, als ich noch sehr viel jünger war,
aber sie wollte es nicht. Sie war sehr freundlich, aber auch sehr
bestimmt. So etwas muss von beiden kommen, sonst ist es wertlos. Du
weißt das doch.«
Sie hob mit einem Ruck den Kopf. Die Veränderung
war in seiner Stimme und in seinen leuchtenden, vom Licht des
Feuers erhellten Augen. Er sagte es abermals, um jeden Zweifel
auszuräumen. »Das Verlangen muss von beiden kommen, Breaca. Es
reicht nicht, wenn der eine nicht mit dem Herzen dabei ist. Das
weißt du doch.«
»Ja.« Ihre Kehle war noch immer zu trocken. Sie
fühlte sich genauso wie in Augenblicken tödlicher Gefahr, wenn die
Zeit im Schneckentempo verrann und sich ein Herzschlag über eine
halbe Ewigkeit hinzog. Sie hätte über das Feuer hinweggreifen und
ihn berühren können. Er hätte das Gleiche tun können. Doch keiner
von ihnen rührte sich.
»Lanis war Ardacos’ Geliebte«, sagte sie. »Das ist
der Grund, weshalb ich losgegangen war, um nach ihr zu suchen. Er
kümmert sich um Cunomar und kann nicht allein losgehen. Außerdem
glaube ich, er möchte seine Kräfte für morgen schonen. Ich hätte
Airmid darum gebeten, aber sie kann die Träumer nicht verlassen,
nicht in einer Nacht, in der sie die Götter um Beistand für ihr
Volk bitten...« Sie sprach nur, um die Stille auszufüllen. Caradoc
erwiderte nichts. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich, bis
Breaca es nicht mehr ertragen konnte.
»Caradoc...«
Er zog seinen Umhang von dem Bärenfell fort. Der
Pelz schimmerte bernsteingelb im Schein des Feuers. »Der Bär hat
Platz für zwei«, sagte er, und er war plötzlich so schüchtern wie
ein Kind. »Wenn du auf das Fell kommen würdest, wüsste ich, dass
das Verlangen nicht nur einseitig ist, sondern von uns beiden
empfunden wird.«
Sie hatte sich von ihrem Platz erhoben und stand
jetzt reglos da, unfähig, sich ihm zu nähern. »Weißt du das denn
nicht schon längst? Wie konntest du das nicht wissen? Hast du Mona
vergessen?«
»Nein, wie könnte ich das jemals vergessen? Aber
ich habe auch nicht dein Verhalten in der Grabkammer meines Vaters
vergessen oder auf einem gewissen Hügel, als wir den Atrebatern
gegenüber standen. Du kannst einem wirklich Angst einjagen, wenn du
wütend bist.« Er lächelte schwach, um zu zeigen, dass seine Worte
nicht wirklich ernst gemeint waren. »Und außerdem hasst Airmid
mich. Wie könnte ich Marocs Lieblings-Träumerin beleidigen?«
»Airmid?« Das Gelächter, das in ihrer Kehle
aufstieg, löste ihre innere Erstarrung und trieb sie vorwärts. Sie
trat um das Feuer herum. »Airmid hasst dich nicht. Sie sagt mir
schon seit Jahren, dass die Götter dich und mich zu einem
bestimmten Zweck zusammengeführt hätten. Ich dachte, sie sagte das
nur, weil es das war, was ich hören wollte.«
»War es tatsächlich das, was du hören
wolltest?«
»O ja.« Sie beugte sich vor und berührte seine
Handfläche, und seine Finger schlossen sich um die ihren. Hitze
schoss wie ein Blitz ihren Arm hinauf, raubte ihr den Atem. »Von
Anfang an, ja.«
»Dann ist es ja gut, dass wir das jetzt wissen, wo
es noch nicht zu spät ist.«
Der Tod und die Schrecken des Tages waren
vergessen. Sein Lächeln war wieder das übermütige Grinsen eines
Jungen an einem Fluss, der die Götter herausforderte. Es verlieh
ihrem Herzen Flügel und hob es in den siebten Himmel empor; es zog
die Haut von ihrem Körper, so dass jedes Nervenende sich
schmerzlich nach seiner Berührung sehnte; es sprengte die letzten
Fesseln selbst auferlegter Zurückhaltung, so wie die ersten
Überschwemmungen des Frühjahrs den Damm eines Kindes aus Stöcken
und Stroh sprengen und mit sich reißen.
Zitternd streckte sie die Hand aus und zeichnete
die Linie seiner Lippen mit ihren Fingern nach, von dem Bedürfnis
getrieben, den Augenblick zu verlängern und bis zur Neige
auszukosten, eine Ewigkeit der Freude an ihren Fingerspitzen zu
spüren, so wie sie auf dem Schlachtfeld die Ewigkeit des Todes
fühlte. Caradoc umfing ihr Handgelenk und drehte es herum und
küsste die zarte Haut auf der Innenseite, wo ihr Puls in einem
neuen Rhythmus raste, der sich veränderte, als er seinen Mund auf
ihren presste und dann zärtlich mit seinen Zähnen an ihren Lippen
zu knabbern begann. Breaca vergrub ihre Finger in der goldenen
Seide seines Haares, ließ ihre Hände liebkosend über seinen Hals
und seine Schultern wandern, bis sie schließlich, eng umschlungen,
auf das Bärenfell hinunterglitten. Die Nacht war warm, der Pelz
unter ihnen weich und behaglich.
Es war in jeder Hinsicht und zugleich in keiner so,
wie sie es sich vorgestellt hatte. Caradoc war ein geschickter
Liebhaber, aber nicht bei ihr; sie war an andere Rhythmen gewöhnt.
Sie kämpften darum, ihre Kleider abzustreifen und ihre Privatsphäre
zu wahren an einem Ort, der auf der Nordseite des Flusses lag, in
Hörweite jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes, die noch am
Leben waren. Beide hatten die verzweifelten Liebesakte anderer
Kriegerinnen und Krieger beobachtet, die durch die gemeinsam
erlebte Nähe des Todes nach der Schlacht zusammengefunden hatten;
sie hatten das Bedürfnis, nicht der gleichen Verzweiflung anheim zu
fallen, sondern sich in Muße zu lieben, unbeobachtet vom Rest der
Welt. Die Götter lächelten auf sie herab und schickten den Nebel,
um sie einzuhüllen und die Welt um sie herum auszusperren. Später,
als der Nebel noch immer dicht war, hätte die Welt sich an sie
heranschleichen können, um zuzuschauen, und sie hätten nichts davon
bemerkt.
Breaca hatte nicht das Bedürfnis zu schlafen.
