IX
Der Erste der Männer kam tot an Land. Breaca
beobachtete von der Landspitze aus, wie er von der Brandung an den
Strand geschwemmt wurde. Der schlaffe, leblose Körper wurde mit
jeder heranrollenden Welle ein Stückchen höher auf den Sand
hinaufgetragen, bis er schließlich zu ihren Füßen liegen blieb. Der
Tote war noch recht jung, ungefähr in ihrem Alter, mit dichtem
goldblondem Haar, das wie reifes Getreide im Licht des Feuers
schimmerte, und einem friedlichen Gesichtsausdruck, so als ob der
Ozean ihn sanft in den Schlaf gesungen hätte, als er ihm die Luft
aus den Lungen stahl. Breaca fasste ihn unter den Armen und zog ihn
von den zerbrochenen Schiffsplanken und den vom Sturm zerfransten
Tauen fort, die sich an der Wasserlinie ansammelten. Sein Kopf fiel
schlaff gegen ihre Hand, und seine Haut fühlte sich noch kälter an
als das Wasser, aus dem er gekommen war. Sie blickte sich Hilfe
suchend um. Eburovic stand bis zur Taille im Meer, damit
beschäftigt, einen anderen Mann aus der Brandung zu bergen. Bán war
bei Hail, und auch sie zerrten gerade mit vereinten Kräften einen
Leichnam an den Strand. Breaca sah sich nach einer Gestalt mit
längerem, dunklerem, von dem Birkenrindenband der Träumer
zusammengehaltenem Haar um und entdeckte sie einen Speerwurf weit
entfernt am unteren Ende der Landspitze. Sie winkte mit hoch
erhobenen Armen. »Airmid! Komm her! Dieser hier braucht
Hilfe!«
»Lass nur, ich kümmere mich schon um ihn.« Tagos
war an ihrer Seite. Er war stets und ständig neben ihr oder direkt
hinter ihr, wann immer sie sich umdrehte - seit jenem Tag im
Spätherbst, als sie und Airmid in aller Öffentlichkeit die Dinge
gesagt hatten, die zuvor nur unter vier Augen besprochen worden
waren. Oder vielmehr hatte Breaca sie geschrien, als sie vor der
dicht zusammengedrängten Menge von Großmüttern, Kriegern, Ältesten
und Träumern im großen Versammlungshaus stand, und Airmid,
kreidebleich und schmallippig, hatte schweigend zugehört und ihre
Freundin dabei mit ihren Augen um Beherrschung angefleht, bis auch
sie den Punkt erreicht hatte, an dem es kein Zurück mehr gab, und
mit dem einen Urteilsspruch antwortete, der alles zwischen ihnen
zerstört hatte. »Du bist keine Träumerin. Ich kann nun mal nichts
daran ändern. Der Schlangenspeer war der Traum eines Kriegers und
noch dazu einer, auf den du stolz sein kannst, aber wenn du nicht
als meine Kriegerin mit nach Mona kommen willst, dann werde ich
allein gehen.«
Danach waren beide hinausgelaufen - Breaca, um die
graue Stute zu satteln und sie härter zu reiten, als sie sie jemals
zuvor oder danach wieder geritten hatte; Airmid, um sich in den
Wald zurückzuziehen und den Ort aufzusuchen, wo sie die Asche der
älteren Großmutter verstreut hatten. Später waren sie wieder
zusammengekommen und hatten sich förmlich entschuldigt, und sie
teilten auch noch immer ein Bett, aber ihre Freundschaft hatte
einen tiefen Riss bekommen.
In Wahrheit war Airmid keineswegs im Unrecht
gewesen. Sämtliche Träumer des Eceni-Volkes hatten sich in jenem
Herbst zur Ratsversammlung eingefunden, und sie waren einstimmig
der Meinung, dass Breaca nic Graine, Thronerbin der königlichen
Familie ihres Volkes, zwar eine Kriegerin von außergewöhnlichen
Fähigkeiten war, dass aber ihr Traum von den Ahnen und den
Kampf-Adlern und dem Zeichen des Schlangenspeers keine echte
Vision darstellte und sie auch keines der anderen Anzeichen
einer geborenen Träumerin hatte erkennen lassen. Bei der
Versammlung waren vierhundertunddreiundsechzig Träumer anwesend
gewesen; selbst wenn Airmid die Worte der Götter und ihre eigenen
Träume ignoriert hätte, um gegen diese überwältigende Mehrheit zu
sprechen, hätte ihre Stimme kein Gewicht gehabt. Aber Airmid war
diejenige, die von einem feierlichen Schwur wusste, gesprochen an
einem Sommermorgen am Teich der Götter, und sie hätte sich davor
hüten sollen, Breaca als die Kriegerin zu benennen, die sie an
ihrer Seite haben wollte, wenn sie endlich dazu aufgefordert wurde,
nach Mona zu reisen. Diese Aufforderung war bisher noch nicht
erfolgt - darauf warteten sie immer noch -, aber die Frage war
gestellt worden und die Antwort gegeben, und im Gefolge dessen war
alles das gesagt worden, was besser ungesagt geblieben wäre, und
nun trottete Tagos auf Schritt und Tritt wie ein Jagdhundwelpe
hinter Breaca her und versuchte, eine schmerzliche Lücke in ihrem
Leben zu füllen, die zu füllen nicht an ihm war.
Jetzt rannte er auf sie zu, rutschte den mit
Kieselsteinen übersäten Abhang hinunter, sein Gesicht vom Wind
gerötet, seine Stimme von Eifer erfüllt. »Komm, fass mit an,
vielleicht lebt er ja noch«, sagte er, während er den Jungen bei
den Fußgelenken packte und den Abhang hinaufzuhieven begann.
»Schaffen wir ihn nach oben, wo es trocken ist.«
»Nein. Er ist ertrunken. Er braucht einen Heiler
oder sonst irgendjemanden, der die Gebete für die Toten sprechen
kann. Hol lieber den Nächsten aus dem Wasser, da unten, kannst du
ihn sehen?« Der Sturm heulte um sie herum. Peitschender Schneeregen
machte Breaca für einen Moment blind. Sie strich sich mit dem
Handrücken die nassen, zerzausten Haare aus den Augen und zeigte
auf das Wasser, dorthin, wo sie zuletzt eine Bewegung gesehen
hatte. Eine magere Gestalt mit langem, dunklem, wie Seetang
anmutendem Haar kämpfte verzweifelt darum, in der tosenden Brandung
Halt unter den Füßen zu finden. »Da draußen ist einer, der nicht
stehen kann. Geh und hilf ihm. Wenn er in die Wellen fällt, ist er
verloren.«
Tagos rannte in die Richtung, in die sie zeigte.
Airmid gesellte sich zu Breaca und packte den ertrunkenen Jungen
bei den Knöcheln, und mit vereinten Kräften schleppten sie ihn auf
das höher gelegene Gelände hinauf. Der grasbewachsene Torfboden
bildete ein hartes, kaltes Bett, aber hier lag zumindest kein
Schnee so wie weiter landeinwärts, und der Junge war außer
Reichweite der See. Sie legten ihn flach auf den Rücken, und Breaca
kniete sich neben ihn, presste ihr Ohr an seine Brust und hielt
sich das andere Ohr mit der Hand zu, um zu verhindern, dass es sich
mit Regen füllte. Als ihr Haar über seine Haut streifte, klang es
wie das Rascheln von Mäusen in nassen Blättern, doch sie konnte
keinen Herzschlag in seiner Brust hören.
»Er ist noch nicht lange hinüber. Wir müssen das
Wasser aus seinen Lungen entleeren.« Airmid kniete auf seiner
anderen Seite. Sie zog prüfend seine Lider hoch und fühlte an
seinem Hals nach dem Puls. Etwas an seiner Reaktion gab ihr Anlass
zur Hoffnung. »Wenn wir das Wasser aus ihm herausholen können, ist
es vielleicht noch nicht zu spät.«
Gemeinsam hoben sie den reglosen Körper hoch und
drehten ihn herum, und aus dem Mund und der Nase des Jungen ergoss
sich ein schier endlos scheinender Strom von Seewasser. »Jetzt
müssen wir ihn beatmen«, erklärte Airmid, »so wie du es damals mit
Hail gemacht hast, als er geboren wurde. Weißt du noch?«
Breaca nickte. »Natürlich.« Das war etwas, was sie
nicht so schnell vergessen würde.
