IV

Als der Frühling in den Sommer überging, brachte er eine verfrühte Dürreperiode mit sich. Es herrschte eine Hitze, wie sie noch keiner jemals zuvor um diese Jahreszeit erlebt hatte. Die Luft war so stickig und trocken, dass sie alles ausdörrte, den Erdboden ebenso wie die Menschen. Die Pferde standen paarweise im Schatten der Rotdornbäume und schlugen sich gegenseitig mit den Schwänzen ins Gesicht, um die Fliegenschwärme zu vertreiben. Im Rundhaus war der Türvorhang bis ganz nach oben hochgezogen und das Feuer auf ein absolutes Mindestmaß reduziert. Die ältere Großmutter schlief nachts unbekleidet auf ihren Fellen, die Arme weit ausgebreitet, um mehr Körperwärme abgeben zu können. Die Feuer in der Schmiede waren auf eine einzige glühende Kohle beschränkt worden. Niemand bewegte sich ohne zwingenden Grund.
Breaca fand Airmid an dem heiligen Teich unterhalb des Wasserfalls. Das ältere Mädchen lag in einer flachen Felsmulde ausgestreckt, so reglos wie eine Eidechse, die in der Sonne badet. Aus einem Spalt neben ihr wuchs ein Haselstrauch heraus, dessen Blätter ovale Schatten auf die Felsen, ihren Körper und das Wasser warfen. Die Schattenmuster verschoben sich ständig in der leichten Brise und ließen die Umrisse ihres Körpers verschwimmen, so dass man Airmid im Vorbeigehen leicht hätte übersehen können. Obwohl Breaca genau wusste, wo sie zu suchen hatte, musste sie trotzdem einen Moment stehen bleiben und warten, bis sich ihre Augen an den Wechsel von flirrendem Sonnenlicht zu Schatten gewöhnt hatten und sie die sonnengebräunte Gestalt von dem Hintergrund des mit bräunlichen Flechten überzogenen Gesteins unterscheiden konnte. Als sie sich schließlich sicher war, kletterte sie auf einen anderen Felsblock und setzte sich für eine Weile, um Airmid zu betrachten, während sie den Rhythmus ihrer Atmung beobachtete und zu erkennen versuchte, ob ihre Augen offen oder geschlossen waren. Schließlich, als klar zu sein schien, dass das Mädchen wach war und nicht etwa träumte, glitt Breaca von dem Felsblock herunter, legte ihr Geschenk auf den Boden zwischen ihnen, kehrte wieder zu dem Felsen zurück und ließ sich abermals darauf nieder, um zu warten.
Und zu warten. In dem kleinen Mischgehölz aus Dornbüschen und Hainbuchen hinter ihr herrschte reges Leben und Treiben. Am Rand des Dickichts fing ein kleiner, schiefergrauer Vogel Fliegen und spießte sie äußerst geschickt und vorsichtig auf die Stacheln eines Schwarzdornbusches auf. Ein Stück weiter hüpfte eine Bachstelze von Stein zu Stein über das Wasser, um ihren Schnabel mit Insekten zu füllen und ihre Beute dann zu ihrer wartenden Brut zu tragen. Als sie das dritte Mal von ihrem Nest zurück zum Wasser flog, musste sie einem Eisvogel Platz machen, der einem blauen Blitzstrahl gleich auf die Wasseroberfläche herabschoss, um in der Mitte des Teichs nach einem Fisch zu tauchen. Siebzehn Herzschläge vergingen, bis er wieder auftauchte - ohne Fisch. Stirnrunzelnd beobachtete Breaca das Wasser dicht über der Stelle, wo der Eisvogel untergetaucht war. Es kam ihr irgendwie nicht richtig vor, dass ein Vogel in das Reich der Götter gegangen war, nur um dann unverrichteter Dinge wieder zurückzukehren. Sie blickte zu Airmid hinüber, in der Hoffnung, mit ihr sprechen zu können, aber das andere Mädchen reagierte nicht, sondern starrte nur mit leeren, ausdruckslosen Augen über das Wasser hinweg. Wer weiß, vielleicht träumte sie ja doch. Breaca, die für einen Moment den Atem angehalten hatte, stieß ihn langsam wieder aus und wartete weiterhin geduldig. Diesmal betrachtete sie dabei nicht den Teich.
Jeder Mensch träumt. Noch bevor sie Laufen gelernt hatte, noch bevor sie mehr als nur ihren eigenen Namen und den ihrer Mutter hatte sagen können, hatte Breaca aufmerksam zugehört, wenn andere von ihren Visionen und ihren Träumen erzählten. Sie hatte schon früh begriffen, dass Macha und die ältere Großmutter ihre Zeit mit Visionieren verbrachten, wenn sie sich in die Einsamkeit zurückzogen, um danach mit geistesabwesendem Blick und den Worten der Götter auf den Lippen zum Rundhaus zurückzukehren, wohingegen ihre Mutter Träume hatte: farbige, intensive, lebhafte Träume von großer Bedeutung für ihr Leben und ihre Familie. Fast zur gleichen Zeit war Breaca klar geworden, dass sie sich die Visionen weitaus mehr wünschte als die Träume - und dass die Götter einem diesen Wunsch weitaus weniger oft gewährten.