Nebelschwaden wirbelten um sie herum, von den Farben des Feuers
erfüllt. Sie lag mit Caradoc unter dem Umhang, eingehüllt in den
moschusartigen Duft ihres Liebesspiels, während sie ihn eingehend
erforschte. Sie fand und zählte die Narben auf seinem Körper,
während sie die jeweilige Waffe benannte und die Fehler, die er
gemacht hatte, die überhaupt erst zu diesen Verletzungen geführt
hatten. Er gab seine Fehler zu und tat dann das Gleiche bei ihr, um
schließlich auf dem Zeichen des Schlangenspeers innezuhalten, das
in die Haut ihres Unterarms eintätowiert war. Er zeichnete das
Symbol zart mit der Fingerspitze nach, eine Berührung, die
bewirkte, dass sich die feinen Härchen in ihrem Nacken
aufrichteten. »Als wir uns das erste Mal begegnet sind, hast du
diese Tätowierung noch nicht gehabt, und auch nicht in der Nacht
der Kriegerprüfung.«
»Nein. Maroc hat den Schlangenspeer erst später
eintätowiert, nachdem ich zur ranghöchsten Kriegerin ernannt worden
war. Er hatte einen Traum und sagte, ich sollte das Zeichen an
einer Stelle tragen, wo es zu sehen sein würde, auch wenn ich
meinen Schild nicht dabei hätte. Er wollte mir aber nicht den
Inhalt seines Traums erzählen.«
»Der Schlangenspeer ist jetzt jedermanns
Kampfzeichen, hast du das gewusst? Ich habe gestern Abend gesehen,
wie die Krieger ihn auf ihre Schilde malten; das Symbol des
sicheren Sieges. Wir werden morgen mit seinem Schutz kämpfen - oder
vielmehr heute.« Sie hatten den Krieg vollkommen vergessen. Jetzt
kehrte er plötzlich wieder in ihr Bewusstsein zurück und
vernichtete die Freude. Caradocs Blick umwölkte sich. »Lass dich
nicht von ihnen töten.«
»Das hatte ich eigentlich auch nicht vor.«
»Es sei denn, sie töten Airmid.« Es war nur halb im
Scherz gesagt.
»Oder dich.« Seine Hand lag noch immer auf ihrem
Arm, bedeckte das Traumzeichen. Breaca hatte ihn bereits auf ein
solches Zeichen hin erforscht und keines gefunden; sie hatte im
Grunde auch nicht erwartet, eines zu finden. »Du hast keinen Traum,
kein Zeichen auf deinem Schild«, sagte sie. »Wie kann der Krieger
der Drei Stämme keinen Traum haben?« Sie hatte ihn das schon immer
fragen wollen, hatte aber nicht das Recht dazu gehabt; nur nahe
Verwandte oder Geliebte durften etwas so Persönliches fragen. Das
Wissen, dass sie jetzt das Recht dazu hatte, ließ Breaca abermals
dahinschmelzen, und sie beugte sich über ihn und küsste ihn
zärtlich. Ihren warmen Atem trinkend, sagte er: »Mein Traum ist der
Adler.«
»Natürlich.« Sie hätte das eigentlich wissen
müssen. Er war davon durchdrungen, war bis in den Kern seines
Wesens davon erfüllt. Sie erinnerte sich wieder an die
triumphierende Freude, die sie fühlte, als sie geglaubt hatte, der
Adler könnte ihre Vision sein. Sie umarmte Caradoc fest und drückte
ihn an sich. »Dein Vater hätte sich gefreut«, sagte sie.
»Mein Vater glaubte nicht an Träume. Du vergisst,
dass er erst sehr spät in seinem Leben zu Luain fand. Er verbot den
Gebrauch des Zeichens, als er noch Gewalt über mich hatte. Als ich
mich dann von seinem Einfluss freigemacht hatte, war es zu spät.
Amminios hatte von meiner Vision erfahren und machte eine Waffe
daraus.«
Entsetzt erinnerte Breaca sich wieder. »Seine
Männer trugen das Zeichen des Kampfadlers.«
»Ja. Wenn du so für deinen Bruder empfinden
würdest, wie ich für meinen empfinde, und wüsstest, dass seine
gedungenen Mörder das Zeichen deines Traumes stolz zur Schau
tragen, würdest du es dann auf deinen Schild malen wollen? Außerdem
brauchen wir es jetzt nicht mehr.« Er stützte sich auf einen
Ellenbogen und streckte die Hand nach ihr aus, um seine Finger
liebevoll in ihrem Haar zu vergraben. »Bodicea. Siegesbotin.« Er
sprach das Wort in dem besonderen Tonfall eines Sängers, so dass
sie bereits zu einer Heldin wurde, von deren Ruhmestaten am Feuer
gesungen wurde, und dann sagte er es noch einmal, in einem anderen
Ton, auf eine Art und Weise, die es zu einer privaten Sache machte,
die zwischen ihnen beiden bleiben musste.
Sie runzelte die Stirn über diese Anmaßung vor den
Göttern, und Caradoc grinste, strich die Falten auf ihrer Stirn
sanft mit seinem Daumenballen glatt, bevor er sich wieder
zurücklehnte und seinen Schild aus dem Stapel von Waffen hinter dem
Baum herauszog. »Hier, siehst du, wir alle haben dein Zeichen
übernommen, nicht nur die Krieger deiner Ehrengarde.« Der Schild
bestand aus mit Bullenleder bespanntem Weidenholz und konnte einem
Axthieb standhalten, ohne zu zerbrechen. Am Tag war er noch weiß
gewesen. Jetzt hob sich der Schlangenspeer in leuchtendem Rot von
einem grauen Untergrund ab, genauso wie auf Breacas Schild.
Caradoc lächelte trocken, so wie er es früher oft
getan hatte; er kannte die Stellen in ihrem Inneren, die
schmerzten, und er kannte auch die Gründe dafür. »Ich hatte heute
Abend einen von deinen Leuten gebeten, das Zeichen für mich
aufzumalen. Wenn wir siegen wollen, dann müssen wir unter einem
einzigen Traum kämpfen, nicht unter vielen verschiedenen. Wenn wir
sterben sollten, würde ich lieber unter deinem Zeichen sterben als
unter meinem.«
»Caradoc...« Es war ein Geschenk, das er ihr
bereits gemacht hatte, noch bevor sie zusammengekommen waren, und
daher noch umso kostbarer. Sie war so gerührt, dass sie kein Wort
hervorbringen konnte. Sie zog ihn in ihre Arme, um ihre
Sprachlosigkeit zu verbergen, und ließ ihn auf andere Weise wissen,
wie tief er sie bewegt hatte.
Eine Weile später, als er noch immer tief in ihrem
Schoß vergraben war, sagte sie: »Unser Sohn wird aber doch seinen
eigenen Traum haben dürfen, nicht wahr?«
Caradoc wich verblüfft zurück. »Wir werden einen
Sohn haben? Kannst du das schon so früh spüren?«
»Nein. Aber Airmid hat es mir schon vor Jahren
gesagt. Ich möchte ihr gerne glauben.«
Er stieß einen gedämpften Laut des Triumphs aus.
»Dann sollten wir einen Namen für ihn finden, einen, auf den er
stolz sein kann; wir sollten ihn vielleicht nach einem derjenigen
benennen, die in der gestrigen Schlacht besonders tapfer gestorben
sind.«
»Oder nach einem, der in der heutigen Schlacht
sterben wird.« Breaca war sehr ernst. Die Zeit zum Kämpfen nahte
wieder, und zumindest ein Todesfall war vorhergesagt worden. Das
erste Licht der Morgendämmerung ließ die Farbe der Nacht
verblassen. Der Nebel verdichtete sich mit dem heraufziehenden Tag.
