XIV
Die Eceni reisten sogar noch eher ab als die
Seeleute. Sie versammelten sich bei Tagesanbruch, zwei Tage nach
dem Spiel zwischen Bán und Amminios und einen halben Tag, bevor die
frisch getaufte Sonnenpferd mit der Abendflut auslaufen
würde. Der Morgen dämmerte klar und wolkenlos herauf und versprach
gutes Wetter für ihre Reise. Über dem Boden lag ein kalter Nebel,
zurückgedrängt von den Feuern des Großen Versammlungshauses und der
umliegenden Behausungen. Die Pferde stampften und schnaubten, und
ihr Atem bildete kleine weiße Dampfwölkchen in der kalten
Luft.
Breaca saß auf ihrer grauen Stute und wartete am
Tor, während die anderen noch letzte Abschiedsgrüße tauschten.
Cunobelin wartete neben ihr. Sie hatte angenommen, dass er in
großer zeremonieller Aufmachung erscheinen würde, behängt mit
klirrendem, nicht miteinander harmonierendem Schmuck aus
juwelenbesetztem Gold und Bronze und emailliertem Eisen.
Stattdessen hatte er sie wieder einmal überrascht, wie es seine Art
war. Er stand barhäuptig da, sein Haar strohblond in der Sonne,
sein Umhang von dem schlichten Ginsterblütengelb der Trinovanter,
und jeglicher schmückender Verzierungen beraubt. Sein Schwert hing
nach Kriegerart von seiner rechten Schulter herab, und sein Schild
bestand aus mit Rindsleder bespanntem Holz, das mit keinerlei
Stammessymbolen oder Rangabzeichen bemalt war, so dass er auch
ebenso gut einer der Nomadenhelden aus den Geschichten der Sänger
hätte sein können, für die Zeitspanne einer Morgendämmerung in das
Reich der Lebenden zurückversetzt. Er stand am Kopf von Breacas
Stute und gab kurze, ätzende Kommentare über diejenigen ab, die
sich zum Aufbruch versammelten.
Nicht allen fiel der Abschied leicht. Macha hatte
drei Nächte allein mit Luain verbracht, und sie sah ziemlich
niedergeschlagen und abgespannt aus, als sie sich jetzt auf den
Rücken ihrer Stute schwang. Mac Calma hatte Angelegenheiten in
Gallien zu erledigen und daher Segoventos’ Angebot, ihm auf der
Jungfernfahrt des Schiffes eine Koje zur Verfügung zu stellen,
bereitwillig angenommen. Er hatte versprochen, auf seiner Rückreise
nach Mona zu einem erneuten Besuch in das Rundhaus zurückzukehren,
aber es war kein Zeitpunkt für seine Ankunft ausgemacht worden. Es
war ein Muster, nach dem ihre Begegnungen auch früher schon
abgelaufen waren, und der Schmerz darüber war alt und deutlich auf
ihren Gesichtern zu erkennen. Die Gewohnheit hatte ihn nicht zu
mildern vermocht.
Bán dagegen wirkte sehr viel froher. Er stand hoch
aufgerichtet neben dem Römer, und sein Gesicht glühte vor Stolz und
Freude, nur leicht gedämpft durch den Kummer darüber, dass sich
ihre Wege nun wieder trennen würden. Seit Báns Sieg im Spiel waren
sie fast ständig zusammen gewesen und gemeinsam ausgeritten oder
hatten mit Schwertern und Speeren trainiert. Breaca hatte bemerkt,
mit welcher Sorgfalt der Römer ihren Bruder in der Kampfweise der
Legionen unterwiesen hatte, damit er in der Lage sein würde, sich
gegen sie zu verteidigen, falls sie jemals aufeinander stoßen
sollten. Jetzt sagte Corvus etwas in seinem mit starkem Akzent
behafteten Gallisch, und Bán antwortete lachend. Er war im
Stimmbruch, und mitten im Satz schnappte seine Stimme über und
sprang dann die Tonleiter hinunter, um in einer Tonlage zu enden,
die der von Luain entsprach. Sie war nicht sonderlich tief, aber
volltönend, und man konnte jetzt schon erkennen, wie seine Stimme
einmal klingen würde, wenn er ein erwachsener Mann war.
Spontan und ohne nachzudenken sagte Breaca: »Er ist
kein Kind mehr.«
»Es sieht ganz danach aus.« Sie hatte völlig
vergessen, dass Cunobelin da war und ihre Bemerkung mithören
konnte. In seiner Stimme schwang der mittlerweile vertraute bissige
Humor mit, der andere, ernstere Dinge überlagerte. »Wir geben uns
die größte Mühe, Mannbarkeitsprüfungen anzuordnen, die den
heranwachsenden Jünglingen eine Menge abverlangen, so dass sie am
Ende das Gefühl haben werden, als ob sie großen Widrigkeiten zum
Trotz einen echten Sieg errungen und sich den Eintritt ins
Mannesalter ehrlich erkämpft hätten. Und dann greift manchmal das
Schicksal ein - ihr würdet sagen: die Götter - und macht das Wirken
des Menschen überflüssig.«
»Er wird trotzdem im Herbst seine drei langen
Nächte in der Einsamkeit hinter sich bringen müssen. Ohne diese
Prüfung werden ihm die Ältesten nicht seinen Speer gewähren.«
»Natürlich. Die Rituale müssen befolgt werden,
damit er den Leuten beweisen kann, dass er zum Mann herangereift
ist, und er selbst würde das sicherlich auch gar nicht anders
wollen. Aber tief in seinem Herzen kennt er die Wahrheit, und er
weiß, dass auch andere sie erkannt haben.«
Cunobelin hatte Recht. Das zeigte sich in der Art,
wie Bán sich hielt, in der Ungezwungenheit, mit der er über den
plötzlichen Ausrutscher in seiner Stimme hinwegging und das
Abschiedsgeschenk des Römers in Form eines Messers annahm, während
er ihm eine Speerklinge als Gegengeschenk überreichte.
