II
Eburovic erwachte vom Licht des Mondes. Ein
blendend heller Silberstrahl drang durch den Spalt zwischen dem
ledernen Türvorhang und dem senkrechten Eichenpfosten in das
strohgedeckte Rundhaus und streifte seine Augen, um seinen Traum zu
unterbrechen. Eburovic blieb reglos liegen und horchte angespannt.
Die Nacht war still. Er hatte von Gefahr geträumt und war noch
leicht benommen vom Widerhall des Traumes, so dass er einen Moment
brauchte, um richtig wach zu werden und wieder klar denken zu
können. Die gedämpften Atemzüge der anderen Schlafenden bildeten
eine Geräuschdecke, scheinbar schichtweise über dem Rauch des
schwelenden Feuers angeordnet, um sein Ohr zu betäuben. Er drehte
den Kopf und hörte das Winseln eines Hundes und das leise Kratzen
und Trippeln von Nagetieren. Irgendwo draußen ertönte der Ruf einer
Eule und wurde gleich darauf beantwortet. Eburovic lauschte und
wartete; dies waren die gewohnten Geräusche, die nachts seinen
Schlaf begleiteten, und keines davon hatte ihn geweckt. Er lag ganz
still da und hielt den Atem an, während er sich angestrengt
bemühte, die Geräusche jenseits des Rauchs auszumachen. Nach einer
Weile ertönte es abermals, das leise Klirren von Eisen gegen Eisen
- ein Geräusch, das von einem unvorsichtigen Mann stammen könnte,
der zuließ, dass sein Schwert gegen seinen Schild schlug oder dass
seine Rüstung knirschte, während er über einen Schutzwall
kletterte, um diejenigen zu überfallen, die ahnungslos im Inneren
schliefen. Aber Eburovic schlief nicht. Schon seit sechs Monaten
hatte er nicht mehr richtig geschlafen, weil er Nacht für Nacht auf
einen Augenblick wie diesen gewartet hatte. Jetzt fühlte er fast so
etwas wie Freude in sich aufwallen, als er mit einer raschen
Bewegung nach dem Schwert griff, das er seit dem Angriff der
Coritani Tag und Nacht in greifbarer Nähe aufbewahrte. Seine Finger
schlossen sich um das Heft und schmiegten sich an das kühle Metall,
als ob sie einzig für diese Aufgabe erschaffen wären. Langsam zog
er die Klinge aus der Scheide. Poliertes Eisen glitt an eingeöltem
Ochsenleder entlang und machte dabei nicht mehr Lärm als die
Schlafenden. Und dennoch hörte ihn jemand.
»Deine Tochter ist schon früh an der Arbeit.«
Eburovic hielt mitten in der Bewegung inne. Seine
Freude verblasste wieder. Das Flüstern kam von seiner Linken, von
der Stelle, wo die Frauen schliefen. Es klang trocken, wie das
Streifen des Windes über Stein. Er spähte angestrengt in die
Finsternis. Die Glut des Feuers vom vergangenen Abend spendete nur
wenig Licht, aber er sah, wie sich eine gekrümmte Gestalt in der
Dunkelheit bewegte, und er sah das Schimmern milchig-trüber Augen,
so dass er wusste, wer da gesprochen hatte. Die ältere Großmutter
war voller Launen und hart mit ihren Worten, aber er hatte noch nie
erlebt, dass sie grundlos oder unvernünftig sprach. Und sie hatte
ihn noch niemals belogen. Er setzte sich auf die Kante seines
Bettes und legte die blanke Schwertklinge quer über seine
Knie.
»Was für eine Arbeit ist denn das, Großmutter?« Er
sprach in halblautem Ton, damit seine Stimme zwar die Atemgeräusche
der Schlafenden übertönte und an das Ohr der alten Frau drang, die
anderen aber nicht weckte.
»Woher soll ich das denn wissen? Das musst du sie
schon selbst fragen.«
Ihr Ton war ätzend, doch er hatte schon vor langer
Zeit gelernt, die Bissigkeit, die fast immer in ihrer Stimme
mitschwang, zu ignorieren und das herauszuhören, was die wahre
Bedeutung ihrer Worte ausmachte. So auch jetzt. »Was ist das für
eine Arbeit, die ganz allein und bei Dunkelheit getan werden
muss?«
»Sie befreit sich von ihrem Traum. Und du solltest
das Gleiche tun«, erwiderte die alte Frau. »Es bringt weder einem
Mann noch einem Kind etwas ein, zu oft von Gewalt zu
träumen.«
Eburovic sagte nichts darauf. Er hatte seit dem
Herbst jede Nacht den gleichen Traum gehabt. In diesem Traum
schlief er mit seinem Schwert in der Hand; es hing nicht wie sonst
an der Wand, und er bewahrte es auch nicht getrennt von den Frauen
auf, obwohl Graine in den ersten Geburtswehen lag. Er hörte die
feindlichen Krieger nahen, noch bevor sie mit ihrer Metzelei
beginnen konnten, und er war rechtzeitig da und stellte sich ihnen
in den Weg, während er messerscharfes und tödliches Eisen schwang,
um ihnen Einhalt zu gebieten. In seinem Traum starb niemand außer
den Coritani. Die ersten drei der feindlichen Krieger fielen seinem
Schmiedehammer sowie seinem Schwert zum Opfer, lange bevor sie über
die Frauen herfallen konnten. Der Letzte starb - genau wie in der
Realität - durch den Speer seiner Tochter. Am Ende seines Traumes
stand Eburovic jedes Mal in einer Tür und blickte Breaca über den
Körper des gefallenen Kriegers hinweg an, innerlich noch immer von
der wilden Ekstase des Kampfes aufgewühlt, während sich sein Herz
beim Anblick seiner Tochter mit Stolz füllte. Das Licht der
aufgehenden Morgensonne fiel einem Feuerstrahl gleich über seine
Schulter und steckte Breacas Haar, ihr Lächeln, ihre schimmernde
Speerspitze in Brand. Sie hob ihren Speer zur Begrüßung, und er
glaubte, sein Herz würde vor Freude bersten. Dann sah er jedes Mal
ihre Augen. In Wirklichkeit waren sie von einem glänzend polierten
Grün, durchzogen von dünnen kupferroten Fäden, die sich von der
Mitte her ausbreiteten, einer Farbe ganz eigener Art. Doch in
seinem Traum blickte er in das tiefe Blau der Augen ihrer Mutter,
und das Lächeln, das sie aufleuchten ließ, war dasjenige, das sich
schon lange, bevor er Vater geworden war, unauslöschlich in sein
Herz eingebrannt hatte. Es war dieses Lächeln, das ihn schlagartig
wieder an seinen Verlust erinnerte und den lähmenden Schmerz
zurückbrachte. Weinend beobachtete er, wie seine Tochter den Mund
zum Sprechen öffnete, und er wusste, dass sie mit der Stimme ihrer
Mutter sprechen würde. Er bemühte sich verzweifelt, sie zu hören,
aber ihre Worte gingen in der Woge von Kummer und Gram unter, die
über ihm zusammenschlug, und bevor sie ihn erreichen konnten,
erwachte er jedes Mal. Jetzt saß er in der Dunkelheit und fühlte
den Schmerz, so wie er ihn jeden Morgen gefühlt hatte, diesmal
jedoch noch quälender gemacht durch die Erkenntnis, dass auch
Breaca von den Toten geträumt hatte und er es nicht gewusst
hatte.
»Es ist nicht gut für ein Kind, so zu träumen«,
sagte er.
»Sie weiß das. Sie arbeitet, weil es sie danach
drängt, weil sie das Gefühl hat, dass es ihr hilft, ihren Schmerz
zu überwinden. Du hast kein Recht, sie daran zu hindern.«
»Nein.« Er schob sein Schwert wieder in die Scheide
zurück und stand auf. Seine Tunika lag gefaltet auf seinen
Schlaffellen, so, wie Graine sie immer zurechtgelegt hatte. Er zog
sie sich über den Kopf.
»Du willst zu ihr gehen?« Die Stimme der alten Frau
plagte ihn wie ein schmerzender Zahn, und die Verachtung, die darin
mitschwang, richtete sich voll und ganz gegen ihn. »Würde sie
nachts im Dunkeln arbeiten, wenn sie dich dabei haben
wollte?«
»Ich bin frühzeitig aus meinem Traum aufgewacht«,
erwiderte er und erkannte, dass es das erste Mal gewesen war, dass
er den Traum nicht zu Ende geträumt hatte. »Vielleicht muss ich
sehen, was sie gerade macht.«
»Sie bringt sich Geduld bei.« Die Großmutter tat es
als Kleinigkeit ab. Doch sie beide wussten, dass es das nicht war.
»Es ist nie zu früh, sich in Geduld zu üben.«
»Dann werde ich nur kurz nach ihr sehen. Ich werde
ihr nur dann meine Hilfe anbieten, wenn sie mich darum bittet. Ich
werde nichts tun, um sie von ihrer Arbeit abzuhalten.« Eburovic
ging an dem Feuer vorbei zur Tür. Eine ältere Hündin wollte ihm
folgen. Er versetzte ihr einen leichten Stups gegen die Schnauze
und drehte sie wieder in die andere Richtung herum. Sie tappte zu
seinem Schlafplatz davon und grub sich ein Bett zwischen den
Schlaffellen. Er wartete, bis sie sich hingelegt hatte, und
schlüpfte dann hinaus.
