XIX
Sie waren zu weit von der Siedlung entfernt, als
dass sie noch vor Einbruch der Nacht hätten zurückkehren können.
Somit blieben ihnen nur zwei Möglichkeiten: entweder die Nacht
hindurch zu wandern oder aber einen Lagerplatz zu finden und dort
bis zum Morgengrauen zu warten. Venutios, der sie bis hierher
geführt hatte, übergab das Kommando nun an Gwyddhien, die sich
wiederum mit Caradoc beratschlagte. Auf seinen Vorschlag hin
beschlossen sie, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu marschieren und
dann für die Nacht Rast einzulegen an einem Platz, den sie beide
kannten.
Das Tageslicht schwand winterlich rasch und entzog
der Landschaft alle Farbe. Wolken von kleinen Stechmücken stiegen
aus dem Unterholz auf, um ein Festgelage zu halten. Die Jäger
rannten in einer langen Kolonne, so schnell, wie diejenigen, die
gerade den schweren Keiler trugen, laufen konnten, und wechselten
sich gegenseitig beim Tragen der Last ab, um ihr Tempo beibehalten
zu können. Breaca lief ziemlich am Ende der Kolonne, als
Fünfundzwanzigste in der Schlange, und hievte sich die Stange auf
die Schultern, als sie mit Tragen an der Reihe war. Hail trottete
hinter ihr her und leckte dabei das von dem Kadaver herabtropfende
Blut auf.
Gwyddhien führte sie um einen Sumpf herum, durch
einen weiteren breiten Streifen Waldland, dann einen sanft
ansteigenden Hang hinauf und über weitere Felsnasen, um schließlich
auf der Kuppe eines niedrigen, von einem Krater gekrönten Hügels
anzuhalten, in dessen Mitte ein stiller, klarer See lag. Auf ihre
Anweisung hin teilten sie sich in Gruppen auf, um Holz für die
Feuer zu sammeln und Farnkraut für ihr Nachtlager. Ardacos watete
in den See hinein und fing mit seinem Speer Fische. Andere
sammelten essbare Wurzeln. Venutios schnitt die Leber des Keilers,
die sich nicht bis zum nächsten Tag halten würde, in schmale
Scheiben und verteilte sie gerecht unter der Gruppe, so dass es ein
richtiges Siegesmahl wurde. Später schwammen sie beim Schein der
Feuer im See, um sich das Blut von der Jagd abzuwaschen und die
letzten Insekten loszuwerden. Der Keiler, noch immer an der
Tragestange festgebunden, wurde hoch zwischen zwei Felsen gehängt,
außer Reichweite der Hunde.
Es war keine Nacht zum Schlafen. Sie lagen in
kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich im flackernden
Schein der Feuer. Diejenigen, die Hunde mitgebracht hatten,
kuschelten sich eng an ihre Tiere, um sich zu wärmen. Venutios
zündete ein eigenes Feuer hoch oben auf der Felsspitze an. Die
innere Ruhe, die er ausstrahlte, breitete sich wie ein dünner
Schutzmantel über sie alle aus, so als ob seine Führerrolle bereits
im Begriff wäre, auf jemand anderen überzugehen. Am Ufer des Sees
wanderte Gwyddhien von Gruppe zu Gruppe, während sie jedes einzelne
Mitglied für seine Taten an diesem Tag lobte und die Fäden der
dreißig aufnahm, um sie noch fester miteinander zu verflechten.
Ardacos marschierte allein am Rand des Wassers entlang, seinen
Speer an seiner Schulter, unverändert wachsam.
Breaca lag etwas abseits von den anderen, mit Hail
neben sich, und starrte in den samtschwarzen Nachthimmel hinauf.
Der Mond war noch nicht aufgegangen, und daher leuchteten die
Sterne umso heller. Sie fand den Träumerstern, der tief über dem
südlichen Horizont stand, und dachte an Macha und dann an Airmid,
die Gwyddhiens Geliebte war und dennoch dagegen gewettet hatte,
dass diese Venutios’ Nachfolgerin werden würde. Sie hatte sich
allerdings geweigert, denjenigen zu benennen, der ihrer Ansicht
nach der aussichtsreichste Kandidat war, und hatte nur so viel
gesagt, dass es nicht Ardacos sei. Was Breaca zu jenem Zeitpunkt
noch überrascht hatte, erschien ihr jetzt gar nicht mehr
verwunderlich. Sie hatten die Wette am Abend abgeschlossen,
unmittelbar bevor die dreißig ausgewählt worden waren; Airmid hatte
offensichtlich schon den ganzen Tag über gewusst, dass am Morgen
ein zusätzlicher Krieger in der Schule trainiert hatte. Bis zum
Abend würde sie also Zeit genug gehabt haben, um mit Maroc die
Hintergründe und Auswirkungen dieses Umstands zu erörtern.
Breaca bedeutete Hail mit einem Stups, ihr zu
folgen, und erhob sich von ihrem Feuer. Die dreißig lagen in einem
weiten Halbkreis um das Ufer des Sees herum verteilt. Sie hatte
nicht darauf geachtet, wo jeder Einzelne von den anderen die Nacht
zu verbringen beschlossen hatte, aber sie konnte die Wichtigen
unter ihnen mühelos finden; sie erkannte sie beinahe instinktiv
oder an ihrer Silhouette, die sich gegen die Glut des Feuers
abzeichnete: Cumal und Ardacos, Venutios und Gwyddhien - und
Caradoc, der weit draußen auf der Westseite des Sees kampierte,
allein. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg um die Felsen am Rand
des Wassers herum. Hail erkannte ihr Ziel bereits aus der Ferne und
stürmte freudig wedelnd vorwärts und verdarb Breaca damit jede
Chance, Caradoc zu überrumpeln. Sie hätte den Hund zurückrufen
können, hätte dadurch aber die Aufmerksamkeit der größeren Gruppe
auf sich gezogen, und das wollte sie vermeiden. Außerdem hatte sie
kein Bedürfnis, Hail Beschränkungen aufzuerlegen, die seine Freude
und Begeisterung dämpfen würden. Der Jagdhund hatte lange Zeit
gebraucht, um den Verlust Báns zu akzeptieren. Selbst jetzt war es
noch so, dass er treu zu bestimmten Jungen hielt, wenn sie in den
Stimmbruch kamen. Bei den Übrigen war er eher wählerisch, was seine
Zuneigung anging; er verteilte sie großzügig auf diejenigen, die
Breaca gern hatte, und verhielt sich dem Rest gegenüber reserviert.
Nur bei Caradoc fand er tatsächlich Freundschaft, wo Breaca keine
fand.
Sie blieb knapp außerhalb des Lichtkreises stehen.
Caradoc saß auf der anderen Seite des Feuers und kraulte Hail mit
selbstvergessener Zuneigung die Ohren. Das matte Licht ließ sein
Haar dunkel erscheinen und veränderte die Form seines Gesichts. Er
blickte auf, und Breaca sah plötzlich wieder die Augen desjenigen
vor sich, den sie schon seit ihrer Kindheit gekannt und geliebt
hatte - Báns Augen, so voller Fürsorge und unbewusstem Charme.
Prompt stieg wieder die inzwischen nur allzu bekannte Übelkeit in
ihrer Kehle auf. Sie setzte sich hastig auf einen Felsblock, ehe
sie der Mut verließ.
Caradoc drehte den Kopf im Schein des Feuers, und
seine Augen wurden wieder grau und blickten forschend in die ihren,
suchten nach einem Grund für ihre Anwesenheit und fanden ihn doch
nicht. Schließlich sagte er: »Tut mir Leid, dass du beim Abschuss
des Keilers nicht bei uns warst.«
»Ja, mir auch.« Sie zog ihre Beine bis zur Brust
hoch und schlang ihre Arme fest um ihre Knie. »Woher wusstest du,
dass Ardacos und ich das falsche Tier im Visier hatten?«
»Ich habe das nicht gewusst. Ich sah nur Gwyddhien
plötzlich von der Klippe runterspringen, aber sie war nicht in
Hails Nähe. Ich hatte also die Wahl, mich entweder nach der Nase
des Hundes zu richten oder nach den Augen der Jägerin. Bei neun von
zehn Malen würde ich mich auf Hails Spürnase verlassen. Aber
diesmal bin ich Gwyddhien gefolgt.« Der Hund hörte seinen Namen aus
den Worten heraus und schmiegte seinen Kopf in Caradocs Hand,
während er vor Wohlbehagen knarzte.
»Du denkst, sie sollte Venutios’ Nachfolgerin
werden?«
»In Anbetracht dessen, was kommen wird? Ja.« Er
riss einen verdorrten Grashalm aus und kaute auf dem Ende herum.
»Wenn wir in Friedenszeiten lebten, wäre Ardacos unschlagbar. Er
vereint das überlieferte Wissen der Ahnen auf sich, und wir können
nie genug davon lernen. Aber er ist zu schweigsam und verschlossen,
und er braucht zu lange, um denjenigen um sich herum Vertrauen zu
schenken. Wenn es Krieg geben sollte, werden wir eine Anführerin
brauchen, die die Gabe hat, gleich bei der ersten Begegnung
Vertrauen zu gewinnen und Vertrauen zu schenken oder auf Anhieb zu
erkennen, dass sie es niemals erringen wird. Gwyddhien wird das
können.«
Breaca blickte über den See hinweg zu der letzten
murmelnden Gruppe, in deren Mitte Gwyddhien saß. »Sie tut es jetzt
schon«, sagte sie.
»Ich weiß.«
Caradoc hatte trockenes Farnkraut und
Heidekrautwurzeln zu einem ordentlichen Haufen neben dem Feuer
aufgeschichtet. Breaca beugte sich vor und warf eine Handvoll von
beidem in das Feuer. Die Glut der Flammen tauchte ihrer beider
Gesichter in rötliches Licht, so wie einst in der Schmiede in
Cunobelins Residenz. Sie saßen eine Weile schweigend da, testeten
die Grenzen der Spannung zwischen ihnen. Es gab noch einen Dritten,
der das Zeug dazu hatte, Venutios’ Nachfolger zu werden, doch
keiner von ihnen hatte bisher ein Wort darüber gesagt; Caradoc war
einer der beiden gewesen, die den Keiler erlegt hatten, und er
konnte zweitausend Kriegerinnen und Krieger ebenso mühelos nach
seinem Willen formen wie Gwyddhien. Airmid hatte das gewusst, als
sie ihre Wette abschloss. Am fernen Horizont leuchtete der
Träumerstern auf, doch er behielt seine Geheimnisse für sich.
»Warum bist du zu mir gekommen?« Caradocs Stimme
ertönte aus der Dunkelheit.
»Um dir eine Frage zu stellen. Oder vielleicht
auch, um eine Theorie zu überprüfen.« Breaca blickte ihn über das
Feuer hinweg an. Er saß ganz ruhig da, aber mit einem wachsamen
Ausdruck auf dem Gesicht, so als ob Breaca Teil der
Kriegerprüfungen wäre. Sie sagte: »Ich habe irgendwie das Gefühl,
dass die Jagd nicht das Auswahlverfahren ist, sondern dass Talla
und der Ältestenrat schon längst darüber entschieden haben, wer
Venutios’ Nachfolger sein soll, und die Jagd vielmehr dem Zweck
dient, die dreißig zusammenzubringen, um damit zu beginnen, die
Ehrengarde des neuen ranghöchsten Kriegers aufzustellen. Wenn dem
tatsächlich so wäre und wenn du gefragt würdest, würdest du
Gwyddhien dann Treue schwören und geloben, ihr Leben unter Einsatz
deines eigenen zu verteidigen?«
Sie hatte gedacht, dies könnte eine Frage sein, die
Caradoc sich schon selbst gestellt hatte. Als sie ihn jetzt ansah,
wusste sie, dass sie richtig vermutet hatte, dass er sich die Frage
zwar gestellt, aber noch keine Antwort darauf gefunden hatte; der
Konflikt spiegelte sich deutlich auf seinem Gesicht wider. »Ich
weiß es nicht«, erwiderte er aufrichtig.
»Du hast zu viele Verpflichtungen gegenüber dem
Volk deiner Mutter?« Sie wusste nichts über sein Leben bei den
Ordovizern, außer dass man ihn nicht für den Tod des Kuriers
verantwortlich gemacht hatte, den sein Vater ermorden ließ.
»Ja, aber es ist nicht nur das. Wenn es Krieg geben
sollte, würde ich mitkämpfen wollen, und Mona hat nur ein einziges
Mal in der neueren Geschichte den ranghöchsten Krieger und
sämtliche zweitausend anderen in eine Schlacht geschickt.«
»Gegen Cäsar und seine Legionen.« »Richtig. Sie
ritten aus, um Cassivellaunos Beistand zu leisten, und zwar zu
einer Zeit, als die Unverletzlichkeit der Insel selbst bedroht war.
