IX

Der Erste der Männer kam tot an Land. Breaca beobachtete von der Landspitze aus, wie er von der Brandung an den Strand geschwemmt wurde. Der schlaffe, leblose Körper wurde mit jeder heranrollenden Welle ein Stückchen höher auf den Sand hinaufgetragen, bis er schließlich zu ihren Füßen liegen blieb. Der Tote war noch recht jung, ungefähr in ihrem Alter, mit dichtem goldblondem Haar, das wie reifes Getreide im Licht des Feuers schimmerte, und einem friedlichen Gesichtsausdruck, so als ob der Ozean ihn sanft in den Schlaf gesungen hätte, als er ihm die Luft aus den Lungen stahl. Breaca fasste ihn unter den Armen und zog ihn von den zerbrochenen Schiffsplanken und den vom Sturm zerfransten Tauen fort, die sich an der Wasserlinie ansammelten. Sein Kopf fiel schlaff gegen ihre Hand, und seine Haut fühlte sich noch kälter an als das Wasser, aus dem er gekommen war. Sie blickte sich Hilfe suchend um. Eburovic stand bis zur Taille im Meer, damit beschäftigt, einen anderen Mann aus der Brandung zu bergen. Bán war bei Hail, und auch sie zerrten gerade mit vereinten Kräften einen Leichnam an den Strand. Breaca sah sich nach einer Gestalt mit längerem, dunklerem, von dem Birkenrindenband der Träumer zusammengehaltenem Haar um und entdeckte sie einen Speerwurf weit entfernt am unteren Ende der Landspitze. Sie winkte mit hoch erhobenen Armen. »Airmid! Komm her! Dieser hier braucht Hilfe!«
»Lass nur, ich kümmere mich schon um ihn.« Tagos war an ihrer Seite. Er war stets und ständig neben ihr oder direkt hinter ihr, wann immer sie sich umdrehte - seit jenem Tag im Spätherbst, als sie und Airmid in aller Öffentlichkeit die Dinge gesagt hatten, die zuvor nur unter vier Augen besprochen worden waren. Oder vielmehr hatte Breaca sie geschrien, als sie vor der dicht zusammengedrängten Menge von Großmüttern, Kriegern, Ältesten und Träumern im großen Versammlungshaus stand, und Airmid, kreidebleich und schmallippig, hatte schweigend zugehört und ihre Freundin dabei mit ihren Augen um Beherrschung angefleht, bis auch sie den Punkt erreicht hatte, an dem es kein Zurück mehr gab, und mit dem einen Urteilsspruch antwortete, der alles zwischen ihnen zerstört hatte. »Du bist keine Träumerin. Ich kann nun mal nichts daran ändern. Der Schlangenspeer war der Traum eines Kriegers und noch dazu einer, auf den du stolz sein kannst, aber wenn du nicht als meine Kriegerin mit nach Mona kommen willst, dann werde ich allein gehen.«
Danach waren beide hinausgelaufen - Breaca, um die graue Stute zu satteln und sie härter zu reiten, als sie sie jemals zuvor oder danach wieder geritten hatte; Airmid, um sich in den Wald zurückzuziehen und den Ort aufzusuchen, wo sie die Asche der älteren Großmutter verstreut hatten. Später waren sie wieder zusammengekommen und hatten sich förmlich entschuldigt, und sie teilten auch noch immer ein Bett, aber ihre Freundschaft hatte einen tiefen Riss bekommen.
In Wahrheit war Airmid keineswegs im Unrecht gewesen. Sämtliche Träumer des Eceni-Volkes hatten sich in jenem Herbst zur Ratsversammlung eingefunden, und sie waren einstimmig der Meinung, dass Breaca nic Graine, Thronerbin der königlichen Familie ihres Volkes, zwar eine Kriegerin von außergewöhnlichen Fähigkeiten war, dass aber ihr Traum von den Ahnen und den Kampf-Adlern und dem Zeichen des Schlangenspeers keine echte Vision darstellte und sie auch keines der anderen Anzeichen einer geborenen Träumerin hatte erkennen lassen. Bei der Versammlung waren vierhundertunddreiundsechzig Träumer anwesend gewesen; selbst wenn Airmid die Worte der Götter und ihre eigenen Träume ignoriert hätte, um gegen diese überwältigende Mehrheit zu sprechen, hätte ihre Stimme kein Gewicht gehabt. Aber Airmid war diejenige, die von einem feierlichen Schwur wusste, gesprochen an einem Sommermorgen am Teich der Götter, und sie hätte sich davor hüten sollen, Breaca als die Kriegerin zu benennen, die sie an ihrer Seite haben wollte, wenn sie endlich dazu aufgefordert wurde, nach Mona zu reisen. Diese Aufforderung war bisher noch nicht erfolgt - darauf warteten sie immer noch -, aber die Frage war gestellt worden und die Antwort gegeben, und im Gefolge dessen war alles das gesagt worden, was besser ungesagt geblieben wäre, und nun trottete Tagos auf Schritt und Tritt wie ein Jagdhundwelpe hinter Breaca her und versuchte, eine schmerzliche Lücke in ihrem Leben zu füllen, die zu füllen nicht an ihm war.
Jetzt rannte er auf sie zu, rutschte den mit Kieselsteinen übersäten Abhang hinunter, sein Gesicht vom Wind gerötet, seine Stimme von Eifer erfüllt. »Komm, fass mit an, vielleicht lebt er ja noch«, sagte er, während er den Jungen bei den Fußgelenken packte und den Abhang hinaufzuhieven begann. »Schaffen wir ihn nach oben, wo es trocken ist.«
»Nein. Er ist ertrunken. Er braucht einen Heiler oder sonst irgendjemanden, der die Gebete für die Toten sprechen kann. Hol lieber den Nächsten aus dem Wasser, da unten, kannst du ihn sehen?« Der Sturm heulte um sie herum. Peitschender Schneeregen machte Breaca für einen Moment blind. Sie strich sich mit dem Handrücken die nassen, zerzausten Haare aus den Augen und zeigte auf das Wasser, dorthin, wo sie zuletzt eine Bewegung gesehen hatte. Eine magere Gestalt mit langem, dunklem, wie Seetang anmutendem Haar kämpfte verzweifelt darum, in der tosenden Brandung Halt unter den Füßen zu finden. »Da draußen ist einer, der nicht stehen kann. Geh und hilf ihm. Wenn er in die Wellen fällt, ist er verloren.«
Tagos rannte in die Richtung, in die sie zeigte. Airmid gesellte sich zu Breaca und packte den ertrunkenen Jungen bei den Knöcheln, und mit vereinten Kräften schleppten sie ihn auf das höher gelegene Gelände hinauf. Der grasbewachsene Torfboden bildete ein hartes, kaltes Bett, aber hier lag zumindest kein Schnee so wie weiter landeinwärts, und der Junge war außer Reichweite der See. Sie legten ihn flach auf den Rücken, und Breaca kniete sich neben ihn, presste ihr Ohr an seine Brust und hielt sich das andere Ohr mit der Hand zu, um zu verhindern, dass es sich mit Regen füllte. Als ihr Haar über seine Haut streifte, klang es wie das Rascheln von Mäusen in nassen Blättern, doch sie konnte keinen Herzschlag in seiner Brust hören.
»Er ist noch nicht lange hinüber. Wir müssen das Wasser aus seinen Lungen entleeren.« Airmid kniete auf seiner anderen Seite. Sie zog prüfend seine Lider hoch und fühlte an seinem Hals nach dem Puls. Etwas an seiner Reaktion gab ihr Anlass zur Hoffnung. »Wenn wir das Wasser aus ihm herausholen können, ist es vielleicht noch nicht zu spät.«
Gemeinsam hoben sie den reglosen Körper hoch und drehten ihn herum, und aus dem Mund und der Nase des Jungen ergoss sich ein schier endlos scheinender Strom von Seewasser. »Jetzt müssen wir ihn beatmen«, erklärte Airmid, »so wie du es damals mit Hail gemacht hast, als er geboren wurde. Weißt du noch?«
Breaca nickte. »Natürlich.« Das war etwas, was sie nicht so schnell vergessen würde.