Die Schmiede stand ein Stück von dem Rundhaus
entfernt auf der anderen Seite des Lagers, mit dem Vordereingang
nach Süden, um zu verhindern, dass Funken von dem Schmiedefeuer bei
trockenem Wetter das Strohdach des Rundhauses in Brand steckten und
verheerenden Schaden anrichteten. Das Gebäude, das die
Schmiedewerkstatt beherbergte, war aus Holz erbaut und das Dach mit
Latten aus Haselholz gedeckt, die Eburovic regelmäßig mit Wasser
einsprengte, damit sie nicht Feuer fingen. Der Fußboden bestand aus
Erde, angefeuchtet und festgestampft und durch das Feuer glasiert,
bis er vollkommen eben war und undurchlässig glatt, außer im
Eingang, wo die Hennen eine Staubkuhle gescharrt hatten, in der sie
gelegentlich lagen, um sich in der Wärme des Feuers zu aalen.
In der Nacht waren jedoch keine Hennen da. Sie
hatten sich bei Einbruch der Abenddämmerung erhoben, um sich im
letzten Rest von Tageslicht einen Platz auf der sicheren Stange
unter den Dachsparren des Kornspeichers zu erkämpfen, und Eburovic
hatte hinter ihnen die Tür verschlossen, indem er eine Reihe von
Steinen auf den Saum des ledernen Türvorhangs gelegt hatte, so dass
der Schmelzofen keine Zugluft abbekam und seine Hitze bis zum
anderen Morgen bewahren konnte. Als er jetzt im silbrigen Licht des
Mondes auf die Schmiede zuging, sah Eburovic den Dunst kerzengerade
aus dem Rauchabzugsloch aufsteigen und wusste, dass das Feuer nicht
schlief. An der Tür stellte er fest, dass die Steine beiseite
gelegt und sehr viel ordentlicher der Größe nach angeordnet worden
waren, als er es zu tun pflegte, und dass der Saum des Türvorhangs
nach innen umgebogen war, beschwert mit einem einzelnen
Kupfergewicht, das ihn von innen auf dem Boden festhielt. Er stand
einen Moment lang da, sein Ohr an das Leder gedrückt, aber er hörte
nichts; falls Breaca zuvor seinen Schmiedehammer benutzt hatte, so
tat sie es in diesem Augenblick zumindest nicht. Er ließ eine Hand
um den Rand des Ledervorhangs gleiten, schob sein Gesicht an den
Spalt, um in den Raum zu spähen, und machte sich dabei auf einen
Schwall von Hitze gefasst, der jedoch ausblieb. Er war hocherfreut
darüber. Es war schließlich seine Tochter, die in seiner Schmiede
arbeitete, und er hatte ihr eine Menge beigebracht; sie wusste, wie
man ein Feuer machte und es richtig schürte, so dass es heiß
brannte, die Flammen aber nicht zu hoch aufloderten, und wie man
die Ränder eindämmte, damit die Hitze sich in sich selbst zurückzog
und nicht nach außen abgegeben wurde, um die Nachtluft zu erwärmen.
Und dennoch war es hell im Raum. Als sich seine Augen an das Licht
der Flammen gewöhnt hatten, sah er, dass Breaca ein spezielles
Feuer zum Gießen von Metall angezündet hatte; die eingedämmten
Ränder waren höher, als er sie zum Schmieden machte, und die
Knochenkohle in der Mitte glühte weiß und bröckelte in Form von
weißer Asche und kleinen Rauchwölkchen ab. Im Herzen des Feuers
stand eine Gussform, keine von seinen. Breaca hockte davor, mit dem
Rücken zu ihm. Das Licht, das von den Flammen ausstrahlte,
schimmerte auf ihrem Haar und ließ es wie geschmolzenes Kupfer
aussehen, das in einer Woge über ihre Schultern herabfloss. Als sie
aufstand und nach dem Blasebalg griff, sah Eburovic, dass sie ihre
alte Tunika trug, diejenige mit den schon uralten Brandflecken auf
der Vorderseite, und darüber die Schürze aus gekochtem Ochsenleder,
die er im vergangenen Sommer für sie gemacht hatte. Die Schürze war
ihr inzwischen zu klein geworden, wie ihm jetzt auffiel. In den
sechs Monaten des Winters war seine Tochter vor seinen Augen, aber
ohne dass er etwas davon wahrgenommen hätte, zur Frau
herangewachsen. Er fragte sich, wie nahe ihre erste Monatsblutung
bevorstand, und wusste plötzlich, dass das der Grund war, weshalb
Breaca hier war. Sie konnte noch nicht eingesetzt haben, sonst wäre
Breaca jetzt in der Obhut der Großmütter gewesen, aber sie würde
ganz sicherlich bald anfangen.
Der Blasebalg seufzte, als sie zu pumpen begann.
Das Feuer knisterte und prasselte, und die Gussform in seiner Mitte
glühte weiß. Eburovic beobachtete, wie seine Tocher seine längste
Zange ergriff, diejenige, die er selbst angefertigt hatte, um auch
mit dem heißesten Eisen arbeiten zu können. Vorsichtig schob sie
die Zange in das Feuer hinein, vorbei an der Gussform zu einem
Tiegel mit geschmolzenem Metall. Er hatte sie das noch nie zuvor
tun sehen. Er hielt den Atem an, während er auf die Oberfläche der
flüssigen Bronze blickte und stumm betete, dass er Breaca richtig
unterwiesen hatte - dass sie wusste, wie wichtig es war, ihre Hände
dabei ganz ruhig zu halten. Doch selbst wenn sie es wusste, war er
sich nicht sicher, ob sie es auch konnte. Ihre linke Hand war noch
immer schwächer als die rechte. Die Schwertverletzung, die sie beim
Tod ihrer Mutter davongetragen hatte, war den Winter über nur
schlecht verheilt. Die ältere Großmutter hatte in den dunklen
Nächten in der Mitte des Winters einige Zeit darauf verwandt, indem
sie die Wunde wieder geöffnet und mit einer frisch geschmiedeten
Silbernadel darin herumgestochert hatte, bis sie einen losen
Knochensplitter im Fleisch fand. Seine Tochter hatte währenddessen
auf der Bank gesessen, die sie für sie aufgestellt hatten, ihr
Gesicht kreidebleich und ihre Lippen fest zusammengepresst, so dass
kein Laut herausdringen konnte. Ihre grünen Augen hatten seinen
Blick festgehalten, so ruhig und reglos wie gefrorenes Wasser, und
er war stolz auf seine Tochter gewesen, dass ihre Augen trocken
blieben, als die Nadel in die Wunde geglitten war. Ihre freie Hand
hatte seinen Arm gepackt, während die Großmutter ihre Untersuchung
fortsetzte, und er hatte erst später bemerkt, wie hart Breacas
Griff gewesen war. Es hatte fünf Tage gedauert, bis die blauen
Flecken auf seinem Arm verblasst waren.
Danach war die Wunde allmählich sauber
zusammengewachsen, der Heilungsprozess unterstützt durch
Breiumschläge und sorgfältige Pflege; aber durch die Mitte ihrer
Handfläche zog sich eine Narbe, die ein Leben lang bleiben würde,
und zwischen dem Daumen und den übrigen Fingern klaffte eine Lücke,
die breiter als normal war. Und mehr noch, die Hand war nicht mehr
so funktionstüchtig wie früher, und Breaca war nicht der Typ, der
Unfähigkeit gelassen hinnahm. Sie hatte sich täglich darüber
geärgert, wenn sie sich von der Großmutter helfen lassen musste,
und verzweifelt versucht, mit einer Hand die Dinge zu
bewerkstelligen, die sie selbst mit zwei Händen nie so recht zu
Stande gebracht hatte.
Als der Verband abgenommen worden war, hatte sie
ernsthaft zu üben begonnen. Es hatte Eburovic in der Seele weh
getan, als er beobachtet hatte, wie sie durch die Felder ging oder
um den Schutzwall herum und dabei immer wieder ihre Finger um ein
Knäuel aus altem Leder krümmte, während sie verbissen den Schmerz
zurückdrängte, bis alle Farbe aus ihrem Gesicht wich und ihre Augen
in Tränen schwammen. Als er sie einmal gebeten hatte, damit
aufzuhören, hatte sie ihn wütend angefahren und ihren Tränen freien
Lauf gelassen und geschrien, wenn die Götter wollten, dass sie eine
Kriegerin war, dann sei es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit,
dafür zu sorgen, dass sie ihren eigenen Schild halten konnte. Zu
der Zeit war er erschüttert darüber gewesen, sie so wütend zu
erleben. Als er jetzt an jenen Tag zurückdachte, erkannte er, dass
es das einzige Mal gewesen war, dass er sie hatte weinen
sehen.
Jetzt beobachtete er, wie Breaca zuerst die
Gussform und dann den Schmelztiegel zum Rand des Feuers hob. Selbst
von der Tür aus konnte er das Zittern in ihren Bewegungen erkennen.
Mit Erleichterung sah er, wie sie die Zange wieder niederlegte und
ihre Finger ein paarmal streckte und beugte. Sie versuchte es
erneut, doch diesmal zitterte ihre Hand noch stärker. Er konnte
förmlich fühlen, wie sich ihre Muskeln verkrampften und ihre
Anspannung wuchs. Sie schüttelte verärgert den Kopf. Er hörte das
Zischen ihres Atems über das Prasseln des Feuers hinweg und den
gemurmelten Fluch, der darauf folgte. Und er sah in Gedanken
bereits vor sich, wie sie die Gussform im kritischen Moment des
Gießens umstieß, wie glühend heißes, geschmolzenes Metall über ihre
Beine strömte und die Stellen suchte, die die Schürze nicht mehr
bedeckte, um Brandwunden zu hinterlassen, die selbst die ältere
Großmutter nicht mehr würde heilen können. Hastig schob er seinen
Arm durch den Türvorhang und griff hinunter, um das Gewicht zu
entfernen, das ihn auf dem Boden hielt, fest entschlossen,
hineinzugehen, um seiner Tochter zu helfen. Als seine Hand die
Kupferscheibe ergriff, fiel ihm plötzlich wieder die Unterhaltung
ein, die er vorhin mit der Großmutter geführt hatte. Würde sie
nachts im Dunkeln arbeiten, wenn sie dich dabei haben wollte? Und
seine eigene Antwort: Dann werde ich nur kurz nach ihr sehen. Ich
werde ihr nur dann meine Hilfe anbieten, wenn sie mich darum
bittet. Ich werde nichts tun, um sie von ihrer Arbeit
abzuhalten.