Breaca strich Caradoc das Haar aus der Stirn, drückte einen letzten
Kuss auf seine Lippen und wand sich unter dem Umhang hervor. Als
sie vor ihm stand, sagte sie: »Er hat schon einen Namen. Airmid hat
ihn in dem Traum erfahren, der von seiner Empfängnis
erzählte.«
Caradocs Miene war vollkommen reglos, seine Augen
aufgerissen und starr. »Ist es mein Name?«
»Nein. Wenn ich am Leben bleibe, um unseren Sohn
zur Welt zu bringen, wirst auch du am Leben bleiben, um ihn
großzuziehen.«
Wenn. Nichts ist sicher, außer dass einige
überleben und andere sterben werden. Selbst der beste Traum zeigt
nur einen Weg unter vielen. Das hatte Maroc gesagt. Sie hielt
es jedoch nicht für notwendig, Caradoc davon zu erzählen.
Sie zogen gerade wieder ihre Kettenhemden über und
schnallten sich ihre Schwertgürtel um, als Caradoc plötzlich ihr
Handgelenk packte und sie zu sich herumzog. »Wer ist es, Breaca?
Welchen Namen hat Airmid ihm gegeben? Wessen Leben ist bereits
verwirkt?«
»Cunomars.«
Die erste Warnung vor dem Angriff erfolgte durch
die Hunde. Diejenigen am äußersten westlichen Rand des Lagers
bellten plötzlich laut und aufgeregt, ähnlich wie auf der Jagd,
wenn sie Wild gewittert hatten, und kurz danach stimmten die
Übrigen in ihr Gebell ein. Krieger, die erst aufgewacht und noch
damit beschäftigt gewesen waren, sich anzukleiden oder ihre
Notdurft zu verrichten, sammelten hastig ihre Waffen ein und
stürzten los, um ihre Pferde aufzuzäumen. Breaca, die gerade ihr
Bären-Pferd sattelte, blickte über ein Meer von vom Schlaf
zerzausten Köpfen hinweg. Der Nebel war inzwischen noch dichter
geworden. Im Osten lag eine kränklich rosa angehauchte Nebelbank,
die dem Sonnenaufgang trotzte. Der Westen war noch in Dunkelheit
getaucht. Hunderte Feuer flackerten an den Rändern des Lagers,
rosige Lichtpunkte in dem milchigen Nebel. Jenseits der Feuer,
zwischen dem Gestrüpp und den spärlichen Bäumen, verbarg eine
schattenhafte Linie den Boden. Das Bären-Pferd stellte die Ohren
auf und wieherte. Irgendwo in der Ferne antwortete ein
Stutenfohlen.
»Das sind die Römer.«
»Das kann nicht sein.« Caradoc saß neben ihr auf
einem Pferd, das Gunovic ihm geschenkt hatte. Sein neues
Schlachtross warf den Kopf hoch, als es die fremde Hand an seinem
Zügel spürte. Er spähte angestrengt in die Richtung, in die Breaca
zeigte. »Wir haben doch Wachen aufgestellt.«
»Wir hätten besser die Hunde als Wachen
zurückgelassen. Bei diesem Nebel könnte man sich mühelos an einen
Mann anschleichen, um ihm die Kehle durchzuschneiden, und er würde
einen überhaupt nicht sehen. Große Götter...« Ein Feuer loderte am
Rand des Lagers auf, als eine Kriegerin darum kämpfte, ihren
bellenden Hund festzuhalten. Für einen Moment lichtete sich der
Nebel, und Breaca konnte deutlich die Reihen von Rüstungen sehen,
die im Licht der Flammen funkelten: endlose Reihen, die sich
seitlich und nach hinten erstreckten. Angst stieg in ihr auf, so
kalt wie Eis.
»Es sind die Römer. Mindestens eine Legion.
Sie haben den Fluss an einer Stelle weiter stromaufwärts überquert
und sind im Dunkeln heruntergekommen, im Schutz des Nebels.«
Das Kriegerhorn hing an ihrem Sattel. Ohne
nachzudenken hob sie es an ihre Lippen. Die hohen, klaren Töne
schwebten über den Lagerplatz hinweg. Die Römer gaben ihre
Verstohlenheit auf. Hundert Legionshörner schmetterten ein Echo auf
das ihre. Als der Lärm verhallte, schlugen fünftausend
Legionssoldaten rhythmisch mit ihren Schwertern auf ihre Schilde
und brüllten ohrenbetäubend synchron. Wenn Camul persönlich Donner
geschickt hätte, um den Beginn der Schlacht anzuzeigen, hätte der
Lärm nicht lauter sein können. Später hieß es, dass ein Dutzend
Krieger allein schon aus Angst vor dem mörderischen Krach gestorben
sei.
Das Gemetzel begann im Westen und kroch so
unaufhaltsam vorwärts wie Eis über einen stillen See. Es blieb
keine Zeit mehr, um sich zu geordneten Kampflinien zu formieren.
Diejenigen, die bereit waren, saßen auf und suchten im Nebel nach
anderen. Jene, die bis vor einem Moment noch tief und fest
geschlafen hatten - und das waren nicht wenige -, kleideten sich
mit einer Hast an, in der vieles ungetan blieb. Die Hälfte der
Kriegerinnen und Krieger, die in die Schlacht ritt, tat es ohne
Sattel und mit unzureichender Bewaffnung. Die meisten von ihnen
starben.
Die Ehrengarden der Stämme waren am schnellsten und
am ehesten kampfbereit. Noch bevor sie die Schlacht erreichten,
waren Breaca und Caradoc von Kriegern in grauen und weißen Umhängen
umringt. Andere schlossen sich ihnen an, als sie vorwärtsritten.
Togodubnos’ Anhänger unter den Trinovantern konnten sich noch immer
nicht von dem Bild des Sonnenhunds auf ihren Schilden trennen. Die
Übrigen - graue Umhänge und blaue, grün gestreifte Coritani,
Durotriger, Silurer - trugen allesamt das Zeichen des
Schlangenspeers, frisch aufgemalt in Farben, die der ihrer Umhänge
entsprach. Als ob ihnen das viel helfen würde!, dachte
Breaca bitter, als sie ihren Traum in dem wallenden Nebel zu einem
Albtraum werden sah. Übelkeit schnürte ihr die Kehle zu, ließ ihre
Hände sich um die Zügel krampfen. Das Bären-Pferd warf den Kopf
hoch, als es dahingaloppierte.
»Die Träumer...« Dubornos trieb sein Pferd an das
ihre heran. Sein Gesicht war grau vor Müdigkeit, seine Stimme rau
von einem Tag voller Kämpfe. »Sie glauben, sie können eine Linie
aufhalten. Sie wollen, dass wir sie unterstützen und ihnen
Rückendeckung geben.«
Es war der helle Wahnsinn. Die ganze Welt war
wahnsinnig. Breaca zog ihr Pferd in die Richtung herum, in die er
zeigte, und die Ehrengarde wandte sich mit ihr um. »Wo?«
»Bei Togodubnos’ Scheiterhaufen. Das Feuer brennt
noch immer.«
Erde traf auf Wasser, Feuer traf auf den Himmel.
