XIX

Sie waren zu weit von der Siedlung entfernt, als dass sie noch vor Einbruch der Nacht hätten zurückkehren können. Somit blieben ihnen nur zwei Möglichkeiten: entweder die Nacht hindurch zu wandern oder aber einen Lagerplatz zu finden und dort bis zum Morgengrauen zu warten. Venutios, der sie bis hierher geführt hatte, übergab das Kommando nun an Gwyddhien, die sich wiederum mit Caradoc beratschlagte. Auf seinen Vorschlag hin beschlossen sie, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu marschieren und dann für die Nacht Rast einzulegen an einem Platz, den sie beide kannten.
Das Tageslicht schwand winterlich rasch und entzog der Landschaft alle Farbe. Wolken von kleinen Stechmücken stiegen aus dem Unterholz auf, um ein Festgelage zu halten. Die Jäger rannten in einer langen Kolonne, so schnell, wie diejenigen, die gerade den schweren Keiler trugen, laufen konnten, und wechselten sich gegenseitig beim Tragen der Last ab, um ihr Tempo beibehalten zu können. Breaca lief ziemlich am Ende der Kolonne, als Fünfundzwanzigste in der Schlange, und hievte sich die Stange auf die Schultern, als sie mit Tragen an der Reihe war. Hail trottete hinter ihr her und leckte dabei das von dem Kadaver herabtropfende Blut auf.
Gwyddhien führte sie um einen Sumpf herum, durch einen weiteren breiten Streifen Waldland, dann einen sanft ansteigenden Hang hinauf und über weitere Felsnasen, um schließlich auf der Kuppe eines niedrigen, von einem Krater gekrönten Hügels anzuhalten, in dessen Mitte ein stiller, klarer See lag. Auf ihre Anweisung hin teilten sie sich in Gruppen auf, um Holz für die Feuer zu sammeln und Farnkraut für ihr Nachtlager. Ardacos watete in den See hinein und fing mit seinem Speer Fische. Andere sammelten essbare Wurzeln. Venutios schnitt die Leber des Keilers, die sich nicht bis zum nächsten Tag halten würde, in schmale Scheiben und verteilte sie gerecht unter der Gruppe, so dass es ein richtiges Siegesmahl wurde. Später schwammen sie beim Schein der Feuer im See, um sich das Blut von der Jagd abzuwaschen und die letzten Insekten loszuwerden. Der Keiler, noch immer an der Tragestange festgebunden, wurde hoch zwischen zwei Felsen gehängt, außer Reichweite der Hunde.
Es war keine Nacht zum Schlafen. Sie lagen in kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich im flackernden Schein der Feuer. Diejenigen, die Hunde mitgebracht hatten, kuschelten sich eng an ihre Tiere, um sich zu wärmen. Venutios zündete ein eigenes Feuer hoch oben auf der Felsspitze an. Die innere Ruhe, die er ausstrahlte, breitete sich wie ein dünner Schutzmantel über sie alle aus, so als ob seine Führerrolle bereits im Begriff wäre, auf jemand anderen überzugehen. Am Ufer des Sees wanderte Gwyddhien von Gruppe zu Gruppe, während sie jedes einzelne Mitglied für seine Taten an diesem Tag lobte und die Fäden der dreißig aufnahm, um sie noch fester miteinander zu verflechten. Ardacos marschierte allein am Rand des Wassers entlang, seinen Speer an seiner Schulter, unverändert wachsam.
Breaca lag etwas abseits von den anderen, mit Hail neben sich, und starrte in den samtschwarzen Nachthimmel hinauf. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und daher leuchteten die Sterne umso heller. Sie fand den Träumerstern, der tief über dem südlichen Horizont stand, und dachte an Macha und dann an Airmid, die Gwyddhiens Geliebte war und dennoch dagegen gewettet hatte, dass diese Venutios’ Nachfolgerin werden würde. Sie hatte sich allerdings geweigert, denjenigen zu benennen, der ihrer Ansicht nach der aussichtsreichste Kandidat war, und hatte nur so viel gesagt, dass es nicht Ardacos sei. Was Breaca zu jenem Zeitpunkt noch überrascht hatte, erschien ihr jetzt gar nicht mehr verwunderlich. Sie hatten die Wette am Abend abgeschlossen, unmittelbar bevor die dreißig ausgewählt worden waren; Airmid hatte offensichtlich schon den ganzen Tag über gewusst, dass am Morgen ein zusätzlicher Krieger in der Schule trainiert hatte. Bis zum Abend würde sie also Zeit genug gehabt haben, um mit Maroc die Hintergründe und Auswirkungen dieses Umstands zu erörtern.
Breaca bedeutete Hail mit einem Stups, ihr zu folgen, und erhob sich von ihrem Feuer. Die dreißig lagen in einem weiten Halbkreis um das Ufer des Sees herum verteilt. Sie hatte nicht darauf geachtet, wo jeder Einzelne von den anderen die Nacht zu verbringen beschlossen hatte, aber sie konnte die Wichtigen unter ihnen mühelos finden; sie erkannte sie beinahe instinktiv oder an ihrer Silhouette, die sich gegen die Glut des Feuers abzeichnete: Cumal und Ardacos, Venutios und Gwyddhien - und Caradoc, der weit draußen auf der Westseite des Sees kampierte, allein. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg um die Felsen am Rand des Wassers herum. Hail erkannte ihr Ziel bereits aus der Ferne und stürmte freudig wedelnd vorwärts und verdarb Breaca damit jede Chance, Caradoc zu überrumpeln. Sie hätte den Hund zurückrufen können, hätte dadurch aber die Aufmerksamkeit der größeren Gruppe auf sich gezogen, und das wollte sie vermeiden. Außerdem hatte sie kein Bedürfnis, Hail Beschränkungen aufzuerlegen, die seine Freude und Begeisterung dämpfen würden. Der Jagdhund hatte lange Zeit gebraucht, um den Verlust Báns zu akzeptieren. Selbst jetzt war es noch so, dass er treu zu bestimmten Jungen hielt, wenn sie in den Stimmbruch kamen. Bei den Übrigen war er eher wählerisch, was seine Zuneigung anging; er verteilte sie großzügig auf diejenigen, die Breaca gern hatte, und verhielt sich dem Rest gegenüber reserviert. Nur bei Caradoc fand er tatsächlich Freundschaft, wo Breaca keine fand.
Sie blieb knapp außerhalb des Lichtkreises stehen. Caradoc saß auf der anderen Seite des Feuers und kraulte Hail mit selbstvergessener Zuneigung die Ohren. Das matte Licht ließ sein Haar dunkel erscheinen und veränderte die Form seines Gesichts. Er blickte auf, und Breaca sah plötzlich wieder die Augen desjenigen vor sich, den sie schon seit ihrer Kindheit gekannt und geliebt hatte - Báns Augen, so voller Fürsorge und unbewusstem Charme. Prompt stieg wieder die inzwischen nur allzu bekannte Übelkeit in ihrer Kehle auf. Sie setzte sich hastig auf einen Felsblock, ehe sie der Mut verließ.
Caradoc drehte den Kopf im Schein des Feuers, und seine Augen wurden wieder grau und blickten forschend in die ihren, suchten nach einem Grund für ihre Anwesenheit und fanden ihn doch nicht. Schließlich sagte er: »Tut mir Leid, dass du beim Abschuss des Keilers nicht bei uns warst.«
»Ja, mir auch.« Sie zog ihre Beine bis zur Brust hoch und schlang ihre Arme fest um ihre Knie. »Woher wusstest du, dass Ardacos und ich das falsche Tier im Visier hatten?«
»Ich habe das nicht gewusst. Ich sah nur Gwyddhien plötzlich von der Klippe runterspringen, aber sie war nicht in Hails Nähe. Ich hatte also die Wahl, mich entweder nach der Nase des Hundes zu richten oder nach den Augen der Jägerin. Bei neun von zehn Malen würde ich mich auf Hails Spürnase verlassen. Aber diesmal bin ich Gwyddhien gefolgt.« Der Hund hörte seinen Namen aus den Worten heraus und schmiegte seinen Kopf in Caradocs Hand, während er vor Wohlbehagen knarzte.
»Du denkst, sie sollte Venutios’ Nachfolgerin werden?«
»In Anbetracht dessen, was kommen wird? Ja.« Er riss einen verdorrten Grashalm aus und kaute auf dem Ende herum. »Wenn wir in Friedenszeiten lebten, wäre Ardacos unschlagbar. Er vereint das überlieferte Wissen der Ahnen auf sich, und wir können nie genug davon lernen. Aber er ist zu schweigsam und verschlossen, und er braucht zu lange, um denjenigen um sich herum Vertrauen zu schenken. Wenn es Krieg geben sollte, werden wir eine Anführerin brauchen, die die Gabe hat, gleich bei der ersten Begegnung Vertrauen zu gewinnen und Vertrauen zu schenken oder auf Anhieb zu erkennen, dass sie es niemals erringen wird. Gwyddhien wird das können.«
Breaca blickte über den See hinweg zu der letzten murmelnden Gruppe, in deren Mitte Gwyddhien saß. »Sie tut es jetzt schon«, sagte sie.
»Ich weiß.«
Caradoc hatte trockenes Farnkraut und Heidekrautwurzeln zu einem ordentlichen Haufen neben dem Feuer aufgeschichtet. Breaca beugte sich vor und warf eine Handvoll von beidem in das Feuer. Die Glut der Flammen tauchte ihrer beider Gesichter in rötliches Licht, so wie einst in der Schmiede in Cunobelins Residenz. Sie saßen eine Weile schweigend da, testeten die Grenzen der Spannung zwischen ihnen. Es gab noch einen Dritten, der das Zeug dazu hatte, Venutios’ Nachfolger zu werden, doch keiner von ihnen hatte bisher ein Wort darüber gesagt; Caradoc war einer der beiden gewesen, die den Keiler erlegt hatten, und er konnte zweitausend Kriegerinnen und Krieger ebenso mühelos nach seinem Willen formen wie Gwyddhien. Airmid hatte das gewusst, als sie ihre Wette abschloss. Am fernen Horizont leuchtete der Träumerstern auf, doch er behielt seine Geheimnisse für sich.
»Warum bist du zu mir gekommen?« Caradocs Stimme ertönte aus der Dunkelheit.
»Um dir eine Frage zu stellen. Oder vielleicht auch, um eine Theorie zu überprüfen.« Breaca blickte ihn über das Feuer hinweg an. Er saß ganz ruhig da, aber mit einem wachsamen Ausdruck auf dem Gesicht, so als ob Breaca Teil der Kriegerprüfungen wäre. Sie sagte: »Ich habe irgendwie das Gefühl, dass die Jagd nicht das Auswahlverfahren ist, sondern dass Talla und der Ältestenrat schon längst darüber entschieden haben, wer Venutios’ Nachfolger sein soll, und die Jagd vielmehr dem Zweck dient, die dreißig zusammenzubringen, um damit zu beginnen, die Ehrengarde des neuen ranghöchsten Kriegers aufzustellen. Wenn dem tatsächlich so wäre und wenn du gefragt würdest, würdest du Gwyddhien dann Treue schwören und geloben, ihr Leben unter Einsatz deines eigenen zu verteidigen?«
Sie hatte gedacht, dies könnte eine Frage sein, die Caradoc sich schon selbst gestellt hatte. Als sie ihn jetzt ansah, wusste sie, dass sie richtig vermutet hatte, dass er sich die Frage zwar gestellt, aber noch keine Antwort darauf gefunden hatte; der Konflikt spiegelte sich deutlich auf seinem Gesicht wider. »Ich weiß es nicht«, erwiderte er aufrichtig.
»Du hast zu viele Verpflichtungen gegenüber dem Volk deiner Mutter?« Sie wusste nichts über sein Leben bei den Ordovizern, außer dass man ihn nicht für den Tod des Kuriers verantwortlich gemacht hatte, den sein Vater ermorden ließ.