Ich werde nichts tun, um sie von ihrer Arbeit
abzuhalten. Er hatte es nicht als Schwur gemeint, aber es war
trotzdem nicht ratsam, sich leichtfertig über das hinwegzusetzen,
was er der älteren Großmutter in der Dunkelheit der Nacht
versprochen hatte. Die Götter blickten nicht mit Wohlwollen auf
einen Mann herab, der sein Wort brach, und kein Schmied konnte es
sich leisten, deswegen ihren Unwillen zu erregen oder womöglich
sogar ihren Zorn herauszufordern, und noch weniger einer, der erst
so kürzlich einen solch schweren Verlust erlitten hatte.
Er zog seinen Arm wieder zurück, biss sich auf den
Daumenknöchel und ließ den Türvorhang los, um ihn nur einen so
schmalen Spalt offen zu lassen, dass er hindurchspähen konnte. Er
beobachtete, wie seine Tochter den Kopf senkte und mehrmals tief
durchatmete, um den Atem dann langsam wieder ausströmen zu lassen.
Dann legte sie mit großer Sorgfalt beide Hände um die Zange und hob
sie waagerecht hoch. Als offensichtlich war, dass die Spitzen der
Zange nicht zitterten, schob sie sie vorwärts ins Feuer, ergriff
den Schmelztiegel und hob ihn nur gerade hoch genug, um damit den
Rand der Gussform zu streifen. Das Gießen selbst geschah zügig. Ein
dünner Strom flüssiger Bronze ergoss sich in die Aushöhlung, die
Breaca dafür gemacht hatte. Eburovic hörte das Zischen und Seufzen
der Luft aus den seitlichen Abzugsschlitzen, und der Teil von ihm,
der für sein Handwerk lebte, zollte ihr stumm Lob dafür, dass sie
sie an der richtigen Stelle angebracht hatte. Der Teil seines Ichs,
der Vater war, hielt den Atem an, bis der Schmelztiegel leer war.
Dann klopfte Breaca dreimal mit dem Hammer gegen die Gussform, um
die Luftblasen entweichen zu lassen, und die Gefahr war vorüber.
Sie hatte ihre Sache geschickt und gut gemacht. Eburovic stieß
erleichtert den angehaltenen Atem aus und entspannte sich
wieder.
Die Gussform kühlte nur langsam ab. Die Zeitspanne
des Wartens zwischen dem Gießen des Metalls und dem Aufbrechen der
Gussform war immer der schwierigste Teil für Breaca gewesen. Von
seinen drei Kindern war sie diejenige, die am impulsivsten
handelte. Als Kind hatte sie zweimal zu früh nach der Gussform
gegriffen, und er hatte sie danach zu der älteren Großmutter
bringen müssen, die ihre verbrannte Haut mit Ampferblättern und
Fenchelwurz verbunden hatte, um zu verhindern, dass die Wunde zu
eitern begann. Jetzt richtete Breaca sich langsam aus der Hocke
auf, um die verkrampften Muskeln in ihren Oberschenkeln zu
entspannen, und machte sich daran, ihr Werkzeug wegzuräumen. Voller
Staunen beobachtete Eburovic, mit welcher Sorgfalt sie die Zange
wieder an ihren Haken an der Wand hängte und den Hammer in das
Regal neben die Feilen zurücklegte. Seine Tochter, sein ungestümes,
impulsives, ungeduldiges Feuer-Kind, war nie der Typ gewesen, der
sonderlich viel von Ordnung hielt. Seit sie alt genug gewesen war,
um in die Schmiede zu kommen und ihm bei der Arbeit zuzuschauen und
zu »helfen«, hatte er sie immer wieder ruhig darauf hingewiesen,
dass bestimmte Dinge nun einmal ihren bestimmten Platz hatten, und
dass es gut wäre, sie am Ende eines Arbeitstages wieder dorthin
zurückzulegen, wo sie hingehörten. Breaca hatte ihn dann immer mit
ihren großen grünen Augen angesehen, gegrinst und »später« gesagt
und war hinausgerannt, um auf den Koppeln zu spielen, ihre Mutter
zu suchen oder sich den zahlreichen anderen Dingen zuzuwenden, die
ihre dringende Aufmerksamkeit erforderten, und hatte es einfach
ihrem Vater überlassen, die Arbeitsgeräte wieder wegzuräumen und
Ordnung zu schaffen. Er hatte sich beim Aufräumen immer eingeredet,
dass sie sich eines Tages vielleicht doch noch daran erinnern
würde, wie wichtig es war, einen Hammer wieder an seinen Platz
zurückzulegen, wenn er ihr nur lange genug zusetzte. Er hätte nie
gedacht, dass er noch einmal erleben würde, wie sie es von sich aus
tat.
Das Gussstück war fast fertig. Breaca stand darüber
gebeugt, die Stirn in Falten gelegt, während sie aufmerksam die
Oberfläche des Metalls betrachtete und darauf wartete, dass der
Schaum auf der Oberfläche hart wurde. Das Feuer, jetzt ohne
Nahrung, brannte allmählich herunter, während es röteres Licht und
weichere Schatten in die Ecken und Winkel der Schmiede warf und die
Herbsttöne ihres Haares und ihrer Augenbrauen zum Vorschein brachte
und aus dem Rest ihres Körpers eine Silhouette machte. Im Profil
war Breaca das Ebenbild ihrer Mutter. Die hohe, flache Stirn ging
direkt in den üppigen Haarschopf über. Die Nase war gerade und fest
und bildete ein harmonisches Gleichgewicht zu der kräftigen Linie
ihres Kinns und den breiten, ausgeprägten Wangenknochen. Ihre Haut
war jedoch dunkler, als Graines gewesen war. Sie hatte diesen
bräunlichen Teint von ihrem Vater geerbt, und genau wie seine Haut,
so neigte auch ihre dazu, sich in der Sonne ein klein wenig dunkler
zu verfärben, nicht zu dem dunklen Rindenbraun von Macha und Bán,
aber auch nicht zu dem sonnenscheuen Rot ihrer Mutter. Mit
zunehmendem Alter, das wusste Eburovic, würde sie dankbar dafür
sein. Sie hatte auch den hohen Wuchs von ihm geerbt. Er konnte
schon jetzt erkennen, dass sie in dieser Beziehung mehr von ihm
hatte als eines seiner anderen Kinder und dass sie, wenn sie
erwachsen war, genauso groß wie Bán sein würde, wohingegen Silla
immer ein bisschen kleiner bleiben würde. Als sie sich aufrichtete
und nach seinem kleinsten Hammer griff, konnte er an der
Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen erkennen, dass sie sich zu einem
ebenso anmutigen Geschöpf entwickelte, wie ihre Mutter es gewesen
war. Dann beobachtete er, wie sie tief Luft holte, bevor sie mit
dem Hammer gegen die Gussform schlug, und das Lächeln, das dabei um
ihre Lippen spielte, brach ihm schier das Herz. Der Hammer fiel
herab, und die Gussform zersprang, um das glänzende Metall
freizugeben. Seine Tochter hob den Kopf und blickte ihm direkt in
die Augen, noch immer auf die gleiche Art und Weise lächelnd, wie
sie es in seinem Traum getan hatte. »Du kannst jetzt reinkommen«,
sagte sie. »Es ist fertig.«
Eburovic zögerte. Er hatte sich niemals zuvor
unsicher gefühlt, wenn er seine eigene Schmiede betrat. Doch jetzt
benahm er sich plötzlich regelrecht linkisch. »Woher hast du
gewusst, dass ich an der Tür war?«
»Das Feuer hat es mir verraten.« Ihr Lächeln wurde
noch ein klein wenig breiter. Sie war erfüllt vom Anbruch des Tages
und von dem Werk, das sie vollbracht hatte. Sie strahlte förmlich
vor Freude und Zufriedenheit, so als ob sie im vollen Sonnenlicht
stünde. Sie sagte: »Die Flammen haben sich im Luftzug bewegt, als
du den Türvorhang beiseite geschoben hast. Irgendjemand musste es
sein. Als du gewartet hast, wusste ich, dass du es warst. Niemand
sonst hat die Geduld dafür.«
»Und du bist dabei, Geduld zu erlernen«, erwiderte
er. »Du hast dir diesmal nicht die Finger verbrannt.«
»Noch nicht.« Sie blickte abermals stirnrunzelnd
auf das Gussstück auf der Werkbank. »Aber es ist schwierig, und ich
muss immer überlegen. Du kannst das alles, ohne nachzudenken.« Sie
hob den Kopf. »Möchtest du nicht sehen, was ich gemacht
habe?«
»Was?« Er hatte geglaubt, es wäre ein Geheimnis. Er
war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass sie ihm erlauben
würde, es sich anzusehen. »Doch. Natürlich.«
Das Gussstück lag auf seiner Werkbank, deren
versengtes Holz bereits durch hundert andere frisch gegossene
Stücke schwarz verfärbt war. Eburovic wartete schweigend, während
Breaca eine seiner kleinen Zangen zur Hand nahm und das heiße
Gussstück in das Abschreckbad tauchte. Das Zischen des Dampfes war
eines der typischen Geräusche, die untrennbar mit seinem Leben
verbunden waren. Er schloss die Augen und ließ sich von dem
Geräusch beruhigen. Als er die Augen wieder öffnete, hatte Breaca
ihr Arbeitsstück zur Begutachtung auf die Werkbank gelegt und stand
schweigend neben dem Schmiedeblock, während sie auf seine Meinung
wartete. Mit einigem Widerstreben riss er seinen Blick von ihrem
Gesicht los und heftete ihn auf die Werkbank und auf den
Gegenstand, den sie gefertigt hatte.
