21

Drei Tage haben wir intensiv gearbeitet, und zwar an John Karrys Buch, aus dem ich Adrian auf unserer Rückfahrt vorgelesen habe. Wenn ich im Arbeitszimmer sitze und auf seinen angespannten Nacken starre, während er schreibt, kann ich manchmal nicht glauben, dass er es ist. Der Mann, dessen Worte mich seit Jahren begleiten, den ich für seine Weitsicht und seinen klaren Verstand bewundere. Er ist auch der Mann, dessen erotischer Schundroman mich wider Willen angemacht hat. Und er ist der Mann, der mir gezeigt hat, was Lust bedeutet. Hingabe ohne Selbstaufgabe. Körperliche Gier, die so schlimm wie Hunger oder Durst ist und auf keine andere Art gestillt werden kann als durch ihn. Seine Berührung. Es ist, als ob wir uns gegenseitig anstecken mit unserer Lust. Ein Blick, ein Lachen, ein Augenzwinkern ... Mehr ist nicht nötig um uns dazu zu bringen, wie Tiere übereinander herzufallen.

Aber er ist auch der Mann, der mich zweifeln lässt – an mir, an uns, an der Liebe. Weil ich sie fürchte. Eigentlich nicht die Liebe, sondern die möglichen Verletzungen, die er mir zufügen kann, weil ich mich selbst so verletzlich gemacht habe. Vertrauen ist ein Wort, aber noch kein Gefühl.

»Ich brauche eine Pause, Kleines. Abreagieren. Möchtest du mich begleiten?«

Grinsend nehme ich die Brille ab. »Du weißt, was passiert, wenn ich dir beim Sport zusehe«, warne ich ihn, und er lacht.

»Wartest du hier auf mich?«

»Eigentlich wäre mir danach, mir ein wenig die Beine zu vertreten.«

Er runzelt die Stirn. »Das können wir später gern gemeinsam machen.«

»Himmel, Adrian. Ich möchte nur durch den Park schlendern, die Sonne genießen und nachdenken. Nichts Schlimmes.«

»Mir ist nicht wohl dabei, dich allein herumlaufen zu lassen. Lass mich doch später einfach mitkommen.«

»Vertraust du mir nicht?«, necke ich ihn, doch er bleibt ernst.

»Das hat nichts mit dir zu tun, Gwen. Hier oben ist es sicher, aber in der Stadt ...«

Ich verdrehe genervt die Augen. »Adrian, meine Mutter hat mich früher in meinem Zimmer eingesperrt, weil sie glaubte, dass mir draußen etwas passieren könnte. Ich war seit Tagen nicht draußen und fühle mich ehrlich gesagt wie in einem Käfig.«

»Ich hatte nicht das Gefühl, dass dir etwas fehlte«, erwidert er mit einem Grinsen und zieht mich an sich. Das warme Gefühl seines Körpers beruhigt mich, trotzdem bin ich wild entschlossen, meinen geplanten Spaziergang zu machen.

»Du machst mich wahnsinnig. Nein, solange wir zusammen sind, fehlt mir nichts. Geh trainieren, ich komme schon zurecht.«

»Bleib hier oben«, sagt er noch mit einer leichten Warnung in der Stimme. Ich nicke gehorsam.

Zehn Minuten später stehe ich im Fahrstuhl nach unten. Der Himmel ist bewölkt, aber es ist nicht kalt und ich habe das dringende Bedürfnis, mir die Beine zu vertreten. Im riesigen Hyde Park, den ich vor allem aus der Perspektive von oben kenne. Der Hintereingang führt direkt ins Grüne, und ich spaziere mit den Händen in den Taschen zwischen alten Bäumen und hohen Büschen hindurch.

Plaudernde Touristen mit Rucksäcken und verliebte Pärchen schlendern an mir vorbei, dann fällt mir jemand auf. Oder etwas. Erst ein diffuses Gefühl, verfolgt oder zumindest beobachtet zu werden, doch wenn ich mich umdrehe, kann ich nichts Verdächtiges erkennen.

