XIV

Die Eceni reisten sogar noch eher ab als die Seeleute. Sie versammelten sich bei Tagesanbruch, zwei Tage nach dem Spiel zwischen Bán und Amminios und einen halben Tag, bevor die frisch getaufte Sonnenpferd mit der Abendflut auslaufen würde. Der Morgen dämmerte klar und wolkenlos herauf und versprach gutes Wetter für ihre Reise. Über dem Boden lag ein kalter Nebel, zurückgedrängt von den Feuern des Großen Versammlungshauses und der umliegenden Behausungen. Die Pferde stampften und schnaubten, und ihr Atem bildete kleine weiße Dampfwölkchen in der kalten Luft.
Breaca saß auf ihrer grauen Stute und wartete am Tor, während die anderen noch letzte Abschiedsgrüße tauschten. Cunobelin wartete neben ihr. Sie hatte angenommen, dass er in großer zeremonieller Aufmachung erscheinen würde, behängt mit klirrendem, nicht miteinander harmonierendem Schmuck aus juwelenbesetztem Gold und Bronze und emailliertem Eisen. Stattdessen hatte er sie wieder einmal überrascht, wie es seine Art war. Er stand barhäuptig da, sein Haar strohblond in der Sonne, sein Umhang von dem schlichten Ginsterblütengelb der Trinovanter, und jeglicher schmückender Verzierungen beraubt. Sein Schwert hing nach Kriegerart von seiner rechten Schulter herab, und sein Schild bestand aus mit Rindsleder bespanntem Holz, das mit keinerlei Stammessymbolen oder Rangabzeichen bemalt war, so dass er auch ebenso gut einer der Nomadenhelden aus den Geschichten der Sänger hätte sein können, für die Zeitspanne einer Morgendämmerung in das Reich der Lebenden zurückversetzt. Er stand am Kopf von Breacas Stute und gab kurze, ätzende Kommentare über diejenigen ab, die sich zum Aufbruch versammelten.
Nicht allen fiel der Abschied leicht. Macha hatte drei Nächte allein mit Luain verbracht, und sie sah ziemlich niedergeschlagen und abgespannt aus, als sie sich jetzt auf den Rücken ihrer Stute schwang. Mac Calma hatte Angelegenheiten in Gallien zu erledigen und daher Segoventos’ Angebot, ihm auf der Jungfernfahrt des Schiffes eine Koje zur Verfügung zu stellen, bereitwillig angenommen. Er hatte versprochen, auf seiner Rückreise nach Mona zu einem erneuten Besuch in das Rundhaus zurückzukehren, aber es war kein Zeitpunkt für seine Ankunft ausgemacht worden. Es war ein Muster, nach dem ihre Begegnungen auch früher schon abgelaufen waren, und der Schmerz darüber war alt und deutlich auf ihren Gesichtern zu erkennen. Die Gewohnheit hatte ihn nicht zu mildern vermocht.
Bán dagegen wirkte sehr viel froher. Er stand hoch aufgerichtet neben dem Römer, und sein Gesicht glühte vor Stolz und Freude, nur leicht gedämpft durch den Kummer darüber, dass sich ihre Wege nun wieder trennen würden. Seit Báns Sieg im Spiel waren sie fast ständig zusammen gewesen und gemeinsam ausgeritten oder hatten mit Schwertern und Speeren trainiert. Breaca hatte bemerkt, mit welcher Sorgfalt der Römer ihren Bruder in der Kampfweise der Legionen unterwiesen hatte, damit er in der Lage sein würde, sich gegen sie zu verteidigen, falls sie jemals aufeinander stoßen sollten. Jetzt sagte Corvus etwas in seinem mit starkem Akzent behafteten Gallisch, und Bán antwortete lachend. Er war im Stimmbruch, und mitten im Satz schnappte seine Stimme über und sprang dann die Tonleiter hinunter, um in einer Tonlage zu enden, die der von Luain entsprach. Sie war nicht sonderlich tief, aber volltönend, und man konnte jetzt schon erkennen, wie seine Stimme einmal klingen würde, wenn er ein erwachsener Mann war.
Spontan und ohne nachzudenken sagte Breaca: »Er ist kein Kind mehr.«
»Es sieht ganz danach aus.« Sie hatte völlig vergessen, dass Cunobelin da war und ihre Bemerkung mithören konnte. In seiner Stimme schwang der mittlerweile vertraute bissige Humor mit, der andere, ernstere Dinge überlagerte. »Wir geben uns die größte Mühe, Mannbarkeitsprüfungen anzuordnen, die den heranwachsenden Jünglingen eine Menge abverlangen, so dass sie am Ende das Gefühl haben werden, als ob sie großen Widrigkeiten zum Trotz einen echten Sieg errungen und sich den Eintritt ins Mannesalter ehrlich erkämpft hätten. Und dann greift manchmal das Schicksal ein - ihr würdet sagen: die Götter - und macht das Wirken des Menschen überflüssig.«
»Er wird trotzdem im Herbst seine drei langen Nächte in der Einsamkeit hinter sich bringen müssen. Ohne diese Prüfung werden ihm die Ältesten nicht seinen Speer gewähren.«
»Natürlich. Die Rituale müssen befolgt werden, damit er den Leuten beweisen kann, dass er zum Mann herangereift ist, und er selbst würde das sicherlich auch gar nicht anders wollen. Aber tief in seinem Herzen kennt er die Wahrheit, und er weiß, dass auch andere sie erkannt haben.«
Cunobelin hatte Recht. Das zeigte sich in der Art, wie Bán sich hielt, in der Ungezwungenheit, mit der er über den plötzlichen Ausrutscher in seiner Stimme hinwegging und das Abschiedsgeschenk des Römers in Form eines Messers annahm, während er ihm eine Speerklinge als Gegengeschenk überreichte.