Dreimal seit der Zeit, als sie alt genug gewesen war, um die Natur dessen, was da geschah, zu verstehen, waren Mädchen ihres Stammes ausgezogen, um drei lange Nächte in einsamer Abgeschiedenheit zu verbringen und bei ihrer Rückkehr von ihren Träumen zu berichten. Die Schwestern Camma und Nemma waren jeweils in zwei aufeinander folgenden Jahren fortgegangen und hatten anschließend erzählt, dass ihnen die weiße Gans beziehungsweise das Reh im Traum erschienen war. Camma, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbrachte, Hail von den Bratpfannen zu verscheuchen, war früher ein zerstreutes, geistesabwesendes junges Mädchen gewesen, das den Blick stets auf einen anderen Horizont gerichtet hatte, aber die Mutterschaft hatte sie gelehrt, die Wahrheit ihres Traumes zu erkennen, und sie beschützte ihre zwei Kinder mit einer Grimmigkeit, die dieser Erkenntnis durchaus würdig war. Nemma, ihre Schwester, hatte von der Rehgeiß geträumt, aber es wäre auch überraschend gewesen, wenn es anders gewesen wäre. Von frühester Kindheit an war sie den Fährten des Rotwilds gefolgt, hatte abgeworfene Geweihstangen gesammelt und aus den Fellresten der erlegten Tiere kleine Figuren in Form von Rehen und Hirschen genäht. Einmal hatte sie einen ganzen Sommer hindurch ein verwaistes Hirschkalb aufgezogen, indem sie ihm Stutenmilch eingeflößt und ihm beigebracht hatte, auf Zuruf zu ihr zu kommen; und jetzt fütterte sie es in harten Wintern noch ebenso regelmäßig, wie sie die Pferde fütterte. Sinochos und die anderen Jäger kannten die Spuren des Tieres und wussten, dass es auf ihre eigene Gefahr geschah, wenn sie ihm auch nur ein Härchen krümmten.
Nemma und Camma waren die Ersten gewesen, die Breaca von ihrer Traumreise hatte zurückkehren sehen. Keine der beiden jungen Frauen war außergewöhnlich; jede war zufrieden mit ihrem Traum, und jede bezeugte der Gans oder dem Reh zu den festgesetzten Tagen und Zeiten den gebührenden Respekt, und hängte einen Talisman in Form einer Feder beziehungsweise eines Hinterfußes an der Wand über ihrem Schlafplatz auf, der als Schutz vor Unheil dienen sollte. Es war Airmid - die sonderbare, hoch gewachsene, dunkelhäutige, dunkelhaarige Airmid -, die anders war. Sie war diejenige, die sich wie eine Schlafwandlerin bewegt hatte, als sie nach dreitägiger Abwesenheit bei Einbruch der Abenddämmerung wieder zur Tür des Frauenhauses hereingekommen und dabei über die im Eingang ausgelegten Steine hinweggetreten war, als ob sie auf Wasser wandelte, ihr Blick verschwommen und weltentrückt, ihr Gesicht von einem Ausdruck ehrfürchtigen Staunens erfüllt, ihr Mund noch immer nicht fähig, die Worte für das zu bilden, was sie in ihrer Vision gesehen hatte. Sie hatte keinen Talisman mitgebracht, sie brauchte auch keine solchen Äußerlichkeiten, um sich an das zu erinnern, was geschehen war; die Götter hatten zu ihr gesprochen, und sie würden es auch weiterhin tun, und was sie gesagt hatten, war für den Rest ihres Lebens bestimmend. Sie war eine Seherin.
Breaca hatte die volle Bedeutung dieser besonderen Gabe zum ersten Mal in dem Frühjahr vor dem Tod ihrer Mutter erlebt. Es war ein kalter, klarer Morgen mit strahlendem Sonnenschein und dickem Raureif gewesen. Sie war aus Gewohnheit früh aufgestanden und saß draußen vor dem Rundhaus, damit beschäftigt, ein Stück Rehleder zu bearbeiten. Bán saß neben ihr und rupfte eine Waldschnepfe, die er in einer Falle gefangen hatte. Alle anderen schliefen noch, als Airmid plötzlich in heller Aufregung aus der Richtung des Frauenhauses gerannt kam und barfuß an den Misthaufen vorbeihetzte, ohne auf die scharfkantigen Steine auf dem Boden zu achten, drauf und dran, in das Rundhaus hineinzustürmen. Sie hielt nur deshalb an der Tür inne, weil die ältere Großmutter von drinnen äußerst streng mit ihr sprach und sie zur Rücksicht ermahnte. Da wartete Airmid, keuchend und völlig außer Atem, während sie hektisch die Finger beugte und streckte, ihr dunkles Haar noch platt gedrückt vom Schlafen, ihr Blick wild und verstört und sie selbst noch immer in dem Chaos ihrer Vision gefangen. Dies alles machte sie anders, auf eine Art und Weise, wie sie vorher nicht erschienen war. Die Großmutter hatte sich schließlich fertig angekleidet und kam heraus, um zu hören, was es denn so Wichtiges gab, und Airmid kehrte mit sichtlicher Anstrengung von dem Ort zurück, an dem sie im Geist gewesen war.
»Der Regen kommt«, stieß sie hervor, und ihre Stimme klang so krächzend wie die eines Frosches. »Heute in neun Tagen. Wir müssen sofort alles fortschaffen.«
»Die Regenfälle kommen doch immer. Warum sollten wir denn jetzt alles fortschaffen?« Die Großmutter sprach sanft und freundlich, was eine völlig neue Erfahrung für Airmid war. Unter normalen Umständen war es äußerst gefährlich, die alte Frau zu solch früher Morgenstunde aus dem Schlaf zu reißen.
»Es wird zu viel Regen geben. Es wird eine wahre Flut sein, die alles überschwemmt. Der Teich der Götter unterhalb des Wasserfalls wird das viele Wasser nicht aufnehmen können, und er wird sich wie ein Meer über die Koppeln und Wiesen ausbreiten. Der Fluss wird über die Ufer treten, und die Leichen werden an der Tür des Rundhauses vorbeitreiben. Die Leichen...«
Da brach Airmid unvermittelt ab und biss sich auf die zitternden Lippen, krampfhaft darum bemüht, nicht in Tränen auszubrechen; ausgerechnet Airmid, die sonst um nichts und niemanden weinte. Breaca streckte die Arme nach ihr aus, aber die Großmutter kam ihr zuvor und nahm das völlig verstörte Mädchen mit ins Haus, um sie auf ihr Bett zu legen und ihr ein Stück Weidenrinde zum Kauen zu geben, bis Airmid sich schließlich beruhigte und einschlief; und Breaca bekam den Auftrag, auf sie aufzupassen, während die Großmutter davoneilte, um diese Neuigkeit mit den Stammesältesten zu besprechen.