In den Liedern von Mona heißt es, dass von diesen zweitausend
Kriegern nur drei lebend wieder zurückkehrten. Sie waren die
größten Krieger, die unser Land jemals gesehen hat, und sie waren
diejenigen, die die Ufer des ins Meer mündenden Flusses gegen den
Sturmangriff der Legionen verteidigten, ganz gleich, was die Sänger
anderer Stämme - deines und meines Volkes - behaupten mögen. Wenn
es zu einem Krieg mit Rom kommt und wenn Mona ihre Krieger ins Feld
schickt, dann könnte es durchaus sein, dass ich der Ehrengarde
beitreten würde, wenn man mich fragte - aber wenn nicht, dann würde
ich mir wünschen, an der Seite all derjenigen kämpfen zu können,
die bereit wären, sich mit mir zusammenzutun.«
Breaca verspürte plötzlich einen kalten Windhauch
im Rücken. Maroc hatte ebenfalls über diese Sache gesprochen, aber
nicht so direkt, nicht mit einer solchen Eindringlichkeit. »Wird es
denn dazu kommen - zu einem Krieg mit Rom?«
Caradoc zuckte die Achseln. »Das ist durchaus
möglich. Amminios hat all den Ehrgeiz unseres Vaters, aber nichts
von dessen Diplomatie. Cunobelin ging sehr viel klüger und
geschickter vor; sein Reichtum basierte auf dem Handel mit Rom und
mit den Völkern, die Rom untertan sind, aber er machte sich nicht
alle römischen Bräuche und Gepflogenheiten zu Eigen. In den letzten
beiden Jahren hatte er sich sogar wieder den Träumern zugewandt und
sich auf die Wege der Götter zurückbesonnen. Amminios wird das
niemals tun. Er will die Herrschaft über die Handelshäfen auf
beiden Seiten des großen Flusses, und er wird vor nichts
zurückschrecken, um sie zu bekommen. Bei dieser Sache hat er die
volle Unterstützung von Berikos von den Atrebatern. Der Mann hat
dreißig Jahre lang darauf gewartet, die Oberhand über unseren Vater
zu gewinnen. Wenn Amminios ihm einen Grund gibt, dann wird er die
Gelegenheit beim Schopf ergreifen.«
»Und Amminios hat einen guten Grund, nämlich die
Häfen südlich des Flusses, die dein Vater Togodubnos’ Sohn
überschrieben hat, um die Blutschuld gegenüber meiner Familie zu
begleichen.« Erinnerungen an eine Schlacht stürmten plötzlich auf
Breaca ein. Amminios, hoch zu Ross, lachte höhnisch auf sie herab,
und das Trommeln von Pferdehufen dröhnte in ihren Ohren. Sie
starrte ins Feuer und zwang sich, die quälenden Erinnerungen zu
verdrängen und nur das Rauschen des Windes über dem See zu hören
und das Stimmengemurmel von anderen, die an anderen Feuern saßen,
keiner von ihnen ein Feind. Als sie wieder klar denken konnte,
sagte sie: »Der Verlust der südlichen Häfen würde aber weder
Amminios noch Berikos einen triftigen Grund liefern, Rom um Hilfe
zu bitten.«
»Es sei denn, sie kämpfen um die Häfen und
verlieren den Kampf. Und Amminios - das hast du ja selbst schon
erlebt - kann es überhaupt nicht leiden, als Verlierer
dazustehen.«
Sie hob mit einem Ruck den Kopf. Caradoc erwiderte
ihren zornigen Blick ohne Kommentar. Man hätte vielleicht denken
können, dass er sie nur aufziehen wollte, doch dem war nicht so.
Beide wussten, dass das, was er gesagt hatte, stimmte. »Er mag
vielleicht nicht gerne verlieren«, erwiderte sie, »aber wenn er
siegt, dann ist der gesamte Südosten in Gefahr. Er wird nicht am
Fluss Halt machen, und wenn er die Residenz erobert hat, wird er
als Nächstes gegen die Eceni vorgehen. Wir haben Land, Getreide und
Pferde in einer solchen Fülle, wie er sie noch nirgendwo anders
gesehen hat. Dieser Reichtum verliert nichts von seinem Wert, nur
weil wir es vorziehen, keinen Handel mit Rom zu treiben und unsere
Pferde und unser Getreide gegen römische Waren
einzutauschen.«
»Deshalb darf Amminios unter keinen Umständen
siegen oder nach Rom entkommen. Die einzige Chance besteht darin,
dass Togodubnos die Länder im Süden noch vor Amminios erreicht. Die
dortigen Speerkämpfer haben meinem Vater den Treueeid geschworen.
Solange sein Leichnam noch aufgebahrt ist und für drei Tage,
nachdem sie ihn verbrannt haben, können sie nicht abschwören, so
lautet das Gesetz. Danach...« Caradoc spreizte die Hände.
»Würden sie Amminios Treue schwören?«
»Die Atrebater sind ein sehr pragmatisches Volk.
Sie sind damals ohne Skrupel von Berikos zu meinem Vater
übergewechselt, weil noch eine Schuld zu begleichen war. Sie werden
also ebenso mühelos wieder zur anderen Seite überwechseln. Ich
glaube, sie werden jedem Treue schwören, der als Erster zu ihnen
kommt und genügend Speerkämpfer mitbringt, um eine überzeugende
Begründung zu liefern.«
»Weiß Togodubnos das?«
»Das können wir nur hoffen. Wenn er scheitert, dann
wird der Südosten so schnell Feuer fangen wie ausgedörrte
Kiefernzweige.«
Caradoc setzte sich auf und bewegte seine Hände
über dem Feuer, um Schattenbilder zu erzeugen, so wie die Sänger es
taten, wenn sie Geschichten vortrugen. Kühne, scharf umrissene
Gestalten glitten über das verschwommene Oval seines Gesichts und
schlichen hinter anderen her. Da Breaca sich anstrengen musste, das
Gesicht hinter den Schattenfiguren zu erkennen, sah sie nur
Caradoc, nicht ihren Bruder. Er lächelte, und diesmal war es nicht
Báns Lächeln. Seine Hände formten ein Schwert und einen Schild und
bewegten sich in einer perfekten Imitation von Stoß und Parade hin
und her. Leise sagte er: »Die Ältesten der Ordovizer sind an der
Tag- und Nachtgleiche im Herbst zur Vollversammlung
zusammengekommen. Ich habe ein Gesuch vor dem Rat eingereicht, und
es wurde angenommen. Wenn im Osten ein Krieg ausbricht, habe ich
die Erlaubnis, die Krieger der Streitaxt anzuführen, um die Länder
meines Bruders zu verteidigen.«
Es war genau das, was sein Vater gewollt hatte.
Breaca enthielt sich jedoch jeden Kommentars. Stattdessen sagte
sie: »Somit kehren wir wieder zu meiner ersten Frage zurück, und du
hast sie gerade beantwortet. Du könntest die Ordovizer nicht in den
Krieg führen, wenn du einen Eid darauf geleistet hättest, den
ranghöchsten Krieger von Mona zu schützen.«
»Nein.«
»Und auch nicht, wenn du selbst ranghöchster
Krieger von Mona wärst.«
»Nein. Es sei denn, Mona und die Ordovizer wären
eine Einheit, und das ist doch sehr unwahrscheinlich.«
»Warum bist du dann hier?«
»Ich weiß es nicht. Das müsstest du schon Maroc
fragen.«
»Maroc würde die gleiche Antwort geben, die er
immer gibt: um den Willen der Götter zu erfahren, der sich
vielleicht nicht unbedingt mit dem der Menschen deckt.«
»Und schon gar nicht mit Marocs Willen, was immer
das auch sein mag.«
Hinter dem Schattenspiel konnte sie Caradocs
ironisches Lächeln sehen, das so sehr dem Airmids glich. Marocs
Pläne waren nur einigen wenigen bekannt, obwohl jeder sie durch
bloßes Hinschauen erkennen konnte, und ebenso viele den Weitblick
des Träumers würdigen konnten, der danach strebte, die Krieger von
West und Ost zusammenzubringen und zu einer gewaltigen Streitmacht
zu vereinen, um das Land gegen eine feindliche Invasion zu
verteidigen. Breaca hatte dies in groben Zügen von Macha erfahren,
bevor sie die Eceni-Länder verlassen hatte. Seit sie nach Mona
gekommen war, hatte sie allmählich die Einzelheiten verstanden, und
sie hatte begriffen, in welchem Maße der Träumer in Caradoc ein
williges Werkzeug gefunden hatte. Caradoc war der Einzige, der
Marocs Traum wahr machen könnte; der - wenn die Götter gnädig waren
- eines Tages sogar noch weitaus mehr erreichen könnte. Caradoc
würde die Stämme nicht vereinigen, um seinem Vater Macht zu
verschaffen, aber er würde bis zum letzten Atemzug um eine solche
Vereinigung kämpfen, wenn er dadurch Rom und seine Verbündeten
zurückhalten könnte.
Es gab nur einen einzigen schwachen Punkt in dem
ganzen Plan, den Breaca sehen konnte. Als sie aufstand, um zu
gehen, sagte sie: »Du bist nur mütterlicherseits ein Ordovizer.
Werden die vereidigten Speerkämpfer der Streitaxt dir in eine
Schlacht folgen, die sie eigentlich gar nicht wollen?«
Caradoc hatte sich wieder in das Gras
zurückgelehnt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Sie hörte
seine Stimme in der Dunkelheit, leicht amüsiert: »Dafür würde ich
meine Hand ins Feuer legen.« Dann fügte er nachdenklich hinzu:
»Wenn sie es nicht tun, wird nur der Osten fallen.«
Breaca war im Großen Versammlungshaus der Eceni
und ersuchte die Ältesten gerade um Hilfe in der Schlacht, als
Ardacos’ Finger sich plötzlich um ihr Fußgelenk schlossen. Sie
erwachte mit einem Ruck aus ihrem Traum und fand sich neben ihrem
eigenen Feuer wieder, um sich herum nur Finsternis und über ihr ein
Baldachin aus Sternen. Ardacos’ zerknittertes Fledermausgesicht
tauchte vor ihr auf und verdeckte das Licht der Sterne. Finger
tanzten vor ihren Augen, formten das Zeichen für drohende Gefahr
und dann das für »viel Glück!« Sie erhob sich wortlos von ihrem
Lager und bekam ihren Speer in die Hand gedrückt. Hail reckte sich
gähnend und folgte ihr.
Sie rannten am Ufer des Sees entlang. Der Geruch
des Wassers vermischte sich mit dem von feuchtem Torfmoos. Breacas
nackte Füße landeten überall dort, wo sie die Felsen verfehlte,
platschend in flachem Wasser. Auf der Nordseite des Sees wandten
sie sich hügelaufwärts und liefen zum Rand des Kraters hinauf, wo
sie sich bäuchlings hinter die Felsen legten. Ardacos zeigte über
den Rand hinweg, und Breaca sah das, was er gesehen hatte: eine
schattenhafte Form, die eindeutig kein Felsblock war, denn sie
bewegte sich zwischen den unter ihnen liegenden Klippen.
»Ein Bär?« Ihr Herz schlug plötzlich einen Salto.
»Ich dachte immer, auf Mona gäbe es keine Bären.«
»So hat man es uns jedenfalls gesagt. Und ich habe
in den ganzen acht Jahren, die ich nun schon hier bin, auch noch
nie zuvor einen gesehen.« Er warf ihr einen Blick von der Seite zu.
Der Rand seines Auges schimmerte weiß im Licht der Sterne. »Der Bär
ist das Tier, das Maroc im Traum erschienen ist.«
»Und auch meinem Vater.« Sie legte ihren Speer auf
die Felsen. »Wir dürfen ihn nicht töten.«
»Das würde ich auch nicht empfehlen. Aber die
Bestie hat den Keiler gerochen und wird ihn erbeuten, wenn sie
irgend kann.« Er lehnte sich auf die Fersen zurück und schenkte
Breaca ein blitzendes Lächeln. Sein Gesichtsausdruck war so
lebhaft, wie sie es noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er sagte:
»Das hier ist die wirkliche Prüfung, nicht das andere. Die Gefahr
ist groß. Jedes Mal, wenn solche Prüfungen stattfanden, hat es
etliche Tote gegeben, und diese Todesfälle haben sich nicht bei der
Wildschweinjagd ereignet. Wir dürfen den Bären zwar nicht töten,
aber wir müssen ihn vertreiben. Und dabei könnte er uns
töten.«
Er sah nicht aus wie ein Mann, der sich auf den Tod
gefasst machte. Der hohe Summton, der so sehr an Bienen erinnerte,
nistete sich wieder in Breacas Ohren ein - die Warnung der Götter
-, und sie hörte im Geist wieder Marocs Stimme: Ihr solltet nur
wissen, dass ihr zusammenbleiben müsst. Misstrauisch fragte
sie: »Du hast nicht gedacht, dass er nur als Bewährungsprobe für
uns beide geschickt wurde - um den anderen keine Chance zu
geben?«
Der Bär war so schwarz wie die Nacht. Selbst mit
der besonderen Scharfsichtigkeit von Mona war es schwierig, ihn in
der Dunkelheit auszumachen und ihn im Auge zu behalten. Während
Breaca noch auf Ardacos’ Antwort wartete, richtete der Bär sich
plötzlich auf die Hintertatzen auf und hob sich als klar umrissene
Silhouette gegen den Sternenhimmel ab. Sie hörte Ardacos seufzen,
während sein Atem pfeifend durch seine Nasenlöcher entwich. »Nein«,
erwiderte er. »Nein, ich glaube nicht, dass er nur für uns beide
ist. Wo bliebe da die Ehre? Es wäre wohl kaum ehrenvoll, nur
deshalb ranghöchster Krieger zu werden, weil kein anderer die
Chance dazu hatte.« Er schob sich rückwärts vom Rand des Kraters
fort und klopfte Breaca leicht aufs Handgelenk. »Geh jetzt; wir
müssen schnell handeln! Ich werde Gwyddhien holen. Du weckst die
anderen.«
Er bereute seine Entscheidung schon bald wieder.