Mein Herz klopft schneller, als das Gefühl in einer von hohen Platanen gesäumten kleinen Straße stärker wird. Meine Schritte werden wie von selbst größer und ich schlage den Rückweg ein. Was ist mit mir los? Ich war zwar schon immer ängstlich, aber das hier erinnert mich an meine Kindheit. Wenn ich auf dem Schulweg vor Angst an meinen Nägeln knabberte, weil meine Mutter mich jahrelang mit Horrorszenarien beeinflusst hat. Ständig hat sie mir aus der Zeitung vorgelesen, wenn irgendeinem Kind etwas passiert war. Dauernd hat sie auf Männer gezeigt und mir zugeflüstert, dass ich nicht wissen könnte, was dieser Typ wirklich vorhat, und dass er schreckliche Dinge mit mir tun würde, wenn er mich in die Finger bekäme. Ich habe Jahre gebraucht, um diese Ängste loszuwerden und normal leben zu können, und jetzt sind sie plötzlich wieder da. Als wären sie nie weg gewesen.

Mein Körper reagiert. Ich spüre das Adrenalin in meinem Blut, meine Halsschlagader pocht, meine Finger werden feucht und unter den Achseln bildet sich kalter Schweiß. Eine Panikattacke. Himmel, es ist doch niemand da! Oder doch? Wieder und wieder bleibe ich kurz stehen, um mich umzudrehen. Es dämmert bereits, aber noch ist es hell genug, um gut sehen zu können. Und tatsächlich glaube ich, hinter einem Baum einen dunklen Schatten zu erkennen. Meine Nackenhaare stellen sich auf, und meine Augen fangen an zu brennen.

Ich beschleunige meine Schritte und renne fast, atemlos. Erst als ich den Hintereingang des verglasten Hochhauskomplexes erreiche, werde ich ruhiger. Vor der Tür drehe ich mich ein letztes Mal um, da erwische ich ihn tatsächlich. Es war keine Einbildung. Mit pochendem Herzen bleibe ich stehen und kneife die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Wie ein Tier ist er hinter einen Strauch gehuscht, als ich mich umdrehte, aber er war da. Ganz sicher!

»Hallo?«, rufe ich, doch es kommt keine Antwort. Natürlich nicht. Mein Magen dreht sich. Erst die anonymen Nachrichten, dann dieser Verfolger ... ich muss es Adrian sagen. Er wird wissen, was zu tun ist. Oder weiß er es längst? Ist das der Grund, warum er mich nicht allein rausgehen lassen will?

»Ms Hamlin«, sagt der Portier in der schwarzen Uniform freundlich, als ich auf ihn zugehe, und neigt den Kopf zur Seite. »Alles in Ordnung? Sie sehen etwas blass aus.«

»Alles gut, danke«, antworte ich atemlos und zeige auf den Lift. »Können Sie ...?«

»Mr Moores Apartment ist freigegeben.«

Mit höflichem Lächeln deutet er auf den Fahrstuhl, der sich lautlos öffnet, und ich schlüpfe hinein. Beruhige mich erst, als die Türen geschlossen sind und ein Ruck mir zeigt, dass er sich nach oben bewegt. Gleich bin ich wieder in Sicherheit. Bei Adrian.

Er ist noch nicht oben, ich finde ihn in keinem der Zimmer, traue mich aber auch nicht, wieder runterzufahren und ihn im Fitnessraum zu suchen. Weil mein Handy eine neue Mitteilung anzeigt, die mich fast verrückt macht.

Du bist fällig.

Meine Hände zittern. Also habe ich mich unten nicht getäuscht. Wer zum Teufel war da? Die Nachricht kam vor wenigen Minuten, als ich noch im Fahrstuhl war, das kann kein Zufall sein. Nervös verbarrikadiere ich mich im Arbeitszimmer und schalte den iMac ein.