Ein kleiner Funke des Stolzes glimmte in Breacas
Herz, ein Gefühl der Wärme, das jedoch keine Chance hatte, sich
gegen all den kalten Trennungsschmerz zu behaupten. »Er hat gut
gewonnen«, sagte sie.
»Das hat er, aber es war seine Sorge um den Jungen,
Iccius, die ihn letztendlich zum Mann gemacht hat. Und das weiß er
auch.«
Auch das stimmte. Iccius wartete hinter Bán, ein
flachsblondes, schmächtiges Kind, das auf dem stämmigen,
gedrungenen Schecken, den Segoventos auf der Reise in den Süden
geritten hatte, ein wenig verloren wirkte. Der Hauch der Freiheit
hatte bereits eine Veränderung in seinem Blick bewirkt.
Andere Mitglieder der Eceni-Delegation versammelten
sich zum Aufbruch. Es versetzte Breaca einen Schock, als sie Airmid
ein ganzes Stück weiter entfernt in der Nähe des Großen
Versammlungshauses warten sah, zerzaust und geistesabwesend und
noch ohne ihr Pferd. Sie hatte die letzte Nacht damit verbracht, in
den Wäldern und Wiesen jenseits der Mauern der Residenz
Heilpflanzen zu sammeln, und war erst kurz vor Morgengrauen wieder
zurückgekehrt, beladen mit Schwingelgras und Salbei und den ersten
blassgelben Blüten des Ackermennings. Eine junge Frau, Cerin - die
Schwester der Frau mit dem kranken Kind -, war mit Airmid
hinausgegangen, und bei ihrer Rückkehr hatte sie ein Band aus
Birkenrinde um die Stirn getragen, und auf ihrem Gesicht hatte der
wehmütige, gedankenverlorene Ausdruck einer Träumerin gelegen -
oder auch der einer neuen Geliebten. Die beiden gingen jetzt
gemeinsam zu den Pferdeställen. Dubornos starrte sie mit finsterem
Blick an, als sie an ihm vorbeieilten, was unter anderen Umständen
vielleicht amüsant hätte sein können. Breaca beschäftigte sich
angelegentlich damit, den Sitz ihres Sattelgurts zu überprüfen, und
sagte nichts.
»Sie reitet nicht mit euch.«
Sie blickte überrascht zu Cunobelin hinunter. Der
Sonnenhund wies mit einer Kinnbewegung auf die beiden jungen
Frauen. »Cerin«, sagte er. »Sie reitet nicht mit euch. Das Kind
ihrer Schwester schwebt noch immer in Lebensgefahr, und sie ist die
Einzige, die eventuell im Stande ist, es am Leben zu
erhalten.«
Ein Gefühl drohender Gefahr rieselte über Breacas
Rückgrat herab. Heilen gehörte zu den Aufgaben der Träumer, und
Cunobelin hatte seinen Träumern bei lebendigem Leib die Haut
abgezogen und sie dann an ihre heiligen Bäume nageln lassen, wo sie
eines qualvollen Todes gestorben waren. Nur Heffydd war diesem
Schicksal entronnen, und das auch nur, weil er seinen Visionen
entsagt hatte. Sie blickte den Sonnenhund an, während sie
angestrengt überlegte. Bei all den Malen, die sie bisher
miteinander zu tun gehabt hatten, war er ihr niemals eine klare
Antwort auf eine direkte Frage schuldig geblieben. »Kann sie
gefahrlos hier bleiben?«, fragte sie.
»Ja. Ich habe mit Luain mac Calma gesprochen. Ich
habe auf den Adler von Rom und das Abzeichen des Sonnenhunds
geschworen, dass ich ihr nichts antun werde, und er hat mein Wort
akzeptiert. Sie wird im Herbst nach Mona reisen. Mac Calma wird
dann dafür sorgen, dass Krieger ausgeschickt werden, die sie auf
ihrer Reise begleiten und schützen.«
Er sagte dies nicht in böser Absicht. Die Fakten
kündigten eine Veränderung in der Art und Weise der Verhältnisse
an, so wie das erste Fohlen den Frühling ankündigt, und nichts
davon hatte irgendeinen Einfluss auf Breaca oder auf ihr Leben. Sie
musste ihre eigene Wahl treffen, und sie musste die Konsequenzen
dieser Entscheidung allein tragen. Trotzdem war sie froh zu sehen,
wie Caradoc herbeigeritten kam, um sich von seinem Vater zu
verabschieden, denn sein Erscheinen gab ihr wenigstens einen Grund,
um anderswohin zu blicken.