Noch während er vor ihr am Rand des Wassers entlangrannte, konnte
Breaca ihm dies bereits deutlich anmerken. Sie schickte Hail
voraus, um Caradoc zu holen, und bahnte sich einen Weg am Ufer des
Sees entlang, während sie die einzelnen Gruppen weckte. Die Hunde,
die sich gründlich an den Innereien des Keilers satt gefressen
hatten, waren schlaftrunken und rührten sich nur widerwillig. Der
Eifer ihrer menschlichen Gefährten ließ ebenfalls zu wünschen
übrig. Breaca ließ immer einen von jeweils vier Kriegern zurück,
mit dem Auftrag, das Feuer zu schüren und getrocknetes Farnkraut um
Stöcke zu wickeln, um Feuerkeulen daraus zu machen. Den Übrigen
befahl sie, ihre Speere zurückzulassen und sich mit reichlich
Steinen zu bewaffnen, wobei sie ihnen ausdrücklich einschärfte,
dass der Bär unter keinen Umständen getötet werden durfte. Alle
kannten die Gesetze, aber nur sie und Ardacos waren auf äußerst
anschauliche Weise an die Strafen erinnert worden. Auf halbem Weg
um das Seeufer herum gesellte sich Caradoc zu ihr, und sie teilten
die restlichen Gruppen unter sich auf, um sich dann wieder an der
Stelle zu treffen, wo der Keiler aufbewahrt wurde. Gwyddhien war
bereits dort; sie stand auf der Felsspitze oberhalb des Kadavers.
Von Ardacos war keine Spur zu sehen.
Breaca kletterte auf die Klippe hinauf und sah sich
suchend um. Der Bär stand in Windrichtung und hatte den Geruch der
Menschen gewittert. Er richtete sich auf, die stumpfe Schnauze zum
Himmel erhoben. »Wo ist Ardacos?«, fragte Breaca, und die Worte
waren noch kaum über ihre Lippen gekommen, als sie ihn auch schon
sah und zugleich erkannte, dass sich der Bär nicht deswegen
aufgerichtet hatte, weil er eine Handvoll Krieger gewittert hatte,
die sich zwischen den Felsen versteckt hielten, sondern eines
kleinen, drahtigen Mannes wegen, jetzt vollkommen nackt und
unbewaffnet, der vor ihm stand und sich in den Hüften wiegte.
»Große Götter! Was macht Ardacos denn da?«
Gwyddhien schnitt eine Grimasse. »Er führt den
Bärentanz auf. Es ist anscheinend eine Tradition bei den
Kaledoniern, von den Ahnen überliefert; sie tanzen mit dem Bären
und bitten ihn, sie in Frieden zu lassen, und er tut es.« Sie
sprach leise, mit dem singenden Tonfall der Bewohner des Westens.
Selbst wenn sie über den Lärm einer Übungsschlacht hinwegrief,
behielt ihre Stimme diesen melodischen Klang. Es war Gwyddhiens
Stimme, die Airmid als Allererstes zu ihr hingezogen hatte, das und
ihre überragenden Fähigkeiten.
Sie beobachteten gemeinsam den tanzenden Krieger.
»Er ist wahnsinnig«, sagte Breaca.
»Oder überaus mutig. Wenn er stirbt, werden sie
sagen, er ist das Erstere. Wenn er überlebt...« Die schlanke, hoch
gewachsene Kriegerin grinste und spreizte die Hände, so wie es
vielleicht ein Spieler angesichts einer verlorenen Wette tun würde,
wenn der Wettkampf hart und schnell gewesen ist. »Wir dürfen auf
keinen Fall eingreifen. Wenn wir hinuntergehen, werden wir die
Bande zwischen ihnen zerstören, und Ardacos wird unweigerlich
sterben. Das Einzige, was wir tun können, ist, hier stehen zu
bleiben und zuzuschauen.«
Venutios sprang auf den hohen Felsen hinauf und
stellte sich neben sie. Er war als Einziger mit einem Speer
bewaffnet. Ganz gleich, was aus ihm werden würde, nachdem er die
Insel verlassen hatte - noch war er der ranghöchste Krieger von
Mona, und niemand hatte die Macht, ihm zu sagen, dass er auf seine
Waffen verzichten sollte. Er stützte sich auf den Speerschaft und
beobachtete den Tanz, während Bär und Mann sich Stück für Stück
seitwärts bewegten, fort von der Klippe.
Breaca beobachtete weniger den Bären als vielmehr
Venutios. Sie hatte ihn auf ihrer Weckrunde um den See als Letzten
erreicht und ihn an seinem Feuer sitzend angetroffen, damit
beschäftigt, die Klinge seines Jagdmessers zu schärfen. Er hatte
sie nicht gefragt, warum sie zu ihm kam.
»Hast du das hier erwartet?«, fragte sie.
»Etwas in der Art, ja.«
»Ist es immer ein Bär?«
Er strich sich mit der Zunge über die Zähne,
während er überlegte, wie viel er verraten durfte. »Nein«, sagte er
schließlich. »Nicht immer.«
Sie hätte ihn am liebsten gefragt, worauf sie sich
sonst noch gefasst machen müssten, aber es wäre ihm nicht erlaubt
gewesen, darauf zu antworten, und sie hätte ihm mit einer solchen
Frage keine Ehre erwiesen. Sie starrte schweigend in die Nacht
hinaus. Je weiter sich Ardacos fortbewegte, desto schlechter war er
zu sehen. Das Licht der Sterne ließ ihn grau erscheinen, so grau
wie die Felsen um ihn herum, und den Bären desgleichen, so dass die
beiden kaum noch von ihrer Umgebung zu unterscheiden waren. Breaca
spürte, wie sich die anderen hinter ihr versammelten, während sie
langsam die Klippe erklommen. Nicht alle sahen Ardacos. Zweimal
musste Breaca einen übereifrigen Krieger zurückhalten, der drauf
und dran war, hinunterzustürmen, um es allein mit dem Bären
aufzunehmen.
Sie hielt gerade Braint, das Mädchen vom Stamm der
Briganter, am Arm fest, als sie plötzlich die anderen pelzigen
Gestalten sah, kleiner und gespensterhafter, die der größeren
folgten.
»Bärenjunge!« Sie ließ das Mädchen abrupt los.
»Gwyddhien, wir müssen Ardacos warnen! Er kann die Bärin nicht aus
den Augen lassen, aber eines der beiden Jungen ist groß und kräftig
genug, um ihn zu töten!«
Ihre Warnung kam zu spät. Der Junge von den
Brigantern war bereits zur Tat geschritten, noch ehe sie den Arm
seiner Cousine losgelassen hatte. Er sprintete von der Felsenspitze
hinunter, während er seinen Schlachtruf ausstieß und die Steine
schleuderte, die er gesammelt hatte. Das kleinere Bärenjunge fuhr
herum, als es ihn sah. Das größere richtete sich wie seine Mutter
auf die Hintertatzen auf und bewegte sich drohend auf Ardacos zu.
Vielleicht hatte er das Tier ja gesehen, aber ein Mann kann immer
nur mit einem Bären tanzen. Er machte keine Anstalten, sich
umzudrehen, um das Junge für sich einzunehmen oder sich zu
verteidigen.
»Nein!« Breaca stürmte bereits vorwärts. Sie hielt
die beiden Felsbrocken, die sie gesammelt hatte, und sie hatte
Hail. Aber es war trotzdem nicht genug. Sie fühlte Caradoc auf
ihrer linken Seite, an dem Platz des eidlich Verpflichteten, und
sie war dankbar für seine Unterstützung. Gwyddhien lief auf ihrer
Rechten. Andere rannten verteilt hinter ihnen. Venutios blieb auf
der Felsenspitze, um das Geschehen zu verfolgen.
»Fass!« Mit einem stummen Gebet um sein Leben
schickte sie Hail los, um die Bärin anzugreifen. Aus einer
Entfernung, die größer war als eine Speerwurflänge, schleuderte sie
den Ersten ihrer beiden Steine, und dank der Hilfe der Götter
prallte er auf einen Felsblock direkt neben dem größeren
Bärenjungen und zersprang, unzählige scharfkantige Splitter
verspritzend. Das Junge jaulte auf und ließ sich auf alle Viere
fallen. Ardacos fuhr herum und gab seinen Bärentanz auf. Die Bärin
richtete sich noch höher auf und hieb wild mit ihren Tatzen durch
die Luft. Hail stürzte sich von hinten auf sie, riss ein Maul voll
Fell aus ihrer Flanke und sprang hastig rückwärts, ehe ihn die
messerscharfen Klauen in Stücke reißen konnten. Die Bärin fauchte,
ein erstaunlich leises Geräusch für ein so riesiges Tier, und
wirbelte herum, um sich dieser neuen Gefahr zu stellen.
Breaca schrie: »Ardacos! Rechts von dir! Da ist
noch ein Junges!«, und wusste noch im selben Moment, dass ihre
Warnung zu spät kam.
Sie waren zu sechst, und alle hatten ihre Steine
bereits geschleudert. Einer der jüngeren Krieger hatte eine
brennende Keule mitgebracht und warf auch diese nach den Bären,
aber sie alle hatten mit ihren Geschossen auf die ausgewachsene
Bärin oder auf das größere der beiden Jungen gezielt; keiner hatte
auf das kleinere geachtet, als es plötzlich den Jungen von den
Brigantern zu Boden warf und seiner Mutter zur Hilfe kam. Für einen
Bären war es nicht groß, aber Ardacos war auch schmächtig, und
außer seiner Wendigkeit hatte er nichts, womit er sich hätte
verteidigen können. Als das Tier mit seiner Tatze nach ihm
ausholte, wich er dem Schlag durch eine blitzschnelle Drehung aus,
so wie er sich auch von der angreifenden Sau weggerollt hatte, und
wurde auf diese Weise nicht am Bauch verletzt. Stattdessen trafen
ihn die rasiermesserscharfen Klauen an der Schulter, an genau der
Stelle, wo er bereits von den Hauern des Wildschweins verwundet
worden war. Mit einem Krachen, als bräche ein Ast entzwei, brachen
sie ihm den Arm und rissen das Fleisch unterhalb seines
Schulterblatts auf. Er stürzte lautlos zu Boden.
»Ardacos?«
Er lag bäuchlings auf einem Lager aus Moos und
Farnkraut, den Kopf nach Westen gedreht, für den Fall, dass er
sterben sollte. Der Junge von den Brigantern war bereits tot.
Venutios hatte das Bittgebet an Briga gesprochen und sie
beschworen, die Seele desjenigen aufzunehmen, der bei der Jagd ums
Leben gekommen war, obwohl es seine eigene Schuld gewesen war und
die Göttin das ebenso gut wissen würde wie sie alle. Die Cousine
des Jungen trauerte um ihn, allein und schweigend. Von den Übrigen
waren drei so schwer verletzt worden, dass sie nicht ohne fremde
Hilfe gehen konnten. Der Rest der dreißig hatte einen Halbkreis
gebildet und die Bären durch Lärm und Feuer vertrieben, indem sie
aus Leibeskräften mit Steinen auf die Felsen trommelten und die
brennenden Keulen durch die Luft wirbelten, um wilde Flammengebilde
zu erzeugen. Hail hatte die Tiere wiederholt angegriffen, bis sie
endgültig verschwanden, war aber dabei nicht verletzt worden. Dafür
sandte Breaca ein stummes Dankgebet zu den Göttern empor, noch
während sie andere ausschickte, um die Heilpflanzen zu suchen, die
sie für die Behandlung der Verwundeten benötigte. Während der Zeit,
die sie gebraucht hatten, um eine Tragbahre zu bauen, mit der sie
Ardacos sicher ins Lager transportieren konnten, hatte sie
festgestellt, dass sie diejenige von der Gruppe war, die sich auf
dem Gebiet der Heilkunst am besten auskannte. In den drei Jahren,
die sie der älteren Großmutter gedient hatte, hatte die alte Frau
ihr so viel beigebracht, wie andere ihr wahrscheinlich in einem
ganzen Leben nicht hätten beibringen können. Sie hatte ihren
Gefährten genau beschrieben, was sie brauchte und wo sie es finden
könnten, und die Hälfte der dreißig war auf ihr Geheiß hin
losgerannt.
Als sie es Ardacos auf seinem Lager einigermaßen
bequem gemacht hatte, musste sie feststellen, dass selbst der beste
Unterricht der Welt nicht sonderlich viel nützte, wenn diejenigen,
die die Heilpflanzen beschaffen sollten, in einer kargen,
unfruchtbaren Landschaft am äußersten westlichen Rand der Welt
suchten, noch dazu bei vollkommener Dunkelheit und zu Beginn des
Winters. Keine der Pflanzen, die sie brauchte, war gefunden worden,
und sie musste sich stattdessen mit grünem Moos behelfen, in großen
Placken von den Felsen abgeschält, um es auf die Wunde zu legen, so
wie Ardacos es am Morgen gemacht hatte. Sie band das Moospolster
gerade auf dem Rücken des Kriegers fest, als sie spürte, wie er
sich bewegte.
»Ardacos?« Sein Gesicht war von ihr abgewandt. Sie
ging um ihn herum und beugte sich über ihn. Sein Auge war offen und
enthielt eine Frage. »Du hast es geschafft«, sagte sie. »Die Bären
sind verschwunden. Der Junge von den Brigantern ist gestorben, weil
er zu leichtsinnig war. Alle anderen sind am Leben. Du bist
verwundet worden und hast eine Menge Blut verloren, aber du
wirst...« Das Auge schloss sich wieder, und so blieb es ihr
erspart, Plattitüden von sich zu geben, die sich vielleicht noch
als unwahr erweisen würden.
