3. Kapitel


Bei Kriminaloberrat Dr. Magnussen biss Heike auf Granit.
»Ihre lebhafte Fantasie in allen Ehren, Frau Stein. Aber aus einigen zufälligen Indizien gleich eine Mordverschwörung gegen das erste Opfer zu konstruieren – das ist mir nun doch zu gewagt! Wo soll denn bitte schön die Verbindung zwischen Julia Sander und Wilhelm Krone bestehen?«
»Das ist ja gerade der Trick, Herr Dr. Magnussen! Der Anschlag auf den Rentner und mögliche weitere Bluttaten in Hamburger Parkanlagen sollen nur von dem eigentlichen Motiv ablenken! Der Täter will uns auf eine falsche Spur lenken!«
»Ach wirklich?« Heikes Vorgesetzter lächelte, als ob er mit einem flunkernden Kind sprechen würde. »Und worin besteht das eigentliche Motiv?«
»Das weiß ich auch noch nicht so genau«, räumte Heike ein. »Aber ich bin sicher ...«
»Ich bin sicher, dass wir keine Energie verschwenden sollten! Sie werden ab morgen nach dem Serienmörder fahnden, so wie Ihre Kollegen ebenfalls. Haben wir uns verstanden?«
»Aber ...«
»Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend, Frau Stein!«
Dr. Magnussen klopfte mit seiner kalten Tabakspfeife auf seinen Schreibtisch, als wäre sie der Hammer eines Richters. Das Urteil der Kriminaloberrats stand fest. Heike musste sich fügen. Andernfalls riskierte sie eine Abmahnung oder Schlimmeres.
Wutentbrannt verließ Heike das Büro ihres Vorgesetzten im Präsidium. Immerhin war sie diplomatisch genug, nicht mit der Tür zu knallen.
Gut, bis jetzt sprach vordergründig alles für einen Serienmörder. Aber musste die Polizei nicht alle denkbaren Spuren verfolgen? Oh ja, sie musste. Das war jedenfalls Heikes Meinung.
Die Kriminalistin verließ das Dienstgebäude und schwang sich auf ihr Mountainbike. Während sie kräftig in die Pedale trat, wurde ihr schon wohler. Stress konnte sie immer am besten durch Bewegung abreagieren. Nun, dazu würde sie an diesem Abend noch genug Gelegenheit haben.
Es war nämlich Montag, und damit Zeit für ihr Kampfsporttraining.
Heike schlang schnell eine Schale mit Corn Flakes hinunter. Dann warf sie ihre Sportsachen in eine Reisetasche und lief hinunter zur U-Bahn-Station Eppendorfer Baum.
Sie fuhr mit dem Untergrundzug bis zur Feldstraße. Hier, im tiefsten St. Pauli, befand sich die Sportschule Yin und Yang. Heike lernte dort seit drei Jahren Kung Fu bei einem chinesischen Meister. Ihre Trainingspartner waren zum größten Teil raubeinige St. Pauli-Typen. Doch Heike war der Meinung, dass sie besser mit solchen Kerlen trainieren konnte als mit zarten Studentinnen, die schon von einer kräftigen Brise zu Boden gestreckt wurden. Im richtigen Leben musste sie sich ja auch gegen solche Brechmänner verteidigen und nicht gegen elfenhafte weibliche Geschöpfe ...
Außer Heike trainierten nur drei oder vier andere Frauen in der Sportschule Yin und Yang. Die Hauptkommissarin eilte in die Frauenumkleide. In dem muffigen Raum roch es immer nach alten Autoreifen. Mit Tiefschutz, Tai-Chi-Hose, weißem T-Shirt und Stoffschuhen bekleidet ging sie in die Trainingshalle.
Die Angriffsschreie, das Keuchen der Trainierenden, Fäusteknallen gegen Sandsäcke und auf Matten niederkrachende Körper drangen an ihr Ohr.
Meister Fu stand inmitten seiner hart arbeitenden Schüler wie ein Feldmarschall auf dem Schlachtfeld. Heike kam auf ihn zu und verneigte sich tief, wobei sie die rechte Faust gegen die geöffnete linke Handfläche presste.
Meister Fu erwiderte diesen traditionellen Kämpfergruß.