Sie zog sich zurück, weil sie nicht Zeugin dieser
endgültigen Trennung zwischen Vater und Sohn werden wollte. Sie
hatte nicht vergessen, und sie würde auch nicht so leicht
vergessen, mit welcher Raffinesse der Sonnenhund die Nachricht von
einem Todesfall manipuliert hatte und wie weit er gegangen war, um
sie geheim zu halten. Nach Caradocs Treffen mit seinem Vater hatte
sich die Neuigkeit dann herumgesprochen, und bis zum Einbruch der
Dunkelheit hatte anscheinend die gesamte Residenz Bescheid gewusst.
Sie hatte sich zweifellos so schnell herumgesprochen, dass Odras,
als sie am Abend vor der Abreise der Eceni-Delegation gebeten
worden war, dem Jagdhundwelpen einen Namen zu geben, beschlossen
hatte, die kleine Hündin Cygfa zu nennen, zu Ehren einer toten
Kriegerin der Ordovizer, und niemand war auf den Gedanken gekommen,
diese Wahl zu hinterfragen.
Der Abschied zwischen Caradoc und Odras hatte unter
vier Augen stattgefunden, und auch darüber hatte niemand ein Wort
verloren. Zwar hatte Caradoc Odras nicht seinen Armreif
zurückgegeben, aber dafür hatten sie andere, weniger greifbare
Geschenke ausgetauscht, und das hatte den letzten Tag ihres
Aufenthalts nicht weniger schwierig gemacht. Es hatte Augenblicke
gegeben, da hatte Breaca befürchtet, dass Caradoc vielleicht
bleiben würde und es erhebliche Schwierigkeiten zwischen dem jungen
Krieger und seinem älteren Bruder geben könnte, doch dazu war es
zum Glück nicht gekommen. Genau wie sie vorausgesagt hatte, hatte
Luain Caradoc von der Blutschuld freigesprochen, wonach es dem
jungen Mann frei gestanden hatte, entweder mit Segoventos an Bord
des Schiffes zu gehen, in der Residenz seines Vaters zu bleiben
oder aber nach Westen zum Volk seiner Mutter zu reiten. Seine
Bitte, wieder mit den Eceni nach Norden reiten zu dürfen, war
unerwartet gewesen, aber ganz und gar nicht unwillkommen. Bei dem
seltsamen Gefühl der Enttäuschung, das das Ende ihres Besuchs
kennzeichnete, war Breaca für das Angebot seiner Begleitung nur zu
dankbar gewesen.
Caradoc hatte sein Pferd als Letzter von den
Ställen heraufgebracht. Mit seinem Erscheinen war die Gruppe nun
vollzählig. Eburovic und Macha reihten sich hinter Breaca in die
Kolonne ein, dicht gefolgt von Airmid. Dubornos, ausnahmsweise
einmal schweigsam, ritt an der Seite der Träumerin. Zwei Tage lang
würden sie alle gemeinsam reisen; dann, an der Grenze zu den
Eceni-Ländern, würde Airmid die Gruppe verlassen und sich nach
Westen wenden, um nach Mona zu reiten. Keiner wusste, wann sie
wieder zurückkehren würde. Es war eine Vorstellung, die Breaca sehr
bedrückte, doch sie entschied, dass es das Beste war, erst einmal
nicht daran zu denken. Die letzten Reiter schlossen sich der
Kolonne an. Tagos und Sinochos bildeten die Nachhut und führten
eine Reihe von reiterlosen Pferden, beladen mit Geschenken des
Sonnenhunds, und dann war es Zeit zum Aufbruch.
Cunobelin kehrte an Breacas Seite zurück und legte
seine Hand abermals auf den Zaum der grauen Stute. Er hatte die
vergangene Nacht mit einem Festgelage verbracht und sich dabei
lange und ausführlich mit Eburovic unterhalten, wirkte jedoch in
keiner Weise übernächtigt. Sein Atem roch nach Wein, überlagert von
Rossminze, aber beide Gerüche waren nicht übermäßig stark. Seine
Augen waren genauso, wie Breaca sie bei ihrer allerersten Begegnung
gesehen hatte: voll trockenen Humors und von einem tief gehenden
Verständnis erfüllt, das sowohl alarmierend als auch seltsam
tröstlich war. Ihr kam der Gedanke, dass dieser Mann ein
unvergleichlicher Verbündeter gewesen wäre, wenn sie hätte lernen
können, ihm zu vertrauen. Doch dafür war es jetzt zu spät; sie
versuchte, sich ihn als Verbündeten vorzustellen, und konnte es
doch nicht. Nach dem Vorfall in der Schmiede war es einfach
unmöglich, ihn als irgendetwas anderes als gefährlich zu
betrachten.
Mit einem Nicken, als ob Breaca gesprochen hätte,
hob Cunobelin den Arm und umfasste ihren Ellenbogen in dem
schlichten Abschiedsgruß der Krieger. »Bist du bereit?«, fragte
er.
»Nein. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn
wir noch länger hier warten. Ich denke, wir sollten jetzt
aufbrechen.«
»Gut. Dann werde ich den Weg für euch freimachen.«
Er gab ein Handzeichen, und acht Männer schoben die schweren Balken
zurück, die das Tor geschlossen hielten. Mit einem Ächzen wie von
einem umstürzenden Baum schwangen die beiden Torflügel nach außen
auf. Die Wiese unterhalb des Tores war still und leer. Man hatte es
also nicht für nötig gehalten, auch für ihre Abreise einen
Viehmarkt anzuordnen.