Sie legten ihn wieder ins Gras zurück, mit dem Gesicht zum Himmel. Airmid hob sein Kinn an und streckte seinen Hals. »Beug seinen Kopf zurück, damit die Luft auf einer geraden Bahn in seine Lungen gelangen kann. Heb das Gewicht seiner Brust mit deinem Atem. So, siehst du...«
Es sah leicht aus, wenn Airmid es machte, aber das war immer so. In den drei Jahren seit dem Tod der Großmutter hatte sie all die Aufgaben der Heilerin übernommen, die früher Sache der alten Frau gewesen waren. Das Heilen fiel ihr ebenso leicht wie das Träumen, und sie demonstrierte ihr Können jetzt mit der Mühelosigkeit eines Menschen, der mit der Heilkunst vertraut ist. Breaca, die weder eine besondere Begabung für die Kunst des Heilens noch für das Träumen hatte, kniete sich hin und umschloss die blauen, salzverkrusteten Lippen des Jungen mit ihrem Mund, so wie Airmid es ihr gezeigt hatte. Er schmeckte nach Seetang und nach Fischhaut und, oberflächlich, ganz schwach nach Airmid. Sandkörner schoben sich zwischen ihre Zähne und kratzten an ihrem Zahnfleisch. Als sie ihn beatmete, entwich die Luft sofort wieder pfeifend aus seiner Nase und seinen Mundwinkeln, und seine Brust hob sich nicht. Sie lehnte sich auf die Fersen zurück, enttäuscht und frustriert.
»Versuch es noch einmal, und gib dir mehr Mühe«, sagte Airmid. »Kneif ihm die Nase zu. Du musst so kräftig Luft in seine Lungen blasen, als ob du Feuer in nasse Äste treiben wolltest, nicht nur so schwach, als wolltest du auf trockenem Zunder eine neue Flamme entfachen.«
»Dann mach du es doch.«
»Nein. Der hier ist für dich.«
»Wieso?«
Manchmal konnte Airmid einen genauso anblicken, wie die verstorbene Großmutter es getan hatte. »Weil er nicht mir zuliebe ins Leben zurückkehren wird«, erklärte sie. »Und er wird für nichts und niemanden mehr zurückkehren, wenn du noch länger wartest. Tu es einfach.«
Breaca beugte sich noch tiefer und blies kräftiger, und plötzlich begann sich die Brust des Jungen zu heben.
Airmid schaute eine Weile zu und widmete sich dann anderen Aufgaben. Sie arbeiteten gut zusammen, mit der Effizienz und dem Trost der Gewohnheit und nur einem schwachen Rest von Kummer über ihr Zerwürfnis. Breaca tat, was sie konnte, um das Feuer in der Brust des Jungen zu entzünden, während Airmid alles Übrige tat, was notwendig war, um seine Seele wieder in seinen Körper zurückzuziehen. Als sie sorgsam seine Knochen abgetastet und seine inneren Organe durch seine Haut befühlt hatte und nichts davon verletzt zu sein schien, setzte sie sich neben seinen Kopf und stimmte das Gebet für die Heilung von im Kampf verwundeten Kriegern an, was dem Überlebenskampf eines Ertrinkenden noch am nächsten kam. Macha hörte sie und kam herüber, um sich zu Füßen des Jungen niederzulassen und in Airmids Gebet einzustimmen, so dass ihrer beider Stimmen sich über das Heulen des Sturms und das Prasseln des Schneeregens erhoben.
Unten am Strand lieferte die See den Rest ihrer Beute aus. Bleiche Schatten von Männern fanden endlich wieder festen Boden unter den Füßen und ließen sich auf die Knie fallen, um Eburovic unter Tränen der Erschöpfung und der Freude für die Größe und Kraft seines Feuers zu danken und den Göttern für die Größe und Kraft Eburovics. Wenig später tauchten Pferde aus der Brandung auf und schleppten sich an den Strand. Breaca hörte Bán auf die Art und Weise aufheulen, wie er es zu Beginn einer Jagd tat, und kurz danach noch einmal, diesmal voller Erstaunen und Freude. Dieses eine Mal kümmerte sie sich jedoch nicht weiter um ihn. Das Feuer, das sie bewachte, wurde allmählich wärmer. Unter ihren Fingern verlor die graue Haut ein wenig von ihrer tödlichen Blässe. Die kalten Lippen unter ihrem Mund bewegten sich krampfartig, und der bewusstlose Junge biss sich heftig auf die Zunge. Plötzlich öffneten sich seine Augen. Im flackernden Licht des Feuers ließen sie einen schmalen silbergrauen Rand um einen dunklen Mittelpunkt erkennen, so rund und so groß wie der Mond. Breaca blickte in seine Augen und sah nur eine grenzenlose Leere darin.
»Es hat keinen Zweck mehr. Er hat uns verlassen.« Sie lehnte sich entmutigt zurück.
Macha unterbrach ihr Gebet und saß einen Moment lang ganz still zu seinen Füßen. »Das glaube ich nicht«, sagte sie schließlich. »Airmid, stell ihm die Frage.«
Airmid schloss ihre Hand um eines seiner eiskalten Handgelenke, beugte sich dann über ihn, damit er ihr in die Augen sehen konnte, und sagte: »Willkommen, Seemann. Möchtest du hier an Land bei den Lebenden bleiben, oder sollen wir dich wieder dem Meer übergeben?«
Es war keine belanglose Frage. Jemand - ganz gleich ob Erwachsener oder Kind -, der zu den Göttern gereist ist, kann nicht gegen seinen Willen wieder ins Leben zurückgeholt werden. Bei dem Jungen hatte es jedoch den Anschein, als wollte er zurückkehren. Breaca fühlte, wie er sich unter ihrer Berührung bewegte, als er mühsam versuchte, den Atem für seine Antwort zu schöpfen. Die Worte rasselten in seiner Kehle und gingen in einem krampfartigen Hustenanfall unter. Mit Airmids Hilfe drehte sie ihn auf den Bauch, hievte ihn auf die Knie und wartete dann, während er abermals einen Schwall von Wasser erbrach.
Sie waren jetzt nicht mehr allein. Schattenhafte Gestalten versammelten sich um sie, die Schultern hochgezogen, um sich vor dem peitschenden Schneeregen zu schützen; und auf der anderen Seite der Landspitze sammelten die Männer, die dem nassen Tod entkommen waren, mehr Holz, um Eburovics Feuer zu unterhalten. Dahinter, am Rande von Breacas Blickfeld, drängten sich Pferde in einem Pferch, begrenzt von einer niedrigen Einzäunung aus in aller Eile gepflückten Stechginster, während sie das Wasser aus ihrem Fell schüttelten und sich wieder miteinander und mit dem Gefühl festen Bodens unter ihren Hufen vertraut machten. Hail trottete unentwegt um den Ring aus Stechginster herum, um ihnen Grund dafür zu geben, in Sicherheit zu bleiben. Von der Landspitze kam Eburovic auf Breaca zu, begleitet von einem hoch gewachsenen Fremden mit einem hageren Gesicht und langem dunklen Haar, demjenigen, den Tagos aus der Brandung gerettet hatte.