Wie die besten Stücke, so wirkte auch dieses
täuschend einfach. Auf den ersten Blick war es eine kleine
Speerspitze, nicht länger als sein Mittelfinger, mit einer langen,
blattförmigen Klinge und einer Spitze, so scharf wie jede, die aus
einer Gussform stammte. Es war ein Ding von grimmiger Schönheit,
und Breaca hatte die Speerspitze ganz offensichtlich nach dem
Vorbild der alten angefertigt, die er in seinem Arbeitsbeutel
aufbewahrte und die noch von den Ahnen stammte und durch die Linie
ihrer Mutter von Generation zu Generation weitervererbt worden war,
bis Graine sie schließlich ihm, Eburovic, überreicht hatte. Er war
beeindruckt von der Qualität der Arbeit und davon, wie viel Zeit
Breaca sich genommen hatte, um die Proportionen richtig
hinzubekommen und das Ganze zu vergrößern, so dass das Endergebnis
um ein Drittel größer war als das Original. Gleichzeitig empfand er
jedoch eine flüchtige Enttäuschung darüber, dass sie bei ihrem
allerersten Abguss etwas so Einfaches und Gewöhnliches wie eine
Speerspitze gemacht hatte. Er drehte die Speerspitze herum, um die
Rückseite zu inspizieren und Zeit zu gewinnen.
Und da entdeckte er die erste Besonderheit. Es war
nicht nur eine Speerspitze; als Breaca sie auf die Werkbank gelegt
hatte, hatte sie sie sorgsam so platziert, dass die Rückseite
verdeckt war, und deshalb hatte er das Detail auf der anderen Seite
nicht gesehen, das aus der Speerspitze zugleich eine Brosche machte
- eine Brosche, gegossen im Stil seiner Vorväter, mit einer
Vorderseite, die ein fein ziseliertes Muster aufwies, und mit zwei
Löchern dahinter, durch die man eine Nadel schieben konnte, um das
Ganze an einem Umhang zu befestigen. Es war so geschickt gemacht,
dass Eburovic fühlte, wie warmer Stolz in ihm aufwallte. Breaca
hatte in den Jahren des Zuschauens besser von ihm gelernt, als er
jemals erwartet hatte, und dies hier war genauso gut wie alles, was
er als sein erstes Werkstück hätte anfertigen können. Dann, als er
das Gussstück wieder herumdrehte, entdeckte er die dritte
Besonderheit, und da wusste er, dass seine Tochter ihn sogar noch
übertroffen hatte. Wie die besten Kunsthandwerker, so hatte auch
sie das Leben in Schlichtheit eingefangen und der Bewegung eine
Form gegeben. Was er da vor sich sah, bewirkte, dass sich die
feinen Härchen auf seinen Armen aufrichteten. Wenn man es in die
eine Richtung hielt, war es noch immer eine Speerspitze, ein Ding,
das für einen Krieger gemacht worden war. Hielt man es anders,
löste sich das bogenförmige Muster auf der Vorderseite jedoch in
etwas völlig anderes auf. Eburovic drehte die Speerspitze auf
seiner Handfläche hin und her, um das Licht des Feuers einzufangen.
Die Bronze schimmerte in der Hitze, und auf der Oberfläche,
deutlich in plastisch hervortretenden Linien erkennbar, starb der
Rote Milan der Coritani unter den mörderischen Klauen der kleinen,
wilden, gelbäugigen Eule, die am Tage jagt - derjenigen, die
Breacas Mutter im Traum erschienen war. Er, Eburovic, hatte den
ganzen Winter über seine Rache lediglich im Traum erlebt. Seine
Tochter dagegen hatte ihrer Rache eine Form gegeben und sie in
Bronze gegossen.
Er stand lange Zeit schweigend da. Die Worte der
älteren Großmutter hallten in seinen Ohren wider. Sie befreit
sich von ihrem Traum. Und du solltest das Gleiche tun. Dann
endlich hob er den Blick. Breaca stand noch genauso da wie zuvor,
ihre gesunde Hand noch immer auf dem Schmiedeblock, die andere
locker herabhängend. Ihr Lächeln war verblasst, und ihr Gesicht
hatte alle Farbe verloren und war jetzt aschgrau vor Erschöpfung.
Sie würde ihn nicht fragen, was er von ihrer Arbeit hielt, er
wusste, dass ihr Stolz das nicht zulassen würde. Er musste ihr von
sich aus geben, was sie brauchte, freimütig und ohne Vorbehalte,
aber es fiel ihm schwer, das Gussstück kritisch zu betrachten, so
wie er es bei dem Werk eines anderen Schmieds tun würde. Er zwang
sich, die Linien mit seinem Blick nachzuziehen, um zu überprüfen,
ob die Details der Zeichnung in Größe und Form übereinstimmten und
sich zu einem harmonischen Gesamtbild zusammenfügten. Ohne
nachzudenken griff er nach seinem Poliersand und glättete einen
kleinen Schönheitsfehler auf der Oberfläche. Erst als Breaca eine
kaum merkliche Armbewegung machte, kam er wieder zu sich.
Er legte das Gussstück zurück auf die Werkbank. Er
schuldete seiner Tochter Aufrichtigkeit, mit weniger würde sie sich
nicht zufrieden geben. »Es ist fast perfekt«, sagte er.
»Aber...?«
»Aber du hast das Zeichenwerkzeug nicht benutzt.
Die beiden Bögen der Augen sind nicht ganz symmetrisch. Dieser
hier...« Er zeichnete mit der Fingerspitze eine Linie auf der
Oberfläche nach, »... passt nicht genau zu dem hier drüben.«
Sie hatte es gewusst. Er konnte es in der Neigung
ihres Kopfes erkennen und in der einzelnen steilen Falte auf ihrer
Stirn. »Ich konnte das Werkzeug nicht nehmen, ohne dass du es
gemerkt hättest«, erklärte sie. »Ich habe versucht, mir selbst
eines zu machen, aber es hat nicht funktioniert.«
»Aber trotzdem, es ist ein bemerkenswertes Stück.
Und sehr schön.« Er griff zum obersten Bord hinauf, um seinen
Werkzeugkasten herunterzunehmen. Der Prägestempel, der in der Mitte
lag, sorgfältig in Wolle eingewickelt, hatte die Form einer
fressenden Bärin, das spezielle Zeichen seiner Familie. Jetzt nahm
Eburovic den Stempel aus seiner schützenden Umhüllung und hielt ihn
seiner Tochter hin. »Du kannst ihn gerne benutzen, wenn du
möchtest«, bot er ihr an. »Deine Brosche ist das Zeichen durchaus
wert.«
Es war das schönste Geschenk, das er ihr machen
konnte, und sie hatte offensichtlich nicht damit gerechnet. Ihre
Augen leuchteten vor Freude, und er sah zu seiner Bestürzung, dass
Tränen in den Winkeln schimmerten. »Findest du wirklich, dass sie
gut genug ist?«
»Ich würde dir den Stempel nicht anbieten, wenn ich
das nicht dächte.«
Er reichte ihr seinen mittelgroßen Hammer. Sie nahm
ihm den Prägestempel aus der Hand und platzierte ihn auf die
Vorderseite der Brosche, auf eine Stelle blanken Metalls, das keine
Musterung aufwies. Der Hammerschlag hallte so laut wie eine Glocke
durch den Raum. Mit dem eingeprägten Zeichen wirkte die
symbolträchtige Darstellung auf der Brosche insgesamt sehr viel
ausgewogener, so dass Eburovic sich fragte, ob die Asymmetrie nicht
vielleicht doch beabsichtigt gewesen war. Draußen stieg gerade die
Sonne über dem Horizont auf. Ein einzelner Strahl hellen Lichts
fiel schräg zur Tür herein und auf die Werkbank. Eburovic schob die
Brosche in den Sonnenstrahl hinein, so dass die Eule golden
glänzte. Sie betrachteten sie gemeinsam. »Möchtest du sie gleich
jetzt tragen?«, fragte er.
»Nein.« Breaca schüttelte den Kopf. Er sah ihre
Zähne weiß auf ihrer Unterlippe schimmern. In gewisser Weise war
sie immer noch ein Kind. »Sie ist nicht für mich.«
Einen Moment lang glaubte er, sie wollte ihm die
Brosche zum Geschenk machen, und in seinem Inneren wallte Freude
auf. Dann sah er die beiden roten Flecken, die auf ihren
Wangenknochen brannten und einen starken Kontrast zu der Blässe
ihrer Haut bildeten, und plötzlich begriff er mit
niederschmetternder Klarheit. Er starrte Breaca schweigend
an.
Mit sichtlicher Anstrengung erklärte sie: »Es ist
ein Geschenk für... für diejenige, die die Eule kannte.«
Sie war stocksteif vor Anspannung, ihre Stimme
klang tonlos und gepresst. Ihre verletzte Hand lag flach auf der
Kante seiner Werkbank, und sie zitterte am ganzen Körper wie ein
Blatt im prasselnden Regen. Ihre Stirn war gerunzelt, und die
Furchen wirkten wie mit einem Messer in ihre Haut eingeritzt. Sie
holte tief Luft, um erneut zu sprechen, doch er brachte sie zum
Schweigen, indem er die Hand nach ihr ausstreckte und ihr langsam
und mit großer Behutsamkeit - denn es war offensichtlich, dass sie
seelisch kurz vor dem Zusammenbruch stand und doch nicht
zusammenbrechen wollte - einen Arm um die Schultern legte und sie
mit sich herunterzog, so dass sie gemeinsam in jener schattigen
Ecke hinter dem Schmelzofen saßen, wo sie als Kind so viel Zeit
verbracht hatte. Er streichelte ihr Haar und sprach auf sie ein, so
wie er es bei einem erst kürzlich gezähmten Pferd tun würde, bei
dem noch immer die Gefahr bestand, dass es die Flucht ergriff,
seine Stimme von einem Rhythmus erfüllt, der beruhigender wirkte
als die eigentlichen Worte.
