XX

Die Totenplattform stand auf der Kuppe einer kleinen Anhöhe im Norden der Residenz. Eine Meute rot gescheckter Jagdhunde mit rauem Fell und argwöhnischen Augen hielt am Fuß der Plattform Wache. Drei Männer, die das Zeichen des Sonnenhunds auf den Unterarmen trugen und auf der Stirn den mit schwarzer Farbe aufgemalten Speer der Trauer, schichteten grün belaubte Zweige und Gras über einer Feuergrube von der Länge eines menschlichen Körpers auf. Dichter, würzig riechender Rauch stieg von der Grube auf und wogte in Schwaden unterhalb der Plattform, um langsam zu dem in Leintücher gehüllten Leichnam vorzudringen, so dass der Verwesungsgeruch, selbst wenn man in Windrichtung stand, nur ganz schwach wahrzunehmen war.
Breaca trieb ihre Stute an einen der Stützpfeiler der Plattform heran. Frühmorgendlicher Nebel schwebte in Kniehöhe und verhüllte den Erdboden. Rauchschwaden verschleierten den Himmel. Nebel und Rauch erzeugten eine gespenstisch anmutende Atmosphäre, die Breaca das Gefühl vermittelte, in einer unirdischen Welt der Stille und des Todes eingeschlossen zu sein. Erinnerungen an den heimtückischen Nebel der Träumer ließen kalte Schauder über ihr Rückgrat rieseln, die wieder abzuschütteln nicht so ganz einfach war.
Sie war nicht die Erste, die dem Verstorbenen einen Besuch abstattete. Vor ihr waren schon etliche andere dagewesen, die Geschenke für die Reise in das Totenreich mitgebracht hatten. Ein Schild aus dünner Bronzefolie mit kunstvoll eingravierten fliegenden Reihern auf dem Schildbuckel lehnte gegen einem der Pfeiler; eine Kette aus roten Korallen hing in Schlaufen von dem Geflecht aus Haselnusszweigen herab, das die Plattform bildete; ein an einer Lederschnur baumelndes silbernes Horn stieß klirrend dagegen, das Geräusch durch den Nebel gedämpft. Und überall war Gold: Unzählige Ringe, Münzen und Armreifen hingen im Rauch. Der Wind und die vom Feuer aufsteigende Hitze spielten mit ihnen und drehten sie langsam im Kreis herum. Der Rauch jedoch machte all diese Kostbarkeiten stumpf und glanzlos und ließ sie wie unedles Metall erscheinen.
Breacas Geschenk bestand aus einem Torques aus geflochtenen Goldsträngen, den sie speziell für diesen Anlass von Gunovic gekauft hatte. Der Halsreif war nicht so formvollendet schön und kunstfertig gearbeitet wie diejenigen, die ihr Vater geschmiedet hatte, aber er kam dem Vorbild so nahe, wie es jeder lebende Schmied bewerkstelligen könnte: Er wies ein kompliziertes Muster auf, ohne jedoch überladen zu wirken, und war seinen Preis durchaus wert. Breaca nahm den Torques aus ihrer Satteltasche und band ihn unter einer Ecke der Plattform fest, wo der Rauch ihn nicht so schnell schwärzen würde. Der älteste der Feuerhüter nickte ihr beifällig zu.
Einen Moment später tauchte ein Reiter hinter ihr aus dem Nebel auf. Sie lenkte die Stute ein paar Schritte von der Plattform fort und wartete. Selbst wenn sie ihn nicht erwartet hätte, hätte ihn seine Größe sofort verraten. Er war noch etwas breiter in den Schultern, als sie ihn von ihrer letzten Begegnung her in Erinnerung hatte, und sein Haar war jetzt von grauen Strähnen durchzogen, ansonsten jedoch hatte er sich kein bisschen verändert.
»Togodubnos, sei gegrüßt. Deinem Vater wird im Tode alle Ehre erwiesen.«
»Bisher.« Er begrüßte sie mit einem flüchtigen Lächeln. Der zeremonielle Empfang der Delegation aus Mona hatte bereits am vergangenen Abend stattgefunden, als sie angekommen waren. Jetzt gab es für sie beide keinen Grund mehr, förmlich zu sein; als ranghöchste Kriegerin von Mona war sie Togodubnos ebenbürtig, und selbst wenn sie rangmäßig unter ihm gestanden hätte, waren sie doch durch ihre Vergangenheit eng genug miteinander verbunden, um ganz offen sprechen zu können, wenn sie unter vier Augen waren. Er sagte: »Wir werden ihn morgen zu dem Grabhügel bringen. Luain mac Calma hat die Grabkammer konstruiert, in der er liegen wird. Wenn die Sonne scheint, wird Cunobelin in lebendiges Gold gehüllt zu seiner letzten Ruhestätte reisen.«
»Und selbst wenn sie nicht scheint, wird sein Leichenzug trotzdem majestätischer und prunkvoller sein als alles, was die Welt je erblickt hat.« Breaca hatte die Vorbereitungen gesehen; noch nie zuvor in der Geschichte sämtlicher Stämme hatte es eine Beisetzung solch großen Stils gegeben. Allein schon die fast unübersehbar große Anzahl der Trauernden und die Vielzahl der Stämme, von denen sie kamen, machten Cunobelins Begräbnis einzigartig.
»Das hoffe ich doch«, erwiderte Togodubnos. »Das ist die Absicht, die dahinter steht. Ganz gleich, welche Fehler mein Vater im Leben gemacht hat, er hat so vielen Menschen Sicherheit und unvorstellbaren Reichtum beschert, wie es kein anderer vor ihm getan hat. Wir sind es ihm schuldig, seiner noch ein letztes Mal ehrend zu gedenken, selbst wenn wir den Frieden, den er geschaffen hat, nicht bewahren können.«
Hail kam auf Breaca zugerannt, während er gegen das Nebelmeer ankämpfte. Er hatte getötet und gefressen; die Spuren davon waren in Form von klebrigen dunklen Flecken an seiner Kehle zu erkennen. Er trug das hintere Viertel eines Hasen im Maul - des Tieres, das Nemain geweiht war - und legte es zu Breacas Füßen nieder. Wenn dies ein Omen war, dann war es ein gutes. Togodubnos beobachtete sie, als sie das blutige Fleisch in dem Beutel an ihrem Sattel verstaute.