Sie legten ihn wieder ins Gras zurück, mit dem
Gesicht zum Himmel. Airmid hob sein Kinn an und streckte seinen
Hals. »Beug seinen Kopf zurück, damit die Luft auf einer geraden
Bahn in seine Lungen gelangen kann. Heb das Gewicht seiner Brust
mit deinem Atem. So, siehst du...«
Es sah leicht aus, wenn Airmid es machte, aber das
war immer so. In den drei Jahren seit dem Tod der Großmutter hatte
sie all die Aufgaben der Heilerin übernommen, die früher Sache der
alten Frau gewesen waren. Das Heilen fiel ihr ebenso leicht wie das
Träumen, und sie demonstrierte ihr Können jetzt mit der
Mühelosigkeit eines Menschen, der mit der Heilkunst vertraut ist.
Breaca, die weder eine besondere Begabung für die Kunst des Heilens
noch für das Träumen hatte, kniete sich hin und umschloss die
blauen, salzverkrusteten Lippen des Jungen mit ihrem Mund, so wie
Airmid es ihr gezeigt hatte. Er schmeckte nach Seetang und nach
Fischhaut und, oberflächlich, ganz schwach nach Airmid. Sandkörner
schoben sich zwischen ihre Zähne und kratzten an ihrem Zahnfleisch.
Als sie ihn beatmete, entwich die Luft sofort wieder pfeifend aus
seiner Nase und seinen Mundwinkeln, und seine Brust hob sich nicht.
Sie lehnte sich auf die Fersen zurück, enttäuscht und
frustriert.
»Versuch es noch einmal, und gib dir mehr Mühe«,
sagte Airmid. »Kneif ihm die Nase zu. Du musst so kräftig Luft in
seine Lungen blasen, als ob du Feuer in nasse Äste treiben
wolltest, nicht nur so schwach, als wolltest du auf trockenem
Zunder eine neue Flamme entfachen.«
»Dann mach du es doch.«
»Nein. Der hier ist für dich.«
»Wieso?«
Manchmal konnte Airmid einen genauso anblicken, wie
die verstorbene Großmutter es getan hatte. »Weil er nicht mir
zuliebe ins Leben zurückkehren wird«, erklärte sie. »Und er wird
für nichts und niemanden mehr zurückkehren, wenn du noch länger
wartest. Tu es einfach.«
Breaca beugte sich noch tiefer und blies kräftiger,
und plötzlich begann sich die Brust des Jungen zu heben.
Airmid schaute eine Weile zu und widmete sich dann
anderen Aufgaben. Sie arbeiteten gut zusammen, mit der Effizienz
und dem Trost der Gewohnheit und nur einem schwachen Rest von
Kummer über ihr Zerwürfnis. Breaca tat, was sie konnte, um das
Feuer in der Brust des Jungen zu entzünden, während Airmid alles
Übrige tat, was notwendig war, um seine Seele wieder in seinen
Körper zurückzuziehen. Als sie sorgsam seine Knochen abgetastet und
seine inneren Organe durch seine Haut befühlt hatte und nichts
davon verletzt zu sein schien, setzte sie sich neben seinen Kopf
und stimmte das Gebet für die Heilung von im Kampf verwundeten
Kriegern an, was dem Überlebenskampf eines Ertrinkenden noch am
nächsten kam. Macha hörte sie und kam herüber, um sich zu Füßen des
Jungen niederzulassen und in Airmids Gebet einzustimmen, so dass
ihrer beider Stimmen sich über das Heulen des Sturms und das
Prasseln des Schneeregens erhoben.
Unten am Strand lieferte die See den Rest ihrer
Beute aus. Bleiche Schatten von Männern fanden endlich wieder
festen Boden unter den Füßen und ließen sich auf die Knie fallen,
um Eburovic unter Tränen der Erschöpfung und der Freude für die
Größe und Kraft seines Feuers zu danken und den Göttern für die
Größe und Kraft Eburovics. Wenig später tauchten Pferde aus der
Brandung auf und schleppten sich an den Strand. Breaca hörte Bán
auf die Art und Weise aufheulen, wie er es zu Beginn einer Jagd
tat, und kurz danach noch einmal, diesmal voller Erstaunen und
Freude. Dieses eine Mal kümmerte sie sich jedoch nicht weiter um
ihn. Das Feuer, das sie bewachte, wurde allmählich wärmer. Unter
ihren Fingern verlor die graue Haut ein wenig von ihrer tödlichen
Blässe. Die kalten Lippen unter ihrem Mund bewegten sich
krampfartig, und der bewusstlose Junge biss sich heftig auf die
Zunge. Plötzlich öffneten sich seine Augen. Im flackernden Licht
des Feuers ließen sie einen schmalen silbergrauen Rand um einen
dunklen Mittelpunkt erkennen, so rund und so groß wie der Mond.
Breaca blickte in seine Augen und sah nur eine grenzenlose Leere
darin.
»Es hat keinen Zweck mehr. Er hat uns verlassen.«
Sie lehnte sich entmutigt zurück.
Macha unterbrach ihr Gebet und saß einen Moment
lang ganz still zu seinen Füßen. »Das glaube ich nicht«, sagte sie
schließlich. »Airmid, stell ihm die Frage.«
Airmid schloss ihre Hand um eines seiner eiskalten
Handgelenke, beugte sich dann über ihn, damit er ihr in die Augen
sehen konnte, und sagte: »Willkommen, Seemann. Möchtest du hier an
Land bei den Lebenden bleiben, oder sollen wir dich wieder dem Meer
übergeben?«
Es war keine belanglose Frage. Jemand - ganz gleich
ob Erwachsener oder Kind -, der zu den Göttern gereist ist, kann
nicht gegen seinen Willen wieder ins Leben zurückgeholt werden. Bei
dem Jungen hatte es jedoch den Anschein, als wollte er
zurückkehren. Breaca fühlte, wie er sich unter ihrer Berührung
bewegte, als er mühsam versuchte, den Atem für seine Antwort zu
schöpfen. Die Worte rasselten in seiner Kehle und gingen in einem
krampfartigen Hustenanfall unter. Mit Airmids Hilfe drehte sie ihn
auf den Bauch, hievte ihn auf die Knie und wartete dann, während er
abermals einen Schwall von Wasser erbrach.
Sie waren jetzt nicht mehr allein. Schattenhafte
Gestalten versammelten sich um sie, die Schultern hochgezogen, um
sich vor dem peitschenden Schneeregen zu schützen; und auf der
anderen Seite der Landspitze sammelten die Männer, die dem nassen
Tod entkommen waren, mehr Holz, um Eburovics Feuer zu unterhalten.
Dahinter, am Rande von Breacas Blickfeld, drängten sich Pferde in
einem Pferch, begrenzt von einer niedrigen Einzäunung aus in aller
Eile gepflückten Stechginster, während sie das Wasser aus ihrem
Fell schüttelten und sich wieder miteinander und mit dem Gefühl
festen Bodens unter ihren Hufen vertraut machten. Hail trottete
unentwegt um den Ring aus Stechginster herum, um ihnen Grund dafür
zu geben, in Sicherheit zu bleiben. Von der Landspitze kam Eburovic
auf Breaca zu, begleitet von einem hoch gewachsenen Fremden mit
einem hageren Gesicht und langem dunklen Haar, demjenigen, den
Tagos aus der Brandung gerettet hatte.