Als die Sonne den Raureif auf dem Gras schmolz und
die Hennen sich von ihrer Sitzstange im Getreidespeicher erhoben,
entspannte Breaca sich unter seiner Berührung wieder ein wenig, und
ihre Atemzüge, obwohl noch immer leicht gepresst, klangen weniger
erzwungen. Eburovic drehte sie sanft herum, so dass ihr Rücken
gegen seine Brust drückte, und schlang von hinten die Arme um
sie.
Seine Wange an ihr Haar geschmiegt, sagte er:
»Breaca, es tut mir so Leid. Ich habe den ganzen Winter damit
verbracht, meinen Schmerz zu nähren, und ich hatte immer gedacht,
du hättest den deinen inzwischen überwunden. Wir können von deiner
Mutter sprechen, selbstverständlich können wir das. Wir
sollten sogar von ihr sprechen. Wir dürfen nur ihren Namen
nicht aussprechen, das ist alles. Ihr Geist ist noch immer dabei,
sich einen Weg über den Fluss zu bahnen. Er wird das andere Ufer
erst dann erreichen, wenn wir ein Jahr nach ihrem Tod ihre Gebeine
verbrennen. Bis dahin hat sie ihren Weg gefunden, und wir sollten
in der Zwischenzeit nichts tun, was sie wieder hierher zurückziehen
könnte.«
»Es zieht sie bereits wieder zurück.« Breacas
Körper war erneut ganz starr vor Anspannung geworden, und ihre
Stimme klang erstickt. »Ich habe von ihr geträumt. Ich habe in
meinen Träumen ihren Namen gesagt, und da ist sie gekommen. Sie
kommt immer wieder zu mir.«
Darauf war Eburovic nicht gefasst gewesen. Ihm war
zu Mute, als ob ihm das Blut in den Adern gefröre, und es kostete
ihn große Anstrengung, sich seine Bestürzung nicht anmerken zu
lassen. Hektisch suchte er nach einer Erwiderung. »Und was sagt
sie?«, fragte er schließlich.
»Das, was sie immer gesagt hat: dass nur die Götter
die Zukunft kennen und dass es mir nicht zusteht, über sie zu
urteilen, und dass ich keinen Zorn auf die Coritani hegen sollte,
dass sie nicht unsere wahren Feinde sind. Sie sagte, die
Ratsversammlung hätte recht daran getan, als sie entschied, im
Winter nicht anzugreifen, und dass ich von meinem Stimmrecht
Gebrauch machen sollte, um erneut von einem Angriff abzuraten, wenn
wir im Frühjahr wieder zur Beratung zusammenkommen.« Sie entspannte
sich ein bisschen und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken.
»Ich möchte das nicht tun.«
»Nein. Aber es wäre trotzdem gut, das zu sagen, und
sie werden bestimmt auf dich hören. Du bist schließlich ihre
Tochter und wirst eines Tages ihre Nachfolge antreten und die
Anführerin unseres Stammes sein. Und du bist jetzt schon eine
Kriegerin. Sie respektieren dich.«
»Ich weiß.«
Sie sprach mit einem neuen und unerwarteten Ernst.
Indem sie ihren Angreifer tötete, hatte seine Tochter eine
Kriegerin aus sich gemacht und sich damit einen Sitz in der
Ratsversammlung verdient, und zwar etliche Jahre vor ihrer Zeit.
Dass jemand so Junges in den Rat aufgenommen wurde, war seit
Menschengedenken nicht mehr vorgekommen, aber es war wiederum auch
nichts Einzigartiges. In den alten Geschichten von den Helden und
ihren Ruhmestaten tauchte hier und dort immer mal wieder ein Kind
auf, das bereits einen Feind getötet und in den folgenden Jahren
noch größere Taten vollbracht hatte. Die Eceni hatten keinen Sänger
mehr, der die Geschichten vortrug - das war Breacas Mutter gewesen
-, aber es gab diejenigen, die die Geschichten kannten und sie gut
erzählen konnten, und es schien so, als ob jeder Einzelne, der sich
in den langen Nächten des Winters erhoben hatte, um etwas
vorzutragen, speziell eine Geschichte von jemandem ausgewählt
hatte, der schon in sehr jungen Jahren zum Helden geworden war.
Eburovic, der zudem auch jene Geschichten kannte, die sie nicht zu
erzählen pflegten - Geschichten von denjenigen, die in jungen
Jahren getötet hatten, aber auch jung gestorben waren und niemanden
hinterlassen hatten, der um sie trauerte -, hatte mit gemischten
Gefühlen zugehört und seine eigenen Gedanken gehegt. Erst jetzt,
als er zurückblickte, sah er die dunklen Schatten, die sich um
seine Tochter zusammengezogen hatten.
»Hat deine Mutter dir gesagt, dass du die Brosche
machen sollst?«, fragte er. »Oder die ältere Großmutter?«
»Nein. Es war Airmids Idee. Sie versteht
mich.«
Airmid; das große, schweigsame, dunkelhaarige
Mädchen war vor kurzem zur Frau geworden und von den
Stammesältesten als wahrhaftige Träumerin anerkannt worden. In dem
Herbst, bevor Breacas Mutter den Tod gefunden hatte, war Airmid
noch keine spezielle Freundin seiner Tochter gewesen. Auch diese
Freundschaft war etwas, was sich im Laufe des Winters entwickelt
hatte, ohne dass Eburovic etwas davon wahrgenommen hatte. Er griff
hinauf, nahm die Brosche von seiner Werkbank und drückte sie Breaca
in die Hand. »Wir könnten gleich heute Morgen zu der Plattform
gehen. Wenn wir jetzt losreiten, könnten wir wieder zurück sein,
bevor der Vormittag zur Hälfte vorüber ist.«
»Ich kann nicht. Es ist schon hell. Ich muss mich
um die Großmutter kümmern. Ich bin sowieso schon spät dran.«
Seit zwei Jahren diente seine Tochter der älteren
Großmutter als Augen und Glieder, die bei der alten Frau immer mehr
den Dienst versagten, und half ihr bei ihren morgendlichen
Verrichtungen, um ihr ein wenig das Leben zu erleichtern und etwas
von der Last des Alters auf ihre jugendlichen Schultern zu nehmen.
Es war eine große Ehre, für eine solche Aufgabe ausgewählt zu
werden, aber es bedeutete auch eine große Einschränkung ihrer
Freiheit. Eburovic hatte mit Belustigung beobachtet, wie seine
Tochter sich eher widerwillig an ihre Pflichten gewöhnte, so wie
sich ein nur halbwegs zugerittenes Fohlen an das Geschirr gewöhnte,
während es sich immer wieder an den lästigen Fesseln scheuerte und
seine Grenzen testete. In letzter Zeit war sie allerdings
gewissenhafter geworden.
Jetzt erhob Breaca sich vom Boden. Eburovic spürte,
wie ihm etwas Wichtiges entglitt, ähnlich wie ein Fisch im Fluss.
Er zog sie wieder in seine Arme zurück und sagte: »Nein. Vor dir
hat Airmid der Großmutter gedient. Könnte sie das nicht heute
ausnahmsweise einmal wieder tun?«
»Vielleicht.« Sie drehte sich um, um zu ihm
aufzublicken. Ihr Gesicht war tränenfeucht, aber ihr Lächeln war
ruhig. »Wenn sie weiß, warum.«
»Ist sie unten am Fluss?«
»Noch nicht. Um diese Zeit ist sie im
Westhaus.«
»Ach so.« Er fragte sie nicht, woher sie das
wusste. Das Westhaus war der Ort, wo die jungen Frauen im
gebärfähigen Alter schliefen, die sich noch keinen Mann genommen
hatten. Die jungen Männer gleichen Alters schliefen im Süden der
Siedlung. Das Rundhaus im Zentrum war den Familien und den Alten
vorbehalten. Eburovic spürte, wie eine weitere Tradition in dem
Sturm schwankte, der durch den Tod seiner Frau und seines
ungeborenen Kindes ausgelöst worden war: Man rechnete nicht damit,
dass ein Mann das Westhaus ungebeten betrat. Dieser Morgen, so fand
er, war eine Zeit der Ausnahmen. Er stand auf und ließ seine
Tochter los. »Ich werde zu Airmid gehen und mit ihr sprechen«,
erklärte er. »Du holst das Geschirr und fängst die Pferde ein. Wir
treffen uns dann bei den unteren Koppeln.«
Sie trafen wieder zusammen, als die Sonnenstrahlen
die unteren Zweige des Rotdorns in der Ecke des Feldes berührten.
Airmid hatte sich bereit erklärt, sich um die ältere Großmutter zu
kümmern, und die alte Frau hatte diese Änderung in ihrer täglichen
Routine akzeptiert. Auf dem Weg durch die Siedlung nahm Eburovic
noch seinen guten Umhang mit und stellte dabei fest, dass Breaca
schon vor ihm da gewesen sein musste, um ebenfalls ihren Umhang zu
holen und ihre alte Tunika gegen die neue zu vertauschen, die in
dem speziellen Blau der Eceni gewebt war und am Saum ein
verschlungenes Muster in einem dunkleren Farbton aufwies. Er hängte
sich sein Schwert über den Rücken und griff nach seinem Speer und
dem Kampfschild mit dem eisernen Knauf und dem Zeichen der Bärin,
das in die Umrandung aus Ochsenleder eingebrannt war. Die
zusätzlichen Waffen waren eigentlich nicht notwendig, aber seit der
Errichtung der Plattform war er nicht mehr dort gewesen, und er
hatte das Bedürfnis, in feierlichem Aufzug dort hinzugehen.