Der Scheiterhaufen war noch genauso groß wie am vergangenen Abend.
Irgendjemand hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Feuer
sorgfältig zu unterhalten, und es leuchtete durch den Nebel wie ein
Leitstern für ein letztes Gefecht - oder für ein Wunder.
Diejenigen, die glaubten, dass sie die Götter um Schutz und
Beistand anrufen konnten, standen in einem halbmondförmigen Bogen
vor dem Feuer, mit Macha und Airmid in der Mitte und Maroc und
Luain mac Calma jeweils an einem Ende. Gunovic stand neben Macha
und der Jagdhündin, Cygfa. Ardacos, Braint, Gwyddhien und Cumal
standen hinter Gunovic, mit Cunomar zwischen ihnen, der auf seinem
Pony saß. Als Breaca das Kind dort sah, wusste sie, dass sie
sterben würden; die Götter und sein Vater hatten es
vorausgesagt.
Hail stand hinter Airmid, fest auf drei Beinen. Er
begrüßte Breaca so freudig, wie er einst Bán begrüßt hatte, und sie
erwiderte seine Begrüßung mit ebensolcher Zuneigung; sein Herz war
groß, und er verdiente ihre Liebe. Airmid wandte sich ebenfalls um,
um sie auf ihre Weise zu begrüßen. Sie wusste, wo Breaca gewesen
war und was sie in der Nacht getan hatte, und sie war froh darüber.
Die feste, geliebte Hand umschloss die ihre. Das Gesicht, das sich
ihr zum Kuss entgegenhob, war von unerträglichem Schmerz und Kummer
gezeichnet, und dennoch war es noch immer schön. »Du bist gekommen!
Ich danke dir. Wenn wir sterben müssen, möchte ich in deiner Nähe
sein.«
Sie würde am Tag der Schlacht nicht weinen. Sie
konnte es nicht. »Haben die Götter gesagt, dass wir sterben
müssen?«
»Einige von uns müssen sterben.« In Airmids Stimme
schwang die Sicherheit der Träumerin mit. »Aber wenn du am Leben
bleibst, um das Kind zur Welt zu bringen, wird auch Caradoc am
Leben bleiben, um es aufzuziehen. Das schwöre ich.«
Wenn.
Caradoc war am anderen Ende der Linie bei Maroc,
fast außer Sichtweite. Andere, die gesehen hatten, dass hier ein
Gefecht stattfinden würde, schlossen sich ihnen an. Sie waren
erbärmlich wenige. Breaca schätzte sie auf insgesamt knapp tausend
- tausend Mann, um eine komplette Legion aufzuhalten. Sie hatten
das schon einmal gemacht, aber da war der Pulsschlag der Schlacht
mit ihnen gewesen; jetzt war er gegen sie. Sie fühlte den Tod noch
sicherer, als sie ihn je zuvor gefühlt hatte. Sie blickte hinunter
und sah, dass Airmid sie noch immer beobachtete.
»Sind Träume wirklich so sicher?«, fragte
sie.
»Einige schon.«
»Könnt ihr die Legionen zur Rückkehr
zwingen?«
»Nein. Aber Macha hat geträumt, dass wir sie lange
genug aufhalten können?«
»Lange genug wofür? Es gibt doch niemanden, der uns
helfen könnte.«
»Das wissen wir nicht. Das werden die Götter uns
noch zeigen.«
Die erste Welle von Kriegern starb in ihrer
Hörweite. Weitere strömten herbei, um sich neben dem Scheiterhaufen
aufzustellen. Sie waren inzwischen fünfzehnhundert, und es wurden
immer noch mehr. Der Nebel wirbelte zu dicht, um die genaue Anzahl
erkennen zu können. Weiter vorne im milchigen Weiß bewegte sich die
Linie von Legionssoldaten vorwärts, als ob sie von Ackerpferden
gezogen würde, langsam, aber ohne Unterbrechung, jeder einzelne
Mann sicher hinter seinem Schild, jeder einzelne zielstrebig sein
Schwert schwingend. Sie verloren einen Mann für jeweils zwanzig
getötete Krieger. Kleine Trupps von Kavalleriesoldaten - nicht die
wilden batavischen Reiter der Kohorten und auch nicht ihre
gallischen Kameraden von den Hilfstruppen - sicherten die Ränder,
um einen Angriff im Rücken zu verhindern. Ihre Kontrolle und
Selbstbeherrschung war geradezu Furcht einflößend. In Sichtweite
einer Schlacht zu reiten und nicht zu töten zeugte von einer
unvorstellbaren Disziplin.
Wir sind beritten; sie sind größtenteils zu
Fuß. Wenn wir ihre Kavallerie in die Flucht schlagen können, können
wir sie brechen.
Breaca drehte sich zu Airmid um. »Wir müssen ihre
Pferde zerstreuen, wenn wir eine Chance gegen die Infanterie haben
wollen.«
»Machas Traum besagt, dass wir sie aufhalten
werden. Das Mittel wird uns noch gezeigt.« Die Träumerin war
unnatürlich ruhig und gefasst. Der Glaube löschte ihre Furcht
aus.
Dubornos erschien an ihrer Seite. Zu Breaca sagte
er: »Ich bin an den beiden anderen Enden der Linie gewesen. Wir
sind zweitausend, und es kommen immer noch mehr dazu. Trotzdem sind
wir nicht genug. Sie werden nicht weniger als fünftausend in den
Kampf geschickt haben.«
»Ich weiß. Airmid, wenn die Götter wollen, dass wir
kämpfen, werden sie uns zeigen müssen…« Der Wind frischte plötzlich
auf, wehte jetzt von Norden her. Flammen loderten von dem Feuer
hoch und züngelten zur Seite, von dem Wind auseinander getrieben.
Hail duckte sich flach auf den Boden. Das Bären-Pferd zuckte
zurück, sein Fell plötzlich angesengt. Überall entlang der Reihe
mühten sich Krieger ab, die Kontrolle über ihre Pferde zu behalten.
Langsam dämmerte Breaca die Erkenntnis.
»Das Feuer - wir können das Feuer als Waffe gegen
sie benutzen! Sieh doch...« Breaca schnitt bereits einen breiten
Streifen von ihrem Umhang ab. Sie trug jetzt drei Speere: Waffen,
früher einmal knapp, waren jetzt reichlich vorhanden. Sie fand den
Stoffstreifen um die Spitze ihres Speers, gleich hinter dem Heft.
»Efnís!« Efnís stand weiter oben in der Reihe. »Hast du noch das
Bärenfett und das Kiefernharz?«
Er rannte bereits davon, noch ehe sie ihren Satz
beendet hatte. Eine Schar von rußbeschmierten Kindern hastete
hinter ihm her; er hatte schon immer gut mit Kindern umgehen
können. Als er zurückkehrte, beladen mit dem Harz und dem Bärenfett
für die Fackeln, waren bereits Hunderte von Kriegern damit
beschäftigt, Stoffstreifen um ihre Speere zu binden. Weitere Kinder
und die jüngeren Krieger holten Becher und Krüge - niemand würde an
diesem Tag dazu kommen, etwas zu trinken, oder wenn, dann höchstens
am Ende der Schlacht. Die Gefäße wurden mit Stoff und Fett und
allem gefüllt, das brennbar war. Kinder banden Lederstreifen um die
Griffe und Ränder der Gefäße, damit sie sie schwenken und noch
weiter schleudern konnten. Jedes Einzelne von ihnen sah in diesen
Waffen eine Chance, Ehre einzuheimsen und als Held in die
Geschichte seines Stammes einzugehen. Keines von ihnen erwartete,
mit dem Leben davonzukommen.