»Ja, aber es ist nicht nur das. Wenn es Krieg geben sollte, würde ich mitkämpfen wollen, und Mona hat nur ein einziges Mal in der neueren Geschichte den ranghöchsten Krieger und sämtliche zweitausend anderen in eine Schlacht geschickt.«
»Gegen Cäsar und seine Legionen.« »Richtig. Sie ritten aus, um Cassivellaunos Beistand zu leisten, und zwar zu einer Zeit, als die Unverletzlichkeit der Insel selbst bedroht war. In den Liedern von Mona heißt es, dass von diesen zweitausend Kriegern nur drei lebend wieder zurückkehrten. Sie waren die größten Krieger, die unser Land jemals gesehen hat, und sie waren diejenigen, die die Ufer des ins Meer mündenden Flusses gegen den Sturmangriff der Legionen verteidigten, ganz gleich, was die Sänger anderer Stämme - deines und meines Volkes - behaupten mögen. Wenn es zu einem Krieg mit Rom kommt und wenn Mona ihre Krieger ins Feld schickt, dann könnte es durchaus sein, dass ich der Ehrengarde beitreten würde, wenn man mich fragte - aber wenn nicht, dann würde ich mir wünschen, an der Seite all derjenigen kämpfen zu können, die bereit wären, sich mit mir zusammenzutun.«
Breaca verspürte plötzlich einen kalten Windhauch im Rücken. Maroc hatte ebenfalls über diese Sache gesprochen, aber nicht so direkt, nicht mit einer solchen Eindringlichkeit. »Wird es denn dazu kommen - zu einem Krieg mit Rom?«
Caradoc zuckte die Achseln. »Das ist durchaus möglich. Amminios hat all den Ehrgeiz unseres Vaters, aber nichts von dessen Diplomatie. Cunobelin ging sehr viel klüger und geschickter vor; sein Reichtum basierte auf dem Handel mit Rom und mit den Völkern, die Rom untertan sind, aber er machte sich nicht alle römischen Bräuche und Gepflogenheiten zu Eigen. In den letzten beiden Jahren hatte er sich sogar wieder den Träumern zugewandt und sich auf die Wege der Götter zurückbesonnen. Amminios wird das niemals tun. Er will die Herrschaft über die Handelshäfen auf beiden Seiten des großen Flusses, und er wird vor nichts zurückschrecken, um sie zu bekommen. Bei dieser Sache hat er die volle Unterstützung von Berikos von den Atrebatern. Der Mann hat dreißig Jahre lang darauf gewartet, die Oberhand über unseren Vater zu gewinnen. Wenn Amminios ihm einen Grund gibt, dann wird er die Gelegenheit beim Schopf ergreifen.«
»Und Amminios hat einen guten Grund, nämlich die Häfen südlich des Flusses, die dein Vater Togodubnos’ Sohn überschrieben hat, um die Blutschuld gegenüber meiner Familie zu begleichen.« Erinnerungen an eine Schlacht stürmten plötzlich auf Breaca ein. Amminios, hoch zu Ross, lachte höhnisch auf sie herab, und das Trommeln von Pferdehufen dröhnte in ihren Ohren. Sie starrte ins Feuer und zwang sich, die quälenden Erinnerungen zu verdrängen und nur das Rauschen des Windes über dem See zu hören und das Stimmengemurmel von anderen, die an anderen Feuern saßen, keiner von ihnen ein Feind. Als sie wieder klar denken konnte, sagte sie: »Der Verlust der südlichen Häfen würde aber weder Amminios noch Berikos einen triftigen Grund liefern, Rom um Hilfe zu bitten.«
»Es sei denn, sie kämpfen um die Häfen und verlieren den Kampf. Und Amminios - das hast du ja selbst schon erlebt - kann es überhaupt nicht leiden, als Verlierer dazustehen.«
Sie hob mit einem Ruck den Kopf. Caradoc erwiderte ihren zornigen Blick ohne Kommentar. Man hätte vielleicht denken können, dass er sie nur aufziehen wollte, doch dem war nicht so. Beide wussten, dass das, was er gesagt hatte, stimmte. »Er mag vielleicht nicht gerne verlieren«, erwiderte sie, »aber wenn er siegt, dann ist der gesamte Südosten in Gefahr. Er wird nicht am Fluss Halt machen, und wenn er die Residenz erobert hat, wird er als Nächstes gegen die Eceni vorgehen. Wir haben Land, Getreide und Pferde in einer solchen Fülle, wie er sie noch nirgendwo anders gesehen hat. Dieser Reichtum verliert nichts von seinem Wert, nur weil wir es vorziehen, keinen Handel mit Rom zu treiben und unsere Pferde und unser Getreide gegen römische Waren einzutauschen.«
»Deshalb darf Amminios unter keinen Umständen siegen oder nach Rom entkommen. Die einzige Chance besteht darin, dass Togodubnos die Länder im Süden noch vor Amminios erreicht. Die dortigen Speerkämpfer haben meinem Vater den Treueeid geschworen. Solange sein Leichnam noch aufgebahrt ist und für drei Tage, nachdem sie ihn verbrannt haben, können sie nicht abschwören, so lautet das Gesetz. Danach...« Caradoc spreizte die Hände.
»Würden sie Amminios Treue schwören?«
»Die Atrebater sind ein sehr pragmatisches Volk. Sie sind damals ohne Skrupel von Berikos zu meinem Vater übergewechselt, weil noch eine Schuld zu begleichen war. Sie werden also ebenso mühelos wieder zur anderen Seite überwechseln. Ich glaube, sie werden jedem Treue schwören, der als Erster zu ihnen kommt und genügend Speerkämpfer mitbringt, um eine überzeugende Begründung zu liefern.«
»Weiß Togodubnos das?«
»Das können wir nur hoffen. Wenn er scheitert, dann wird der Südosten so schnell Feuer fangen wie ausgedörrte Kiefernzweige.«
Caradoc setzte sich auf und bewegte seine Hände über dem Feuer, um Schattenbilder zu erzeugen, so wie die Sänger es taten, wenn sie Geschichten vortrugen. Kühne, scharf umrissene Gestalten glitten über das verschwommene Oval seines Gesichts und schlichen hinter anderen her. Da Breaca sich anstrengen musste, das Gesicht hinter den Schattenfiguren zu erkennen, sah sie nur Caradoc, nicht ihren Bruder. Er lächelte, und diesmal war es nicht Báns Lächeln. Seine Hände formten ein Schwert und einen Schild und bewegten sich in einer perfekten Imitation von Stoß und Parade hin und her. Leise sagte er: »Die Ältesten der Ordovizer sind an der Tag- und Nachtgleiche im Herbst zur Vollversammlung zusammengekommen. Ich habe ein Gesuch vor dem Rat eingereicht, und es wurde angenommen. Wenn im Osten ein Krieg ausbricht, habe ich die Erlaubnis, die Krieger der Streitaxt anzuführen, um die Länder meines Bruders zu verteidigen.«
Es war genau das, was sein Vater gewollt hatte. Breaca enthielt sich jedoch jeden Kommentars. Stattdessen sagte sie: »Somit kehren wir wieder zu meiner ersten Frage zurück, und du hast sie gerade beantwortet. Du könntest die Ordovizer nicht in den Krieg führen, wenn du einen Eid darauf geleistet hättest, den ranghöchsten Krieger von Mona zu schützen.«
»Nein.«
»Und auch nicht, wenn du selbst ranghöchster Krieger von Mona wärst.«
»Nein. Es sei denn, Mona und die Ordovizer wären eine Einheit, und das ist doch sehr unwahrscheinlich.«
»Warum bist du dann hier?«
»Ich weiß es nicht. Das müsstest du schon Maroc fragen.«
»Maroc würde die gleiche Antwort geben, die er immer gibt: um den Willen der Götter zu erfahren, der sich vielleicht nicht unbedingt mit dem der Menschen deckt.«
»Und schon gar nicht mit Marocs Willen, was immer das auch sein mag.«
Hinter dem Schattenspiel konnte sie Caradocs ironisches Lächeln sehen, das so sehr dem Airmids glich. Marocs Pläne waren nur einigen wenigen bekannt, obwohl jeder sie durch bloßes Hinschauen erkennen konnte, und ebenso viele den Weitblick des Träumers würdigen konnten, der danach strebte, die Krieger von West und Ost zusammenzubringen und zu einer gewaltigen Streitmacht zu vereinen, um das Land gegen eine feindliche Invasion zu verteidigen. Breaca hatte dies in groben Zügen von Macha erfahren, bevor sie die Eceni-Länder verlassen hatte. Seit sie nach Mona gekommen war, hatte sie allmählich die Einzelheiten verstanden, und sie hatte begriffen, in welchem Maße der Träumer in Caradoc ein williges Werkzeug gefunden hatte. Caradoc war der Einzige, der Marocs Traum wahr machen könnte; der - wenn die Götter gnädig waren - eines Tages sogar noch weitaus mehr erreichen könnte. Caradoc würde die Stämme nicht vereinigen, um seinem Vater Macht zu verschaffen, aber er würde bis zum letzten Atemzug um eine solche Vereinigung kämpfen, wenn er dadurch Rom und seine Verbündeten zurückhalten könnte.
Es gab nur einen einzigen schwachen Punkt in dem ganzen Plan, den Breaca sehen konnte. Als sie aufstand, um zu gehen, sagte sie: »Du bist nur mütterlicherseits ein Ordovizer. Werden die vereidigten Speerkämpfer der Streitaxt dir in eine Schlacht folgen, die sie eigentlich gar nicht wollen?«
Caradoc hatte sich wieder in das Gras zurückgelehnt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Sie hörte seine Stimme in der Dunkelheit, leicht amüsiert: »Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen.« Dann fügte er nachdenklich hinzu: »Wenn sie es nicht tun, wird nur der Osten fallen.«
 
Breaca war im Großen Versammlungshaus der Eceni und ersuchte die Ältesten gerade um Hilfe in der Schlacht, als Ardacos’ Finger sich plötzlich um ihr Fußgelenk schlossen. Sie erwachte mit einem Ruck aus ihrem Traum und fand sich neben ihrem eigenen Feuer wieder, um sich herum nur Finsternis und über ihr ein Baldachin aus Sternen. Ardacos’ zerknittertes Fledermausgesicht tauchte vor ihr auf und verdeckte das Licht der Sterne. Finger tanzten vor ihren Augen, formten das Zeichen für drohende Gefahr und dann das für »viel Glück!« Sie erhob sich wortlos von ihrem Lager und bekam ihren Speer in die Hand gedrückt. Hail reckte sich gähnend und folgte ihr.
Sie rannten am Ufer des Sees entlang. Der Geruch des Wassers vermischte sich mit dem von feuchtem Torfmoos. Breacas nackte Füße landeten überall dort, wo sie die Felsen verfehlte, platschend in flachem Wasser. Auf der Nordseite des Sees wandten sie sich hügelaufwärts und liefen zum Rand des Kraters hinauf, wo sie sich bäuchlings hinter die Felsen legten. Ardacos zeigte über den Rand hinweg, und Breaca sah das, was er gesehen hatte: eine schattenhafte Form, die eindeutig kein Felsblock war, denn sie bewegte sich zwischen den unter ihnen liegenden Klippen.
»Ein Bär?« Ihr Herz schlug plötzlich einen Salto. »Ich dachte immer, auf Mona gäbe es keine Bären.«
»So hat man es uns jedenfalls gesagt. Und ich habe in den ganzen acht Jahren, die ich nun schon hier bin, auch noch nie zuvor einen gesehen.« Er warf ihr einen Blick von der Seite zu. Der Rand seines Auges schimmerte weiß im Licht der Sterne. »Der Bär ist das Tier, das Maroc im Traum erschienen ist.«
»Und auch meinem Vater.« Sie legte ihren Speer auf die Felsen. »Wir dürfen ihn nicht töten.«
»Das würde ich auch nicht empfehlen. Aber die Bestie hat den Keiler gerochen und wird ihn erbeuten, wenn sie irgend kann.« Er lehnte sich auf die Fersen zurück und schenkte Breaca ein blitzendes Lächeln. Sein Gesichtsausdruck war so lebhaft, wie sie es noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er sagte: »Das hier ist die wirkliche Prüfung, nicht das andere. Die Gefahr ist groß. Jedes Mal, wenn solche Prüfungen stattfanden, hat es etliche Tote gegeben, und diese Todesfälle haben sich nicht bei der Wildschweinjagd ereignet. Wir dürfen den Bären zwar nicht töten, aber wir müssen ihn vertreiben. Und dabei könnte er uns töten.«
Er sah nicht aus wie ein Mann, der sich auf den Tod gefasst machte. Der hohe Summton, der so sehr an Bienen erinnerte, nistete sich wieder in Breacas Ohren ein - die Warnung der Götter -, und sie hörte im Geist wieder Marocs Stimme: Ihr solltet nur wissen, dass ihr zusammenbleiben müsst. Misstrauisch fragte sie: »Du hast nicht gedacht, dass er nur als Bewährungsprobe für uns beide geschickt wurde - um den anderen keine Chance zu geben?«
Der Bär war so schwarz wie die Nacht. Selbst mit der besonderen Scharfsichtigkeit von Mona war es schwierig, ihn in der Dunkelheit auszumachen und ihn im Auge zu behalten. Während Breaca noch auf Ardacos’ Antwort wartete, richtete der Bär sich plötzlich auf die Hintertatzen auf und hob sich als klar umrissene Silhouette gegen den Sternenhimmel ab. Sie hörte Ardacos seufzen, während sein Atem pfeifend durch seine Nasenlöcher entwich. »Nein«, erwiderte er. »Nein, ich glaube nicht, dass er nur für uns beide ist. Wo bliebe da die Ehre? Es wäre wohl kaum ehrenvoll, nur deshalb ranghöchster Krieger zu werden, weil kein anderer die Chance dazu hatte.« Er schob sich rückwärts vom Rand des Kraters fort und klopfte Breaca leicht aufs Handgelenk. »Geh jetzt; wir müssen schnell handeln! Ich werde Gwyddhien holen. Du weckst die anderen.«
Er bereute seine Entscheidung schon bald wieder. Noch während er vor ihr am Rand des Wassers entlangrannte, konnte Breaca ihm dies bereits deutlich anmerken. Sie schickte Hail voraus, um Caradoc zu holen, und bahnte sich einen Weg am Ufer des Sees entlang, während sie die einzelnen Gruppen weckte. Die Hunde, die sich gründlich an den Innereien des Keilers satt gefressen hatten, waren schlaftrunken und rührten sich nur widerwillig. Der Eifer ihrer menschlichen Gefährten ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Breaca ließ immer einen von jeweils vier Kriegern zurück, mit dem Auftrag, das Feuer zu schüren und getrocknetes Farnkraut um Stöcke zu wickeln, um Feuerkeulen daraus zu machen. Den Übrigen befahl sie, ihre Speere zurückzulassen und sich mit reichlich Steinen zu bewaffnen, wobei sie ihnen ausdrücklich einschärfte, dass der Bär unter keinen Umständen getötet werden durfte. Alle kannten die Gesetze, aber nur sie und Ardacos waren auf äußerst anschauliche Weise an die Strafen erinnert worden. Auf halbem Weg um das Seeufer herum gesellte sich Caradoc zu ihr, und sie teilten die restlichen Gruppen unter sich auf, um sich dann wieder an der Stelle zu treffen, wo der Keiler aufbewahrt wurde. Gwyddhien war bereits dort; sie stand auf der Felsspitze oberhalb des Kadavers. Von Ardacos war keine Spur zu sehen.