Daraufhin hatte eine hektische, für die Jahrzeit ungewöhnliche Geschäftigkeit eingesetzt. Im Laufe der nächsten sieben Tage waren die Eceni auf die höher gelegenen Weiden umgezogen und hatten alles mit hinaufgenommen, was zu Schaden kommen könnte. Am neunten Tag hatte es plötzlich sintflutartig zu regnen begonnen, genau wie Airmid es prophezeit hatte. Im Laufe des Tages war der Fluss so stark angeschwollen, dass er über die Ufer trat und alles überschwemmte, und die Wassermassen waren bis auf halbe Höhe an der Wand des Rundhauses emporgestiegen; und alle, die das sahen, hatten den Göttern dafür gedankt, dass sie noch rechtzeitig genug gewarnt worden waren, um sich vor der Flut in Sicherheit zu bringen - alle außer Airmid selbst, die untröstlich geschluchzt hatte, weil die drei Frösche, die im Traum zu ihr gekommen waren, um sie zu warnen, tot auf dem Wasser an ihr vorbeigetrieben waren.
Danach hatte Breaca das ältere Mädchen genauer beobachtet, wenn auch aus einer gewissen Distanz. Airmid stand in dem Rufe, schwierig zu sein, und dieser Ruf war nicht ganz unverdient. Die vier Jahre, die sie der älteren Großmutter als Augen und Glieder gedient hatte, waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie war ziemlich verschlossen und sprach nur wenig, doch wenn sie es tat, geschah es mit einer beißenden Ironie, die häufig an Grobheit grenzte. Wenn man sie reizte oder zu irgendetwas drängte, reagierte sie mit einer Scharfzüngigkeit, die nur noch von der der alten Frau übertroffen wurde, und das war etwas, was man lieber nicht grundlos herausfordern sollte.
Anderer Klatsch und Tratsch über Airmid war allerdings weniger zutreffend. Die Geschichte von Dubornos, dem rothaarigen Sohn von Sinochos, und von dem Schaden, den Airmid ihm zugefügt hatte, war schlicht und einfach nicht wahr, obwohl Airmid keinerlei Anstrengung unternommen hatte, die Lüge zu widerlegen, was irgendwie frustrierend war. In der ersten Zeit, als Breaca erkannt hatte, dass es reine Missgunst war, die ihre Altersgenossen veranlasste, so schlecht über das ältere Mädchen zu sprechen, hatte sie noch versucht, Airmid zu verteidigen. Zweimal hatte sie sich mit den anderen geschlagen und dabei den Kürzeren gezogen. Später, nach einem Gespräch mit ihrer Mutter, hatte sie dann aufgehört, die Sache eines anderen Menschen zu verfechten, und war stattdessen dazu übergegangen, aufmerksam zu beobachten und so viel über die Geheimnisse des Visionierens zu lernen, wie sie konnte. Falls Airmid es bemerkt hatte, so hatte sie jedenfalls nichts davon erkennen lassen.
Mit dem Tod von Breacas Mutter im Herbst des vergangenen Jahres hatte sich das Verhältnis zwischen den beiden Mädchen jedoch schlagartig verändert. In einer Zeit, als Breacas Welt so vollkommen aus den Fugen geraten war, hatte Airmid sich als ein wahrer Fels in der Brandung für sie erwiesen, ruhig und zuverlässig und immer bereit, Trost zu spenden; sie hatte Breaca auch die Kriegerfeder mit dem rot gefärbten Kiel geschenkt, eine Geste, an die sonst niemand gedacht hatte. Danach war ein neuer Respekt zwischen ihnen erwachsen, und daraus hatte sich schließlich eine Freundschaft entwickelt, die noch sehr viel tiefer ging und sehr viel mehr wert war.
Es war ein guter Tag, um still bei einer Freundin zu sitzen. Breaca betrachtete das Lichtspiel auf der Oberfläche des Teiches. Die Sonne stieg langsam höher am Himmel empor, und Breacas Schatten bewegte sich mit ihr, während er Zentimeter für Zentimeter vorwärtsglitt, bis er sich bis zu den ersten Schilfbüscheln erstreckte, die am Teichrand wuchsen. Breaca überlegte, ob sie sich vielleicht einen anderen Platz suchen musste, damit ihr Schatten nicht das Wasser des heiligen Teiches befleckte, und kam zu dem Schluss, dass das nicht nötig war. Die Sonne wanderte weiter, bis sie auf ihren Rücken schien und die Stelle zwischen ihren Schulterblättern wärmte, die sich seit jenem Morgen, an dem ihre Mutter gestorben war, immer so entblößt und verwundbar angefühlt hatte. Sie schloss die Augen und ließ die Sonnenwärme in ihr Innerstes eindringen. In ihren Gedanken sprach ihre Mutter mit ihr, so wie sie es getan hatte, als Breaca noch ein kleines Kind gewesen war, und wie ein kleines Kind, so verstand Breaca auch jetzt nicht den Sinn ihrer Worte. In der Ferne begann ein Frosch zu sprechen, und die beiden Stimmen verschmolzen miteinander. Eine Hand, die nicht die ihrer Mutter war, löste die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Rücken ab und massierte die Muskeln zu beiden Seiten ihres Rückgrats. Eine Stimme, die nicht die ihrer Mutter war, sagte leise: »Breaca, mach die Augen auf.«
Sie tat es. Ein kleiner Frosch, nicht breiter als drei Finger, saß auf einem Felsblock im Dunkel ihres Schattens. Seine Haut war moosgrün, mit einem braunen Streifen an der Seite. Seine Augen waren vollkommen schwarz, und wenn er blinzelte, trafen sich seine Ober- und Unterlider in der Mitte des braunen Streifens. Jetzt blinzelte er. Breaca blinzelte zurück.
»Woher hast du gewusst, dass ich den Wegerich brauche?«, fragte Airmid.