»Togodubnos, ich bin unbewaffnet.« Sie breitete die Arme aus und hob den Saum ihres Umhangs, um ihm den schlichten Gürtel zu zeigen, den sie darunter trug. »Ich habe meine Waffen bei der Torwache zurückgelassen, als wir gestern Abend angekommen sind. Und selbst wenn ich das nicht getan hätte, so ist dies doch die Zeit deines Vaters, und mein Respekt vor dem Verstorbenen würde mir verbieten, während dieser Zeit von meinen Waffen Gebrauch zu machen. Solange sein Leichnam noch über der Erde liegt und für die drei Tage nach seiner Beisetzung werde ich den Frieden respektieren.«
Er nickte. »Natürlich. Das hätte ich auch nicht anders von dir erwartet.«
»Was beunruhigt dich dann?«
Er musterte sie argwöhnisch. »Ich habe gehört«, sagte er, »dass du vor den stehenden Steinen von Mona geschworen hast, dass du Amminios herausfordern und töten oder bei dem Versuch sterben würdest. Stimmt das?«
»Das stimmt, ja. Und ich habe gehört, dass Caradoc das Gleiche geschworen hat. Wenn du dich aufmerksam in der Residenz umhörst, wirst du mitbekommen, wie Krieger von einem Dutzend verschiedener Stämme Wetten darüber abschließen, wer von uns beiden den anderen töten wird, um das Privileg zu haben, allein gegen Amminios zu kämpfen.«
Togodubnos lächelte schwach. »Ein solcher Kampf zwischen dir und Caradoc wäre sicherlich sehenswert.«
»Er wird aber niemals stattfinden. Caradoc und ich sind durch den Kriegereid gebunden und können nicht gegeneinander kämpfen. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre - den Schwur, Amminios zu töten, habe ich in jugendlicher Unreife und im Zorn geleistet, als ich damals zum ersten Mal nach Mona gekommen bin. Seitdem bin ich erwachsen geworden, und außerdem bin ich nicht mehr Breaca von den Eceni, der es freistand, so zu handeln, wie sie allein es für richtig hielt. Ich bin jetzt ranghöchste Kriegerin von Mona, und meine vordringlichste Aufgabe besteht darin, mich um das Wohl und die Sicherheit von Mona zu kümmern. Wenn sich die Gelegenheit bietet, werde ich Amminios töten, aber ich werde ihn nicht extra zu diesem Zweck ausfindig machen. Und ich glaube auch nicht, dass Caradoc das tun wird. Auch er sieht die Sache inzwischen in ihrem größeren Zusammenhang.«
»Das wäre gut.« Togodubnos führte sein Pferd von der Plattform fort. Breaca folgte ihm mit ihrer grauen Stute. In sicherer Entfernung von etwaigen Lauschern sagte er: »Amminios ist hier. Auch er hat seine Waffen abgegeben. Ohnehin lässt er dort, wo er nicht mit dem Schwert überzeugen kann, auch ganz gerne einmal Gold sprechen. Es besteht kein Zweifel darüber, dass er nach Süden reiten wird, sobald er irgend kann. Wenn das passieren sollte und wir ihn verfolgen sollten, besteht die Gefahr, dass er zu Berikos von den Atrebatern fliehen könnte oder auch nach Rom.«
Das war für Breaca nichts Neues; nur die Unmittelbarkeit der Bedrohung war neu für sie. »Kannst du ihn nicht daran hindern?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht. Wenn es für ihn um alles oder nichts geht, dann, nein, dann glaube ich nicht, dass ich noch irgendetwas ausrichten kann; aber ich glaube, wenn man ihm etwas anbietet, dann nimmt er es vielleicht lieber, statt das Ganze zu verlieren. Ich trage mich mit dem Gedanken, ihm die Verwaltung des größten Hafens am Südufer des Flusses anzubieten; dieser Hafen ist zwar nicht das einzige Juwel, aber er ist der bedeutendste von denjenigen, auf die Amminios es abgesehen hat, und er wäre immer noch besser als gar nichts. Wenn er das Angebot annimmt, können wir einen Krieg vielleicht vermeiden.«
Der Plan hörte sich nach etwas an, was sein Vater hätte ersinnen können, aber das machte ihn nicht schlecht und auch nicht unannehmbar. »Wie willst du sicherstellen, dass er nur das nimmt, was du ihm freiwillig überlässt?«, fragte sie.
»Ich werde mit ihm in den Süden reiten. Ich werde eine kleine Truppe mitnehmen, meine Ehrengarde und vielleicht noch zweihundert andere Krieger - genug, um den Speerkämpfern gewachsen zu sein, die er sofort um sich versammeln kann, aber nicht, um ihm zu trotzen oder die Atrebater zu einer Schlacht zu provozieren, bevor wir darauf vorbereitet sind.«
»Was wirst du tun, wenn er dein Angebot zurückweist und loszieht, um die Speerkämpfer der südlichen Länder dazu zu bringen, sich mit ihm zu verbünden und ihm den Treueeid zu schwören?«
»Ihm folgen und versuchen, die Speerkämpfer vor ihm zu erreichen.«
»Und wenn er doch als Erster dort ankommt?«
»Dann haben wir verloren. Im besten Fall werden wir dann den Winter damit verbringen, uns auf einen Krieg gegen die Atrebater vorzubereiten. Im schlimmsten Fall werden wir den Legionen Roms gegenübertreten müssen.«
Togodubnos legte seine Hände auf den Sattel und blickte nachdenklich auf das Land hinaus, für das er jetzt die alleinige Verantwortung trug. Er war kein Mann von langsamer Auffassungsgabe, und es fehlte ihm auch nicht an Bildung oder an den notwendigen Mitteln, um das, was er wusste, richtig zu interpretieren. Und zudem war er tagtäglich vom Spiel der Kräfte unterrichtet worden, und zwar von dem Mann, der dieses Spiel wie kein Zweiter beherrscht hatte. Togodubnos war zwar kein geborener Spieler, aber er hatte doch mehr von Cunobelin gelernt als die meisten anderen Männer. Jetzt blickte er Breaca an und unterbreitete ihr sein Angebot.
»Ich bin der Ansicht, wenn die ranghöchste Kriegerin von Mona und ihre Ehrengarde Teil der Truppe wären, die mit Amminios in den Süden reitet, könnte man diejenigen, denen der Sinn nach Krieg steht, vielleicht dazu bewegen, sich das noch einmal gründlich zu überlegen. Es könnte den Ausschlag für uns geben.« Sein Blick war offen und aufrichtig; ihm fehlte sowohl Caradocs Ironie als auch Amminios’ Verschlagenheit. Mit einem leichten Achselzucken fügte er hinzu: »Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, was dich das persönlich kosten würde. Wenn du es vorziehen solltest, deine Zeit lieber anderswo zu verbringen als in der Gesellschaft meines Bruders, werde ich deswegen ganz bestimmt nicht schlecht von dir denken.«
»Nein, aber ich werde mitkommen.« Der Himmel begann sich aufzuhellen. Die riesigen Nebelfelder sanken zu Boden und lösten sich auf, als sich die Luft allmählich erwärmte. Unten in der Residenz erwachten Männer und Frauen von einem Dutzend verschiedener Stämme aus dem Schlaf und begannen sich zu regen, und jeder begrüßte den Sonnenaufgang auf seine eigene Weise. Breaca von den Eceni, Kriegerin von Mona, fühlte, wie die Glut der Morgensonne das Feuer in ihrem Herzen neu entfachte. Sie streckte die Hand aus und umschloss den Arm ihres Freundes und Verbündeten.