Breaca kletterte auf die Klippe hinauf und sah sich suchend um. Der Bär stand in Windrichtung und hatte den Geruch der Menschen gewittert. Er richtete sich auf, die stumpfe Schnauze zum Himmel erhoben. »Wo ist Ardacos?«, fragte Breaca, und die Worte waren noch kaum über ihre Lippen gekommen, als sie ihn auch schon sah und zugleich erkannte, dass sich der Bär nicht deswegen aufgerichtet hatte, weil er eine Handvoll Krieger gewittert hatte, die sich zwischen den Felsen versteckt hielten, sondern eines kleinen, drahtigen Mannes wegen, jetzt vollkommen nackt und unbewaffnet, der vor ihm stand und sich in den Hüften wiegte.
»Große Götter! Was macht Ardacos denn da?«
Gwyddhien schnitt eine Grimasse. »Er führt den Bärentanz auf. Es ist anscheinend eine Tradition bei den Kaledoniern, von den Ahnen überliefert; sie tanzen mit dem Bären und bitten ihn, sie in Frieden zu lassen, und er tut es.« Sie sprach leise, mit dem singenden Tonfall der Bewohner des Westens. Selbst wenn sie über den Lärm einer Übungsschlacht hinwegrief, behielt ihre Stimme diesen melodischen Klang. Es war Gwyddhiens Stimme, die Airmid als Allererstes zu ihr hingezogen hatte, das und ihre überragenden Fähigkeiten.
Sie beobachteten gemeinsam den tanzenden Krieger. »Er ist wahnsinnig«, sagte Breaca.
»Oder überaus mutig. Wenn er stirbt, werden sie sagen, er ist das Erstere. Wenn er überlebt...« Die schlanke, hoch gewachsene Kriegerin grinste und spreizte die Hände, so wie es vielleicht ein Spieler angesichts einer verlorenen Wette tun würde, wenn der Wettkampf hart und schnell gewesen ist. »Wir dürfen auf keinen Fall eingreifen. Wenn wir hinuntergehen, werden wir die Bande zwischen ihnen zerstören, und Ardacos wird unweigerlich sterben. Das Einzige, was wir tun können, ist, hier stehen zu bleiben und zuzuschauen.«
Venutios sprang auf den hohen Felsen hinauf und stellte sich neben sie. Er war als Einziger mit einem Speer bewaffnet. Ganz gleich, was aus ihm werden würde, nachdem er die Insel verlassen hatte - noch war er der ranghöchste Krieger von Mona, und niemand hatte die Macht, ihm zu sagen, dass er auf seine Waffen verzichten sollte. Er stützte sich auf den Speerschaft und beobachtete den Tanz, während Bär und Mann sich Stück für Stück seitwärts bewegten, fort von der Klippe.
Breaca beobachtete weniger den Bären als vielmehr Venutios. Sie hatte ihn auf ihrer Weckrunde um den See als Letzten erreicht und ihn an seinem Feuer sitzend angetroffen, damit beschäftigt, die Klinge seines Jagdmessers zu schärfen. Er hatte sie nicht gefragt, warum sie zu ihm kam.
»Hast du das hier erwartet?«, fragte sie.
»Etwas in der Art, ja.«
»Ist es immer ein Bär?«
Er strich sich mit der Zunge über die Zähne, während er überlegte, wie viel er verraten durfte. »Nein«, sagte er schließlich. »Nicht immer.«
Sie hätte ihn am liebsten gefragt, worauf sie sich sonst noch gefasst machen müssten, aber es wäre ihm nicht erlaubt gewesen, darauf zu antworten, und sie hätte ihm mit einer solchen Frage keine Ehre erwiesen. Sie starrte schweigend in die Nacht hinaus. Je weiter sich Ardacos fortbewegte, desto schlechter war er zu sehen. Das Licht der Sterne ließ ihn grau erscheinen, so grau wie die Felsen um ihn herum, und den Bären desgleichen, so dass die beiden kaum noch von ihrer Umgebung zu unterscheiden waren. Breaca spürte, wie sich die anderen hinter ihr versammelten, während sie langsam die Klippe erklommen. Nicht alle sahen Ardacos. Zweimal musste Breaca einen übereifrigen Krieger zurückhalten, der drauf und dran war, hinunterzustürmen, um es allein mit dem Bären aufzunehmen.
Sie hielt gerade Braint, das Mädchen vom Stamm der Briganter, am Arm fest, als sie plötzlich die anderen pelzigen Gestalten sah, kleiner und gespensterhafter, die der größeren folgten.
»Bärenjunge!« Sie ließ das Mädchen abrupt los. »Gwyddhien, wir müssen Ardacos warnen! Er kann die Bärin nicht aus den Augen lassen, aber eines der beiden Jungen ist groß und kräftig genug, um ihn zu töten!«
Ihre Warnung kam zu spät. Der Junge von den Brigantern war bereits zur Tat geschritten, noch ehe sie den Arm seiner Cousine losgelassen hatte. Er sprintete von der Felsenspitze hinunter, während er seinen Schlachtruf ausstieß und die Steine schleuderte, die er gesammelt hatte. Das kleinere Bärenjunge fuhr herum, als es ihn sah. Das größere richtete sich wie seine Mutter auf die Hintertatzen auf und bewegte sich drohend auf Ardacos zu. Vielleicht hatte er das Tier ja gesehen, aber ein Mann kann immer nur mit einem Bären tanzen. Er machte keine Anstalten, sich umzudrehen, um das Junge für sich einzunehmen oder sich zu verteidigen.
»Nein!« Breaca stürmte bereits vorwärts. Sie hielt die beiden Felsbrocken, die sie gesammelt hatte, und sie hatte Hail. Aber es war trotzdem nicht genug. Sie fühlte Caradoc auf ihrer linken Seite, an dem Platz des eidlich Verpflichteten, und sie war dankbar für seine Unterstützung. Gwyddhien lief auf ihrer Rechten. Andere rannten verteilt hinter ihnen. Venutios blieb auf der Felsenspitze, um das Geschehen zu verfolgen.
»Fass!« Mit einem stummen Gebet um sein Leben schickte sie Hail los, um die Bärin anzugreifen. Aus einer Entfernung, die größer war als eine Speerwurflänge, schleuderte sie den Ersten ihrer beiden Steine, und dank der Hilfe der Götter prallte er auf einen Felsblock direkt neben dem größeren Bärenjungen und zersprang, unzählige scharfkantige Splitter verspritzend. Das Junge jaulte auf und ließ sich auf alle Viere fallen. Ardacos fuhr herum und gab seinen Bärentanz auf. Die Bärin richtete sich noch höher auf und hieb wild mit ihren Tatzen durch die Luft. Hail stürzte sich von hinten auf sie, riss ein Maul voll Fell aus ihrer Flanke und sprang hastig rückwärts, ehe ihn die messerscharfen Klauen in Stücke reißen konnten. Die Bärin fauchte, ein erstaunlich leises Geräusch für ein so riesiges Tier, und wirbelte herum, um sich dieser neuen Gefahr zu stellen.
Breaca schrie: »Ardacos! Rechts von dir! Da ist noch ein Junges!«, und wusste noch im selben Moment, dass ihre Warnung zu spät kam.
Sie waren zu sechst, und alle hatten ihre Steine bereits geschleudert. Einer der jüngeren Krieger hatte eine brennende Keule mitgebracht und warf auch diese nach den Bären, aber sie alle hatten mit ihren Geschossen auf die ausgewachsene Bärin oder auf das größere der beiden Jungen gezielt; keiner hatte auf das kleinere geachtet, als es plötzlich den Jungen von den Brigantern zu Boden warf und seiner Mutter zur Hilfe kam. Für einen Bären war es nicht groß, aber Ardacos war auch schmächtig, und außer seiner Wendigkeit hatte er nichts, womit er sich hätte verteidigen können. Als das Tier mit seiner Tatze nach ihm ausholte, wich er dem Schlag durch eine blitzschnelle Drehung aus, so wie er sich auch von der angreifenden Sau weggerollt hatte, und wurde auf diese Weise nicht am Bauch verletzt. Stattdessen trafen ihn die rasiermesserscharfen Klauen an der Schulter, an genau der Stelle, wo er bereits von den Hauern des Wildschweins verwundet worden war. Mit einem Krachen, als bräche ein Ast entzwei, brachen sie ihm den Arm und rissen das Fleisch unterhalb seines Schulterblatts auf. Er stürzte lautlos zu Boden.
 
»Ardacos?«
Er lag bäuchlings auf einem Lager aus Moos und Farnkraut, den Kopf nach Westen gedreht, für den Fall, dass er sterben sollte. Der Junge von den Brigantern war bereits tot. Venutios hatte das Bittgebet an Briga gesprochen und sie beschworen, die Seele desjenigen aufzunehmen, der bei der Jagd ums Leben gekommen war, obwohl es seine eigene Schuld gewesen war und die Göttin das ebenso gut wissen würde wie sie alle. Die Cousine des Jungen trauerte um ihn, allein und schweigend. Von den Übrigen waren drei so schwer verletzt worden, dass sie nicht ohne fremde Hilfe gehen konnten. Der Rest der dreißig hatte einen Halbkreis gebildet und die Bären durch Lärm und Feuer vertrieben, indem sie aus Leibeskräften mit Steinen auf die Felsen trommelten und die brennenden Keulen durch die Luft wirbelten, um wilde Flammengebilde zu erzeugen. Hail hatte die Tiere wiederholt angegriffen, bis sie endgültig verschwanden, war aber dabei nicht verletzt worden. Dafür sandte Breaca ein stummes Dankgebet zu den Göttern empor, noch während sie andere ausschickte, um die Heilpflanzen zu suchen, die sie für die Behandlung der Verwundeten benötigte. Während der Zeit, die sie gebraucht hatten, um eine Tragbahre zu bauen, mit der sie Ardacos sicher ins Lager transportieren konnten, hatte sie festgestellt, dass sie diejenige von der Gruppe war, die sich auf dem Gebiet der Heilkunst am besten auskannte. In den drei Jahren, die sie der älteren Großmutter gedient hatte, hatte die alte Frau ihr so viel beigebracht, wie andere ihr wahrscheinlich in einem ganzen Leben nicht hätten beibringen können. Sie hatte ihren Gefährten genau beschrieben, was sie brauchte und wo sie es finden könnten, und die Hälfte der dreißig war auf ihr Geheiß hin losgerannt.
Als sie es Ardacos auf seinem Lager einigermaßen bequem gemacht hatte, musste sie feststellen, dass selbst der beste Unterricht der Welt nicht sonderlich viel nützte, wenn diejenigen, die die Heilpflanzen beschaffen sollten, in einer kargen, unfruchtbaren Landschaft am äußersten westlichen Rand der Welt suchten, noch dazu bei vollkommener Dunkelheit und zu Beginn des Winters. Keine der Pflanzen, die sie brauchte, war gefunden worden, und sie musste sich stattdessen mit grünem Moos behelfen, in großen Placken von den Felsen abgeschält, um es auf die Wunde zu legen, so wie Ardacos es am Morgen gemacht hatte. Sie band das Moospolster gerade auf dem Rücken des Kriegers fest, als sie spürte, wie er sich bewegte.
»Ardacos?« Sein Gesicht war von ihr abgewandt. Sie ging um ihn herum und beugte sich über ihn. Sein Auge war offen und enthielt eine Frage. »Du hast es geschafft«, sagte sie. »Die Bären sind verschwunden. Der Junge von den Brigantern ist gestorben, weil er zu leichtsinnig war. Alle anderen sind am Leben. Du bist verwundet worden und hast eine Menge Blut verloren, aber du wirst...« Das Auge schloss sich wieder, und so blieb es ihr erspart, Plattitüden von sich zu geben, die sich vielleicht noch als unwahr erweisen würden.