Sie blieben direkt hinter Breaca stehen, und eine
bedächtige, volltönende Stimme, nur ein klein wenig rau von dem
unfreiwilligen Bad im Meer, sagte: »Wir sind alle am Leben, auch
die Pferde. Die Greylag ist auf einer Sandbank gestrandet
und im Begriff, auseinander zu brechen, und Segoventos wird Glück
haben, wenn noch genug von ihr übrig bleibt, um ein Ruderboot
daraus zu bauen, aber wenn ihr uns unterstützt und die Absicht habt
zu bleiben, können wir sagen, dass die See heute Nacht keine
Todesopfer gefordert hat.«
Als sie seine Stimme hörte, blickte Macha so abrupt
auf wie ein Jagdhund beim richtigen Ton des Pfiffs. Langsam erhob
sie sich. »Luain«, sagte sie sanft. »Luain mac Calma.
Willkommen.«
Es war der Tonfall, den Macha benutzte, wenn sie
mit Eburovic zusammen war, und dann auch nur, wenn sie sich mit ihm
allein wähnte. Breaca beobachtete, wie sie den Fremden in eine
Umarmung zog, so eng und innig wie jede, die sie Eburovic jemals
gewährt hatte. Während ihr Vater ruhig lächelnd daneben stand,
vergrub der große Mann sein Gesicht an Machas Hals, und seine Hände
tätschelten die Vertiefung zwischen ihren Schulterblättern, als ob
sie auf eine Art und Weise sprechen könnten, wie es seine Stimme
nicht konnte. Sein Haar vermischte sich mit dem ihren, Schwarz in
Schwarz, und für eine Weile war es unmöglich zu erkennen, welche
Strähnen wem gehörten.
Schließlich lösten sie sich wieder voneinander und
standen dann einen Moment lang da, ihre Finger miteinander
verflochten, so wie es Liebende tun, wenn sie sich zum ersten Mal
ihre Gefühle füreinander eingestanden haben. Der Mann hob Machas
Hand an seine Lippen, küsste ihre Finger und ließ sie dann wieder
sinken. »Was hat euch auf den Gedanken gebracht, das Feuer
anzuzünden?«
»Breaca hatte einen Traum.«
»Tatsächlich?« Er wandte sich zu Breaca um und
musterte sie prüfend. Er hatte die Haltung eines Sängers und die
Augen eines Träumers, und er wusste mehr über Breaca als sie über
ihn. Sie hielt seinem forschenden Blick Stand, als sie sah, wie er
sie mit denjenigen verglich, die rechts und links von ihr standen.
Sie war jetzt genauso groß wie Macha, und sie sahen sich ziemlich
ähnlich. Es war nur die Farbe ihres Haars, die sie von den anderen
abhob; selbst ein solches Unwetter wie dieses konnte nicht alles
Rot herausspülen, und seit dem heftigen Streit mit Airmid hatte sie
die Hoffnung, jemals das Birkenrindenband der Träumer verliehen zu
bekommen, aufgegeben und begonnen, ihr Haar an den Schläfen zu
flechten, so dass sie eindeutig als Kriegerin zu erkennen war und
nicht als Träumerin, also als jemand, der Träume nicht herbeirufen
kann, sondern höchstens von ihnen überrumpelt wird. Luain blickte
sie durchdringend an und zog die Brauen hoch, aber er fragte nicht
- so wie Breaca es getan hatte -, warum die Götter beschlossen
hatten, ausgerechnet ihr diesen Traum zu diesem Zeitpunkt zu
schicken, wo es doch andere gab, die ihn wesentlich eher und besser
hätten verstehen können, so dass sie ihre Pferde nicht hätten
riskieren müssen, als sie bei Sturm und heftigem Schneetreiben
durch die Nacht galoppiert waren, um mit nassem Holz und gegen den
Widerstand des Unwetters ein Feuer anzuzünden. Stattdessen nickte
er nur, so wie Macha es getan hatte, als sie zuerst von Breacas
Traum erfuhr, und sagte schlicht: »Danke. Wir verdanken dir unser
Leben«, was etwas war, womit Breaca überhaupt nicht gerechnet
hatte.
Der Junge hustete abermals. Breaca bückte sich, um
ihm zu helfen, und bekam auf diese Weise den Augenblick mit, in dem
er sich wieder ganz dem Leben zuwandte. Er schenkte ihr ein
Lächeln, das so schnell wie ein springender Fisch aufblitzte und
wieder verschwand und das sie beide zu Verschwörern gegen die
Dunkelheit machte, dann schweifte sein Blick an ihr vorbei zu Luain
mac Calma, dem Händler, der weit mehr als nur ein Händler war; und
plötzlich war er kein Junge mehr, der halbtot an den Strand
geschwemmt worden war, sondern etwas Mysteriöseres und weitaus
Interessanteres. Er machte sich nicht die Mühe, seine Gefühle zu
verbergen, und Breaca war eine geschulte Kriegerin. Sie sah den
Ausdruck des Wiedererkennens, die Erinnerung an Verrat und die
plötzliche Entschlossenheit in seinen zornigen Augen aufflackern
und reagierte blitzschnell, so dass sie bereits auf den Beinen und
rückwärts außer Reichweite gesprungen war, als er sich unvermittelt
zusammenrollte, mit einem Satz vom Boden aufsprang und das Messer
aus ihrem Gürtel reißen wollte.
»Na, na, na!« Sie lachte zur Überraschung aller.
Ihr Blut raste förmlich durch ihre Adern, wie sie es seit dem Tag,
an dem die Trinovanter auf das Rundhaus zugaloppiert waren, nicht
mehr erlebt hatte. »Ist das etwa deine Art, denjenigen zu danken,
die dich gerettet haben?«
Der Junge schüttelte stumm den Kopf, als ob er sich
nicht zu sprechen getraute. Die anderen bildeten einen Kreis um ihn
herum, locker und vielleicht nicht mit Absicht. Er stand vor ihnen,
seine Haare und seine Tunika triefend nass, und zitterte wie ein
kleines Kind unter der Peitsche des eisigen Regens, und dennoch
konnte Breaca im Geist die Heerscharen von Kriegern hinter ihm
sehen, die er bereits getötet hatte und noch töten würde, wenn er
diese Nacht überlebte. Er war ganz zweifellos ein Krieger vom
Format ihres Vaters, der der beste Krieger war, den sie jemals
gekannt hatte; ihr Familienstolz würde nicht dulden, dass dieser
Junge hier womöglich noch besser sein könnte. Beide schätzten die
Entfernung zwischen ihnen ab und die Aussichten auf Erfolg, und
keiner von ihnen beschloss, den anderen auf die Probe zu stellen.
Seine Augen gewährten ihr eine halbherzige Entschuldigung, dann
starrte er Luain mac Calma an und maß ihn mit einem finsteren
Blick, während er ihm schweigend Vergeltung für noch nicht genannte
Verbrechen versprach. »Du hast das Lied vom Abschied der Seelen
gesungen«, sagte er. »Du bist kein Händler.«
»Und du hast mitgesungen.« Mac Calma nickte
bedächtig. »Also ist keiner von uns beiden genau das, was er zu
sein scheint - Math von den Ordovizern.« Er sprach den Namen in
einem anderen Tonfall, mit dem Nachdruck und der Betonung eines
Sängers, und das verhalf Breaca zu dem einen Hinweis, den sie noch
brauchte, um sich ein schlüssiges Bild zu machen. Wenn der junge
Krieger nicht Math von den Ordovizern war, und der war er eindeutig
nicht, dann wusste sie jetzt, wer er war und was sie tun
musste.