»Gib mir Bescheid, wenn ihr euch zum Aufbruch rüstet. Wir werden an eurer Seite sein.«
Die Beisetzungsfeierlichkeiten erstreckten sich über drei Tage. Am ersten Tag, kurz vor der Morgendämmerung, wurde Cunobelin, Hund der Sonne, Freund Roms und Beschützer seines Volkes, von der Plattform zu dem Grabhügel befördert, in dem er zur letzten Ruhe gebettet werden sollte. Der Tote lag in einem zweirädrigen Triumphwagen, gelenkt von seinem ältesten Sohn; fuchsfarbene Pferde zogen das Gefährt, und die rot gescheckten Jagdhunde liefen rechts und links nebenher. Das Geschirr der Pferde bestand aus Bronze, spiegelblank poliert und mit Bernstein und Koralle besetzt, der Leichnam war in golddurchwirktes Tuch gehüllt, und über ihm war der große gelbe Umhang ausgebreitet.
Togodubnos ließ die Pferde im Schritttempo gehen, während er der traditionellen Wegstrecke folgte, die die Herrscher der Trinovanter schon seit unzähligen Generationen genommen hatten. In dem Frühjahr vor dem Tod des Sonnenhunds waren kleine Veränderungen in der Landschaft vorgenommen worden. Stechginsterbüsche waren entlang des Weges gepflanzt worden, und jetzt blühten sie, so dass sich der Triumphwagen und die Kolonne von Trauernden eine in leuchtendes Gelb getauchte Allee entlang bewegten, der Eindruck noch verstärkt durch Schöllkraut und Löwenzahn, die sich einem buttergelben Teppich gleich durch das Gras zogen.
Die Prozession, die dem Leichenwagen folgte, war länger und würdevoller als jede, die jemals zuvor hier entlanggeschritten war. Die königlichen Familien sämtlicher Stämme waren vertreten, und jede hatte die herausragendsten Träumer und Sänger ihres Volkes mitgebracht. Allein Mona hatte zusätzlich zu der ranghöchsten Kriegerin und ihrer Ehrengarde noch eine zweihundertköpfige Delegation entsandt, die Hälfte davon Träumerinnen und Träumer. Hinter ihnen ritten die Völker der Trinovanter und der Catuvellauner, und dahinter wiederum die Händler und Kaufleute aus Gallien, Iberien, Griechenland und den drei germanischen Provinzen, die mit dem Handel in Cunobelins Häfen ihr Glück gemacht hatten.
Vor dem Grabhügel wurde der Verstorbene auf eine Bahre aus Eiche umgebettet, umringt von mehr Kostbarkeiten, als man im Reich der Toten schon jemals zuvor gesehen hatte. Luain mac Calma, der für das, was jetzt folgen sollte, die Verantwortung trug, war sichtlich nervös. Den größten Teil von drei Monaten war er damit beschäftigt gewesen, die Zimmerleute der Trinovanter bei der Konstruktion der hölzernen Grabkammer anzuleiten, die den Leichnam aufnehmen würde, und anschließend hatte er die Errichtung des Grabhügels überwacht, der über der Kammer aufragen sollte. Während der drei Tage vor der Beisetzung hatte er diejenigen beaufsichtigt, die all die Schilde, Waffen, Speisen und goldenen Schmuckgegenstände in die Kammer brachten, mit denen der Verstorbene geehrt wurde, und dafür gesorgt, dass jedes Teil exakt im richtigen Winkel platziert wurde, damit es seinen Zweck erfüllte. Jetzt, am ersten Tag der Beisetzungsfeierlichkeiten, in dem matten Licht vor Sonnenaufgang, befahl er den Leichenträgern, die den Toten von Togodubnos’ Wagen herunterhoben, ihren verstorbenen Herrn in die Grabkammer zu tragen, dann verschloss er hinter ihnen den Eingang mit einem bodenlangen Vorhang aus aneinander genähten Fellen und versiegelte das Innere auf diese Weise vor den Blicken der Trauergemeinde.
Die Augenblicke des Wartens, die nun folgten, waren lang und angespannt. Drei Klumpen Rohgold waren in die Erde oberhalb des Eingangs eingebettet worden, einer neben dem anderen, jeweils eine Handbreit voneinander entfernt. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel auf den Rand des ersten Goldklumpens, noch blässlich und matt. Nach einer Weile, als die Sonne etwas höher über dem wolkenlosen Horizont aufgestiegen war, erstrahlte der anfangs so trübe Goldklumpen in einem feurigen Leuchten. Die Sonne stieg noch ein kleines Stückchen höher, und nun erfassten ihre Strahlen auch den zweiten und den dritten Goldklumpen. Als alle drei wie Sterne leuchteten, erteilte Luain den Befehl, den Türvorhang beiseite zu ziehen, um das Herz des Grabhügels zu enthüllen und den Leichnam, der so feierlich und mit so viel Pomp in seinem Inneren aufgebahrt war.
Das Ergebnis war überwältigend. Als der Vorhang zur Seite glitt, fiel das Licht der Sonne in seiner ganzen blendenden Helligkeit durch den Eingang der Kammer und wurde dabei von jedem Stück polierten Goldes so oft reflektiert und vervielfältigt, bis der Tote, der Umhang und die Bahre, auf der er lag, von einer Hülle aus lebendigem Licht umschlossen waren, so gleißend und strahlend, dass selbst reinstes Gold im Vergleich dazu trübe und stumpf aussah. Reines Sonnenlicht strömte aus dem dunklen Grabhügel heraus und ergoss sich auf diejenigen, die davor standen und das Schauspiel beobachteten, so dass ein unwillkürlicher Aufruf des Staunens durch die Reihen ging. Es war ebenso sehr Beweis für Luain mac Calmas Fähigkeiten als Diplomat und Berater des Sterbenden wie auch für seine herausragenden Leistungen als Baumeister. Wenn es den Sonnenhund nach einer besonderen Auszeichnung verlangte oder nach einem einzigartigen Symbol zum Beweis seiner Aussöhnung mit den Träumern - falls diese Träumer denn ein Zeichen brauchten, das bewies, dass sie in Harmonie mit den Göttern und den Herrschern der Völker lebten -, dann waren beide Bedürfnisse hiermit befriedigt worden. Es war ein so vollkommener Heimgang, wie man ihn sich nur wünschen konnte, und keiner der Anwesenden würde das Schauspiel jemals vergessen oder es überdrüssig werden, den Augenblick all denjenigen zu schildern, die nicht von den Göttern hierher berufen worden waren. Sie standen in respektvollem Schweigen da, bis Luain mac Calma das Signal gab, die Hörner erschallen zu lassen, und sie wieder in einer langen Kolonne dorthin zurückmarschierten, von wo sie gekommen waren.