Sie blickte auf. Zu Gwyddhien, die auf dem Felsen über ihr saß, sagte sie: »Ich habe getan, was ich konnte. Sein gebrochener Arm ist eingerichtet und verbunden. Die Wunde ist verschlossen, blutet aber immer noch. Er braucht Airmids oder Tallas Hilfe, wenn er überleben soll. Wir sollten jetzt sofort aufbrechen.«
»Meinst du?« Die hoch gewachsene Kriegerin schwieg einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf. »Wir können jetzt noch nicht aufbrechen. Es ist schon dunkel, und von Osten her ziehen Wolken auf. Wir werden bald Regen bekommen. Oder Nebel. Die Route, die zur Siedlung zurückführt, birgt Gefahren ganz eigener Art, und keiner von uns kennt den Weg gut genug, um ihn bei Nacht zu finden. Wir sollten besser so lange warten, bis es hell wird.«
»Das können wir nicht. Bis es hell wird, vergehen noch Stunden. Das ist zu lange.« Die Dringlichkeit der Lage verlieh Breacas Stimme einen scharfen Ton.
Gwyddhien lächelte gelassen. »Ich glaube nicht. Es ist schon nach Mitternacht. Der Morgen ist nicht mehr fern.«
»Aber trotzdem noch zu fern. Wenn wir jetzt aufbrechen, werden wir das Große Versammlungshaus im Morgengrauen erreichen. Wenn wir aber bis zum Morgengrauen warten, bevor wir losmarschieren, werden wir nicht vor dem späten Vormittag dort ankommen, und bis dahin wird Ardacos tot sein.«
»Es ist immer noch besser, einer stirbt, als dass viele sterben. Wir haben drei, die schwach sind und getragen werden müssen, und außerdem ist da noch ein Toter, den wir nicht einfach zurücklass...«
»Wir können ihn durchaus zurücklassen. Wenn wir ihn mit Felsbrocken zudecken, werden die Bären nicht an ihn herankommen. Ich werde morgen mit ein paar anderen zurückkehren und...«
»Nein.«
Sie starrten einander über den verletzten Mann hinweg an. Breaca merkte, dass sie vor Wut an allen Gliedern zitterte. Das Blut strömte heiß durch ihre Adern, und die Narbe in ihrer Handfläche schmerzte wieder. Sie holte tief Luft und stieß den Atem dann zischend durch zusammengebissene Zähne wieder aus. Mit mühsam beherrschtem Zorn sagte sie: »Dann werde ich eben allein zum Versammlungshaus laufen und eine Heilerin mit zurückbringen, zusammen mit Pferden und einer Tragbahre. Wir werden noch vor Tagesanbruch hier sein. Länger kann Ardacos nicht mehr durchhalten.«
»Nein.« Venutios schüttelte energisch den Kopf. »Du kannst nicht allein gehen. Die dreißig dürfen unter keinen Umständen getrennt werden. So lautet das Gesetz.«
Er war noch immer ranghöchster Krieger. Sie hätte ihm bedenkenlos ihr Leben anvertraut. Aber Ardacos war ihr ein guter Freund gewesen und hatte sie geweckt, wo er doch genauso gut allein mit dem Bären hätte tanzen können, vielleicht sogar mit Erfolg.
»Wer will mich daran hindern?«, fragte sie angriffslustig.
»Ich.« Venutios setzte sich auf einen Felsblock und legte seinen Speer locker auf seine Knie. Seine ruhigen Augen versprachen ihr den Tod, wenn sie sich ihm widersetzte. Er zuckte entschuldigend mit den Achseln. »Es tut mir Leid. Ich würde dich ja gehen lassen, wenn ich könnte, aber das Gesetz ist in diesem Punkt klar und eindeutig und in keiner Weise anfechtbar. Entweder ihr geht alle, oder es geht keiner von euch.«
Breaca atmete zu hastig, um noch klar denken zu können. Sie zwang sich, ihre Erregung zu beherrschen und langsamer zu atmen, und dachte an Eburovic, der ihr immer geraten hatte, bei einem Konflikt nicht gleich in Rage zu geraten, sondern die Ruhe zu bewahren und erst einmal die Beweggründe hinter den Worten zu finden. Zu Gwyddhien sagte sie: »Es geht doch hier gar nicht darum, ob wir den Weg finden können oder nicht. Wir alle haben hier schon viele Male bei Nacht gejagt, du sogar noch öfter als jeder andere. Wir könnten den Weg sogar mit verbundenen Augen finden, wenn wir müssten. Warum willst du also nicht, dass wir jetzt aufbrechen?«
Die Kriegerin nickte, während ihre Wut langsam verrauchte. »Ich lebe hier schon seit zehn Jahren«, sagte sie. »Auf Mona gibt es keine Bären.«
»Heute Nacht waren aber Bären da«, erwiderte Breaca. »Wir haben sie gesehen.«
»Heute ist die Nacht der Prüfung, die Nacht, in der der neue ranghöchste Krieger ausgewählt wird. Was wir sehen, ist vielleicht nur ein Trugbild, etwas, was in Wirklichkeit gar nicht da ist. Nur bei Tageslicht werden wir die Wahrheit erkennen. Wir haben bisher nur einen von unserer Gruppe verloren, möglicherweise auch zwei, falls Ardacos stirbt. Die Ältesten haben aber eine drei- oder viermal so große Zahl von Todesopfern vorausgesagt. Wenn wir die Nacht hindurch wandern, riskieren wir, noch mehr als nur den einen zu verlieren. Träume kommen in allen möglichen Erscheinungsformen, nicht nur in Gestalt von Bären.«
»Ardacos ist nicht von einer Traumgestalt verwundet worden.«
»Bist du dir da sicher?«
»Ja. Hail kann keine Traumgestalten sehen, nur das, was wirklich ist, und diese Bären waren so wirklich wie du und ich. Es mag ja sein, dass es bisher keine Bären auf Mona gegeben hat, aber jetzt gibt es welche, und zwar drei. Wir werden uns später mit ihnen befassen oder sie in Frieden leben lassen.«
Während Breaca sprach, sprang sie auf die Klippe hinauf und stellte sich neben Gwyddhien. Ihr Messer steckte in ihrem Gürtel; zwar keine sonderlich taugliche Waffe, aber immer noch besser als gar keine. Hail würde ihr folgen, wenn auch sonst niemand. Sie trat auf die Seite, so dass Gwyddhien zwischen ihr und Venutios stand. Laut und deutlich, damit die gesamte Gruppe sie hören konnte, sagte sie: »Wenn die Träumer Traumgestalten schicken, dann werden sie sie uns hier ebenso schicken wie auf dem Weg zurück zur Siedlung. Ardacos braucht dringend Hilfe, und die Gesetze taugen nichts, wenn sie einen Mann ohne ersichtlichen Grund zum Tode verurteilen. Diejenigen, die meiner Meinung sind, können mir folgen. Ich gehe nämlich, und zwar jetzt
Sie sprang von der Klippe hinunter und rannte los. Hail lief in großen Sätzen neben ihr her, so dicht, dass sie die Wärme seines Atems spüren und den Bärengestank in seinem Fell riechen konnte. Nach wenigen Schritten hatte Caradoc sie eingeholt und lief auf ihrer Linken. Kurz darauf war Braint, das Mädchen von den Brigantern, auf ihrer Rechten, dicht gefolgt von Cumal von den Silurern. Als Breaca den Fuß des Hügels erreichte, rannten mehr Kriegerinnen und Krieger hinter ihr her, als sie auf Anhieb zählen konnte, ganz sicherlich mehr, als oben auf dem Hügel geblieben waren. Sie hielt einen Moment inne und blickte zurück. Hoch oben auf der Felsspitze hob Venutios sein Horn an die Lippen und ließ das Signal zur Rückkehr erschallen. Breaca erlebte einen Moment des Jubels, so wie damals an dem Tag, als sie Venutios’ Schwertklinge zerbrochen hatte. Sie nahm nur Caradoc und Braint mit, als sie kehrtmachte und wieder den Hügel hinauflief. Venutios kam ihr entgegen, seine Miene so reglos wie die eines Ältesten, der ein Gesetz verkündete.
»Du darfst nicht allein gehen, aber die Mehrheit von euch hat sich zum Aufbruch entschlossen. Es ist also Gwyddhien, die sich dir beugen muss.«
Die hoch gewachsene Kriegerin stand hinter ihm. In ihrer Hand trug sie ihren eigenen Speer und Breacas. Sie überreichte Breaca ihren Speer mit dem Schaft voran, als Zeichen des guten Glaubens. »Ich bin bereit.« Der melodische Tonfall ihrer Stimme ließ ihre Worte wie ein Gebet klingen.
Breaca reichte ihr die Hand zum Gruß des Kriegers. Sie sagte: »Wenn wir die Verwundeten tragen müssen, werden wir noch mehr Holz für Tragbahren brauchen. Gib mir die Hälfe von den dreißig, und ich werde es beschaffen.«
»Du hast sie.« Gwyddhien ergriff die dargebotene Hand und erwiderte den Gruß. Sie grinste. »Und besorgt noch eine neue Tragestange für den Keiler«, sagte sie. »Wir werden den Kadaver in zwei Hälften zerteilen, dann wird er nicht mehr so schwer zu tragen sein. Auf diese Weise können wir schneller laufen.«
Sie liefen die ganze Nacht hindurch, nicht sonderlich schnell, aber schnell genug. Sie wurden nicht von Traumgestalten bedroht, und sie kamen gut voran. Der Himmel war mit einer dichten Wolkendecke überzogen, aber es regnete nicht. Ohne Sterne, an denen sie sich hätten orientieren können, suchten und fanden sie einen mit gespaltenen Stöcken markierten Jägerpfad und folgten ihm. Gwyddhien ging an der Spitze der Kolonne, während sie immer wieder die Route überprüfte. Venutios lief ganz am Ende und hielt mit den Nachzüglern Schritt, um sicherzugehen, dass die Gruppe nicht auseinander gerissen wurde. Breaca und Caradoc bildeten ein Gespann mit Braint, die beschäftigt werden musste, um sich von ihrem Schmerz über den Verlust ihres Cousins abzulenken. Die drei trugen Ardacos, wobei sie sich regelmäßig abwechselten, so dass jeweils zwei das Holzgestell trugen und einer nebenherlief, und sie tauschten oft, um nicht zu rasch zu ermüden. Der schwer verwundete Mann versank immer wieder in Bewusstlosigkeit, während sie durch die Dunkelheit liefen, doch selbst wenn er wach war, lag er ganz still da, und er schrie auch nicht auf, wenn sie stolperten oder ihn über einen Bach hinwegreichen mussten.
Sie liefen gerade einen Abhang hinunter, sorgsam darauf bedacht, Ardacos waagerecht zu halten, als Breaca plötzlich bewusst wurde, dass sie die Umrisse ihrer Hand und ihres Fußes gut erkennen konnte; es würde also nicht mehr allzu lange dauern, bis der neue Tag anbrach. Sie blickte sich nach Caradoc um und sah sein Haar, so hell wie im Wind wogendes Getreide. Er lächelte, und seine Zähne blitzten weiß. Die schwarzhaarige Braint, am anderen Ende der Tragbahre, war zu dunkel, um im trüben Licht der Morgendämmerung deutlich zu sehen zu sein.
Am Fuße des Abhangs versammelte Gwyddhien die Gruppe wieder um sich. »Wir werden bei Tageslicht vor den Toren der Siedlung ankommen. Wir haben zwar Verwundete dabei, aber wir müssen trotzdem dem Anlass entsprechend würdevoll Einzug halten.«
Sie waren erschöpft, schmutzig und unordentlich, eine abgerissene Schar schemenhafter Gestalten. Gwyddhien wies sie an, sich zu drei Reihen zu formieren, geordnet nach Alter und Erfahrung, und ihre Speere auf den Rücken zu hängen, zum Zeichen des Friedens. Von Ardacos sagte sie: »Wir werden an der Eiche vor dem Tor Halt machen. Bringt ihn dann nach vorn. Er ist noch immer der Bedeutendste von uns. Er sollte als Erster hineingelangen.«
Es war ein ehrenvoller Akt, der ihrer beider würdig war. In den Augen einiger anderer mochte Ardacos zwar noch der Bedeutendste gewesen sein, als sie ausgezogen waren, aber Gwyddhien war diejenige, die als die Auserwählte zurückkehren würde, daran zweifelte keiner von ihnen. Breaca beugte sich über die Tragbahre und stellte fest, dass der Verwundete bei Bewusstsein war. Er blinzelte ihr zu, wie er es schon einmal zuvor getan hatte. Sie behielt ihre Hand auf ihrem Speer und blieb weiterhin auf der Hut.
Das restliche Gelände war ihnen allen bekannt: eine kurze Wegstrecke über niedrige, mit Stechginster bewachsene Hügel und durch kleine Täler, gefüllt mit Weiden und Haselsträuchern. Von den beiden Flüsschen, die ihren Weg kreuzten, ließ sich der nähere auf Trittsteinen überqueren, während der weiter entfernte von einer Brücke überspannt war.