Cunobelin ging neben Breaca her, als sie ihre Stute
durch die Öffnung in der Festungsmauer trieb. »Du wirst
zurückkehren?«, fragte er. Wie bei allem, was er sagte, war es
sowohl eine Frage als auch eine Feststellung.
»Wenn die Götter es so wollen.«
Seine Augen funkelten spöttisch. »Dann werde ich um
ihre Fürsprache beten.«
Sie schritten durch das Tor. Die anderen folgten
ihnen in einer langen Schlange, während sie den Zurückbleibenden
ein letztes Mal zum Abschied winkten. Der Sonnenhund hob abermals
den Arm und ergriff Breacas Hand. Sie spürte die narbigen Schwielen
von Schwert und Speer, als seine Handfläche die ihre berührte, und
dann, überraschenderweise, das plötzliche Drücken eines Rings. Als
sie hinunterblickte, sah sie einen Sonnenstrahl auf der goldenen
Oberfläche des Rings aufblitzen, der mit dem erhaben gearbeiteten
Symbol der Sonne und ihres Gefolgshundes geschmückt war. Cunobelin
hatte das Gegenstück dazu während der gesamten Dauer ihres
Aufenthalts am kleinen Finger seiner linken Hand getragen. Sie
drehte seine Hand herum, um zu sehen, ob er den Ring noch immer
trug, und zum ersten Mal verzog sich sein Gesicht zu einem offenen,
aufrichtigen Lächeln.
»Es ist meiner«, sagte er. »Ich würde nicht
erlauben, dass eine Kopie davon angefertigt wird. Nimm ihn. Die
Götter haben es nicht für angebracht gehalten, mir eine Tochter zu
schenken. Aber vielleicht habe ich jetzt ja so etwas wie die ersten
Anfänge einer Tochter gefunden. Wenn du Hilfe im Namen des
Sonnenhunds brauchst, dann wirst du sie bekommen, selbst bis ans
Ende der Welt und in alle vier Himmelsrichtungen.« Es war ein alter
Schwur, und er hörte sich etwas seltsam aus dem Mund eines Mannes
an, der aus seiner Verachtung für die Götter keinen Hehl gemacht
hatte.
Breaca hätte vielleicht direkt und ohne Umschweife
darauf geantwortet, doch in diesem Moment tauchte Caradoc auf ihrer
anderen Seite auf, und seine Anwesenheit diente ihr als
Warnung.
»Danke.« Sie probierte den Ring an und stellte
fest, dass er am vierten Finger ihrer rechten Hand am besten
passte. »Ich werde gut auf ihn aufpassen. Ich werde mich an dein
Angebot erinnern, wenn die Eceni deinen Beistand brauchen.«
»Nicht bloß die Eceni«, erwiderte Cunobelin.
»Sondern du. Das ist ein Unterschied.«
Sie ritten in gedrücktem Schweigen, während sie
Pfaden folgten, die sich am Rand der Waldungen des Sonnenhunds
entlangzogen und auf einer Seite von Feldern mit frisch gepflanztem
Mais und Bohnen begrenzt wurden. Es war spätes Frühjahr, die Zeit
des häufigsten und intensivsten Unkrautjätens, und die Felder waren
voller Leute. Frauen und Männer unterbrachen ihre Arbeit, um sie
mit Beifall zu begrüßen, als Breaca und ihre Delegation
vorbeiritten. Caradoc wurde sofort an seinem Haar und der Farbe
seines Umhangs erkannt, und er hielt häufig inne, um den Leuten zu
winken und einen Gruß zuzurufen. Am späten Vormittag erkannte ihn
ein Mann, der in einiger Entfernung auf dem Feld arbeitete, und
schickte seinen Sohn, einen Jungen von vielleicht fünf oder sechs
Jahren, um Caradoc zu bitten, ihn ein paar hundert Schritte weit
auf seinem Pferd mitreiten zu lassen, damit der Junge später einmal
voller Stolz sagen könnte, dass er mit dem größten Krieger geritten
war, der jemals aus der Festung gekommen war. Der Kleine war
schmuddelig und ungewaschen und hatte Kopfläuse, doch Caradoc hob
ihn bereitwillig vor sich auf den Sattel und setzte ihn dann später
so behutsam wieder ab, als ob er ein geliebter Sohn wäre.
Weiter draußen, auf dem höher gelegenen, weniger
fruchtbaren Gelände, kamen sie an Weiden voller Rinder und Schafe
vorbei, die durch Wassergräben begrenzt waren. Rotbraune,
langhörnige Kühe grasten inmitten von zotteligen Kälbern.
Mutterschafe, die an der für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Hitze
Anstoß nahmen, scheuerten sich an den Hagedornbüschen, um ihre
dicke Wolle loszuwerden. Auch hier gab es Leute, die Breaca und
ihren Begleitern zujubelten, und immer wieder kam ein Schafhirte
oder ein Kuhjunge angelaufen, um sie zu begrüßen und einen Schwatz
mit ihnen zu halten und Neuigkeiten von der Festung und ihren
Bewohnern auszutauschen. Das alles hielt sie zwar auf, aber nicht
allzu sehr.