Er schlenderte zu den unteren Koppeln und stellte
fest, dass Breaca mitgedacht und den Rotschimmel eingefangen hatte,
mit dem er in den Kampf zu reiten pflegte, und dass sie die
Zwischenzeit damit verbracht hatte, die Kletten und den
getrockneten Schmutz aus seinem Fell zu bürsten. Neben dem Schimmel
stand, fertig aufgezäumt und gesattelt, ein eisengraues
Stutenfohlen mit einem fleischfarbenen Mal auf dem Maul und einem
schmalen, über die Mitte des Rückens verlaufenden Streifen.
Eburovic war überrascht darüber, dass Breaca ausgerechnet dieses
Tier eingefangen hatte, und blickte über die Koppel auf die zwei
Dutzend gut abgerichteter Pferde, von denen jedes Einzelne
bereitwillig auf ihren Ruf hin gekommen wäre. Breaca warf ihm einen
Blick zu, der sowohl herausfordernd als auch entschuldigend war.
»Sie wird gut sein«, sagte sie. »Fast so gut wie der Rotschimmel.
Sie braucht nur etwas Zeit, bis sie Vertrauen zu irgendjemandem
fasst.«
Eburovic war geneigt, ihr zu glauben. Er hatte die
junge Stute im Herbst auf dem Pferdemarkt verkaufen wollen, aber
sie hatte gleich den Ersten, die sich ihr näherten, schmerzhafte
Tritte versetzt, und die Übrigen hatten daraufhin gehörigen Abstand
gewahrt, so dass Eburovic schließlich gezwungen gewesen war, sie
wieder vom Markt zu nehmen. Er hatte sie den Winter über zusammen
mit den anderen Pferden auf der Weide gelassen, in der Absicht,
sich erst im Frühjahr mit ihr zu beschäftigen, wenn der Boden
wieder fester war. Aber da war ihm offensichtlich jemand
zuvorgekommen.
Lächelnd sagte seine Tochter: »In letzter Zeit hat
sie nicht mehr versucht, jemanden zu entmannen. Wenn du den
Rotschimmel als Ersten rauslässt, wird dir nichts passieren. Sie
wird ihm folgen, wohin er auch geht.«
»Wenn du es sagst.«
Sie führten die Pferde auf den schmalen Pfad, der
zwischen den Koppeln entlanglief. Eburovic trieb den Rotschimmel
mit einem Zungenschnalzen zum Trott an und lief ein paar Schritte
neben ihm her. Als er den richtigen Rhythmus gefunden hatte, griff
er dem Tier in die Mähne und sprang nach Kriegermanier auf den
Rücken des Pferdes. Im Hochsommer, wenn er etwas Zeit zum Üben
gehabt hatte und wieder richtig in Form war, konnte er das sogar
freihändig und in voller Bewaffnung, mit seinem Schwert in der
einen Hand und dem Speer in der anderen, wohl wissend, dass er sich
selbst umbringen oder ein Pferd, das er liebte, verstümmeln würde,
wenn er sich in der Wahl des richtigen Zeitpunkts verschätzte.
Jetzt genügte es, dass sein Schwert in seiner Lederscheide auf
seinem Rücken hing und dass er in seiner Speerhand auch seinen
Schild hielt. Er setzte sich im Sattel zurecht und klemmte sich den
Schild unter den Arm. Sein Blut rauschte in seinen Ohren, und durch
dieses Rauschen hindurch hörte er plötzlich das Trommeln von
Pferdehufen hinter sich. Er zog den Rotschimmel herum und sah, wie
die graue Stute in einen kurzen, leichten Galopp verfiel. Rasch
streckte er die Hand nach ihrem Zügel aus, bereit, sie abzufangen,
als er Breaca sah, die auf der Speer-Seite des Pferdes lief und
nach der Mähne griff. Sie war auf der falschen Seite, und sie
sprang mit dem falschen Fuß ab - und schwang sich dennoch geschickt
und exakt im richtigen Augenblick auf den Rücken der Stute. Das
Lächeln, das sie ihrem Vater zuwarf, war das Spiegelbild des
strahlend hellen Morgens. Er ertappte sich dabei, wie er
zurückgrinste, während sich sein Pferd dem Tempo der Stute anpasste
und ebenfalls in Handgalopp fiel. »Kannst du das auch mit einem
Speer in der Hand?«, rief er über das Trommeln der Hufe
hinweg.
»Ich glaube schon.«
»Na schön, dann fang auf. Hier!« Es war sein
Kampfspeer, schlanker und leichter als der Jagdspeer, mit dem
Breaca den feindlichen Krieger getötet hatte, aber mit einer
größeren Reichweite und einer Klinge, so scharf und fein
geschliffen, dass sie sogar Metall durchbohren konnte. Er warf
Breaca den Speer zu, sorgfältig darauf achtend, dass die Spitze
nach oben zeigte. Sie fing ihn mit einer Hand auf, glitt zu Boden,
rannte ein paar Schritte neben der Stute her und benutzte den Speer
dann als eine Art Hebel, indem sie das dicke Ende des Speerschafts
für einen flüchtigen Moment auf dem Boden aufsetzte, um sich erneut
auf den Rücken des Tieres zu schwingen. Die Graue wechselte dabei
nicht ein einziges Mal ihre Gangart. Eburovic lächelte und machte
eine anerkennende Handbewegung. Breaca lachte stolz und wirbelte
den Speer in der Luft herum, und dann - einfach nur, um Eindruck zu
machen - ließ sie sich abermals auf den Boden gleiten und
vollführte ihren Sprung noch einmal auf der Schildseite. Eburovic
schaute zu und überlegte, ob sie das auch schon vor dem Winter
gekonnt hatte. Er glaubte nicht. Er dachte an seine Jugend zurück
und versuchte sich zu erinnern, ob er mit zwölf Jahren - in dem
gleichen Alter, in dem Breaca jetzt war - ebenfalls schon von
beiden Seiten auf ein Pferd hatte aufspringen können. Er war sich
fast sicher, dass dem so gewesen war.
Die Graue war noch nicht kampferprobt und
abgehärtet, und daher erschreckte sie das Sirren des Speers so
dicht über ihrem Kopf und trieb sie in den Galopp. Sie ließen den
Pferden für eine Weile die Zügel, verließen dann den Pfad, um
querfeldein zu galoppieren und ein kleines Wettrennen zu
veranstalten, ritten dann in einem Bogen wieder zurück und ließen
die Pferde im Schritt gehen. Es war der erste Ausritt in diesem
Frühjahr, und es war nicht gut, die Kräfte der Pferde zu sehr zu
strapazieren. Eburovic ließ die Zügel locker und überließ es den
Pferden, sich einen Weg zu suchen, während er die Herrlichkeit des
Morgens genoss. Den ganzen Winter über hatte er lediglich
existiert, aber nicht wirklich gelebt. Jetzt freute er sich zum
ersten Mal seit langer Zeit wieder darüber, am Leben zu sein. Die
Luft war frisch und scharf, kalt genug, um beim Einatmen die
Härchen in seiner Nase zu kräuseln, aber wiederum nicht so kalt,
dass seine Finger steif wurden. Überall um ihn herum sprengte der
Frühling die Fesseln des Winters. An den Weidenbäumen hingen die
ersten Kätzchen, mit Raureif überstäubt. Die Birken trugen neue
Blätter, die sich im Licht der höher steigenden Sonne entfalteten.
Weißdornblüten, zu festen kleinen Knospen zusammengerollt,
überzogen die Hecken in einem Tupfenmuster, das an die letzten
Überreste des Schnees erinnerte.
Die Pferde verloren allmählich ihr dickes
Winterfell. Der Rotschimmel ging mit hoch erhobenem Kopf und
gespitzten Ohren, so wie er in eine Schlacht zu ziehen pflegte. Die
junge Stute trottete ruhig hinter ihm her und rollte auch nicht
erschrocken mit den Augen, als Eburovic sich hinüberbeugte, um
getrockneten Schlamm von ihrem Hals zu kratzen. Breaca trieb sie
weiter vorwärts, bis sie und ihr Vater Knie an Knie ritten. Sie war
jetzt ernster - nicht wie erstarrt vor Schreck und dem
Nachgeschmack ihrer Albträume, so wie sie in der Schmiede gewesen
war, aber auch nicht von dem wilden Überschwang erfüllt, den sie
vorhin beim Galoppieren gezeigt hatte. Sie strahlte eine
Beherrschtheit aus, die neu für Eburovic war. Er dachte wieder
daran, wie sie nach Art der Krieger auf den Rücken ihrer Stute
gesprungen war und wie geschickt sie sich dabei angestellt hatte.
Noch vor einem Jahr hätte seine Tochter niemals die vielen Stunden
des Übens investiert, die nötig waren, um die Technik des Sprungs
zu erlernen und ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt zu
entwickeln. Das erinnerte ihn wieder an das Schmelzfeuer, das sie
in der Schmiede gemacht hatte, die Ränder hoch eingedämmt, um die
Hitze nicht nach außen entweichen zu lassen. Vor dem Tod ihrer
Mutter war sie wie ein loderndes Herdfeuer gewesen, das wahllos
Funken versprühte und mit einer lebhaften, unbekümmerten Freude
brannte. Jetzt konnte sie ihr eigenes Innerstes schmelzen, wenn sie
wollte. Dieses Bild ließ ihm keine Ruhe und beraubte den Morgen
seiner Schönheit. Er drehte es im Geist hin und her. Nur zu oft
hatte er gesehen, was mit einem Gefäß passierte, das überhitzt
worden war, oder mit einer Gussform, in die glühend heißes Metall
gegossen wurde, ohne dass die Hitze durch Entlüftungslöcher
entweichen konnte. Eburovic ritt schweigend neben seiner Tochter
her und sandte ein stummes Gebet zu den Göttern empor, dass sie
eine Möglichkeit finden möge, die Hitze des Zorns, die in ihrem
Inneren brodelte, herauszulassen, bevor sie sie verzehren
konnte.