Sie blickte auf. Zu Gwyddhien, die auf dem Felsen
über ihr saß, sagte sie: »Ich habe getan, was ich konnte. Sein
gebrochener Arm ist eingerichtet und verbunden. Die Wunde ist
verschlossen, blutet aber immer noch. Er braucht Airmids oder
Tallas Hilfe, wenn er überleben soll. Wir sollten jetzt sofort
aufbrechen.«
»Meinst du?« Die hoch gewachsene Kriegerin schwieg
einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf. »Wir können jetzt noch
nicht aufbrechen. Es ist schon dunkel, und von Osten her ziehen
Wolken auf. Wir werden bald Regen bekommen. Oder Nebel. Die Route,
die zur Siedlung zurückführt, birgt Gefahren ganz eigener Art, und
keiner von uns kennt den Weg gut genug, um ihn bei Nacht zu finden.
Wir sollten besser so lange warten, bis es hell wird.«
»Das können wir nicht. Bis es hell wird, vergehen
noch Stunden. Das ist zu lange.« Die Dringlichkeit der Lage verlieh
Breacas Stimme einen scharfen Ton.
Gwyddhien lächelte gelassen. »Ich glaube nicht. Es
ist schon nach Mitternacht. Der Morgen ist nicht mehr fern.«
»Aber trotzdem noch zu fern. Wenn wir jetzt
aufbrechen, werden wir das Große Versammlungshaus im Morgengrauen
erreichen. Wenn wir aber bis zum Morgengrauen warten, bevor wir
losmarschieren, werden wir nicht vor dem späten Vormittag dort
ankommen, und bis dahin wird Ardacos tot sein.«
»Es ist immer noch besser, einer stirbt, als dass
viele sterben. Wir haben drei, die schwach sind und getragen werden
müssen, und außerdem ist da noch ein Toter, den wir nicht einfach
zurücklass...«
»Wir können ihn durchaus zurücklassen. Wenn wir ihn
mit Felsbrocken zudecken, werden die Bären nicht an ihn
herankommen. Ich werde morgen mit ein paar anderen zurückkehren
und...«
»Nein.«
Sie starrten einander über den verletzten Mann
hinweg an. Breaca merkte, dass sie vor Wut an allen Gliedern
zitterte. Das Blut strömte heiß durch ihre Adern, und die Narbe in
ihrer Handfläche schmerzte wieder. Sie holte tief Luft und stieß
den Atem dann zischend durch zusammengebissene Zähne wieder aus.
Mit mühsam beherrschtem Zorn sagte sie: »Dann werde ich eben allein
zum Versammlungshaus laufen und eine Heilerin mit zurückbringen,
zusammen mit Pferden und einer Tragbahre. Wir werden noch vor
Tagesanbruch hier sein. Länger kann Ardacos nicht mehr
durchhalten.«
»Nein.« Venutios schüttelte energisch den Kopf. »Du
kannst nicht allein gehen. Die dreißig dürfen unter keinen
Umständen getrennt werden. So lautet das Gesetz.«
Er war noch immer ranghöchster Krieger. Sie hätte
ihm bedenkenlos ihr Leben anvertraut. Aber Ardacos war ihr ein
guter Freund gewesen und hatte sie geweckt, wo er doch genauso gut
allein mit dem Bären hätte tanzen können, vielleicht sogar mit
Erfolg.
»Wer will mich daran hindern?«, fragte sie
angriffslustig.
»Ich.« Venutios setzte sich auf einen Felsblock und
legte seinen Speer locker auf seine Knie. Seine ruhigen Augen
versprachen ihr den Tod, wenn sie sich ihm widersetzte. Er zuckte
entschuldigend mit den Achseln. »Es tut mir Leid. Ich würde dich ja
gehen lassen, wenn ich könnte, aber das Gesetz ist in diesem Punkt
klar und eindeutig und in keiner Weise anfechtbar. Entweder ihr
geht alle, oder es geht keiner von euch.«
Breaca atmete zu hastig, um noch klar denken zu
können. Sie zwang sich, ihre Erregung zu beherrschen und langsamer
zu atmen, und dachte an Eburovic, der ihr immer geraten hatte, bei
einem Konflikt nicht gleich in Rage zu geraten, sondern die Ruhe zu
bewahren und erst einmal die Beweggründe hinter den Worten zu
finden. Zu Gwyddhien sagte sie: »Es geht doch hier gar nicht darum,
ob wir den Weg finden können oder nicht. Wir alle haben hier schon
viele Male bei Nacht gejagt, du sogar noch öfter als jeder andere.
Wir könnten den Weg sogar mit verbundenen Augen finden, wenn wir
müssten. Warum willst du also nicht, dass wir jetzt
aufbrechen?«
Die Kriegerin nickte, während ihre Wut langsam
verrauchte. »Ich lebe hier schon seit zehn Jahren«, sagte sie. »Auf
Mona gibt es keine Bären.«
»Heute Nacht waren aber Bären da«, erwiderte
Breaca. »Wir haben sie gesehen.«
»Heute ist die Nacht der Prüfung, die Nacht, in der
der neue ranghöchste Krieger ausgewählt wird. Was wir sehen, ist
vielleicht nur ein Trugbild, etwas, was in Wirklichkeit gar nicht
da ist. Nur bei Tageslicht werden wir die Wahrheit erkennen. Wir
haben bisher nur einen von unserer Gruppe verloren, möglicherweise
auch zwei, falls Ardacos stirbt. Die Ältesten haben aber eine drei-
oder viermal so große Zahl von Todesopfern vorausgesagt. Wenn wir
die Nacht hindurch wandern, riskieren wir, noch mehr als nur den
einen zu verlieren. Träume kommen in allen möglichen
Erscheinungsformen, nicht nur in Gestalt von Bären.«
»Ardacos ist nicht von einer Traumgestalt verwundet
worden.«
»Bist du dir da sicher?«
»Ja. Hail kann keine Traumgestalten sehen, nur das,
was wirklich ist, und diese Bären waren so wirklich wie du und ich.
Es mag ja sein, dass es bisher keine Bären auf Mona gegeben hat,
aber jetzt gibt es welche, und zwar drei. Wir werden uns später mit
ihnen befassen oder sie in Frieden leben lassen.«
Während Breaca sprach, sprang sie auf die Klippe
hinauf und stellte sich neben Gwyddhien. Ihr Messer steckte in
ihrem Gürtel; zwar keine sonderlich taugliche Waffe, aber immer
noch besser als gar keine. Hail würde ihr folgen, wenn auch sonst
niemand. Sie trat auf die Seite, so dass Gwyddhien zwischen ihr und
Venutios stand. Laut und deutlich, damit die gesamte Gruppe sie
hören konnte, sagte sie: »Wenn die Träumer Traumgestalten schicken,
dann werden sie sie uns hier ebenso schicken wie auf dem Weg zurück
zur Siedlung. Ardacos braucht dringend Hilfe, und die Gesetze
taugen nichts, wenn sie einen Mann ohne ersichtlichen Grund zum
Tode verurteilen. Diejenigen, die meiner Meinung sind, können mir
folgen. Ich gehe nämlich, und zwar jetzt.«
Sie sprang von der Klippe hinunter und rannte los.
Hail lief in großen Sätzen neben ihr her, so dicht, dass sie die
Wärme seines Atems spüren und den Bärengestank in seinem Fell
riechen konnte. Nach wenigen Schritten hatte Caradoc sie eingeholt
und lief auf ihrer Linken. Kurz darauf war Braint, das Mädchen von
den Brigantern, auf ihrer Rechten, dicht gefolgt von Cumal von den
Silurern. Als Breaca den Fuß des Hügels erreichte, rannten mehr
Kriegerinnen und Krieger hinter ihr her, als sie auf Anhieb zählen
konnte, ganz sicherlich mehr, als oben auf dem Hügel geblieben
waren. Sie hielt einen Moment inne und blickte zurück. Hoch oben
auf der Felsspitze hob Venutios sein Horn an die Lippen und ließ
das Signal zur Rückkehr erschallen. Breaca erlebte einen Moment des
Jubels, so wie damals an dem Tag, als sie Venutios’ Schwertklinge
zerbrochen hatte. Sie nahm nur Caradoc und Braint mit, als sie
kehrtmachte und wieder den Hügel hinauflief. Venutios kam ihr
entgegen, seine Miene so reglos wie die eines Ältesten, der ein
Gesetz verkündete.
»Du darfst nicht allein gehen, aber die Mehrheit
von euch hat sich zum Aufbruch entschlossen. Es ist also Gwyddhien,
die sich dir beugen muss.«
Die hoch gewachsene Kriegerin stand hinter ihm. In
ihrer Hand trug sie ihren eigenen Speer und Breacas. Sie
überreichte Breaca ihren Speer mit dem Schaft voran, als Zeichen
des guten Glaubens. »Ich bin bereit.« Der melodische Tonfall ihrer
Stimme ließ ihre Worte wie ein Gebet klingen.
Breaca reichte ihr die Hand zum Gruß des Kriegers.
Sie sagte: »Wenn wir die Verwundeten tragen müssen, werden wir noch
mehr Holz für Tragbahren brauchen. Gib mir die Hälfe von den
dreißig, und ich werde es beschaffen.«
»Du hast sie.« Gwyddhien ergriff die dargebotene
Hand und erwiderte den Gruß. Sie grinste. »Und besorgt noch eine
neue Tragestange für den Keiler«, sagte sie. »Wir werden den
Kadaver in zwei Hälften zerteilen, dann wird er nicht mehr so
schwer zu tragen sein. Auf diese Weise können wir schneller
laufen.«
Sie liefen die ganze Nacht hindurch, nicht
sonderlich schnell, aber schnell genug. Sie wurden nicht von
Traumgestalten bedroht, und sie kamen gut voran. Der Himmel war mit
einer dichten Wolkendecke überzogen, aber es regnete nicht. Ohne
Sterne, an denen sie sich hätten orientieren können, suchten und
fanden sie einen mit gespaltenen Stöcken markierten Jägerpfad und
folgten ihm. Gwyddhien ging an der Spitze der Kolonne, während sie
immer wieder die Route überprüfte. Venutios lief ganz am Ende und
hielt mit den Nachzüglern Schritt, um sicherzugehen, dass die
Gruppe nicht auseinander gerissen wurde. Breaca und Caradoc
bildeten ein Gespann mit Braint, die beschäftigt werden musste, um
sich von ihrem Schmerz über den Verlust ihres Cousins abzulenken.
Die drei trugen Ardacos, wobei sie sich regelmäßig abwechselten, so
dass jeweils zwei das Holzgestell trugen und einer nebenherlief,
und sie tauschten oft, um nicht zu rasch zu ermüden. Der schwer
verwundete Mann versank immer wieder in Bewusstlosigkeit, während
sie durch die Dunkelheit liefen, doch selbst wenn er wach war, lag
er ganz still da, und er schrie auch nicht auf, wenn sie stolperten
oder ihn über einen Bach hinwegreichen mussten.
Sie liefen gerade einen Abhang hinunter, sorgsam
darauf bedacht, Ardacos waagerecht zu halten, als Breaca plötzlich
bewusst wurde, dass sie die Umrisse ihrer Hand und ihres Fußes gut
erkennen konnte; es würde also nicht mehr allzu lange dauern, bis
der neue Tag anbrach. Sie blickte sich nach Caradoc um und sah sein
Haar, so hell wie im Wind wogendes Getreide. Er lächelte, und seine
Zähne blitzten weiß. Die schwarzhaarige Braint, am anderen Ende der
Tragbahre, war zu dunkel, um im trüben Licht der Morgendämmerung
deutlich zu sehen zu sein.
Am Fuße des Abhangs versammelte Gwyddhien die
Gruppe wieder um sich. »Wir werden bei Tageslicht vor den Toren der
Siedlung ankommen. Wir haben zwar Verwundete dabei, aber wir müssen
trotzdem dem Anlass entsprechend würdevoll Einzug halten.«
Sie waren erschöpft, schmutzig und unordentlich,
eine abgerissene Schar schemenhafter Gestalten. Gwyddhien wies sie
an, sich zu drei Reihen zu formieren, geordnet nach Alter und
Erfahrung, und ihre Speere auf den Rücken zu hängen, zum Zeichen
des Friedens. Von Ardacos sagte sie: »Wir werden an der Eiche vor
dem Tor Halt machen. Bringt ihn dann nach vorn. Er ist noch immer
der Bedeutendste von uns. Er sollte als Erster
hineingelangen.«
Es war ein ehrenvoller Akt, der ihrer beider würdig
war. In den Augen einiger anderer mochte Ardacos zwar noch der
Bedeutendste gewesen sein, als sie ausgezogen waren, aber Gwyddhien
war diejenige, die als die Auserwählte zurückkehren würde, daran
zweifelte keiner von ihnen. Breaca beugte sich über die Tragbahre
und stellte fest, dass der Verwundete bei Bewusstsein war. Er
blinzelte ihr zu, wie er es schon einmal zuvor getan hatte. Sie
behielt ihre Hand auf ihrem Speer und blieb weiterhin auf der
Hut.
Das restliche Gelände war ihnen allen bekannt: eine
kurze Wegstrecke über niedrige, mit Stechginster bewachsene Hügel
und durch kleine Täler, gefüllt mit Weiden und Haselsträuchern. Von
den beiden Flüsschen, die ihren Weg kreuzten, ließ sich der nähere
auf Trittsteinen überqueren, während der weiter entfernte von einer
Brücke überspannt war.