Caradoc kam von ihrer Linken herbeigeritten. Seine
Gegenwart erfüllte sie bis ins Innerste. Die
Schlangenspeer-Brosche, die sie ihm vor so unendlich langer Zeit
einmal geschenkt hatte, blitzte silbern an seiner Schulter, das
Liebespfand aus rotem Rosshaar frisch erneuert, damit alle es sehen
konnten. Schmerz stach wie mit Messern in ihr Herz und setzte sich
als ein dicker Kloß in ihrer Kehle fest. »Caradoc, ich...«
»Ich weiß.« Er küsste sie. »Ich auch. Hier.« Er
hatte ein geheimes Waffenlager von Speeren entdeckt, einige davon
römisch, den toten Batavern abgenommen. Sie fielen klappernd
zwischen ihnen auf den Boden. Sein bunter Flickenumhang lag vor ihm
auf dem Sattel, in fransige Streifen zerschnitten, und er war
bereits dabei, auch den anderen Umhang zu zerschneiden. Breaca
schluckte hart und begann, die Speerschäfte mit den Stoffstreifen
zu umwickeln. »Wir sollten auf ihre Pferde zielen«, sagte sie.
»Wenn wir die Kavallerie ausschalten können, können wir die Linien
am Ende angreifen.«
»Bis sie die Reservetruppen über den Fluss
schicken, um uns auszuschalten.«
»Fordere nicht etwas heraus, was noch nicht
passiert ist.«
Der Fluss lag zu ihrer Linken. Breaca fühlte ihn
durch den Nebel hindurch; er stach wie mit Nadeln in ihre Haut,
versprach Gefahr. Es würde nicht mehr lange dauern.
Sie waren bereit. Die römische Linie war etwas
langsamer geworden, behindert durch eine Gruppe todesmutiger
Trinovanter. Ihre Totenlieder schallten durch den Nebel, erfüllt
von Hass. Die Krieger des Sonnenhunds kämpften nicht mehr, um ihr
Land zu schützen, sondern um Togodubnos’ Tod zu rächen. Breaca
fluchte. »Sie verkaufen ihr Leben zu billig. Wenn die Legionen uns
brechen, werden sie geradewegs zur Residenz marschieren, und dann
wird das Gemetzel fürchterlich sein. Das muss ihnen doch auch klar
sein.«
Caradoc blickte sie so an, wie er es einmal in der
Nacht getan hatte, seine Seele ein offenes Buch. Er ergriff ihre
Hand. »Was hast du eben gesagt, Breaca? Wenn? Nicht
falls? Was weißt du?«
»Was?« Sie war von dem Feuer abgelenkt. Der Wind
drehte sich spiralförmig, ähnlich wie ein sommerlicher Sandsturm.
Flammen schossen in einer Woge von rotem Licht empor. Die ältere
Großmutter stand mitten in den lodernden Flammen, seltsam dunkel
und undurchsichtig und größer, als sie eigentlich hätte sein
sollen. Um sie herum malten die Krieger der Ahnen den
Schlangenspeer mit blauem Färberwaid auf ihre Arme. Jeder von ihnen
trug das gleiche Zeichen, abgesehen von dem Anführer, der das
Zeichen des Hasen trug. Hoch über ihnen, an einem blauen Himmel,
kreiste ein Adler, bereit zum Töten. Die ältere Großmutter zeigte
mit einem knochendürren Finger durch das Feuer. Sie lernen, aber
nicht schnell genug. Dies sind die Letzten. Nach ihnen wird es
keine mehr geben.
Breacas eigene, jüngere Stimme erwiderte: Aber
das hier sind nur die Männer. Es muss doch auch noch Frauen und
Kinder geben. Wenn sie überleben, dann wird ihr Volk mit
ihnen überleben.
Die Großmutter legte den Kopf schief. Das hängt
ganz von dir ab.
Um Breaca drehte sich alles. Ihr war übel, und sie
fühlte sich krank. Sie packte Caradocs Umhang, weil sie ihn nicht
deutlich sehen konnte.
»Die Kinder - die Kinder müssen am Leben bleiben!«
Sie wandte sich zur anderen Seite um. Airmid beobachtete sie
scharf, auf der Hut vor der Stimme der Götter. »Airmid - sag Macha,
Luain, Maroc Bescheid - sag es ihnen allen! Wir sind nicht hier, um
eine Linie aufzuhalten und der Invasion ein Ende zu machen, sondern
nur, um sie lange genug zurückzuhalten, damit die Kinder fliehen
können. Die Kinder sind die Kriegerinnen und Krieger der Zukunft.
Sie dürfen nicht hier sterben.«
Die Großmutter nistete sich jetzt in ihrem Kopf
ein. In einer Parodie auf Breacas Stimme sagte sie: »Das genügt
noch nicht. Es muss auch noch diejenigen geben, die alt genug sind,
um ihre Sitten und Gebräuche, ihre Träume und ihre Geschichten
weiterzugeben. Wie sonst soll ein Volk sich seine Identität
bewahren?«
Laut sagte Breaca: »Wir können nicht davonlaufen.
Krieger können nicht einfach vom Schlachtfeld flüchten.«
Dann kannst du für nichts und wieder nichts
sterben, und dein Volk wird mit dir sterben. Für alle Zeit. Du bist
die Letzte, die kämpfen kann.
Es war ein Sakrileg, das Schlimmste und
Schändlichste, was ein Krieger tun konnte. Schmerz schnitt wie ein
Messer durch ihr Herz. Für einen Moment glaubte sie, sie wäre
getroffen worden und ihre Kämpfe wären ein für allemal vorüber. Sie
sah Caradocs Gesicht und empfand herzzerreißendes Bedauern. Airmid
versetzte ihr einen harten Klaps auf die Wange.
»Breaca! Sprich mit mir! Was hast du eben
gesehen?«
»Wir müssen gehen. Wir müssen alle gehen, sowohl
die Krieger als auch die Kinder. Dies ist nicht die rechte Zeit und
der rechte Ort - nicht die richtige Methode, um sie zu bekämpfen.«
Sie schluckte hart, so als ob sie Asche in der Kehle hätte und die
Worte ihr die Zunge verbrühten. Voller Qual sagte sie: »Die Krieger
des Sonnenhunds sind genug an der Zahl, um die Linie aufzuhalten.
All jene, die das Zeichen des Schlangenspeers tragen, müssen gehen.