Sie zog ihr Schwert aus der Scheide auf ihrem
Rücken und hielt es quer auf beiden Händen in einer Geste, die von
der einen Küste bis zur anderen als das Treueversprechen zwischen
Kriegern bekannt war. Sie besann sich auf die Unterweisungen der
älteren Großmutter bezüglich der Art, wie ein Mitglied einer
Herrscherfamilie ein anderes ansprechen sollte, und sagte:
»Caradoc, Sohn von Ellin aus der königlichem, Familie der
Ordovizer, Sohn von Cunobelin, Sonnenhund der Trinovanter,
Speerträger dreier Stämme, du bist im Land der Eceni
willkommen.«
Sie hatte ein Nicken erwartet, ein Lächeln der
Anerkennung, die Respektsbezeugung eines Kriegers gegenüber ihrer
Person und ihrer Ehre, und wurde in alledem bitter enttäuscht. Sie
hatte ihm ihr Schwert als Treuepfand angeboten, doch sie hätte es
ihm auch ebenso gut bis zum Heft in die Brust stoßen können, denn
Caradoc wurde plötzlich kreidebleich. Zu dem Händler, der zumindest
auch ein Sänger sein musste, sagte er: »Du hast es ihr gesagt.«
Seine Stimme klang schlichtweg tödlich und vollkommen tonlos.
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Luain milde.
»Dazu hatte ich noch gar keine Gelegenheit.«
»Aber du wusstest Bescheid.«
»Natürlich.«
»Seit wann?«
»Schon seit langer Zeit.« Der Sänger lächelte
schief. »Ich war bei deiner Geburt anwesend.«
»Dann hat Cunobelin dich also auf mich angesetzt.«
In seiner Stimme schwang unüberhörbarer Abscheu mit. Falls noch
irgendjemand bezweifelt hatte, dass Caradoc, Sohn von Cunobelin,
seinen Vater hasste, so war jetzt jeder Zweifel ausgeräumt. Er
spuckte verächtlich auf den Boden und sagte: »Kindermädchen und
Spion in einer Person.«
Das Lächeln des Sängers blieb unverändert. »Wohl
kaum. Dein Vater und ich haben zwar ein gewisses Maß an Respekt
voreinander, aber nicht so viel Vertrauen, dass wir uns auf etwas
Derartiges einlassen würden. Meines Wissens nach glaubt Cunobelin
noch immer, du wärst im fernen Westen beim Volk deiner Mutter. Wenn
er etwas anderes hört, dann wird diese Information nicht von mir
stammen.«
»Dann war es also Mutter?« Diese Frage klang
weniger ätzend, sondern eher überrascht, vermischt mit einer Spur
von Gekränktheit. »Aber woher hat sie davon gewusst? Conn hat mir
geschworen, dass er kein Wort darüber verlauten lassen
würde.«
»Conn hat auch nichts gesagt.«
Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über das
zornige, hellhäutige Gesicht. Wer auch immer Conn sein mochte, sein
Verrat hätte Caradoc offensichtlich tief geschmerzt. Nachdem er
sich zumindest dessen sicher sein konnte, hielt Caradoc inne und
ließ sich Zeit zum Nachdenken. »Dann war es also Maroc? Der Sänger,
der auch ein Träumer ist. Natürlich. Ich hätte es eigentlich sofort
wissen müssen, als ich dich auf dem Schiff das Lied vom Abschied
der Seelen singen hörte.« Er lächelte grimmig. »Du hast das in den
vergangenen Monaten gut verborgen.«
»Nur vor denjenigen, die es vorziehen, nicht zu
sehen, was direkt vor ihnen ist.« Mac Calma begann, das Meerwasser
aus seiner Tunika zu wringen. Das wollene Kleidungsstück war nicht
mehr zu gebrauchen; es war durch das unfreiwillige Bad im Meer
völlig aus der Form geraten, und nichts von dem, was er tat, würde
es wieder reparieren. »Segoventos weiß, wer ich bin«, erklärte er.
»Und Brennos, der Maat.«
»Ach, tatsächlich?«, erwiderte Caradoc in
vernichtendem Ton. »Das war aber verdammt mutig, wenn man bedenkt,
dass ganz Gallien unter der Knute eines Kaisers steht, der
barbarische Wahrsager, Seher und Barden für vogelfrei erklärt hat,
und dass die Häfen voller Männer sind, die es verzweifelt nötig
haben, ihre patriotische Begeisterung unter Beweis zu stellen. Oder
vielleicht hast du ja noch nicht gesehen, wie ein Mann ans Kreuz
geschlagen wurde, und hältst es für kein Risiko?«
Er überschritt ganz bewusst die Grenzen akzeptablen
Benehmens. Drei gallische Träumer waren im vergangenen Jahr auf
Geheiß Roms gekreuzigt worden. Alle drei waren auf Mona ausgebildet
worden, und in Anbetracht seines Alters war es wahrscheinlich, dass
Luain sie gekannt hatte. Und selbst wenn nicht, so lastete ihr
grausamer Tod doch noch immer wie ein dunkler Schatten auf dem
Land. Die Hinrichtung dieser Männer war nicht nur ein Sakrileg, das
jeder Beschreibung spottete, sondern bestätigte darüber hinaus auch
die verständnislose Brutalität des Feindes.
Luain mac Calma gab seine Tunika auf und starrte
blicklos aufs Meer hinaus. »Ich habe es gesehen«, sagte er milde.
»Und darum würde ich so etwas auch nicht unnötig herausfordern. In
diesem Fall jedoch war ich davon überzeugt, dass ich kein allzu
großes Risiko einging. Es gibt Männer, denen ich bedenkenlos mein
Leben anvertrauen würde. Segoventos ist einer von ihnen.« Er
blickte auf. »Ich hatte gedacht, dass auch du zu diesen Männern
gehören könntest.«
Caradoc, anerkannter Krieger dreier Stämme, legte
den Kopf schief, als ob er diesen Gedanken prüfte. Er war jetzt
ruhiger als zuvor, ruhig genug, um mit gebührender Ironie zu
lächeln, als er erwiderte: »Das würde aber voraussetzen, dass ich
wusste, wer du bist.«
Es war nicht die korrekte Art, um um eine
Vorstellung zu bitten, doch es war auch nicht übermäßig unhöflich.
Der Sänger blickte Macha an, die zustimmend nickte; ein Mann sollte
sich nicht selbst vorstellen müssen, wenn jemand anderer anwesend
ist, der das übernehmen kann. Auch sie konnte in dem singenden
Tonfall des Sängers sprechen, wenn sie wollte.
»Caradoc von den Drei Stämmen, Krieger und Träumer
der Eceni, ich möchte euch Luain mac Calma vorstellen, einst aus
Irland, jetzt Kaufmann, Sänger, Heiler und Träumer des Ältestenrats
auf Mona.«
Mona. Die Worte hallten in Breacas
Bewusstsein wider und schlugen wie mit Fäusten auf ihr Herz ein.
Sie blickte Airmid kurz an, sah dann aber rasch wieder weg. Seit
dem Herbst hatten sie gewusst, dass im Frühjahr eine Nachricht aus
Mona kommen würde, eine Aufforderung an die Träumerin, ihren Platz
in der Schule der Götter einzunehmen. Sie hatten erwartet, dass sie
von einem Boten auf dem Landweg überbracht werden würde, und auch
erst später im Jahr, aber das war ein Irrtum gewesen, wie sie jetzt
erkannte. Luain brauchte es nicht erst zu sagen; tatsächlich war es
ihm sogar verboten, darüber zu sprechen, außer vor dem Ältestenrat,
wann immer dieser auch einberufen würde; doch es war die Wahrheit,
und alle Anwesenden wussten es.
Breaca ertappte sich dabei, wie sie ihn und Macha
musterte, die noch immer so lächelte wie in dem Moment, als sie
plötzlich seine Stimme gehört hatte. Auch das war jetzt klar:
Machas und Luain mac Calmas Vergangenheit waren eng miteinander
verknüpft; sie verband sowohl Irland als auch Mona, die beiden von
den Göttern gesegneten Inseln. Man konnte es an ihren Stimmen
erkennen, an der besonderen Mischung aus Tonfall und Satzmelodie,
so als ob sie von derselben Mutter sprechen gelernt hätten - oder
viele Jahre lang dasselbe Bett miteinander geteilt hätten. Dieser
Umstand hätte eigentlich nicht überraschend sein dürfen. Die
Ausbildung auf Mona dauerte insgesamt zwölf Jahre, und es gab
keinen Grund zu der Annahme, dass Macha all diese Jahre über keusch
gelebt hatte - ebenso wenig, wie man voraussetzen konnte, dass
Airmid das tun würde. Breaca sah sich suchend nach ihrem Vater um,
der das vom ersten Moment an erkannt haben musste oder es
vielleicht schon immer gewusst hatte. Er fühlte ihren Blick auf
sich und schenkte ihr sein kurzes, herzliches Lächeln. Es wärmte
sie innerlich, so wie immer.