»Heike, du wirst heute an deiner Tritt-Technik arbeiten«, sagte der alte Chinese. »Ich habe einen Kung-Fu-Bruder aus Stuttgart zu Gast, der für einige Wochen in Hamburg lebt. Er hat wie du den fünften Schülergrad und wird mit dir gemeinsam üben.«
Heike nickte. Es war üblich, dass Kung-Fu-Schüler in fremden Städten in befreundeten Schulen weiterlernen konnten, wenn sie längere Zeit ihren Heimatort verlassen mussten.
Meister Fu führte Heike zu einem jungen Mann, der einstweilen allein einen schweren Sandsack mit Fußtritten bearbeitete.
Unwillkürlich riss die Kriminalistin ihre Augen etwas weiter auf. Dieser fremde Schüler war als Mann genau ihr Typ!
Er mochte in ihrem Alter sein, Anfang dreißig. Doch das jungenhafte Lächeln, das er ihr nun schenkte, ließ ihn für Momente viel jünger erscheinen.
Hoch gewachsen und sehnig war er, wie man es von einem Kung-Fu-Kämpfer erwarten konnte. Andererseits hatte Heike auch schon enorm dicke Kampfsportler erlebt, die auf der Matte eine unglaubliche Wendigkeit und Schnelligkeit zeigten.
Doch dieser Stuttgarter hatte offenbar kein Gramm überflüssiges Fett am Körper ... Seine Kinnpartie war kräftig, die grauen Augen blitzten lebendig. Genau wie Heike selbst war er traditionell in eine schwarze Tai-Chi-Hose und ein weißes T-Shirt gekleidet.
»Das ist Bruder Georg«, sagte Meister Fu. »Schwester Heike wird mit dir gemeinsam üben.«
»Ich freue mich«, sagte der gut aussehende Mann. Auch seine Stimme klang sehr angenehm, dunkel und samtig.
»Zeige mir einmal deinen seitenverkehrten Halbkreisfußtritt«, forderte Meister Fu Heike auf. »Du greifst jetzt Georg an!«
Der Stuttgarter ging in Abwehrstellung. Heike atmete tief durch. Sie verlagerte ihr Gewicht auf das linke Bein, zog das rechte an den Körper.
Und dann, mit einer einzigen fließenden Bewegung, drehte sie sich rückwärts um die eigene Achse und streckte gleichzeitig das rechte Bein wieder aus. Ihre rechte Fußkante knallte gegen Georgs Schläfe. Das heißt, sie wäre geknallt, wenn Heike nicht im letzten Moment abgestoppt hätte.
»Das war nicht schlecht, aber immer noch viel zu langsam«, kritisierte der Chinese. »Im Ernstfall musst du den Feind am Boden haben, bevor er die Arme zur Abwehr heben kann.«
»Ja, Meister.«
Li gab Heike noch einige Tipps. Dann verschwand er, um andere Schüler zu unterweisen.
Heike und Georg übten miteinander. Zwischen ihnen entstand ein unsichtbares Band. Die Luft knisterte förmlich. Obwohl sie kaum ein Wort sprachen, war für beide klar, dass sie auch den Rest des Abends miteinander verbringen wollten.
Nach zwei Stunden klatschte Meister Fu in die Hände. Das Training war beendet. Heike eilte mit klopfendem Herzen unter die Dusche. Als sie das Gebäude der Kampfsportschule verließ, wurden ihre Erwartungen nicht enttäuscht.
Georg lehnte draußen an einer Hauswand und wartete auf Heike.
»Ich würde dich ja gerne zu einem Wein einladen, Heike. Aber ich kenne mich nicht aus. Obwohl ich denke, dass es in Hamburg bessere Gegenden gibt als diese hier,« sagte Georg.
»Da hast du verflixt Recht«, sagte Heike. Sie übernahm die Führung. Durch ein paar Seitenstraßen gelangten sie zur berühmt-berüchtigten Reeperbahn.
»Hier findet man Tag und Nacht ein Taxi«, sagte Heike. Sie musste nur den Arm heben, und schon fuhr ein Volvo mit Taxi-Lackierung an die Bordsteinkante.
»Das ist also die Sündige Meile Hamburgs«, sagte Georg. Er musterte die Spielhöllen, Pornokinos und Sex-Shops durch das Seitenfenster.
»Hier wollte ich jedenfalls nirgendwo einkehren«, sagte Heike. Sie beugte sich zum Fahrer vor. »Es geht nach Uhlenhorst, Chef!«
»Alles klar, Chefin«, brummte der übergewichtige Taxilenker. Er wendete und hielt auf das Millerntor zu. Der Volvo glitt durch das nächtliche Hamburg. Schließlich hielt das Taxi dort, wo Heike es hin dirigiert hatte. Sie bezahlte den Chauffeur. Georg und sie stiegen aus.