Wir müssen am Leben bleiben, um erneut zu kämpfen, sonst ist das
gesamte Land verloren.«
»Was?«
»Bist du dir wirklich sicher?«
Sie war die ranghöchste Kriegerin von Mona, sie war
Bodicea, die Überbringerin des Sieges, und sie verlangte den
Rückzug. Überall um sich herum fühlte sie den Widerstand der
anderen. Nur Ardacos war einer Meinung mit ihr. Er kannte die
Fehler der Ahnen besser als jeder andere, und er vertraute ihr mehr
als jedem anderen. »Breaca hat Recht. Die Schlacht ist zwar
verloren, aber nicht der Krieg. Die Kinder müssen am Leben bleiben
und genügend von uns anderen, um ihnen zu zeigen, wie man den
Göttern folgt.« Er sah sich in dem Nebel um. »Wie finden wir hier
heraus?«
Keiner antwortete. Alle warteten auf Breacas Wort.
Caradocs Augen, die ihren Blick gefangen hielten, waren ein weites
und turbulentes Meer. Breaca fühlte, wie sie in diesem Meer
ertrank, fühlte, wie die Gezeitenströme seines Geistes die Ecken
und Winkel ihres Wesens durchsuchten. Voller Dankbarkeit zeigte sie
ihm die ältere Großmutter und ihr ätzendes Lachen und spürte, wie
er verstand. Zu den anderen sagte er:
»Wir sind von Marschland umgeben, und der Nebel ist
ein Geschenk der Götter, um uns zu verbergen. Wenn wir nicht über
die Spitzen unserer Speere hinausblicken können, können die Römer
es auch nicht. Wenn diejenigen von uns, die hier bleiben, genug
Krach machen, werden sie euch nicht gehen sehen.«
Er umschloss Airmids Arm, so wie er einst Odras’
Arm umschlossen hatte. Wie albern und töricht von mir, dachte
Breaca, dass ich seine Zuneigung zu Odras jemals für mehr als nur
Freundschaft gehalten habe. »Geht«, sagte er. »Breaca hat Recht. Es
gibt hier nichts mehr zu gewinnen außer einem Heldentod, und das
für nichts und wieder nichts, wenn alle dabei draufgehen. Geht
jetzt sofort und nehmt die Kinder mit. Ich werde dafür sorgen, dass
die Linie standhält. Die Legionen werden für jeden einzelnen
Schritt vorwärts teuer bezahlen.« Er wandte sich zur anderen Seite
um und entbot Dubornos den Kriegergruß, das erste Mal, dass er das
jemals getan hatte. »Du musst mit ihnen gehen. Die Träumer brauchen
den Schutz eines Kriegers. Singt später Lieder über uns.«
Dubornos’ Lächeln leuchtete förmlich im Nebel. Die
Last einer jahrelangen Feindschaft hob sich von seinen Schultern.
Er erwiderte Caradocs Gruß nach Art der Träumer, die höchste
Ehrenbezeigung, und seine Augen waren feucht. »Das Lied ist bereits
fertig.«
»Nein!«
»Ich werde dich nicht verlassen!«
Airmid und Breaca sprachen gleichzeitig. Airmids
Stimme, um eine Oktave höher, war am deutlichsten zu hören.
»Caradoc, du kannst nicht hier bleiben! Der Traum lügt nicht. Und
dies ist dein Land. Nur du kannst uns hier herausführen. Geh jetzt
mit den anderen. Die Träumer werden die Linie halten. Es ist das,
wofür wir gelebt haben.«
»Was?« Breaca lachte schrill, völlig außer
Kontrolle. »Airmid, bist du wahnsinnig? Was willst du denn tun? Den
Legionen Krüge mit Feuer entgegenschleudern?«
»Macha hat von der Linie geträumt, und sie bestand
aus Träumern.«
»Aus welchen?«
Sie stritten miteinander, stritten sich über den
Traum, und die Zeit wurde immer knapper. Der Gesang der kämpfenden
Trinovanter wurde schwächer, verwandelte sich in die tierähnlichen
Schreie der Verwundeten und der Sterbenden. Breaca las den Schmerz
über den Verrat in den Gesichtern um sie herum. Bodicea sollte
nicht den Ort ihres Sieges verlassen, noch nicht einmal angesichts
der sicheren Niederlage. Sie verschloss die Ohren vor dem
meckernden Lachen der älteren Großmutter und hob ihre Stimme, um
den Lärm zu übertönen. »Ich werde diesen Ort nicht verlassen, wenn
nicht jeder Krieger, der den Schlangenspeer trägt, mit mir reitet -
und auch ihre Träumer«, erklärte sie. »Wenn auch nur einer von euch
bleibt, werden wir alle bleiben.«
Damit war die Sache für sie entschieden. Mehr als
einer wollte bleiben, wenn er die Chance dazu hatte. Die Krieger
lächelten dankend, hoben ihre Waffen und wandten sich um, um dem
Feind entgegenzutreten. Der Plan starb ebenso schnell, wie er
geboren worden war.
»Nein! Ihr werdet gehen, wenn man es euch
sagt! Glaubt ihr etwa, dieser Nebel ist nur Zufall? Glaubt ihr
das wirklich?«
Es war Macha, die da sprach. Sie stand in der Mitte
der Linie der Träumer, mit dem Rücken zum Feuer, so dass das Licht
einen roten Schein um ihre Gestalt warf und ihr Schatten über sie
alle hinwegfiel. Ihre Stimme war gottgegeben und drang bis weit
jenseits der Nebelwände vor. »Zu Zeiten Cäsars riefen Onomaris und
alle die anderen Träumer Manannan an, den Gott des Meeres, und
baten ihn um Beistand. Die Götter erhörten ihre Bitte und schickten
ihnen den Sturm, der die Schiffe der Invasoren zertrümmerte. Und so
haben wir uns abermals an Briga und an Nemain gewandt und sie
angefleht, ihrem Volk zu helfen, und sie haben uns daraufhin diesen
Nebel geschickt. Was hat er für einen Wert, wenn wir ihn nicht so
nutzen, wie sie es uns gesagt haben?«
Caradoc sagte: »Wir werden ihn nutzen, um zu
kämpfen.«
Macha richtete sich noch höher auf, von Zorn
erfüllt. Ihre Stimme geißelte Caradoc und die Krieger, die
zustimmend genickt hatten.
»Kämpfen? Gegen vier Legionen, die den Fluss
überquert haben? Ich glaube nicht. Ihr werdet den Nebel nur dazu
nutzen, um euch Ehre und Ruhm zu erkaufen und einen leichten Tod.
Was kümmert es dich schon, was mit jenen passiert, die in einem
Land überleben, in dem es keine Anführer mehr gibt, keine Träumer,
keine Krieger, die die Schlacht tragen können! Du bist unglaublich
selbstsüchtig und eigennützig! Die Götter werden dich im Tod im
Stich lassen.« Zu Breaca gewandt, mit einer Stimme, die von
höchster Verachtung erfüllt war, sagte sie: »Die ältere Großmutter
hat ihren letzten Rest von Lebenskraft gegeben, um dir einen Traum
von unermesslicher Macht zu bescheren. Es ist einzig und allein
deine Entscheidung, wenn du ihn jetzt verwirfst. Erwarte nicht,
dass sie sich dafür bedankt, wenn du ihr im Reich der Toten
begegnest!«
Sie trat vom Feuer fort. Die Flammen knisterten und
wurden kleiner. Der Nebel wurde dünner, und die Römer jubelten, als
sie die Krieger sahen. Sie waren noch ungefähr ein Dutzend
Speerwurflängen entfernt, und die Trinovanter, die sie aufhielten,
waren kaum mehr als ein paar hundert.