Die ersten Wurfspeere kamen durch die Luft gesaust, als sie Ardacos gerade über die Trittsteine trugen. Breaca hörte das Sirren, dann den dumpfen Aufprall eines Treffers, und sprang ohne nachzudenken die letzten beiden Schritte zum jenseitigen Flussufer. Caradoc, der das hintere Ende der Tragbahre hielt, sprang mit ihr und folgte ihr im Laufschritt, als sie in Deckung flüchtete. Sie sprinteten in den Schutz eines Weißdorngebüschs. Braint flitzte hinter ihnen her und warf sich mit dem Gesicht nach unten ins Gras.
»Venutios ist getroffen worden«, sagte sie.
»Was?«
»Ich habe ihn zu Boden gehen sehen«, erklärte Caradoc. »Die Speere waren auf ihn gezielt.«
»Große Götter! Warum?« Breaca schob sich vorsichtig hinter ihrem Versteck hervor und versuchte, die Häupter zu zählen. Auf freiem Feld hätte sie die anderen vielleicht sehen können. Hier, im Schutz des Tals, wo die Bäume noch in vollem Herbstlaub standen und die Morgendämmerung noch nicht Einzug gehalten hatte, war das unmöglich. Sie konnte nur Gwyddhien sehen, die bäuchlings im dürftigen Schutz eines Felsblocks lag. Breaca legte ihre Hände trichterförmig an den Mund und stieß den Schrei der Nachteule aus, der Ruf der Krieger von Mona. Gwyddhien erwiderte ihn und rannte los, um sich zu ihnen zu gesellen.
»Venutios ist gefallen«, sagte Breaca.
»Ich weiß. Ich habe es gesehen. Habt ihr den Fluss als Letzte überquert, abgesehen von ihm?«
»Ja.«
»Dann sind wir wenigstens alle auf der rechten Seite des Flusses.«
Gwyddhien ahmte erneut den Schrei der Eule nach, diesmal noch lauter. Andere antworteten zu zweien oder zu dreien und kamen nach und nach aus ihren Verstecken hervor, um sich zu versammeln.
Cumal von den Silurern war der Erste, der an dem Gebüsch auftauchte, hinter dem Breaca und die anderen Schutz gesucht hatten. »Ordovizer!« Hasserfüllt spuckte er auf den Boden zu Caradocs Füßen. Ihrer beider Völker waren seit Urzeiten Feinde. »Ich würde ihre Speere überall wieder erkennen. Hast du von diesem Überfall gewusst?«
Caradoc starrte den anderen Mann wortlos an. Mit ruhiger Bedächtigkeit wandte er sich um, um über den Fluss hinweg auf die reglose Gestalt von Venutios zu blicken. Der Krieger lag ausgestreckt auf dem Rücken, seine Glieder in einem merkwürdigen Winkel verdreht. Der Schaft eines einzelnen Speeres ragte über ihm auf. Als Caradoc sich wieder zu Cumal umwandte, sagte er mit steifer Förmlichkeit: »Verzeih mir. Das Licht ist noch zu schwach, als dass man von hier aus deutlich sehen könnte, aber ich war ganz in der Nähe, als die Speere flogen, und ich glaube, sie trugen silurische Kennzeichen auf dem Schaft.«
»Coritani«, warf Breaca ein. »Sofern die Silurer nicht das Zeichen des Roten Milans als ihr eigenes übernommen haben.«
»Nein, Votadini«, meinte Braint. »Sie kennzeichnen ihre Speere mit schwarzer Farbe und tränken die Spitzen mit Gift, das sie aus Pilzen gewinnen. Ich kenne die Votadini schon seit meiner Kindheit. Sie haben damals den Onkel meiner Mutter getötet.«
Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen. Eine Dohle flog zu Venutios, und irgendjemand warf einen Ast nach ihr, um sie zu verjagen.
Mit kreidebleichem Gesicht sagte Gwyddhien: »Dann sind die Speere von den Träumern geschickt worden, genauso wie die Bären. Aber warum würden die Träumer ihre eigenen Leute töten wollen?« Unausgesprochen, aber noch offensichtlicher, war die Frage: Warum würde Airmid so etwas tun?
Breaca erwiderte schroff: »Frag Venutios, falls du ihm zufällig im Totenreich begegnen solltest. Er muss von der Gefahr gewusst haben, und wir hätten damit rechnen müssen, dass außer den Bären noch andere unangenehme Überraschungen auf uns warten würden. In anderen Jahren sind weitaus mehr Prüflinge umgekommen, als ein Bär hätte töten können.« Sie gab sich selbst die Schuld, weil es sicherer war, als irgendjemand anderem die Schuld zuzuschieben, vor allem einer Träumerin, die eine Wette angenommen hatte, wo sie doch stattdessen eine Warnung hätte aussprechen können. Ein bitterer Schmerz nistete sich in ihrem Inneren ein, doch sie versuchte mit aller Macht, ihn in den Hintergrund zu drängen, voller Angst davor, dass er sich - wenn sie sich ihm erst einmal stellte - als überwältigend erweisen könnte.
»Und was nun? Was sollen wir jetzt tun?«, fragte Gwyddhien. Entsetzen und Furcht hatten Falten in ihr Gesicht gegraben, die vorher noch nicht dagewesen waren. »Wir können die Träumer nicht töten.«
»Nein? Wieso können wir das nicht, wenn sie doch auch uns töten können?« Breaca fuhr zu der Gruppe herum. Zwei Dutzend Gesichter blickten sie verängstigt und voller Zweifel an. In dem grauen Licht des hereinbrechenden Tages sah selbst Caradoc unsicher aus. Sie hatte immer geglaubt, er wäre gegen jegliche Angst gefeit, und musste jetzt zu ihrer Bestürzung feststellen, dass dem ganz und gar nicht so war. Die Träumer von Mona waren heilig, eingehüllt in ein Netz des Friedens und der inneren Ruhe; sie konnten mitten durch eine Schlacht gehen, und kein Krieger würde sein Schwert gegen sie erheben. Breaca spürte, wie sich das Fadengeflecht, das die dreißig zu einer Einheit verbunden hatte, mehr und mehr auflöste, und sie betete zu Briga und zu Nemain, die Airmid besonders zugetan war. Doch sie bekam keine Antwort auf ihre Gebete. Stattdessen sah sie nur Ardacos, der im Sterben lag, und Venutios, der bereits tot war, und die Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit all dessen entmutigte sie zutiefst. Sie rief nach Eburovic und nach der älteren Großmutter, doch keiner von beiden kam zu ihr. Mit wachsender Verzweiflung rief sie nach Airmid - nicht nach der Träumerin selbst, sondern nach dem Gefühl der Beständigkeit und Sicherheit, das Airmid ihr stets vermittelt hatte, das sie wie eine zweite Haut umschloss und ihr Trost und Mut spendete, wenn sie ihn am dringendsten brauchte. Doch die Dämmerung gab nichts zurück, sogar noch weniger als nichts; das Zwielicht war von einem erbarmungslosen Schweigen erfüllt, das an ihrer Willenskraft zehrte. Hier auf der Insel der Götter war sie nun mutterseelenallein, im Stich gelassen von denjenigen, denen sie am meisten vertraute, die stattdessen die ihnen von den Göttern verliehene Macht nutzten, um sie zu vernichten.
Das Wissen um den Verrat war lähmend. Sie starrte über die mit Büschen bewachsene Fläche hinweg auf die Weiden, die den zweiten Fluss säumten. Ein feiner Nebel stieg vom Erdboden auf und kroch in Kniehöhe vorwärts, kalt und heimtückisch. Breaca hatte sich niemals nach dem Tod gesehnt, so wie Tagos es in den ersten Monaten nach dem Verlust seines Arms getan hatte, aber jetzt sah sie den Tod unweigerlich nahen und hatte doch nicht mehr die Willenskraft, sich gegen ihn zu wehren.
Hail stupste ihre Hand an und schmiegte seinen Kopf in ihre Handfläche. Von ihnen allen war er der Einzige, der weder Zweifel hegte, noch Angst vor den Träumern hatte; der nicht zwischen dem Guten und dem Schlechten einer Schlacht unterschied. Er lebte nur, um zu jagen und zu töten, zu kämpfen und zu siegen. Breaca ging in die Hocke und vergrub ihre Finger in dem rauen Fell an seinem Hals. Eburovics Trost und Unterstützung mochten ihr zwar verwehrt sein, aber niemand konnte ihr die Erinnerung an die Geburt des Hundes rauben, an den Anblick Báns, wie er in der Tür des Frauenhauses gestanden hatte, noch ganz verwirrt von seiner Vision, verängstigt und verloren und von schmerzlicher Sehnsucht nach einem Wesen erfüllt, das er noch kaum kannte, aber schon liebte. Ihr kleiner Bruder, der sich so sehr danach gesehnt hatte, Krieger zu werden, obwohl doch alle anderen klar erkannt hatten, dass er dazu ausersehen war, der größte Träumer zu sein, den die Stämme jemals gekannt hatten, bis er Opfer einer bis dahin einzigartig niederträchtigen und heimtückischen Gewalttat wurde. Von der Erinnerung an Bán war es nur noch ein kurzer Schritt zu Groll, zu Wut, zu einem alles verzehrenden Zorn. Während ihrer zweijährigen Ausbildung auf Mona hatte man Breaca gelehrt, sich zu beherrschen, um zu verhindern, dass Zorn und Leidenschaft die Oberhand über die Vernunft gewannen, aber es war Mona, die ihr das hier eingebrockt hatte, und ihre Lehrer hatten davon gewusst und doch kein Wort darüber gesagt. Allen Lehren zum Trotz hegte sie den Funken, der in ihrem Innersten brannte und der sich so mühelos zu Flammen entfachen ließ: durch ihren Abscheu vor Amminios; durch die Erinnerung an ihre allererste Begegnung, an seine Opferung des graubraunen Stutenfohlens und an seinen letzten und schlimmsten Akt der Schändung; durch den höhnischen Klang seines Lachens, das noch immer in ihren Ohren widerhallte - bis schließlich ein Feuer in ihrem Herzen loderte, das alles vernichten konnte, das ihr im Wege stand.
Zitternd richtete sie sich wieder auf und sah sich mit einer Klarheit um, die die Mutlosigkeit und Unentschlossenheit, die ihr eben noch zu schaffen gemacht hatten, beiseite fegte. Der tückische Nebel löste sich abrupt auf, schien lediglich ein Hirngespinst ihrer Furcht gewesen zu sein. Die anderen beobachteten sie misstrauisch, als ob auch sie nur ein Trugbild sein könnte. Sie lächelte, sah, wie diejenigen, die ihr am nächsten standen, zurückzuckten, und wählte ihre Worte mit Bedacht: »Wenn dies das Werk der Träumer ist, dann ist es Teil der Prüfung. Wir sind die Kriegerinnen und Krieger von Mona. Sie haben Jahre damit verbracht, uns für die Schlacht auszubilden. Wenn wir schon sterben müssen, dann sollte es wenigstens ein ehrenvoller Tod sein, der uns mitten im Gefecht ereilt, nicht während wir hier herumstehen wie Bullen in einem Pferch, die auf den Schlachter warten. Wir sollten kämpfen, statt tatenlos herumzustehen und auf den Tod zu warten!« Sie hob ihren Speer und hielt die Spitze nach oben, das Zeichen zum Kampf. »Ich werde nötigenfalls auch allein gegen die Traum-Speerkämpfer antreten, aber in Gesellschaft ginge es besser. Wer ist bereit, gemeinsam mit mir gegen sie zu kämpfen?«
Sie konnte die Sekunden, die in vollkommenem Schweigen verstrichen, an dem hämmernden Schlag ihres Herzens abzählen, und sie schienen sich zu einer Ewigkeit auszudehnen. Dann, endlich, sagte eine Stimme hinter ihr: »Ich«, und Caradoc trat neben sie und schloss damit eine Tür, die viel zu lange offen geblieben war. Sie lächelte ihn an, wie benommen vor Freude und Erleichterung, und er erwiderte ihr Lächeln, und sie wurde unwillkürlich an einen Augenblick in einem Fluss erinnert, als der Tod sie bereits gepackt und dann beschlossen hatte, sie wieder entkommen zu lassen. Mit lobenswerter Voraussicht erklärte er: »Wir werden noch andere Waffen brauchen. Speer gegen Speer ist keine geeignete Methode, um einen Kampf zu gewinnen. Wir brauchen Schwerter und Schilde, um es richtig zu machen.«
»Das Zeughaus steht auf dieser Seite des Lagers. Wir sind neunundzwanzig, abzüglich der Verwundeten. Zehn Leute werden genügen, um die Waffen zu tragen, die wir benötigen.« Braint stand nicht weit von ihr entfernt. Breaca legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Bist du bereit, dein Leben zu riskieren, um dein Schwert zu holen?«
Das Mädchen war jetzt hellwach und voller Tatkraft. Ihr Schmerz über den Tod ihres Cousins hatte sich nur zu bereitwillig in Zorn verwandelt und in das dringende Bedürfnis, zu handeln. Sie grinste grimmig. »Ich bin zu allem bereit.«
»Gut. Damit sind wir drei. Wir brauchen noch sieben weitere. Nicht die Verwundeten.«
Braint war die jüngste der neunundzwanzig. Die anderen würden sich nicht nachsagen lassen, dass sie weniger mutig waren als Braint. Keiner weigerte sich, sich ihr anzuschließen.
