XIII
Das Wetter war nicht gut. Ein leichter Regen
setzte ein, kurz nachdem Breaca und die anderen sich unter dem
Türsturz der Münzschmiede hindurchgeduckt hatten. Hinter ihnen fiel
der Türvorhang sogleich wieder herab und hielt so die Wärme des
Feuers zurück. Bán führte die rotbraune Stute unter das schützende
Blätterdach einer uralten, von einem Blitzschlag getroffenen Eiche
und zog das Hengstfohlen hinter sich her. Kurz danach gesellte sich
der Pferdebursche zu ihnen und hockte sich am Rand des Pfades
nieder, wo der Boden am wenigsten schlammig war und seine Tunika
keine Schmutzflecken bekommen würde. So saßen sie eine Weile
schweigend da. Bán dachte an seinen neuen Jagdhundwelpen und daran,
was er mit ihm anfangen könnte. Die kleine Hündin war etwas ganz
Besonderes; eine Belohnung, die die Strapazen des fünftägigen Ritts
mehr als wert war, greifbarer als der Ausdruck in Amminios’ Augen,
als er die rotbraune Stute gesehen hatte, und deshalb noch
wertvoller.
Bán hatte auch die Hündin gesehen, die das
Muttertier war, und das war sehr gut, denn auf diese Weise hatte er
einen Eindruck davon bekommen, zu welch prächtigem Tier sich sein
Welpe entwickeln würde. Es war am Morgen geschehen, kurz nach ihrer
Ankunft in der Residenz. Sie waren gerade auf dem Weg zu dem Großen
Versammlungshaus gewesen, als Caradoc ihn beiseite genommen und ihm
den Welpen gegeben hatte. Er hatte dabei auf eine Hütte aus
Weidengeflecht gezeigt und Bán erklärt, dass dort
höchstwahrscheinlich das Muttertier gehalten würde. Und er hatte
Recht gehabt; die Jagdhündin lag im Inneren auf einem Bett aus
sauberem Stroh, umgeben von ihren Jungen, die um sie herumtapsten
und spielerisch miteinander rauften. Sie war eine schon etwas
betagtere Hündin, aber noch nicht zu alt, und ihre Milch floss
reichlich. Als Bán seinen Welpen zu den anderen in das Stroh
zurücklegte, hatte sich das winzige Tier sofort zurechtgefunden und
sich zielstrebig einen Weg zwischen seinen Wurfgeschwistern
hindurchgebahnt, um an die mütterlichen Zitzen zu gelangen. Sie
ähnelten einander sehr, Muttertier und Welpe: Beide hatten die
Farbe alten Schiefers, mit vereinzelten weißen Haaren an den
Flanken und einem weißen Fleck auf der Brust. Der Kopf war robust
geformt und breit, die Ohren gut ausgebildet und symmetrisch. Die
Hündin hatte ein raues, vor spitzen Dornen schützendes Fell, und
auch bei dem Welpen waren bereits die ersten Anzeichen davon in den
Borsten um seine Schnauze herum zu erkennen. Die kleine Hündin war
nicht Hail, aber sie würde eine ausgezeichnete Zuchthündin für
später sein, weitaus besser als die scheckige junge Hündin, die Bán
damals auf dem Pferdemarkt erworben hatte. Sie hatte sich zwar als
gute Jagdhündin erwiesen, aber als unfruchtbar für den Rüden. Bán
hatte seinen Welpen gerade wieder hochheben wollen, um ihm ins Maul
zu sehen und zu überprüfen, ob sein Gebiss vollständig war, als
plötzlich die Tür der Hütte aufgegangen war. Die Hündin hatte den
Kopf gehoben und freudig wedelnd mit dem Schwanz auf den Boden
geklopft.
Bán drehte sich um, um zu sehen, wer da gekommen
war. Die Frau, die auf der Türschwelle stand, hatte erst kürzlich
ein Kind zur Welt gebracht, doch sie war schon wieder schlank und
hielt sich sehr aufrecht. Sie hatte schwarzes Haar, das ihr bis
weit über die Schultern reichte, und große eichenbraune Augen. Ihr
Haar war auf eine Weise geflochten, die Bán nicht kannte, sie trug
an drei Fingern Ringe, und der Schnitt ihrer Tunika ließ die weiße
Haut ihrer Schultern sehen. Es war das erste Mal, dass Bán eine
Frau sah, die nicht zu den Eceni gehörte, wenn man einmal von
Arosteds Tochter absah, und er gab sich große Mühe, sie nicht
neugierig anzustarren. Sie kam herein, hockte sich am Kopf der
Hündin nieder und sprach liebevoll mit ihr, so wie er mit Hail
sprechen würde.
»Ich habe den Welpen wieder zurückgebracht«, sagte
Bán, weil er das Gefühl hatte, seine Anwesenheit erklären zu
müssen.
»Ich weiß.« Ihre Stimme war sanft und floss so
weich und wohltönend über ihn hinweg, wie es auch Airmids Stimme
tat. Der Welpe war beim Trinken eingeschlafen und lag jetzt ganz
still da, seine Schnauze noch immer gegen die Zitze des Muttertiers
gedrückt, während weiße Milch aus seinem Mundwinkel tropfte. Die
Frau griff in das Stroh und hob ihn hoch. Das kleine Tierchen wand
sich träge unter ihrer Berührung, wachte aber nicht auf; ein
Zeichen für gute Behandlung.
»Du bist von den Eceni?«, fragte sie. »Der Junge
mit der rotbraunen Stute?«
»Ja.« Wenn das eine Bezeichnung für ihn war, dann
war es eine gute. Mit etwas Glück würde auch Amminios sie gehört
haben.
»Togodubnos hat mir von dir erzählt. Er sagte, du
hättest bereits einen guten Jagdhund.«
»Danke. Ja, den habe ich. Aber wir brauchen noch
eine gute Zuchthündin, die zu ihm passt.«
»Natürlich. Man braucht immer eine gute Zuchthündin
für den Rüden. Sie muss nicht immer zugleich auch gut im Jagen
sein.« Ihr Lächeln war angespannt und ließ ebenmäßige weiße Zähne
erkennen. Wäre sie eine Eceni gewesen, hätte Bán geglaubt, Ironie
in ihrer Antwort mitschwingen zu hören und darunter Spuren von
anderen, bittereren Empfindungen, aber sie war eine Trinovanterin,
und deshalb war er sich nicht sicher. Er sagte nichts, und der
Augenblick ging vorüber.
Die kleine Hündin wurde sanft zum Aufwachen
überredet. Sie stand am Rand des Strohlagers und blinzelte
verschlafen. Eines ihrer Geschwister fasste dies als Provokation
auf und fiel knurrend über sie her. Sie schüttelte ihre
Schläfrigkeit ab und setzte sich mit löblichem Mut gegen ihren
Angreifer zur Wehr. Schließlich ließen die beiden wieder
voneinander ab und tappten davon, um andere zu finden, mit denen
sie raufen konnten.
»Sie ist ein guter Welpe«, sagte Bán. »Stärker als
die anderen.«
»Sie ist die beste, die ich jemals gezüchtet habe.
Sag Caradoc das. Und gib ihm das hier zurück...« Die junge Frau
streckte den Arm aus und zog einen Reif von ihrem Oberarm ab. Sie
hielt ihn Bán hin und sagte: »Richte ihm meinen herzlichen Dank
aus. Sag ihm, dass ich auf keinen Fall respektlos sein will, aber
es gibt zu viele, die es bemerken werden, wenn er den Reif nicht
mehr trägt, und ebenso viele, die wissen werden, von wem er stammt,
wenn sie ihn an meinem Arm sehen.«
Der Armreif war das Gegenstück zu demjenigen, den
Bán oberhalb seines Ellenbogens trug. Sein Vater hatte drei seiner
eigenen Reifen eingeschmolzen und noch etliche andere, die er unter
den Eceni-Kriegern gesammelt hatte, um genügend Bronze zu haben,
damit er einen einzelnen, schlichten Reif für die Mitglieder seiner
Familie und für jeden seiner Gäste schmieden konnte. Er war etwas,
das sie verbinden sollte, greifbarer noch als die Qualität der
Pferde, und die Seeleute hatten die Armreifen als Abzeichen
angenommen, um sie mit Stolz zu tragen. Bán hätte nicht gedacht,
dass sie einmal als Tauschobjekt benützt werden könnten oder dass
einer dieser Reifen für sich allein zu einer Nachricht werden
könnte. Er nahm den Bronzereif entgegen und schob ihn über seinen
rechten Arm, der schmucklos war.
»Caradoc soll ihn haben«, erwiderte er. Er brauchte
nicht noch hinzuzufügen, dass er die Übergabe heimlich vornehmen
würde. Das zumindest war offensichtlich, und auch die Tatsache,
dass die Frau darauf vertraute, dass er seine Sache gut machen
würde. Bán war sich seiner Verantwortung sehr wohl bewusst, doch es
war eine Last, die er mit Stolz trug.
Es war ihm gelungen, den Armreifen zurückzugeben,
als sich die Krieger und die Seeleute vor Beginn des Festmahls um
den Misthaufen gedrängt hatten, um ihre Notdurft zu verrichten. Bán
hatte sich zu ihnen gesellt und war zwischen Curaunios, den
Schiffsmaat, und Caradoc geschlüpft, und in all dem Gewirbel von
Umhängen und Tuniken war es ein Kinderspiel gewesen, den Armreif
unauffällig an seinen früheren Besitzer zurückzugeben. Caradocs
Grinsen, sein anerkennender Schlag auf die Schulter und die Wärme
ihres gemeinsamen Geheimnisses hatten Bán geholfen, das langweilige
Festmahl durchzustehen. Ihm kam allmählich zum Bewusstsein, dass er
Caradoc sehr mochte und dass seine Anerkennung mehr wert war als
die der meisten anderen Männer. Er hatte davon zu träumen begonnen,
in den Westen zu reisen, in das Land der Ordovizer, dort die
Kriegerprüfungen abzulegen - nachdem er die der Eceni bestanden
hatte - und sich dann durch den Treueeid an Caradoc zu binden, so
wie Breaca es getan hatte. Der Umstand, dass Caradoc ihm den
wertvollen Welpen geschenkt hatte, war ein erster Schritt in diese
Richtung, und das hatte Bán ganz kribbelig vor Aufregung gemacht,
eine freudige Erregung, die auch der Regen nicht dämpfen
konnte.