Sie blieben direkt hinter Breaca stehen, und eine bedächtige, volltönende Stimme, nur ein klein wenig rau von dem unfreiwilligen Bad im Meer, sagte: »Wir sind alle am Leben, auch die Pferde. Die Greylag ist auf einer Sandbank gestrandet und im Begriff, auseinander zu brechen, und Segoventos wird Glück haben, wenn noch genug von ihr übrig bleibt, um ein Ruderboot daraus zu bauen, aber wenn ihr uns unterstützt und die Absicht habt zu bleiben, können wir sagen, dass die See heute Nacht keine Todesopfer gefordert hat.«
Als sie seine Stimme hörte, blickte Macha so abrupt auf wie ein Jagdhund beim richtigen Ton des Pfiffs. Langsam erhob sie sich. »Luain«, sagte sie sanft. »Luain mac Calma. Willkommen.«
Es war der Tonfall, den Macha benutzte, wenn sie mit Eburovic zusammen war, und dann auch nur, wenn sie sich mit ihm allein wähnte. Breaca beobachtete, wie sie den Fremden in eine Umarmung zog, so eng und innig wie jede, die sie Eburovic jemals gewährt hatte. Während ihr Vater ruhig lächelnd daneben stand, vergrub der große Mann sein Gesicht an Machas Hals, und seine Hände tätschelten die Vertiefung zwischen ihren Schulterblättern, als ob sie auf eine Art und Weise sprechen könnten, wie es seine Stimme nicht konnte. Sein Haar vermischte sich mit dem ihren, Schwarz in Schwarz, und für eine Weile war es unmöglich zu erkennen, welche Strähnen wem gehörten.
Schließlich lösten sie sich wieder voneinander und standen dann einen Moment lang da, ihre Finger miteinander verflochten, so wie es Liebende tun, wenn sie sich zum ersten Mal ihre Gefühle füreinander eingestanden haben. Der Mann hob Machas Hand an seine Lippen, küsste ihre Finger und ließ sie dann wieder sinken. »Was hat euch auf den Gedanken gebracht, das Feuer anzuzünden?«
»Breaca hatte einen Traum.«
»Tatsächlich?« Er wandte sich zu Breaca um und musterte sie prüfend. Er hatte die Haltung eines Sängers und die Augen eines Träumers, und er wusste mehr über Breaca als sie über ihn. Sie hielt seinem forschenden Blick Stand, als sie sah, wie er sie mit denjenigen verglich, die rechts und links von ihr standen. Sie war jetzt genauso groß wie Macha, und sie sahen sich ziemlich ähnlich. Es war nur die Farbe ihres Haars, die sie von den anderen abhob; selbst ein solches Unwetter wie dieses konnte nicht alles Rot herausspülen, und seit dem heftigen Streit mit Airmid hatte sie die Hoffnung, jemals das Birkenrindenband der Träumer verliehen zu bekommen, aufgegeben und begonnen, ihr Haar an den Schläfen zu flechten, so dass sie eindeutig als Kriegerin zu erkennen war und nicht als Träumerin, also als jemand, der Träume nicht herbeirufen kann, sondern höchstens von ihnen überrumpelt wird. Luain blickte sie durchdringend an und zog die Brauen hoch, aber er fragte nicht - so wie Breaca es getan hatte -, warum die Götter beschlossen hatten, ausgerechnet ihr diesen Traum zu diesem Zeitpunkt zu schicken, wo es doch andere gab, die ihn wesentlich eher und besser hätten verstehen können, so dass sie ihre Pferde nicht hätten riskieren müssen, als sie bei Sturm und heftigem Schneetreiben durch die Nacht galoppiert waren, um mit nassem Holz und gegen den Widerstand des Unwetters ein Feuer anzuzünden. Stattdessen nickte er nur, so wie Macha es getan hatte, als sie zuerst von Breacas Traum erfuhr, und sagte schlicht: »Danke. Wir verdanken dir unser Leben«, was etwas war, womit Breaca überhaupt nicht gerechnet hatte.
Der Junge hustete abermals. Breaca bückte sich, um ihm zu helfen, und bekam auf diese Weise den Augenblick mit, in dem er sich wieder ganz dem Leben zuwandte. Er schenkte ihr ein Lächeln, das so schnell wie ein springender Fisch aufblitzte und wieder verschwand und das sie beide zu Verschwörern gegen die Dunkelheit machte, dann schweifte sein Blick an ihr vorbei zu Luain mac Calma, dem Händler, der weit mehr als nur ein Händler war; und plötzlich war er kein Junge mehr, der halbtot an den Strand geschwemmt worden war, sondern etwas Mysteriöseres und weitaus Interessanteres. Er machte sich nicht die Mühe, seine Gefühle zu verbergen, und Breaca war eine geschulte Kriegerin. Sie sah den Ausdruck des Wiedererkennens, die Erinnerung an Verrat und die plötzliche Entschlossenheit in seinen zornigen Augen aufflackern und reagierte blitzschnell, so dass sie bereits auf den Beinen und rückwärts außer Reichweite gesprungen war, als er sich unvermittelt zusammenrollte, mit einem Satz vom Boden aufsprang und das Messer aus ihrem Gürtel reißen wollte.
»Na, na, na!« Sie lachte zur Überraschung aller. Ihr Blut raste förmlich durch ihre Adern, wie sie es seit dem Tag, an dem die Trinovanter auf das Rundhaus zugaloppiert waren, nicht mehr erlebt hatte. »Ist das etwa deine Art, denjenigen zu danken, die dich gerettet haben?«
Der Junge schüttelte stumm den Kopf, als ob er sich nicht zu sprechen getraute. Die anderen bildeten einen Kreis um ihn herum, locker und vielleicht nicht mit Absicht. Er stand vor ihnen, seine Haare und seine Tunika triefend nass, und zitterte wie ein kleines Kind unter der Peitsche des eisigen Regens, und dennoch konnte Breaca im Geist die Heerscharen von Kriegern hinter ihm sehen, die er bereits getötet hatte und noch töten würde, wenn er diese Nacht überlebte. Er war ganz zweifellos ein Krieger vom Format ihres Vaters, der der beste Krieger war, den sie jemals gekannt hatte; ihr Familienstolz würde nicht dulden, dass dieser Junge hier womöglich noch besser sein könnte. Beide schätzten die Entfernung zwischen ihnen ab und die Aussichten auf Erfolg, und keiner von ihnen beschloss, den anderen auf die Probe zu stellen. Seine Augen gewährten ihr eine halbherzige Entschuldigung, dann starrte er Luain mac Calma an und maß ihn mit einem finsteren Blick, während er ihm schweigend Vergeltung für noch nicht genannte Verbrechen versprach. »Du hast das Lied vom Abschied der Seelen gesungen«, sagte er. »Du bist kein Händler.«
»Und du hast mitgesungen.« Mac Calma nickte bedächtig. »Also ist keiner von uns beiden genau das, was er zu sein scheint - Math von den Ordovizern.« Er sprach den Namen in einem anderen Tonfall, mit dem Nachdruck und der Betonung eines Sängers, und das verhalf Breaca zu dem einen Hinweis, den sie noch brauchte, um sich ein schlüssiges Bild zu machen. Wenn der junge Krieger nicht Math von den Ordovizern war, und der war er eindeutig nicht, dann wusste sie jetzt, wer er war und was sie tun musste.
Sie zog ihr Schwert aus der Scheide auf ihrem Rücken und hielt es quer auf beiden Händen in einer Geste, die von der einen Küste bis zur anderen als das Treueversprechen zwischen Kriegern bekannt war. Sie besann sich auf die Unterweisungen der älteren Großmutter bezüglich der Art, wie ein Mitglied einer Herrscherfamilie ein anderes ansprechen sollte, und sagte: »Caradoc, Sohn von Ellin aus der königlichem, Familie der Ordovizer, Sohn von Cunobelin, Sonnenhund der Trinovanter, Speerträger dreier Stämme, du bist im Land der Eceni willkommen.«
Sie hatte ein Nicken erwartet, ein Lächeln der Anerkennung, die Respektsbezeugung eines Kriegers gegenüber ihrer Person und ihrer Ehre, und wurde in alledem bitter enttäuscht. Sie hatte ihm ihr Schwert als Treuepfand angeboten, doch sie hätte es ihm auch ebenso gut bis zum Heft in die Brust stoßen können, denn Caradoc wurde plötzlich kreidebleich. Zu dem Händler, der zumindest auch ein Sänger sein musste, sagte er: »Du hast es ihr gesagt.« Seine Stimme klang schlichtweg tödlich und vollkommen tonlos.