»Ich habe zufällig gehört, wie du mit Macha darüber gesprochen hast.«
»Wo hast du ihn gefunden?«
»Auf der oberen Koppel, wo die einjährigen Fohlen im Frühjahr gegrast haben. Dort wächst eine einzelne Pflanze. Ich habe die Blätter bei abnehmendem Mond gepflückt, und ich habe darauf geachtet, nur ein Drittel der Blätter zu nehmen. Die Pflanze lebt also noch.«
»Danke. Das hast du gut gemacht.« Gleich nach ihren Fröschen waren es die Pflanzen, um die Airmid sich am meisten sorgte. Es war eine der Eigenschaften, die sie von den anderen unterschied. Ihre Hände glitten von Breacas Rückgrat zu ihren Schultern, um die Muskeln zu kneten, die von der Morgenarbeit verspannt waren.
»Hast du wieder mit den neuen Kampfspeeren deines Vaters geübt?«
»Nur für kurze Zeit. Macha brauchte Hilfe beim Unkrautjäten. Danach bin ich mit einem von den neuen Speeren zu der unteren Wiese gegangen und habe ihn getestet.«
»War er gut?«
»Für Sinochos wird er genau richtig ausbalanciert sein. Er hält die Wurfspeere weiter hinten. Ich würde allerdings ein Gewicht am anderen Ende des Schafts brauchen, um ihn im Gleichgewicht halten zu können, damit die Spitze nicht nach unten kippt.«
»Hmmm. Beweg mal deinen Arm... nein, nach hinten, so, ja, um diesen Muskel hier anzuspannen... Tut das weh?«
»Ein bisschen.« Breaca schloss die Augen und suchte im Geist die Stelle auf ihrer Schulter, wo der Schmerz begann.
»Das dachte ich mir. Hier, spürst du das? Du hast dir den Muskel gezerrt. Du solltest mal mit deinem Vater sprechen. Bitte ihn, einen Speer zu machen, der speziell für dich ausgewuchtet ist. Ist es jetzt besser?«
»Ja, danke. Er wird mir aber keinen Speer machen. Ich bin noch zu jung. Wenn es zu einem Krieg kommt, werde ich noch nicht mitkämpfen dürfen.«
»Es wird in diesem Sommer nicht zum Krieg kommen. Die Ältesten werden sich beim Mittsommer-Treffen zusammensetzen, um ihre Entscheidung noch einmal zu überprüfen, aber es ist allgemein bekannt, wie du über einen Krieg denkst, und wenn du dich dagegen aussprichst, wird dir niemand widersprechen. Falls die Coritani angreifen sollten, würden sie ihre Meinung vielleicht ändern, aber Gunovic hat gute Arbeit geleistet; die Brigantes bedrohen sie von Norden her, und die Krieger des Roten Milan sind nicht so zahlreich, dass sie zwei Grenzen gleichzeitig verteidigen könnten. Sie werden uns so lange nicht angreifen, wie wir sie nicht angreifen, deshalb wird vorläufig weiterhin Frieden herrschen. Im nächsten Sommer könnte die Sache allerdings anders aussehen, aber bis dahin wirst du ja dein eigenes Schwert haben und auch einen eigenen Speer.«
»Es könnte aber doch sein, dass ich dann immer noch ein Kind bin und deshalb nicht mitkämpfen darf.«
»Nein. Du wirst noch vor dem Winter zur Frau werden.«
»Woher willst du das wissen?«
»Ich kann es im Wasser lesen.«
Es war nur ein Scherz. Airmids Stimme veränderte sich, wurde so tief und rau, dass sie in ihren beiden Körpern vibrierte.
Breaca öffnete die Augen und blickte in den Teich hinunter. Auf der Wasseroberfläche schimmerten ihrer beider Spiegelbilder. Sie beobachtete, wie sich Airmids Hände vorwärts bewegten und unter ihren Armen hindurchglitten, um die Rundungen ihrer Brüste anzuheben. Breaca runzelte die Stirn. Ein kalter Schmerz breitete sich in ihrem Inneren aus. »Ist das so sicher?«, fragte sie.
»Ich glaube schon. Du kannst schließlich nicht bis in alle Ewigkeit ein Kind bleiben.« Airmids Finger drückten und tasteten behutsam, so dass Breaca ganz flau im Magen wurde. »Tut das weh?«
»Nein… doch. Ein bisschen. Aber nur, wenn du zu fest drückst.«
»Aber deine Brüste sind empfindlicher geworden als früher?«
»Ja.«
»Dann wird es in zwei Monaten so weit sein. Allerhöchstens in drei. Du wirst deine erste Blutung gegen Ende der Erntezeit haben, wenn nicht schon früher.«
Diesmal scherzten sie nicht, nicht bei einem so ernsten Thema. Die Sache war bei weitem zu wichtig, um Witze darüber zu machen. Airmid verschränkte die Hände vor Breacas Bauch und drückte ihr Zwerchfell, um die Stelle zu wärmen, wo die Furcht wuchs. Breaca blickte zum Himmel hinauf. Hoch über ihren Köpfen schwebte ein Turmfalke auf einer Warmluftströmung, ein verschwommener dunkler Fleck vor leuchtend blauem Hintergrund. Neben ihr sagte Airmid: »Sei froh. Nächstes Jahr um diese Zeit wirst du von der Großmutter befreit sein.«
»Hast du das gedacht, als du fortgegangen bist, um deine langen Nächte im Wald zu verbringen?«
»Nein. Ich war bei ihr glücklich. Ich war traurig darüber, dass ich aus dem Rundhaus ausziehen musste.«
»Ich werde auch traurig sein.«
»Ich weiß.«
Die Sonne war inzwischen noch weiter gewandert und spiegelte sich jetzt mit schmerzhafter Helligkeit im Wasser wider. Die beiden Mädchen glitten von dem Felsblock herunter und in den Schatten des Haselstrauchs, wo sie sich nebeneinander in die Felsmulde legten, die Arme weit ausgestreckt, so dass ihrer beider Haut abwechselnd dunkle und helle Farbbänder bildeten. Breaca drehte sich auf den Bauch und malte mit der Fingerspitze Muster auf Airmids Arm, indem sie am Handgelenk anfing und dann weiter zum Unterarm hinaufglitt. An Airmids Ellenbogen hielt sie inne und zeichnete die Linien einer alten Tätowierung nach. Das Bild war mit der Zeit ein wenig verblasst, aber es war sehr sorgfältig ausgeführt worden, etwas mehr als lebensgroß, als ob der Gott in Gestalt eines Frosches einen Hinterfuß in blaugrüne Tinte getaucht und ihn dann auf die Innenfalte von Airmids Ellenbogen gedrückt hätte, wo das Zeichen ihrem Herzen am nächsten sein würde.