Er dachte gerade über seine Reise in den Westen
nach, als der Schmied aus der Werkstatt herauskam. Der Mann war
eindeutig krank; seine Haut hatte die Farbe von altem Talg, und
seine Augen hatten den starren, leeren Blick eines in die Enge
getriebenen Rehs, aber er war weder für Báns Angebot, ihm zu
helfen, empfänglich, noch schien er bereit zu sein, dazubleiben und
über das zu sprechen, was im Inneren der Schmiede vorgefallen war.
Als der Pferdebursche ihn beim Namen rief, zuckte der Schmied
zusammen, als ob er geschlagen worden wäre, und rannte dann wie
gehetzt davon, um zwischen der Ansammlung kleiner, weniger
ordentlicher Werkstätten zu verschwinden, die den Pfad säumten. Bán
dachte über die verschiedenen Möglichkeiten nach, während er dem
Mann nachblickte, und beschloss, zur Tat zu schreiten.
»Hier.« Er glitt vom Rücken der Stute und drückte
dem Pferdeburschen die Zügel in die Hand. »Ich gehe hinein. Es
könnte sein, dass Breaca und Caradoc Hilfe brauchen.«
Der Junge starrte ihn verständnislos an. Bán sagte
es noch einmal, zeigte dabei auf die Schmiede und machte einen
Schritt in Richtung Tür. Plötzlich stürzte sich der Junge auf ihn,
packte mit beiden Händen seine Tunika und zerrte ihn zurück,
während er in einem hektischen, unverständlichen Dialekt brabbelte.
Seine Worte ergaben nicht viel Sinn, seine Gesten dafür aber umso
mehr. Einer von ihnen, oder auch beide würden sterben, wenn Bán es
wagen sollte, den Türvorhang beiseite zu schieben.
»Das stimmt doch gar nicht.« Bán löste die Finger
von seinem Unterarm, die ihn mit schraubstockartigem Griff
umklammert hielten. Einige der Worte des Jungen hatten gallisch
geklungen, und deshalb sagte Bán in derselben Sprache: »Ich bin
hier Gast. Ich kann gehen, wohin ich will.«
»Nein.« Die Möglichkeit gegenseitiger Verständigung
schien den Jungen zu beruhigen. Die panische Angst in seinen Augen
verblasste ein klein wenig. In gestelztem Gallisch erwiderte er:
»Der Sonnenhund wird das nicht erlauben. Du darfst unter keinen
Umständen hineingehen.«
»Meine Schwester ist dort drinnen, und mein Freund.
Vielleicht stecken sie in Schwierigkeiten. Es ist meine Pflicht,
ihnen zu helfen.«
»Nein.« Der Junge konnte nicht älter als acht Jahre
alt sein, aber er war ziemlich grimmig für sein Alter. Seine Finger
packten mit der Kraft eines sehr viel älteren Mannes zu, und er
hatte einen entschlossenen Zug um den Mund. »Außer dem Schmied war
sonst niemand in der Schmiede, als wir gekommen sind. Wenn er
fortgeschickt worden ist, dann nur deshalb, weil sie allein sein
möchten.«
»Du meinst wohl, Cunobelin will mit ihnen allein
sein.«
»Das ist das Gleiche.« Der Junge war flachsblond,
noch heller als Caradoc oder einer der Seeleute aus dem südlichen
Gallien, und seine Augen waren von einem ungewöhnlich strahlenden,
lebendigen Blau. Er lächelte zögernd, als wollte er Bán Trost
spenden. »Deine Schwester ist bewaffnet und dein Freund ebenfalls.
Wenn es Ärger gibt, wirst du das hier draußen hören. Außerdem ist
der junge Herr ein Krieger, wie es keinen Zweiten gibt. Selbst sein
Vater würde ihn nicht angreifen, ohne andere Krieger zu seiner
Unterstützung dabei zu haben.«
Das stimmte. Bán hatte ganz vergessen, dass
Caradocs Ruf ihm bereits vorausgeeilt war, besonders hierher. Er
entspannte sich wieder, und nach einem Moment beruhigte sich auch
der Junge und zog seine Hand zurück. »Wir werden hier draußen
warten«, sagte er. Er setzte sich ins Gras zu Füßen von Cunobelins
Pferd und zog Bán zu sich herunter. »Übrigens, ich heiße Iccius.
Mein Volk sind die Belgaer. Und du bist Eceni?«
»Ja.« Bán schob sich unter den Bauch der rotbraunen
Stute, um dort Schutz vor dem Regen zu suchen. »Ich bin Bán mac
Eburovic, auch bekannt als Bán Hasenjäger.« Seine bronzene
Gürtelschnalle war in Form eines rennenden Hasen gegossen. Die
ältere Großmutter hatte sie für ihn angefertigt. Er löste seinen
Gürtel, um dem Jungen die Schnalle zu zeigen.
Iccius bewunderte sie schüchtern. »Und diese Stute,
gehört sie dir?« Die Frage wurde zögernd vorgebracht, als ob die
bloße Vorstellung, dass ein Kind ein solch prachtvolles und
wertvolles Pferd besitzen könnte, schon lächerlich wäre.
»Ja. Sie war Luains Gastgeschenk an meinen Vater,
nachdem die Greylag auf Grund gelaufen war. Eburovic hat sie
dann an mich weitergegeben.«
Es war eine lange Geschichte, und sie musste von
Anfang an erzählt werden, mit zahlreichen Unterbrechungen für
Iccius’ interessierte Fragen. Der Regen prasselte immer heftiger
vom Himmel, und beide Jungen wichen noch weiter unter die
schützenden Bäuche der Pferde zurück. Dennoch waren sie völlig
durchnässt, als Bán seine Geschichte beendet hatte, und die Pferde
desgleichen. Regen lief in einem kontinuierlichen Strom an den
Sprunggelenken der Stute herab. Er tropfte von ihrem Bauch und
ergoss sich in Strömen auf Báns Haar und Schultern. Er wischte sich
das Wasser aus den Augen und dachte dabei an das Wohl seiner Stute,
seines Sattelzeugs und seines neuen Freundes, und zwar in genau
dieser Reihenfolge. Er beugte sich zu dem belgischen Jungen hinüber
und tippte ihm auf die Schulter.
»Wie weit ist es bis zu den Ställen?« fragte er.
»Wir sollten die Pferde ins Trockene bringen, bevor die Sättel
völlig ruiniert sind.«
Der Junge keuchte erschrocken auf. »Nein! Wir...
ich darf nicht von hier weggehen.« Er wies auf die Schmiede.
»Noch nicht einmal dann, wenn ich dich bitten
würde, mich zu den Ställen zu bringen? Ich bin hier Gast und kenne
mich nicht aus, ich könnte mich verirren. Ist es nicht deine
Pflicht, mich dort hinzuführen?« Im Land der Eceni wäre es so
gewesen, aber andererseits hätte man im Land der Eceni auch kein
Kind stundenlang draußen im Regen stehen lassen, damit es auf die
Pferde eines anderen Mannes aufpasste.
»Nein«, erwiderte Iccius nachdrücklich. »Aber du
kannst ruhig gehen. Ich kann dir den Weg beschreiben.«
Bán kannte den Weg, darum war es ihm gar nicht
gegangen. Er kaute auf seiner Unterlippe, während er über die
Alternativen nachdachte. Donner grollte hoch oben am Himmel, und
die Stute seufzte und verlagerte ihr Gewicht auf ihre andere Hüfte.
Gelegentlich sprachen die Götter auf eine Art und Weise, die sogar
er verstehen konnte. Grinsend zog Bán die Schultern in einem
übertriebenen Achselzucken hoch. »Wenn du hier bleiben musst, dann
sollte ich wohl auch bleiben«, sagte er. »Wir sollten einander
Gesellschaft leisten. Und vielleicht geht der Regen ja auch bald
vorbei.«
»Schon möglich.«
Keiner von ihnen glaubte ernsthaft daran.
Bán griff in seine Tunika und zog den kleinen
Beutel aus Kalbsleder hervor, den Airmid ihm nach dem Festmahl
gegeben hatte. »Wir könnten das Knöchelspiel spielen«, schlug er
vor. »Wenn du weißt, wie das geht?«
»Natürlich. Das weiß doch jeder.«
Der Junge hatte flinke, geschickte Finger und einen
wachen Verstand. Bán war kurz davor, das zweite Spiel zu verlieren,
als er plötzlich jemanden den Pfad entlangkommen hörte. Die
Schritte waren weniger gemessen als die des Sonnenhunds, hatten
aber einen ähnlichen Rhythmus. Bán blickte zu der Gestalt auf, die
vor seinem Pferd stehen geblieben war, und blinzelte die Nässe aus
seinen Augen. Sein Blick schweifte über eine dunkelviolett
eingefärbte Tunika, deren Farbe im Regen leicht zu zerfließen
schien, und über einen Umhang in dem leuchtenden Gelb der
Trinovanter. Die Armreifen waren aus Gold und mit Koralle besetzt,
aber nicht übermäßig bunt oder protzig. Das Haar, das in triefend
nassen Strähnen über die Schultern hing, war rot, jedoch durch den
Regen so dunkel geworden, dass es die Farbe von totem Eichenholz
angenommen hatte. Von einem äußerst unguten Gefühl erfasst, reckte
Bán den Hals unter dem Bauch seines Pferdes hervor. Der Mann ging
vor ihm in die Hocke, so dass sein Gesicht auf gleicher Höhe mit
dem seinen war, und Bán sah Augen von der Farbe von Schlangenhaut
vor sich und ein Lächeln, das ihn selbst noch in seinen Träumen
verfolgte. Es war Amminios, und er lachte.
»Ich hatte mir schon gedacht, dass ich dich hier
finden könnte.« Er wies mit einer Kopfbewegung auf die Schmiede.