Zum ersten Mal, seit ich hier bin, rufe ich meine E-Mails ab. Die Tage mit Adrian waren so gefüllt mit Arbeit und Liebe, dass ich gar nicht daran gedacht habe. Aber jetzt vermisse ich meine Freunde und verspüre den Drang, etwas von normalen Menschen zu hören. Und vielleicht meine Ängste loszuwerden, weil ich nicht weiß, ob ich Adrian von meinem Ausflug und der Nachricht erzählen soll. Vielleicht ist er sauer, weil ich nicht auf ihn gehört habe? Er ist nicht deine Mutter, Gwen. Du musst ihm vertrauen.

Cat schickt einen lustigen Cartoon, in dem eine Karikatur von Adrian eine Rolle spielt. Ich lache, als ich das Bild sehe und überlege, ob ich es für Adrian ausdrucken soll. Ich bin mir sicher, dass er es genauso lustig finden wird wie ich, trotzdem lasse ich es. Dann finde ich eine zwei Tage alte Nachricht von Kilian.

Gwen,

ruf mich an. Es ist wirklich dringend, ich muss mit dir reden.

Dein besorgter Freund Kilian

Du liebe Güte, Kilian! Wie konnte ich meinen Freund, der gerade so viele Sorgen wegen seiner Mutter hat, tagelang vergessen? Das schlechte Gewissen lässt sogar die seltsame SMS verblassen. Ich hole hastig mein Handy und wähle Kilians Nummer. Die Mailbox springt an. Ich hinterlasse eine Nachricht und bitte ihn, mich anzurufen.

Dann fällt mir der schwarze Moleskine wieder ins Auge. Unter einem Stapel Papier lugt er auf dem Schreibtisch hervor, und diesmal, das spüre ich am Kribbeln meiner Finger, kann ich nicht widerstehen. Hör auf, so misstrauisch zu sein, schimpfe ich mit mir selbst, aber bevor ich den Gedanken gedacht habe, sind meine zitternden Finger schon drüben und ziehen das Notizbuch hervor. Mit angehaltenem Atem schlage ich das Buch auf.

Namen. Telefonnummern. E-Mail-Adressen. Ich blättere Seite um Seite um und finde zahlreiche Frauennamen in diesem Adressbuch. Unter jedem Buchstaben mindestens fünf Einträge, bei J und S sind es sogar einige mehr. Übelkeit steigt in mir auf, ich muss mich hinsetzen, die Augen schließen und tief ein- und ausatmen. Dann blättere ich hastig weiter, bis mir etwas einfällt. Beim Buchstaben G stehen nur zwei Namen: Gisele – und Gwendolyn. Er hat die Vornamen sortiert, Nachnamen fehlen ausnahmslos. Als seien sie nicht wichtig oder austauschbar. Giseles Eintrag ist durchgestrichen, mit einer schiefen Kugelschreiberlinie. Und meiner? Steht da genauso wie alle anderen. Name, Handynummer, meine Facebook-Seite, E-Mail-Adresse, unsere Anschrift in Newcastle, mein Geburtsdatum. Fehlt nur eine anonyme Nummer, 117 oder so was.

Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen, bis ich die säuberliche Handschrift nicht mehr erkennen kann. Hastig klappe ich das Buch zu und schiebe es zurück unter den Stapel. Mir ist immer noch übel, ich muss die Balkontür öffnen und hinaustreten, um Luft zu schnappen. Mit beiden Händen ans Geländer geklammert atme ich tief ein und lasse den Blick durch den Hyde Park schweifen. Eine grüne Idylle mitten in der hektischen Stadt, voller glücklicher Menschen. Vor wenigen Minuten fühlte ich mich wie einer von ihnen, doch auf einmal ist alles wie weggewischt. Ich kann ihn nicht darauf ansprechen, weil er dann weiß, dass ich geschnüffelt habe. Warum hat er dieses Buch aufgehoben? Und warum stehe ich darin? Habe ich mich getäuscht, bin ich doch nicht mehr als ein Rechercheobjekt für ihn? Eine von vielen?