Ein kleiner Funke des Stolzes glimmte in Breacas Herz, ein Gefühl der Wärme, das jedoch keine Chance hatte, sich gegen all den kalten Trennungsschmerz zu behaupten. »Er hat gut gewonnen«, sagte sie.
»Das hat er, aber es war seine Sorge um den Jungen, Iccius, die ihn letztendlich zum Mann gemacht hat. Und das weiß er auch.«
Auch das stimmte. Iccius wartete hinter Bán, ein flachsblondes, schmächtiges Kind, das auf dem stämmigen, gedrungenen Schecken, den Segoventos auf der Reise in den Süden geritten hatte, ein wenig verloren wirkte. Der Hauch der Freiheit hatte bereits eine Veränderung in seinem Blick bewirkt.
Andere Mitglieder der Eceni-Delegation versammelten sich zum Aufbruch. Es versetzte Breaca einen Schock, als sie Airmid ein ganzes Stück weiter entfernt in der Nähe des Großen Versammlungshauses warten sah, zerzaust und geistesabwesend und noch ohne ihr Pferd. Sie hatte die letzte Nacht damit verbracht, in den Wäldern und Wiesen jenseits der Mauern der Residenz Heilpflanzen zu sammeln, und war erst kurz vor Morgengrauen wieder zurückgekehrt, beladen mit Schwingelgras und Salbei und den ersten blassgelben Blüten des Ackermennings. Eine junge Frau, Cerin - die Schwester der Frau mit dem kranken Kind -, war mit Airmid hinausgegangen, und bei ihrer Rückkehr hatte sie ein Band aus Birkenrinde um die Stirn getragen, und auf ihrem Gesicht hatte der wehmütige, gedankenverlorene Ausdruck einer Träumerin gelegen - oder auch der einer neuen Geliebten. Die beiden gingen jetzt gemeinsam zu den Pferdeställen. Dubornos starrte sie mit finsterem Blick an, als sie an ihm vorbeieilten, was unter anderen Umständen vielleicht amüsant hätte sein können. Breaca beschäftigte sich angelegentlich damit, den Sitz ihres Sattelgurts zu überprüfen, und sagte nichts.
»Sie reitet nicht mit euch.«
Sie blickte überrascht zu Cunobelin hinunter. Der Sonnenhund wies mit einer Kinnbewegung auf die beiden jungen Frauen. »Cerin«, sagte er. »Sie reitet nicht mit euch. Das Kind ihrer Schwester schwebt noch immer in Lebensgefahr, und sie ist die Einzige, die eventuell im Stande ist, es am Leben zu erhalten.«
Ein Gefühl drohender Gefahr rieselte über Breacas Rückgrat herab. Heilen gehörte zu den Aufgaben der Träumer, und Cunobelin hatte seinen Träumern bei lebendigem Leib die Haut abgezogen und sie dann an ihre heiligen Bäume nageln lassen, wo sie eines qualvollen Todes gestorben waren. Nur Heffydd war diesem Schicksal entronnen, und das auch nur, weil er seinen Visionen entsagt hatte. Sie blickte den Sonnenhund an, während sie angestrengt überlegte. Bei all den Malen, die sie bisher miteinander zu tun gehabt hatten, war er ihr niemals eine klare Antwort auf eine direkte Frage schuldig geblieben. »Kann sie gefahrlos hier bleiben?«, fragte sie.
»Ja. Ich habe mit Luain mac Calma gesprochen. Ich habe auf den Adler von Rom und das Abzeichen des Sonnenhunds geschworen, dass ich ihr nichts antun werde, und er hat mein Wort akzeptiert. Sie wird im Herbst nach Mona reisen. Mac Calma wird dann dafür sorgen, dass Krieger ausgeschickt werden, die sie auf ihrer Reise begleiten und schützen.«
Er sagte dies nicht in böser Absicht. Die Fakten kündigten eine Veränderung in der Art und Weise der Verhältnisse an, so wie das erste Fohlen den Frühling ankündigt, und nichts davon hatte irgendeinen Einfluss auf Breaca oder auf ihr Leben. Sie musste ihre eigene Wahl treffen, und sie musste die Konsequenzen dieser Entscheidung allein tragen. Trotzdem war sie froh zu sehen, wie Caradoc herbeigeritten kam, um sich von seinem Vater zu verabschieden, denn sein Erscheinen gab ihr wenigstens einen Grund, um anderswohin zu blicken.