Breaca zog mit ihrer Fingerspitze eine Schlaufe um die Tätowierung. Mit großer Vorsicht - denn es gehörte sich selbst für die engsten Freunde nicht, zu tief in den anderen einzudringen und ihn über seine Träume auszuhorchen - sagte sie: »Ich habe mich immer gefragt, wie die Großmutter das hier fertig gebracht hat... ich meine, ohne Sehvermögen, um ihre Hand zu führen.«
»Sie braucht keine Augen, um das Muster der Dinge zu erkennen. Das weißt du doch.«
»Sicher weiß ich das. Aber ich dachte, sie hätte diese Tätowierung vielleicht irgendwann früher gemacht, als du noch ein Kind warst und sie noch sehen konnte.«
»Nein. Da wusste ich noch nichts von den Fröschen. Sie sind mir erst während meiner langen Nächte erschienen. Davor ist mir überhaupt nichts im Traum erschienen. Ich dachte schon, ich wäre innerlich leer und unfruchtbar, dass ich mit nichts zurückkehren würde. Früher habe ich nachts oft wach gelegen und zu Nemain um einen Traum gebetet, irgendeinen Traum, selbst wenn es einer wäre, der mich kaum berührte, so wie Cammas. Die Großmutter hat mir einmal erklärt, dass sie befürchtete, ich könnte von dem Erdwurm träumen, und ich habe ihr damals geglaubt. Danach konnte ich nächtelang nicht schlafen, weil ich immer daran denken musste, wie schlimm es sein würde.«
»Zu mir hat sie gesagt, ich wäre eine Wespe, dass ich den ganzen Winter über schlafen und im Sommer die Menschen stechen würde.«
»Sie hat schon ihre Gründe dafür. Ich glaube, die Besorgnis ist notwendig, damit man offen für die Götter bleibt. Aber du wirst auch träumen. Du musst ganz einfach fest daran glauben. Es ist nur hart, auf die Vision warten zu müssen.«
»Ich weiß. Ich habe einfach keine Geduld. Aber wenn wir darüber reden, ist es leichter für mich.«
Das war Breacas größte Angst gewesen: dass sie so kurz davor war, zur Frau zu werden, und die Götter ihr noch immer kein Zeichen geschickt hatten. Es war eine Erleichterung zu hören, dass es für Airmid genauso gewesen war. Der Knoten der Anspannung in ihrem Bauch lockerte sich wieder ein bisschen. Sie seufzte, rückte ein wenig näher an Airmid heran und legte ihr eine Hand auf die Hüfte. Ein zarter Kuss streifte ihren Hals. Breaca schmiegte sich in die Liebkosung und ließ ihre Finger tiefer gleiten, suchend und erkundend. Es war ein Tag für neue Erfahrungen, ein Tag, um einander im kühlen Schatten des Haselstrauchs zu erforschen und schweißgebadet miteinander zu verschmelzen. Die Küsse wurden länger und intensiver, und ihre Richtung änderte sich. Unten am Teich tauchte der Eisvogel ein zweites Mal in die Fluten, diesmal unbeobachtet, und erschien mit einem Fisch im Schnabel wieder. Hoch oben am Himmel zog der Turmfalke seine Kreise und schoss dann im Sturzflug auf den Teich herab, um in dem Schilf am jenseitigen Ufer nach Beute zu jagen. Auf den Pferdekoppeln auf der anderen Seite des Flusses spielten ein Junge und ein Jagdhundwelpe mit einem staksbeinigen graubraunen Fohlen und pirschten sich abwechselnd an imaginäre Ungeheuer an.
Die Sonne erreichte ihren höchsten Punkt am Himmel, und die Schatten bildeten spitze Winkel. Breaca lag still da, eine Handfläche auf Airmids Froschtätowierung gedrückt, während sie über ihre Kindheit nachdachte und darüber, wie es wohl sein würde, sie endgültig hinter sich zu lassen. Dann kam ihr ein neuer Gedanke, ein Gedanke, bei dem ihr innerlich abermals eiskalt wurde. Sie rollte sich herum und rutschte aus dem Schatten heraus. Aber das machte den Gedanken auch nicht besser. »Airmid...?«
»Ja?«
»Was, wenn ich keine Seherin werde und du dazu berufen wirst, die Träumerschule auf Mona zu besuchen? Würdest du ohne mich gehen?«
»Was?«
Airmid setzte sich abrupt auf und runzelte die Stirn, während sie aus der Frage schlau zu werden versuchte.
Breaca blickte ihrer Freundin direkt in die Augen und sagte: »Die Ausbildung zur Priesterin dauert zwölf Jahre, unter Umständen sogar zwanzig, wenn die Ältesten darauf bestehen. Würdest du ohne mich gehen?«
»Nein, natürlich nicht, wie kannst du nur so was sagen?« Das Stirnrunzeln auf Airmids Gesicht war erstarrt. Sie verflocht ihre Finger mit Breacas und drückte sie so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. »Das wird nicht passieren«, sagte sie. »Sprich einfach nicht darüber. Du wirst träumen.«
»Aber...«
»Aber selbst wenn ich schon morgen nach Mona berufen würde, könntest du trotzdem mitkommen. Jeder Träumer muss einen Krieger als Wächter und Beschützer haben, und du bist bereits eine Kriegerin. Du könntest als meine Kriegerin mitkommen und dich in der Kriegerschule weiter ausbilden lassen.«
Es war der Kern ihrer Furcht. Seit dem Tag, an dem ihre Mutter gestorben war, seit dem Moment, als Airmid ihr die Feder mit dem rot gefärbten Kiel überreicht hatte, hatte der Schatten dieser Furcht alles verdunkelt. Breaca schloss die Augen. Die Kälte in ihrem Inneren breitete sich immer weiter aus, drohte sie zu verschlingen. Von tiefem Kummer erfüllt sagte sie: »Auf Mona sind die Krieger ein Nichts. Sie sind seit Cäsars Zeiten nicht mehr in den Krieg gezogen. Es sind die Träumer, die im Ältestenrat sitzen.«
Das war eine übertriebene Darstellung, und sie wusste es auch; die Krieger, die ihre Ausbildung in der Schule auf Mona erhielten, wurden mit der größten Hochachtung behandelt; aber darum ging es jetzt nicht.