Gegen Mittag durchwateten sie einen schmalen Fluss
zwischen zwei Weidengehölzen und hielten dann im Schatten der Bäume
an, um Rast einzulegen und eine Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Sinochos organisierte das Essen; er hatte die Packpferde gesattelt
und wusste, wo die am leichtesten verderblichen Vorräte verstaut
waren. Breaca fesselte der Grauen die Vorderbeine, um sie mit den
anderen Pferden grasen zu lassen, und ging dann allein am Flussufer
entlang bis zu einer Stelle, wo keine Bäume mehr wuchsen und sie
sich ungehindert an das sandige Ufer setzen konnte, um ihre Füße im
Wasser baumeln zu lassen. Für seine geringe Tiefe strömte der Fluss
ziemlich schnell dahin, und als Breaca ihre Fersen ins Wasser
tauchte, bildeten sich kleine Strudel auf der Oberfläche. Kleine
Fische drängten sich um ihre Zehen, wohl in der Annahme, es seien
Insekten. Ein Fischreiher flog hoch über sie hinweg und landete
dann auf langen Stelzenbeinen am jenseitigen Flussufer, ein Stück
weiter stromaufwärts von der Stelle, an der Breaca saß. Sie hielt
nach Fröschen Ausschau oder nach Anzeichen von Kaulquappen und fand
doch keine.
Schließlich legte sie sich zurück und schloss die
Augen. Eine Schar Enten floh schnatternd stromabwärts,
aufgescheucht von den Pferden oder auch von einem der Männer, die
im Wasser plantschten. Tagos rief irgendetwas, und Dubornos
antwortete, dann stimmte Sinochos ein und eine der Frauen aus den
nördlichen Ländern am Wash, und plötzlich schien es so, als ob die
gesamte Gruppe im Fluss badete, laut plantschend und spritzend und
fluchend, während sie damit beschäftigt waren, sich den Rauchgeruch
und den Schmutz von drei Tagen unter einem fremden Dach
abzuwaschen.
Breaca streifte ihre Kleider ab und glitt allein in
das klare Quellwasser. Es war so kalt, dass es ihr für einen Moment
den Atem verschlug. Sie tauchte unter und stand dann breitbeinig
da, die Füße fest auf den Boden gestemmt und die Arme weit
ausgebreitet, um sich von der Strömung sauber waschen zu lassen und
zusammen mit dem Schmutz auch alle Erinnerungen an die Festung, an
Cunobelin und seine Machenschaften sowie an Amminios und seine
höhnische Bösartigkeit von sich abzustreifen. Sie öffnete die Augen
wieder und sah, wie das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche
sickerte und die seltsam unirdisch anmutende Welt um sie herum
grünlich leuchten ließ. Ihre Arme glichen den Gliedern eines
Gespensts, von Fleisch und Knochen befreit und in ein
durchscheinendes Nichts zerlegt, bis nichts mehr von ihr übrig
blieb außer ihrer Seele und dem nagenden Schmerz über Airmids
Abreise. Sie ließ den angehaltenen Atem in kleinen, ungleichen
Blasen aus sich herausströmen und stieß sich mit den Füßen ab, um
wieder an der Oberfläche aufzutauchen. Die reale Welt kehrte
zurück, hell und laut und von dem übermütigen Gelächter der anderen
erfüllt. Breaca schwamm zum Ufer und zog sich auf den warmen Sand
hinauf, um sich von der Sonne trocknen zu lassen und dann in eine
Tunika zu schlüpfen, die sauber gewesen war und sich dennoch
schmutzig anfühlte.
Als sie anschließend ausgestreckt im Sand lag,
lauschte sie dem mittlerweile vertrauten Wechsel zwischen Iccius’
Fragen und Báns knappen, sorgfältig überlegten Antworten.
Unterschwellig und ganz am Rande ihres Hörvermögens nahm sie noch
ein anderes Geräusch wahr, ein leises Tappen auf dem Sand. Sie
dachte an Frösche und hielt die Augen geschlossen.
»Wolltest du nichts essen?«
Es war Caradoc. Es hätte schlimmer sein können. Sie
schlug die Augen auf und drehte den Kopf zur Seite. »Nein, danke.
Ich habe so viel Fleisch gegessen, dass es für ein ganzes Leben
reicht. Ich kann jetzt wirklich gut und gerne darauf
verzichten.«
»Es gibt nicht nur Fleisch. Es gibt auch Käse,
gemalzte Gerste und süße Haferkuchen mit gemahlenen Nüssen, mit
Ampferblättern umwickelt.« Letztere waren eine trinovantische
Delikatesse, und er wusste, dass Breaca die kleinen Kuchen mochte.
Sie hätte Caradoc zuliebe gerne einen gegessen, aber bei dem bloßen
Gedanken an Essen krampfte sich ihr schon der Magen zusammen.