Sie zog sich zurück, weil sie nicht Zeugin dieser endgültigen Trennung zwischen Vater und Sohn werden wollte. Sie hatte nicht vergessen, und sie würde auch nicht so leicht vergessen, mit welcher Raffinesse der Sonnenhund die Nachricht von einem Todesfall manipuliert hatte und wie weit er gegangen war, um sie geheim zu halten. Nach Caradocs Treffen mit seinem Vater hatte sich die Neuigkeit dann herumgesprochen, und bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte anscheinend die gesamte Residenz Bescheid gewusst. Sie hatte sich zweifellos so schnell herumgesprochen, dass Odras, als sie am Abend vor der Abreise der Eceni-Delegation gebeten worden war, dem Jagdhundwelpen einen Namen zu geben, beschlossen hatte, die kleine Hündin Cygfa zu nennen, zu Ehren einer toten Kriegerin der Ordovizer, und niemand war auf den Gedanken gekommen, diese Wahl zu hinterfragen.
Der Abschied zwischen Caradoc und Odras hatte unter vier Augen stattgefunden, und auch darüber hatte niemand ein Wort verloren. Zwar hatte Caradoc Odras nicht seinen Armreif zurückgegeben, aber dafür hatten sie andere, weniger greifbare Geschenke ausgetauscht, und das hatte den letzten Tag ihres Aufenthalts nicht weniger schwierig gemacht. Es hatte Augenblicke gegeben, da hatte Breaca befürchtet, dass Caradoc vielleicht bleiben würde und es erhebliche Schwierigkeiten zwischen dem jungen Krieger und seinem älteren Bruder geben könnte, doch dazu war es zum Glück nicht gekommen. Genau wie sie vorausgesagt hatte, hatte Luain Caradoc von der Blutschuld freigesprochen, wonach es dem jungen Mann frei gestanden hatte, entweder mit Segoventos an Bord des Schiffes zu gehen, in der Residenz seines Vaters zu bleiben oder aber nach Westen zum Volk seiner Mutter zu reiten. Seine Bitte, wieder mit den Eceni nach Norden reiten zu dürfen, war unerwartet gewesen, aber ganz und gar nicht unwillkommen. Bei dem seltsamen Gefühl der Enttäuschung, das das Ende ihres Besuchs kennzeichnete, war Breaca für das Angebot seiner Begleitung nur zu dankbar gewesen.
Caradoc hatte sein Pferd als Letzter von den Ställen heraufgebracht. Mit seinem Erscheinen war die Gruppe nun vollzählig. Eburovic und Macha reihten sich hinter Breaca in die Kolonne ein, dicht gefolgt von Airmid. Dubornos, ausnahmsweise einmal schweigsam, ritt an der Seite der Träumerin. Zwei Tage lang würden sie alle gemeinsam reisen; dann, an der Grenze zu den Eceni-Ländern, würde Airmid die Gruppe verlassen und sich nach Westen wenden, um nach Mona zu reiten. Keiner wusste, wann sie wieder zurückkehren würde. Es war eine Vorstellung, die Breaca sehr bedrückte, doch sie entschied, dass es das Beste war, erst einmal nicht daran zu denken. Die letzten Reiter schlossen sich der Kolonne an. Tagos und Sinochos bildeten die Nachhut und führten eine Reihe von reiterlosen Pferden, beladen mit Geschenken des Sonnenhunds, und dann war es Zeit zum Aufbruch.
Cunobelin kehrte an Breacas Seite zurück und legte seine Hand abermals auf den Zaum der grauen Stute. Er hatte die vergangene Nacht mit einem Festgelage verbracht und sich dabei lange und ausführlich mit Eburovic unterhalten, wirkte jedoch in keiner Weise übernächtigt. Sein Atem roch nach Wein, überlagert von Rossminze, aber beide Gerüche waren nicht übermäßig stark. Seine Augen waren genauso, wie Breaca sie bei ihrer allerersten Begegnung gesehen hatte: voll trockenen Humors und von einem tief gehenden Verständnis erfüllt, das sowohl alarmierend als auch seltsam tröstlich war. Ihr kam der Gedanke, dass dieser Mann ein unvergleichlicher Verbündeter gewesen wäre, wenn sie hätte lernen können, ihm zu vertrauen. Doch dafür war es jetzt zu spät; sie versuchte, sich ihn als Verbündeten vorzustellen, und konnte es doch nicht. Nach dem Vorfall in der Schmiede war es einfach unmöglich, ihn als irgendetwas anderes als gefährlich zu betrachten.
Mit einem Nicken, als ob Breaca gesprochen hätte, hob Cunobelin den Arm und umfasste ihren Ellenbogen in dem schlichten Abschiedsgruß der Krieger. »Bist du bereit?«, fragte er.
»Nein. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn wir noch länger hier warten. Ich denke, wir sollten jetzt aufbrechen.«
»Gut. Dann werde ich den Weg für euch freimachen.« Er gab ein Handzeichen, und acht Männer schoben die schweren Balken zurück, die das Tor geschlossen hielten. Mit einem Ächzen wie von einem umstürzenden Baum schwangen die beiden Torflügel nach außen auf. Die Wiese unterhalb des Tores war still und leer. Man hatte es also nicht für nötig gehalten, auch für ihre Abreise einen Viehmarkt anzuordnen.