Die Pferde trotteten weiter. Eburovic lenkte seinen
Rotschimmel mit den Knien, während er seinen Erinnerungen nachhing.
Als er das letzte Mal diesen Weg entlang gekommen war, war er zu
Fuß gegangen und hatte dabei Graine gestützt, voller Angst und
Sorge, dass das Kind zur Welt kommen könnte, bevor sie die Hütte
erreichten, die er für sie gebaut hatte. Sie hatte ihn mit ihrem
einzigartigen Lächeln angeblickt und ihm versichert, dass es
bestimmt nicht eher kommen würde, und da es bereits ihr zweites
war, hatte er versucht, ihr zu glauben. Seine Tochter war damals
noch ein Kind gewesen; sie war ein Stück vorausgelaufen, um an den
Rändern der Koppeln nach Pilzen zu suchen, und hatte ihnen dann
stolz eine schmutzige Hand voll davon gebracht. Graine hatte die
Pilze in ihrem Beutel verstaut und dann später in einem anderen
Beutel auch noch Platz für den eigenartig geformten Kieselstein
gefunden, der, aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet,
Ähnlichkeit mit dem Kopf einer Eidechse aufwies, sowie für das
getrocknete Gewölle einer Eule, in dem noch die winzigen Knochen
des Tieres erkennbar waren, das sie gefressen hatte. Beide Dinge,
sowohl der Kieselstein als auch das Gewölle, hatten Graine bis in
den Tod begleitet und waren neben ihren Leichnam auf die Plattform
gelegt worden, wo sie den Krähen als Spielzeug dienten.
Die Sonne schien warm auf Eburovics rechte
Schulter, als sie die Trümmer der Gebärhütte erreichten, die er
damals erbaut hatte. Das Dach war wenige Tage nach dem Angriff der
Coritani vollständig eingestürzt, und den Rest hatte der Winter
besorgt. Eburovic war bisher nur ein einziges Mal wieder bei der
Hütte gewesen und hatte dabei einen flüchtigen Blick auf einen
rostroten Pelz erhascht, als ein Fuchs vor ihm herausgeschlüpft
war, aber der Geruch war nicht stark genug gewesen, als dass das
Tier schon lange dort hätte leben können, und er hatte die Hunde
zurückgerufen, bevor sie über den Fuchs herfallen konnten. Heute
folgte er seiner Tochter, während sie im Gänsemarsch an der Hütte
vorbeiritten und dann den Pfad verließen, um nach rechts abzubiegen
und auf das Dickicht zuzuhalten, das sich auf der Ostseite den
Abhang hinaufzog. An dem Dickicht angekommen, wandten sie sich
abermals nach rechts, um an seinem Rand entlang zu reiten.
Graines Gebeine waren auf der Plattform südlich des
Dickichts aufgebahrt. Sie war mit einem Speer in der Hand
gestorben, und die kleine Eule war die Hüterin ihrer Seele gewesen.
Eburovic konnte sich kein besseres Totengeschenk vorstellen als die
Brosche, die Breaca für ihre Mutter gemacht hatte. Er zwang sich,
an die Brosche zu denken und sich die Form des Gussstücks
vorzustellen, den Abdruck der in die Form eingeritzten Linien, und
wie es ausgesehen hatte, als Breaca die Gussform zerschlagen hatte
- alles, was es auch sei, nur um sich abzulenken und nicht daran
denken zu müssen, wohin er jetzt ging. Breaca ritt ein Stück vor
ihm, ihr Rücken kerzengerade, ihr Haar wie ein glutroter Umhang um
ihre Schultern gebreitet, und es war unmöglich zu erkennen, woran
sie gerade dachte.
Sie erreichten den Ort am frühen Vormittag. Die
Sonne schien von hinten und warf kurze Schatten zu Füßen der
Pferde. Es wehte ein leichter Ostwind, der die Fetzen blauen
Wollstoffs auf der Plattform hochhob. Bei ihrer Ankunft erhoben
sich träge eine Elster und zwei Dohlen und flogen auf einen Ast in
der Nähe. Sie bewegten sich völlig lautlos. Schweigend - denn er
hätte in diesem Moment kein Wort hervorbringen können - saß
Eburovic ab und führte sein Pferd zu der Plattform. Breaca trieb
die graue Stute an den Fuß eines der Holzpfosten. Sie war noch
nicht groß genug, um über den Rand der Plattform hinwegsehen zu
können. Eburovic wollte ihr gerade behilflich sein, als sie zu dem
Querbalken hinaufgriff und sich mit einer Mühelosigkeit, die von
viel Übung zeugte, daran hochzog, während sie sich mit der Spitze
eines Fußes auf dem Rumpf der Stute abstützte. Auf diese Weise
konnte sie sich nach vorn recken und ihre Brosche dort hinlegen,
wohin sie wollte. Eburovic sah, wie sie die Lippen bewegte, hörte
aber nicht die Worte. Und da er das Gefühl hatte, sie mit seiner
Anwesenheit zu stören, zog er den Rotschimmel herum und entfernte
sich mit ihm ein Stück von der Plattform. Kurz danach sprang Breaca
wieder herunter und kam zu ihm geritten. Er betrachtete forschend
ihr Gesicht und ihre Augen, suchte nach Anzeichen dafür, dass der
Traum seinen Schrecken verloren hatte, dass sie sich davon befreit
hatte, wie die Großmutter gesagt hatte. Da lächelte Breaca und
nickte, und er drang nicht weiter in sie. Schweigend ritten sie
wieder zurück. Der Wind drehte nach Süden, und die Luft wurde
drückend. In der Ferne ballten sich dünne graue Wolken am Himmel
zusammen, die Regen verhießen.
Erst als sie die Felder erreichten und die Pferde
auf die Koppel zurückbrachten, fand Eburovic seine Stimme wieder.
»Hast du viel zu tun?«, fragte er.
Die Anbau- und Pflanzsaison hatte begonnen, und
Breaca verbrachte ihre Tage von morgens bis abends auf den Feldern.
Wenn sie nicht gerade Saatgut ausbrachte, jätete sie Unkraut oder
säuberte die Felder von Steinen. Sie musste sich sorgfältig
gewaschen haben, bevor sie gekommen war, sonst hätte sie noch Erde
vom vergangenen Tag unter den Fingernägeln gehabt. Weit draußen
hinter den Koppeln konnte er die anderen bereits bei der Arbeit
sehen.
Breacas Gedanken waren nicht bei der Arbeit
gewesen. Sie starrte ihn einen Moment lang verständnislos an, ihre
Stirn gerunzelt, dann sagte sie: »Airmid und Macha haben
angefangen, den Färberwaid anzupflanzen. Sie werden Hilfe brauchen,
um damit fertig zu werden, bevor es zu regnen anfängt. Ich sollte
jetzt auch dort sein.«
»Komm in die Schmiede, wenn du fertig bist. Ich
werde dann etwas haben, was ich dir zeigen möchte.«
Sie kam bei Einbruch der Abenddämmerung zu ihm,
als die Hennen noch in der Tür der Schmiedewerkstatt lagen, um den
letzten Rest von Abendlicht zu genießen. Während des Nachmittags
hatte es geregnet, aber die Dachplatten, die über den Eingang
hinausragten, und auch die gescharrte Staubkuhle waren trocken.
Eine kleine weiße Henne mit einem einzelnen dunklen Fleck auf jeder
Feder spreizte die Flügel, plusterte ihr Gefieder auf und neigte
den Kopf nach hinten, um etwas von der Wärme abzubekommen, die von
drinnen ausstrahlte. Im Inneren der Schmiede war es äußerst heiß.
Die Feuer hatten den ganzen Tag gebrannt, so dass der größte Teil
der Knochenkohle aufgebraucht war. Eburovic hatte seine
Lederschürze abgelegt und sich bis zur Taille entkleidet. Er
arbeitete mit dem Rücken zur Tür, damit beschäftigt, ein Stück
Metall zurechtzuhämmern. Breaca setzte sich zu den Hennen, zog die
Beine unter sich und beobachtete ihren Vater bei der Arbeit,
während sie fühlte, wie der Rhythmus der Hammerschläge durch ihren
Körper pulsierte, ein Rhythmus, der nicht so ganz zum Pulsschlag
ihres Herzens passte. Sie war müde und erschöpft. Ihre verletzte
Hand schmerzte vom Pflanzen und Jäten. Sie massierte ihre
Handfläche mit dem Daumen der anderen Hand und ließ sich von dem
metallischen Klirren des Hammers erfüllen, um ihre gereizten Nerven
zu beruhigen. Sie war an diesem Tag äußerst gereizt, mehr, als sie
eigentlich Grund dazu gehabt hätte, und das machte ihr Sorge; sie
hatte die ältere Großmutter angefaucht, was völlig sinnlos war und
nur Ärger einbrachte, und sich dann später auch noch mit Airmid
gestritten, die ihre Freundin war und es nicht verdient hatte,
beschimpft zu werden. Selbst der Ritt zu der Plattform war nicht so
gewesen, wie er hätte sein können, obwohl sie sich bemüht hatte,
sich ihrem Vater gegenüber nichts von ihrer Frustration anmerken zu
lassen. Sie ließ im Geist noch einmal die einzelnen Augenblicke des
Tages Revue passieren, um herauszufinden, wo der Tag verkehrt
gelaufen war.