Airmid verstand, was sie meinte, und korrigierte sie nicht. Stattdessen sagte sie: »Die Träumer sitzen gemeinsam mit denjenigen im Rat, die in die königliche Familie ihres Volkes hineingeboren wurden. Du bist die nächste Anführerin der Eceni. Wenn ich nach Mona berufen werde, dann wird dort auch ein Platz für dich sein.«
Es war aber nicht das, was Breaca wollte. Sie öffnete wieder die Augen. Airmid saß ihr gegenüber, ihr Gesicht sehr ernst. Sand klebte in einer Hautfalte auf ihrem Arm, ähnlich wie die Rippen in einem Blatt. Ihre Augen waren zwei dunkle Teiche, in denen man ertrinken konnte. Alles an ihr war bezaubernd schön. Breaca streckte den Arm aus und ergriff die Hand ihrer Freundin. Sie hatten alles miteinander geteilt, den intensivsten Teil des Lebens. Es war richtig, dass sie ihrer Freundin jetzt auch ihr tiefstes Geheimnis anvertraute. Hier, am Teich der Götter, mit Airmid als Zeugin, offenbarte Breaca nic Graine, Thronfolgerin der königlichen Linie der Eceni, ihr Geheimnis und machte einen Schwur daraus. »Wenn ich nach Mona gehe, dann wird es aufgrund dessen sein, was ich bin, und nicht, weil ich zufällig königlichen Geblüts bin oder wegen einer einzigen Tat mit einem Speer. Ich werde entweder als Träumerin nach Mona gehen, oder ich werde überhaupt nicht hingehen.«
 
Es war Airmids Idee, den Teich zu verlassen und am Fluss entlang zu einer Stelle zu gehen, wo sie schwimmen konnten. In der Mittagshitze war sonst keine Menschenseele draußen, um sie zu beobachten, als sie die letzte der Pferdekoppeln hinter sich ließen und in nördlicher Richtung den schmalen Streifen Grenzlandes entlangwanderten, der den Wald mit dem Wasser verband. Hier, weit abseits des Dorfes, wurde die Landschaft unwirtlicher; saftige, üppige Wiesen gingen in Flächen mit gröberem, härterem Grasbewuchs über und dann in Sand und Gestrüpp, hier und da unterbrochen von Sumpfland, wo man bis zu den Knöcheln im Morast versank. Sie umgingen diese Stellen und hielten auf die ersten Baumreihen des Waldes zu, um dann an einer anderen Stelle, wo das Gelände anstieg und erneut in trockenes Grasland überging, wieder zwischen den Bäumen hervorzukommen. Stromaufwärts war der Fluss schmaler als auf dem Abschnitt, wo er am Rundhaus vorbeifloss, aber die Strömung war stärker und schneller, so dass die Melodie des Flusses eine andere war und das Leben, das er anzog, sehr viel artenreicher. Breaca und Airmid entdeckten verschiedene Arten von Eidechsen in dem Schilfgürtel am Ufer und zählten Libellen in drei neuen Farben. Hier, fernab von den Siedlungen der Menschen, wurde der Wald dichter, und die Bäume veränderten sich. Hier gab es mehr Kiefern, Lärchen und Weißbirken und weniger Haselbüsche und Weiden. Der Hagedorn war jedoch überall zu finden, und er sprenkelte die Waldränder mit den windzerzausten Überresten weißer Blüten. Breaca pflückte ein paar davon und streute sie zum Andenken an ihre Mutter ins Wasser.
Die Sonne stand schon wieder tiefer am Himmel und warf Schatten über ihre Schultern, als Airmid schließlich stehen blieb. Der Fluss, gestaut durch eine urzeitliche Falte in der Landschaft, hatte sich wieder verbreitert, um einen Teich zu bilden, der aber flacher und größer war als derjenige unterhalb des Wasserfalls, an dem die beiden Mädchen früher am Tag gesessen hatten. Der Wald reichte bis dicht an den Teichrand, begrenzt von einer kurzen, steilen Böschung, die von den Wurzeln der vordersten Bäume zum Wasser hin abfiel. Airmid stellte sich mit dem Rücken zur Sonne und blickte zuerst nach links und dann nach rechts. Sie machte ein paar Schritte vorwärts, sah sich abermals nach beiden Seiten um und war zufrieden. Dann zeigte sie zu einer Stelle am Ufer, wo eine Weißbirke aus der ersten Baumreihe hervorragte, und sagte: »Da ist die Stelle. Klettere dort rauf. Setz dich zwischen die Wurzeln und sag mir, was du siehst.«
»Wollten wir nicht schwimmen?«
»Später. Das hier ist erst mal wichtiger.«
Der Baum, auf den sie gezeigt hatte, war älter als die meisten derjenigen, die dicht am Ufer wuchsen. Breaca grub ihre Finger in den Abhang und kletterte hinauf, um sich neben den Baum zu stellen. Knorrige Wurzeln, so dick wie ihr Arm, ragten aus der Lehmerde heraus und bildeten ein Gewirr aus Schlaufen und Schlingen, das ihr bis zu den Knien reichte. Zwei der dickeren Wurzeln formten eine Gabel, deren Spitze zum Fluss hin zeigte, und Breaca zwängte sich dazwischen, so dass die Wurzeln sie so sicher umfangen hielten, wie es die Arme ihres Vaters getan hatten, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. Sie blickte auf den Fluss hinunter. Von hier oben konnte sie durch die spiegelblanke Wasseroberfläche hindurch sehen und die träge kreisenden Strudel der Strömung an der Stelle erkennen, wo der Fluss sich verbreiterte, um den Teich zu bilden. Die Schönheit der Szene war perfekt, und Breaca musste zugeben, dass es sich durchaus gelohnt hatte, dafür die lange Wanderung in der Hitze auf sich zu nehmen. Lächelnd blickte sie zu Airmid hinunter. »Ist es so richtig?«
»Wenn du das Gefühl hast, dass es die richtige Stelle ist.« Das ältere Mädchen stand ganz nahe am Rand des Wassers, die Füße gespreizt, ihre Augen mit einer Hand gegen das blendend helle Licht abgeschirmt. Sie war jetzt sehr ernst, ganz anders als vorhin. »Blick über den Fluss hinweg auf das Land jenseits davon«, sagte sie. »Was siehst du?«