Cunobelin ging neben Breaca her, als sie ihre Stute durch die Öffnung in der Festungsmauer trieb. »Du wirst zurückkehren?«, fragte er. Wie bei allem, was er sagte, war es sowohl eine Frage als auch eine Feststellung.
»Wenn die Götter es so wollen.«
Seine Augen funkelten spöttisch. »Dann werde ich um ihre Fürsprache beten.«
Sie schritten durch das Tor. Die anderen folgten ihnen in einer langen Schlange, während sie den Zurückbleibenden ein letztes Mal zum Abschied winkten. Der Sonnenhund hob abermals den Arm und ergriff Breacas Hand. Sie spürte die narbigen Schwielen von Schwert und Speer, als seine Handfläche die ihre berührte, und dann, überraschenderweise, das plötzliche Drücken eines Rings. Als sie hinunterblickte, sah sie einen Sonnenstrahl auf der goldenen Oberfläche des Rings aufblitzen, der mit dem erhaben gearbeiteten Symbol der Sonne und ihres Gefolgshundes geschmückt war. Cunobelin hatte das Gegenstück dazu während der gesamten Dauer ihres Aufenthalts am kleinen Finger seiner linken Hand getragen. Sie drehte seine Hand herum, um zu sehen, ob er den Ring noch immer trug, und zum ersten Mal verzog sich sein Gesicht zu einem offenen, aufrichtigen Lächeln.
»Es ist meiner«, sagte er. »Ich würde nicht erlauben, dass eine Kopie davon angefertigt wird. Nimm ihn. Die Götter haben es nicht für angebracht gehalten, mir eine Tochter zu schenken. Aber vielleicht habe ich jetzt ja so etwas wie die ersten Anfänge einer Tochter gefunden. Wenn du Hilfe im Namen des Sonnenhunds brauchst, dann wirst du sie bekommen, selbst bis ans Ende der Welt und in alle vier Himmelsrichtungen.« Es war ein alter Schwur, und er hörte sich etwas seltsam aus dem Mund eines Mannes an, der aus seiner Verachtung für die Götter keinen Hehl gemacht hatte.
Breaca hätte vielleicht direkt und ohne Umschweife darauf geantwortet, doch in diesem Moment tauchte Caradoc auf ihrer anderen Seite auf, und seine Anwesenheit diente ihr als Warnung.
»Danke.« Sie probierte den Ring an und stellte fest, dass er am vierten Finger ihrer rechten Hand am besten passte. »Ich werde gut auf ihn aufpassen. Ich werde mich an dein Angebot erinnern, wenn die Eceni deinen Beistand brauchen.«
»Nicht bloß die Eceni«, erwiderte Cunobelin. »Sondern du. Das ist ein Unterschied.«
 
Sie ritten in gedrücktem Schweigen, während sie Pfaden folgten, die sich am Rand der Waldungen des Sonnenhunds entlangzogen und auf einer Seite von Feldern mit frisch gepflanztem Mais und Bohnen begrenzt wurden. Es war spätes Frühjahr, die Zeit des häufigsten und intensivsten Unkrautjätens, und die Felder waren voller Leute. Frauen und Männer unterbrachen ihre Arbeit, um sie mit Beifall zu begrüßen, als Breaca und ihre Delegation vorbeiritten. Caradoc wurde sofort an seinem Haar und der Farbe seines Umhangs erkannt, und er hielt häufig inne, um den Leuten zu winken und einen Gruß zuzurufen. Am späten Vormittag erkannte ihn ein Mann, der in einiger Entfernung auf dem Feld arbeitete, und schickte seinen Sohn, einen Jungen von vielleicht fünf oder sechs Jahren, um Caradoc zu bitten, ihn ein paar hundert Schritte weit auf seinem Pferd mitreiten zu lassen, damit der Junge später einmal voller Stolz sagen könnte, dass er mit dem größten Krieger geritten war, der jemals aus der Festung gekommen war. Der Kleine war schmuddelig und ungewaschen und hatte Kopfläuse, doch Caradoc hob ihn bereitwillig vor sich auf den Sattel und setzte ihn dann später so behutsam wieder ab, als ob er ein geliebter Sohn wäre.
Weiter draußen, auf dem höher gelegenen, weniger fruchtbaren Gelände, kamen sie an Weiden voller Rinder und Schafe vorbei, die durch Wassergräben begrenzt waren. Rotbraune, langhörnige Kühe grasten inmitten von zotteligen Kälbern. Mutterschafe, die an der für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Hitze Anstoß nahmen, scheuerten sich an den Hagedornbüschen, um ihre dicke Wolle loszuwerden. Auch hier gab es Leute, die Breaca und ihren Begleitern zujubelten, und immer wieder kam ein Schafhirte oder ein Kuhjunge angelaufen, um sie zu begrüßen und einen Schwatz mit ihnen zu halten und Neuigkeiten von der Festung und ihren Bewohnern auszutauschen. Das alles hielt sie zwar auf, aber nicht allzu sehr.