Die ersten Wurfspeere kamen durch die Luft gesaust,
als sie Ardacos gerade über die Trittsteine trugen. Breaca hörte
das Sirren, dann den dumpfen Aufprall eines Treffers, und sprang
ohne nachzudenken die letzten beiden Schritte zum jenseitigen
Flussufer. Caradoc, der das hintere Ende der Tragbahre hielt,
sprang mit ihr und folgte ihr im Laufschritt, als sie in Deckung
flüchtete. Sie sprinteten in den Schutz eines Weißdorngebüschs.
Braint flitzte hinter ihnen her und warf sich mit dem Gesicht nach
unten ins Gras.
»Venutios ist getroffen worden«, sagte sie.
»Was?«
»Ich habe ihn zu Boden gehen sehen«, erklärte
Caradoc. »Die Speere waren auf ihn gezielt.«
»Große Götter! Warum?« Breaca schob sich vorsichtig
hinter ihrem Versteck hervor und versuchte, die Häupter zu zählen.
Auf freiem Feld hätte sie die anderen vielleicht sehen können.
Hier, im Schutz des Tals, wo die Bäume noch in vollem Herbstlaub
standen und die Morgendämmerung noch nicht Einzug gehalten hatte,
war das unmöglich. Sie konnte nur Gwyddhien sehen, die bäuchlings
im dürftigen Schutz eines Felsblocks lag. Breaca legte ihre Hände
trichterförmig an den Mund und stieß den Schrei der Nachteule aus,
der Ruf der Krieger von Mona. Gwyddhien erwiderte ihn und rannte
los, um sich zu ihnen zu gesellen.
»Venutios ist gefallen«, sagte Breaca.
»Ich weiß. Ich habe es gesehen. Habt ihr den Fluss
als Letzte überquert, abgesehen von ihm?«
»Ja.«
»Dann sind wir wenigstens alle auf der rechten
Seite des Flusses.«
Gwyddhien ahmte erneut den Schrei der Eule nach,
diesmal noch lauter. Andere antworteten zu zweien oder zu dreien
und kamen nach und nach aus ihren Verstecken hervor, um sich zu
versammeln.
Cumal von den Silurern war der Erste, der an dem
Gebüsch auftauchte, hinter dem Breaca und die anderen Schutz
gesucht hatten. »Ordovizer!« Hasserfüllt spuckte er auf den Boden
zu Caradocs Füßen. Ihrer beider Völker waren seit Urzeiten Feinde.
»Ich würde ihre Speere überall wieder erkennen. Hast du von diesem
Überfall gewusst?«
Caradoc starrte den anderen Mann wortlos an. Mit
ruhiger Bedächtigkeit wandte er sich um, um über den Fluss hinweg
auf die reglose Gestalt von Venutios zu blicken. Der Krieger lag
ausgestreckt auf dem Rücken, seine Glieder in einem merkwürdigen
Winkel verdreht. Der Schaft eines einzelnen Speeres ragte über ihm
auf. Als Caradoc sich wieder zu Cumal umwandte, sagte er mit
steifer Förmlichkeit: »Verzeih mir. Das Licht ist noch zu schwach,
als dass man von hier aus deutlich sehen könnte, aber ich war ganz
in der Nähe, als die Speere flogen, und ich glaube, sie trugen
silurische Kennzeichen auf dem Schaft.«
»Coritani«, warf Breaca ein. »Sofern die Silurer
nicht das Zeichen des Roten Milans als ihr eigenes übernommen
haben.«
»Nein, Votadini«, meinte Braint. »Sie kennzeichnen
ihre Speere mit schwarzer Farbe und tränken die Spitzen mit Gift,
das sie aus Pilzen gewinnen. Ich kenne die Votadini schon seit
meiner Kindheit. Sie haben damals den Onkel meiner Mutter
getötet.«
Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen.
Eine Dohle flog zu Venutios, und irgendjemand warf einen Ast nach
ihr, um sie zu verjagen.
Mit kreidebleichem Gesicht sagte Gwyddhien: »Dann
sind die Speere von den Träumern geschickt worden, genauso wie die
Bären. Aber warum würden die Träumer ihre eigenen Leute töten
wollen?« Unausgesprochen, aber noch offensichtlicher, war die
Frage: Warum würde Airmid so etwas tun?
Breaca erwiderte schroff: »Frag Venutios, falls du
ihm zufällig im Totenreich begegnen solltest. Er muss von der
Gefahr gewusst haben, und wir hätten damit rechnen müssen, dass
außer den Bären noch andere unangenehme Überraschungen auf uns
warten würden. In anderen Jahren sind weitaus mehr Prüflinge
umgekommen, als ein Bär hätte töten können.« Sie gab sich selbst
die Schuld, weil es sicherer war, als irgendjemand anderem die
Schuld zuzuschieben, vor allem einer Träumerin, die eine Wette
angenommen hatte, wo sie doch stattdessen eine Warnung hätte
aussprechen können. Ein bitterer Schmerz nistete sich in ihrem
Inneren ein, doch sie versuchte mit aller Macht, ihn in den
Hintergrund zu drängen, voller Angst davor, dass er sich - wenn sie
sich ihm erst einmal stellte - als überwältigend erweisen
könnte.
»Und was nun? Was sollen wir jetzt tun?«, fragte
Gwyddhien. Entsetzen und Furcht hatten Falten in ihr Gesicht
gegraben, die vorher noch nicht dagewesen waren. »Wir können die
Träumer nicht töten.«
»Nein? Wieso können wir das nicht, wenn sie doch
auch uns töten können?« Breaca fuhr zu der Gruppe herum. Zwei
Dutzend Gesichter blickten sie verängstigt und voller Zweifel an.
In dem grauen Licht des hereinbrechenden Tages sah selbst Caradoc
unsicher aus. Sie hatte immer geglaubt, er wäre gegen jegliche
Angst gefeit, und musste jetzt zu ihrer Bestürzung feststellen,
dass dem ganz und gar nicht so war. Die Träumer von Mona waren
heilig, eingehüllt in ein Netz des Friedens und der inneren Ruhe;
sie konnten mitten durch eine Schlacht gehen, und kein Krieger
würde sein Schwert gegen sie erheben. Breaca spürte, wie sich das
Fadengeflecht, das die dreißig zu einer Einheit verbunden hatte,
mehr und mehr auflöste, und sie betete zu Briga und zu Nemain, die
Airmid besonders zugetan war. Doch sie bekam keine Antwort auf ihre
Gebete. Stattdessen sah sie nur Ardacos, der im Sterben lag, und
Venutios, der bereits tot war, und die Sinnlosigkeit und
Ungerechtigkeit all dessen entmutigte sie zutiefst. Sie rief nach
Eburovic und nach der älteren Großmutter, doch keiner von beiden
kam zu ihr. Mit wachsender Verzweiflung rief sie nach Airmid -
nicht nach der Träumerin selbst, sondern nach dem Gefühl der
Beständigkeit und Sicherheit, das Airmid ihr stets vermittelt
hatte, das sie wie eine zweite Haut umschloss und ihr Trost und Mut
spendete, wenn sie ihn am dringendsten brauchte. Doch die Dämmerung
gab nichts zurück, sogar noch weniger als nichts; das Zwielicht war
von einem erbarmungslosen Schweigen erfüllt, das an ihrer
Willenskraft zehrte. Hier auf der Insel der Götter war sie nun
mutterseelenallein, im Stich gelassen von denjenigen, denen sie am
meisten vertraute, die stattdessen die ihnen von den Göttern
verliehene Macht nutzten, um sie zu vernichten.
Das Wissen um den Verrat war lähmend. Sie starrte
über die mit Büschen bewachsene Fläche hinweg auf die Weiden, die
den zweiten Fluss säumten. Ein feiner Nebel stieg vom Erdboden auf
und kroch in Kniehöhe vorwärts, kalt und heimtückisch. Breaca hatte
sich niemals nach dem Tod gesehnt, so wie Tagos es in den ersten
Monaten nach dem Verlust seines Arms getan hatte, aber jetzt sah
sie den Tod unweigerlich nahen und hatte doch nicht mehr die
Willenskraft, sich gegen ihn zu wehren.
Hail stupste ihre Hand an und schmiegte seinen Kopf
in ihre Handfläche. Von ihnen allen war er der Einzige, der weder
Zweifel hegte, noch Angst vor den Träumern hatte; der nicht
zwischen dem Guten und dem Schlechten einer Schlacht unterschied.
Er lebte nur, um zu jagen und zu töten, zu kämpfen und zu siegen.
Breaca ging in die Hocke und vergrub ihre Finger in dem rauen Fell
an seinem Hals. Eburovics Trost und Unterstützung mochten ihr zwar
verwehrt sein, aber niemand konnte ihr die Erinnerung an die Geburt
des Hundes rauben, an den Anblick Báns, wie er in der Tür des
Frauenhauses gestanden hatte, noch ganz verwirrt von seiner Vision,
verängstigt und verloren und von schmerzlicher Sehnsucht nach einem
Wesen erfüllt, das er noch kaum kannte, aber schon liebte. Ihr
kleiner Bruder, der sich so sehr danach gesehnt hatte, Krieger zu
werden, obwohl doch alle anderen klar erkannt hatten, dass er dazu
ausersehen war, der größte Träumer zu sein, den die Stämme jemals
gekannt hatten, bis er Opfer einer bis dahin einzigartig
niederträchtigen und heimtückischen Gewalttat wurde. Von der
Erinnerung an Bán war es nur noch ein kurzer Schritt zu Groll, zu
Wut, zu einem alles verzehrenden Zorn. Während ihrer zweijährigen
Ausbildung auf Mona hatte man Breaca gelehrt, sich zu beherrschen,
um zu verhindern, dass Zorn und Leidenschaft die Oberhand über die
Vernunft gewannen, aber es war Mona, die ihr das hier eingebrockt
hatte, und ihre Lehrer hatten davon gewusst und doch kein Wort
darüber gesagt. Allen Lehren zum Trotz hegte sie den Funken, der in
ihrem Innersten brannte und der sich so mühelos zu Flammen
entfachen ließ: durch ihren Abscheu vor Amminios; durch die
Erinnerung an ihre allererste Begegnung, an seine Opferung des
graubraunen Stutenfohlens und an seinen letzten und schlimmsten Akt
der Schändung; durch den höhnischen Klang seines Lachens, das noch
immer in ihren Ohren widerhallte - bis schließlich ein Feuer in
ihrem Herzen loderte, das alles vernichten konnte, das ihr im Wege
stand.
Zitternd richtete sie sich wieder auf und sah sich
mit einer Klarheit um, die die Mutlosigkeit und Unentschlossenheit,
die ihr eben noch zu schaffen gemacht hatten, beiseite fegte. Der
tückische Nebel löste sich abrupt auf, schien lediglich ein
Hirngespinst ihrer Furcht gewesen zu sein. Die anderen beobachteten
sie misstrauisch, als ob auch sie nur ein Trugbild sein könnte. Sie
lächelte, sah, wie diejenigen, die ihr am nächsten standen,
zurückzuckten, und wählte ihre Worte mit Bedacht: »Wenn dies das
Werk der Träumer ist, dann ist es Teil der Prüfung. Wir sind die
Kriegerinnen und Krieger von Mona. Sie haben Jahre damit verbracht,
uns für die Schlacht auszubilden. Wenn wir schon sterben müssen,
dann sollte es wenigstens ein ehrenvoller Tod sein, der uns mitten
im Gefecht ereilt, nicht während wir hier herumstehen wie Bullen in
einem Pferch, die auf den Schlachter warten. Wir sollten kämpfen,
statt tatenlos herumzustehen und auf den Tod zu warten!« Sie hob
ihren Speer und hielt die Spitze nach oben, das Zeichen zum Kampf.
»Ich werde nötigenfalls auch allein gegen die Traum-Speerkämpfer
antreten, aber in Gesellschaft ginge es besser. Wer ist bereit,
gemeinsam mit mir gegen sie zu kämpfen?«
Sie konnte die Sekunden, die in vollkommenem
Schweigen verstrichen, an dem hämmernden Schlag ihres Herzens
abzählen, und sie schienen sich zu einer Ewigkeit auszudehnen.
Dann, endlich, sagte eine Stimme hinter ihr: »Ich«, und Caradoc
trat neben sie und schloss damit eine Tür, die viel zu lange offen
geblieben war. Sie lächelte ihn an, wie benommen vor Freude und
Erleichterung, und er erwiderte ihr Lächeln, und sie wurde
unwillkürlich an einen Augenblick in einem Fluss erinnert, als der
Tod sie bereits gepackt und dann beschlossen hatte, sie wieder
entkommen zu lassen. Mit lobenswerter Voraussicht erklärte er: »Wir
werden noch andere Waffen brauchen. Speer gegen Speer ist keine
geeignete Methode, um einen Kampf zu gewinnen. Wir brauchen
Schwerter und Schilde, um es richtig zu machen.«
»Das Zeughaus steht auf dieser Seite des Lagers.
Wir sind neunundzwanzig, abzüglich der Verwundeten. Zehn Leute
werden genügen, um die Waffen zu tragen, die wir benötigen.« Braint
stand nicht weit von ihr entfernt. Breaca legte ihr eine Hand auf
die Schulter. »Bist du bereit, dein Leben zu riskieren, um dein
Schwert zu holen?«
Das Mädchen war jetzt hellwach und voller Tatkraft.