»Danke, aber nein. Ich möchte vorläufig lieber
nichts essen.« »Wie du willst. Inzwischen ist wahrscheinlich
sowieso nichts mehr davon übrig. Dubornos frisst wie ein
Scheunendrescher, sozusagen auf Vorrat, für den Fall, dass sie auf
dem Weg nach Mona Hunger leiden müssen.«
Er sprach ganz unverblümt über die bevorstehende
Reise und mit dem vertrauten bissigen Humor, und Breaca war ihm
dafür dankbar. Die anderen hatten schon seit Tagen einen Bogen um
das Thema Mona gemacht, als ob es in ihrer Gegenwart nicht erwähnt
werden dürfte. Noch nicht einmal Eburovic hatte es gewagt, offen
darüber zu sprechen, wenn Breaca in Hörweite gewesen war. »Sie
werden schon nicht verhungern«, erwiderte sie. »Sie werden unter
dem Schutz der grauen Umhänge von Mona reisen, und wo immer sie
auch Rast einlegen, wird man sie so üppig bewirten, als ob sie
geradewegs von den Göttern kämen.«
»Dubornos ist der Ansicht, dass Airmid jeden
Kontakt mit den Catuvellaunern oder den Coritani meiden sollte.
Vielleicht täte sie gut daran, auf seinen Rat zu hören.«
»Das denke ich nicht. Nur dein Vater wagt es, die
Heiligkeit von Mona zu missachten, und selbst er hat ihnen
Sicherheit garantiert. Sie brauchen also keine Gefahr durch
Menschen zu befürchten, und mit den Wölfen kann sogar Dubornos
fertig werden.«
»Schon möglich.« Caradoc setzte sich neben sie. Er
hatte seine Tunika gegen ein Wams aus dunklerer, gröber gewebter
Wolle vertauscht und den goldenen Halsreif abgelegt. Als Breaca
seinen schlichten, schmucklosen Aufzug sah, ahnte sie bereits, was
kommen würde.
»Du verlässt uns?« Sie spürte einen schmerzhaften
Stich der Enttäuschung. Sie konnte mit niemandem so lachen wie mit
Caradoc; seine Anwesenheit hätte sie aufgeheitert und diesen
Frühling ein kleines bisschen weniger trostlos gemacht.
»Ja. Es tut mir Leid. Segoventos wartet mit dem
Schiff in einem Hafen auf mich, der eine Strecke weiter
flussabwärts liegt, aber nur bis morgen früh. Wenn ich bis dahin
nicht an Bord bin, wird er ohne mich absegeln.«
»Du willst also mit Luain nach Gallien
gehen?«
»Ja, aber nur für kurze Zeit. Ganz gleich, was ich
zu meinem Vater gesagt habe, ich muss in den Westen reisen und mit
dem Volk meiner Mutter sprechen, und sei es auch nur, um sie über
die Fakten von Cygfas Tod zu informieren. Es gibt Schiffe, die von
Gallien aus die Westküste hinaufsegeln. Um diese Jahreszeit laufen
jeden Monat mindestens zwei oder drei von ihnen aus den Häfen aus.
Ich werde eines von diesen Schiffen nehmen, um nach Britannien
zurückzukehren.«
»Du könntest dir diesen Umweg aber doch auch sparen
und stattdessen mit Airmid reiten. Die Route nach Mona führt durch
das Land der Ordovizer.«
»Das könnte ich, aber man erkennt mich zu leicht,
als dass ich längere Zeit unbemerkt bleiben würde. Mein Vater würde
prompt davon erfahren und Männer auf meine Spur ansetzen. Wenn ich
aber mit dem Schiff reise, kann ich in der Residenz der Streitaxt
sein, bevor ihn die Nachricht erreicht, dass ich nicht mehr bei den
Eceni bin.«
»Damit er nicht versucht, dich zum Zuchthengst zu
machen«, erwiderte Breaca mit einem matten Lächeln. »Ich erinnere
mich.« Sie erinnerte sich auch noch an andere Einzelheiten der
Unterhaltung in der Schmiede. »Dein Vater hat bereits Spione unter
den Ordovizern. Sie werden ihn sofort benachrichtigen, wenn du dort
ankommst.«
»Nein. Er mag zwar noch andere Spione haben, aber
von jenen dreien wird er nie wieder etwas hören.«
Es gab viele Eigenschaften, die Caradoc mit seinem
Vater gemeinsam hatte. Die Fähigkeit, völlig emotionslos über den
Tod zu sprechen, gehörte allerdings noch nicht dazu. Er versuchte
es zwar, aber die Anstrengung ließ seine Stimme rau und gepresst
klingen. Breaca betrachtete sein unbewegtes Gesicht und blickte
forschend in die grauen Tiefen seiner Augen. »Du meinst, tote
Männer können nicht mehr reden?«, fragte sie.
Er zuckte die Achseln und erwiderte ihren Blick
fest und unverwandt. »Sie haben Cygfa getötet. Die Ältesten werden
zu einer Ratssitzung zusammenkommen, um über ihr Schicksal zu
entscheiden, genauso wie sie es im Fall des Römers getan haben. Die
Entscheidung wird nicht in meinen Händen liegen.«
»Ich glaube aber, deine Stimme wird stark ins
Gewicht fallen. Sie hat auch bei den Eceni große Bedeutung gehabt,
und dabei warst du noch nicht mal einer von uns.«
»Dann werde ich gründlich nachdenken, bevor ich
spreche.«
Er würde für den Tod der drei Männer stimmen. Das
brauchte nicht erst gesagt zu werden. Breaca hätte genau das
Gleiche getan.