»Nachdenklich?«

Ich fahre erschrocken zusammen, als seine Stimme hinter mir ertönt, und drehe mich zu ihm um. Mir war nicht aufgefallen, wie viel Zeit inzwischen vergangen sein muss. Mein Mund wird trocken. Sein männlicher Duft, vermischt mit einem Hauch frischen Schweißes, weht zu mir herüber. Ich kann meine Augen nicht von ihm abwenden, zu schön ist der Anblick seines nackten, leicht glänzenden Oberkörpers. Die definierten Muskeln treten deutlich hervor und lassen mich schwindeln. Mit beiden Händen greife ich hinter mich und halte mich am Geländer fest, als ob ich befürchten müsste, runterzufallen. Er hat eine lange Trainingshose angezogen, die verdammt tief auf den Hüften sitzt und das perfekte V seiner Lendenmuskeln zeigt, dessen Spitze irgendwo im Bund verschwindet. Ansonsten ist er nackt. Und barfuß.

»Du hast mich erschreckt.«

Wenn mein Lächeln so gequält aussieht, wie es sich anfühlt, müsste er sich Sorgen um mich machen. Aber ich erkenne keine Anzeichen in seinem Gesicht, dass er meine Veränderung bemerkt hat.

»Entschuldige, das war nicht meine Absicht. Was tust du hier draußen?«

Er stellt sich neben mich und sieht in die Ferne. Sein Gesichtsausdruck ist entspannt und ruhig, im Gegensatz zu meinem. Natürlich wird er merken, dass etwas passiert ist. Jedenfalls wird er sich fragen, was ich während seiner Abwesenheit getan habe. Ist das der Grund, warum er mich nicht allein lassen will? Weil er fürchtet, ich könnte seinen Geheimnissen auf die Schliche kommen? Was verbirgt er noch alles vor mir?

»Ich brauchte frische Luft. Ich war kurz draußen, unten im Park. Und ich hatte das Gefühl, dass mich jemand verfolgt.«

Er zieht die Brauen hoch und sieht plötzlich besorgt aus. »Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß nicht, ich ...« Ich sauge an meiner Lippe und hebe die Schultern. »Es war nur so ein Gefühl. Eigentlich habe ich niemanden gesehen und ich wüsste auch nicht, wer mich hier verfolgen sollte. Oder hast du eine Idee?«

»Nein«, antwortet er kurz, und wieder ist es, als ob er einen Vorhang zuzieht. Er sperrt mich aus, aber ich sehe ihm an, dass es in ihm arbeitet.

»Adrian, wenn du etwas weißt oder eine Idee hast, solltest du es mir wirklich sagen«, dränge ich. »Ich habe nämlich direkt danach wieder eine anonyme SMS bekommen mit den Worten Du bist fällig

»Oh fuck. Okay, Kleines ... Ich habe eine Ahnung, wer das ... Ich werde gleich mit ihr sprechen und ihr sagen, dass das aufhören muss.«

»Mit ihr?« Ich runzle die Stirn. »Es war aber ein Mann, der mir auf die Mailbox gesprochen hat. Glaubst du, dass Jenna dahintersteckt?«

»Sie war nicht nur enttäuscht, als ich unser Verhältnis beendet habe, damit verrate ich sicher kein Geheimnis. Also liegt es nahe.«

»Vielleicht habe ich mich getäuscht und es war überhaupt niemand unten. Vielleicht spielt mein Gehirn mir auch nur Streiche, weil ich so verwirrt bin. Weil du mich so durcheinander bringst«, denke ich laut nach. Es ist doch Unsinn – warum sollte Jenna oder sonst jemand mich verfolgen? Ich meine, wir sind hier nicht in einer Krimiserie, und wenn hätte sie wohl eher einen Grund, Adrian aufzulauern und nicht mir.

Er kommt näher und zieht mich an sich. Ich spüre seinen Herzschlag, als ich meinen Kopf gegen ihn lehne und bin erstaunt, wie schnell sein Puls geht.

»Möglich. Warum sollte es dir besser gehen als mir? Aber du musst vorsichtig sein, hörst du? Versprich mir, das Haus nicht allein zu verlassen. Ich glaube nicht, dass sie gefährlich ist, trotzdem ...«

»Glaubst du nicht, dass ich mich wehren kann?«, frage ich belustigt und kneife in seinen Hintern.