Ihr Schmerz über den Tod ihres Cousins hatte sich nur zu
bereitwillig in Zorn verwandelt und in das dringende Bedürfnis, zu
handeln. Sie grinste grimmig. »Ich bin zu allem bereit.«
»Gut. Damit sind wir drei. Wir brauchen noch sieben
weitere. Nicht die Verwundeten.«
Braint war die jüngste der neunundzwanzig. Die
anderen würden sich nicht nachsagen lassen, dass sie weniger mutig
waren als Braint. Keiner weigerte sich, sich ihr
anzuschließen.
Gwyddhien hatte inzwischen ihre Selbstbeherrschung
wieder gefunden und war wieder fähig, vorausschauend zu planen.
»Das Zeughaus steht an zu exponierter Stelle. Wenn sie auf uns
warten, werdet ihr irgendein Ablenkungsmanöver brauchen, um sie
abzulenken.« Sie zeigte durch das matte Licht der Morgendämmerung
hindurch. »Dort drüben ist ein Weidenwäldchen, das zum Ufer des
zweiten Flusses führt. Du führst deine zehn Mitstreiter zum
Zeughaus. Ich werde die Übrigen mitnehmen, und dann werden wir so
tun, als ob wir dort den Fluss überqueren wollten. Ihr könnt
währenddessen in das Zeughaus einbrechen.«
Breaca fühlte sich vollkommen im Gleichgewicht, als
ob sie auf einer hohen Mauer stünde, mit einem klaren Blick auf
alle diejenigen, die sich unter ihr versammelt hatten. Es kostete
sie nicht die geringste Mühe, jeden Einzelnen der fünfundzwanzig
Krieger, die unverletzt geblieben waren, einzuordnen und zu spüren,
wie weit sein Mut reichen würde. Ardacos lag im Windschatten des
Weißdorngebüsches. Ihre Blicke trafen sich, und sie konnte
keinerlei Spur von Furcht in seinen dunklen Augen erkennen.
»Irgendjemand muss bei Ardacos bleiben«, sagte sie. »Wir haben ihn
nicht den ganzen weiten Weg hierher gebracht, nur um ihn jetzt zu
verlieren.«
»Ich werde bei ihm bleiben. Wenn du mir hilfst, ihn
hinter die Felsen zu tragen, und mir noch sechs andere gibst,
können wir hier so lange die Stellung halten, wie ihr brauchen
werdet, um die Waffen zu besorgen.« Es war Caradoc, der dies sagte.
Und obwohl Breaca bedauerte, dass sie bei dem Einbruch auf seine
Hilfe verzichten musste, wusste sie doch, dass er der Einzige war,
bei dem sie sich darauf verlassen konnte, dass er den
Schwerverletzten schützen könnte.
Sie nickte. »In Ordnung. Wir werden euch unsere
Speere dalassen. Wir werden ohnehin genug zu tragen haben, wenn wir
zurückkehren, und ihr könnt die Speere hier besser
gebrauchen.«
Sie transportierten Ardacos ohne Schwierigkeiten in
den Schutz der Felsen. Als sich die beiden Gruppen zu trennen
begannen, hob Gwyddhien die Hand, um ihre eigene Gruppe
zurückzuhalten. »Moment. Wir brauchen noch ein Signal, um den
richtigen Zeitpunkt für das Ablenkungsmanöver zu bestimmen.«
»Warte hier.«
Neun Speere sausten durch die Luft, als Breaca über
die Trittsteine im Flussbett sprintete, und ein weiteres Dutzend,
als sie wieder zurückrannte. Für sie hatten alle diese Speere den
Gestank und den Stil der Coritani, so wie sie sie noch von ihrer
Kindheit her in Erinnerung hatte. Sie warf sich hinter den
schützenden Felsen und hielt ihre Beute hoch, damit alle sie sehen
konnten.
»Das Kriegerhorn.« Es war so lang wie ihr Arm und
sanft geschwungen. Die beiden Enden waren mit schlichtem,
schmucklosem Silber verziert, und das Horn selbst hatte über die
vielen Generationen hinweg einen warmen, durchscheinenden Glanz
angenommen, der den ersten kalten Lichtschein der Morgendämmerung
einfing und ein Feuer daraus machte, das dem Feuer in Breacas
Innerem in nichts nachstand. Sie schlang sich die Lederschnur um
den Hals und sagte: »Ich werde das Signal zum Beginn der Schlacht
geben, wenn wir die Schwerter haben. Trefft uns dann wieder hier
hinter dem Felsen, um eure Waffen abzuholen. Dann werden wir ja
sehen, wer Speere schleudert, die sich im Zwielicht
verändern.«
»Und davor?«, fragte Gwyddhien. »Du kannst
unmöglich das Horn ertönen lassen, wenn ihr das Zeughaus erreicht.
Damit wirst du dir viel zu früh Probleme einhandeln.«
Breaca grinste. Die Aussicht auf den Kampf erfüllte
sie mit einer prickelnden Erregung, die ihren Schmerz über den
Verrat weit in den Hintergrund zurückdrängte. »Hat Airmid dir den
Lockruf des quakenden Frosches beigebracht?«
»Ja.« »Dann benutze ihn. Dreimal nacheinander und
dann noch dreimal. Wenn der letzte Ruf ertönt, werden wir in das
Zeughaus einbrechen. Bete für uns, und wir werden euch Waffen
bringen!«
In einem Marschgebiet im Osten quakte ein
braunhäutiger Frosch, und seine Gefährtin antwortete ihm. Im fahlen
Licht der Morgendämmerung reckte sich eine Hand aus hohem Gras
empor und gab ein Zeichen. Zehn Kriegerinnen und Krieger sowie ein
Jagdhund glitten bäuchlings und so lautlos wie Eidechsen über den
von Tau durchnässten Boden.
Im Lager war alles still. Rauch stieg in dünnen
Kräuseln von fast heruntergebrannten Feuern auf. Hunde und Hähne
schliefen noch. Eine kleine, aus Steinen erbaute Hütte, deren Dach
zum Schutz vor Feuer mit Schiefer gedeckt war, stand in der Mitte
zwischen zwei Großen Versammlungshäusern. Die Tür der Hütte war aus
Holz und mit Angeln versehen, die dazu neigten, laut zu knarren und
zu quietschen, wann immer die Tür geöffnet oder geschlossen wurde -
außer diesmal, als eine junge schwarzhaarige Kriegerin der
Briganter Fett von einem erlegten Keiler auf die Scharniere
schmierte und die Türangeln auf diese Weise zum Schweigen brachte.
Drei Gestalten betraten die Hütte, eine von ihnen noch damit
beschäftigt, sich das Wildschweinfett von den Händen zu wischen. Im
Inneren war es noch finsterer, als die Nacht gewesen war, aber sie
hatten schon viele Male geübt, ihre Waffen mit verbundenen Augen zu
finden, für einen Anlass, der diesem nicht unähnlich war. Sie
machten ihre Schwerter ausfindig, wobei sie jedes Einzelne an der
speziellen Form seines Knaufs erkannten, und reichten sie mit dem
Heft voran an diejenigen weiter, die draußen vor der Hütte
warteten. Ihre Schilde zu finden erwies sich allerdings als
schwieriger. Alle trugen Venutios’ Zeichen auf der Vorderseite -
der springende Lachs, der sich blau vom eisengrauen Hintergrund
abhob -, wohingegen ihre persönlichen Zeichen nur ganz leicht auf
Schildbuckel oder Griff eingeritzt waren, zu schwach, um in der
Dunkelheit sichtbar zu sein. So wählten sie aufs Geratewohl
neunundzwanzig Schilde aus und reichten sie nach draußen, wo das
eine, das anders und besonders war, schließlich gefunden wurde.
Dann rannten sie, jeder mit drei Schwertern und drei Schilden
beladen, während der Hund in großen Sprüngen vorauslief, um sie vor
Gefahren zu warnen, wieder zurück zu dem Felsen, woher sie gekommen
waren. Diejenigen, die Ardacos schützten, waren in der Zwischenzeit
angegriffen worden. Zwei der Beschützer waren verwundet, aber zum
Glück nicht tot, und wurden als Wachen bei den dreien
zurückgelassen, die bereits bei dem Kampf mit den Bären verletzt
worden waren. Sobald man die Schwerter und Schilde an diejenigen
verteilt hatte, die sie gebrauchen konnten, hob Breaca das
Kriegerhorn an die Lippen, füllte ihre Lungen und ließ das Signal
zum Beginn der Schlacht erschallen.
Breaca befehligte ihre Hälfte der Truppe.
Kampfbereit und mit erhobenen Schwertern marschierten sie in Reih
und Glied vorwärts, während sich ihre Schilde überlappten. Es war
das letzte Mal, dass sie den springenden Lachs trugen, das Zeichen
von Venutios, der ranghöchster Krieger von Mona gewesen und nun tot
war. Sein Schild allein war anders als die ihren gewesen: Der Lachs
war nicht aufgemalt, sondern tief in den Schildbuckel eingraviert
und mit eingelegten blauen Steinen verziert. Breaca hatte den
Schild zu ihm bringen wollen, war aber von Gwyddhien und Caradoc
energisch daran gehindert worden; der Sonnenaufgang war schon zu
nahe, als dass sie es unbemerkt hätte tun können, und das Horn war
mit einer solchen Vehemenz erschallt, dass das Schmettern auf der
ganzen Insel zu hören gewesen war. Sie befanden sich im Krieg, und
die rechte Zeit, sich um die Toten zu kümmern, war später, falls
dann noch irgendeiner von ihnen am Leben und fähig war, sich ihrer
anzunehmen. Sie hatten Venutios’ Schild stattdessen bei Ardacos
zurückgelassen, dem sie sein eigenes Schwert gegeben und geholfen
hatten, sich aufzusetzen. Auf seine Bitte hin hatten sie den Schild
an seiner Körperseite festgeschnallt, damit sein verletzter Arm
nicht sein Tod sein würde. Er hatte gegrinst, als sie gingen, und
ihnen sein Leben verpfändet, so wie es ein Krieger tun
sollte.
Der Rest der dreißig formierte sich zu einem
sichelförmigen Bogen, so wie sie es auch bei der Jagd getan hatten,
nur diesmal mit steileren Flanken - eine Formation, die jedem
Einzelnen Schutz durch einen Nebenmann gewährte, aber zugleich auch
die Chance bot, im Alleingang anzugreifen und im Kampf Mann gegen
Mann militärische Ehren zu erringen. Gwyddhien nahm den Platz in
der Mitte ein, wie es ihr Recht war. Breaca hatte auf Grund ihrer
mutigen Taten die rechte Flanke bekommen, den nächstgrößten
Ehrenplatz. Caradoc war die linke Flanke zugewiesen worden, und er
hatte Braint als seine Nachbarin auf der Schildseite haben wollen,
hatte sie dann aber Breaca überlassen und stattdessen Cumal
genommen, den Silurer, der ihm vor die Füße gespuckt hatte.
Er und Breaca hatten sich am Rand des Waldes
getrennt, unmittelbar vor den ersten Schritten hinaus auf offenes
Gelände. Caradoc hatte mit dem Rücken zu dem langsam heller
werdenden Horizont gestanden. Die Überreste des Nebels hatten einen
dünnen Schleier von winzigen Wassertröpfchen auf seinem Haar und
seinen Schultern hinterlassen, und das kalte Morgenlicht ließ jeden
Tropfen wie geschmolzenes Metall erscheinen, so silbrig glänzend
wie seine Augen. Er war beunruhigt. Breaca konnte es ihm deutlich
ansehen, aber nicht die Ursache seiner Besorgnis. Zum ersten Mal
seit zwei Jahren stellte sie plötzlich fest, dass sie seine
Anwesenheit begrüßte. Sie streckte die Hand aus und berührte mit
einer Fingerspitze das Heft seines Schwerts, um den Kriegereid zu
erwidern, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Sie hatte dabei
kein Wort gesprochen. Sie wusste auch nicht, ob sie in jenem Moment
überhaupt ein Wort hätte hervorbringen können, doch sie wurden
sowieso von Brock von den Dumonii unterbrochen, der sich seines
Platzes in der Reihe nicht sicher war, und als sie ihn beruhigt
hatten und er schließlich wieder abgezogen war, war der besondere
Augenblick vorübergegangen, und das eigenartige Licht, das Caradoc
in Silber gehüllt hatte, war wieder verblasst.
Sie trennten sich, um ihre Plätze an den beiden
Enden der Linie einzunehmen. Im letzten Augenblick, bevor sie
endgültig auseinander gingen, hatte Caradoc Breaca plötzlich
zurückgehalten und gesagt: »Denk nicht darüber nach, wen du vor dir
hast. Wenn wir wirklich den Träumern gegenübertreten, kann es sein,
dass das, was du siehst, nicht real ist.«
»Ich werde Airmid erkennen«, hatte sie
erwidert.
Er hatte ganz leicht ihren Arm gedrückt, der
Abschiedsgruß eines Kriegers. »Sieh zu, dass du das tust.«
Die Gruppe marschierte hügelaufwärts aus dem Tal
heraus, in relativ langsamem Tempo, um zu verhindern, dass die
Linie zersprengt wurde. Überall um sie herum wich die Nacht dem
Tag; Grauschattierungen und Schwarznuancen machten den
Pastellfarben der Morgendämmerung Platz. Eine Amsel folgte ihnen
bis hinter die letzten Haselnusssträucher und keckerte eine
Warnung. Auf den Wiesen jenseits des Großen Versammlungshauses
erwachten Säue grunzend aus dem Schlaf, und Mutterschafe riefen
nach ihren Lämmern. Weiter oben auf den höher gelegenen Koppeln
wieherte ein Hengstfohlen voller Ärger und galoppierte an einem
langen Zaun entlang. Das dumpfe Trommeln seiner Hufe hallte von den
Hügeln herunter.