Gegen Mittag durchwateten sie einen schmalen Fluss zwischen zwei Weidengehölzen und hielten dann im Schatten der Bäume an, um Rast einzulegen und eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Sinochos organisierte das Essen; er hatte die Packpferde gesattelt und wusste, wo die am leichtesten verderblichen Vorräte verstaut waren. Breaca fesselte der Grauen die Vorderbeine, um sie mit den anderen Pferden grasen zu lassen, und ging dann allein am Flussufer entlang bis zu einer Stelle, wo keine Bäume mehr wuchsen und sie sich ungehindert an das sandige Ufer setzen konnte, um ihre Füße im Wasser baumeln zu lassen. Für seine geringe Tiefe strömte der Fluss ziemlich schnell dahin, und als Breaca ihre Fersen ins Wasser tauchte, bildeten sich kleine Strudel auf der Oberfläche. Kleine Fische drängten sich um ihre Zehen, wohl in der Annahme, es seien Insekten. Ein Fischreiher flog hoch über sie hinweg und landete dann auf langen Stelzenbeinen am jenseitigen Flussufer, ein Stück weiter stromaufwärts von der Stelle, an der Breaca saß. Sie hielt nach Fröschen Ausschau oder nach Anzeichen von Kaulquappen und fand doch keine.
Schließlich legte sie sich zurück und schloss die Augen. Eine Schar Enten floh schnatternd stromabwärts, aufgescheucht von den Pferden oder auch von einem der Männer, die im Wasser plantschten. Tagos rief irgendetwas, und Dubornos antwortete, dann stimmte Sinochos ein und eine der Frauen aus den nördlichen Ländern am Wash, und plötzlich schien es so, als ob die gesamte Gruppe im Fluss badete, laut plantschend und spritzend und fluchend, während sie damit beschäftigt waren, sich den Rauchgeruch und den Schmutz von drei Tagen unter einem fremden Dach abzuwaschen.
Breaca streifte ihre Kleider ab und glitt allein in das klare Quellwasser. Es war so kalt, dass es ihr für einen Moment den Atem verschlug. Sie tauchte unter und stand dann breitbeinig da, die Füße fest auf den Boden gestemmt und die Arme weit ausgebreitet, um sich von der Strömung sauber waschen zu lassen und zusammen mit dem Schmutz auch alle Erinnerungen an die Festung, an Cunobelin und seine Machenschaften sowie an Amminios und seine höhnische Bösartigkeit von sich abzustreifen. Sie öffnete die Augen wieder und sah, wie das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche sickerte und die seltsam unirdisch anmutende Welt um sie herum grünlich leuchten ließ. Ihre Arme glichen den Gliedern eines Gespensts, von Fleisch und Knochen befreit und in ein durchscheinendes Nichts zerlegt, bis nichts mehr von ihr übrig blieb außer ihrer Seele und dem nagenden Schmerz über Airmids Abreise. Sie ließ den angehaltenen Atem in kleinen, ungleichen Blasen aus sich herausströmen und stieß sich mit den Füßen ab, um wieder an der Oberfläche aufzutauchen. Die reale Welt kehrte zurück, hell und laut und von dem übermütigen Gelächter der anderen erfüllt. Breaca schwamm zum Ufer und zog sich auf den warmen Sand hinauf, um sich von der Sonne trocknen zu lassen und dann in eine Tunika zu schlüpfen, die sauber gewesen war und sich dennoch schmutzig anfühlte.
Als sie anschließend ausgestreckt im Sand lag, lauschte sie dem mittlerweile vertrauten Wechsel zwischen Iccius’ Fragen und Báns knappen, sorgfältig überlegten Antworten. Unterschwellig und ganz am Rande ihres Hörvermögens nahm sie noch ein anderes Geräusch wahr, ein leises Tappen auf dem Sand. Sie dachte an Frösche und hielt die Augen geschlossen.
»Wolltest du nichts essen?«
Es war Caradoc. Es hätte schlimmer sein können. Sie schlug die Augen auf und drehte den Kopf zur Seite. »Nein, danke. Ich habe so viel Fleisch gegessen, dass es für ein ganzes Leben reicht. Ich kann jetzt wirklich gut und gerne darauf verzichten.«
»Es gibt nicht nur Fleisch. Es gibt auch Käse, gemalzte Gerste und süße Haferkuchen mit gemahlenen Nüssen, mit Ampferblättern umwickelt.« Letztere waren eine trinovantische Delikatesse, und er wusste, dass Breaca die kleinen Kuchen mochte. Sie hätte Caradoc zuliebe gerne einen gegessen, aber bei dem bloßen Gedanken an Essen krampfte sich ihr schon der Magen zusammen.