Am zweiten Tag der Beisetzungsfeierlichkeiten wurde der Tote von seiner Bahre gehoben, nach draußen getragen und auf einen Scheiterhaufen aus getrocknetem Eichenholz und Asche gelegt. Cunomar, Togodubnos’ dreijähriger Sohn, entzündete den Scheiterhaufen mit dem ausgesucht feierlichen Ernst der ganz Jungen. Die Zwischenräume zwischen den Holzscheiten waren dicht mit Stroh, Zunder und kleinen Brocken von Mineralien ausgefüllt, die Maroc aus Mona geschickt hatte, so dass die Flammen in Scharlachrot, Goldgelb und Hellgrün aufloderten und die wenigen in der Menschenmenge, die womöglich vergessen haben könnten, dass sie sich in Gegenwart einer Majestät befanden, wieder einmal daran erinnert wurden, dass sie niemals einen Herrscher wie den Sonnenhund gesehen hatten.
Am dritten Tag wurde die Asche des Verstorbenen aus der Grube unterhalb des ausgebrannten Scheiterhaufens herausgeholt, in eine Urne aus gebranntem, unbearbeitetem Ton gefüllt und wieder in das Herz des Grabhügels zurückgebracht. Alles im Inneren der Grabkammer - die Schilde, die Schwerter, die Speere, die Speisen, der Wein und die Schatullen mit Kleidungsstücken - wurde zerbrochen, zerrissen oder auf dem Boden zerstampft. Alle diese kostbaren Geschenke waren bereits in ihrer unkörperlichen Form von der scheidenden Seele des Verstorbenen über den Fluss ins Totenreich getragen worden, und daher brauchten sie in der Welt der Lebenden jetzt nicht mehr heil zu bleiben, um womöglich eine unwiderstehliche Verlockung für Grabschänder darzustellen. Die Grabkammer wurde den Tag über offen gelassen, um dann beim Aufgehen des Mondes unter Luains Kommando endgültig verschlossen zu werden. Diejenigen, die es wünschten, wurden dazu ermutigt, noch eine Weile in Gegenwart des Toten zu verbringen. Die Trennmauern zwischen den Welten waren hier und jetzt dünner als sonst und die Worte der Götter leichter zu hören.
Die ganze Zeit über fiel nur ein einziger anderer Name ebenso häufig wie der des Verstorbenen. Caradoc, Krieger dreier Stämme, hatte nicht geruht, seinem Vater die letzte Ehre zu erweisen, und seine Abwesenheit hinterließ eine größere Lücke, als seine Gegenwart hätte ausfüllen können. Bei einer Zusammenkunft von dieser Größenordnung schwirrte es nur so von Gerüchten, und sie verbreiteten sich so schnell wie Fliegen auf einem Kadaver. Einige behaupteten, Caradoc sei in Gallien, um Amminios’ dortige Güter zu stürmen, während sein Bruder der Beerdigung ihres Vaters beiwohnte. Andere behaupteten, er sei im fernen Westzipfel des Landes, um ein Bündnis mit den Dumonii zu schmieden, die die Zinnminen kontrollierten, und sie dazu zu überreden, ihren Handel mit Rom einzustellen. Wieder anderen Gerüchten zufolge war er in Irland, der riesigen Insel jenseits der Nebelschwaden am westlichen Rand der Welt, und rekrutierte Krieger, um gen Osten zu segeln und seine beiden Brüder zum Kampf herauszufordern. Und es kursierte auch ein Gerücht, demzufolge er in den wilden Ländern des Nordens war, um wieder um Cartimandua von den Brigantern zu werben, die mehr Krieger auf sich vereidigt hatte als jeder Mann, und zwar einschließlich des einen, der kürzlich verstorben war.
Dieses letzte Gerücht war wahr und zugleich nachweisbar falsch: Cartimandua hatte tatsächlich mehr Kriegern den Treueeid abgenommen, als Cunobelin es jemals getan hatte, aber Caradoc war nicht bei ihr. Die Anführerin der Briganter hatte ihre eigene Delegation in den Süden geführt und war sowohl durch die Größe der Opfergaben aufgefallen, die sie an Cunobelins Grab zurückließ - sie hatte einen mit funkelndem Gold verzierten Streitwagen und einen Schild aus dem gleichen Metall gespendet - als auch durch ihr Benehmen. Sie war keine feinsinnige, zurückhaltende Frau, und während Caradoc eindeutig nicht in ihrem Gefolge war, hatte sie doch überall verbreitet, dass er einen noch nicht lange zurückliegenden Winter in ihrem Versammlungshaus verbracht und ihr ebenso eifrig »den Hof gemacht« hatte, wie es sein Vater jemals bei irgendeiner Frau getan hatte.
Breaca, die besser als die meisten anderen wusste, welche der Geschichten auf Wahrheit beruhten, beobachtete die junge Frau aus einiger Entfernung. Sie hatte nur wenig über Cartimandua gewusst, bis zu dem Tag ihrer Ernennung zur ranghöchsten Kriegerin von Mona, als sich herausgestellt hatte, dass die Frau vom Stamm der Briganter indirekt der Grund für Venutios’ Abberufung in die Heimat war.
Es war eine sonderbare Zeit gewesen, jene vage, nebelhafte Übergangsphase, als der Schutzmantel des Anführers noch nicht vollständig von dem alten Amtsinhaber auf den neuen übergegangen war und weder der Erstere noch der Letztere sich schon so recht an den Wechsel gewöhnt hatten. In den Tagen unmittelbar danach hatte Venutios Breaca in Tallas Großes Versammlungshaus geführt und ihr alles das vermittelt, was er über die Lehren des ranghöchsten Kriegers wusste, ein Wissen, das seit der Zeit der ältesten Ahnen in einer ununterbrochenen Linie weitergegeben worden war. Er hatte ohne jede Schwierigkeit zweihundert seiner Vorgänger benannt, von denen jeder Einzelne den Titel für ein Jahrzehnt oder sogar noch länger geführt hatte; und unter Venutios’ Anleitung hatte Breaca nicht nur die Namen gelernt, sondern auch von den Träumen jedes Einzelnen erfahren und von der Macht, die er besessen hatte, und sie hatte die Geschichten ihrer Prüfungsnächte gehört. Die Ehrfurcht vor der jahrtausendealten Tradition und den großartigen Leistungen ihrer Vorgänger sowie das Bewusstsein, mit welch ungeheurer Verantwortung dieses Amt verbunden war, hatten Breaca vor heiliger Scheu verstummen lassen. Sie wusste jetzt Dinge, die selbst Talla noch nie gehört hatte und die sie auch niemals erfahren würde.
Am ersten Tag, dem Tag ihrer Ernennung, war es noch anders gewesen und weniger leicht. Breaca war am späten Nachmittag auf Venutios getroffen, während er am Flussufer im Schatten der Haselnussbäume gesessen und einen Apfel gegessen hatte. Aus der Ferne hatte er einen durchaus zufriedenen Eindruck gemacht; als sie näher gekommen war, waren jedoch sein Kummer und die schleppende Resignation offensichtlich gewesen, und Breaca wäre wieder fortgegangen, hätte er sie nicht gerufen und aufgefordert, sich zu ihm zu gesellen. Sie hatten eine Weile schweigend dagesessen, und Breaca hatte versucht, die Grenzen seines inneren Friedens abzuschätzen, und dann festgestellt, dass er zwar intakt war, aber nur gerade eben noch. Sie hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass von ihr nicht verlangt werden würde, diesen Frieden zu verbreiten, so wie Venutios es immer getan hatte.