»Breaca?« Das Hämmern hatte inzwischen aufgehört,
ohne dass sie es gemerkt hatte. »Geht es dir gut?«
»Ja.« Sie lächelte, um ihn zu beruhigen. Es war
keine Lüge. Das Einzige, was sie brauchte, war, einmal eine Nacht
lang ruhig und ungestört durchzuschlafen, und sie glaubte, dass das
jetzt möglich war. »Es ist ziemlich spät geworden«, sagte sie. »Tut
mir Leid. Nemma steht kurz vor der Niederkunft, und Airmid wollte
unbedingt noch etwas Baldrianwurz für sie finden. Wir haben uns
länger mit der Suche aufgehalten, als wir eigentlich hätten
sollen.«
»Aber ihr habt ihn gefunden?«
»Natürlich.« Diesmal war ihr Lächeln echt. »Wäre
ich sonst hier? Airmid ist nicht der Typ, der so schnell aufgibt,
wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat.« Was
dummerweise die Ursache ihres Streits gewesen war. Sie stand
langsam auf, sorgsam darauf bedacht, die Hennen nicht zu
erschrecken. »Komme ich zu spät?«
»Nein. Komm nur rein. Ich bin gerade erst fertig
geworden.«
In der Schmiede sah es fast genauso aus, wie es bei
Tagesanbruch darin ausgesehen hatte; das Feuer glühte orangefarben
und warf seltsam geformte, flackernde Schatten an die Wände. Es
roch nach brüniertem Metall und nach dem Schweiß ihres Vaters. Aus
einem plötzlichen Impuls heraus drückte Breaca einen Kuss auf
seinen Arm und schmeckte Salz und versengtes Haar. Er schlang die
Arme um sie, und sie fand heraus, warum die Feuer so heiß und so
lange gebrannt hatten: Eburovic hatte den ganzen Rest des Tages mit
Schweißen zugebracht. Auf der Werkbank lag ein halb fertiges
Schwert, die Klinge so lang wie ihr Arm und so breit wie ihre Hand,
wobei sich das eine Ende zu einem Dorn verjüngte, an dem eines
Tages das Heft befestigt werden würde. Sie hob das Schwert hoch.
Das Heftende passte gut in ihre Hand, und das Gewicht der Klinge
war nicht zu groß. Auf dem Metall waren noch immer die Spuren des
Walzblocks zu erkennen und die bläulichen Streifen der
Schweißnähte, wo die neun schmalen Streifen Roheisen zu einer
breiteren Klinge zusammengefügt worden waren. Breaca schwang das
Schwert einmal versuchsweise durch die Luft und fühlte dabei die
prickelnde, fast schon an Furcht grenzende Erregung, die sie jedes
Mal überkam, wenn sie die vollendet gearbeiteten Waffen ihres
Vaters berührte. Ehrfürchtig legte sie es wieder auf die Werkbank
zurück.
»Und?«
»Es ist gut«, sagte sie. Sie hatte von ihm gelernt,
sparsam mit ihrem Lob zu sein.
»Möchtest du es mal gegen ein fertiges Schwert
ausprobieren?«
»Darf ich?«
»Ja. Nimm es.«
Sie tat es und schloss ihre Finger um die Klinge.
Diesmal fühlte sie sich sogar noch besser in ihrer Hand an, so als
wäre sie speziell für sie gemacht, und schmiegte sich perfekt in
die Höhlung ihrer Handfläche. Wenn sie diese Waffe hielt, schienen
ihre Gelenke freier beweglich zu sein, so wie nach dem Reiten oder
nachdem sie mit ihrem Speer geübt hatte. Sie schwang das Schwert
ein paarmal durch die Luft, um sein Gewicht zu fühlen, und sah
dann, als sie aufblickte, dass Eburovic sich in Kampfstellung vor
ihr aufgebaut hatte, sein eigenes Schwert in der Hand, das große
schwere Kampfschwert mit der Bärin auf dem Knauf, die Symbol für
das Leben und die Heldentaten ihrer Vorfahren in der Linie ihres
Vaters war.
Er sagte: »Mach den Rückhandschlag gegen den
Kopf.«
Die Klinge schien förmlich darauf zu brennen, sich
zu bewegen. Breaca legte beide Hände um den Knauf, holte zum
Rückhandschlag aus und zielte auf Eburovics Schläfe. Eisen schlug
klirrend gegen Eisen. Ein einzelner Funke stob auf und flog
Richtung Tür.
»Gut. Und jetzt mit der Vorhand auf mein
Knie.«
Die Luft pfiff an ihren Armen vorbei, als sie
erneut zum Schlag ausholte. Die massive, ungeschliffene Schneide
ihres Schwerts sauste an der gesamten Länge seiner Klinge entlang
und glitt über die Kerbe, die der weißhaarige Kämpe der
Catuvellauni gemacht hatte, als er sich mit ihrem, Breacas,
Großvater im Zweikampf geschlagen hatte, um den Streit um eine
Grenzlinie beizulegen. Ein wahrer Hagel von Funken zerstob in der
Dunkelheit. Breaca ließ die Spitze ihrer Klinge von der
festgestampften Erde des Fußbodens abprallen.
»Und jetzt ein Stoß gegen die Brust...« Diesmal war
sie vorsichtiger, weil sie wusste, dass Eburovic das Gewicht des
Schlags mit seinem Schwertheft abfangen würde. Sie holte mit ihrer
Waffe zum Stoß aus, und ihre Klinge traf auf die seine und kam so
abrupt zum Stillstand, dass die Wucht des Aufpralls durch ihren Arm
hindurch bis in ihre Schulter vibrierte. Das Oval aus roter
Schmelzglasur auf der linken Seite des Querstücks verzog sich
zusammen mit dem Rest, zerbrach aber nicht, so wie es ihrem Urahnen
passiert war, als er am Fluss gegen Cäsars Legionen gekämpft
hatte.
»Gut. Sehr gut.« Eburovic lächelte ruhig, so wie er
es immer tat, wenn er eine Überraschung für sie hatte. Er griff
nach einem Stück Kreide und hielt die Schwertklinge an Breacas Arm,
um die Länge abzumessen.
»Du bist noch jung. Du wirst bestimmt noch um zwei
Handbreit wachsen, aber die Klinge ist trotzdem noch zu lang für
die Größe, die du einmal erreichen wirst. Wir werden sie verkürzen,
hier...«, er markierte das Metall mit der Kreide, »... im unteren
Drittel. Wenn du möchtest, können wir das Eisen, das dabei abfällt,
für das Querstück und den Knauf benutzen. Wir können sie aber auch
in Bronze gießen, wenn dir das lieber ist. Wenn du diejenige wärst,
die das Schwert schmiedet, welche von beiden Möglichkeiten würdest
du dann vorziehen?«
Breacas Augen wurden riesengroß vor Überraschung.
»Soll ich es etwa selbst schmieden?«
Das würde den Tag perfekt machen. Schon seit Jahren
hatte sie sich ausgemalt, wie das Schwert aussehen sollte, das sie
einmal schmieden würde, wenn ihr Vater sie für alt genug erachtete,
um Eisen zu bearbeiten.
Sein Geschenk an sie war sogar noch besser. Er
sagte: »Du kannst mir gerne bei der Arbeit helfen, wenn du
möchtest, aber ich glaube, die Klinge deines eigenen Schwerts
sollte besser von jemand anderem geschmiedet werden. Auf diese
Weise ist es mächtiger.«
Ihr war ganz schwindelig vor lauter Aufregung. Das
hier war sogar noch mehr als perfekt. Zögernd berührte sie die
unfertige Klinge und fühlte wieder die prickelnde Erregung in sich
aufwallen.
Ihr Vater sagte: »Als deine Mutter starb, habe ich
mir geschworen, dir ein Schwert zu machen. Das hier ist es. Es ruft
förmlich nach dir und du nach ihm. Und deshalb frage ich dich:
Möchtest du, dass ich das Heft aus Bronze mache oder lieber aus
Eisen?«
Es war einfach zu viel, zu früh. Sie setzte sich
auf den Boden, mit dem Rücken zu dem Brennofen, und versuchte,
ihrer Aufregung Herr zu werden und sich zu konzentrieren. Sie
musste jetzt wie eine Schmiedin denken. Die Beschaffenheit und das
Gewicht der Klinge waren ausschlaggebend für die Länge des Hiebs
und die Wucht, die nötig war, um in Fleisch zu schneiden, aber ein
guter Waffenschmied legte die Seele des Schwerts in die Muster auf
dem Querstück, in die Art und Weise, wie sich der Griff anfühlte,
und in die künstlerische Gestaltung des Knaufs; und es war die Wahl
der Materialien, die jedes Einzelne dieser Teile einzigartig
machte. Eisen war härter als Bronze, aber kälter. Bronze wiederum
konnte sich einbeulen, war aber leichter zu bearbeiten und ließ
sich außerdem detaillierter gestalten. Das Schwert ihres Vaters
hing hinter ihm an der Wand. Die Muster auf dem Heft des Schwerts,
dessen Knauf das Bild der Bärin zierte, waren uralt und
kompliziert; wenn man Eisen zum Gießen verwendete, würde sich eine
solche Feinheit unmöglich erreichen lassen. Als Breaca die Waffe
betrachtete, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie sich ein Schwert
wünschte, das dem ihres Vaters so ähnlich wie möglich war.
»Das Heft und der Knauf sollten aus Bronze sein«,
sagte sie feierlich. »Aber wir sollten sie erst dann machen, wenn
ich sie im Traum gesehen habe und weiß, welche Form sie haben
müssen.«
»Gut, dann wird es so geschehen. Wir werden erst
einmal die Klinge schmieden und dann deinen Traum abwarten. Komm in
die Schmiede, wann immer du kannst, und dann werden wir sie
gemeinsam machen. Ich habe da schon eine Idee von etwas Neuem, das
wir ausprobieren könnten.«