Er erwidert meine Geste, indem er beide Hände um meine Pobacken legt und sie sanft knetet. Sofort wird mir warm zwischen den Beinen.

»Adrian, wenn du weiter so...« Mein Unterleib zieht sich zusammen, als er sich herabbeugt und den Hals unter meinem Ohr küsst. Mein Puls fängt an, Kapriolen zu schlagen, und das Flattern in meinem Magen verstärkt sich. Es ist schrecklich, wie leicht er mich manipuliert. Ein Kuss, eine Berührung, sogar ein Blick reicht völlig aus, um mich willenlos zu machen. Und einen schwarzen Moleskine zu vergessen. Jedenfalls für den Moment.

Dann tritt er hinter mich, dreht mich um, sodass ich über die Brüstung in den Park schauen kann, und legt von hinten zärtlich seine Hände auf meine Schenkel. Jetzt richten sich alle Härchen auf und ich presse mich enger gegen ihn, bis ich seinen warmen Körper spüre. Seine Stärke wird mir bewusster, als mir lieb ist. Immerhin befinden wir uns ziemlich weit oben. Das Geländer ist nicht besonders hoch, auch wenn es mir fast bis zur Brust reicht, und der Gedanke, dass er mich einfach so, mit einem leichten Armschlenker, nach unten stürzen könnte, jagt mir Angstschauer durch den Leib. Das ist verrückt, weil er das natürlich niemals tun würde. Weil es nicht seine Schuld ist, dass zwei Frauen gestorben sind. Trotzdem geht von seiner Ausstrahlung eine animalische Gefahr aus, wie von einer Raubkatze. Man kann mit ihr spielen, sogar schmusen, aber man weiß in jeder Sekunde, dass sie dich mit einem gezielten Biss umbringen könnte.

Er schmiegt sich an meinen Rücken, schiebt meine Haare zur Seite und küsst meinen Nacken. Ich erschauere, nicht nur, weil es langsam kühl wird in der Dämmerung.

»Hast du Angst

»Sollte ich?«, frage ich mit klopfendem Herzen und versuche, mich aus seiner Umarmung zu lösen. Keine Chance. Mein Puls wird schneller, als er seinen Griff verstärkt.

»Ich stelle mir gerade vor, wie ich dich auf dieses Geländer setze, mich zwischen deine Beine knie und dich lecke. Von dir koste und dich mit meiner Zunge in den Wahnsinn treibe. Deine Angst davor, herunterzufallen, in dem Moment, in dem du loslassen musst, um zu kommen ...« Er raunt gegen meinen Hals, den er zwischen den einzelnen Worten immer wieder küsst.

»Adrian, hör auf damit. Das ist nicht witzig.« Meine Beine geben nach und knicken ein. Steht er ernsthaft auf so lebensgefährliche Szenarien? Das kann nicht sein Ernst sein! »Schreib so was in deinen Roman, weil es in der Fantasie vielleicht ganz anregend ist. Aber in der Realität ...«

»Glaubst du, dass ich so etwas mit dir tun würde?«, fragt er schmunzelnd und streicht mit dem Handrücken über meine Wange. »Ich meine, der Gedanke ist mehr als reizvoll, das muss ich zugeben, aber das ist sogar mir zu gefährlich. Es sei denn, ich alarmiere vorab die Feuerwehr und lasse unten ein Sprungtuch aufspannen.«

Dass die blöde Abgrenzung des Balkons aus Glas ist, macht die ganze Sache nun wirklich nicht besser. Wenn man hier oben steht und hinabschaut, fühlt man sich tatsächlich, als ob man schweben würde. Ich versuche erneut, mich aus seinen Armen zu winden, und diesmal gelingt es. »Ich gehe rein, mir ist kalt«, unterbreche ich seinen Furcht einflößenden Gedankenstrom.

»Gut. Ich komme gleich nach.« Er zieht eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche und grinst entschuldigend. »Ab und zu ...«

»Ist schon gut. Du bist mir keine Rechenschaft darüber schuldig«, erwidere ich und kehre ins Apartment zurück.