»Wir hätten die Pferde holen sollen«, sagte Braint.
»Ich wäre lieber zu Pferd gestorben.«
»Es war zu weit bis zu den Koppeln, und es war
schon zu hell. Man hätte uns entdeckt, noch bevor wir dort
angekommen wären.« Breaca blickte nach Osten. Eine Lücke in der
Wolkendecke ließ einen Hintergrund aus geschmolzenem Gold erkennen,
Vorbote der ersten wirklichen Strahlen der Sonne. Sie dachte an
Venutios, der jetzt tot am jenseitigen Flussufer lag, und an die
innere Ruhe, die er ausgestrahlt und die sich auf sie alle
übertragen hatte; und sie war froh, dass es damit nun vorbei war,
dass nichts das wilde, klare Feuer ersticken konnte, das in ihrem
Inneren brannte - so ganz anders als das Kampffieber, das sie alle
im Großen Versammlungshaus gepackt hatte, als die Auswahl der
dreißig begonnen hatte. Sie sah das Schlachtfeld im Geist scharf
umrissen vor sich und auch die Gefechtsaufstellung der Krieger. Das
Fadengeflecht, das sie miteinander verband, war wieder intakt und
stabil, und jeder Einzelne glänzte durch eine Unerschrockenheit und
eine Überzeugung, die das Ganze noch stärker machten, als wenn
jeder für sich allein kämpfen würde. Ihre einzige Sorge war Braint;
das Mädchen glühte förmlich vor Enthusiasmus, aber ihr fehlte die
Ausbildung von Mona.
»Sei vorsichtig, wenn die Sonne aufgeht«, schärfte
Breaca ihr ein. »Wenn unsere Gegner gut sind, werden sie die
Sonnenstrahlen nutzen, um dich zu blenden. Sieh nicht nach links,
ohne deine Augen mit deiner Schildhand abzuschirmen.«
»In Ordnung.«
Sie marschierten um eine mit Ginstersträuchern
bewachsene Fläche herum, dicht nebeneinander und Schild an Schild.
Das offene Gelände, das vor ihnen lag, erstreckte sich bis zum
ersten Graben und der Mauer, die das Lager der Träumer umschlossen.
Die Kriegerschule hatte hier schon oft Übungskämpfe abgehalten.
Breaca hatte einmal ein zehnköpfiges Angriffskommando abgewehrt und
dabei nur Cumal zur Unterstützung gehabt. Sie wandte sich erneut an
Braint. »Wenn wir von den anderen getrennt werden«, sagte sie, »und
mehr als vier gegen uns sind, wende mir den Rücken zu und... Was
ist los?«
»Krieger! Da, sieh doch! Eine ganze Truppe!«
Sie tauchten aus dem Graben auf, voll bewaffnet und
für die Schlacht geschmückt. Kriegerfedern baumelten von den Enden
ihrer Torques’ herab. Um den Hals und im Haar trugen sie die
Andenken an ihre Visionen. Ihre Schilde waren einfarbig grau, wie
um jegliche Treuepflicht gegenüber dem ranghöchsten Krieger zu
leugnen. Ihre Schwerter waren kampfbereit erhoben.
Breaca schluckte die Bitterkeit hinunter, die ihr
die Kehle zu verätzen drohte. »Es ist die Ehrengarde. Sie haben
diejenigen gegen uns ausgeschickt, die das letzte Auswahlverfahren
überlebt haben. Sie sind einfach zu viele. In einer Formation wie
dieser haben wir keine Chance gegen sie.«
Es war das Schlimmste, das sie sich hätte
vorstellen können. Caradoc war weit entfernt auf ihrer Linken,
Gwyddhien zehn Schritte hinter ihr, tief in der Mitte des
sichelförmigen Bogens. Breaca konnte von ihrem Platz aus zwar
Caradoc sehen, aber nicht Gwyddhien. Sie hätten mit einer solchen
Situation rechnen müssen und hatten es doch nicht getan. Jetzt war
es zu spät, um ein neues Signal zu vereinbaren, das die Ehrengarde
nicht kennen würde. Fluchend hob Breaca das Kriegerhorn an die
Lippen und gab das Signal, das den anderen bedeutete, sich zu einem
Stoßkeil zu formieren. Dann hielt sie einen Moment inne, um sich zu
vergewissern, dass Braint verstanden hatte, und begann zu
rennen.
Sie waren dreiundzwanzig Kriegerinnen und Krieger,
eine davon noch völlig ungeschult. Sie vollzogen den Wechsel von
der bogenförmigen Formation zum Stoßkeil schnell und kamen zu einer
Keilformation zusammen, deren Spitze die Hornträgerin bildete.
Breaca würde jetzt sterben, so viel war sicher; wer in den
vordersten Reihen eines Stoßkeils kämpfte, hatte keine
Überlebenschance. Es tat ihr Leid um Braint, die hinter ihrer
rechten Schulter in der zweiten Reihe war. Caradoc hatte den Platz
auf ihrer Linken eingenommen, und wieder schloss sich die Tür, die
offen gestanden hatte. Sie brauchte das Kriegerhorn jetzt
eigentlich nicht mehr, außer um Trotz und Herausforderung zu
signalisieren, was Grund genug war. Sie riss die
Schlangenspeer-Klinge hoch, die das Geschenk ihres Vaters gewesen
war, hob das Horn an die Lippen und blies so kräftig hinein, dass
das Schmettern die Truppe regelrecht elektrisierte und sie alle
geschlossen vorwärts stürmen ließ, wie eine Hundemeute, die von der
Leine gelassen wird, um dem Wild nachzujagen, oder wie Pferde,
denen man freien Lauf lässt. Das Einzige, was Breaca bedauerte, als
die Masse des Keils hinter ihr an Tempo zulegte, war, dass sie
keine Zeit mehr gehabt hatte, um ihr eigenes Zeichen in den Buckel
des geliehenen Schildes einzuritzen.
Im Lager der Träumer erschallte ein
kontrastierendes Horn mit höheren Tönen und melodischeren Klängen
als dasjenige, in das sie gerade gestoßen hatte. Die Sonne brach
durch eine Lücke in den Wolken und tauchte das Schlachtfeld in
gleißendes Licht. Der Morgen erwachte schlagartig zum Leben,
erfüllt von Farben und Geräuschen. Wie auf ein unhörbares Kommando
hin warfen die Krieger der Ehrengarde urplötzlich ihre Schilde
nieder und schoben ihre Schwerter in die Scheiden zurück.
Diejenigen an den Rändern der Gruppe ließen sich auf ein Knie
fallen. Diejenigen in der Mitte bewegten sich so geschmeidig und
lautlos zur Seite wie ein gut geöltes Tor, und auch sie knieten
nieder. Hinter ihnen standen die Tore zur Siedlung offen, und dort
warteten die Reihen der Träumer, in festliche Gewänder gekleidet.
Vor ihnen, lebendig und unversehrt, stand Venutios. Sein Schild war
eisengrau und mit Rot markiert, der Farbe frisch vergossenen
Blutes. Das Symbol, das auf den Schildbuckel aufgemalt war, noch
nass, so dass die Ränder verliefen, war der Schlangenspeer.
Talla trat vor, um die Anführerin des
Kriegerstoßkeils zu begrüßen, die abrupt anhielt, zitternd und
bebend, ähnlich wie ein Wurfspeer, wenn sich seine Spitze in den
Stamm einer Eiche bohrt.
»Willkommen, ranghöchste Kriegerin von Mona!«
Die Stimme der Ratsältesten war dünn und so trocken
wie ein Herbstblatt. Ihre Augen und ihr Lächeln glichen so sehr dem
der älteren Großmutter, dass Breaca drauf und dran war, in Tränen
auszubrechen, und das mitten auf dem Schlachtfeld, was
unverzeihlich wäre, aber unvermeidlich sein könnte, wenn sie das
ungestüme Feuer in ihrem Inneren nicht löschen oder zumindest
dämpfen konnte.
Erschüttert schob sie das Schlangenspeer-Schwert in
die Scheide zurück und bemerkte erst jetzt, dass die Narbe in ihrer
Handfläche diesmal nicht pulsiert hatte, so wie sonst, wenn ein
Entscheidungskampf bevorstand. Die Kriegerinnen und Krieger der
Keilformation scharten sich um sie und gelobten ihr bedingungslose
Treue. Auch Caradoc war da, der ihr bereits den Kriegereid
geschworen hatte. Braint und Cumal gesellten sich zu ihm.
Gwyddhien trat aus der dritten Reihe der
Keilformation heraus und spreizte die Hände, wie jemand, der einen
harten Wettkampf um Haaresbreite verloren hat. Ihr Lächeln war
aufrichtig, ohne eine Spur von Groll oder Missgunst. »Du hast das
Horn genommen und zum Angriff geblasen, als kein anderer den Mut
dazu hatte«, sagte sie. »Ich hätte in dem Moment bereitwillig mein
Leben für dich hingegeben.«
Talla nickte. Breaca blickte an der Ratsältesten
vorbei. Airmid stand gleich hinter Venutios, und von Verrat konnte
keine Rede mehr sein, nur von Fürsorge und einer überwältigenden
Liebe. Sie trug die mit Korallen verzierte Silberbrosche, die sie
gerade bei einer Wette gewonnen hatte, und sie weinte, was
herzzerreißend war, aber nicht weiter schlimm; einer Träumerin
konnte man Tränen auf dem Schlachtfeld durchaus verzeihen, einer
Kriegerin hingegen nicht. Da Breaca sich noch immer nicht so recht
zu sprechen getraute, aus Angst davor, doch noch die Fassung zu
verlieren, und da die Fragen zu schwierig waren, fragte sie nur:
»Ardacos?«
»Er ist am Leben«, antwortete Airmid. »Er wird
gerade versorgt, so wie auch die anderen Verwundeten. Ich soll dir
von ihm ausrichten, dass dies erst der Anfang ist. Er wird deiner
Ehrengarde beitreten, wenn er wieder gesund ist, falls du ihn
brauchst.«
»Ich werde ihn immer brauchen. Er trägt die Seele
der Ahnen in sich.« Ein plötzliches Aufleuchten von Gelb erregte
ihre Aufmerksamkeit, als ein Umhang in der Brise flatterte.
Inmitten des ganzen Tumults und der Aufregung stand Gunovic und
wartete, so ruhig und unerschütterlich wie ein Fels in der
Brandung, neben ihm Cerin, deren bloße Anwesenheit eine Erinnerung
an den Tod des Sonnenhunds war.
Auch ohne sich umzudrehen wusste Breaca, dass
Caradoc den Hinweis gesehen und seine Entscheidung getroffen hatte.
Und sie spürte ebenso deutlich wie er, dass seine Entscheidung die
richtige war. Zu ihm und zu Airmid, zu Braint und zu Gwyddhien und
zu jedem anderen, der zuhörte, sagte sie: »In Anbetracht dessen,
was kommen wird, werden wir euch alle brauchen, ganz gleich, auf
welche Weise ihr dienen wollt.«
Die Fähre stieß gegen die Eichenpfosten des
Anlegers und zerrte mit sanfter Beharrlichkeit an ihrer Vertäuung.
Zwei Pferde standen bereit, gehalten von einem in den weißen Umhang
der Ordovizer gehüllten Krieger, der die letzte Fähre des Abends
genommen hatte, um eine dringende vertrauliche Nachricht zu
überbringen. Breaca saß auf einem Felsen, eine Speerwurflänge
entfernt, nicht ganz außer Sichtweite. In all der Hektik und der
Aufregung um die Ernennung der neuen ranghöchsten Kriegerin, die
Vereidigung der Ehrengarde und die Vorbereitungen für die
Delegation, die zu der Bestattungsfeier des Sonnenhunds geschickt
werden sollte, tat es gut, Hail mitzunehmen und für eine Weile
fortzugehen, um allein zu sein. Die Abendsonne wärmte ihren Rücken,
und die Beeren hingen reif von der Eberesche herab. Die
Wassermassen der Meerenge wogten sanft gegen den Fels zu ihren
Füßen. Wild wuchernde Weidenröschen verstreuten ihre Blütenblätter
auf der Wasseroberfläche. Wenn Breaca die Augen zu Schlitzen
verengte und auf das Wasser blickte - so wie jetzt -, bildeten die
Strömung, die verstreuten Blütenblätter und das Spiegelbild der
Ebereschenbeeren die Form eines Speeres, geschleudert
gegen...
»Störe ich?«
»Nein. Ich habe auf dich gewartet.« Sie öffnete die
Augen wieder. Caradoc stand ein paar Schritte von ihr entfernt,
reisefertig. Sein Umhang war von dem Weiß der Ordovizer, so wie der
des Kuriers, der auf dem Fähranleger wartete. Caradoc wirkte
angespannt, ebenso angespannt und verkrampft, wie Venutios es
gewesen war, ein Mann, der eine neue Bürde zu tragen hatte. Er
hatte zwar kein Wort über die Natur der Nachricht verlauten lassen,
die ihn fortrief, aber Breaca konnte sie erraten.
»Du reist zur Beisetzung deines Vaters?«, fragte
sie. »Wollen die Ordovizer, dass du ihre Delegation
anführst?«
Er nickte. »Ja, aber nicht sofort. Zuerst muss ich
mich noch um etwas anderes kümmern.« Der Kurier auf dem Anleger
wandte ihnen den Rücken zu, um sie nicht zu stören. Die
Dringlichkeit der Lage zeigte sich aber dennoch in der Art, wie er
dastand. Die Pferde tänzelten unruhig auf der Stelle, so dass ihr
Geschirr in der Sonne aufblitzte. Caradoc blinzelte, geblendet von
der plötzlichen Helligkeit. »Breaca, ich...«
»Du musst jetzt gehen, ich weiß. Wir scheinen uns
immer an irgendwelchen Flussufern trennen zu müssen.« Sie lächelte.