»Sie werden sich dort drinnen noch ewig streiten. Das ist die
Methode meines Vaters, um sicherzugehen, dass keiner sie belauschen
kann. Du brauchst nicht hier draußen im Regen zu bleiben und auf
sie zu warten.« Er war noch nasser als Bán und sein neuer Freund,
und er war den ganzen weiten Weg vom Versammlungshaus hergekommen,
um sie zu finden. Sein Ton war versöhnlich, fast verschwörerisch,
so als ob sie alte Freunde wären und Cunobelin der einzige Feind.
Bán schlang die Arme um die Knie und schob sich langsam und
unauffällig rückwärts zum Kopf der Stute hin, wo er notfalls
blitzschnell nach den Zügeln greifen konnte.
»Ich muss hier bleiben«, erklärte er.
»Dann solltest du den Sklaven deine Stute in den
Stall bringen lassen. Sie ist ein zu wertvolles Pferd, um hier
draußen im Regen stehen zu müssen, bis sie von der Kälte steife
Gelenke bekommt, und das Gleiche gilt für das Hengstfohlen meines
Bruders.«
Bán starrte Amminios ungläubig an. Er hoffte
aufrichtig, dass ihn seine Ohren getrogen hatten.
Amminios grinste mit unverhohlenem Spott. »Iccius
ist ein Sklave. Natürlich ist er das. Hast du etwa gedacht, wir
hätten sie alle verkauft, bevor ihr gekommen seid? Oder dass wir
sie bis zu eurer Abreise in Hütten verstecken würden, damit sie
euch nicht unter die Augen kommen? Werd endlich erwachsen, Junge!
Wir sind hier nicht in den Pferdeländern. Mein Vater wird es zwar
nach Möglichkeit vermeiden, das Zartgefühl der Eceni zu verletzen,
aber die Sklaven zu entlassen geht denn doch einen Schritt zu weit.
Der Junge ist Belgaer. Sein Vater verkaufte ihn, als er sechs Jahre
alt war. Ich habe ihn aus Gallien hierher gebracht, damit er mein
Heim und meine Tafel ziert, und ich würde sagen, er erfüllt seinen
Zweck voll und ganz. Heute jedoch ist er Pferdebursche, und er wird
das Pferd meines Vaters jetzt unverzüglich in den Stall
bringen.«
Amminios hatte in fließendem, einwandfreiem
Gallisch gesprochen. Bán spürte, wie Iccius neben ihm
zusammenzuckte. Die kleinen Knochen, mit denen sie gespielt hatten,
waren ihm vor Schreck aus der Hand geglitten. Seine Haut hatte
dieselbe Farbe angenommen wie die des Schmieds: ein fahles Grau mit
einer Spur von ungesundem Gelb. Mit einer Stimme, die ganz anders
klang als die, mit der er zuvor gesprochen hatte, sagte er: »Herr,
ich muss hier bleiben und auf den hohen Herrn warten...«
»Nein, das musst du nicht«, erwiderte Amminios
täuschend freundlich. »Du gehörst mir. Und wenn ich dir befehle,
das Pferd meines Vaters in den Stall zu bringen und es trocken zu
reiben, bevor es steife Gelenke bekommt und sich einen Muskel
reißt, dann wirst du genau das tun. Wenn unser Gast auch nur ein
Körnchen Vernunft besitzt, wird er dich seine Pferde mitnehmen
lassen.«
Der Junge steckte in einer scheußlichen Zwickmühle,
gefangen zwischen zwei sich widersprechenden Befehlen. Der
Unterschied war nur der, dass Amminios im Gegensatz zu seinem Vater
anwesend war und sich Gehorsam verschaffen konnte. Der innere Kampf
dauerte nur einen kurzen Moment. Iccius neigte den Kopf und ergriff
die Zügel von Cunobelins Pferd.
Amminios stand wieder auf und streckte Bán seine
Hand hin. Regenwasser strömte unbeachtet über seinen unbedeckten
Kopf und hinterließ dunkle Flecken auf der feinen Wolle seiner
Tunika. »Bán? Wir sind inzwischen älter als bei unserer ersten
Begegnung. Wir sind beide jüngere Söhne, die sich allein werden
durchsetzen müssen, während unsere älteren Geschwister die Krieger
unseres Volkes in die Schlacht führen. Und deshalb sollten wir
Verbündete sein, keine Feinde. Dies ist kein Versuch, dir deine
Stute zu entreißen, die Gesetze der Gastfreundschaft verbieten so
etwas, und ich wäre ein Idiot, wenn ich es auch nur versuchen
würde. Ich bin nur um deine Pferde und um dich besorgt, das ist
alles. Du solltest wenigstens unter der Eiche hervorkommen. Die
Tatsache, dass sie schon einmal vom Blitz getroffen wurde, bedeutet
nicht zwangsläufig, dass er kein zweites Mal in denselben Baum
einschlagen wird.«
Es war ein Tag, an dem die Götter oft sprachen.
Wieder ertönte Donnergrollen, jetzt noch näher, und ein greller
Blitz zuckte über den Himmel. Wäre Bán allein gewesen, wäre er
vielleicht trotz des Unwetters geblieben, aber er hatte nicht die
Absicht, das Leben seiner Stute und das von Caradocs Hengstfohlen
zu riskieren. Er kam unter dem Bauch des Tieres hervor und griff
nach den Zügeln.
»Ich werde sie selbst in den Stall bringen«,
erklärte er. »Iccius hat schon genug damit zu tun, das Schlachtross
meiner Schwester und das Pferd deines Vaters zu führen.«
»Wie du willst. In diesem Fall sollten wir
vielleicht rennen, meinst du nicht auch? Das Wetter wird nicht
besser werden, während wir hier stehen, und wir alle sind bereits
nass genug.«
Sie legten den Weg zu den Pferdeställen im
Laufschritt zurück. Iccius verschwand in einem angrenzenden Haus
und kehrte mit angewärmtem Mengfutterbrei und gutem Heu für alle
Tiere zurück. Er brachte Wische aus fest zusammengerolltem Stroh
und Lappen aus Schafsfell, und gemeinsam rieben sie das Regenwasser
aus dem Fell der Pferde. Amminios rieb das graubraune Hengstfohlen
trocken, und es ließ sich von ihm ebenso bereitwillig berühren, wie
es sich von Caradoc hatte berühren lassen. Breacas graue Stute
wollte ihn zwar nicht an sich heranlassen, aber es gab viele
Menschen, selbst unter den Eceni, denen sie ähnliches Misstrauen
entgegenbrachte; es war nicht unbedingt ein Maßstab für die
Rechtschaffenheit oder den Wert dieser Menschen. Iccius hatte mehr
Glück bei ihr; die Stute beschnupperte ihn argwöhnisch, ließ sich
jedoch anstandslos von ihm trocken reiben. Die Sättel wurden auf
Gestelle am Ende des Stalls gelegt, und ein anderer Junge - ein
anderer Sklave - in Iccius’ Alter wurde herbeigerufen, um sie zu
trocknen und einzufetten. Die Luft füllte sich mit den vertrauten
Gerüchen von gekochtem Hafer, Huföl und dampfenden Pferden, und
wären die Sklaven nicht gewesen, hätte es auch ebenso gut irgendein
Eceni-Pferdestall nach einem Unwetter sein können.
Amminios trat zur Seite, die Hände in die Hüften
gestemmt, den nassen Umhang über die Schultern zurückgeworfen. Er
wandte sich an Bán: »Und? Bist du jetzt zufrieden?«
»Den Pferden geht es besser, ja. Danke.«
Iccius schien es ebenfalls wieder besser zu gehen;
seine Gesichtsfarbe war nicht mehr ganz so aschfahl, und sein
schüchternes Lächeln war wieder zurückgekehrt, obwohl sein Blick
eine Warnung und auch eine stumme Bitte enthalten hatte, aus denen
Bán bisher jedoch noch nicht so recht schlau geworden war. Bis er
dahinter kam, was Iccius ihm damit hatte sagen wollen, war es das
Beste, nicht darüber zu sprechen. Er nahm einen Kamm und begann,
den Schweif der Stute zu bearbeiten, um den verkrusteten Schmutz
und den Staub der Reise herauszukämmen. Amminios legte ihm eine
Hand auf den Arm, um ihn zurückzuhalten.
»Lass das. Das kann vorläufig noch warten. Du bist
genauso nass wie die Pferde. Wir sollten jetzt erst einmal zusehen,
dass wir trockene Kleider für dich finden und etwas Warmes zu
trinken sowie einen geschützten Ort, wo du dich aufhalten kannst,
bis die anderen zurückkommen.«
»Wo sind sie?«
»Deine Familie ist, glaube ich, bei unseren
Handwerkern zu Gast. Die Seeleute sind losgezogen, um das neue
Schiff zu besichtigen. Segoventos wäre wahrscheinlich eine Ader
geplatzt, wenn man ihn gezwungen hätte, noch länger zu warten,
deshalb hat Togodubnos sie mit Barkassen zu dem Liegeplatz des
Schiffes gebracht. Sie werden von dem Unwetter überrascht worden
sein, deshalb verzögert sich ihre Rückkehr vermutlich, bis der
Regen etwas nachgelassen hat. Wenn sie zurück sind, werden wir uns
wieder in der großen Halle versammeln. Möchtest du in der
Zwischenzeit vielleicht noch einmal nach deinem Welpen sehen? Ich
habe gehört, sie soll später eine Zuchthündin für deinen Kampfhund
sein. Ist es nicht so?«
»Wenn sie sich so gut entwickelt, wie es heute
schon den Anschein hat, ja.«
»Dann solltest du ein bisschen Zeit mit ihr
verbringen. Komm mit, es ist nicht weit.«
Es war der Stoff, aus dem Fieberträume und
Albträume sind. Bán wurde stetig und unaufhaltsam von den
Pferdeställen fortgezogen zu der kleinen Geschirrhütte in der Nähe
des Großen Versammlungshauses, wo die Hündin mit ihren Welpen lag.
Die dunkelhaarige Frau war verschwunden, aber ansonsten war der Ort
noch genauso, wie er ihn verlassen hatte.