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Luain milde. »Dazu hatte ich noch gar keine Gelegenheit.«
»Aber du wusstest Bescheid.«
»Natürlich.«
»Seit wann?«
»Schon seit langer Zeit.« Der Sänger lächelte schief. »Ich war bei deiner Geburt anwesend.«
»Dann hat Cunobelin dich also auf mich angesetzt.« In seiner Stimme schwang unüberhörbarer Abscheu mit. Falls noch irgendjemand bezweifelt hatte, dass Caradoc, Sohn von Cunobelin, seinen Vater hasste, so war jetzt jeder Zweifel ausgeräumt. Er spuckte verächtlich auf den Boden und sagte: »Kindermädchen und Spion in einer Person.«
Das Lächeln des Sängers blieb unverändert. »Wohl kaum. Dein Vater und ich haben zwar ein gewisses Maß an Respekt voreinander, aber nicht so viel Vertrauen, dass wir uns auf etwas Derartiges einlassen würden. Meines Wissens nach glaubt Cunobelin noch immer, du wärst im fernen Westen beim Volk deiner Mutter. Wenn er etwas anderes hört, dann wird diese Information nicht von mir stammen.«
»Dann war es also Mutter?« Diese Frage klang weniger ätzend, sondern eher überrascht, vermischt mit einer Spur von Gekränktheit. »Aber woher hat sie davon gewusst? Conn hat mir geschworen, dass er kein Wort darüber verlauten lassen würde.«
»Conn hat auch nichts gesagt.«
Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über das zornige, hellhäutige Gesicht. Wer auch immer Conn sein mochte, sein Verrat hätte Caradoc offensichtlich tief geschmerzt. Nachdem er sich zumindest dessen sicher sein konnte, hielt Caradoc inne und ließ sich Zeit zum Nachdenken. »Dann war es also Maroc? Der Sänger, der auch ein Träumer ist. Natürlich. Ich hätte es eigentlich sofort wissen müssen, als ich dich auf dem Schiff das Lied vom Abschied der Seelen singen hörte.« Er lächelte grimmig. »Du hast das in den vergangenen Monaten gut verborgen.«
»Nur vor denjenigen, die es vorziehen, nicht zu sehen, was direkt vor ihnen ist.« Mac Calma begann, das Meerwasser aus seiner Tunika zu wringen. Das wollene Kleidungsstück war nicht mehr zu gebrauchen; es war durch das unfreiwillige Bad im Meer völlig aus der Form geraten, und nichts von dem, was er tat, würde es wieder reparieren. »Segoventos weiß, wer ich bin«, erklärte er. »Und Brennos, der Maat.«
»Ach, tatsächlich?«, erwiderte Caradoc in vernichtendem Ton. »Das war aber verdammt mutig, wenn man bedenkt, dass ganz Gallien unter der Knute eines Kaisers steht, der barbarische Wahrsager, Seher und Barden für vogelfrei erklärt hat, und dass die Häfen voller Männer sind, die es verzweifelt nötig haben, ihre patriotische Begeisterung unter Beweis zu stellen. Oder vielleicht hast du ja noch nicht gesehen, wie ein Mann ans Kreuz geschlagen wurde, und hältst es für kein Risiko?«
Er überschritt ganz bewusst die Grenzen akzeptablen Benehmens. Drei gallische Träumer waren im vergangenen Jahr auf Geheiß Roms gekreuzigt worden. Alle drei waren auf Mona ausgebildet worden, und in Anbetracht seines Alters war es wahrscheinlich, dass Luain sie gekannt hatte. Und selbst wenn nicht, so lastete ihr grausamer Tod doch noch immer wie ein dunkler Schatten auf dem Land. Die Hinrichtung dieser Männer war nicht nur ein Sakrileg, das jeder Beschreibung spottete, sondern bestätigte darüber hinaus auch die verständnislose Brutalität des Feindes.
Luain mac Calma gab seine Tunika auf und starrte blicklos aufs Meer hinaus. »Ich habe es gesehen«, sagte er milde. »Und darum würde ich so etwas auch nicht unnötig herausfordern. In diesem Fall jedoch war ich davon überzeugt, dass ich kein allzu großes Risiko einging. Es gibt Männer, denen ich bedenkenlos mein Leben anvertrauen würde. Segoventos ist einer von ihnen.« Er blickte auf. »Ich hatte gedacht, dass auch du zu diesen Männern gehören könntest.«
Caradoc, anerkannter Krieger dreier Stämme, legte den Kopf schief, als ob er diesen Gedanken prüfte. Er war jetzt ruhiger als zuvor, ruhig genug, um mit gebührender Ironie zu lächeln, als er erwiderte: »Das würde aber voraussetzen, dass ich wusste, wer du bist.«
Es war nicht die korrekte Art, um um eine Vorstellung zu bitten, doch es war auch nicht übermäßig unhöflich. Der Sänger blickte Macha an, die zustimmend nickte; ein Mann sollte sich nicht selbst vorstellen müssen, wenn jemand anderer anwesend ist, der das übernehmen kann. Auch sie konnte in dem singenden Tonfall des Sängers sprechen, wenn sie wollte.
»Caradoc von den Drei Stämmen, Krieger und Träumer der Eceni, ich möchte euch Luain mac Calma vorstellen, einst aus Irland, jetzt Kaufmann, Sänger, Heiler und Träumer des Ältestenrats auf Mona.«
Mona. Die Worte hallten in Breacas Bewusstsein wider und schlugen wie mit Fäusten auf ihr Herz ein. Sie blickte Airmid kurz an, sah dann aber rasch wieder weg. Seit dem Herbst hatten sie gewusst, dass im Frühjahr eine Nachricht aus Mona kommen würde, eine Aufforderung an die Träumerin, ihren Platz in der Schule der Götter einzunehmen. Sie hatten erwartet, dass sie von einem Boten auf dem Landweg überbracht werden würde, und auch erst später im Jahr, aber das war ein Irrtum gewesen, wie sie jetzt erkannte. Luain brauchte es nicht erst zu sagen; tatsächlich war es ihm sogar verboten, darüber zu sprechen, außer vor dem Ältestenrat, wann immer dieser auch einberufen würde; doch es war die Wahrheit, und alle Anwesenden wussten es.
Breaca ertappte sich dabei, wie sie ihn und Macha musterte, die noch immer so lächelte wie in dem Moment, als sie plötzlich seine Stimme gehört hatte. Auch das war jetzt klar: Machas und Luain mac Calmas Vergangenheit waren eng miteinander verknüpft; sie verband sowohl Irland als auch Mona, die beiden von den Göttern gesegneten Inseln. Man konnte es an ihren Stimmen erkennen, an der besonderen Mischung aus Tonfall und Satzmelodie, so als ob sie von derselben Mutter sprechen gelernt hätten - oder viele Jahre lang dasselbe Bett miteinander geteilt hätten. Dieser Umstand hätte eigentlich nicht überraschend sein dürfen. Die Ausbildung auf Mona dauerte insgesamt zwölf Jahre, und es gab keinen Grund zu der Annahme, dass Macha all diese Jahre über keusch gelebt hatte - ebenso wenig, wie man voraussetzen konnte, dass Airmid das tun würde. Breaca sah sich suchend nach ihrem Vater um, der das vom ersten Moment an erkannt haben musste oder es vielleicht schon immer gewusst hatte. Er fühlte ihren Blick auf sich und schenkte ihr sein kurzes, herzliches Lächeln. Es wärmte sie innerlich, so wie immer.