In all dem Chaos gab es doch einige Dinge, die einfach waren und
wunderschön. »Vielleicht können wir das ja irgendwann mal
korrigieren.«
Es war der Schmerz in seinen Augen, der sie warnte.
Er war mehr als nur angespannt; er wirkte fast wieder so verstört
und aus dem Gleichgewicht geworfen wie damals in den Eceni-Ländern,
als sie am Tor zu den Pferdekoppeln gestanden hatten und sie sich
geweigert hatte, ihre Brosche von ihm anzunehmen. Sie blickte ihm
forschend ins Gesicht, suchte nach einem Grund und fand ihn doch
nicht. Verwirrt fragte sie: »Habe ich mich so sehr verändert? Ich
bin zwar jetzt ranghöchste Kriegerin, aber das habe ich wohl eher
dem Zufall zu verdanken. Du hättest das Horn ebenfalls holen
können, oder Gwyddhien hätte es tun können - sogar Braint, die das
Zeug dazu hatte, blitzschnell zu schalten und loszurennen -, dann
wäre ich jetzt in der Ehrengarde und würde einem von
ihnen Treue schwören. Oder dir, wenn du bereit gewesen
wärst, die Ordovizer zu Gunsten von Mona aufzugeben.«
Er war aber nicht dazu bereit gewesen; von allen,
die einen schwarzen Kieselstein gefunden und die Prüfungen überlebt
hatten, war er der Einzige, der ihrer Ehrengarde nicht beigetreten
war. Sie hatte dies nicht bedauert; vor ihrem geistigen Auge konnte
sie bereits die Form eines Schlachtfelds sehen und die Speerkämpfer
der Ordovizer, die eine massive, unüberwindliche Mauer zur Linken
bildeten. Das Einzige, was noch fraglich war, waren die Namen und
die Anzahl der Feinde und der genaue Zeitpunkt der Schlacht, aber
das alles war die Zukunft. Die Gegenwart war Caradoc, der verstört
und unglücklich war und sie jetzt in einer Mischung aus
Ungläubigkeit und einer gefährlichen, nur mühsam beherrschten
Ausgelassenheit anstarrte, als ob er jeden Moment zu lachen
anfangen könnte und nie wieder aufhören würde.
»Was ist denn?«, fragte sie.
Er musterte sie forschend mit seinen klaren grauen
Augen. »Weißt du wirklich nicht, was du getan hast?«, fragte
er.
»Ich habe zwei Jahre Ausbildung auf Mona in den
Wind geschlagen und mir erlaubt, so wütend zu werden, dass mein
Zorn meine Vernunft besiegte. Wenn Maroc wüsste, wie leicht es mir
gefallen ist, mich über all das hinwegzusetzen, was er uns gelehrt
hat, wäre er entsetzt. Was ich getan habe, war wirklich nichts
Besonderes. Wenn Gunovic mir noch ein einziges Mal sagt, wie stolz
mein Vater auf mich wäre, springe ich ihm an die Gurgel!«
Caradoc zog eine Braue hoch. Er fand allmählich
seine Selbstbeherrschung wieder. Beide waren froh darüber. »Wäre er
denn nicht stolz auf dich?«
Breaca schnitt eine Grimasse. »Die Toten sind den
Lebenden gegenüber im Vorteil; sie können die Wahrheit der Dinge
erkennen. Eburovic würde sich, glaube ich, mehr Sorgen darüber
machen, dass ich mich nicht dazu verleiten lasse, überheblich zu
werden.«
»Das wirst du ganz bestimmt nicht, so wie ich dich
kenne.« Er stellte einen Fuß auf den Felsblock und stützte den
Ellenbogen auf sein Knie, während er für einen Moment in
nachdenkliches Schweigen versank. Als er wieder aufblickte, fragte
er: »Als du dich mit Gwyddhien gestritten hast, nachdem Ardacos
verwundet worden war, und dann den Hügel hinuntergerannt bist -
warum, meinst du, bin ich dir da gefolgt?«
»Weil du durch den Kriegereid an mich gebunden
warst. Du hattest gar keine andere Wahl.«
»Nein. Ich habe es deshalb getan, weil das, was du
vorhattest, so ganz eindeutig das Richtige war. Ich hätte mich
Gwyddhien und Venutios nicht widersetzt, aber als du es getan hast,
musste ich dir einfach folgen, das war das Mindeste, was ich tun
konnte. Es war das Gleiche, als du dich so mutig dem Nebel der
Träumer gestellt hast und den Beschluss fasstest, zu kämpfen. Für
dich mag das zwar nichts Besonderes gewesen sein, aber von uns
Übrigen wäre keiner dazu fähig gewesen. Ich habe mich in meinem
ganzen Leben noch nie so hilflos gefühlt wie in jenem Moment.
Selbst an Deck der Greylag, als sie auseinander brach und
sank, wusste ich, wenn ich nur weit genug von dem Wrack
fortspringen und schwimmen könnte, würde ich eine gute
Überlebenschance haben. In jener Nacht war die Macht der Götter
überall, und ich glaubte nicht, dass ich sterben würde. In der
vergangenen Nacht jedoch waren die Götter nirgendwo, und ich war
wie gelähmt vor Furcht. Ich konnte auf Ardacos aufpassen und dort
die Stellung halten, ich konnte den linken Flügel der Truppe bei
unserem Vormarsch anführen, aber ich hätte mich nicht dem Nebel
stellen und dazu durchringen können, zu kämpfen, und ich bin auch
nicht losgerannt, um das Kriegerhorn zu holen.«
»Aber ich bin überhaupt nicht wie Venutios. Ich
verbreite nicht den Frieden und die innere Ruhe des
Oberbefehlshabers, so wie er es immer getan hat.« Diese Sorge hatte
schon seit dem Morgen an ihrer Seele genagt. Sie hatte sie vor
Gunovics zu Tränen rührender Freude verborgen, vor Marocs wissendem
Lächeln, sogar vor Airmid. Jetzt konnte sie sie nicht mehr
verbergen, nicht vor dem einen, der dabei gewesen war, dem sie ihre
Furcht begreiflich machen musste.
Er ging behutsam mit ihr um, so wie ein Mann mit
einem Kind, wenn er es zum allerersten Mal auf ein Pferd setzt.
»Breaca, du brauchst nicht den Frieden zu verbreiten. Was du
verbreitest, ist etwas ganz anderes. Wenn du den Sängern aufmerksam
zuhörst, wirst du feststellen, dass jeder von denjenigen, die
auserwählt wurden, sich durch eine andere Eigenschaft ausgezeichnet
hat - eine ganz spezielle Eigenschaft, die seiner Amtszeit als
Anführer eine besondere Qualität verliehen hat. Venutios war
der Friede. Er war ein Teil von ihm; er konnte ihn ohne jede Mühe
verbreiten, einfach nur durch seine Existenz. Du könntest das
nicht, selbst dann nicht, wenn du es versuchen würdest.«
»Aber was werde ich dann mit mir herumtragen? Zorn?
Ist es das, was Mona will? Was Mona braucht? Glaubst du das
wirklich? Zorn ist nämlich das, was ich empfunden habe, als wir von
dem Nebel der Träumer umzingelt wurden.«
»Wirklich? Ich glaube nicht. Zu Anfang mag es
vielleicht so gewesen sein, aber es war nicht das, was wir anderen
in dir gesehen haben. Was hast du wirklich gefühlt, als du das Horn
geblasen hast, um uns zu dem Stoßkeil zu formieren? Erzähl mir
nicht, dass es Zorn war. Das kaufe ich dir nicht ab.«
Sie hätte es so darstellen können; es war leicht,
das zu behaupten, wenn auch unwahr. Sie überlegte eine Weile,
während sie im Geist noch einmal das laute Schmettern des Horns
hörte und den reinen, unverfälschten, erhebenden Augenblick danach
Revue passieren ließ. Schließlich sagte sie: »Ich habe das Gleiche
empfunden wie damals, kurz bevor ich Venutios’ Klinge zerbrach - so
wie sich jeder von uns fühlt, wenn wir einen Speer schleudern und
er pfeilgerade fliegt und wir diesen einen Moment erleben, kurz
bevor er die Zielscheibe trifft, in dem wir mit absoluter
Sicherheit wissen, dass er genau ins Schwarze treffen wird. Es ist
die Kampffreude, die einen packt, bevor das Töten anfängt und die
Schreie der Verwundeten ertönen. Sie brennt alles andere nieder,
wie ein wildes Feuer, und nichts kann dieses Feuer
aufhalten.«
»Genau, das ist es.« Caradoc war ernst und
eindringlich, auf eine Art und Weise, wie sie ihn nur selten zuvor
gesehen hatte. »Du trägst dieses wilde Feuer in dir, diese
Kampffreude und Begeisterung, die sich auf alle um dich herum
überträgt und die gesamte Truppe mitreißt; du glühst förmlich vor
Leidenschaft. Als du dich in dem Nebel der Träumer behauptet hast,
war es, als ob jemand eine Pechfackel angezündet und sie uns in die
Augen gestoßen hätte. Als du die Keilformation angeführt hast,
hättest du geradewegs aus der Schmiede der Sonne stammen können, so
hell hast du gebrannt. Gwyddhien war nicht die Einzige, die in dem
Moment bereitwillig für dich gestorben wäre, aber wir sind dir
nicht in dem Glauben gefolgt, dass wir sterben würden - wir teilten
deine Kampffreude, dein Gefühl der Überzeugung. Frag jeden in der
Keilformation - wir waren überzeugt davon, dass wir die alte
Ehrengarde schlagen und den Kampf überleben könnten.«
»In den vordersten Reihen einer Keilformation
überlebt keiner.«
»Aber wir glaubten, dass wir es schaffen würden,
und das war für uns Ansporn genug, um es zu versuchen.« Er sagte
dies nicht aus Mitleid oder aus dem Bedürfnis heraus, sich bei ihr
einzuschmeicheln. In seiner Stimme schwang keinerlei Ironie mit,
die seinen Worten etwas von ihrer Ernsthaftigkeit hätte nehmen
können. Er bot ihr seine Aufrichtigkeit als Geschenk an, und seine
Augen waren von einem Leuchten erfüllt, das Breaca sagte, dass er
fest an sie glaubte, wenn auch an nichts anderes. Er beugte sich zu
ihr vor, kam ihr so nahe, dass sie ihn hätte berühren können. Der
Wind und die Abendsonne waren in ihrem Rücken. Ihr Haar wurde nach
vorn geweht und fiel über das seine - kupferrote Strähnen, die sich
über weizenblonde legten -, und die Sonne schmiedete sie
zusammen.
Da fiel Breaca die Entscheidung plötzlich leicht
und sie ergriff Caradocs Hand. »Du hast eine Brosche, die ich dir
einmal zum Geschenk gemacht habe«, sagte sie. »Vielleicht ist es
jetzt an der Zeit...«
Sie hielt abrupt inne. Das Feuer in seinen Augen
war erloschen. Die Anspannung, die sie zuvor an ihm gesehen hatte,
kehrte zurück, um ein Vielfaches verstärkt. Vielleicht war es
Zufall, vielleicht auch Absicht, dass der Kurier auf dem Anleger in
diesem Moment die Pferde bewegte, so dass ihr Geschirr klirrte in
einer deutlichen und unüberhörbaren Ermahnung daran, dass Eile
geboten war.
Caradoc war nicht der Typ, der den bequemen Weg
nahm, selbst wenn er sich ihm anbot. Ohne sich um die Unterbrechung
zu kümmern, sagte er: »Ich kann nicht, nicht jetzt. Es tut mir
Leid, ehrlich. Wenn ich gewusst hätte, dass die Chance bestehen
würde, dass du...«
Jedes Mal, wenn sie glaubte, ihn genau zu kennen,
kamen weitere überraschende Dinge zu Tage. Mit dieser Enthüllung
hier hätte sie allerdings rechnen müssen. »Du hast eine andere?«,
fragte sie. »Ein Mädchen von den Ordovizern?«
»Ja.«
Seine Hand lag noch immer in der ihren, plötzlich
kalt und unnatürlich weiß. Breaca drückte sie sanft und zwang sich
zu lächeln. »Sie kann sich glücklich schätzen. Ich wünsche euch
alles Gute und viel Glück. Aber wir beide, du und ich, sind noch
immer durch unseren Eid verbunden, nicht wahr?«
»Ja.«
»Dann wird das genügen. So viel zumindest habe ich
von Airmid gelernt: Geliebte mögen kommen und gehen, aber der
Treueeid, der eine Kriegerin an ihre Träumerin bindet - oder an
einen anderen Krieger -, der hält ein ganzes Leben lang. Komm
jetzt.« Sie richtete sich wieder auf, entzog ihm behutsam ihre Hand
und drehte ihn an den Schultern herum. »Die Fährleute warten schon,
und es gehört sich nicht, sie noch länger warten zu lassen. Geh
jetzt. Wir sehen uns bei der Bestattung deines Vaters wieder, und
dann werden wir überlegen, was getan werden kann, um das Gift, das
Amminios ist, unschädlich zu machen. Das ist die Sache, die am
allerwichtigsten ist.«
Als sie dies sagte, konnte sie ihren Worten sogar
Glauben schenken.