EPILOG
Macha.
Sie war da, noch weitaus klarer erkennbar, als
sie es jemals in seinen Visionen gewesen war. Bán konnte sie sehen;
sie stand neben Gunovic, dem reisenden Schmied, und einer
Jagdhündin, die er nicht kannte, umringt von Togodubnos, Odras und
einem Kind, das das schwarze Haar seines Vaters hatte und die
großen braunen Augen seiner Mutter und lächelnd auf einem kleinen
grauen Pony saß. Sie war im Geiste da, so wie Bán sie in den
vergangenen sechs Jahren immer gesehen hatte, und dennoch lag ihr
Körper, erst seit kurzem tot, verkohlt und rauchend auf den
Überresten des Scheiterhaufens. Der Hammerschlag, der sie getötet
hatte, war deutlich auf ihrem Kopf zu erkennen, der silbergraue
Zaunkönig ruhte zerdrückt und schlaff auf ihrer Brust. Gunovic, der
sie aus Barmherzigkeit mit seinem Schmiedehammer erschlagen und
voller Respekt und Schmerz auf den Scheiterhaufen gelegt hatte, mit
der toten Jagdhündin an ihrer Seite, war ganz in der Nähe unter den
Schwertern eines Dutzends Legionssoldaten gestorben, hatte jedoch
zuvor noch doppelt so viele von ihnen, wenn nicht sogar noch mehr,
ins Jenseits geschickt. Auch diese konnte Bán sehen, allerdings
schwächer und undeutlicher, mehr gespensterähnlich, so wie er
früher seine Mutter und seine Schwester gesehen hatte, die er beide
für tot gehalten hatte, obwohl doch mindestens eine von ihnen
tatsächlich noch am Leben gewesen war.
Die Erkenntnis seines Irrtums und das Bewusstsein
seiner ganzen Tragweite dämmerte Bán nur langsam und gegen großen
inneren Widerstand. Er war nicht an dem systematischen Abschlachten
beteiligt gewesen, das den zweiten Tag der Schlacht geprägt hatte;
das war der Zweiten Legion vorbehalten geblieben, ein Geschenk von
Aulus Plautius an den Kommandanten der Legion, um die Männer für
die demütigende Niederlage des ersten Tages zu entschädigen. Die
Hilfstruppen, und mit ihnen auch Bán, waren später über den Fluss
gerufen worden, als sich der Nebel aufzulösen begann, um das
Schlachtfeld nach Verwundeten abzukämmen, um jeden der Feinde
niederzumetzeln, der sich womöglich nur tot stellte, und um die
verwundeten Legionssoldaten in Booten zurück über den Fluss zu
befördern, damit Theophilus und seine Helfer sich ihrer annehmen
konnten. Als sie durch die gefallenen Linien der trinovantischen
Toten gegangen waren, hatten die Hilfstruppen überall die Schilde
mit dem frisch aufgemalten Zeichen des Schlangenspeers gefunden und
Bemerkungen darüber gemacht - auch die Gallier hatten ihre Ahnen
und wussten von ihren Zeichen. Nur Bán hatte geschwiegen und seinen
Geist vor der Furcht seines Herzens abgeschirmt, vor der panischen
Angst, die ihn am Tag zuvor auf einem Hügel befallen hatte, als
eine rothaarige Kriegerin den Sturmangriff zur Rettung von
Togodubnos und Caradoc angeführt hatte.
Erst als er den Scheiterhaufen entdeckte, als er
in dem beißenden Rauch kniete, der von dem Leichnam seiner Mutter
aufstieg, und sich heftig erbrach, als er das betrachtete, was erst
vor kurzem noch lebendig gewesen war und jetzt schwärzlich
verbrannt in der Glut des Feuers lag, als er den Kopf hob und die
Seele seiner Mutter leuchtend und strahlend vor sich sah - erst da
brach die Schutzmauer, die er um sein Bewusstsein herum errichtet
hatte, zusammen, und die Wahrheit strömte herein.
»Macha!«
Er rief ihren Namen und bekam doch keine Antwort.
Im Schweigen der vorbeidefilierenden Geister der Toten weinte Bán
so bitterlich, wie er noch nie in seinem Leben geweint hatte. Ein
Schmerz, schlimmer als jeder, den er je zuvor erlebt hatte, schnitt
durch ihn hindurch, der Sturm der Götter, der seine Seele aus ihrer
Verankerung riss. Corvus und alles, wofür er stand, war plötzlich
vergessen. Der Tod war seine beste und einzige Hoffnung, seine
Erlösung. Das Messer in seinem Gürtel war scharf und spitz; es war
ein Geschenk von Corvus in den ersten Tagen ihres gemeinsamen
Lebens gewesen, ein Versprechen und ein Angebot, von dem keiner von
ihnen erwartet hatte, dass es erfüllt werden würde. Báns Finger
schlossen sich um das Heft des Messers, als ob sie nirgendwo anders
hingehörten. Mit einem süßen, verheißungsvollen Flüstern glitt es
aus seiner Lederscheide, und er stieß es, mit der Spitze voran, in
seine Brust. Der Schmerz war dumpf und heftig, aber nicht tödlich;
es war der Schmerz des Aufpralls, wenn eine eiserne Messerklinge
auf eine Medaille aus reinem Gold trifft, aber nicht durch sie
hindurchstößt. Seine Finger, plötzlich taub geworden, öffneten
sich, und die schattenhafte Gestalt seiner Mutter beugte sich zu
ihm hinunter und riss ihm die Waffe aus der Hand. Selbst tief unten
im Laderaum von Amminios’ Sklavenschiff hatte Bán sie nicht so nahe
vor sich gesehen oder als so real erlebt. Als er den Kopf hob und
zu ihr aufblickte, las er nur Verachtung in ihren Augen. Seine
Seele schrie verzweifelt nach ihr. »Mutter! Ich will zu dir!«
Du kannst nicht zu mir kommen.
»Warum nicht?«
Das musst du schon selbst herausfinden. Die
Götter haben dich zum Leben verurteilt.
Sie verließ ihn, um sich wieder zu ihren Leuten
zu gesellen, und Bán gehörte nicht dazu. Er beobachtete, wie die
Toten der zweitägigen Schlacht - Eceni, Trinovanter, Briganter,
Votadini, Coritani, Catuvellauner, Silurer, Ordovizer - einer nach
dem anderen über den Fluss wanderten und in die Obhut ihrer Götter.
Er erinnerte sich wieder an ihre Namen und an ihre Titel, an ihre
Familien und ihre Taten, jede Einzelheit so unauslöschlich in sein
Gedächtnis eingeprägt, als ob sie in Marmor gemeißelt wäre. Am Ende
war nur noch Leere und das Wissen, dass diejenige, die er, gleich
nach seiner Mutter, am verzweifeltsten gesucht hatte, nicht an ihm
vorbeigewandert war. Macha hatte allein am Rand der langen Schlange
von Totenseelen gewartet. Jetzt lächelte sie ihm kalt zu und
nickte. »Ja, Breaca lebt«, sagte sie. »Deine Schwester ist Bodicea,
die Siegesbotin. Sie sorgt mit Caradoc zusammen für die Kinder.
Vergiss das nicht.«
Die grünen und goldenen Felder des Jenseits
lockten. Macha wandte sich von ihm ab und schritt in den Dunst
hinein, der über dem Fluss zum Totenreich lag. Das Letzte, was Bán
von seiner Mutter sah, war die schroff abweisende Haltung ihres
Rückens und der Zaunkönig, der über ihrem Kopf kreiste, zwitschernd
und jubilierend.