Schließlich hatte er einen anderen Apfel zerteilt, ihr eine Hälfte davon gegeben und dann - so als ob er zu dem Fluss spräche - gesagt: »Mein Volk sind die im Norden lebenden Briganter, der kleinere Teil dieses Stammes. Es ist der Wunsch unserer Ältesten, dass wir uns mit Cartimandua, die über den größeren, im Süden lebenden Teil herrscht, zu einer Einheit zusammenschließen, die größer und stärker ist als jeder Teil für sich allein. Aus diesem Grund bin ich nach Hause zurückbeordert worden.« Er hatte das Apfelgehäuse in den Fluss geworden. Sein kantiges, sonst so offenes Gesicht war verschlossen gewesen. »Cartimandua hat noch nie einen Fuß auf Mona gesetzt, und sie wird das auch niemals tun. Sie glaubt, dass ihr Wille und jener Brigas eins sind und dass sie keine Träumer braucht, um die Worte der Götter zu deuten oder um zwischen ihnen und den Menschen zu vermitteln. Sie hämmert ihrem Volk dies ein und lässt sich von ihnen wie eine Göttin behandeln.«
Breaca hatte ruhig erwidert: »Niemand herrscht bis in alle Ewigkeit.«
»Nein. Und es ist der Wunsch unserer Ältesten, dass ihr Kind, wenn sie eines hat, in dem Sinne erzogen wird, dass es den Unterschied zwischen dem Willen der Götter und den Wünschen und Sehnsüchten des menschlichen Herzens begreifen lernt. Dies werde ich mit meiner ganzen Kraft tun, solange ich noch Atem in meinem Körper habe.«
So war ihr die Aufgabe, die Venutios auf dem Fähranleger angenommen hatte, in ihrem ganzen Ausmaß enthüllt worden, und sie hatte gespürt, wie schwer diese Bürde auf ihm lastete und wie sehr ihr Gewicht ihn hinunterzog. Es erschien ihr heute noch genauso unglaublich wie damals, dass es so leicht war, den Mann, der ranghöchster Krieger von Mona gewesen war, zu zermürben.
»Wenn es Krieg gibt«, hatte sie gefragt, »wirst du dein Volk dann in den Süden führen, um Amminios und seine Verbündeten zu bekämpfen?«
»Ich glaube, das Volk des Nordens - mein Volk - wird auf mich hören, und, ja, wenn es notwendig ist, werde ich sie in den Krieg führen, zur taktischen Unterstützung der Trinovanter. Was Cartimanduas Volk angeht...« Er hatte abrupt innegehalten. Hinter ihr waren Schritte im Gras zu hören gewesen. Als Venutios erneut zu sprechen begann, hatte er seine Stimme erhoben, so dass sie über Breacas Schulter hinweg zu hören gewesen war. »Caradoc hat sie erst vor kurzem gesehen. Caradoc, falls es Krieg zwischen deinen beiden Brüdern gibt, wird Cartimandua von den Brigantern dann ihre Krieger in den Süden führen, was meinst du?«
Einen Moment lang hatte Schweigen geherrscht. Dass Caradoc einen Winter bei den Brigantern verbracht hatte, war allgemein bekannt. Was er dort getan hatte, hatte sich jedoch nicht bis nach Mona herumgesprochen. Breaca hatte sich umgewandt und Caradoc lang ausgestreckt neben ihr im Gras liegen sehen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Seine Augen, bar jeden Gefühls, hatten den Himmel widergespiegelt. Mit für ihn untypischer Gehässigkeit hatte er erklärt: »Sie wird tun, was immer ihr gerade passt, und das ist etwas, was keiner von uns vorhersagen kann.« Als er sich aufsetzte, hatte er seinen Ton zwar wieder gemäßigt, doch sein Ausdruck war grimmig geblieben. »Cartimandua ist jemand, der glaubt, dass man sich Respekt nicht erst verdienen muss, sondern dass er automatisch mit einer vornehmen Abstammung einhergeht. Folglich fordert sie ihn unverdient, zollt aber selbst niemandem Respekt, noch nicht einmal denjenigen Angehörigen ihres Volkes, die mit größter Ehrenhaftigkeit und Courage in ihrem Interesse handeln. Sie wird so handeln, wie es ihr gerade in den Sinn kommt, und kein Mensch kann vorhersehen, was dabei herauskommen wird, noch nicht einmal sie selbst.« Er und Venutios hatten einen wissenden Blick getauscht. »Ehrlich gesagt, ich beneide dich nicht um deine Aufgabe.«
Der Mann, der bis vor kurzem noch ranghöchster Krieger von Mona gewesen war, hatte schwach gelächelt. »Nein. Weder du noch sonst irgendjemand. Ich würde sie auch keinem anderen wünschen, aber ich werde mich bemühen, das Beste daraus zu machen.«
 
Venutios war nicht Mitglied der brigantischen Abordnung gewesen, die zur Beisetzung des Sonnenhunds angereist war, und was er von Cartimandua hielt, konnte man nur vermuten. Breaca stellte sehr schnell fest, dass sie Caradocs Meinung teilte, und ihr Mitgefühl für denjenigen, der ihr Vorgänger gewesen war, verstärkte sich im Laufe der Tage noch. Zu ihrem großen Ärger hatte sie bei Tisch mehr als einmal mit anhören müssen, wie Caradocs Fertigkeiten auf dem Gebiet der körperlichen Liebe geschildert wurden. Bei der jüngsten Gelegenheit hatte sie neben Odras gesessen, die ruhig auf eine Pause in der Unterhaltung gewartet hatte, bevor sie mit klarer, weithin hörbarer Stimme fragte, wie die brigantische Herrscherin es eigentlich fertig gebracht hatte, eine Schwangerschaft zu vermeiden, nachdem sie doch einen ganzen Winter mit wildem, zügellosem Geschlechtsverkehr verbracht hatte. Das Gelächter war laut gewesen und hatte länger angedauert, als es vielleicht hätte sollen, doch dann hatten die anderen dieses Gesprächsthema fallen lassen und es auch nicht wieder aufgegriffen, zumindest nicht, solange Odras oder Breaca in Hörweite gewesen waren.
In der Ruhepause danach hatte Odras Breaca unter vier Augen von dem letzten Gerücht, demjenigen, das die geringste Verbreitung erfahren hatte und bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass es wahr war, am größten zu sein schien. Breaca war daraufhin fortgegangen und hatte Airmid aufgesucht, die in der Lage hätte sein müssen, ihr den Wahrheitsgehalt dieses Gerüchts zu bestätigen, dies aber unerwarteterweise nicht gekonnt hatte. Da die Lebenden ihr keine befriedigenden Antworten geben konnten, wanderte Breaca zu dem Grabhügel hinauf, um sich mit den Toten zu besprechen.