Amminios, der Mann, der Sklaven kaufte und für sich
arbeiten ließ, zündete persönlich die Fackeln an und entfachte ein
kleines Feuer in einer Ecke der Hütte, ein gutes Stück von den
Hunden und dem Stroh entfernt. Er nahm Bán den Umhang ab, hängte
ihn an einen Haken an der Wand und legte seinen eigenen daneben. Er
ging für einen Moment hinaus und kehrte mit ein paar Haferkeksen
und einem Krug heißen Ales zurück, gewürzt mit Honig, Wermut und
Brennnesselsaft. Er drängte seinem Gast jedoch nichts von alledem
auf, sondern stellte Essen und Getränke auf der Seite ab, wo jeder
von ihnen mühelos an sie herankommen konnte. Dann setzte er sich in
das Stroh neben die Hündin, die ihn offenbar ebenso gut kannte wie
die dunkelhaarige Frau, und hob einen der männlichen Welpen in
Augenhöhe hoch. »Odras hat gesagt, ich kann mir einen von den Rüden
aus dem Wurf aussuchen. Ich hatte eigentlich gedacht, dieser hier
würde einen guten Kampfhund abgeben, was meinst du?«
Es war der größte der männlichen Welpen, und er
hatte ein dichtes, eisengraues Fell. Bán hob einen kleineren,
helleren Bruder von ihm hoch und reichte ihn hinüber. »Dieser hier
wird besser sein. Der dort legt sich mit jedem an, der ihm in die
Quere kommt, gibt den Kampf aber viel zu schnell auf. Dieser hier
dagegen kämpft nur, wenn die anderen ihn dazu treiben, hört aber
nicht eher auf, bis er gesiegt hat.«
»Lass mich mal sehen.«
Sie setzten die beiden Welpen wieder ins Stroh.
Genau wie Bán gesagt hatte, fing der Größere sofort Streit mit dem
Kleineren an und verlor den Kampf. Dieses Verhaltensmuster
wiederholte sich noch zwei weitere Male in der kurzen Zeit, während
der sie den Tieren zuschauten.
»Du hast Recht«, sagte Amminios nachdenklich. »Ich
hatte nur beobachtet, dass er gut mit den anderen kämpft, aber ich
hatte nicht gesehen, dass der andere erst einmal abwartet und dann
gewinnt. War dein Kampfhund auch so?«
»Er hatte keine Geschwister, die Hündin war schon
zu alt und warf nur dieses eine Junge«, erklärte Bán. »Er ist mit
mir als seinem Bruder aufgewachsen. Wir kämpfen nicht
gegeneinander.«
»Natürlich nicht. Bruder sollte nicht gegen Bruder
kämpfen. Die Götter missbilligen so etwas zutiefst.« Amminios
lächelte, wie er es schon die ganze Zeit über getan hatte, herzlich
und zermürbend verständnisvoll. Er verschränkte die Hände und
klopfte sich gedankenverloren mit dem Zeigefinger an die Lippen.
»Du bist noch kein Krieger. Es ist richtig, dass du nicht kämpfst,
aber spielst du?«
»Mit Hail?«
»Nein, mit anderen Männern.« Ein quadratisches
Spielbrett lag in der Dunkelheit jenseits des Feuers. Amminios
beugte sich hinüber, griff nach dem Brett und dem daneben liegenden
Lederbeutel und legte beides auf den flachen, festgestampften
Erdboden neben das Stroh. Das Brett war wunderschön gearbeitet, mit
einem Karomuster aus hellem und dunklem Holz und Bronzebeschlägen
an den Ecken. Die Spielfiguren waren rote und gelbe Täfelchen, die
an kleine, flache Kieselsteine erinnerten und sich angenehm glatt
anfühlten. Amminios hielt den Beutel schräg, und sie ergossen sich
klappernd auf das Spielbrett. »Die Gallier und die Römer nennen
dieses Spiel Kaufleute und Banditen«, erklärte er. »Das Volk
meines Vaters nennt es Der Kriegertanz. Ich selbst ziehe es
auch vor, die Spielsteine als feindliche Krieger zu betrachten.
Hast du es schon mal gespielt?«
»Ein bisschen. Gunovic, der Eisenhändler, hat das
Spiel in den vergangenen zwei Jahren hin und wieder mitgebracht. Er
hat mir die Grundzüge beigebracht - genug, um zu erkennen, dass es
größere Geschicklichkeit erfordert, als ich besitze.«
»Wie schade.« Amminios sammelte die Spielsteine mit
einer Hand ein und schob sie wieder in den Beutel zurück. Das Brett
ließ sich in der Mitte zusammenklappen, um die glatte Innenfläche
zu schützen. Er lehnte Brett und Beutel wieder gegen die Wand. »In
diesem Fall müssen wir uns damit begnügen, zuzuschauen, wie die
Welpen gegenseitig ihre schwachen Seiten austesten, bis die
Seeleute zurückkehren.«
Er griff nach dem Ale-Krug und trank. Es war eine
atemberaubende Verletzung der Höflichkeitsregeln, das Getränk nicht
zuerst dem Gast anzubieten. Bán schaute sprachlos zu, wie Amminios
einen letzten Schluck trank und sich dann den Mund mit dem
Handrücken abwischte.
»Du traust mir nicht«, sagte Amminios. »Du hättest
das Ale für vergiftet gehalten und deshalb abgelehnt, wenn ich es
dir angeboten hätte, was für uns beide unangenehm gewesen wäre. Ich
trinke es, also kannst auch du unbesorgt davon trinken, das schwöre
ich dir. Möchtest du es mit mir teilen?«
Er hielt Bán den Krug mit einer Hand hin. Der
Geruch des Ales war köstlich und nur zu verlockend: die würzige,
feurige, bittersüße Erinnerung an Winterabende im heimatlichen
Rundhaus und an spannende Geschichten, die man sich am Feuer
erzählte. Bán nahm den Krug und trank; es wäre eine grobe
Unhöflichkeit gewesen, es nicht zu tun. Dieses Ale war stärker als
dasjenige, mit dem sie bei dem Festmahl bewirtet worden waren, und
es war erst kürzlich erhitzt worden. Der Wermut stieg ihm prompt zu
Kopf und entzündete die Feuer in seinem Bauch. Es war ein
angenehmes Gefühl, aber kein ganz ungefährliches. Die ältere
Großmutter - die frühere - hatte Wermut verwendet, wenn sie
dringend mit den Göttern hatte sprechen müssen. Wenn man die
Angelegenheiten von Menschen regeln musste, war es allerdings nicht
ratsam, übermäßig viel davon zu trinken. Bán schloss die Augen und
ließ die Hitze durch seinen Körper strömen und sich bis in seine
Fingerund Zehenspitzen ausbreiten. Er musste wieder an Iccius
denken und an die zweite Partie des Knöchelspiels. Der Bursche war
gut, und er hätte die zweite Runde gewonnen, hätte Amminios sie
nicht unterbrochen. Er erinnerte sich auch daran, wie sich die
Stimme des Jungen bei Amminios’ Erscheinen plötzlich verändert
hatte.
Er öffnete die Augen wieder und griff nach dem
Spielbrett und dem Beutel mit Spielsteinen. »Ich möchte eine Partie
mit dir spielen«, sagte er. »Es erfordert ja keine so große
Anstrengung, dass wir dabei nicht gleichzeitig die Welpen
beobachten könnten.«
Oberflächlich betrachtet war es ein relativ
einfaches Spiel; auch ein Kind hätte es lernen können. Zwölf
Spielsteine von jeder Farbe - die Krieger - wurden rechts und links
entlang den Rändern des Brettes in einer Reihe angeordnet. Der
dreizehnte war kleiner und von dunklerer Farbe, und Bán war nicht
mit seinem Gebrauch vertraut. Amminios, der Gelb spielte, hielt den
seinen zwischen Daumen und Zeigefinger hoch. »Das hier ist der
Träumerstein. Er kann sich über drei Felder gleichzeitig bewegen
und nach Belieben seitwärts springen, aber wenn er vom Gegner
einkassiert wird, ist die Partie verloren. Hast du schon mal mit
diesem Stein gespielt?«
»Nein. Gunovic spielte immer nur mit den zwölf. Sie
können sich jeweils ein Feld weiter bewegen oder übereinander
hinwegspringen, um in eine Lücke zu gelangen. Ein Stein gilt als
verloren, wenn ein feindlicher Krieger darüber hinwegspringt.
Sieger des Spiels ist derjenige, der das Brett von den Steinen
seines Gegners räumt.«
»Dann werden wir auch erst einmal auf diese Art
spielen. Wenn du ein paar Steine gewinnst, können wir ja noch die
Träumer mit dazunehmen. Sie machen den Tanz interessanter, genau
wie im Leben.«
Die Träumersteine wurden sorgfältig auf die Seite
gelegt und die übrigen Spielsteine aufgereiht. Bán, der Rot
spielte, machte den ersten Zug. Es war fast ein Jahr her, seit er
das letzte Mal ein Spielbrett gesehen hatte, und er ging langsam
und bedächtig vor, ähnlich wie jemand, der aus einem langen Schlaf
erwacht. Er spielte seine erste Partie ziemlich einfallslos und
verlor. Seine ersten sechs Spielsteine wurden durch einige wenige
Sprünge des Gegners vom Brett gefegt. Die Übrigen wurden in die
Enge getrieben und einzeln oder paarweise vom Gegner einkassiert.
Es war eine schnelle, saubere Exekution, ohne jede Feindseligkeit
ausgeführt. Am Ende sammelte Amminios seine eigenen Spielsteine
wieder ein. Er hatte nur drei verloren. »Noch eine Partie?«, fragte
er.
»Wenn es dir nichts ausmacht, gegen einen Anfänger
zu spielen.«
Ȇberhaupt nicht. Du hast gut gespielt. Gegen Ende
der Partie hast du sogar gelernt, vorausschauend zu spielen. Mit
ein bisschen Übung wirst du bald noch besser werden.«
Die zweite Partie war weniger rasch beendet, aber
das Ergebnis war das Gleiche, so wie auch bei der dritten. Die
vierte Partie dauerte länger. Gegen Ende des Spiels hatten sowohl
Bán als auch Amminios nur noch jeweils drei Steine übrig. Der
Umstand, dass nun so viel Platz auf dem Spielbrett war, machte es
schwieriger, den Gegner dazu zu bringen, einen Fehler zu machen.