Sie lächelte ihren Vater dankbar an, und als sie
aufblickte, ertappte sie Caradoc dabei, wie auch er sie
beobachtete. Sein Zorn war inzwischen verraucht und hatte
Nachdenklichkeit Platz gemacht. Er hielt ihren Blick fest, seine
Augen von einem Ausdruck wacher Intelligenz erfüllt, während er die
Tatsache dessen, was er da vor sich sah, gegen die Geschichten
abwägte, die er über die Kinder-Kriegerin der Eceni gehört haben
musste. Ausgerechnet er sollte eigentlich den Unterschied zwischen
der Wahrheit und den Mythen kennen, die sich bereits um eine
einzige Tat rankten. Sie hielt ihr Schwert noch immer flach auf den
Händen, Angebot eines Treueversprechens, das bisher noch nicht
angenommen worden war. Die Gesetze des Kriegereides waren klar
umrissen; wenn Caradoc ihn akzeptierte, würde er Breaca und sich
selbst damit zu gegenseitigem Schutz verpflichten, und zwar sowohl
auf dem Schlachtfeld als auch außerhalb davon. Es war ein Eid, der
nur im Falle des Todes, der Entehrung oder der Blutschuld gebrochen
werden durfte und der weder leichtfertig angeboten, noch
leichtfertig akzeptiert wurde. Caradoc von den Drei Stämmen trat
einen Schritt vor, legte seine rechte Hand auf das Schwertheft und
sagte: »Breaca, Kriegerin der Eceni, ich nehme deinen Eid und deine
Einladung an.« Sie tauschten ein heimliches Lächeln, unbemerkt von
den anderen.
Die Nacht näherte sich ihrem Ende. Am fernen
Horizont glitt die Morgendämmerung wie ein versilbertes Messer
zwischen das Unwetter und die See, und die Beschaffenheit des
Lichts begann sich zu verändern. Dinge, die die nächtliche
Dunkelheit bislang verborgen hatte, wurden jetzt allmählich
sichtbar: die bei dem Schiffbruch erlittenen Schürfwunden und
Blutergüsse und die weiße Narbe einer alten Brandwunde auf Luain
mac Calmas Unterarm. Das Feuer weiter hinten auf der Landspitze war
in der Zwischenzeit noch höher geworden, und das Knacken brennenden
Treibholzes hallte von dort herüber, begleitet von fliegenden
Funken und dichten Rauchschwaden. Die Männer der Greylag
hatten schließlich aufgehört, die Flammen zu schüren, und saßen
jetzt im Kreis um das Feuer herum, um ihre Kleider und ihr Haar zu
trocknen und um deutlich zu machen, dass sie kein Interesse an der
kleinen Gruppe hatten, die in Strandnähe versammelt war.
Eburovic sagte: »Wir sollten uns zu euren
Schiffskameraden am Feuer gesellen, bevor die Idioten es schaffen,
die Flammen mit viel zu nassem Treibholz wieder zu ersticken, und
wir gezwungen sind, den Rest der Nacht zitternd und frierend neben
einem Haufen kalter...«
»Nein. Warte.« Breaca stand ganz still da und hielt
ihren Blick fest auf den Horizont geheftet, um nicht das
schattenhafte Gebilde aus den Augen zu verlieren, das sie gerade
eben entdeckt hatte. »Da draußen ist noch ein anderes Schiff, ein
größeres.« Das Licht veränderte sich und machte die verschwommene
Silhouette in der Ferne etwas deutlicher erkennbar. Breaca riss
überrascht die Augen auf. Sie zeigte aufs Meer hinaus. »Ein sehr
viel größeres. Da!«
Die anderen drängten sich um sie herum und folgten
der Richtung ihres Blicks zu jener Stelle weit draußen am Horizont,
wo ein gespenstisch anmutendes Schiff - groß genug, um zehn
Pferdeherden aufzunehmen - tief in den Wellen lag.
Luain mac Calma sah es als Erster von den Übrigen.
»Es sieht ganz danach aus, als sollten wir mit weiterer
Gesellschaft beehrt werden.« In seiner Stimme schwang jetzt ein
grimmiger Unterton mit. Er wandte sich zu Eburovic um. »Kann ich
davon ausgehen, dass ihr nicht direkt mit Rom Handel treibt?«
Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen.
Eburovic wandte nicht eine Sekunde den Blick von dem Schiff am
Horizont ab. »Wir sind die Eceni«, erwiderte er kurz angebunden.
»Wir machen keine Geschäfte mit Rom.«
»Natürlich nicht. Ich entschuldige mich. Und
außerdem ist das da kein Handelsschiff. Es ist ein Transportschiff
für Legionärstruppen, und das letzte Mal, als einer von diesen
Transportern in unsere Küstengewässer kam, da war es ein Unfall;
eines von Germanicus’ Schiffen wurde vom Kurs abgetrieben und sank.
Caradocs Vater rettete die Überlebenden und schickte sie umgehend
in die Arme ihres dankbaren Kaisers zurück.«
»Und das Mal davor?«, fragte Caradoc leise. Er
musste die Antwort doch gekannt haben.
Mac Calma drehte sich um und spuckte gegen den
Wind. »Das Mal davor war es Cäsar und die erste Welle einer
römischen Invasion. Lasst uns zu sämtlichen Göttern beten, dass es
diesmal nicht wieder so ist.«
Wenn es tatsächlich eine Invasion sein sollte,
dann war sie allerdings zu einem frühzeitigen Scheitern verurteilt.
Das Schiff, das in einiger Entfernung von der Küste in der hohen
Dünung rollte, war dreimal so groß wie die Greylag und seine
Besatzung fünfmal so zahlreich. In vertrauten Gewässern und bei
günstigem Wind war es eines der schnellsten Schiffe der bekannten
Welt. In unbekannten Gewässern, bei katastrophalen
Wetterverhältnissen und mit einem Kapitän, der nichts von der
Küstenlinie wusste, war es jedoch dem Untergang geweiht. Als das
zunehmende Licht der Morgendämmerung die sich anbahnende
Katastrophe noch offensichtlicher machte, gesellte sich Breaca zu
den anderen am Feuer und hörte zu, wie ein hektischer, zutiefst
bekümmerter Segoventos gegen das Heulen des Sturms anschrie und
einem fremden Kapitän Warnungen und Anweisungen zubrüllte, die
dieser trotz aller Anstrengung doch niemals hören würde - Warnungen
vor der Sandbank und der starken Gezeitenströmung und die
Anweisung, zwischen diese beiden zu steuern, um das Schiff in
Landnähe auf Grund zu setzen. Der Augenblick des Aufpralls war
unvermeidlich und schmerzhaft, und viele derjenigen, die das
Gleiche durchgemacht hatten, wandten sich schaudernd ab.
Diejenigen, die das Geschehen weiter beobachteten, mussten
schließlich mitansehen, wie weit draußen hinter der Greylag
ein Schiff unterging, und sie wussten, die Entfernung zur Küste war
viel zu groß, als dass auch nur ein Einziger der Schiffbrüchigen
die Katastrophe überleben könnte. Mit allgemeiner Zustimmung
warteten sie also erst einmal ab, um zu sehen, was für die Toten
noch getan werden konnte.