»Danke, aber nein. Ich möchte vorläufig lieber nichts essen.« »Wie du willst. Inzwischen ist wahrscheinlich sowieso nichts mehr davon übrig. Dubornos frisst wie ein Scheunendrescher, sozusagen auf Vorrat, für den Fall, dass sie auf dem Weg nach Mona Hunger leiden müssen.«
Er sprach ganz unverblümt über die bevorstehende Reise und mit dem vertrauten bissigen Humor, und Breaca war ihm dafür dankbar. Die anderen hatten schon seit Tagen einen Bogen um das Thema Mona gemacht, als ob es in ihrer Gegenwart nicht erwähnt werden dürfte. Noch nicht einmal Eburovic hatte es gewagt, offen darüber zu sprechen, wenn Breaca in Hörweite gewesen war. »Sie werden schon nicht verhungern«, erwiderte sie. »Sie werden unter dem Schutz der grauen Umhänge von Mona reisen, und wo immer sie auch Rast einlegen, wird man sie so üppig bewirten, als ob sie geradewegs von den Göttern kämen.«
»Dubornos ist der Ansicht, dass Airmid jeden Kontakt mit den Catuvellaunern oder den Coritani meiden sollte. Vielleicht täte sie gut daran, auf seinen Rat zu hören.«
»Das denke ich nicht. Nur dein Vater wagt es, die Heiligkeit von Mona zu missachten, und selbst er hat ihnen Sicherheit garantiert. Sie brauchen also keine Gefahr durch Menschen zu befürchten, und mit den Wölfen kann sogar Dubornos fertig werden.«
»Schon möglich.« Caradoc setzte sich neben sie. Er hatte seine Tunika gegen ein Wams aus dunklerer, gröber gewebter Wolle vertauscht und den goldenen Halsreif abgelegt. Als Breaca seinen schlichten, schmucklosen Aufzug sah, ahnte sie bereits, was kommen würde.
»Du verlässt uns?« Sie spürte einen schmerzhaften Stich der Enttäuschung. Sie konnte mit niemandem so lachen wie mit Caradoc; seine Anwesenheit hätte sie aufgeheitert und diesen Frühling ein kleines bisschen weniger trostlos gemacht.
»Ja. Es tut mir Leid. Segoventos wartet mit dem Schiff in einem Hafen auf mich, der eine Strecke weiter flussabwärts liegt, aber nur bis morgen früh. Wenn ich bis dahin nicht an Bord bin, wird er ohne mich absegeln.«
»Du willst also mit Luain nach Gallien gehen?«
»Ja, aber nur für kurze Zeit. Ganz gleich, was ich zu meinem Vater gesagt habe, ich muss in den Westen reisen und mit dem Volk meiner Mutter sprechen, und sei es auch nur, um sie über die Fakten von Cygfas Tod zu informieren. Es gibt Schiffe, die von Gallien aus die Westküste hinaufsegeln. Um diese Jahreszeit laufen jeden Monat mindestens zwei oder drei von ihnen aus den Häfen aus. Ich werde eines von diesen Schiffen nehmen, um nach Britannien zurückzukehren.«
»Du könntest dir diesen Umweg aber doch auch sparen und stattdessen mit Airmid reiten. Die Route nach Mona führt durch das Land der Ordovizer.«
»Das könnte ich, aber man erkennt mich zu leicht, als dass ich längere Zeit unbemerkt bleiben würde. Mein Vater würde prompt davon erfahren und Männer auf meine Spur ansetzen. Wenn ich aber mit dem Schiff reise, kann ich in der Residenz der Streitaxt sein, bevor ihn die Nachricht erreicht, dass ich nicht mehr bei den Eceni bin.«
»Damit er nicht versucht, dich zum Zuchthengst zu machen«, erwiderte Breaca mit einem matten Lächeln. »Ich erinnere mich.« Sie erinnerte sich auch noch an andere Einzelheiten der Unterhaltung in der Schmiede. »Dein Vater hat bereits Spione unter den Ordovizern. Sie werden ihn sofort benachrichtigen, wenn du dort ankommst.«
»Nein. Er mag zwar noch andere Spione haben, aber von jenen dreien wird er nie wieder etwas hören.«
Es gab viele Eigenschaften, die Caradoc mit seinem Vater gemeinsam hatte. Die Fähigkeit, völlig emotionslos über den Tod zu sprechen, gehörte allerdings noch nicht dazu. Er versuchte es zwar, aber die Anstrengung ließ seine Stimme rau und gepresst klingen. Breaca betrachtete sein unbewegtes Gesicht und blickte forschend in die grauen Tiefen seiner Augen. »Du meinst, tote Männer können nicht mehr reden?«, fragte sie.
Er zuckte die Achseln und erwiderte ihren Blick fest und unverwandt. »Sie haben Cygfa getötet. Die Ältesten werden zu einer Ratssitzung zusammenkommen, um über ihr Schicksal zu entscheiden, genauso wie sie es im Fall des Römers getan haben. Die Entscheidung wird nicht in meinen Händen liegen.«
»Ich glaube aber, deine Stimme wird stark ins Gewicht fallen. Sie hat auch bei den Eceni große Bedeutung gehabt, und dabei warst du noch nicht mal einer von uns.«
»Dann werde ich gründlich nachdenken, bevor ich spreche.«
Er würde für den Tod der drei Männer stimmen. Das brauchte nicht erst gesagt zu werden. Breaca hätte genau das Gleiche getan.