Sie lächelte ihren Vater dankbar an, und als sie aufblickte, ertappte sie Caradoc dabei, wie auch er sie beobachtete. Sein Zorn war inzwischen verraucht und hatte Nachdenklichkeit Platz gemacht. Er hielt ihren Blick fest, seine Augen von einem Ausdruck wacher Intelligenz erfüllt, während er die Tatsache dessen, was er da vor sich sah, gegen die Geschichten abwägte, die er über die Kinder-Kriegerin der Eceni gehört haben musste. Ausgerechnet er sollte eigentlich den Unterschied zwischen der Wahrheit und den Mythen kennen, die sich bereits um eine einzige Tat rankten. Sie hielt ihr Schwert noch immer flach auf den Händen, Angebot eines Treueversprechens, das bisher noch nicht angenommen worden war. Die Gesetze des Kriegereides waren klar umrissen; wenn Caradoc ihn akzeptierte, würde er Breaca und sich selbst damit zu gegenseitigem Schutz verpflichten, und zwar sowohl auf dem Schlachtfeld als auch außerhalb davon. Es war ein Eid, der nur im Falle des Todes, der Entehrung oder der Blutschuld gebrochen werden durfte und der weder leichtfertig angeboten, noch leichtfertig akzeptiert wurde. Caradoc von den Drei Stämmen trat einen Schritt vor, legte seine rechte Hand auf das Schwertheft und sagte: »Breaca, Kriegerin der Eceni, ich nehme deinen Eid und deine Einladung an.« Sie tauschten ein heimliches Lächeln, unbemerkt von den anderen.
 
Die Nacht näherte sich ihrem Ende. Am fernen Horizont glitt die Morgendämmerung wie ein versilbertes Messer zwischen das Unwetter und die See, und die Beschaffenheit des Lichts begann sich zu verändern. Dinge, die die nächtliche Dunkelheit bislang verborgen hatte, wurden jetzt allmählich sichtbar: die bei dem Schiffbruch erlittenen Schürfwunden und Blutergüsse und die weiße Narbe einer alten Brandwunde auf Luain mac Calmas Unterarm. Das Feuer weiter hinten auf der Landspitze war in der Zwischenzeit noch höher geworden, und das Knacken brennenden Treibholzes hallte von dort herüber, begleitet von fliegenden Funken und dichten Rauchschwaden. Die Männer der Greylag hatten schließlich aufgehört, die Flammen zu schüren, und saßen jetzt im Kreis um das Feuer herum, um ihre Kleider und ihr Haar zu trocknen und um deutlich zu machen, dass sie kein Interesse an der kleinen Gruppe hatten, die in Strandnähe versammelt war.
Eburovic sagte: »Wir sollten uns zu euren Schiffskameraden am Feuer gesellen, bevor die Idioten es schaffen, die Flammen mit viel zu nassem Treibholz wieder zu ersticken, und wir gezwungen sind, den Rest der Nacht zitternd und frierend neben einem Haufen kalter...«
»Nein. Warte.« Breaca stand ganz still da und hielt ihren Blick fest auf den Horizont geheftet, um nicht das schattenhafte Gebilde aus den Augen zu verlieren, das sie gerade eben entdeckt hatte. »Da draußen ist noch ein anderes Schiff, ein größeres.« Das Licht veränderte sich und machte die verschwommene Silhouette in der Ferne etwas deutlicher erkennbar. Breaca riss überrascht die Augen auf. Sie zeigte aufs Meer hinaus. »Ein sehr viel größeres. Da!«
Die anderen drängten sich um sie herum und folgten der Richtung ihres Blicks zu jener Stelle weit draußen am Horizont, wo ein gespenstisch anmutendes Schiff - groß genug, um zehn Pferdeherden aufzunehmen - tief in den Wellen lag.
Luain mac Calma sah es als Erster von den Übrigen. »Es sieht ganz danach aus, als sollten wir mit weiterer Gesellschaft beehrt werden.« In seiner Stimme schwang jetzt ein grimmiger Unterton mit. Er wandte sich zu Eburovic um. »Kann ich davon ausgehen, dass ihr nicht direkt mit Rom Handel treibt?«
Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen. Eburovic wandte nicht eine Sekunde den Blick von dem Schiff am Horizont ab. »Wir sind die Eceni«, erwiderte er kurz angebunden. »Wir machen keine Geschäfte mit Rom.«
»Natürlich nicht. Ich entschuldige mich. Und außerdem ist das da kein Handelsschiff. Es ist ein Transportschiff für Legionärstruppen, und das letzte Mal, als einer von diesen Transportern in unsere Küstengewässer kam, da war es ein Unfall; eines von Germanicus’ Schiffen wurde vom Kurs abgetrieben und sank. Caradocs Vater rettete die Überlebenden und schickte sie umgehend in die Arme ihres dankbaren Kaisers zurück.«
»Und das Mal davor?«, fragte Caradoc leise. Er musste die Antwort doch gekannt haben.
Mac Calma drehte sich um und spuckte gegen den Wind. »Das Mal davor war es Cäsar und die erste Welle einer römischen Invasion. Lasst uns zu sämtlichen Göttern beten, dass es diesmal nicht wieder so ist.«
 
Wenn es tatsächlich eine Invasion sein sollte, dann war sie allerdings zu einem frühzeitigen Scheitern verurteilt. Das Schiff, das in einiger Entfernung von der Küste in der hohen Dünung rollte, war dreimal so groß wie die Greylag und seine Besatzung fünfmal so zahlreich. In vertrauten Gewässern und bei günstigem Wind war es eines der schnellsten Schiffe der bekannten Welt. In unbekannten Gewässern, bei katastrophalen Wetterverhältnissen und mit einem Kapitän, der nichts von der Küstenlinie wusste, war es jedoch dem Untergang geweiht. Als das zunehmende Licht der Morgendämmerung die sich anbahnende Katastrophe noch offensichtlicher machte, gesellte sich Breaca zu den anderen am Feuer und hörte zu, wie ein hektischer, zutiefst bekümmerter Segoventos gegen das Heulen des Sturms anschrie und einem fremden Kapitän Warnungen und Anweisungen zubrüllte, die dieser trotz aller Anstrengung doch niemals hören würde - Warnungen vor der Sandbank und der starken Gezeitenströmung und die Anweisung, zwischen diese beiden zu steuern, um das Schiff in Landnähe auf Grund zu setzen. Der Augenblick des Aufpralls war unvermeidlich und schmerzhaft, und viele derjenigen, die das Gleiche durchgemacht hatten, wandten sich schaudernd ab. Diejenigen, die das Geschehen weiter beobachteten, mussten schließlich mitansehen, wie weit draußen hinter der Greylag ein Schiff unterging, und sie wussten, die Entfernung zur Küste war viel zu groß, als dass auch nur ein Einziger der Schiffbrüchigen die Katastrophe überleben könnte. Mit allgemeiner Zustimmung warteten sie also erst einmal ab, um zu sehen, was für die Toten noch getan werden konnte.