Die ersten Leichen wurden mit der einsetzenden Flut
an den Strand geschwemmt. Es waren nicht viele; nachdem die erste
Ladung Schiffbrüchiger dem nassen Seemannsgrab mit knapper Not
entronnen war, war die See nun offenbar nicht mehr bereit, diese
neuen Opfer auch noch herzugeben. Eine ertrunkene Frau und ein Kind
wurden zusammen angetrieben, beide nur in Unterkleider gehüllt, als
ob sie in großer Eile geweckt worden wären. Macha erreichte sie als
Erste. Sie trug das tote Kind so behutsam wie ein Neugeborenes auf
den Armen und legte es an einer sicheren Stelle oberhalb der
Flutgrenze auf den Sand. Breaca und Airmid trugen gemeinsam die
Mutter. Luain und Eburovic bauten eine Tragbahre aus zwei gleich
langen Holzbalken und quer darüber gelegten Brettern und warteten
unten am Strand auf den Rest der Toten. Wenig später wurde ein
Seemann angeschwemmt, der mit einer Tauschlinge an einem
zerbrochenen Deckbalken festgebunden war. Dieser Balken oder ein
ähnlicher hatte ihm den Schädel zerschmettert, bevor er an Land
gespült worden war. Andere Leichen folgten: eine Hand voll
römischer Legionäre, die ungewöhnlicherweise beschlossen hatten,
ihre Waffen bei sich zu behalten, als sie schwammen, und die dann -
und das war noch ungewöhnlicher - nicht einfach auf den Meeresgrund
gesunken waren, sondern noch lange genug auf der Wasseroberfläche
getrieben waren, um von der Flut erfasst und an Land getragen zu
werden. Ihre Schwerter allerdings waren aus ihren Scheiden
gerutscht und verschwunden, um sich zu den Fischen auf dem
Meeresboden zu gesellen, doch der Rest ihrer Rüstung war in
einwandfreiem Zustand. Breaca, Tagos und Caradoc entkleideten die
Toten schweigend, während sie ihre Messer in von Salzwasser
verquollene Schnallen und Knoten schoben, um sie langsam und
vorsichtig zu lösen, damit keiner von ihnen zerschnitten werden
musste. Vier mit Metallschuppen besetzte Lederwämser und ebenso
viele gute Ledergürtel wurden heil und unbeschadet entfernt und zum
Trocknen neben das Feuer gelegt, wo Hail sie bewachte, während die
Leichen von Seetang gesäubert und dann zu den Übrigen gelegt
wurden.
Lange Zeit danach wurden zwei Jungen angeschwemmt,
nicht älter als Bán. Beide waren nackt und trugen die Narben von
Sklaven auf Schultern und Rücken. Die Männer der Greylag
zogen sie aus dem Wasser und trugen sie zu der Stelle, wo die
anderen Ertrunkenen lagen; allen wurde derselbe Respekt erwiesen,
ohne Rücksicht auf Rang oder Stand, so wie man ihn Fremden erweisen
würde, die keine Feinde in der Schlacht waren.
Breaca hielt sich gerade am Feuer auf, um die
geretteten Rüstungen umzudrehen, als Curaunios, zweiter Offizier
der Greylag, vom Strand aus rief.
»Hierher! Helft mir mal! Hier ist einer, der noch
lebt! Wo ist die Heilerin?«
Der Ruf nach der Heilerin war angesichts der
Tatsache, dass es sich bei dem Fremden wahrscheinlich um einen
Römer handelte, schon etwas merkwürdig, doch später erfuhr Breaca,
dass Curaunios aus Gallien stammte, aus jenen Familien unter den
Aedui, die Rom nicht immer und grundsätzlich als Feind
betrachteten. Breaca rannte mit Macha zum Strand hinunter und fand
die beiden Männer im Sand kniend vor, während der eine einen
Schwall von Wasser erbrach, so wie Caradoc es getan hatte, und der
andere ihn behutsam stützte. Es war das erste Mal, dass Breaca
sowohl einen lebenden Römer als auch einen der Krieger aus dem
südlichen Gallien sah. Der Gallier war hünenhaft groß und stämmig,
ein massiger blonder Bär von einem Mann, seine Haut gerötet durch
die Peitschenhiebe der See, sein Haar bereits mit grauen Strähnen
durchzogen.
Der Römer war wesentlich jünger, nicht viel älter
als Caradoc. Er war nackt, seine Haut von der Sommersonne dunkel
gebräunt. Selbst aus einiger Entfernung konnte Breaca die roten
Striemen in seinen Handflächen sehen, wo Stricke tief in seine Haut
eingeschnitten hatten, und die mit Wasser vollgesogenen Hautfetzen,
die lose von seinen Schultern herabhingen. Noch spektakulärer aber
war das Netz von kreuz und quer verlaufenden Kampfnarben, das
seinen gesamten Oberkörper überzog. Anders als bei den Sklaven und
mehr wie bei den Legionären, war der Hauptteil dieser Narben jedoch
nicht auf seinem Rücken, sondern auf seiner Brust und seinem
rechten Unterarm, wo er von feindlichen Schwertklingen verletzt
worden war, und alle diese Narben waren alt. Auf seiner linken
Körperseite, unterhalb seiner Rippen, ließ eine von runzliger Haut
überzogene Grube, groß genug, um eine geballte Faust aufzunehmen,
dunkelrot entzündete Linien um den Rand erkennen. Die schlecht
verheilte Fleischwunde sagte noch deutlicher als Worte, dass er den
Sommer mit Kämpfen verbracht hatte und dass er zwar gelernt haben
mochte, die Schwerthiebe abzuwehren, die seine Kehle zu
durchtrennen drohten, aber sehr viel weniger geschickt darin
gewesen war, dem Speer auszuweichen, der durch seine Rippen auf
sein Herz gezielt hatte.
Caradoc, der mehr praktische Erfahrung im Kampf
gegen die Römer hatte, sagte: »Ein Reiter«, als ob das die
Erklärung wäre, und spuckte verächtlich auf den Boden. Die anderen
versammelten sich um ihn und betrachteten das Kuriosum, nicht
sicher, was zu tun war. Segoventos drängte sich an ihnen vorbei und
baute sich vor dem Mann auf, um ihm in kummervoller Ausführlichkeit
alle die Verfahren zu erklären, mit denen das Schiff noch in
Sicherheit hätte gesteuert werden können. Segoventos fühlte sich
mehr noch als irgendeiner der anderen schuldig, weil er tatenlos
zugesehen hatte, wie ein Schiff starb, und nicht sein eigenes Leben
riskiert hatte, um es zu retten. Er sprach zu dem Römer, um seine
Seele von der Schuld reinzuwaschen, und nicht etwa deshalb, weil er
erwartete, gehört zu werden.
Der Römer war aber nicht der Kapitän des Schiffes
gewesen, und er hatte kein Gefühl für die See. Er wusste nur, dass
er allein war und von Fremden umzingelt, und noch dazu in einem
Land, das zu besuchen er niemals die Absicht gehabt hatte. Als er
wieder richtig Luft holen konnte, ohne zu husten oder zu würgen,
schüttelte er die helfenden Hände ab, stützte sich mit beiden
Fäusten auf den nassen Sand und erhob sich langsam.
Und erstarrte mitten in der Bewegung. Die Spitze
von Breacas Schwert grub sich in die vom Wasser aufgeweichte Haut
unter seinem Kinn und ließ einen Blutstropfen hervorquellen.
Caradoc, Krieger dreier Stämme, der schon mindestens einmal im
Kampf getötet hatte, hielt das Schwertheft umschlossen und die
Klinge waagerecht. Breaca stand zehn Schritte entfernt, die leere
Schwertscheide auf ihren Rücken geschnallt, ihre Hände locker an
den Seiten. Sie hatte Caradoc das Schwert verpfändet; sie würde ihn
nicht davon abhalten, es auch zu benutzen, sofern sein Feind nicht
zu den Eceni gehörte. Ihre vernarbte Hand pulsierte
schmerzhaft.
»Du bist Römer?« Caradoc stellte seine Frage auf
Lateinisch, ruhig und vollkommen emotionslos. Selbst für Breaca,
die keine Kenntnis von dieser fremden Sprache hatte, war die
Bedeutung seiner Worte klar.
Der Fremde starrte ihn nur an und sagte nichts.