Sie rupfte einen Grashalm aus und kaute darauf herum. Mit ihrem Zeigefinger malte sie eine Streitaxt in den Sand und dann das Symbol des Sonnenhunds. »Hast du sie gekannt?«, fragte sie. »Die Männer deines Vaters?«
»Ich glaube schon. Drei Männer seiner Ehrengarde fehlten während unseres gesamten Aufenthalts in der Festung. Sie wären da gewesen, wenn sie es irgendwie hätten ermöglichen können.« Er beugte sich über ihre Zeichnung und wischte das Symbol des Sonnenhunds aus, um es durch einen gut gezeichneten Schlangenspeer zu ersetzen. »Sie sind in einem Alter zwischen Togodubnos und meinem Vater. Sie haben mich im Umgang mit Waffen unterrichtet, als ich ein Kind war. Einer von ihnen schenkte mir mein erstes Schlachtross. In einer Schlacht hätte ich jedem Einzelnen von ihnen blind vertraut, mehr noch als jedem anderen Kampfgefährten.«
»Aber sie haben Cygfa getötet, und deshalb werden sie sterben müssen.« Breaca malte unbewusst einen Frosch in den Sand und wischte ihn dann, als sie merkte, was sie da gezeichnet hatte, hastig mit dem Handballen wieder weg. »Sie war deine Cousine, nicht wahr?«
»Sie war für mich das Gleiche, was Bán für dich ist.«
»Oh.« Das machte die Sache natürlich anders. »Wusste Odras das?«, fragte sie.
»Natürlich.«
»Und dein Vater?«
»Es ist klug, anzunehmen, dass mein Vater alles weiß. Diese Annahme erweist sich fast immer als richtig.«
»Dann wird er auch wissen, dass du heute Abend an Bord des Schiffes gehst.«
»Nein. Bei einigen Dingen sind wir äußerst vorsichtig. Von denjenigen, die in der Festung zurückgeblieben sind, wissen nur Luain und Segoventos, dass ich komme. Sonst niemand.«
»Und von denjenigen, die hier sind?«
»Bán weiß Bescheid. Und jetzt du. Wenn ich fort bin, kannst du es auch den anderen sagen. Dubornos würde mich wahrscheinlich am liebsten aus reiner Boshaftigkeit verraten, aber ich glaube nicht, dass er allein in die Residenz zurückreiten wird, jedenfalls nicht jetzt, wo die Reise nach Mona so unmittelbar bevorsteht.«
Caradoc erhob sich, seine Lippen zu einem Lächeln verzogen, das so gar keine Ähnlichkeit mit dem seines Vaters hatte. Sein Umhang war mit grober, ungefärbter Wolle gefüttert, und während Breaca zuschaute, zog er ihn aus, drehte ihn herum, so dass die schlichte Innenseite nach außen zeigte, und schlüpfte dann wieder hinein. Die Brosche, mit der er den Umhang über der Schulter befestigte, hatte keine konkrete Form und würde deshalb auch keine Aufmerksamkeit erregen. Er zog eine Lederkappe aus seinem Gürtel und setzte sie auf, um seinen auffälligen goldblonden Haarschopf zu verstecken. Das Schwert, das er trug, war dasjenige, das Eburovic für ihn geschmiedet hatte. Es hing über seiner Schulter, und das Heft war mit Streifen aus Kalbsleder umwickelt, um das verräterische Symbol der Streitaxt zu verbergen, die in das Metall eingeprägt war. Breaca sah sich nach seinem Pferd um und stellte fest, dass er sein graubraunes Hengstfohlen gegen den gedrungenen Schecken eingetauscht hatte, den Iccius bisher geritten hatte. Der Schecke war ein gutes Reitpferd, aber er war bei weitem nicht so schnell und ausdauernd wie das Hengstfohlen. Breaca und Caradoc gingen gemeinsam zu der Stelle am Rand des Birkengehölzes, wo sein Pferd wartete, und sie verschränkte ihre Hände, damit er einen Fuß hineinstellen und sich so in den Sattel schwingen konnte.
»Du hättest das Hengstfohlen nehmen sollen«, sagte sie. »Dann hätten wir wenigstens eines Tages ein Wettrennen veranstalten können.«
Es war eine belanglose Bemerkung, und sie hatte sie auch nur gemacht, um irgendetwas zu sagen. Trotzdem grinste Caradoc. »Bán und ich haben uns auf einen vorübergehenden Tausch geeinigt. Ich werde zu gegebener Zeit wieder zurückkehren, um das Hengstfohlen zu holen. In der Zwischenzeit ist das Tier bei den Eceni wesentlich sicherer und besser aufgehoben als auf einem Schiff, das nach Gallien fährt. Ich werde so lange den Schecken nehmen und ihn später verkaufen. Segoventos wird den Erlös dann an Iccius zurückgeben, beziehungsweise mit dem Geld eine Stute für ihn kaufen, damit der Junge seine eigene Herde gründen kann. Bán wird ihm das Hengstfohlen als Deckhengst ausleihen.«
Er warf seinen Umhang über die Schultern zurück. Breaca versetzte dem Schecken einen Klaps auf die Hinterbacken. Caradoc beugte sich hinunter und streckte ihr seine Hand hin, und sie ergriff sie. »Du hast ja alles bis ins Kleinste durchdacht und geplant«, sagte sie.