Gwyddhien hatte inzwischen ihre Selbstbeherrschung wieder gefunden und war wieder fähig, vorausschauend zu planen. »Das Zeughaus steht an zu exponierter Stelle. Wenn sie auf uns warten, werdet ihr irgendein Ablenkungsmanöver brauchen, um sie abzulenken.« Sie zeigte durch das matte Licht der Morgendämmerung hindurch. »Dort drüben ist ein Weidenwäldchen, das zum Ufer des zweiten Flusses führt. Du führst deine zehn Mitstreiter zum Zeughaus. Ich werde die Übrigen mitnehmen, und dann werden wir so tun, als ob wir dort den Fluss überqueren wollten. Ihr könnt währenddessen in das Zeughaus einbrechen.«
Breaca fühlte sich vollkommen im Gleichgewicht, als ob sie auf einer hohen Mauer stünde, mit einem klaren Blick auf alle diejenigen, die sich unter ihr versammelt hatten. Es kostete sie nicht die geringste Mühe, jeden Einzelnen der fünfundzwanzig Krieger, die unverletzt geblieben waren, einzuordnen und zu spüren, wie weit sein Mut reichen würde. Ardacos lag im Windschatten des Weißdorngebüsches. Ihre Blicke trafen sich, und sie konnte keinerlei Spur von Furcht in seinen dunklen Augen erkennen. »Irgendjemand muss bei Ardacos bleiben«, sagte sie. »Wir haben ihn nicht den ganzen weiten Weg hierher gebracht, nur um ihn jetzt zu verlieren.«
»Ich werde bei ihm bleiben. Wenn du mir hilfst, ihn hinter die Felsen zu tragen, und mir noch sechs andere gibst, können wir hier so lange die Stellung halten, wie ihr brauchen werdet, um die Waffen zu besorgen.« Es war Caradoc, der dies sagte. Und obwohl Breaca bedauerte, dass sie bei dem Einbruch auf seine Hilfe verzichten musste, wusste sie doch, dass er der Einzige war, bei dem sie sich darauf verlassen konnte, dass er den Schwerverletzten schützen könnte.
Sie nickte. »In Ordnung. Wir werden euch unsere Speere dalassen. Wir werden ohnehin genug zu tragen haben, wenn wir zurückkehren, und ihr könnt die Speere hier besser gebrauchen.«
Sie transportierten Ardacos ohne Schwierigkeiten in den Schutz der Felsen. Als sich die beiden Gruppen zu trennen begannen, hob Gwyddhien die Hand, um ihre eigene Gruppe zurückzuhalten. »Moment. Wir brauchen noch ein Signal, um den richtigen Zeitpunkt für das Ablenkungsmanöver zu bestimmen.«
»Warte hier.«
Neun Speere sausten durch die Luft, als Breaca über die Trittsteine im Flussbett sprintete, und ein weiteres Dutzend, als sie wieder zurückrannte. Für sie hatten alle diese Speere den Gestank und den Stil der Coritani, so wie sie sie noch von ihrer Kindheit her in Erinnerung hatte. Sie warf sich hinter den schützenden Felsen und hielt ihre Beute hoch, damit alle sie sehen konnten.
»Das Kriegerhorn.« Es war so lang wie ihr Arm und sanft geschwungen. Die beiden Enden waren mit schlichtem, schmucklosem Silber verziert, und das Horn selbst hatte über die vielen Generationen hinweg einen warmen, durchscheinenden Glanz angenommen, der den ersten kalten Lichtschein der Morgendämmerung einfing und ein Feuer daraus machte, das dem Feuer in Breacas Innerem in nichts nachstand. Sie schlang sich die Lederschnur um den Hals und sagte: »Ich werde das Signal zum Beginn der Schlacht geben, wenn wir die Schwerter haben. Trefft uns dann wieder hier hinter dem Felsen, um eure Waffen abzuholen. Dann werden wir ja sehen, wer Speere schleudert, die sich im Zwielicht verändern.«
»Und davor?«, fragte Gwyddhien. »Du kannst unmöglich das Horn ertönen lassen, wenn ihr das Zeughaus erreicht. Damit wirst du dir viel zu früh Probleme einhandeln.«
Breaca grinste. Die Aussicht auf den Kampf erfüllte sie mit einer prickelnden Erregung, die ihren Schmerz über den Verrat weit in den Hintergrund zurückdrängte. »Hat Airmid dir den Lockruf des quakenden Frosches beigebracht?«
»Ja.« »Dann benutze ihn. Dreimal nacheinander und dann noch dreimal. Wenn der letzte Ruf ertönt, werden wir in das Zeughaus einbrechen. Bete für uns, und wir werden euch Waffen bringen!«
 
In einem Marschgebiet im Osten quakte ein braunhäutiger Frosch, und seine Gefährtin antwortete ihm. Im fahlen Licht der Morgendämmerung reckte sich eine Hand aus hohem Gras empor und gab ein Zeichen. Zehn Kriegerinnen und Krieger sowie ein Jagdhund glitten bäuchlings und so lautlos wie Eidechsen über den von Tau durchnässten Boden.
Im Lager war alles still. Rauch stieg in dünnen Kräuseln von fast heruntergebrannten Feuern auf. Hunde und Hähne schliefen noch. Eine kleine, aus Steinen erbaute Hütte, deren Dach zum Schutz vor Feuer mit Schiefer gedeckt war, stand in der Mitte zwischen zwei Großen Versammlungshäusern. Die Tür der Hütte war aus Holz und mit Angeln versehen, die dazu neigten, laut zu knarren und zu quietschen, wann immer die Tür geöffnet oder geschlossen wurde - außer diesmal, als eine junge schwarzhaarige Kriegerin der Briganter Fett von einem erlegten Keiler auf die Scharniere schmierte und die Türangeln auf diese Weise zum Schweigen brachte. Drei Gestalten betraten die Hütte, eine von ihnen noch damit beschäftigt, sich das Wildschweinfett von den Händen zu wischen. Im Inneren war es noch finsterer, als die Nacht gewesen war, aber sie hatten schon viele Male geübt, ihre Waffen mit verbundenen Augen zu finden, für einen Anlass, der diesem nicht unähnlich war. Sie machten ihre Schwerter ausfindig, wobei sie jedes Einzelne an der speziellen Form seines Knaufs erkannten, und reichten sie mit dem Heft voran an diejenigen weiter, die draußen vor der Hütte warteten. Ihre Schilde zu finden erwies sich allerdings als schwieriger. Alle trugen Venutios’ Zeichen auf der Vorderseite - der springende Lachs, der sich blau vom eisengrauen Hintergrund abhob -, wohingegen ihre persönlichen Zeichen nur ganz leicht auf Schildbuckel oder Griff eingeritzt waren, zu schwach, um in der Dunkelheit sichtbar zu sein. So wählten sie aufs Geratewohl neunundzwanzig Schilde aus und reichten sie nach draußen, wo das eine, das anders und besonders war, schließlich gefunden wurde. Dann rannten sie, jeder mit drei Schwertern und drei Schilden beladen, während der Hund in großen Sprüngen vorauslief, um sie vor Gefahren zu warnen, wieder zurück zu dem Felsen, woher sie gekommen waren. Diejenigen, die Ardacos schützten, waren in der Zwischenzeit angegriffen worden. Zwei der Beschützer waren verwundet, aber zum Glück nicht tot, und wurden als Wachen bei den dreien zurückgelassen, die bereits bei dem Kampf mit den Bären verletzt worden waren. Sobald man die Schwerter und Schilde an diejenigen verteilt hatte, die sie gebrauchen konnten, hob Breaca das Kriegerhorn an die Lippen, füllte ihre Lungen und ließ das Signal zum Beginn der Schlacht erschallen.
 
Breaca befehligte ihre Hälfte der Truppe. Kampfbereit und mit erhobenen Schwertern marschierten sie in Reih und Glied vorwärts, während sich ihre Schilde überlappten. Es war das letzte Mal, dass sie den springenden Lachs trugen, das Zeichen von Venutios, der ranghöchster Krieger von Mona gewesen und nun tot war. Sein Schild allein war anders als die ihren gewesen: Der Lachs war nicht aufgemalt, sondern tief in den Schildbuckel eingraviert und mit eingelegten blauen Steinen verziert. Breaca hatte den Schild zu ihm bringen wollen, war aber von Gwyddhien und Caradoc energisch daran gehindert worden; der Sonnenaufgang war schon zu nahe, als dass sie es unbemerkt hätte tun können, und das Horn war mit einer solchen Vehemenz erschallt, dass das Schmettern auf der ganzen Insel zu hören gewesen war. Sie befanden sich im Krieg, und die rechte Zeit, sich um die Toten zu kümmern, war später, falls dann noch irgendeiner von ihnen am Leben und fähig war, sich ihrer anzunehmen. Sie hatten Venutios’ Schild stattdessen bei Ardacos zurückgelassen, dem sie sein eigenes Schwert gegeben und geholfen hatten, sich aufzusetzen. Auf seine Bitte hin hatten sie den Schild an seiner Körperseite festgeschnallt, damit sein verletzter Arm nicht sein Tod sein würde. Er hatte gegrinst, als sie gingen, und ihnen sein Leben verpfändet, so wie es ein Krieger tun sollte.
Der Rest der dreißig formierte sich zu einem sichelförmigen Bogen, so wie sie es auch bei der Jagd getan hatten, nur diesmal mit steileren Flanken - eine Formation, die jedem Einzelnen Schutz durch einen Nebenmann gewährte, aber zugleich auch die Chance bot, im Alleingang anzugreifen und im Kampf Mann gegen Mann militärische Ehren zu erringen. Gwyddhien nahm den Platz in der Mitte ein, wie es ihr Recht war. Breaca hatte auf Grund ihrer mutigen Taten die rechte Flanke bekommen, den nächstgrößten Ehrenplatz. Caradoc war die linke Flanke zugewiesen worden, und er hatte Braint als seine Nachbarin auf der Schildseite haben wollen, hatte sie dann aber Breaca überlassen und stattdessen Cumal genommen, den Silurer, der ihm vor die Füße gespuckt hatte.
Er und Breaca hatten sich am Rand des Waldes getrennt, unmittelbar vor den ersten Schritten hinaus auf offenes Gelände. Caradoc hatte mit dem Rücken zu dem langsam heller werdenden Horizont gestanden. Die Überreste des Nebels hatten einen dünnen Schleier von winzigen Wassertröpfchen auf seinem Haar und seinen Schultern hinterlassen, und das kalte Morgenlicht ließ jeden Tropfen wie geschmolzenes Metall erscheinen, so silbrig glänzend wie seine Augen. Er war beunruhigt. Breaca konnte es ihm deutlich ansehen, aber nicht die Ursache seiner Besorgnis. Zum ersten Mal seit zwei Jahren stellte sie plötzlich fest, dass sie seine Anwesenheit begrüßte. Sie streckte die Hand aus und berührte mit einer Fingerspitze das Heft seines Schwerts, um den Kriegereid zu erwidern, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Sie hatte dabei kein Wort gesprochen. Sie wusste auch nicht, ob sie in jenem Moment überhaupt ein Wort hätte hervorbringen können, doch sie wurden sowieso von Brock von den Dumonii unterbrochen, der sich seines Platzes in der Reihe nicht sicher war, und als sie ihn beruhigt hatten und er schließlich wieder abgezogen war, war der besondere Augenblick vorübergegangen, und das eigenartige Licht, das Caradoc in Silber gehüllt hatte, war wieder verblasst.
Sie trennten sich, um ihre Plätze an den beiden Enden der Linie einzunehmen. Im letzten Augenblick, bevor sie endgültig auseinander gingen, hatte Caradoc Breaca plötzlich zurückgehalten und gesagt: »Denk nicht darüber nach, wen du vor dir hast. Wenn wir wirklich den Träumern gegenübertreten, kann es sein, dass das, was du siehst, nicht real ist.«
»Ich werde Airmid erkennen«, hatte sie erwidert.
Er hatte ganz leicht ihren Arm gedrückt, der Abschiedsgruß eines Kriegers. »Sieh zu, dass du das tust.«
Die Gruppe marschierte hügelaufwärts aus dem Tal heraus, in relativ langsamem Tempo, um zu verhindern, dass die Linie zersprengt wurde. Überall um sie herum wich die Nacht dem Tag; Grauschattierungen und Schwarznuancen machten den Pastellfarben der Morgendämmerung Platz. Eine Amsel folgte ihnen bis hinter die letzten Haselnusssträucher und keckerte eine Warnung. Auf den Wiesen jenseits des Großen Versammlungshauses erwachten Säue grunzend aus dem Schlaf, und Mutterschafe riefen nach ihren Lämmern. Weiter oben auf den höher gelegenen Koppeln wieherte ein Hengstfohlen voller Ärger und galoppierte an einem langen Zaun entlang. Das dumpfe Trommeln seiner Hufe hallte von den Hügeln herunter.