Caradoc nickte. Die Lethargie des beinahe Ertrunkenen war
inzwischen vollkommen von ihm abgefallen, ersetzt durch eine wohl
erwogene Schärfe und Wachsamkeit. Sein Blick schweifte gelassen
über die versammelte Gruppe. Seine Augen - betrachtet in dem
eigenartigen, von Schneewolken verdunkelten Licht - waren von
demselben metallischen Grau wie die Klinge in seiner Hand. Sein
Haar war inzwischen etwas getrocknet und wirkte jetzt noch heller.
»Dieser Mann ist ein Feind unseres Volkes«, sagte Caradoc. »Will
das irgendjemand bestreiten?«
Keiner wagte es. Seeleute wie Eceni schüttelten
stumm die Köpfe. Ohne nachzudenken griff Breaca nach dem Messer an
ihrer Hüfte und zog es aus dem Gürtel. Caradoc sah es und dankte
zuerst ihr und dann der Gruppe mit einem leichten Kopfnicken.
»In diesem Fall fordere ich das Recht auf
Blutrache: für den Tod des Großvaters meiner Mutter; für die
Männer, die an seiner Seite gegen Cäsar kämpften; für die Träumer
von Mona, die letztes Jahr in Lugdunum starben, der Hauptstadt der
drei gallischen Provinzen; für all die ungenannten Angehörigen
unseres Volkes, die unter dem Joch Roms in der Sklaverei gestorben
sind, seit die Römer zum ersten Mal mit ihren Kriegsschiffen an den
Küsten dieses Landes anlegten. Für alle diese Opfer und noch
zahllose andere gehört sein Leben mir.«
Er hob das Schwert mit beiden Händen. Der Mann, der
vor ihm auf den Knien lag und der sowohl Römer als auch Soldat war
und gerade den sicheren Tod im Meer überlebt hatte, sprang einen
Sekundenbruchteil vor dem tödlichen Hieb auf die Füße und schnappte
hastig nach dem Schwertheft.
Caradoc lächelte, trat einen Schritt zurück und
nahm seine linke Hand von dem Schwertheft, um seinen Griff von dem
eines Scharfrichters in den eines Mannes zu verwandeln, der zu
einem Zweikampf antritt. Er nickte mit kühlem Respekt. »Gut. Danke.
So gefällt es mir auch besser.«
Die Schwertklinge schwang pfeifend durch die Luft
und beschrieb einen großen Bogen, an dessen Scheitelpunkt der Hals
eines Mannes war - und sauste dann knapp daran vorbei und weiter
abwärts, ohne seine Haut auch nur zu ritzen. Der Römer lag flach
auf dem Boden und spuckte Sand zwischen blutverschmierten Zähnen
hervor. Ein roter Fleck auf seiner Schulter ließ erkennen, wo er zu
Boden gestreckt worden war. Caradoc runzelte die Stirn und
veränderte seinen Griff um das Heft, um zum Rückhandschlag
auszuholen.
Segoventos, Kapitän der Greylag, der größer
und stämmiger war als die beiden jungen Männer zusammengenommen,
streckte blitzschnell die Hand aus und hielt Caradocs Arm fest, so
dass die Schwertklinge mitten im Schwung so abrupt zum Stillstand
kam, als ob sie auf massive Eiche getroffen wäre. »Nein«, sagte
Segoventos. »Er gehört nicht dir. Du hast nicht das Recht, ihn zu
töten.«
Caradoc befreite seinen Arm aus Segoventos’ Griff.
Er wich einen Schritt zurück, das Schwert noch immer in der Hand,
aber die Spitze war jetzt tiefer als das Heft, und er war nicht
mehr in Reichweite seines Opfers. Er schüttelte den Kopf wie ein
Hund, der aus dem Wasser kommt, und starrte den Gallier mit offenem
Mund an.
»Segoventos? Er ist ein Römer. Er
muss sterben.«
»Er ist ein Schiffbrüchiger, genau wie du. Wenn die
Götter gewollt hätten, dass er stirbt, dann hätten sie ihn
ertrinken lassen. Du hast nicht das Recht, etwas anderes zu
behaupten.«
»Ich habe immer noch mehr Recht dazu als du. Dies
ist nicht dein Land, Gallier.«
»Aber auch nicht deines - Sohn von Cunobelin.«
Segoventos sagte dies sehr ruhig und leise; er brüllte nur, wenn es
um wichtige Dinge ging, wie zum Beispiel um das Leben eines
Schiffes. Ansonsten sprach seine beeindruckende Größe für
ihn.
Caradoc stieß zischend den Atem aus und wirbelte zu
den anderen herum. Die Männer der Greylag, die ihn sechs
Monate lang als Math, einen Jungen von den Ordovizern, gekannt
hatten, musterten ihn mit unverhüllter Neugier, während sie darauf
warteten, dass er die von Segoventos erwähnte Herkunft bestritt,
und stellten dann - als er das nicht tat - all jene Vermutungen an,
zu denen dieser Umstand Anlass gab. Caradoc blickte an ihnen vorbei
zu Eburovic und Luain mac Calma. Seine Nasenflügel bebten, sein
Mund bildete eine schmale, grimmige Linie. »Dies ist euer Land.
Werdet ihr das Gleiche tun, was mein Vater damals getan hat, und
ihn mit Gastgeschenken und der Zusage von Handelsbeziehungen gehen
lassen?«
»Nein.« Macha trat vor, um sich schützend vor den
Römer zu stellen. Sie zeigte weder anklagend mit dem Finger auf
Caradoc, noch gestikulierte sie oder hob auch nur die Stimme, doch
Breaca hatte sie noch nie zuvor so deutlich ihre Autorität als
Träumerin hervorkehren sehen. »Du weißt, dass das nicht die Art der
Götter ist. Dein Vater handelte bei dem, was er tat, gegen den
Willen der Ältesten, und ich zweifle nicht daran, dass er dafür zur
Rechenschaft gezogen wird, entweder noch in diesem Leben oder im
nächsten. Aber was du hier tust, ist auch nicht besser. Du trittst
diesem Mann nicht in einem fairen Zweikampf gegenüber, er ist ja
noch nicht einmal bewaffnet. Er ist ebenso wenig für die Taten
seiner Vorfahren verantwortlich wie du für die deiner Vorfahren,
und schon gar nicht für die Taten von Männern, mit denen er
vielleicht überhaupt nicht blutsverwandt ist. Wenn er ein Feind
ist, dann ist er es für sich allein, und es steht uns nicht zu, ihn
hier und jetzt dafür zu verurteilen. Wir werden den Fehler deines
Vaters nicht noch verschlimmern. Stattdessen werden wir diesen Mann
in unsere Siedlung mitnehmen, eine Sitzung des Ältestenrats
einberufen und dann die Götter und die Großmütter über sein
Schicksal entscheiden lassen.«
»Ihr wollt bei diesem Wetter eine Ratsversammlung
einberufen?« Caradoc breitete die Arme aus und wies auf den Schnee
und das Eis und die Folgen des Unwetters. »Können eure Träumer etwa
durch die Luft fliegen wie die Hirsch-Menschen des Nordlandes und
selbst noch in den tiefsten Schneeverwehungen zu ihren
Ratssitzungen zusammenkommen?«
»Wohl kaum.« Macha lächelte schwach, und Caradoc
wurde wieder einmal daran erinnert, dass er eine Träumerin vor sich
hatte. Er schlug die Augen nieder. »Solange der Schnee uns
behindert, können wir nichts unternehmen. Es war schon schwierig
genug, überhaupt hierher zu kommen, und wir sind noch lange nicht
wieder wohlbehalten zu Hause angekommen. Wenn wir ohne Verluste
zurückkehren, werden wir achtzehn zusätzliche Mäuler stopfen und
außerdem noch Schlafplätze für alle Neuankömmlinge finden müssen,
und damit werden wir reichlich genug zu tun haben, bis der Schnee
schmilzt und die Wege wieder passierbar sind. Wenn es dann
irgendwann so weit ist, wird der Rat zusammenkommen. In der
Zwischenzeit ist der Mann unser Gast, genauso wie du. Er wird uns
nicht verlassen; er ist ein einsamer Mann in einem fremden Land,
und wenn wir in diesem Land schon kaum noch Nahrung finden, dann
wird er überhaupt nichts Essbares mehr finden.«
»Meinst du?« Caradoc kaute nachdenklich auf der
Innenseite seiner Wange. Langsam drehte er die Klinge herum und gab
sie Breaca zurück. »Und wenn er das hier nun nicht versteht und
trotzdem zu fliehen versucht?«, fragte er ruhig. »Die Römer glauben
doch, sie beherrschten alles. Würdet ihr ihn frei und ungehindert
durch das Herzland der Eceni streifen lassen?«
»Nein.« Macha hielt inne und drehte sich um. Luain
mac Calma war neben den Römer getreten und übersetzte Machas
Unterhaltung mit Caradoc ins Lateinische. Sie sprach langsam, damit
er den Sinn ihrer Worte exakt wiedergeben konnte.