Breaca spähte in die Ferne. Sie konnte von ihrem Platz aus nach Osten sehen, dorthin, wo die Landschaft am flachsten war. Weit draußen, über den sumpfigen Niederungen, flimmerte die Hitze und spielte den Augen des Betrachters einen Streich. Der ferne Horizont verlor sich in einem Dunst, der Wasser versprach, aber kein Wasser lieferte. Zwischen hier und dort war das Land flach, in unregelmäßigen Abständen gesprenkelt mit Streifen von verkrüppelten, windgebeugten Stechginsterbüschen, Schwaden von Farngestrüpp und wild wucherndem Gras. Nichts davon war in irgendeiner Weise außergewöhnlich. Breaca schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich weiß nicht. Was soll ich denn sehen?«
»Das wirst du wissen, wenn du es siehst.« Airmid packte eine Wurzel und zog sich die Böschung hinauf. Sie kniete sich neben Breaca, damit ihrer beider Augen auf gleicher Höhe waren, und spähte in dieselbe Richtung. Dann tat sie es noch einmal mit etwas tiefer gesenktem Kopf. »So kannst du es ja auch nicht sehen«, erklärte sie schließlich. »Setz dich ein Stück tiefer.«
Breaca rutschte ein wenig weiter zwischen den Wurzeln hinunter. Die Horizontlinie stieg an, und der Blickwinkel änderte sich. Sie starrte angestrengt zu dem Ort hinüber, wo Land und Himmel ineinander flossen, und diesmal sah sie plötzlich, was sie sehen sollte: einen lang gezogenen, flachen Erdhügel, der nur gerade eben aus der umgebenden Landschaft hervorragte. »Was ist das?«, fragte sie.
»Ein uralter Grabhügel, der noch von den Ahnen stammt. Sie haben ihn damals errichtet, um ihre Toten zu ehren. Das Wichtige ist, dass du die Sonne und den Mond über dem Hügel aufgehen sehen kannst, wenn du zum richtigen Zeitpunkt hier sitzt. Ich glaube, das wäre gut. Wenn es darauf ankäme, sie zu sehen.«
Airmid hatte sich wieder erhoben und stand jetzt neben dem Baum. Ihr Kopf war leicht zur Seite geneigt, ihre Stirn gerunzelt, während sie versuchte, die richtigen Worte zu finden. Unter den Regeln und Gesetzen gab es einige, die klarer und verständlicher waren als andere. Eines der eindeutigsten Gesetze lautete, dass ein Mädchen, das im Begriff war, zur Frau zur werden, sich selbst den geeigneten Platz suchen sollte, wo sie ihre drei langen Nächte in einsamer Abgeschiedenheit verbringen würde, und dass sie sich bei der Suche nicht von anderen helfen lassen sollte. Breaca hatte einen großen Teil des Sommers damit verbracht, vergeblich nach dem Ort zu suchen, von dem sie das Gefühl hatte, dass er der richtige war. Als sie jetzt so dasaß, umfangen von den Wurzelarmen der Birke, wusste sie plötzlich, dass sie ihn gefunden hatte und dass sie nicht die Erste sein würde, die hier auf ihre Traumerscheinung wartete.
Airmid war in Schweigen versunken. Breaca griff nach ihrer Hand und drückte sie fest, während ihr allmählich bewusst wurde, wie ungeheuer wertvoll das Geschenk war, das ihre Freundin ihr gemacht hatte. »Ich glaube«, sagte sie bedächtig, »dass dies ein guter Platz für die langen Nächte des Träumens sein könnte. Dass die Ahnen demjenigen, der hier sitzt, vielleicht helfen könnten.«
Airmid nickte ernst. Eine Hälfte ihres Gesichts hellte sich zu einem Lächeln auf, als sie merkte, dass Breaca den Wert ihres Geschenks erkannt hatte. Die andere Hälfte war noch immer ernst, geprägt von den Pflichten und der Verantwortung des Erwachsenseins. »Das könnte durchaus sein«, erwiderte sie. »Glaubst du, du könntest den Weg hierher allein wieder finden?«
»Ich glaube schon. Wenn ich dem Lauf des Flusses folge, wird er mich wieder hierher führen.« Breaca wollte so gerne die Arme nach ihrer Freundin ausstrecken und sie dankbar küssen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die ernste Hälfte von Airmids Gesicht und dachte gründlich über die Sache nach, während sie die Fallstricke zu erkennen versuchte. »Ich werde mich im Morgengrauen auf den Weg machen, wenn das Licht am trügerischsten ist. Wenn es vorher geregnet hat, dann werde ich an dem Ort, der heute morastig ist, knietief im Schlamm versinken. Ich müsste also noch tiefer in den Wald eindringen, um diesen Ort zu umgehen, und würde dann an einer anderen Stelle wieder auf den Fluss stoßen.«
»Gut. Du solltest hierher kommen, wann immer du kannst. Man kann unmöglich wissen, welches Wetter und welches Licht die Götter an dem bewussten Tag schicken werden, deshalb musst du den Weg so gut kennen, dass du ihn selbst bei dichtem Nebel und völliger Dunkelheit wieder findest. Aber jetzt solltest du erst einmal mit zum Fluss runterkommen und dich mit dem Ort vertraut machen. Das Wasser ist hier zwar flach, aber es ist trotzdem noch tief genug, um darin zu schwimmen. Und sehr warm.«
Genauso war es. Ihr eigener Teich, derjenige unterhalb des Wasserfalls, an dem sie am Morgen gesessen hatten, war unermesslich tief. Er erstreckte sich bis in das Reich der Götter hinunter, und nur die Otter und die Eisvögel schwammen dort. Hier, in weniger heiligem Wasser, konnten sie aufrecht stehen, ihre Zehen in den weichen Sand graben und sich gegenseitig nass spritzen oder untertauchen, um in Spiralen umeinander herumzuschwimmen und so geschmeidig wie Fische durch das klare Wasser zu gleiten, oder sie konnten sich auch einfach auf den Rücken legen und sich gemächlich treiben lassen, um die Welt aus der Froschperspektive zu betrachten.