Die Zuchthündin erhob sich von ihrem Lager, reckte sich gähnend und
zwängte sich durch die Türklappe hinaus, um sich zu erleichtern.
Die beiden Spieler brachen das Spiel ab, um sich mit den jämmerlich
fiependen Welpen zu befassen, die plötzlich in heller Aufregung
durch die Hütte tappten, drauf und dran, ihrer Mutter nach draußen
zu folgen. Als die Hündin wieder zurückkehrte, bis auf die Haut
durchnässt, einigten sie sich auf ein Unentschieden.
Das war der Wendepunkt. Bán gewann die fünfte
Partie. Die Freude über seinen Sieg wallte heiß und heftig in ihm
auf und erfüllte ihn mit Triumph, so als ob er einen Speer auf eine
Zielscheibe geschleudert und genau ins Schwarze getroffen hätte.
Amminios ging lächelnd hinaus und kehrte wenig später mit einem
frischen Krug Ale zurück. »Dieser hier ist nicht so stark wie der
andere«, erklärte er, »aber er ist ziemlich heiß.« Er stellte den
Krug zwischen sie auf den Boden. »Wollen wir noch eine Partie
spielen?«
Bán gewann auch die nächsten beiden Partien,
berauscht von Ale und Begeisterung. Danach nahmen sie die Träumer
mit ins das Spiel hinein, und er verlor prompt. Die Träumer waren
sehr viel flexibler als die Krieger, und sie machten den Tanz,
genau wie Amminios gesagt hatte, weitaus aufregender. Bán brauchte
drei Partien und ein weiteres Unentschieden, um zu lernen, wie man
sie taktisch geschickt einsetzte. Bald darauf schlug Amminios eine
zweite Spielvariante vor, bei der ein Krieger, der in eine Ecke des
Gegners vorgedrungen war, für einen Zug zum Träumer werden konnte.
Die einzelnen Partien gingen jetzt zügiger voran, und das Spiel
wurde raffinierter.
Bei der zwölften Partie sagte Amminios: »Gewinnen
ist ja schön und gut, aber ich finde, wir sollten um mehr als nur
den Sieg spielen. Ich werde beim nächsten Spiel um meinen Armreif
wetten. Willst du dagegen setzen?«
Sie spielten um Báns Bronzereif gegen Amminios’
goldenen, und Bán verlor. Er verlor in rascher Folge auch seinen
Dolch und seinen Gürtel und gewann sie dann zurück; sein Schwert
wechselte dreimal in ebenso vielen Spielen den Besitzer; Amminios
setzte sein Pferd als Wetteinsatz ein - einen intelligenten Braunen
von edlem Geblüt - und verlor es. Die Partie, in der er sein Pferd
schließlich wieder zurückgewann, wurde schneller gespielt als jede
vorherige, und danach waren beide in Schweiß gebadet und zitterten
an allen Gliedern.
Sie spielten wie besessen weiter. Die Zeit wurde
lang und länger und verlor schließlich ihre Bedeutung. Die Welt um
sie herum schrumpfte mehr und mehr zusammen, bis sie nur noch aus
dem schwächer werdenden Licht des Feuers bestand und aus den
Schatten der Spielsteine auf dem Brett, aus dem Rauschen des Blutes
in ihren Ohren und den winzigen Schweißbächen, die ihnen den Nacken
hinunterrannen. Bán hörte, wie irgendwo in der Ferne jemand seinen
Namen rief, und änderte seine Meinung über den Zug, den er gerade
hatte machen wollen. Das Spiel hatte von genau diesem Zug
abgehangen, und er gewann die Partie und dankte den Göttern für
ihre rechtzeitige Warnung. Neben ihm lag alles, worum sie gewettet
hatten; bei jeder Partie hatten sie ihre Einsätze erhöht und
schließlich alles gesetzt, was sie besaßen. Bán hatte inzwischen
das braune Pferd und den dazugehörigen Sattel gewonnen, Amminios’
Schwert und seinen Gürtel und außerdem einen Dolch, zwei Armreifen
und einen Torques. Amminios streckte die Arme, verschränkte die
Finger und ließ seine Knöchel knacken. »Noch eine Partie«, sagte
er. »Bei der Letzten hast du lediglich Glück gehabt. Ich will mein
Pferd zurückhaben.«
Bán grinste. Schweiß rann in Strömen über seine
Stirn und durchnässte den Halsausschnitt seiner geliehenen Tunika.
Seine Beine waren steif und verkrampft, und seine Blase drückte
unangenehm. Seine Finger griffen automatisch nach den Spielsteinen,
selbst wenn sie nicht in ein Spiel vertieft waren. Er war nur
selten so glücklich gewesen wie jetzt. »Du hast dein Pferd
verloren, weil du dein Schwert zurückhaben wolltest, und du hast
dein Schwert wegen deines Dolches verloren. Du solltest aufgeben,
solange du noch kannst. Du hast doch nichts mehr zu
verlieren.«
»O doch, das habe ich. Ich habe Iccius. Ich werde
ihn gegen mein Pferd und den Rest meiner Kampfausrüstung setzen.«
Amminios sprach leichthin, mit jener entwaffnenden Offenheit, die
so typisch für ihn war. Seine graugrünen Augen ruhten auf dem
Spielbrett, als wollte er eine Konfrontation vermeiden. Ein
Holzscheit knackte im Feuer. Regen prasselte geräuschvoll auf das
Dach der Hütte. Die Hündin rollte sich seufzend auf die andere
Seite, und die Welpen protestierten fiepend gegen diesen
vorübergehenden Verlust der mütterlichen Zitzen. Bán spürte, wie
der Schweiß in seinem Nacken eiskalt wurde. Die Überreste der
Hafermehlkekse lagen ihm plötzlich bleischwer im Magen.
»Du kannst doch nicht das Leben eines anderen
Menschen verwetten«, sagte er entgeistert.
Amminios zog eine Braue hoch. »Er ist kein Mensch.
Er ist ein acht Jahre alter belgischer Junge, der von seinem Vater
an einen in Gallien weilenden Römer verkauft wurde, und ich kann
mit ihm tun, was ich will. Ich habe ihn bei einem Spiel gewonnen,
und es gibt keinen Grund, weshalb ich ihn nicht auf die gleiche Art
und Weise wieder verlieren sollte.« Er ordnete die Spielsteine auf
dem Brett und blickte dann lächelnd auf. »Nur dass ich nicht die
Absicht habe, diese Partie zu verlieren.«
Es war sein Lächeln, das den Ausschlag gab, sowie
die Erinnerung an die panische Angst in der Stimme des Jungen und
die Auswirkungen des Ales und des Wermuts, jetzt kalt, aber deshalb
nicht weniger stark. Bán nahm die beiden Träumersteine vom
Spielbrett, schüttelte sie dann ein paarmal in der geschlossenen
Hand, so dass sie durcheinander wirbelten, und hielt Amminios dann
seine geschlossenen Fäuste hin, einen Stein in jeder Faust. »Du
bist mit Wählen an der Reihe.«
»Dann akzeptierst du also?«
»Ja.«
»Was willst du gegen Iccius setzen?«
»Alles das hier.« Bán wies mit einer Armbewegung
auf die Sammlung aus feinziseliertem Gold, mit Email verzierter
Bronze, mit Ziernägeln beschlagenem Eisen und Leder, die neben ihm
lag. »Sowohl meine Sachen als auch deine.«
»Und die Pferde?«
Es war eine sorgfältig durchdachte Falle, ebenso
raffiniert gestellt wie jede, in die Amminios ihn auf dem
Spielbrett gelockt hatte. Der Schock der Erkenntnis ging wie ein
Ruck durch Bán hindurch, so als ob er nicht nur seinen Verstand,
sondern auch seinen Körper einsetzen müsste, um dieser Falle zu
entgehen. »Ich werde dein Pferd setzen«, erklärte er. »Nicht
meines.«
Amminios grinste schlau. »Das reicht nicht,
Krieger. Wenn man nichts zu verlieren hat, hat man auch keinen
Grund, gut zu spielen. Das habe ich schon oft beobachtet. Man geht
die größten Risiken ein, wenn man die Grenze der Angst hinter sich
hat. Sonst ist es kein richtiger Wettkampf.«
Es stimmte, sie spielten beide besser, wenn der
Einsatz besonders hoch war und eine Niederlage schwere Verluste mit
sich bringen würde. Das war aber jetzt nicht der springende Punkt.
»Wir spielen um das Leben eines anderen Jungen«, sagte Bán. »Das
ist ja wohl Grund genug, um Angst zu haben.«
Amminios lachte. »Um sein Leben? Du glaubst, dass
ich ihn töten werde, wenn ich gewinne? Oder du bildest dir ein,
dass er besser dran wäre, wenn er in Freiheit bei dir leben würde,
statt als Sklave bei mir? Überschätz dich nicht, Bán von den Eceni.
Das Leben in eurem Rundhaus ist nicht so herrlich, dass diejenigen,
die an einem kultivierten Fürstenhof aufgewachsen sind, sich danach
drängen würden, bei euch zu leben. Iccius ist glücklich bei mir. Er
würde es dir nicht danken, wenn du ihm das Gegenteil vormachen
würdest.«
Bán ließ die Träumersteine auf das Holz fallen. Sie
rollten zusammen in die Fuge in der Mitte, blutrot und gelb, die
Farben des Verrats und der Hinterlist. Er fühlte den Puls an seiner
Schläfe pochen. »Du willst nicht mehr spielen?«
»Nein. Nicht, wenn du nicht bereit bist, um etwas
zu wetten, das einen besonderen Wert für dich hat. So wie die Sache
jetzt aussieht, stehe ich im Fall eines Sieges auch nicht besser da
als zu dem Zeitpunkt, als wir angefangen haben.«
»Wenn wir überhaupt nicht spielen, hast du dein
Pferd verloren.«
Amminios zuckte gleichmütig die Achseln. »Ich kann
mir andere Pferde kaufen. Tatsächlich kann ich sogar um andere
Pferde spielen. Es gibt genügend Männer, die keine Angst
davor haben, das aufs Spiel zu setzen, was ihnen lieb und teuer
ist.« Er erhob sich und machte einen Schritt Richtung Tür, dann
drehte er sich wieder um und schüttelte dabei den Kopf, so wie
jemand, der Ärger abschüttelt. Seine Augen waren hell und
freundlich, sein Blick von Wärme erfüllt; der Blick eines Freundes.