Sie rupfte einen Grashalm aus und kaute darauf
herum. Mit ihrem Zeigefinger malte sie eine Streitaxt in den Sand
und dann das Symbol des Sonnenhunds. »Hast du sie gekannt?«, fragte
sie. »Die Männer deines Vaters?«
»Ich glaube schon. Drei Männer seiner Ehrengarde
fehlten während unseres gesamten Aufenthalts in der Festung. Sie
wären da gewesen, wenn sie es irgendwie hätten ermöglichen können.«
Er beugte sich über ihre Zeichnung und wischte das Symbol des
Sonnenhunds aus, um es durch einen gut gezeichneten Schlangenspeer
zu ersetzen. »Sie sind in einem Alter zwischen Togodubnos und
meinem Vater. Sie haben mich im Umgang mit Waffen unterrichtet, als
ich ein Kind war. Einer von ihnen schenkte mir mein erstes
Schlachtross. In einer Schlacht hätte ich jedem Einzelnen von ihnen
blind vertraut, mehr noch als jedem anderen Kampfgefährten.«
»Aber sie haben Cygfa getötet, und deshalb werden
sie sterben müssen.« Breaca malte unbewusst einen Frosch in den
Sand und wischte ihn dann, als sie merkte, was sie da gezeichnet
hatte, hastig mit dem Handballen wieder weg. »Sie war deine
Cousine, nicht wahr?«
»Sie war für mich das Gleiche, was Bán für dich
ist.«
»Oh.« Das machte die Sache natürlich anders.
»Wusste Odras das?«, fragte sie.
»Natürlich.«
»Und dein Vater?«
»Es ist klug, anzunehmen, dass mein Vater alles
weiß. Diese Annahme erweist sich fast immer als richtig.«
»Dann wird er auch wissen, dass du heute Abend an
Bord des Schiffes gehst.«
»Nein. Bei einigen Dingen sind wir äußerst
vorsichtig. Von denjenigen, die in der Festung zurückgeblieben
sind, wissen nur Luain und Segoventos, dass ich komme. Sonst
niemand.«
»Und von denjenigen, die hier sind?«
»Bán weiß Bescheid. Und jetzt du. Wenn ich fort
bin, kannst du es auch den anderen sagen. Dubornos würde mich
wahrscheinlich am liebsten aus reiner Boshaftigkeit verraten, aber
ich glaube nicht, dass er allein in die Residenz zurückreiten wird,
jedenfalls nicht jetzt, wo die Reise nach Mona so unmittelbar
bevorsteht.«
Caradoc erhob sich, seine Lippen zu einem Lächeln
verzogen, das so gar keine Ähnlichkeit mit dem seines Vaters hatte.
Sein Umhang war mit grober, ungefärbter Wolle gefüttert, und
während Breaca zuschaute, zog er ihn aus, drehte ihn herum, so dass
die schlichte Innenseite nach außen zeigte, und schlüpfte dann
wieder hinein. Die Brosche, mit der er den Umhang über der Schulter
befestigte, hatte keine konkrete Form und würde deshalb auch keine
Aufmerksamkeit erregen. Er zog eine Lederkappe aus seinem Gürtel
und setzte sie auf, um seinen auffälligen goldblonden Haarschopf zu
verstecken. Das Schwert, das er trug, war dasjenige, das Eburovic
für ihn geschmiedet hatte. Es hing über seiner Schulter, und das
Heft war mit Streifen aus Kalbsleder umwickelt, um das
verräterische Symbol der Streitaxt zu verbergen, die in das Metall
eingeprägt war. Breaca sah sich nach seinem Pferd um und stellte
fest, dass er sein graubraunes Hengstfohlen gegen den gedrungenen
Schecken eingetauscht hatte, den Iccius bisher geritten hatte. Der
Schecke war ein gutes Reitpferd, aber er war bei weitem nicht so
schnell und ausdauernd wie das Hengstfohlen. Breaca und Caradoc
gingen gemeinsam zu der Stelle am Rand des Birkengehölzes, wo sein
Pferd wartete, und sie verschränkte ihre Hände, damit er einen Fuß
hineinstellen und sich so in den Sattel schwingen konnte.
»Du hättest das Hengstfohlen nehmen sollen«, sagte
sie. »Dann hätten wir wenigstens eines Tages ein Wettrennen
veranstalten können.«
Es war eine belanglose Bemerkung, und sie hatte sie
auch nur gemacht, um irgendetwas zu sagen. Trotzdem grinste
Caradoc. »Bán und ich haben uns auf einen vorübergehenden Tausch
geeinigt. Ich werde zu gegebener Zeit wieder zurückkehren, um das
Hengstfohlen zu holen. In der Zwischenzeit ist das Tier bei den
Eceni wesentlich sicherer und besser aufgehoben als auf einem
Schiff, das nach Gallien fährt. Ich werde so lange den Schecken
nehmen und ihn später verkaufen. Segoventos wird den Erlös dann an
Iccius zurückgeben, beziehungsweise mit dem Geld eine Stute für ihn
kaufen, damit der Junge seine eigene Herde gründen kann. Bán wird
ihm das Hengstfohlen als Deckhengst ausleihen.«
Er warf seinen Umhang über die Schultern zurück.
Breaca versetzte dem Schecken einen Klaps auf die Hinterbacken.