Im Arbeitszimmer nehme ich mein Handy erneut zur Hand und wähle Kilians Nummer. Er hat sich noch nicht gemeldet, und auch dieser Anruf landet auf der Mailbox. Aber jetzt hinterlasse ich keine Nachricht mehr.

»Wen hast du angerufen?«

Seine plötzliche Stimme lässt mich wie ertappt zusammenfahren, vor Schreck fällt mir das Handy aus der Hand und trennt sich auf dem Boden mit einem lauten Klirren vom Akku. »Himmel! Musst du dich immer so anschleichen?«, frage ich und will mich bücken, um es aufzuheben, doch Adrian kommt mit zwei großen Schritten auf mich zu und hält meine Arme fest. Sein Blick ist finster, als ich nach oben schaue und ihn ansehe. Ich muss schlucken.

»Niemanden. Ich meine, ich wollte Kilian anrufen, weil er ...« Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. »Es ist nichts, Adrian, wirklich, ich wollte nur ...« Oh Gott, warum entschuldige ich mich? Warum ist er so eifersüchtig? Ich schrumpfe unter seinem Blick, der so durchdringend und stechend ist, dass ich mich gar nicht mehr traue, ihn anzulügen.

»Warum, Gwen?«

»Er ist mein Freund! Er hat Sorgen mit seiner Mutter und ... ich wollte nur hören, wie es ihm geht.«

Adrians Griff um meine Arme wird fester. Wie ein Schraubstock hält er mich, seine blauen Augen funkeln wütend. »Du kannst alles mit mir machen, Gwendolyn, aber lüg mich nicht an. Nie.«

»Ich ... nein.« Verstört bleibe ich stocksteif vor ihm stehen. Es fühlt sich an, als ob der Boden sich auflösen wollte. Ich sehe, wie seine Kiefer mahlen. Ein Muskel in der Wange zuckt hektisch. Oh ja, ich spüre, dass er wütend ist. Auf mich? Warum? »Adrian, bitte. Ich habe Freunde und ich will mit ihnen sprechen. Du kannst mich nicht besitzen, ich bin kein Haustier.«

»Darum geht es nicht«, sagt er und lockert seinen Griff etwas. Ich kann die blauen Flecke, die sich auf meinen Armen bilden werden, schon spüren. Gleichzeitig steigt ein riesiger Kloß in mir auf und verstopft meine Atemwege. Jesus, warum muss alles so kompliziert sein? Vorhin war doch noch alles schön, und jetzt ...

»Es geht nicht um deine Freunde. Es geht nur um Kilian.«

»Wieso? Du kennst ihn nicht mal, wolltest ihn auch nicht kennenlernen. Wir hatten nie etwas miteinander und er hat gar kein Interesse an mir, er ist nur ein Freund.«

»Es gibt keine Freundschaft zwischen Männern und Frauen. Körperliche Anziehungskraft spielt immer eine Rolle, auch wenn sie sich nicht unbedingt erfüllt.«

»Das ist Unsinn«, sage ich scharf und schüttle mich, um aus seiner Umklammerung zu entkommen. Zu meinem Erstaunen lässt er mich tatsächlich los. »Es ist nicht wahr und du weißt es. Aber was zum Teufel ist dein Problem? Ich begreife es einfach nicht.«

»Bist du nicht auch eifersüchtig? Auf Jenna? Oder andere Frauen aus meiner Vergangenheit?«

»Das ist etwas anderes, Adrian. Außerdem bin ich nicht eifersüchtig, weil ich dir vertraue. Warum kannst du das nicht?«

»Ich vertraue dir, Gwen. Aber ihm nicht.«

Wieder zuckt der Muskel in der Wange, die Falte zwischen den Brauen ist zu einer tiefen Furche geworden. Die Brust wird mir eng.

»Wirklich, du hast keinen Grund ... im Gegensatz zu mir, sollte ich vielleicht sagen.«

»Was meinst du damit?«, fragt er bedrohlich leise.