 
Die Grabkammer lag nach Osten zu, aber Luain hatte noch eine zweite, nach Westen ausgerichtete Öffnung konstruiert, und diese war mit der Kammer durch einen Tunnel verbunden, durch den das milde Licht der untergehenden Sonne eindringen und die Überlebenden wärmen konnte. Breaca traf kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein, fand aber keine Lebenden an dem Ort vor, nur stille, unbewegte Luft und den Strahl von Sonnenlicht, der auf die Urne mit Cunobelins Asche fiel und auf den zerrissenen gelben Umhang darunter. Die Grabkammer im Inneren des Hügels war größer, als Breaca gedacht hatte, und sie roch nach Bauholz, nicht nach Erde und Stein. Die Decke und die Wände waren mit frisch gehobeltem Eichenholz verschalt, und überall waren Spiralen und Linien und die seltsamen tanzenden Tiere der Ahnen eingeschnitzt. Breaca lehnte sich mit dem Rücken gegen das Abbild eines springenden Hirschs, zog die Schnur an ihrer Gürteltasche auf und kippte den Inhalt in ihre Hand.
Hier waren die Andenken, die sie im Laufe ihres Lebens geschenkt bekommen hatte, oder zumindest diejenigen, die man in einem Beutel mit sich herumtragen konnte: ein Ring aus Gold; ein Stück geschnitzten Bernsteins, das ihr Airmid geschenkt hatte, als sie zum ersten Mal die Wasserstraße nach Mona überquerten; die getrocknete Pfote des ersten Hasen, den Hail für sie erlegt hatte, nachdem Bán gestorben war. Sie schob sie alle wieder in ihre Gürteltasche zurück und behielt nur den Ring. Er lag kühl auf ihrer Handfläche. Sie stand eine Weile da und betrachtete ihn nachdenklich, dann beugte sie sich vor und legte ihn in die Mitte des gelben Umhangs, genau dorthin, wo der letzte schräge Strahl der Abendsonne hinfiel. Das kleine eingravierte Abbild des Sonnenhunds hob sich schwarz gegen ein Meer von Gold ab.
Plötzlich raschelten Schritte in dem hohen Gras draußen vor dem Eingang. Ein Schatten fiel zur Tür herein. Und eine Stimme, die sie selbst mitten in einer Schlacht oder in der undurchdringlichen Finsternis eines verschlossenen Grabes erkannt hätte, sagte: »Er hätte nicht gewollt, dass von all den Geschenken, die er jemals gemacht hat, ausgerechnet dieses zurückgegeben würde.«
Breaca hob den Kopf. In der Grabkammer war es plötzlich kälter geworden, und ihre Gesichtshaut spannte sich auf einmal straffer über ihre Knochen. »Caradoc.« Sie zwang sich, sich zu ihm umzudrehen. »Ich habe gehört, du bist der Vater des Kindes, das Cwmfen, die Anführerin der Ordovizer, zur Welt gebracht hat. Ich hatte gedacht, du hättest nur Marocs Drängen nachgegeben, aber anscheinend verhält es sich anders. Dein Vater wird überglücklich ins Reich der Toten gehen, nachdem sein innigster Wunsch nun erfüllt ist.«
»Nicht durch mich.« Er trat weiter in die Kammer herein. Seine Stimme klang gestelzt und seltsam förmlich. »Ja, ich habe eine Tochter; sie ist erst vor wenigen Tagen geboren worden. Ich bin noch dort geblieben, um ihren ersten Atemzug mitzuerleben, bevor ich nach Osten geritten bin. Das ist der Grund, weshalb ich mich verspätet habe. Wir haben sie Cygfa genannt. Bán hatte damals einen Jagdhundwelpen, der den gleichen Namen trug und aus dem gleichen Grund. Sie wird mit dem Wissen heranwachsen, warum ihre Mutter und nicht ihre Tante das Volk der Streitaxt anführt. Es wird sie davor bewahren, zu einer Sklavin der Trinovanter gemacht zu werden.«
»Und was wird sie über ihren Vater wissen?«
»Genauso viel, wie du über deinen Vater gewusst hast. Mehr, so hoffe ich, als ich über den meinen gewusst habe. Oder zumindest wird das, was sie weiß, anders sein.«
Er trat an das andere Ende der Totenbahre, um Breaca anzusehen. In der harzig duftenden Luft des Grabkammer verströmte er den Geruch nach einer langen Reise, nach Pferd und Ledergeschirr sowie nach Schmutz und Kleidern, die zu lange nicht gewechselt worden waren. Er hatte sich nur gerade die Zeit genommen, um sich den Reisestaub von Händen und Gesicht abzuwaschen und sich einen frischen Umhang umzuwerfen, zwar leicht zerknittert von der Satteltasche, aber sauber und nicht durch Wind und Wetter zerschlissen. Der Umhang war von dem Weiß der Ordovizer und wurde von einer silbernen Brosche in Form einer Streitaxt gehalten. Caradoc sah abgespannt aus, und sein Gesicht war von Schlafmangel gezeichnet. Es war das Gesicht eines Mannes, nicht mehr das eines halbwüchsigen Jungen, der triefend nass aus dem Meer geborgen worden war, aber andererseits lag diese Geschichte ja auch schon weit zurück. Trotzdem konnte Breaca ihn sich nicht als Vater vorstellen.
Ich habe eine Tochter. Ein bitterer Schmerz zog ihr Herz zusammen, ein Schmerz, den sie bei ihrem Abschied auf dem Fähranleger von Mona nicht derart intensiv gespürt hatte, denn damals hatte sie seine Zuneigung zu der Ordovizerin noch für eine vorübergehende Laune gehalten und dies auch gesagt, und er hatte sie aus Mitleid in diesem Glauben gelassen. Geliebte mögen kommen und gehen, aber eine Vaterschaft ist etwas Bleibendes. Caradoc war nicht der Typ, der zufällig oder versehentlich ein Kind zeugte; die Tatsache, dass er es getan hatte, sprach von Banden, die mindestens ebenso stark waren wie jeder Kriegereid. Sie kannte ihn inzwischen gut genug, um das zu wissen.
Wir haben sie Cygfa genannt.
Wir.
Wenigstens würde Cartimandua dadurch endlich zum Schweigen gebracht werden.
Es war das Beste, sie ging jetzt. Sie wies mit einer Kopfbewegung auf die Totenbahre und sagte: »Ich werde dich jetzt mit ihm allein lassen.«
»Nein.« Caradoc hielt sie mit einer Hand zurück. »Geh nicht. Bitte. Ich bin nur deinetwegen hergekommen. Mein Vater und ich haben bereits alles gesagt, was wir uns jemals zu sagen haben würden.«
Er nahm den Ring von dem Umhang des Verstorbenen. Er lag auf seiner Handfläche und schimmerte warm im letzten Sonnenlicht. Das Gold wurde für sie beide zu etwas, das sie betrachten konnten. »Er würde nicht wollen, dass du ihm jetzt die Freundschaft aufkündigst.«
»Das hatte ich auch nicht vor. Er hatte eine höhere Meinung von seinen Verbündeten, als dass er ihnen einen solchen Verrat zugetraut hätte. Ich würde mich nicht dazu herablassen, sein Vertrauen zu enttäuschen.« Sie sprach zwar von dem Toten, aber ihre Worte waren für den Lebenden bestimmt, und der Lebende verstand ihre Bedeutung.