Breaca betrat den Platz vor dem Feuer und fühlte
die Wand von Hitze hinter sich. Ardacos hob seinen gestohlenen
Schild wie einen Spiegel hoch, und sie sah ihr Bild in dem glänzend
polierten Schildbuckel, eine rothaarige Gestalt vor einem roten
Feuer, umkränzt von rotem Nebel. Ihr war eiskalt, und sie fühlte
sich zerrissen, zerrissen durch Machas scharfe Zunge. Sie hob ihren
Schild und legte die ganze Autorität der ranghöchsten Kriegerin in
ihre Stimme.
»Macha hat Recht«, sagte sie klar und deutlich.
»Wir müssen auf die Götter hören. Wir werden gehen, so wie sie es
verlangt hat. Alle, die den Schlangenspeer tragen, werden die
Pferde und die Kinder mitnehmen. Diejenigen, die das Zeichen des
Sonnenhunds tragen, werden hier bleiben und kämpfen. Caradoc wird
jene anführen, die von hier fortgehen.«
Der Scheiterhaufen zischte, als ob er neues Holz
verschlänge. Der Nebel wirbelte und verbarg die Kampflinien erneut.
Die Götter hätten nicht deutlicher sprechen können. Ein langer,
klagender Seufzer ging die Reihen der wartenden Verteidiger
entlang, wie die ersten Vorboten der Trauer. Breaca fühlte, wie ihr
Widerstand nachließ.
Sie war allein, und sie fror schrecklich. Caradoc
packte ihr Handgelenk, so wie er es in der Nacht getan hatte,
beugte sich aus dem Sattel herunter und drückte seine Lippen auf
ihren Kopf. Breaca wollte sprechen, aber die Worte wollten nicht
kommen. Er nickte, grimmig und schweigend, und zog sein Pferd nach
Norden herum. Jeder Krieger, der Breacas Zeichen trug, wandte sich
um, um ihm zu folgen. Innerhalb von hundert Herzschlägen hatte der
Exodus begonnen. Verwirrte Kinder mit weit aufgerissenen Augen
wurden gepackt und in Sättel gehoben, ihre Stimmen so dünn wie
Riedgras, als sie fragten, ob sie zu den Kämpfen mitgenommen
würden. Überzählige Pferde wurden losgebunden und nahmen Träumer
oder Kinder auf ihren Rücken, jeweils zu zweit oder zu dritt. In
der Linie der Träumer nahmen Männer und Frauen voneinander
Abschied. Von den Eceni blieben nur Macha und Gunovic. Luain mac
Calma hatte sich rasch von beiden verabschiedet und ritt nun an der
Spitze der Kolonne, zusammen mit Caradoc. Alles, was zwischen ihnen
gesagt werden musste, hatten sie bereits in der Nacht gesagt, wohl
wissend, was kommen würde. Alle, die zählten, hatten anscheinend
schon davon gewusst, alle außer Breaca. Diese Erkenntnis war wie
ein Messer, das nach ihrem wunden Herzen zielte. Sie trieb das
Bären-Pferd vorwärts zu Macha. »Wie lange hast du schon davon
gewusst?«, fragte sie.
Macha war nicht mehr zornig. In ihren Augen lag
jetzt ein Ausdrucks des Friedens, wie sie ihn seit Eburovics Tod
nicht mehr gehabt hatten. Ihr Gesicht glich dem Báns, ihrer Miene
fehlte nur sein ständiges Staunen über die Welt. Lächelnd erwiderte
sie: »Schon seit einer Weile, wenn auch nur vage. Richtig klar
geworden ist es mir erst letzte Nacht.«
»Warum hast du mir nichts davon gesagt?«
»Hättest du denn auf mich gehört? Ich weiß, wie
ungeheuer schwer es für einen Krieger ist, das Schlachtfeld zu
verlassen. Es musste schon von den Göttern kommen, damit du es
wirklich glauben würdest.« Das Bären-Pferd stupste Machas Hals an.
Sie streichelte geistesabwesend sein samtiges Maul und griff mit
beiden Händen nach dem Torques der Eceni, als ob das Pferd sie
wieder an das Vorhandensein des goldenen Reifs erinnert hätte. Sie
zog ihn ab und hielt ihn Breaca hin, während sie sagte: »Der hier
gehört dir, so wie er vor dir deiner Mutter gehört hat. Trage ihn
mit Stolz, und wenn der Tag kommt, an dem dein Dienst für Mona
beendet ist und du wieder zu den Eceni zurückkehren kannst, regiere
sie gut und mit Liebe, so wie deine Mutter es getan hat.«
Früher einmal hatte Breaca geglaubt, der Torques
sei ein lebendiges Wesen, eine Schlange aus Gold, die sich in den
Händen der älteren Großmutter geringelt hatte. Jetzt wand sich der
Nebel um den Reif, ein Polster aus weißem Dunst, und der Torques
lag wie eine geflochtene Erntekrone in der Mitte. Sie beugte sich
vor und ließ ihn sich von Macha um den Hals legen. Das Gefühl, dass
ihre Mutter bei ihr war, für einen flüchtigen Moment, war
überwältigend. Macha sah es und lächelte. »Du wirst deine Sache
ebenso gut machen wie sie, wenn die Götter es erlauben.«
Schmerz stieg in Breacas Innerem auf und setzte
sich in ihrer Kehle fest. »Ihr gehört beide zu den Eceni, du und
Gunovic. Ihr braucht nicht hier zu bleiben. Bitte kommt doch mit
uns!«
Macha schüttelte den Kopf. »Das können wir nicht.
Was glaubst du wohl, wer den Nebel aufrechterhält?«
Die Unbilligkeit schmerzte Breaca tief, und auch
die Ruhe, mit der Macha ihr Schicksal akzeptierte. Verzweifelt
sagte Breaca: »Unsere Götter sind nicht wie die römischen Götter.
Sie verlangen nicht den Tod ihres Volkes als Preis für ihre
Geschenke.«
»Ein Leben, das freiwillig hingegeben wird, ist
keine Bezahlung. Einer muss hier bleiben, um den Nebel
aufrechtzuerhalten, genauso wie Onomaris damals zu Cäsars Zeiten
ins Meer ging, um den Sturm aufrechtzuerhalten. So ist das nun
mal.«
»Das kann doch jemand anderer tun.« Breaca drehte
sich suchend um und fand ein Gesicht, das sie kannte; die einzige
Träumerin der Trinovanter stand nicht weit von dem Scheiterhaufen
entfernt, während sich ihre Lippen in einem Bittegebet an die
Götter bewegten. »Cerin bleibt hier«, sagte sie. »Sie kann den
Nebel doch sicherlich aufrechterhalten, oder?«
»Nein. Ich habe ihn heraufbeschworen. Es ist meine
Aufgabe, ihn weiter aufrechtzuerhalten.«
»Dann werde ich nicht fortgehen. Die Kinder sind ja
in Sicherheit. Ich werde hier bleiben. Und Ardacos auch.« Er
wartete ganz in der Nähe, seine Hand auf dem Zügel eines Ponys.