»Wie heißt diese Straße?«
»Schöne Aussicht.«
»Das ist mal ein passender Name.«
Es war bereits dunkel. Unmittelbar an der Schönen Aussicht begann die große Wasserfläche der Außenalster. Tausende von Lichtern spiegelten sich in den kleinen Wogen wieder.
Die großen Hauptkirchen von Hamburg wurden von Scheinwerfern angestrahlt. St. Nikolai, St. Petri und St. Michaelis, der legendäre Michel.
»Das Weinlokal ist gleich hier nebenan«, sagte Heike leise. »Von dort aus hat man auch eine gute Sicht.«
Georg nahm zögerlich ihre Hand. Sie strich sanft über seine Finger. Da fasste er etwas beherzter zu. Heike lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Das Weinlokal hieß Malertreff. An den Wänden hingen zahlreiche Ölschinken.
»Angeblich alles Originale«, schmunzelte Heike. »Aber ich habe hier noch niemals einen Maler gesehen, obwohl ich gelegentlich hier bin. Wahrscheinlich pinselt der Wirt die Bilder in seiner Freizeit alle selbst.«
»Die Weinkarte kann sich jedenfalls sehen lassen«, meinte Georg. »Das hätte ich nicht gedacht, so hoch im Norden.«
»Dachtest du, wir trinken hier alle nur Grog?«
Sie bestellten sich eine Flasche Riesling. Eng aneinander geschmiegt saßen Heike und Georg an einem Fensterplatz. Von ihrem Tisch aus hatten sie wirklich einen wunderbaren Blick auf die nächtliche Alster.
»Das war heute das mieseste Kung-Fu-Training meines Lebens«, seufzte Georg.
»Wie bitte?!«
Heike wusste nicht, was sie von dieser Bemerkung halten sollte. Unwillkürlich rückte sie etwas von dem Stuttgarter ab.
»Doch, wirklich, Heike. Ich habe herumgestanden wie ein Stoffel. Ist dir das nicht aufgefallen? Bei den Trittübungen hatte ich immer nur Angst, dir wehzutun.«
»Ich kann einiges einstecken, Georg. Wäre es so schlimm gewesen, mir einen Tritt zu verpassen.«
»Ja, wäre es. Weil ich mich in dich verliebt habe.«
Die Art, wie Georg das sagte, machte jede flapsige oder witzige Antwort unmöglich. Er hielt ihre Hand und sah ihr tief in die Augen.
Heike hatte eine Vorliebe für dunkle Männeraugen. Und die von Georg waren so dunkel, dass sie beinahe schon schwarz wirkten.
»Ich gebe zu, dass du mir auch gefällst. Normalerweise gehe ich nicht mit meinen Kung-Fu-Brüdern aus. Genau genommen bist du der erste.«
»Dann haben wir ja etwas zu feiern«, sagte Georg und hob sein Weinglas.
»Oh, wir haben ganz viel zu feiern.«
»Was denn noch, Heike?«
»Zum Beispiel die Tatsache, dass du nach Hamburg gekommen bist. Steckt eigentlich ein beruflicher Auftrag dahinter?«
Georg lachte. »So ist es.«
»Dann trinke ich auf deinen Beruf! Du bist doch Computer-Programmierer, oder?«
»Genau. Und ich stoße auf deinen Meister Fu an. Er hat uns zusammengebracht.«
Heike hob die Augenbrauen.
»Sind wir denn zusammen?«
»Das kommt darauf an, Heike.«
»Worauf?«
»Darauf.«
Noch während er dieses Wort aussprach, beugte sich Georg wieder zu Heike hinüber. Er zog sie an sich und gab ihr einen langen und zärtlichen Kuss.
Heike erwiderte seine Liebkosungen, fuhr ihm mit der linken Hand durch seine modische Kurzhaarfrisur. Aus nächster Nähe roch sie sein männlich-herbes Duschgel, das er nach dem Training benutzt haben musste. Heike konnte keine Leidenschaft für einen Mann entwickeln, der ungute Ausdünstungen an sich hatte.
Aber dieser Georg roch wirklich sehr gut ...
»Ja«, flüsterte sie und küsste ihn auf seinen leicht bartstoppeligen Hals, »ich glaube, wir sind zusammen ...«