»Ich habe das Notizbuch gefunden.«

»Welches Notizbuch?«

»Das schwarze hier.« Ich zeige mit der Hand hinter mich zum Schreibtisch. »Das mit den vielen Namen und Adressen drin. Auch meiner.« Mein Herz will jetzt endgültig meinen Körper verlassen, jedenfalls setzt es zum Sprint an. Mir wird schwindelig und ich muss mich am Schreibtisch festhalten, während ich gleichzeitig versuche, meinen Körper zum Atmen zu bewegen. Adrians Gesichtsausdruck wird düster.

»Warum schnüffelst du im Arbeitszimmer, Kleines?«, fragt er. Leise. Sein Tonfall klingt bedrohlich, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst bin.

Hektisch überlege ich, ob ich jetzt lügen kann, aber er wird es mir ansehen und dann ...

»Es lag dort und ich war neugierig«, gebe ich also offen zu. »Ich dachte, es wäre vielleicht nur ein Notizbuch, in dem du Ideen für deine Bücher notierst. Aber das ...«

»Es ist Vergangenheit, Gwen. Vergiss es einfach.«

Hinter meinen Schläfen klopft das Blut. »Vergiss es einfach? Du machst mir eine Szene, weil ich einen Freund anrufen will, und ich soll vergessen, dass du ein Notizbuch mit lauter Namen deiner ... deiner willigen Schlampen aufbewahrst? Und mein Name genauso darin steht wie alle anderen?« Der Schweiß dringt mir aus allen Poren. Wütend stoße ich ihn von mir. Weil ich nicht will, dass er meine Wut wieder manipuliert und mich mit seinem Körper überredet. Nicht diesmal. »Was bin ich für dich, Adrian? Nur eine Nummer von vielen? Ein Rechercheobjekt? Eine von den Frauen, die dich gegen Bezahlung buchen und ...«

»Was hast du gesagt?« Er senkt den Kopf wie ein Stier und starrt mich beinahe fassungslos an. Mein Gesicht glüht wie ein Ofen. Oh Himmel, ich bin zu weit gegangen. Das hätte ich nicht sagen dürfen ... ich hätte nicht ... »Es tut mir leid, ich ...«

»Was hast du gesagt, Gwen? Was meinst du damit?«

»Jonathan hat erzählt, dass du von Frauen gebucht wirst. Wie eine Domina.«

»Gegen Bezahlung?« Er blinzelt irritiert, dann verzieht sich sein Mund zu einem Grinsen. »Im Ernst?«

Ich schlucke nervös und knete meine Finger. »Ja. Nein, ich meine ... nicht direkt. Aber so ähnlich.«

»Kleines, ich schwöre dir, dass ich niemals mit einer Frau gegen Bezahlung irgendwas getan habe. Das habe ich doch auch gar nicht nötig!« Er schüttelt den Kopf und sieht fast amüsiert aus. Ich komme mir entsetzlich dumm vor. »Es waren Abkommen. Mit Jenna und ein paar anderen Frauen. Sie wollten unterworfen werden, ich suchte die Abwechslung und forschte gleichzeitig nach den Gründen. Also erfüllte ich ihnen ihre Wünsche und im Gegenzug erzählten sie mir, was genau sie daran so fasziniert. Das brauchte ich für mein Buch, um glaubhaft zu machen, warum eine Frau sich einem Mann freiwillig unterwerfen würde.«

»Nicht wirklich gelungen«, brumme ich und etwas tief in mir schreit Lüge. Ich verstehe es. Habe es längst verstanden. Und dennoch ...

Er kommt zwei Schritte auf mich zu und hebt mein Kinn mit einem Finger an, sodass ich ihn ansehen muss. »Ich habe dir versprochen, dass es vorbei ist, und dabei bleibe ich. Es gibt kein weiteres Buch, jedenfalls keins, für das ich Recherche benötigen würde. Ich will nur dich.«

Mein Herz schlägt einen Purzelbaum, ich halte den Atem an. Sehe ihm fest in die blauen Augen. Noch nie war er so nahe dran, mir zu sagen, was ich hören will. Hören muss, um es endlich glauben zu können. Doch er schweigt.