Danach lagen sie dicht nebeneinander unter der Wölbung des Abhangs und ließen ihre Glieder von der Sonne wärmen, während sie dem kehligen Schrei der Rohrdommel lauschten, die ein kleines Stück weiter flussaufwärts im Schilf stand. Breaca spielte mit dem feinkörnigen Sand, indem sie mit der Fingerspitze Bilder hineinmalte. In der Art, wie ihr Vater es ihr beigebracht hatte, zeichnete sie einen Zaunkönig, eine Bärin und ein Pferd. Über alle drei wachte ein Frosch, den sie selbst entworfen hatte. Airmid griff über ihre Schulter hinweg und fügte die schwungvolle Linie eines Beines und ein Auge in Form eines Tupfens hinzu, um den Frosch noch lebensechter zu machen. Als das Bild fertig war, malte sie noch ein speerspitzenförmiges Blatt dazu, damit der Frosch daraufsitzen konnte, und außerdem ein längliches, flaches Gebilde, das, mit einigen zusätzlichen Symbolen versehen, zum Grabhügel der Ahnen wurde. Ohne vorherige Absprache zeichneten sie sich gegenseitig in die freie Fläche unterhalb des Hügels - in liegender Haltung, so wie jetzt, und umkränzt von einer Girlande aus Birkenblättern, Symbol für ihre tiefe Verbundenheit. Airmid zeichnete ein Schwert und einen Schild in den Eingang des Grabhügels, um Feinde abzuwehren. Dann malte sie noch eine andere Breaca in den Sand, eine kleinere, die in der Ferne saß, den Rücken gegen eine Birke gelehnt, während sie beobachtete, wie der Mond am Horizont aufging. Aber das war gefährlich, und sie wischte das Bild hastig wieder aus, kaum dass es fertig war.
Da sie unbedingt darüber sprechen mussten, aber nicht direkt, fragte Airmid: »Hast du deinen Bruder schon mal gefragt, wie er zu seiner Vision gekommen ist? Denn Bán war nicht in der Einsamkeit, um auf seinen Traum zu warten, als es passierte. Er könnte dir alles darüber erzählen.«
»Ich habe ihn gefragt.«
»Und was hat er gesagt?«
»Er hat gesagt, es wäre keine richtige Vision gewesen.«
Sie waren fertig mit Malen. Breaca hob einen abgebrochenen Schilfhalm vom Ufer auf und kitzelte damit die Wasseroberfläche. Ein kleiner Fisch tauchte auf, um die Oberfläche an der Stelle zu küssen, wo der Schilfhalm sie berührte. »Er hat sein Herz daran gehängt, seine Kriegerprüfungen zu bestehen, und das ist das Einzige, was ihn interessiert. Er will kein Träumer sein.« Es war für Breaca immer noch unbegreiflich, dass ihr Bruder nicht ihr Herzensbedürfnis teilte, aber sie hatte inzwischen akzeptiert, dass dem so war. Sie half ihm, sich auf seine Kriegerprüfung vorzubereiten, wann immer sie konnte.
Airmid hockte hinter ihr und stützte ihr Kinn auf Breacas Schulter, während sie das Schilf und den Fisch beobachtete. »Und was sagt Macha?«
»Zu Bán? Nichts. Zu mir sagt sie, wenn die Götter wollen, dass ein Mensch sie hört, dann werden sie lauter und immer lauter rufen, bis er sie endlich versteht.« Der Fisch entdeckte einen Wasserkäfer direkt unter der Spitze des Schilfhalms und schnappte danach. Käfer und Fisch verschwanden gemeinsam unter der Wasseroberfläche. Breaca legte den Schilfhalm wieder ans Ufer, wo sie ihn gefunden hatte. Sie griff hinter sich, fand Airmids Hände und zog ihre Arme um sich herum. Die entspannte Stimmung des Morgens war verflogen, und jetzt kehrte ihre Furcht wieder zurück. Sie sagte: »Aber was, wenn die Götter nur flüstern? Dann werde ich sie vielleicht gar nicht hören.«
»Du wirst sie hören. Das garantiere ich dir.«
Der Kuss auf ihr Ohr war so zart wie der des Fisches auf den Schilfhalm. Der Atem ihrer Freundin war ein warmer Hauch an ihrem Hals. Die Sonne stand inzwischen tief über dem Fluss, und der blendende Glanz ihres Widerscheins im Wasser färbte die Welt über und über golden, selbst noch nachdem Breaca die Augen geschlossen hatte. Die Stimmung von zuvor war schließlich doch nicht unwiederbringlich dahin.
Irgendwann später sagte Airmid: »Alle fürchten das Gleiche. Es sind nur die Überheblichen, die fest davon überzeugt sind, dass die Götter zu ihnen sprechen werden - und deshalb hören sie nichts, weil sie nämlich nicht gelernt haben, zuzuhören. Du bist nicht überheblich.«
»Ich habe aber trotzdem Angst.«
»Und genauso sollte es ja auch sein. Aber dennoch. Ganz gleich, wie leise die Götter sprechen, du wirst sie hören. Hab nur Geduld. Sie werden dir alles sagen, was du wissen möchtest. Du brauchst nichts weiter zu tun, als ihnen aufmerksam zuzuhören.«
Die Herrin der Kelten
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