»Wir hätten die Pferde holen sollen«, sagte Braint. »Ich wäre lieber zu Pferd gestorben.«
»Es war zu weit bis zu den Koppeln, und es war schon zu hell. Man hätte uns entdeckt, noch bevor wir dort angekommen wären.« Breaca blickte nach Osten. Eine Lücke in der Wolkendecke ließ einen Hintergrund aus geschmolzenem Gold erkennen, Vorbote der ersten wirklichen Strahlen der Sonne. Sie dachte an Venutios, der jetzt tot am jenseitigen Flussufer lag, und an die innere Ruhe, die er ausgestrahlt und die sich auf sie alle übertragen hatte; und sie war froh, dass es damit nun vorbei war, dass nichts das wilde, klare Feuer ersticken konnte, das in ihrem Inneren brannte - so ganz anders als das Kampffieber, das sie alle im Großen Versammlungshaus gepackt hatte, als die Auswahl der dreißig begonnen hatte. Sie sah das Schlachtfeld im Geist scharf umrissen vor sich und auch die Gefechtsaufstellung der Krieger. Das Fadengeflecht, das sie miteinander verband, war wieder intakt und stabil, und jeder Einzelne glänzte durch eine Unerschrockenheit und eine Überzeugung, die das Ganze noch stärker machten, als wenn jeder für sich allein kämpfen würde. Ihre einzige Sorge war Braint; das Mädchen glühte förmlich vor Enthusiasmus, aber ihr fehlte die Ausbildung von Mona.
»Sei vorsichtig, wenn die Sonne aufgeht«, schärfte Breaca ihr ein. »Wenn unsere Gegner gut sind, werden sie die Sonnenstrahlen nutzen, um dich zu blenden. Sieh nicht nach links, ohne deine Augen mit deiner Schildhand abzuschirmen.«
»In Ordnung.«
Sie marschierten um eine mit Ginstersträuchern bewachsene Fläche herum, dicht nebeneinander und Schild an Schild. Das offene Gelände, das vor ihnen lag, erstreckte sich bis zum ersten Graben und der Mauer, die das Lager der Träumer umschlossen. Die Kriegerschule hatte hier schon oft Übungskämpfe abgehalten. Breaca hatte einmal ein zehnköpfiges Angriffskommando abgewehrt und dabei nur Cumal zur Unterstützung gehabt. Sie wandte sich erneut an Braint. »Wenn wir von den anderen getrennt werden«, sagte sie, »und mehr als vier gegen uns sind, wende mir den Rücken zu und... Was ist los?«
»Krieger! Da, sieh doch! Eine ganze Truppe!«
Sie tauchten aus dem Graben auf, voll bewaffnet und für die Schlacht geschmückt. Kriegerfedern baumelten von den Enden ihrer Torques’ herab. Um den Hals und im Haar trugen sie die Andenken an ihre Visionen. Ihre Schilde waren einfarbig grau, wie um jegliche Treuepflicht gegenüber dem ranghöchsten Krieger zu leugnen. Ihre Schwerter waren kampfbereit erhoben.
Breaca schluckte die Bitterkeit hinunter, die ihr die Kehle zu verätzen drohte. »Es ist die Ehrengarde. Sie haben diejenigen gegen uns ausgeschickt, die das letzte Auswahlverfahren überlebt haben. Sie sind einfach zu viele. In einer Formation wie dieser haben wir keine Chance gegen sie.«
Es war das Schlimmste, das sie sich hätte vorstellen können. Caradoc war weit entfernt auf ihrer Linken, Gwyddhien zehn Schritte hinter ihr, tief in der Mitte des sichelförmigen Bogens. Breaca konnte von ihrem Platz aus zwar Caradoc sehen, aber nicht Gwyddhien. Sie hätten mit einer solchen Situation rechnen müssen und hatten es doch nicht getan. Jetzt war es zu spät, um ein neues Signal zu vereinbaren, das die Ehrengarde nicht kennen würde. Fluchend hob Breaca das Kriegerhorn an die Lippen und gab das Signal, das den anderen bedeutete, sich zu einem Stoßkeil zu formieren. Dann hielt sie einen Moment inne, um sich zu vergewissern, dass Braint verstanden hatte, und begann zu rennen.
Sie waren dreiundzwanzig Kriegerinnen und Krieger, eine davon noch völlig ungeschult. Sie vollzogen den Wechsel von der bogenförmigen Formation zum Stoßkeil schnell und kamen zu einer Keilformation zusammen, deren Spitze die Hornträgerin bildete. Breaca würde jetzt sterben, so viel war sicher; wer in den vordersten Reihen eines Stoßkeils kämpfte, hatte keine Überlebenschance. Es tat ihr Leid um Braint, die hinter ihrer rechten Schulter in der zweiten Reihe war. Caradoc hatte den Platz auf ihrer Linken eingenommen, und wieder schloss sich die Tür, die offen gestanden hatte. Sie brauchte das Kriegerhorn jetzt eigentlich nicht mehr, außer um Trotz und Herausforderung zu signalisieren, was Grund genug war. Sie riss die Schlangenspeer-Klinge hoch, die das Geschenk ihres Vaters gewesen war, hob das Horn an die Lippen und blies so kräftig hinein, dass das Schmettern die Truppe regelrecht elektrisierte und sie alle geschlossen vorwärts stürmen ließ, wie eine Hundemeute, die von der Leine gelassen wird, um dem Wild nachzujagen, oder wie Pferde, denen man freien Lauf lässt. Das Einzige, was Breaca bedauerte, als die Masse des Keils hinter ihr an Tempo zulegte, war, dass sie keine Zeit mehr gehabt hatte, um ihr eigenes Zeichen in den Buckel des geliehenen Schildes einzuritzen.
Im Lager der Träumer erschallte ein kontrastierendes Horn mit höheren Tönen und melodischeren Klängen als dasjenige, in das sie gerade gestoßen hatte. Die Sonne brach durch eine Lücke in den Wolken und tauchte das Schlachtfeld in gleißendes Licht. Der Morgen erwachte schlagartig zum Leben, erfüllt von Farben und Geräuschen. Wie auf ein unhörbares Kommando hin warfen die Krieger der Ehrengarde urplötzlich ihre Schilde nieder und schoben ihre Schwerter in die Scheiden zurück. Diejenigen an den Rändern der Gruppe ließen sich auf ein Knie fallen. Diejenigen in der Mitte bewegten sich so geschmeidig und lautlos zur Seite wie ein gut geöltes Tor, und auch sie knieten nieder. Hinter ihnen standen die Tore zur Siedlung offen, und dort warteten die Reihen der Träumer, in festliche Gewänder gekleidet. Vor ihnen, lebendig und unversehrt, stand Venutios. Sein Schild war eisengrau und mit Rot markiert, der Farbe frisch vergossenen Blutes. Das Symbol, das auf den Schildbuckel aufgemalt war, noch nass, so dass die Ränder verliefen, war der Schlangenspeer.
Talla trat vor, um die Anführerin des Kriegerstoßkeils zu begrüßen, die abrupt anhielt, zitternd und bebend, ähnlich wie ein Wurfspeer, wenn sich seine Spitze in den Stamm einer Eiche bohrt.
»Willkommen, ranghöchste Kriegerin von Mona!«
Die Stimme der Ratsältesten war dünn und so trocken wie ein Herbstblatt. Ihre Augen und ihr Lächeln glichen so sehr dem der älteren Großmutter, dass Breaca drauf und dran war, in Tränen auszubrechen, und das mitten auf dem Schlachtfeld, was unverzeihlich wäre, aber unvermeidlich sein könnte, wenn sie das ungestüme Feuer in ihrem Inneren nicht löschen oder zumindest dämpfen konnte.
Erschüttert schob sie das Schlangenspeer-Schwert in die Scheide zurück und bemerkte erst jetzt, dass die Narbe in ihrer Handfläche diesmal nicht pulsiert hatte, so wie sonst, wenn ein Entscheidungskampf bevorstand. Die Kriegerinnen und Krieger der Keilformation scharten sich um sie und gelobten ihr bedingungslose Treue. Auch Caradoc war da, der ihr bereits den Kriegereid geschworen hatte. Braint und Cumal gesellten sich zu ihm.
Gwyddhien trat aus der dritten Reihe der Keilformation heraus und spreizte die Hände, wie jemand, der einen harten Wettkampf um Haaresbreite verloren hat. Ihr Lächeln war aufrichtig, ohne eine Spur von Groll oder Missgunst. »Du hast das Horn genommen und zum Angriff geblasen, als kein anderer den Mut dazu hatte«, sagte sie. »Ich hätte in dem Moment bereitwillig mein Leben für dich hingegeben.«
Talla nickte. Breaca blickte an der Ratsältesten vorbei. Airmid stand gleich hinter Venutios, und von Verrat konnte keine Rede mehr sein, nur von Fürsorge und einer überwältigenden Liebe. Sie trug die mit Korallen verzierte Silberbrosche, die sie gerade bei einer Wette gewonnen hatte, und sie weinte, was herzzerreißend war, aber nicht weiter schlimm; einer Träumerin konnte man Tränen auf dem Schlachtfeld durchaus verzeihen, einer Kriegerin hingegen nicht. Da Breaca sich noch immer nicht so recht zu sprechen getraute, aus Angst davor, doch noch die Fassung zu verlieren, und da die Fragen zu schwierig waren, fragte sie nur: »Ardacos?«
»Er ist am Leben«, antwortete Airmid. »Er wird gerade versorgt, so wie auch die anderen Verwundeten. Ich soll dir von ihm ausrichten, dass dies erst der Anfang ist. Er wird deiner Ehrengarde beitreten, wenn er wieder gesund ist, falls du ihn brauchst.«
»Ich werde ihn immer brauchen. Er trägt die Seele der Ahnen in sich.« Ein plötzliches Aufleuchten von Gelb erregte ihre Aufmerksamkeit, als ein Umhang in der Brise flatterte. Inmitten des ganzen Tumults und der Aufregung stand Gunovic und wartete, so ruhig und unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung, neben ihm Cerin, deren bloße Anwesenheit eine Erinnerung an den Tod des Sonnenhunds war.
Auch ohne sich umzudrehen wusste Breaca, dass Caradoc den Hinweis gesehen und seine Entscheidung getroffen hatte. Und sie spürte ebenso deutlich wie er, dass seine Entscheidung die richtige war. Zu ihm und zu Airmid, zu Braint und zu Gwyddhien und zu jedem anderen, der zuhörte, sagte sie: »In Anbetracht dessen, was kommen wird, werden wir euch alle brauchen, ganz gleich, auf welche Weise ihr dienen wollt.«
 
Die Fähre stieß gegen die Eichenpfosten des Anlegers und zerrte mit sanfter Beharrlichkeit an ihrer Vertäuung. Zwei Pferde standen bereit, gehalten von einem in den weißen Umhang der Ordovizer gehüllten Krieger, der die letzte Fähre des Abends genommen hatte, um eine dringende vertrauliche Nachricht zu überbringen. Breaca saß auf einem Felsen, eine Speerwurflänge entfernt, nicht ganz außer Sichtweite. In all der Hektik und der Aufregung um die Ernennung der neuen ranghöchsten Kriegerin, die Vereidigung der Ehrengarde und die Vorbereitungen für die Delegation, die zu der Bestattungsfeier des Sonnenhunds geschickt werden sollte, tat es gut, Hail mitzunehmen und für eine Weile fortzugehen, um allein zu sein. Die Abendsonne wärmte ihren Rücken, und die Beeren hingen reif von der Eberesche herab. Die Wassermassen der Meerenge wogten sanft gegen den Fels zu ihren Füßen. Wild wuchernde Weidenröschen verstreuten ihre Blütenblätter auf der Wasseroberfläche. Wenn Breaca die Augen zu Schlitzen verengte und auf das Wasser blickte - so wie jetzt -, bildeten die Strömung, die verstreuten Blütenblätter und das Spiegelbild der Ebereschenbeeren die Form eines Speeres, geschleudert gegen...
»Störe ich?«
»Nein. Ich habe auf dich gewartet.« Sie öffnete die Augen wieder. Caradoc stand ein paar Schritte von ihr entfernt, reisefertig. Sein Umhang war von dem Weiß der Ordovizer, so wie der des Kuriers, der auf dem Fähranleger wartete. Caradoc wirkte angespannt, ebenso angespannt und verkrampft, wie Venutios es gewesen war, ein Mann, der eine neue Bürde zu tragen hatte. Er hatte zwar kein Wort über die Natur der Nachricht verlauten lassen, die ihn fortrief, aber Breaca konnte sie erraten.