Die ersten Leichen wurden mit der einsetzenden Flut an den Strand geschwemmt. Es waren nicht viele; nachdem die erste Ladung Schiffbrüchiger dem nassen Seemannsgrab mit knapper Not entronnen war, war die See nun offenbar nicht mehr bereit, diese neuen Opfer auch noch herzugeben. Eine ertrunkene Frau und ein Kind wurden zusammen angetrieben, beide nur in Unterkleider gehüllt, als ob sie in großer Eile geweckt worden wären. Macha erreichte sie als Erste. Sie trug das tote Kind so behutsam wie ein Neugeborenes auf den Armen und legte es an einer sicheren Stelle oberhalb der Flutgrenze auf den Sand. Breaca und Airmid trugen gemeinsam die Mutter. Luain und Eburovic bauten eine Tragbahre aus zwei gleich langen Holzbalken und quer darüber gelegten Brettern und warteten unten am Strand auf den Rest der Toten. Wenig später wurde ein Seemann angeschwemmt, der mit einer Tauschlinge an einem zerbrochenen Deckbalken festgebunden war. Dieser Balken oder ein ähnlicher hatte ihm den Schädel zerschmettert, bevor er an Land gespült worden war. Andere Leichen folgten: eine Hand voll römischer Legionäre, die ungewöhnlicherweise beschlossen hatten, ihre Waffen bei sich zu behalten, als sie schwammen, und die dann - und das war noch ungewöhnlicher - nicht einfach auf den Meeresgrund gesunken waren, sondern noch lange genug auf der Wasseroberfläche getrieben waren, um von der Flut erfasst und an Land getragen zu werden. Ihre Schwerter allerdings waren aus ihren Scheiden gerutscht und verschwunden, um sich zu den Fischen auf dem Meeresboden zu gesellen, doch der Rest ihrer Rüstung war in einwandfreiem Zustand. Breaca, Tagos und Caradoc entkleideten die Toten schweigend, während sie ihre Messer in von Salzwasser verquollene Schnallen und Knoten schoben, um sie langsam und vorsichtig zu lösen, damit keiner von ihnen zerschnitten werden musste. Vier mit Metallschuppen besetzte Lederwämser und ebenso viele gute Ledergürtel wurden heil und unbeschadet entfernt und zum Trocknen neben das Feuer gelegt, wo Hail sie bewachte, während die Leichen von Seetang gesäubert und dann zu den Übrigen gelegt wurden.
Lange Zeit danach wurden zwei Jungen angeschwemmt, nicht älter als Bán. Beide waren nackt und trugen die Narben von Sklaven auf Schultern und Rücken. Die Männer der Greylag zogen sie aus dem Wasser und trugen sie zu der Stelle, wo die anderen Ertrunkenen lagen; allen wurde derselbe Respekt erwiesen, ohne Rücksicht auf Rang oder Stand, so wie man ihn Fremden erweisen würde, die keine Feinde in der Schlacht waren.
Breaca hielt sich gerade am Feuer auf, um die geretteten Rüstungen umzudrehen, als Curaunios, zweiter Offizier der Greylag, vom Strand aus rief.
»Hierher! Helft mir mal! Hier ist einer, der noch lebt! Wo ist die Heilerin?«
Der Ruf nach der Heilerin war angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem Fremden wahrscheinlich um einen Römer handelte, schon etwas merkwürdig, doch später erfuhr Breaca, dass Curaunios aus Gallien stammte, aus jenen Familien unter den Aedui, die Rom nicht immer und grundsätzlich als Feind betrachteten. Breaca rannte mit Macha zum Strand hinunter und fand die beiden Männer im Sand kniend vor, während der eine einen Schwall von Wasser erbrach, so wie Caradoc es getan hatte, und der andere ihn behutsam stützte. Es war das erste Mal, dass Breaca sowohl einen lebenden Römer als auch einen der Krieger aus dem südlichen Gallien sah. Der Gallier war hünenhaft groß und stämmig, ein massiger blonder Bär von einem Mann, seine Haut gerötet durch die Peitschenhiebe der See, sein Haar bereits mit grauen Strähnen durchzogen.
Der Römer war wesentlich jünger, nicht viel älter als Caradoc. Er war nackt, seine Haut von der Sommersonne dunkel gebräunt. Selbst aus einiger Entfernung konnte Breaca die roten Striemen in seinen Handflächen sehen, wo Stricke tief in seine Haut eingeschnitten hatten, und die mit Wasser vollgesogenen Hautfetzen, die lose von seinen Schultern herabhingen. Noch spektakulärer aber war das Netz von kreuz und quer verlaufenden Kampfnarben, das seinen gesamten Oberkörper überzog. Anders als bei den Sklaven und mehr wie bei den Legionären, war der Hauptteil dieser Narben jedoch nicht auf seinem Rücken, sondern auf seiner Brust und seinem rechten Unterarm, wo er von feindlichen Schwertklingen verletzt worden war, und alle diese Narben waren alt. Auf seiner linken Körperseite, unterhalb seiner Rippen, ließ eine von runzliger Haut überzogene Grube, groß genug, um eine geballte Faust aufzunehmen, dunkelrot entzündete Linien um den Rand erkennen. Die schlecht verheilte Fleischwunde sagte noch deutlicher als Worte, dass er den Sommer mit Kämpfen verbracht hatte und dass er zwar gelernt haben mochte, die Schwerthiebe abzuwehren, die seine Kehle zu durchtrennen drohten, aber sehr viel weniger geschickt darin gewesen war, dem Speer auszuweichen, der durch seine Rippen auf sein Herz gezielt hatte.
Caradoc, der mehr praktische Erfahrung im Kampf gegen die Römer hatte, sagte: »Ein Reiter«, als ob das die Erklärung wäre, und spuckte verächtlich auf den Boden. Die anderen versammelten sich um ihn und betrachteten das Kuriosum, nicht sicher, was zu tun war. Segoventos drängte sich an ihnen vorbei und baute sich vor dem Mann auf, um ihm in kummervoller Ausführlichkeit alle die Verfahren zu erklären, mit denen das Schiff noch in Sicherheit hätte gesteuert werden können. Segoventos fühlte sich mehr noch als irgendeiner der anderen schuldig, weil er tatenlos zugesehen hatte, wie ein Schiff starb, und nicht sein eigenes Leben riskiert hatte, um es zu retten. Er sprach zu dem Römer, um seine Seele von der Schuld reinzuwaschen, und nicht etwa deshalb, weil er erwartete, gehört zu werden.
Der Römer war aber nicht der Kapitän des Schiffes gewesen, und er hatte kein Gefühl für die See. Er wusste nur, dass er allein war und von Fremden umzingelt, und noch dazu in einem Land, das zu besuchen er niemals die Absicht gehabt hatte. Als er wieder richtig Luft holen konnte, ohne zu husten oder zu würgen, schüttelte er die helfenden Hände ab, stützte sich mit beiden Fäusten auf den nassen Sand und erhob sich langsam.
Und erstarrte mitten in der Bewegung. Die Spitze von Breacas Schwert grub sich in die vom Wasser aufgeweichte Haut unter seinem Kinn und ließ einen Blutstropfen hervorquellen. Caradoc, Krieger dreier Stämme, der schon mindestens einmal im Kampf getötet hatte, hielt das Schwertheft umschlossen und die Klinge waagerecht. Breaca stand zehn Schritte entfernt, die leere Schwertscheide auf ihren Rücken geschnallt, ihre Hände locker an den Seiten. Sie hatte Caradoc das Schwert verpfändet; sie würde ihn nicht davon abhalten, es auch zu benutzen, sofern sein Feind nicht zu den Eceni gehörte. Ihre vernarbte Hand pulsierte schmerzhaft.
»Du bist Römer?« Caradoc stellte seine Frage auf Lateinisch, ruhig und vollkommen emotionslos. Selbst für Breaca, die keine Kenntnis von dieser fremden Sprache hatte, war die Bedeutung seiner Worte klar.
Der Fremde starrte ihn nur an und sagte nichts. Caradoc nickte. Die Lethargie des beinahe Ertrunkenen war inzwischen vollkommen von ihm abgefallen, ersetzt durch eine wohl erwogene Schärfe und Wachsamkeit. Sein Blick schweifte gelassen über die versammelte Gruppe. Seine Augen - betrachtet in dem eigenartigen, von Schneewolken verdunkelten Licht - waren von demselben metallischen Grau wie die Klinge in seiner Hand. Sein Haar war inzwischen etwas getrocknet und wirkte jetzt noch heller. »Dieser Mann ist ein Feind unseres Volkes«, sagte Caradoc. »Will das irgendjemand bestreiten?«
Keiner wagte es. Seeleute wie Eceni schüttelten stumm die Köpfe. Ohne nachzudenken griff Breaca nach dem Messer an ihrer Hüfte und zog es aus dem Gürtel. Caradoc sah es und dankte zuerst ihr und dann der Gruppe mit einem leichten Kopfnicken.