»Vergiss es, ich nehme das wieder zurück. Du hast gut gespielt, und
es war mir ein Vergnügen, gegen dich anzutreten. Mein Pferd gehört
dir, und du kannst es mitnehmen, wenn du fortreitest. Ich werde
Iccius Grüße von dir bestellen und ihm ausrichten, dass du ihm für
seine Zukunft alles Gute wünschst. Er ist ein prächtiges Kind. Er
wird hier, wo man ihn zu schätzen weiß, ein besseres Leben
haben.«
Amminios hob den Türvorhang hoch. Der Regen hatte
mittlerweile aufgehört. Der Nachmittag war in den Abend
übergegangen. Bán hörte Airmid seinen Namen rufen. Es war zwar
nicht die Stimme der Götter, aber die der einen Person, die, wie er
wusste, besonders nahe an sie herankommen konnte. Der Klang brachte
ihm seinen Traum von der roten Stute und ihrem weißköpfigen Fohlen
wieder zum Bewusstsein. Er malte sich aus, wie er eines der beiden
Tiere ritt, verfolgt von der Erinnerung an leuchtend blaue Augen
und ein scheues Lächeln und an die Angst auf dem Gesicht eines
Jungen, als er versucht hatte, sich gegen Amminios zu behaupten. Er
erinnerte sich an das graubraune Stutenfohlen und an die
Einzelheiten seines Todes, die Caradoc ihm nicht hatte erzählen
wollen.
Amminios sagte: »Deine Freunde suchen nach dir. Du
solltest jetzt lieber gehen. Sie machen sich sicher schon Sorgen um
dich.«
Bán beugte sich vor. Sein Mund war staubtrocken.
Sein Puls raste, als ob er seit dem Morgen ununterbrochen gerannt
wäre. Die Träumersteine, Blut und Verrat, glitten wie von selbst in
seine Hand. »Setz dich wieder«, sagte er. »Wir müssen noch eine
Partie spielen.«
Der Mann in der Tür drehte sich zu ihm um. Der
Türvorhang fiel wieder herunter und sperrte die abendliche Kälte
aus. »Du akzeptierst die Wette? Die rotbraune Stute gegen
Iccius?«
»Gegen dein Pferd und Iccius. Er wird ein Reittier
brauchen, wenn wir von hier aufbrechen.« Bán schob den Haufen aus
Armreifen und Schwertgürteln zur Seite. »Du kannst die hier wieder
zurückhaben. Sie würden mir sowieso nicht passen, und ich brauche
sie nicht. Wir werden nur um die Pferde und den Jungen spielen.
Einverstanden?«
»Einverstanden.« Amminios beugte sich vor und
tippte auf Báns linke Faust. Als Bán sie öffnete, blinzelte ihm das
Gelb des Verrats entgegen. Der Trinovanter lächelte wölfisch. »Der
erste Zug gehört mir.«
Es war eine Partie wie keine andere, die sie zuvor
gespielt hatten. Gleich vom ersten Zug an griff Amminios
zielstrebig an, setzte seinen Träumer mit einer Brutalität und
Präzision ein, die für sie beide neu war. Bán verlor drei Krieger
bei ebenso vielen Zügen und war beängstigend nahe daran, seinen
eigenen Träumer und somit auch das Spiel zu verlieren. Der Schreck
traf ihn mit einer Gewalt, die körperlich war, die ihm den kalten
Schweiß auf die Stirn trieb und ihn atemlos machte. Er riss sich
zusammen und schlug zurück, stellte eine Falle und ließ sie in
genau dem Moment zuschnappen, als Amminios’ Aufmerksamkeit auf
seinen eigenen Angriff konzentriert war. Sein Zug brachte ihm zwei
gegnerische Spielsteine ein und zwang den gelben Träumer, sich in
Deckung zu flüchten. Amminios konterte mit einem seiner im
Hüpfschritt ausgeführten Züge, der einen Spielstein von einer
gegenüberliegenden Ecke des Bretts über das ganze Feld führte und
am Ende nach links abbog. Bán hatte es bereits kommen sehen und
musste weitere drei seiner roten Krieger abgeben. Einen Moment
später, in einem Zug, so tadellos wie jeder, den er bisher gemacht
hatte, fegte sein Träumer fünf Krieger des Feindes vom Brett. Er
und Amminios spielten jetzt mit größerer Vorsicht, umkreisten sich
gegenseitig, täuschten den Gegner durch Finten und
Ablenkungsmanöver und schoben die Träumer in Verteidigungszügen auf
dem Spielbrett herum, die keine Wunden schlugen. Die wenigen
Kriegersteine, die sie noch hatten, wurden immer wertvoller. Jeder
von ihnen verlor einen weiteren und wurde daraufhin noch
vorsichtiger. Keiner von ihnen wollte, dass die Partie mit einem
Unentschieden endete; um den Träumer des Gegners zu schlagen,
musste jeder von ihnen noch mindestens drei Spielsteine auf dem
Brett haben. Amminios begann, seine Steine wie aufs Geratewohl zu
bewegen. Das Spielbrett wurde zu einem eisbedeckten Teich, seine
Steine zu spielenden Kindern. Das Muster ihrer Bewegungen hatte
eine tödliche, geschmeidige Anmut an sich. Es war schwierig, sich
nicht davon gefangen nehmen zu lassen, das Spiel nicht lediglich um
der Schönheit des Tanzes willen zu spielen. Bán grub seine
Fingernägel in seine Handflächen und biss auf den Rand seiner
Zunge. Er zog seine Krieger zu einem gefährlichen, komprimierten
Block zusammen und ließ sie in einem Massenangriff vorrücken, um
die Eistänzer zur anderen Seite des Bretts zu treiben und die
Muster zu zerstören. Es dauerte seine Zeit, und Amminios ließ seine
Figuren währenddessen Kreise ziehen und sich geschickt um Báns
Krieger herumschlängeln, wie um das Manöver des Gegners zu
verspotten.
Keiner von ihnen sprach ein Wort. Bei anderen
Partien hatten sie sich beiläufig miteinander unterhalten. Sie
hatten über die Pferde gesprochen, über Breacas Graue und die
Rennen, die sie gewonnen hatte; über die rotbraune Stute und das
Fohlen, das sie erwartete; über die Zuchtprojekte des Sonnenhunds
und wieso Aminios glaubte, dass die Blutlinien seines Vaters mit
fehlerhaften Elementen behaftet waren; und darüber, was er auf
seinen drei Landgütern in Gallien zu tun beabsichtigte. Bán hatte
von Hail und ihren gemeinsamen Jagdabenteuern erzählt. Amminios
hatte sich mit einer Geschichte über Odras’ Jagdhündin und ihren
einsamen Kampf gegen einen ausgewachsenen Hirschbullen
revanchiert.
Diesmal herrschte vollkommenes Schweigen. Irgendwo
am äußeren Rande seines Bewusstseins nahm Bán noch andere Stimmen
außer Airmids wahr, die seinen Namen riefen, doch er war längst
über den Punkt hinaus, wo sie seine Züge beeinflussten. Auf halbem
Weg durch den Eistanz spürte er plötzlich einen kalten Luftzug, als
der Türvorhang beiseite geschoben wurde, und da wusste er, dass die
anderen ihn gefunden hatten. Gestalten drängten sich im Eingang.
Irgendjemand brachte eine weitere Fackel herbei, und die Schatten
der Spielsteine auf dem Brett fielen in eine andere Richtung.
Stimmen murmelten durcheinander; sie klangen wie das morgendliche
Geplapper von Ringeltauben und ergaben kaum mehr Sinn.
Jemand fragte: »Worum spielen sie?« Und jemand
anderer, Caradoc oder auch der Römer - ihre Stimmen klangen
geradezu unheimlich ähnlich, wenn sie unter Stress standen - sagte:
»Die Pferde. Es geht bestimmt um ihre Pferde«; und eine dritte
Stimme, die Amminios’ sein musste, erwiderte daraufhin: »Bruder, du
würdigst mich herab. Wir spielen um unsere Ehre. Und um den
Jungen.« Nicht lange danach wurde der Türvorhang abermals beiseite
geschoben, und Bán wusste, dass Iccius da war.
Nichts von alledem berührte ihn. Er war
mittlerweile an einem Ort, wo er für nichts und niemanden mehr
erreichbar war. Sein Herz gehörte dem Spielbrett, und er hätte
selbst dann weitergespielt, wenn sie ihm gesagt hätten, dass Iccius
geflohen sei und mit der rotbraunen Stute über den Ozean nach
Gallien ritte oder dass er tot sei. Jetzt tanzten sie beide
wahrhaftig. Bán hatte seinen geschlossenen Vormarsch abgebrochen
und seine Krieger ausgeschickt, um nach gegnerischen Schwachstellen
zu forschen. Als er eine fand, nahm er Amminios einen Spielstein
ab, sah sich aber wenig später plötzlich selbst in die Enge
getrieben und verlor auch prompt einen seiner eigenen Steine. Sein
Träumer jedoch stand noch geschützt hinter seinen verbleibenden
drei Kriegern. Amminios hatte noch vier. Es war nicht unmöglich -
jeder von ihnen hatte von dieser Position aus schon einmal gewonnen
-, aber es war gefährlich, und keiner von ihnen konnte sich auch
nur einen einzigen Fehler leisten. Vor Báns geistigem Auge begannen
sich Muster herauszukristallisieren, Wiederholungen der Partien
dieses Nachmittags und von anderen, früheren, die er mit Gunovic
gespielt hatte. Eine vage Idee zerrte an seinem
Vorstellungsvermögen und nistete sich schließlich darin ein. Die
Idee wurde konkreter und nahm Gestalt an, und er sah im Geist einen
möglichen Lösungsweg vor sich, ähnlich demjenigen, den er zuvor
schon einmal gesehen und dann doch nicht genommen hatte. Er
glaubte, dass es sich lohnen könnte, es noch einmal mit diesem Weg
zu versuchen.