Er sah sie aus seinen klaren grauen Augen an und hielt ihren Blick gefangen. »Wir sind noch immer durch den Kriegereid miteinander verbunden.«
»Ich weiß. Wolltest du ihn rückgängig machen?«
»Niemals. Und du?«
»Nein.« Sie nahm den Ring aus seiner Hand und streifte ihn über ihren Finger, während sie das in die Oberfläche eingravierte Bild betrachtete. Sie war die ranghöchste Kriegerin, eine Jüngerin Monas. Sie glaubte nicht, dass Caradoc wissen würde, wie ihr zu Mute war.
»Woher hast du gewusst, dass du mich hier finden würdest?«, fragte sie.
»Airmid hat es mir gesagt. Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, dich in deiner Andacht zu stören, aber Amminios hat seine Anhänger versammelt und mit ihnen die Residenz verlassen.«
»Was?« Breaca hob mit einem Ruck den Kopf. Für einen Moment war sie nur die Kriegerin, nicht die bitter enttäuschte Frau. »Er hat Togodubnos’ Angebot zurückgewiesen?«
»Es sieht ganz so aus.«
»Dann muss er unbedingt aufgehalten werden! Wenn er die südlichen Länder erreicht und die dortigen Krieger auf sich vereidigt, wird es Krieg geben. Es sei denn...« Selbst in Anbetracht dieser Neuigkeit glaubte sie noch immer, dass sie Caradoc so gut kannte wie kaum ein anderer. Der Ältestenrat hatte ihm die Befehlsgewalt über fünftausend Speerkämpfer der Ordovizer übertragen; er würde mindestens einen Teil dieser Truppe mitgebracht haben, und dennoch hatte sie weder die Hörner zur Begrüßung erschallen hören noch irgendetwas von dem chaotischen Durcheinander mitbekommen, das durch die Ankunft so vieler Pferde ausgelöst worden wäre. Eine erschreckende Gewissheit bemächtigte sich ihrer. »Wo sind deine Krieger?«, fragte sie.
Caradoc schwieg einen Moment, während er auf die Urne seines Vaters blickte. Die Sonne, die durch das westliche Portal des Grabhügels schien, zerschnitt sein Gesicht in zwei Teile, so dass eine Hälfte in Schatten gehüllt war, was es schwierig machte, seinen Ausdruck zu entziffern. Mit wohl überlegter Neutralität erwiderte er: »Sie sind bereits in den südlichen Ländern. Diejenigen Krieger, die vorher auf meinen Vater vereidigt waren, haben ihren Treueeid inzwischen auf mich übertragen. Das ist der andere Grund, weshalb ich zu spät zur Beisetzung erschienen bin.«
»Große Götter...« Breaca starte ihn mit offenem Mund an. »Und Amminios? Was glaubst du, was er jetzt tun wird?«
»Er wird in die südlichen Länder reiten, in der festen Überzeugung, dass sie eine sichere Zufluchtsstätte sind, und dann feststellen, dass dem nicht so ist. Meine Krieger werden ihn gefangen nehmen und festhalten, bis wir sie eingeholt haben. Wenn wir unverzüglich losreiten, werden wir nicht weit hinter ihnen zurück sein.«
Wir. Diese lässige, selbstverständliche Annahme, dass Mona voll und ganz zu seiner Verfügung stand! Wut wallte in ihr auf, eine Wut, die so gefährlich nahe an der Oberfläche war, dass sie sich gezwungen fühlte zu gehen, weil sie befürchtete, sich nicht mehr beherrschen zu können, wenn sie noch länger blieb. Caradoc stellte sich ihr in den Weg und hielt sie am Arm fest, als sie an ihm vorbeistürmen wollte.
»Nein, Breaca, nicht. Es war zwingend notwendig, glaub mir! Die Krieger der südlichen Länder sind Berikos’ Atrebater, die meinem Vater erst in jüngster Zeit den Treueeid geschworen haben. Ihre Loyalität ist alles andere als sicher. Du weißt das, du hast es ja selbst gesagt. Wenn Amminios sie vor uns erreicht hätte, wären wir in ein Schlachtfeld hineingeritten, in einem Gebiet, das wir uns niemals aussuchen würden.«
»Und stattdessen werden wir, wenn deine Rechnung nicht aufgeht, in einen Krieg reiten. Hat Togodubnos gewusst, dass du das tun würdest?«
»Nein.«
»Dann beherrscht also auch er das Spiel der Kräfte nicht so gut wie die Meister?« Mit ihrer auf Mona gelernten Selbstbeherrschung war es nun endgültig vorbei. Zorn versengte die Luft zwischen ihnen; ein rechtschaffener und durchaus berechtigter Zorn, ausgelöst durch Caradocs eigenmächtiges Handeln im Krieg, nicht in der Liebe. »Was, wenn Amminios das Spiel besser beherrscht als du?«, fragte sie wütend. »Was, wenn er nicht schnurstracks in die Arme deiner wartenden Ordovizer reitet? Was, wenn er sie rechtzeitig sieht oder gewarnt wird, es mit der Angst zu tun bekommt und hinter die Grenzen der Atrebater flieht, um bei Berikos Zuflucht zu suchen, oder nach Gallien und zu seinen römischen Freunden segelt? Was wirst du dann tun?«
Caradoc hatte eine zu lange, zu strapaziöse Reise hinter sich und war zu erschöpft, um es mit Breacas Zorn aufnehmen zu können. Müde erwiderte er: »Es ist fast Winter; die Wetterverhältnisse auf See sind zu unbeständig, als dass er jetzt noch nach Gallien segeln könnte. Und was seine Flucht zu Berikos anbetrifft - ich glaube, Amminios’ Stolz wird ihm nicht erlauben, schon so bald Hilfe zu suchen. Er glaubt noch immer, er kann allein und ohne fremde Hilfe siegen.«
»Ach ja? Glaubst du das wirklich? Oder will dein Stolz dir nicht erlauben, eine Niederlage in Betracht zu ziehen?«
Es war keine Frage, die eine Antwort zuließ. Er ließ abrupt ihr Handgelenk los und stand dann schweigend da, während sie an ihm vorbeiging, hinaus in den abendlichen Tumult.
Airmid, die Breaca am besten kannte und in Bezug auf Caradoc eine starke Überzeugung hegte, hatte bereits die graue Stute gesattelt und den Schlangenspeer-Schild an die Hinterpausche des Sattels gehängt. Die Mitglieder der Ehrengarde waren schon aufgesessen und warteten nur noch auf den Befehl zum Aufbruch - alle außer Ardacos, der auf Mona geblieben war, um seinen gebrochenen Arm auszukurieren. Breaca hätte ihn jetzt gerne dabeigehabt, allein schon um der inneren Ruhe willen, die von ihm ausging. Die Übrigen fühlten die Hitze ihres Zorns und glaubten, ihr Zorn gelte Amminios. Guten Mutes trieben sie ihre Pferde an und folgten Breaca zum Tor, um sich in die Schlange derjenigen einzureihen, die darauf warteten, dass man ihnen ihre Waffen wieder aushändigte. Hail lief in großen Sprüngen neben Breaca her, darauf erpicht, wieder zu jagen. Von ihnen allen war er der Einzige, der noch ein letztes Mal zu dem Grabhügel zurückblickte.