»Ich halte diesen Mann für intelligent. Auf dieser
Basis wird er am Leben bleiben dürfen. Wenn er aber dumm ist und zu
fliehen versucht, dann kannst du ihn zur Strecke bringen, so wie du
es mit einem Wolf tun würdest, der in die Fohlengehege eingefallen
ist. Die Ältesten werden dich nicht davon abhalten.«
Der Römer stand hoch aufgerichtet auf dem
Kiesstrand, ohne sich um die eisige Kälte zu kümmern. Er war einen
Kopf kleiner als Luain mac Calma, aber er stand da wie ein Krieger
und ließ nichts von dem Zorn erkennen, den Breaca vielleicht von
ihm erwartet hätte. Er überlegte einen Moment, nachdem Macha
geendet hatte, und antwortete dann kurz auf Lateinisch.
Plötzlich grinste mac Calma breit. Er neigte mit
ausgesuchter Höflichkeit den Kopf und sagte: »Unser neuer Gast
fühlt sich durch dein Angebot der Gastfreundschaft geehrt und nimmt
es dankend an. Er versichert dir, dass er nicht in die Fohlengehege
einbrechen wird.«
»Gut.«
Macha wandte sich vom Meer ab. Diejenigen, die
dabei gestanden und das Geschehen verfolgt hatten, drehten sich mit
ihr um und machten sich auf den langen Rückweg den Strand hinauf zu
der Stelle, wo die Pferde warteten. Bán und Hail gingen voran, um
die neuen Pferde zusammenzutreiben und von der heimischen Herde
fernzuhalten, für den Fall, dass sie ansteckende Krankheiten hatten
oder sich mit den anderen Tieren anlegten. Eburovic brachte sein
überzähliges Reitpferd herbei und bot es Segoventos, dem
Schiffskapitän, an, der das Angebot dankend annahm. Die anderen
wurden ebenfalls mit Pferden versorgt, einige davon zu zweit auf
einem Tier, bis keiner mehr gezwungen war, zu Fuß zu gehen. Der
Römer saß hinter Luain mac Calma auf, während Tagos neben ihnen
herritt.
Macha ließ die anderen vorausreiten und wartete,
bis Caradoc und Breaca, die als Letzte kamen, sie eingeholt hatten.
Der junge Krieger ritt, als ob er bereits zu Pferd geboren worden
wäre, und lenkte sein Tier einen Pfad entlang, der in der
hereinbrechenden Morgendämmerung kaum zu sehen war, während er mit
seinen Gedanken offensichtlich ganz woanders war. Er machte Platz
für Macha, um ihr die Achtung zu erweisen, die einer Träumerin
gebührte. Als keiner außer Breaca sie mehr hören konnte, sagte sie
zu Caradoc: »Du wirst nicht mit dem Römer kämpfen, das werde ich
nicht dulden. Aber bevor wir zum Rundhaus zurückkehren, könntest du
dir vielleicht schon einmal Gedanken darüber machen, wie du
reagieren wirst, wenn unsere jungen Heißsporne es für nötig halten,
dich zum Kampf herauszufordern.«
»Glaubst du denn, dass sie das tun werden?«
»Wie könnten sie das nicht tun? Es ist Winter, es
gibt nur wenig zu essen, und die Nächte sind lang. Wenn sie vorher
schon unter Langeweile, Hunger und Kälte gelitten haben, dann wird
sich das bestimmt nicht dadurch bessern, dass noch achtzehn weitere
Männer dazukommen, einer von ihnen obendrein noch ein Krieger,
dessen Heldentaten im Rundhaus besungen worden sind, seit sie
kleine Kinder waren.« Macha war nicht ärgerlich. Wenn überhaupt,
dann wirkte sie leicht belustigt. »Was tun denn die Ordovizer, wenn
die Langweiligkeit des Winters unerträglich wird und plötzlich ein
Unruhestifter auf der Bildfläche erscheint?«
Caradoc nahm diese Anspielung auf seine Person mit
Humor. »Wir schleudern Speere auf eine Zielscheibe«, erklärte er.
»Wenn das nicht hilft, veranstalten wir Wettrennen und versuchen,
niemanden zu töten.« Er wandte sich zu Breaca um, die auf seiner
anderen Seite ritt. »Bei dem Volk meiner Mutter gibt es eine
unumstößliche Regel: Wenn zwei Krieger einen Treueeid auf ein
Schwert geschworen haben, so wie wir beide es vorhin getan haben,
dann dürfen diese beiden nicht gegeneinander kämpfen, noch nicht
einmal im Spiel; sie sind durch ihren Eid so eng miteinander
verbunden wie Bruder und Schwester und dazu verpflichtet, sich
gegenseitig zu verteidigen und zu beschützen, außer wenn der eine
auf eine solche Art und Weise handelt, dass der andere gezwungen
ist, den Eid zu brechen.«
»Bei den Eceni ist es genauso«, erwiderte Breaca.
»Auch wir dürfen nicht kämpfen oder um die Wette laufen, es sei
denn, der eine entehrt die Person oder die Familie des anderen.«
Sie hatte das gewusst, als sie ihm ihr Schwert anbot, und sie hatte
schon vor Macha erkannt, dass es notwendig sein würde und warum.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie jemandem begegnet, der ihr
ebenbürtig war; sie und Caradoc konnten ihre Zeit damit verbringen,
über das Ergebnis jedes einzelnen Wettlaufs Haarspalterei zu
treiben oder bei den unzähligen winterlichen Herausforderungen ihr
Leben aufs Spiel setzen - oder aber sie konnten solche Wettrennen
und Kämpfe von Anfang an vermeiden.
Caradoc nickte nachdenklich. »Wir könnten aber doch
unsere Pferde um die Wette rennen lassen«, schlug er vor. »Das
würde bei den Göttern keinen Anstoß erregen.«
Breaca sah unterdrücktes Gelächter in seinem Blick
und die Gewissheit, dass sie verlieren würde, was in ihren Augen
wiederum lächerlich war. »Wir können im Winter nicht um die Wette
reiten«, erwiderte sie. »Der Boden ist viel zu hart. Und...« Sie
strich mit einer Hand über den Hals der grauen Stute. Sie war in
den vergangenen drei Jahren zu einem prachtvollen Tier
herangewachsen und hatte alle in sie gesetzten Hoffnungen voll und
ganz erfüllt. Selbst jetzt, mit dem dicken, zotteligen Winterfell,
war ihre edle Rasse deutlich an ihren Linien und an ihren Gangarten
zu erkennen. »... und außerdem würde es zwecklos sein, bis du deine
eigenen Pferde hast. Es gibt unter den Pferden der Eceni nämlich
kein Einziges anderes, das es mit diesem hier aufnehmen
könnte.«
Caradoc grinste zurück und trieb sein geliehenes
Pferd etwas an. »Vielleicht nicht. In diesem Fall sollten wir
vielleicht alle zu den Göttern beten und sie um ein schnelles und
ruhiges Ende des Winters und einen friedlichen Frühlingsanfang
bitten.«