»In diesem Fall fordere ich das Recht auf Blutrache: für den Tod des Großvaters meiner Mutter; für die Männer, die an seiner Seite gegen Cäsar kämpften; für die Träumer von Mona, die letztes Jahr in Lugdunum starben, der Hauptstadt der drei gallischen Provinzen; für all die ungenannten Angehörigen unseres Volkes, die unter dem Joch Roms in der Sklaverei gestorben sind, seit die Römer zum ersten Mal mit ihren Kriegsschiffen an den Küsten dieses Landes anlegten. Für alle diese Opfer und noch zahllose andere gehört sein Leben mir.«
Er hob das Schwert mit beiden Händen. Der Mann, der vor ihm auf den Knien lag und der sowohl Römer als auch Soldat war und gerade den sicheren Tod im Meer überlebt hatte, sprang einen Sekundenbruchteil vor dem tödlichen Hieb auf die Füße und schnappte hastig nach dem Schwertheft.
Caradoc lächelte, trat einen Schritt zurück und nahm seine linke Hand von dem Schwertheft, um seinen Griff von dem eines Scharfrichters in den eines Mannes zu verwandeln, der zu einem Zweikampf antritt. Er nickte mit kühlem Respekt. »Gut. Danke. So gefällt es mir auch besser.«
Die Schwertklinge schwang pfeifend durch die Luft und beschrieb einen großen Bogen, an dessen Scheitelpunkt der Hals eines Mannes war - und sauste dann knapp daran vorbei und weiter abwärts, ohne seine Haut auch nur zu ritzen. Der Römer lag flach auf dem Boden und spuckte Sand zwischen blutverschmierten Zähnen hervor. Ein roter Fleck auf seiner Schulter ließ erkennen, wo er zu Boden gestreckt worden war. Caradoc runzelte die Stirn und veränderte seinen Griff um das Heft, um zum Rückhandschlag auszuholen.
Segoventos, Kapitän der Greylag, der größer und stämmiger war als die beiden jungen Männer zusammengenommen, streckte blitzschnell die Hand aus und hielt Caradocs Arm fest, so dass die Schwertklinge mitten im Schwung so abrupt zum Stillstand kam, als ob sie auf massive Eiche getroffen wäre. »Nein«, sagte Segoventos. »Er gehört nicht dir. Du hast nicht das Recht, ihn zu töten.«
Caradoc befreite seinen Arm aus Segoventos’ Griff. Er wich einen Schritt zurück, das Schwert noch immer in der Hand, aber die Spitze war jetzt tiefer als das Heft, und er war nicht mehr in Reichweite seines Opfers. Er schüttelte den Kopf wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, und starrte den Gallier mit offenem Mund an.
»Segoventos? Er ist ein Römer. Er muss sterben.«
»Er ist ein Schiffbrüchiger, genau wie du. Wenn die Götter gewollt hätten, dass er stirbt, dann hätten sie ihn ertrinken lassen. Du hast nicht das Recht, etwas anderes zu behaupten.«
»Ich habe immer noch mehr Recht dazu als du. Dies ist nicht dein Land, Gallier.«
»Aber auch nicht deines - Sohn von Cunobelin.« Segoventos sagte dies sehr ruhig und leise; er brüllte nur, wenn es um wichtige Dinge ging, wie zum Beispiel um das Leben eines Schiffes. Ansonsten sprach seine beeindruckende Größe für ihn.
Caradoc stieß zischend den Atem aus und wirbelte zu den anderen herum. Die Männer der Greylag, die ihn sechs Monate lang als Math, einen Jungen von den Ordovizern, gekannt hatten, musterten ihn mit unverhüllter Neugier, während sie darauf warteten, dass er die von Segoventos erwähnte Herkunft bestritt, und stellten dann - als er das nicht tat - all jene Vermutungen an, zu denen dieser Umstand Anlass gab. Caradoc blickte an ihnen vorbei zu Eburovic und Luain mac Calma. Seine Nasenflügel bebten, sein Mund bildete eine schmale, grimmige Linie. »Dies ist euer Land. Werdet ihr das Gleiche tun, was mein Vater damals getan hat, und ihn mit Gastgeschenken und der Zusage von Handelsbeziehungen gehen lassen?«
»Nein.« Macha trat vor, um sich schützend vor den Römer zu stellen. Sie zeigte weder anklagend mit dem Finger auf Caradoc, noch gestikulierte sie oder hob auch nur die Stimme, doch Breaca hatte sie noch nie zuvor so deutlich ihre Autorität als Träumerin hervorkehren sehen. »Du weißt, dass das nicht die Art der Götter ist. Dein Vater handelte bei dem, was er tat, gegen den Willen der Ältesten, und ich zweifle nicht daran, dass er dafür zur Rechenschaft gezogen wird, entweder noch in diesem Leben oder im nächsten. Aber was du hier tust, ist auch nicht besser. Du trittst diesem Mann nicht in einem fairen Zweikampf gegenüber, er ist ja noch nicht einmal bewaffnet. Er ist ebenso wenig für die Taten seiner Vorfahren verantwortlich wie du für die deiner Vorfahren, und schon gar nicht für die Taten von Männern, mit denen er vielleicht überhaupt nicht blutsverwandt ist. Wenn er ein Feind ist, dann ist er es für sich allein, und es steht uns nicht zu, ihn hier und jetzt dafür zu verurteilen. Wir werden den Fehler deines Vaters nicht noch verschlimmern. Stattdessen werden wir diesen Mann in unsere Siedlung mitnehmen, eine Sitzung des Ältestenrats einberufen und dann die Götter und die Großmütter über sein Schicksal entscheiden lassen.«
»Ihr wollt bei diesem Wetter eine Ratsversammlung einberufen?« Caradoc breitete die Arme aus und wies auf den Schnee und das Eis und die Folgen des Unwetters. »Können eure Träumer etwa durch die Luft fliegen wie die Hirsch-Menschen des Nordlandes und selbst noch in den tiefsten Schneeverwehungen zu ihren Ratssitzungen zusammenkommen?«
»Wohl kaum.« Macha lächelte schwach, und Caradoc wurde wieder einmal daran erinnert, dass er eine Träumerin vor sich hatte. Er schlug die Augen nieder. »Solange der Schnee uns behindert, können wir nichts unternehmen. Es war schon schwierig genug, überhaupt hierher zu kommen, und wir sind noch lange nicht wieder wohlbehalten zu Hause angekommen. Wenn wir ohne Verluste zurückkehren, werden wir achtzehn zusätzliche Mäuler stopfen und außerdem noch Schlafplätze für alle Neuankömmlinge finden müssen, und damit werden wir reichlich genug zu tun haben, bis der Schnee schmilzt und die Wege wieder passierbar sind. Wenn es dann irgendwann so weit ist, wird der Rat zusammenkommen. In der Zwischenzeit ist der Mann unser Gast, genauso wie du. Er wird uns nicht verlassen; er ist ein einsamer Mann in einem fremden Land, und wenn wir in diesem Land schon kaum noch Nahrung finden, dann wird er überhaupt nichts Essbares mehr finden.«
»Meinst du?« Caradoc kaute nachdenklich auf der Innenseite seiner Wange. Langsam drehte er die Klinge herum und gab sie Breaca zurück. »Und wenn er das hier nun nicht versteht und trotzdem zu fliehen versucht?«, fragte er ruhig. »Die Römer glauben doch, sie beherrschten alles. Würdet ihr ihn frei und ungehindert durch das Herzland der Eceni streifen lassen?«
»Nein.« Macha hielt inne und drehte sich um. Luain mac Calma war neben den Römer getreten und übersetzte Machas Unterhaltung mit Caradoc ins Lateinische. Sie sprach langsam, damit er den Sinn ihrer Worte exakt wiedergeben konnte.