»So viel also zu Amminios’ Stolz. Er ist offenbar doch nicht so groß, als dass er den Anblick von fünfhundert Speeren und den der dazugehörigen ordovizischen Krieger aufwiegen würde, die diese Speere handhaben.«
»Es war ein Hasardspiel. Wir haben verloren. Trotzdem behaupte ich nach wie vor, dass es ein notwendiges Risiko war.«
»Ach ja? Und schließt dieses notwendige Risiko auch mit ein, dass wir jetzt den vereinigten Kriegern der Atrebater und ihrer Verbündeten, der Dobunni, gegenüberstehen und ihnen zahlenmäßig achtfach oder sogar neunfach unterlegen sind? Du kannst ja gegen sie kämpfen. Ich aber möchte die Speerkämpfer von Mona nicht darum bitten, nur dem Stolz eines anderen zuliebe ihr Leben zu opfern. Wir gehen wieder nach Hause. Schick mir eine Nachricht, wenn du gesiegt hast. Wenn du sterben solltest, werde ich das schon von ganz allein erfahren!«
Es war ihr Zorn, der Breaca während des harten zweitägigen Ritts und der anschließenden Überfahrt über den ins Meer mündenden Fluss Kraft gegeben hatte, und dieser Zorn hielt sie auch jetzt noch aufrecht. Sie stand neben der grauen Stute auf einem langen, flachen Abhang und blickte in ein leeres Tal hinunter. Hinter ihr warteten die Ehrengarde von Mona und siebzig weitere Krieger und außerdem die zweihundert Krieger von den Trinovantern, verstärkt durch Caradocs Ordovizer. Insgesamt waren sie fast tausend Mann, also eine nicht unbedeutende Streitmacht, und dennoch - im Vergleich zu den Tausenden und Abertausenden, die den gegenüberliegenden Hang füllten, waren sie eine verschwindend kleine Truppe. Selbst jene Speerkämpfer, die erst kürzlich Caradoc die Treue geschworen hatten, waren jetzt gegen sie aufmarschiert; sie hatten noch nicht einmal einen halben Tag gebraucht, um ihrem Eid abzuschwören und ins feindliche Lager überzuwechseln. Die Atrebater trugen Umhänge von dem Braun von winterlichem Farnkraut; die Dubonni, die die linke Flanke bildeten, trugen rostbraune Umhänge mit grauen Sprenkeln, eine Tarnfarbe, die an Flechten auf Felsen erinnerte. In der Mitte zwischen den beiden Kriegerverbänden konnte Breaca einen einzelnen ginsterblütengelben Farbtupfer ausmachen. Über den Abgrund hinweg, der sie trennte, konnte sie Amminios’ triumphierendes Lachen hören.
Die anderen beiden Söhne des Sonnenhunds standen rechts und links von ihr. Zu demjenigen auf zu Linken sagte sie: »Du wolltest ja unbedingt einen Krieg, und jetzt hast du ihn bekommen. Bist du nun zufrieden?«
»Wir werden jetzt noch nicht gegen sie kämpfen, der Winter ist schon zu nahe. Dieser Aufmarsch dient vorläufig nur dem Zweck, Eindruck zu schinden. Sie wissen ganz genau, dass wir vor dem Frühjahr nichts unternehmen können.« Caradoc ritt ein graubraunes Pferd, sehr ähnlich jenem, das Bán ihm damals geschenkt hatte. Der weiße Umhang, den er trug, fiel bis über die Hinterbacken des Tieres, durchtränkt von dem Schlamm und dem Schweiß des harten Ritts. Er war ebenso wütend wie Breaca, und er unternahm auch keine Anstrengung, diese Wut zu verbergen. Schmallippig erwiderte er: »Ich bitte vielmals um Verzeihung. Die Schuld lag bei mir. Bist du jetzt zufrieden?«
Zu ihrer Rechten sagte Togodubnos, der am meisten verloren hatte und am besten damit fertig geworden war: »Hört auf damit! Niemanden trifft hier irgendeine Schuld. Wir haben es versucht, und wir haben verloren. Von dem Moment an, in dem Amminios mein Angebot ablehnte und nach Süden ritt, war der Rest der Ereignisse unvermeidlich. Als er versucht hat, die südlichen Gebiete von Caradocs Ordovizern zurückzuerobern, hat er ein paar Männer verloren, dadurch haben wir im Frühjahr ein paar Krieger weniger zu bekämpfen. Das ist immerhin schon mal ein Vorteil.« Er starrte über das schmale Tal hinweg auf die Reihen von feindlichen Speerkämpfern, die sich auf dem gegenüberliegenden Abhang drängten, und fügte hinzu: »Überlegt doch mal; es könnte sehr viel schlimmer sein. Amminios hätte auch geradewegs nach Rom reisen und den neuen Kaiser bitten können, ihm die Legionen zu überlassen, um mit ihrer Hilfe sein Land zurückzuerobern.«
»Wie kommst du auf die Idee, dass er das nicht noch tun wird?« Breaca räusperte sich und spuckte auf den Boden. Und dennoch - als sie dort in dem kalten Regen und dem Wind stand und einer völlig ungewissen Zukunft ins Auge sah, begann ihr Zorn allmählich zu schwinden. Ohne diesen Zorn aber war sie innerlich leer, hungrig und durchgefroren, und nichts von alledem spielte nunmehr eine auch nur annähernd so große Rolle wie die dringende Notwendigkeit, ein festes Bündnis zu schmieden, aus dem sich eine Streitmacht entwickeln würde, die kämpfen und siegen konnte. Breaca seufzte, und zum ersten Mal seit ihrem überstürzten Aufbruch aus der Residenz und ihrem verzweifelten Wettrennen mit Amminios war die Kriegerin wieder im Einklang mit der Frau in ihr. Sie sagte zu ihren beiden Gefährten: »Der Winter steht schon vor der Tür. Selbst Caligula ist nicht so wahnsinnig, dass er seine Truppen jetzt noch über den Ozean schicken würde. Wir haben also einen ganzen Winter, um uns auf den Krieg vorzubereiten. Unsere Schmiede können Waffen schmieden, und unsere Krieger können sich in der Handhabung dieser Waffen üben, wie sie es seit Cäsars Zeiten nicht mehr getan haben. Mit vereinten Kräften können wir eine Armee aufstellen, die die Atrebater niedermähen wird wie eine Sense, die Getreide schneidet. Und wenn die Götter mit uns sind, dann werden wir uns mit Hilfe dieser Armee auch gegen die Übermacht Roms behaupten können.«
Die Herrin der Kelten
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