Bei einer neuen Wende des Tanzes bewegte er seinen
Träumer auf das freie Feld hinaus und ließ ihn auf einem
kurvenreichen Weg quer über das Brett wandern. Amminios Spielsteine
bewegten sich wie Wölfe, die einem Beutetier auf der Spur waren.
Sie teilten sich in zwei Gruppen auf und kamen hinter ihm her. Sie
waren sehr diszipliniert, blieben immer dicht beieinander, achteten
stets sorgsam darauf, niemals das eine Feld zwischen ihnen frei zu
lassen, das es Báns Träumer ermöglichen würde, eine Kehrtwende zu
machen und über sie hinwegzuspringen und ihnen somit den Todesstoß
zu versetzen. Der gelbe Träumer stand allein auf der linken Seite
des Brettes und rührte sich nicht von der Stelle. Der rote
erreichte eine Ecke, und die Wölfe kamen bedrohlich nahe. Bán ließ
seine drei restlichen Krieger ausrücken, um seinen Träumer zu
verteidigen und die Lücke zu decken. Wenn man vorausschaute, konnte
man erkennen, dass ihm nur gerade noch genug Zeit blieb, um sie in
einem Karee um den kleineren Stein herum anzuordnen. Auf diese
Weise wäre der Träumer zwar vor einem Angriff geschützt, würde aber
die Flexibilität seiner Seitwärtsbewegungen einbüßen. Bán seufzte
und rutschte nervös auf seinem Platz hin und her. Die Zuschauer an
der Tür waren verstummt. Caradoc, oder vielleicht war es auch der
Römer, fluchte leise in Brigas Namen. Bán blickte nicht auf. Die
Spielsteine bewegten sich rasch über das Brett. Keiner der beiden
Spieler nahm sich die Zeit, um innezuhalten und sich eventuelle
andere Möglichkeiten zu überlegen. Beide waren voll und ganz auf
das Wolfsrudel und seine Beute konzentriert. Bán ließ seine Krieger
so schnell vorwärtsspringen, wie die Partie es zuließ. Bei einem
Zug riskierte er eine Lücke. Um diese Lücke auszunutzen, hätte
Amminios in Kauf nehmen müssen, dass sich der Vormarsch seiner
gelben Krieger verzögerte, und Bán wusste, dass Amminios nicht so
dumm sein würde; der Wolf bleibt nicht stehen, um nach
Eintagsfliegen zu schnappen, wenn er dem Reh auf den Fersen ist.
Bei seinem nächsten Zug konnte Bán einen Spielstein vier Felder
vorwärtsschieben und so Boden gewinnen. Ein anderer bewegte sich
seitwärts, um die Lücke zu schließen. Amminios lächelte schwach und
zog eine Braue hoch. Er hatte das schon ein- oder zweimal zuvor
getan, um Bán anzudeuten, dass er bereit war, ein Spiel, das schon
so gut wie verloren war, auf glatte und saubere Art zu beenden. Bei
dieser Partie würde er ein solches Angebot nicht so bald machen.
Stattdessen wurde sein Lächeln zu einem stillen Signal zwischen
ihnen: Er war drauf und dran zu gewinnen, und sie wussten es
beide.
Die Wölfe waren noch drei Felder entfernt, als der
rote Träumer plötzlich ausbrach, um sich in Deckung zu flüchten. Es
war das größte Risiko, das Bán die gesamte Partie hindurch
eingegangen war, und er hörte, wie die Zuschauer an der Tür scharf
nach Luft schnappten. Er sprang zur Seite und nach vorn, umging den
Anführer seiner Krieger und schlüpfte seitlich hinter ihn, außer
Reichweite der gelben Wölfe. Amminios runzelte die Stirn und
starrte auf das Spielbrett. Es war ein Zug, den er nicht
einkalkuliert hatte. Der Rhythmus des Spiels kam für einen Moment
ins Stocken, als er seine Möglichkeiten überprüfte, dann hob er
einen seiner Krieger hoch und bewegte ihn, hin und her hüpfend,
über seine Mitstreiter hinweg in dem zickzackförmigen Zug, der
seine eleganteste Spielweise kennzeichnete. Er kam zwei Felder von
dem roten Träumer entfernt zum Stehen, und diese neue Position
änderte den Verlauf des Spiels. Selbst der unerfahrenste Spieler
hätte sich den Ausgang der Partie ausrechnen können. Zögernd ließ
Bán seine Krieger in einem Kreis um seine Schlüsselfigur herum
aufmarschieren. Bei diesem Manöver verlor er einen seiner Steine,
als Amminios ihn nachträglich schlug, weil ihn das in die Lage
versetzte, schneller gegen den Feind vorzugehen. Bán bewegte seine
Spielfiguren jetzt noch langsamer, doch es machte keinen
Unterschied. Bald umzingelten die gelben Steine die roten, nur noch
einen Zug vom endgültigen Vernichtungsschlag entfernt. Der rote
Träumer hatte noch zwei Züge übrig, und jeder dieser Züge brachte
ihn in tödliche Gefahr. Wenn Bán irgendeinen seiner Krieger
bewegte, würde ihn das in Reichweite der gelben bringen, und
Amminios würde das Brett abräumen. Der rote Träumer war also in
jedem Fall verloren und mit ihm auch das Spiel.
Amminios ließ seine Fingerspitze auf dem winzigen
roten Spielstein ruhen und sagte ganz leise, so dass die anderen
sie nicht hören konnten: »Müssen wir das wirklich noch bis ganz zum
Ende durchziehen? Du hast sehr gut gespielt. Ich würde dir die
Demütigung der endgültigen Niederlage lieber ersparen.«
»Was wird mit Iccius geschehen?«, fragte Bán ebenso
leise.
»Er wird weiterhin als Pferdebursche dienen. Deine
rote Stute wird die Blutlinien meines Vaters verbessern, und das
Fohlen, das sie erwartet, wird mir gehören. Ich werde es reiten,
wenn wir in den Krieg gegen die Ordovizer ziehen.«
»Es könnte ein Stutenfohlen sein.«
»Schon möglich. Dann werde ich eben ein weibliches
Schlachtross haben, das es mit der Stute deiner Schwester aufnehmen
kann.«
Bán legte seine Hände flach auf die Knie. Der
Stress und die Anspannung des Spiels hatten ihn mehr erschöpft, als
er es jemals zuvor gewesen war. Als er aufblickte, begegnete er
einem ganzen Wald von Augen: Breaca war mit Airmid gekommen, Macha
mit Luain, Eburovic stand auf der Seite, in der Nähe des Römers.
Odras, die Besitzerin der Zuchthündin, lehnte an der Wand und
wiegte ein schlafendes Baby in ihren Armen. Als Bán seinen Blick
weiter über die Runde schweifen ließ, fand er das Gesicht, das er
gesucht hatte. Caradoc stand in dem Halbdunkel hinter Amminios.
Sein Vater stand links neben ihm. Bei dieser Beleuchtung konnte man
die Ähnlichkeit ihrer Augen sehen und zugleich den Unterschied
zwischen ihnen erkennen. Der Blick des Sonnenhunds war
nachdenklich, ein bodenloser Teich, den nur die Götter erforschen
konnten. Caradocs Blick war offener; in den eisengrauen Tiefen
seiner Augen blitzte unterdrücktes Gelächter - das aber nur für
diejenigen sichtbar war, die sich die Mühe machten, danach zu
suchen - und Anerkennung.
Bán wischte seine schweißnassen Hände an seiner
Tunika ab. Sein Kopf fühlte sich vollkommen hohl an, und ihm
klangen die Ohren. Möglicherweise fühlte sich ein Junge, der seine
langen Nächte in der Einsamkeit erfolgreich hinter sich gebracht,
seine Kriegerprüfungen bestanden und seinen Speer errungen hatte,
ja ähnlich wie er, obwohl Bán das eigentlich nicht glaubte; keiner
von denjenigen, die er danach zum Männerhaus hatte zurückkehren
sehen, hatte den Eindruck gemacht, als ob die Götter ihn gesegnet
hätten, und genauso fühlte er sich jetzt.
Er wurde sich bewusst, dass Amminios ihn forschend
ansah, dass er ihn gebeten hatte, sich geschlagen zu geben, und
noch immer auf seine Antwort wartete.
Bán runzelte die Stirn und überprüfte noch einmal
das Muster des Tanzes. Übermut und Siegessicherheit waren
gefährlich für einen Krieger, denn sie führten immer zu einer
Niederlage und Demütigungen. Sein Vater hatte ihn das schon vor
langer Zeit gelehrt, und Caradoc hatte es bei den Wettrennen im
Winter unzählige Male demonstriert. Nur mit Tüchtigkeit und
Geschicklichkeit, sorgfältiger Planung und der Unterstützung der
Götter hatte man Erfolg. Bán hatte geplant und gebetet, und die
Götter hatten ihn erhört. Es war Amminios’ letzter Zug, der seinen,
Báns, Lösungsweg möglich machte. Er stützte die Ellenbogen auf die
Knie und beugte sich vor, um seinen hintersten Krieger zu berühren,
eingezwängt in eine Ecke, wo er der Dinge harrte, die da kommen
würden. Er hatte ihn dort vor einiger Zeit hingeschoben; es war ein
Zug unter vielen gewesen bei dem verzweifelten Manöver zum Schutz
seines Träumers. Amminios hatte die Gefahr, die von diesem Stein
ausging, offenbar abgetan, wenn er sie überhaupt erkannt
hatte.