»Du reist zur Beisetzung deines Vaters?«, fragte sie. »Wollen die Ordovizer, dass du ihre Delegation anführst?«
Er nickte. »Ja, aber nicht sofort. Zuerst muss ich mich noch um etwas anderes kümmern.« Der Kurier auf dem Anleger wandte ihnen den Rücken zu, um sie nicht zu stören. Die Dringlichkeit der Lage zeigte sich aber dennoch in der Art, wie er dastand. Die Pferde tänzelten unruhig auf der Stelle, so dass ihr Geschirr in der Sonne aufblitzte. Caradoc blinzelte, geblendet von der plötzlichen Helligkeit. »Breaca, ich...«
»Du musst jetzt gehen, ich weiß. Wir scheinen uns immer an irgendwelchen Flussufern trennen zu müssen.« Sie lächelte. In all dem Chaos gab es doch einige Dinge, die einfach waren und wunderschön. »Vielleicht können wir das ja irgendwann mal korrigieren.«
Es war der Schmerz in seinen Augen, der sie warnte. Er war mehr als nur angespannt; er wirkte fast wieder so verstört und aus dem Gleichgewicht geworfen wie damals in den Eceni-Ländern, als sie am Tor zu den Pferdekoppeln gestanden hatten und sie sich geweigert hatte, ihre Brosche von ihm anzunehmen. Sie blickte ihm forschend ins Gesicht, suchte nach einem Grund und fand ihn doch nicht. Verwirrt fragte sie: »Habe ich mich so sehr verändert? Ich bin zwar jetzt ranghöchste Kriegerin, aber das habe ich wohl eher dem Zufall zu verdanken. Du hättest das Horn ebenfalls holen können, oder Gwyddhien hätte es tun können - sogar Braint, die das Zeug dazu hatte, blitzschnell zu schalten und loszurennen -, dann wäre ich jetzt in der Ehrengarde und würde einem von ihnen Treue schwören. Oder dir, wenn du bereit gewesen wärst, die Ordovizer zu Gunsten von Mona aufzugeben.«
Er war aber nicht dazu bereit gewesen; von allen, die einen schwarzen Kieselstein gefunden und die Prüfungen überlebt hatten, war er der Einzige, der ihrer Ehrengarde nicht beigetreten war. Sie hatte dies nicht bedauert; vor ihrem geistigen Auge konnte sie bereits die Form eines Schlachtfelds sehen und die Speerkämpfer der Ordovizer, die eine massive, unüberwindliche Mauer zur Linken bildeten. Das Einzige, was noch fraglich war, waren die Namen und die Anzahl der Feinde und der genaue Zeitpunkt der Schlacht, aber das alles war die Zukunft. Die Gegenwart war Caradoc, der verstört und unglücklich war und sie jetzt in einer Mischung aus Ungläubigkeit und einer gefährlichen, nur mühsam beherrschten Ausgelassenheit anstarrte, als ob er jeden Moment zu lachen anfangen könnte und nie wieder aufhören würde.
»Was ist denn?«, fragte sie.
Er musterte sie forschend mit seinen klaren grauen Augen. »Weißt du wirklich nicht, was du getan hast?«, fragte er.
»Ich habe zwei Jahre Ausbildung auf Mona in den Wind geschlagen und mir erlaubt, so wütend zu werden, dass mein Zorn meine Vernunft besiegte. Wenn Maroc wüsste, wie leicht es mir gefallen ist, mich über all das hinwegzusetzen, was er uns gelehrt hat, wäre er entsetzt. Was ich getan habe, war wirklich nichts Besonderes. Wenn Gunovic mir noch ein einziges Mal sagt, wie stolz mein Vater auf mich wäre, springe ich ihm an die Gurgel!«
Caradoc zog eine Braue hoch. Er fand allmählich seine Selbstbeherrschung wieder. Beide waren froh darüber. »Wäre er denn nicht stolz auf dich?«
Breaca schnitt eine Grimasse. »Die Toten sind den Lebenden gegenüber im Vorteil; sie können die Wahrheit der Dinge erkennen. Eburovic würde sich, glaube ich, mehr Sorgen darüber machen, dass ich mich nicht dazu verleiten lasse, überheblich zu werden.«
»Das wirst du ganz bestimmt nicht, so wie ich dich kenne.« Er stellte einen Fuß auf den Felsblock und stützte den Ellenbogen auf sein Knie, während er für einen Moment in nachdenkliches Schweigen versank. Als er wieder aufblickte, fragte er: »Als du dich mit Gwyddhien gestritten hast, nachdem Ardacos verwundet worden war, und dann den Hügel hinuntergerannt bist - warum, meinst du, bin ich dir da gefolgt?«
»Weil du durch den Kriegereid an mich gebunden warst. Du hattest gar keine andere Wahl.«
»Nein. Ich habe es deshalb getan, weil das, was du vorhattest, so ganz eindeutig das Richtige war. Ich hätte mich Gwyddhien und Venutios nicht widersetzt, aber als du es getan hast, musste ich dir einfach folgen, das war das Mindeste, was ich tun konnte. Es war das Gleiche, als du dich so mutig dem Nebel der Träumer gestellt hast und den Beschluss fasstest, zu kämpfen. Für dich mag das zwar nichts Besonderes gewesen sein, aber von uns Übrigen wäre keiner dazu fähig gewesen. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so hilflos gefühlt wie in jenem Moment. Selbst an Deck der Greylag, als sie auseinander brach und sank, wusste ich, wenn ich nur weit genug von dem Wrack fortspringen und schwimmen könnte, würde ich eine gute Überlebenschance haben. In jener Nacht war die Macht der Götter überall, und ich glaubte nicht, dass ich sterben würde. In der vergangenen Nacht jedoch waren die Götter nirgendwo, und ich war wie gelähmt vor Furcht. Ich konnte auf Ardacos aufpassen und dort die Stellung halten, ich konnte den linken Flügel der Truppe bei unserem Vormarsch anführen, aber ich hätte mich nicht dem Nebel stellen und dazu durchringen können, zu kämpfen, und ich bin auch nicht losgerannt, um das Kriegerhorn zu holen.«
»Aber ich bin überhaupt nicht wie Venutios. Ich verbreite nicht den Frieden und die innere Ruhe des Oberbefehlshabers, so wie er es immer getan hat.« Diese Sorge hatte schon seit dem Morgen an ihrer Seele genagt. Sie hatte sie vor Gunovics zu Tränen rührender Freude verborgen, vor Marocs wissendem Lächeln, sogar vor Airmid. Jetzt konnte sie sie nicht mehr verbergen, nicht vor dem einen, der dabei gewesen war, dem sie ihre Furcht begreiflich machen musste.
Er ging behutsam mit ihr um, so wie ein Mann mit einem Kind, wenn er es zum allerersten Mal auf ein Pferd setzt. »Breaca, du brauchst nicht den Frieden zu verbreiten. Was du verbreitest, ist etwas ganz anderes. Wenn du den Sängern aufmerksam zuhörst, wirst du feststellen, dass jeder von denjenigen, die auserwählt wurden, sich durch eine andere Eigenschaft ausgezeichnet hat - eine ganz spezielle Eigenschaft, die seiner Amtszeit als Anführer eine besondere Qualität verliehen hat. Venutios war der Friede. Er war ein Teil von ihm; er konnte ihn ohne jede Mühe verbreiten, einfach nur durch seine Existenz. Du könntest das nicht, selbst dann nicht, wenn du es versuchen würdest.«
»Aber was werde ich dann mit mir herumtragen? Zorn? Ist es das, was Mona will? Was Mona braucht? Glaubst du das wirklich? Zorn ist nämlich das, was ich empfunden habe, als wir von dem Nebel der Träumer umzingelt wurden.«
»Wirklich? Ich glaube nicht. Zu Anfang mag es vielleicht so gewesen sein, aber es war nicht das, was wir anderen in dir gesehen haben. Was hast du wirklich gefühlt, als du das Horn geblasen hast, um uns zu dem Stoßkeil zu formieren? Erzähl mir nicht, dass es Zorn war. Das kaufe ich dir nicht ab.«
Sie hätte es so darstellen können; es war leicht, das zu behaupten, wenn auch unwahr. Sie überlegte eine Weile, während sie im Geist noch einmal das laute Schmettern des Horns hörte und den reinen, unverfälschten, erhebenden Augenblick danach Revue passieren ließ. Schließlich sagte sie: »Ich habe das Gleiche empfunden wie damals, kurz bevor ich Venutios’ Klinge zerbrach - so wie sich jeder von uns fühlt, wenn wir einen Speer schleudern und er pfeilgerade fliegt und wir diesen einen Moment erleben, kurz bevor er die Zielscheibe trifft, in dem wir mit absoluter Sicherheit wissen, dass er genau ins Schwarze treffen wird. Es ist die Kampffreude, die einen packt, bevor das Töten anfängt und die Schreie der Verwundeten ertönen. Sie brennt alles andere nieder, wie ein wildes Feuer, und nichts kann dieses Feuer aufhalten.«
»Genau, das ist es.« Caradoc war ernst und eindringlich, auf eine Art und Weise, wie sie ihn nur selten zuvor gesehen hatte. »Du trägst dieses wilde Feuer in dir, diese Kampffreude und Begeisterung, die sich auf alle um dich herum überträgt und die gesamte Truppe mitreißt; du glühst förmlich vor Leidenschaft. Als du dich in dem Nebel der Träumer behauptet hast, war es, als ob jemand eine Pechfackel angezündet und sie uns in die Augen gestoßen hätte. Als du die Keilformation angeführt hast, hättest du geradewegs aus der Schmiede der Sonne stammen können, so hell hast du gebrannt. Gwyddhien war nicht die Einzige, die in dem Moment bereitwillig für dich gestorben wäre, aber wir sind dir nicht in dem Glauben gefolgt, dass wir sterben würden - wir teilten deine Kampffreude, dein Gefühl der Überzeugung. Frag jeden in der Keilformation - wir waren überzeugt davon, dass wir die alte Ehrengarde schlagen und den Kampf überleben könnten.«
»In den vordersten Reihen einer Keilformation überlebt keiner.«
»Aber wir glaubten, dass wir es schaffen würden, und das war für uns Ansporn genug, um es zu versuchen.« Er sagte dies nicht aus Mitleid oder aus dem Bedürfnis heraus, sich bei ihr einzuschmeicheln. In seiner Stimme schwang keinerlei Ironie mit, die seinen Worten etwas von ihrer Ernsthaftigkeit hätte nehmen können. Er bot ihr seine Aufrichtigkeit als Geschenk an, und seine Augen waren von einem Leuchten erfüllt, das Breaca sagte, dass er fest an sie glaubte, wenn auch an nichts anderes. Er beugte sich zu ihr vor, kam ihr so nahe, dass sie ihn hätte berühren können. Der Wind und die Abendsonne waren in ihrem Rücken. Ihr Haar wurde nach vorn geweht und fiel über das seine - kupferrote Strähnen, die sich über weizenblonde legten -, und die Sonne schmiedete sie zusammen.
Da fiel Breaca die Entscheidung plötzlich leicht und sie ergriff Caradocs Hand. »Du hast eine Brosche, die ich dir einmal zum Geschenk gemacht habe«, sagte sie. »Vielleicht ist es jetzt an der Zeit...«
Sie hielt abrupt inne. Das Feuer in seinen Augen war erloschen. Die Anspannung, die sie zuvor an ihm gesehen hatte, kehrte zurück, um ein Vielfaches verstärkt. Vielleicht war es Zufall, vielleicht auch Absicht, dass der Kurier auf dem Anleger in diesem Moment die Pferde bewegte, so dass ihr Geschirr klirrte in einer deutlichen und unüberhörbaren Ermahnung daran, dass Eile geboten war.
Caradoc war nicht der Typ, der den bequemen Weg nahm, selbst wenn er sich ihm anbot. Ohne sich um die Unterbrechung zu kümmern, sagte er: »Ich kann nicht, nicht jetzt. Es tut mir Leid, ehrlich. Wenn ich gewusst hätte, dass die Chance bestehen würde, dass du...«
Jedes Mal, wenn sie glaubte, ihn genau zu kennen, kamen weitere überraschende Dinge zu Tage. Mit dieser Enthüllung hier hätte sie allerdings rechnen müssen. »Du hast eine andere?«, fragte sie. »Ein Mädchen von den Ordovizern?«
»Ja.«
Seine Hand lag noch immer in der ihren, plötzlich kalt und unnatürlich weiß. Breaca drückte sie sanft und zwang sich zu lächeln. »Sie kann sich glücklich schätzen. Ich wünsche euch alles Gute und viel Glück. Aber wir beide, du und ich, sind noch immer durch unseren Eid verbunden, nicht wahr?«
»Ja.«
»Dann wird das genügen. So viel zumindest habe ich von Airmid gelernt: Geliebte mögen kommen und gehen, aber der Treueeid, der eine Kriegerin an ihre Träumerin bindet - oder an einen anderen Krieger -, der hält ein ganzes Leben lang. Komm jetzt.« Sie richtete sich wieder auf, entzog ihm behutsam ihre Hand und drehte ihn an den Schultern herum. »Die Fährleute warten schon, und es gehört sich nicht, sie noch länger warten zu lassen. Geh jetzt. Wir sehen uns bei der Bestattung deines Vaters wieder, und dann werden wir überlegen, was getan werden kann, um das Gift, das Amminios ist, unschädlich zu machen. Das ist die Sache, die am allerwichtigsten ist.«
Als sie dies sagte, konnte sie ihren Worten sogar Glauben schenken.
Die Herrin der Kelten
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