»Ich halte diesen Mann für intelligent. Auf dieser Basis wird er am Leben bleiben dürfen. Wenn er aber dumm ist und zu fliehen versucht, dann kannst du ihn zur Strecke bringen, so wie du es mit einem Wolf tun würdest, der in die Fohlengehege eingefallen ist. Die Ältesten werden dich nicht davon abhalten.«
Der Römer stand hoch aufgerichtet auf dem Kiesstrand, ohne sich um die eisige Kälte zu kümmern. Er war einen Kopf kleiner als Luain mac Calma, aber er stand da wie ein Krieger und ließ nichts von dem Zorn erkennen, den Breaca vielleicht von ihm erwartet hätte. Er überlegte einen Moment, nachdem Macha geendet hatte, und antwortete dann kurz auf Lateinisch.
Plötzlich grinste mac Calma breit. Er neigte mit ausgesuchter Höflichkeit den Kopf und sagte: »Unser neuer Gast fühlt sich durch dein Angebot der Gastfreundschaft geehrt und nimmt es dankend an. Er versichert dir, dass er nicht in die Fohlengehege einbrechen wird.«
»Gut.«
Macha wandte sich vom Meer ab. Diejenigen, die dabei gestanden und das Geschehen verfolgt hatten, drehten sich mit ihr um und machten sich auf den langen Rückweg den Strand hinauf zu der Stelle, wo die Pferde warteten. Bán und Hail gingen voran, um die neuen Pferde zusammenzutreiben und von der heimischen Herde fernzuhalten, für den Fall, dass sie ansteckende Krankheiten hatten oder sich mit den anderen Tieren anlegten. Eburovic brachte sein überzähliges Reitpferd herbei und bot es Segoventos, dem Schiffskapitän, an, der das Angebot dankend annahm. Die anderen wurden ebenfalls mit Pferden versorgt, einige davon zu zweit auf einem Tier, bis keiner mehr gezwungen war, zu Fuß zu gehen. Der Römer saß hinter Luain mac Calma auf, während Tagos neben ihnen herritt.
Macha ließ die anderen vorausreiten und wartete, bis Caradoc und Breaca, die als Letzte kamen, sie eingeholt hatten. Der junge Krieger ritt, als ob er bereits zu Pferd geboren worden wäre, und lenkte sein Tier einen Pfad entlang, der in der hereinbrechenden Morgendämmerung kaum zu sehen war, während er mit seinen Gedanken offensichtlich ganz woanders war. Er machte Platz für Macha, um ihr die Achtung zu erweisen, die einer Träumerin gebührte. Als keiner außer Breaca sie mehr hören konnte, sagte sie zu Caradoc: »Du wirst nicht mit dem Römer kämpfen, das werde ich nicht dulden. Aber bevor wir zum Rundhaus zurückkehren, könntest du dir vielleicht schon einmal Gedanken darüber machen, wie du reagieren wirst, wenn unsere jungen Heißsporne es für nötig halten, dich zum Kampf herauszufordern.«
»Glaubst du denn, dass sie das tun werden?«
»Wie könnten sie das nicht tun? Es ist Winter, es gibt nur wenig zu essen, und die Nächte sind lang. Wenn sie vorher schon unter Langeweile, Hunger und Kälte gelitten haben, dann wird sich das bestimmt nicht dadurch bessern, dass noch achtzehn weitere Männer dazukommen, einer von ihnen obendrein noch ein Krieger, dessen Heldentaten im Rundhaus besungen worden sind, seit sie kleine Kinder waren.« Macha war nicht ärgerlich. Wenn überhaupt, dann wirkte sie leicht belustigt. »Was tun denn die Ordovizer, wenn die Langweiligkeit des Winters unerträglich wird und plötzlich ein Unruhestifter auf der Bildfläche erscheint?«
Caradoc nahm diese Anspielung auf seine Person mit Humor. »Wir schleudern Speere auf eine Zielscheibe«, erklärte er. »Wenn das nicht hilft, veranstalten wir Wettrennen und versuchen, niemanden zu töten.« Er wandte sich zu Breaca um, die auf seiner anderen Seite ritt. »Bei dem Volk meiner Mutter gibt es eine unumstößliche Regel: Wenn zwei Krieger einen Treueeid auf ein Schwert geschworen haben, so wie wir beide es vorhin getan haben, dann dürfen diese beiden nicht gegeneinander kämpfen, noch nicht einmal im Spiel; sie sind durch ihren Eid so eng miteinander verbunden wie Bruder und Schwester und dazu verpflichtet, sich gegenseitig zu verteidigen und zu beschützen, außer wenn der eine auf eine solche Art und Weise handelt, dass der andere gezwungen ist, den Eid zu brechen.«
»Bei den Eceni ist es genauso«, erwiderte Breaca. »Auch wir dürfen nicht kämpfen oder um die Wette laufen, es sei denn, der eine entehrt die Person oder die Familie des anderen.« Sie hatte das gewusst, als sie ihm ihr Schwert anbot, und sie hatte schon vor Macha erkannt, dass es notwendig sein würde und warum. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie jemandem begegnet, der ihr ebenbürtig war; sie und Caradoc konnten ihre Zeit damit verbringen, über das Ergebnis jedes einzelnen Wettlaufs Haarspalterei zu treiben oder bei den unzähligen winterlichen Herausforderungen ihr Leben aufs Spiel setzen - oder aber sie konnten solche Wettrennen und Kämpfe von Anfang an vermeiden.
Caradoc nickte nachdenklich. »Wir könnten aber doch unsere Pferde um die Wette rennen lassen«, schlug er vor. »Das würde bei den Göttern keinen Anstoß erregen.«
Breaca sah unterdrücktes Gelächter in seinem Blick und die Gewissheit, dass sie verlieren würde, was in ihren Augen wiederum lächerlich war. »Wir können im Winter nicht um die Wette reiten«, erwiderte sie. »Der Boden ist viel zu hart. Und...« Sie strich mit einer Hand über den Hals der grauen Stute. Sie war in den vergangenen drei Jahren zu einem prachtvollen Tier herangewachsen und hatte alle in sie gesetzten Hoffnungen voll und ganz erfüllt. Selbst jetzt, mit dem dicken, zotteligen Winterfell, war ihre edle Rasse deutlich an ihren Linien und an ihren Gangarten zu erkennen. »... und außerdem würde es zwecklos sein, bis du deine eigenen Pferde hast. Es gibt unter den Pferden der Eceni nämlich kein Einziges anderes, das es mit diesem hier aufnehmen könnte.«
Caradoc grinste zurück und trieb sein geliehenes Pferd etwas an. »Vielleicht nicht. In diesem Fall sollten wir vielleicht alle zu den Göttern beten und sie um ein schnelles und ruhiges Ende des Winters und einen friedlichen Frühlingsanfang bitten.«
Die Herrin der Kelten
cover.xhtml
scot_9783641010768_oeb_cover_r1.html
scot_9783641010768_oeb_toc_r1.html
scot_9783641010768_oeb_fm1_r1.html
scot_9783641010768_oeb_ata_r1.html
scot_9783641010768_oeb_fm2_r1.html
scot_9783641010768_oeb_ded_r1.html
scot_9783641010768_oeb_fm3_r1.html
scot_9783641010768_oeb_p01_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c01_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c02_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c03_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c04_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c05_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c06_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c07_r1.html
scot_9783641010768_oeb_p02_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c08_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c09_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c10_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c11_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c12_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c13_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c14_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c15_r1.html
scot_9783641010768_oeb_p03_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c16_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c17_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c18_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c19_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c20_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c21_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c22_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c23_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c24_r1.html
scot_9783641010768_oeb_p04_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c25_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c26_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c27_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c28_r1.html
scot_9783641010768_oeb_c29_r1.html
scot_9783641010768_oeb_bm1_r1.html
scot_9783641010768_oeb_bm2_r1.html
scot_9783641010768_oeb_bm3_r1.html
scot_9783641010768_oeb_ack_r1.html
scot_9783641010768_oeb_cop_r1.html