»Du hast mir vorhin eine besondere Regel
beigebracht«, sagte Bán, »und die lautet, dass ein Krieger an
Status gewinnt, wenn er die Ecke erreicht, die am weitesten von dem
Punkt entfernt ist, von dem er gekommen ist. Er kann für einen Zug
als Träumer fungieren. Ist das nicht so?«
Es war nicht nötig, den Stein hochzuheben. Kaum
waren die Worte ausgesprochen, da war der Tanz klar. Für einen
Spielstein mit der Macht und der Reichweite eines Träumers öffnete
sich ein klar erkennbarer Weg quer über das Brett; er konnte über
alle drei restlichen roten Krieger hinwegspringen, zwei der gelben
Krieger schlagen und dann einen letzten Doppelsprung zu dem gelben
Träumer machen, der allein und vergessen auf dem hinteren Teil des
Bretts stand. Es war eine saubere und herrliche Art, den
gegnerischen Träumer zu isolieren und die Partie zu gewinnen, und
er hatte die Grundzüge dieses Manövers von Amminios gelernt.
»Es sieht ganz so aus.« Der Trinovanter legte seine
Handflächen zusammen und berührte seine Lippen mit den
Fingerspitzen. Als er vom Spielbrett aufblickte, waren seine Augen
ebenso ausdruckslos wie die seines Vaters und der Ausdruck auf
seinem Gesicht betont gleichgültig. »Ich gratuliere!«, sagte er.
»Die Götter haben zu deinen Gunsten gesprochen. Mein Pferd gehört
dir.«
»Und Iccius.«
»Selbstverständlich. Mit dem Pferd geht auch der
Pferdebursche.«
Bán blickte auf. Breaca war wütend und zugleich
stolz auf ihn. Macha, die neben ihr stand, hatte große Mühe, nicht
zu lachen. Zwischen ihnen stand Iccius, ein schmächtiges Kind mit
einem Schopf weißblonder Haare und großen blauen Augen, die im
Fackellicht die Farbe von Edelsteinen angenommen hatten. Er
weinte.
Bán erhob sich, von dem dringenden Bedürfnis
getrieben, endlich seine Blase zu entleeren. Er drängte sich durch
die Menschenmenge hindurch und klopfte Iccius im Vorbeigehen auf
die Schulter. Es war ein Augenblick reiner, unverfälschter Freude,
und er wollte ihn nicht ausnutzen.
»Segoventos wird bald abreisen«, sagte er leise.
»Wenn du möchtest, kannst du mit ihm nach Gallien zurückkehren und
von dort aus zu deinem Volk. Wenn nicht, wirst du bei den Eceni
willkommen sein.«
Das Festmahl, das im Großen Versammlungshaus
abgehalten wurde, übertraf das vorangegangene noch um einiges, was
die Qualität und die Menge von Essen und Ale, Wein und Unterhaltung
anbelangte. Die Atmosphäre war sehr viel weniger angespannt als am
Morgen. Sklaven bedienten bei Tisch, aber sie taten es diskret. Den
Seeleuten und denjenigen, die Geschmack an der römischen
Lebensweise gefunden hatten, wurde Wein gereicht. Den Eceni wurde
er nicht aufgedrängt. Zwei Männer und ein Junge verließen
frühzeitig die Runde und gingen nach draußen, um frische Luft zu
schnappen und einen Moment der Ruhe und Einsamkeit zu genießen. Wie
durch Zufall fanden sie einander und gingen eine Weile spazieren,
um schließlich Rast auf dem Abhang jenseits des Nordtores zu
machen, das den Eingang in die Festung markierte. Die Nacht war
kühl, die Luft frisch gewaschen von dem Regen. Die Gewitterwolken
vom Nachmittag hatten sich zu einem hauchdünnen Gespinst aufgelöst,
das sich wie ein Netz vor den Sternen spannte. Das Sternbild des
Jägers stieg am östlichen Himmel auf, und nicht weit davon war der
Hase zu sehen. Das Widderhorn zeichnete sich tief über dem
westlichen Horizont ab. Dazwischen hing der Mond, eine schlecht
gegossene Münze aus mattem Silber, deren eine Seite von der Hitze
des Schmiedefeuers versengt worden war.
Das Gras war von zahllosen Schafherden kurz
geschoren worden und die Luft erfüllt von dem Duft nach Salbei und
Silberkraut. Igel, Ratten und Füchse stöberten in den Abfällen des
Viehmarkts herum. Caradoc legte sich ins Gras zurück, die Hände
hinter dem Kopf verschränkt. »Ihr wollt bald absegeln?«
Der Römer lehnte sich ebenfalls zurück in den
grasbewachsenen Abhang. Neben seinem Kopf wuchs eine kleine weiße
Blume, ein winziges Spiegelbild des Mondes. »Segoventos sagt, wir
müssen binnen zwei Tagen mit der Abendflut auslaufen, solange der
Mond noch voll ist. Es verstößt zwar gegen die Regeln des Anstands,
so früh wieder abzureisen, aber wenn wir noch länger warten,
verpassen wir die rechte Zeit.«
»Er brennt darauf herauszufinden, wie sich das
Schiff handhaben lässt.«
»Natürlich. Und außerdem ist er ängstlich darauf
bedacht, sicher nach Gallien zurückzukehren, bevor Cunobelin es
sich womöglich anders überlegt und ihm das Schiff wieder wegnimmt.
Segoventos will es zwar nicht zugeben, aber dieses Schiff ist noch
besser als dasjenige, das er verloren hat.«
»Ich hatte gehört, sie wollten es eigentlich
Rabe taufen. Warum haben sie das nicht getan?«
»Diese Idee stammte von Curaunios, nicht von den
anderen. Brigas Vögel haben auf See kein Glück.«
»Also haben sie es stattdessen nach meinem Vater
benannt?«, fragte Caradoc.
»Das denkt er vielleicht, aber, nein, sie haben es
nach einem Pferd benannt, das heute Nachmittag bei einem Brettspiel
um ein Haar den Besitzer gewechselt hätte. Und nach seinem
Reiter.«
Bán setzte sich langsam auf. Er hatte bei dem
Festmahl zu viel Ale getrunken, und ihm war schlecht. Das Gefühl,
dass sich alles um ihn drehte, hatte zwar in der frischen Luft
nachgelassen, aber nicht die Übelkeit, die in seinem Magen rumorte.
»Wie haben sie das Schiff genannt?«, wollte er wissen.
»Sonnenpferd.«
»Warum?«
»Weil sie nicht wussten, dass du versuchen würdest,
deine beste Stute an einen Mann wegzugeben, der dafür bekannt ist,
dass er Pferde tötet«, gab Caradoc trocken zurück.
»Wärst du einfach aufgestanden und hinausgegangen,
wenn er dir angeboten hätte, um den Jungen zu spielen?«
»Mein Vater hat eine Menge Sklaven, Bán. Du kannst
nicht mit meinem Bruder um jeden Einzelnen von ihnen
kämpfen.«
»Lass ihn in Ruhe. Er hat gewonnen, als er gewinnen
musste, und das ist genug.« Der Römer erhob sich, um sich zwischen
Caradoc und Bán zu setzen. Er wurde sichtlich gesünder und
kräftiger, je mehr er sich Gallien näherte. Der Bronzereif an
seinem Arm, der perfekt gepasst hatte, als sie die Eceni-Gebiete
verlassen hatten, saß jetzt ziemlich eng und grub sich in sein
Fleisch. Zu Bán sagte er: »Sie haben das Schiff nach deiner
rotbraunen Stute benannt. Sie hat gemeinsam mit uns den schweren
Sturm auf See durchgestanden, und darum bleibt sie jetzt hier bei
dir. Es erschien uns nur recht und billig, ihr Andenken auf diese
Weise zu ehren. Du musst mir eine Nachricht schicken, wenn ihr
Fohlen zur Welt gekommen ist. Ich würde gerne wissen, ob es genauso
ist, wie du es in deinem Traum gesehen hast.«
Bán dankte seinen Göttern, dass er gleich zweimal
wahre Freundschaft in Männern gefunden hatte, vor denen er den
größten Respekt hatte. »Wie sollen wir dich finden?«, fragte er
schläfrig.
»Segoventos wird noch vor Ende des Sommers wieder
in die Eceni-Länder zurückkehren. Er will es noch einmal mit dem
nördlichen Fluss versuchen, zu einer Zeit, wenn dort keine Stürme
herrschen. Er glaubt, dass der Fluss ihm ein gelungenes
Anlegemanöver schuldig ist. Ich schätze, du wirst ihn noch oft
sehen, wenn das Wetter günstig ist. Er müsste eigentlich in der
Lage sein, eine Nachricht an einem Ort zu hinterlassen, wo ich sie
finden werde.«
»Wirst du nicht mit ihm zurückkehren?«
Wenn Corvus Sehnsucht in Báns Frage mitschwingen
hörte, so hatte er zumindest den Anstand, sich nichts davon
anmerken zu lassen. Er sagte: »Ich würde ja zurückkommen, wenn ich
könnte, wirklich, aber ich fürchte, das wird nicht möglich sein.
Wenn ich nach Gallien zurückkehre, dann werde ich auch in die
Legion zurückkehren, und die Entscheidung darüber, wo ich dann
hingehe und was ich tue, liegt bei demjenigen, der das Kommando
über meine Truppe hat. Es kann sein, dass ich zurückkehre, aber ich
denke, wir sollten lieber hoffen, dass Tiberius nicht beschließt,
seine Legionen nach Britannien zu schicken. Ich möchte nicht
gezwungen sein, gegen dich kämpfen zu müssen.«
Das war unmöglich. Sie waren Freunde und würden
sich niemals bekämpfen. »Du könntest doch allein kommen«, sagte
Bán.
»Vielleicht. Wenn ich nicht unverzüglich wieder
abkommandiert werde, bleibt vielleicht noch Zeit dafür.«
Caradoc sagte: »Bán will im Herbst seine
Kriegerprüfungen ablegen, heute in sechs Monaten. Dazu braucht er
zwei Männer, von denen keiner sein Vater sein darf, die vor den
Göttern für ihn eintreten.«
Es war ein Angebot und ein Versprechen und ein
Geschenk von so unermesslich großem Wert, wie er es sich niemals
hätte erträumen können. Bán sah den Mond verschwimmen und zur Seite
rutschen, um sich in zwei Monde zu verwandeln.
Corvus neben ihm schob die Lippen vor und pfiff
nachdenklich durch die Zähne. Schließlich nickte er. »Wenn die
Götter es wollen, werde ich da sein«, erklärte er.