»Natürlich. Ich bin ja auch der Sohn meines Vaters.« Sein Lächeln war betont unbekümmert. Sein Händedruck war kühl und fest und berührte jene Tiefen in ihrem Inneren, wo sie sich am einsamsten und leersten fühlte. Seine Augen waren von der Farbe von Wolken und ihre Muster ebenso komplex. Er zog seine Hand wieder zurück und hob den Arm zum Kriegergruß. »Du könntest immer noch nach Mona reiten«, sagte er ruhig. »Die Ältesten haben Dubornos nicht offiziell als Airmids Krieger anerkannt, und sie wird wohl kaum unglücklich sein, wenn er durch jemand anderen abgelöst wird. Du solltest mir ihr sprechen. Sie fürchtet sich vor dem morgigen Abschied ebenso sehr wie du.«
»Wir haben bereits alles gesagt, was wir überhaupt sagen können. Es gibt nichts, das Worte jetzt noch ändern könnten.«
»Vielleicht.« Er trieb den Schecken vorwärts. Breaca ging neben ihm her und schob dabei die tief herabhängenden Birkenzweige aus dem Weg. Caradoc blickte über ihren Kopf hinweg in die Ferne, seine Augen zu Schlitzen verengt, während er den Horizont absuchte. Als ob er zu dem Pferd spräche, sagte er: »Cerin war die Tochter des letzten wahren Träumers der Trinovanter, einer von denjenigen, die mein Vater damals auspeitschen und dann an einer Eiche aufhängen ließ. Sie ist zur Frau geworden, ohne dass sie irgendjemanden gehabt hätte, der ihr während dieser schwierigen Phase mit Rat und Tat zur Seite hätte stehen können. Der Umstand, dass gleich drei Träumer auf einmal in der Festung anwesend waren, war ein Geschenk für sie, größer als jedes, um das sie jemals hätte beten können. Du kannst ihr keinen Vorwurf daraus machen, dass sie alles genommen hat, was sie ihr geben konnten.«
Breacas Mund wurde plötzlich staubtrocken. Wäre es irgendjemand anderer gewesen, der so mit ihr sprach, wäre sie wortlos davongegangen. Weil es aber Caradoc war, mit dem sie durch einen Eid verbunden war, und weil sie auf seine Integrität vertraute, erwiderte sie: »Ich mache niemandem einen Vorwurf. Airmid trifft ihre Wahl, wo und wann sie will. Das tun wir alle.«
»Richtig.«
Sie waren inzwischen auf offenem Gelände angelangt. Breaca blieb im Schatten der Bäume stehen. Vor ihnen verlief eine Wildfährte, die nach Osten Richtung Meer führte. Die Gegend war einsam und menschenleer; sie konnte nirgendwo Rundhäuser oder Hütten von Viehhirten entdecken, zumindest nicht bis zur nächsten Anhöhe. Jenseits davon ließ die Luft die nahe See ahnen. Der schwache, salzige Hauch des Meeres vermischte sich mit dem Geruch von zerdrücktem Gras und Pferdeschweiß. Breaca dachte an Caradocs letzte Begegnung mit den Göttern des Meeres und daran, wie viel Mut es ihn kosten würde, sich nun wieder an Bord eines Schiffes zu begeben. Aus einem plötzlichen Impuls heraus löste sie die Schlangenspeer-Brosche von ihrer Tunika. »Hier...« Sie hielt sie Caradoc hin. »Zum Schutz.«
»Gegen Schiffbruch?« Er konnte ihre Gedanken nur zu mühelos lesen. »Glaubst du denn, dass ich Schutz brauchen werde?«
»Nein. Segoventos wird garantiert nichts tun, wodurch er sein neues Schiff in Gefahr bringen könnte, aber es kann ja trotzdem nicht schaden, ganz sicherzugehen.«
»Nein, das kann nie schaden.« Sein Lächeln war schief, so wie damals in der Schmiede. Er befestigte die Brosche hoch oben an der linken Schulter, an der gleichen Stelle, wo Airmid bis vor kurzem noch das Pendant dazu getragen hatte. Luain würde wissen, was sie bedeutete, und Segoventos möglicherweise auch.
Der Schecke stampfte mit den Hufen, von Ungeduld erfüllt. Caradoc beugte sich noch ein letztes Mal hinunter und legte Breaca seine Hand auf den Arm. Seine Berührung war jetzt wärmer als vorhin, und seine Handfläche war feucht.
»Wir sehen uns dann im Herbst wieder«, sagte er. »Ich habe Bán versprochen, dass ich für ihn eintreten werde, wenn er zu seinen drei langen Nächten in der Einsamkeit aufbricht.«
»Danke. Das bedeutet ihm sehr viel.«
»Mir auch.« Er drückte seinem Pferd die Fersen in die Flanken und galoppierte davon. Seine Stimme schallte über seine Schulter zurück. »Möge Briga dich beschützen!«
Breaca stand noch lange Zeit, nachdem Caradoc verschwunden war, auf dem Pfad und starrte in die Ferne.
Die Herrin der Kelten
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