Caradoc beugte sich hinunter und streckte ihr seine Hand hin, und
sie ergriff sie. »Du hast ja alles bis ins Kleinste durchdacht und
geplant«, sagte sie.
»Natürlich. Ich bin ja auch der Sohn meines
Vaters.« Sein Lächeln war betont unbekümmert. Sein Händedruck war
kühl und fest und berührte jene Tiefen in ihrem Inneren, wo sie
sich am einsamsten und leersten fühlte. Seine Augen waren von der
Farbe von Wolken und ihre Muster ebenso komplex. Er zog seine Hand
wieder zurück und hob den Arm zum Kriegergruß. »Du könntest immer
noch nach Mona reiten«, sagte er ruhig. »Die Ältesten haben
Dubornos nicht offiziell als Airmids Krieger anerkannt, und sie
wird wohl kaum unglücklich sein, wenn er durch jemand anderen
abgelöst wird. Du solltest mir ihr sprechen. Sie fürchtet sich vor
dem morgigen Abschied ebenso sehr wie du.«
»Wir haben bereits alles gesagt, was wir überhaupt
sagen können. Es gibt nichts, das Worte jetzt noch ändern
könnten.«
»Vielleicht.« Er trieb den Schecken vorwärts.
Breaca ging neben ihm her und schob dabei die tief herabhängenden
Birkenzweige aus dem Weg. Caradoc blickte über ihren Kopf hinweg in
die Ferne, seine Augen zu Schlitzen verengt, während er den
Horizont absuchte. Als ob er zu dem Pferd spräche, sagte er: »Cerin
war die Tochter des letzten wahren Träumers der Trinovanter, einer
von denjenigen, die mein Vater damals auspeitschen und dann an
einer Eiche aufhängen ließ. Sie ist zur Frau geworden, ohne dass
sie irgendjemanden gehabt hätte, der ihr während dieser schwierigen
Phase mit Rat und Tat zur Seite hätte stehen können. Der Umstand,
dass gleich drei Träumer auf einmal in der Festung anwesend waren,
war ein Geschenk für sie, größer als jedes, um das sie jemals hätte
beten können. Du kannst ihr keinen Vorwurf daraus machen, dass sie
alles genommen hat, was sie ihr geben konnten.«
Breacas Mund wurde plötzlich staubtrocken. Wäre es
irgendjemand anderer gewesen, der so mit ihr sprach, wäre sie
wortlos davongegangen. Weil es aber Caradoc war, mit dem sie durch
einen Eid verbunden war, und weil sie auf seine Integrität
vertraute, erwiderte sie: »Ich mache niemandem einen Vorwurf.
Airmid trifft ihre Wahl, wo und wann sie will. Das tun wir
alle.«
»Richtig.«
Sie waren inzwischen auf offenem Gelände angelangt.
Breaca blieb im Schatten der Bäume stehen. Vor ihnen verlief eine
Wildfährte, die nach Osten Richtung Meer führte. Die Gegend war
einsam und menschenleer; sie konnte nirgendwo Rundhäuser oder
Hütten von Viehhirten entdecken, zumindest nicht bis zur nächsten
Anhöhe. Jenseits davon ließ die Luft die nahe See ahnen. Der
schwache, salzige Hauch des Meeres vermischte sich mit dem Geruch
von zerdrücktem Gras und Pferdeschweiß. Breaca dachte an Caradocs
letzte Begegnung mit den Göttern des Meeres und daran, wie viel Mut
es ihn kosten würde, sich nun wieder an Bord eines Schiffes zu
begeben. Aus einem plötzlichen Impuls heraus löste sie die
Schlangenspeer-Brosche von ihrer Tunika. »Hier...« Sie hielt sie
Caradoc hin. »Zum Schutz.«
»Gegen Schiffbruch?« Er konnte ihre Gedanken nur zu
mühelos lesen. »Glaubst du denn, dass ich Schutz brauchen
werde?«
»Nein. Segoventos wird garantiert nichts tun,
wodurch er sein neues Schiff in Gefahr bringen könnte, aber es kann
ja trotzdem nicht schaden, ganz sicherzugehen.«
»Nein, das kann nie schaden.« Sein Lächeln war
schief, so wie damals in der Schmiede. Er befestigte die Brosche
hoch oben an der linken Schulter, an der gleichen Stelle, wo Airmid
bis vor kurzem noch das Pendant dazu getragen hatte. Luain würde
wissen, was sie bedeutete, und Segoventos möglicherweise
auch.
Der Schecke stampfte mit den Hufen, von Ungeduld
erfüllt. Caradoc beugte sich noch ein letztes Mal hinunter und
legte Breaca seine Hand auf den Arm. Seine Berührung war jetzt
wärmer als vorhin, und seine Handfläche war feucht.
»Wir sehen uns dann im Herbst wieder«, sagte er.
»Ich habe Bán versprochen, dass ich für ihn eintreten werde, wenn
er zu seinen drei langen Nächten in der Einsamkeit
aufbricht.«
»Danke. Das bedeutet ihm sehr viel.«
»Mir auch.« Er drückte seinem Pferd die Fersen in
die Flanken und galoppierte davon. Seine Stimme schallte über seine
Schulter zurück. »Möge Briga dich beschützen!«
Breaca stand noch lange Zeit, nachdem Caradoc
verschwunden war, auf dem Pfad und starrte in die Ferne.