Breaca wollte ihm ein Zeichen geben, aber Macha hielt sie davon
ab.
»Breaca, nein! Verstehst du denn noch immer nicht?
Es geht hier nicht nur um diese Kinder. Es geht auch um dich
und Caradoc und um das Kind, das du letzte Nacht empfangen hast,
und um die anderen Kinder, die du noch empfangen wirst. Es geht
auch um Airmid und Braint, Dubornos und Efnís, Gwyddhien und
Ardacos und die anderen, die die Kinder aufziehen und unterrichten
werden. Ihr alle gemeinsam tragt den Samen der Zukunft in euch.
Wenn ihr den heutigen Tag überlebt, besteht noch die Hoffnung, dass
alles, was wir sind, alles, was wir haben - die Träume und die
Götter, die Lieder der Vergangenheit und der Gegenwart -, überleben
können. Ohne das wird Rom alles vernichten, bis unsere Kinder und
Kindeskinder nur noch so wenig über uns wissen, wie wir noch von
den Ahnen wissen - sogar noch weniger, denn die Träume werden nicht
mehr existieren. Es wird so sein, als ob wir niemals hier gewesen
wären.«
»Das könnte niemals passieren.«
»O doch, das kann durchaus passieren. Wenn du jetzt
nicht gehst, dann wird es passieren. Und auch wenn du gehst, ist
nichts sicher.« Macha war jetzt sehr ernst, nicht wütend, aber
eindringlich. »Schwöre mir, dass du die Römer bekämpfen wirst, auf
jede dir nur mögliche Art und Weise. Dass du auf den Rat der Götter
hören wirst und den Visionen folgst. Dass du deine Kinder das
Gleiche lehren wirst.«
Breaca legte ihre Hand auf ihr Schwertheft. »Ich
schwöre es.«
Der Nebel hielt sie umfangen. Im Norden
verschluckte er Kinder in großen Bissen von jeweils zehn oder auch
einem Dutzend; Träumer und grimmig dreinblickende Krieger folgten
ihnen. Caradoc führte sie an, weit entfernt am Kopf der Kolonne.
Gwyddhien, Dubornos und Braint warteten, während sie die Entfernung
zu den Römern abschätzten. Airmid war die Letzte; sie führte die
graue Stute. Hail rannte dicht hinter ihr her. Gunovic stand neben
Breacas Zügel und sprach mit ihrem Pferd. Sie verabschiedete sich
von ihm mit dem Kriegergruß. »Danke für das Bären-Pferd. Es ist das
Beste, das ich jemals geritten habe.«
Gunovic grinste, ein Bär von einem Mann, der sie
gelehrt hatte, was es bedeutete, mit Inbrunst und Leidenschaft zu
kämpfen, um zu gewinnen. Er sagte: »Er wird noch bessere Fohlen
zeugen, wenn du ihn die graue Stute decken lässt - aber das wird er
nur können, wenn du jetzt sofort aufbrichst und ihm die Chance dazu
gibst. Es würde mir ganz und gar nicht gefallen, wenn die Römer die
Früchte von vier Jahren Arbeit ernteten.«
»Ich gehe ja schon.« Breaca weinte, unverzeihlich
auf dem Schlachtfeld. Sie beugte sich aus dem Sattel hinunter und
legte ihre Hand auf Machas Arm. »Wir werden tausend Generationen
lang jeden Winter von euch singen. Lass dich nicht lebend von ihnen
gefangen nehmen. Und du auch nicht, Gunovic, hörst du?«
»Das wird nicht passieren. Nun geh endlich!«
Sie lenkte ihr Pferd fort von den beiden. Auf ihrer
Linken starben die Letzten von Togodubnos’ Ehrengarde, und die
feindliche Linie rückte weiter vorwärts, während Schwerter klirrend
gegen Schilde schlugen und Stiefel den Boden aufwühlten. Die
Legionssoldaten waren regelrecht blind in dem dichten Nebel,
prüften vorsichtig jeden Schritt. Breaca trieb ihr Pferd zum Trott
an. Airmid wartete mit der grauen Stute auf sie.
»Kann sie galoppieren?«, wollte Breaca
wissen.
»Ja, wenn du ihr kein Gewicht aufbürdest. Nun komm
schon, wir müssen uns beeilen - Große Götter! Cunomar, nein!«
Der Junge war in Braints Obhut gegeben worden. Die
Prophezeiung seines Vaters war vergessen oder wurde ignoriert.
Cunomar war als Einziger von allen, die das Zeichen des Sonnenhunds
trugen, zum Aufbruch gezwungen worden. Zuerst hatte er sich
störrisch geweigert, dann hatte er plötzlich nachgegeben und war
der jungen Kriegerin missmutig am Scheiterhaufen seines Vaters
vorbei gefolgt. Als Braint sich am Rand des Feuers bückte, um ihre
Feuerspeere auf den Boden zu legen, riss Cunomar sich plötzlich
los, wirbelte herum, zog blitzschnell ein brennendes Scheit aus dem
Feuer und preschte mit seinem Pony an den anderen vorbei und hinaus
in den Nebel.
Das Totenlied des Sonnenhunds hallte in einem hohen
Knabensopran durch den milchigen Nebel und verlor auch mit
wachsender Entfernung nichts von seiner Kraft. Als es einen gellend
lauten Höhepunkt erreichte, leuchteten plötzlich rote Flammen im
Nebel auf. Ein Pferd schrie voller Todesangst. Männer heulten
überrascht auf, gerieten in Panik. Ein Kind starb unter einem
Dutzend Schwertern. Macha sang das Bittgebet an Briga so deutlich,
dass es weithin hörbar durch den Nebel schallte; der Gesang eines
Zaunkönigs beim ersten Licht der Morgendämmerung. Die Jagdhündin,
Cygfa, fiel jaulend in ihr Lied ein, ihre Schnauze in die feuchte
Luft erhoben. Neben ihnen schwang Gunovic seinen Schmiedehammer und
legte den ersten der Feuerspeere auf den Scheiterhaufen.
Breaca fand sich am Schwanz einer langen Kolonne
von schweigenden Kriegern wieder. Vertraute Gesichter schwebten vor
ihr im Nebel: Airmid und Gwyddhien, Ardacos und Braint, Dubornos
und Efnís, Luain, der zurückgekehrt war, um sich zu vergewissern,
dass sie alle aufgebrochen waren, die Hälfte der Ehrengarde von
Mona, ein Meer von in blaue Umhänge gehüllten Eceni. Sie hievte
ihren Schild hoch und hob ihn gen Himmel. Überall um sie herum
wurden geballte Fäuste hochgerissen. Airmid zeigte den Weg durch
die Marsch entlang zu der Stelle, wo Caradoc voranritt und ihnen
den Weg in die Freiheit wies.
»Wir müssen gehen.«
Am lodernden Scheiterhaufen überdeckte der erste
Gefechtslärm die Geräusche ihres Aufbruchs.